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Full text of "Die Philosophie der Griechen: Eine Untersuchung über Charakter, Gang und ..."

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DIB 



PHILOSOPHIE DER GRIECHEN, 



EINE UNTERSUCHUNG 



ÜBER 



CHARAKTER, GAN€} UND HAUPTMOMENT|: 



IHRER ENTWICKLUNG. 



VON 



Dr. EDUARD ZELLER. 



J^wetter ^^rU: 



SOKRATRfil, PLATO, ARISTOTELES. 



-• H4®^*i- 



Tz. ^^c'j-ii 



TUBIMeEM, 

VERLAG VON LUUWIO FRIEDRICII PUES. 

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0. 



OTHEtJUE CA.'.:ON/o; 






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Vorwort. 



^ V« 



fikatt des versprocheneH zweiten und letzten, erhAlt 
hier dar Leser den zweiten und vorietzten Band des vor- 
liegenden W^ks. Nach dem Erscheinen des ersten Theils 
war mir von mehreren Seiten der Wunsch geäussert wor- 
den, dass ich statt einer Untersuchung, welche die histo«- 
rische Bekanntschaft mit der griechischen Philosophie schon 
bis auf einen gewissen Grad voraussetzt, eine vollständige 

1 

Darstellung derselben gegeben haben möchte, und ich 
selbst äl^erzeugte mich, dass es mir nicht möglich sein 
werde, den Organismus so ausgeführter Systeme, wie das 
Platonische und Aristotelische, gehörig an's Licht tretet 
zu lassen, und meiner Auffassung derselben ihre volle ge- 
sdiiditliche Begründung zu geben, wenn ich nicht umfas-* 
Sender, als ich Anfangs beabsichtigt hatte, m*s Einzelne 
eingienge. So ist denn nun diese Darstellung zu einem 
ziemli<^n Umfange gediehen, und ich kann nur wänschen, 
^s der Leser diesem Umfang auch den Inhalt entspre-* 
ehend finde. Im Uebrigen ist die Methode , nach welcher 
ich die Geschichte der alten Philosophie im ersten Theil 
behandelt habe, auch in dem gegenwärtigen sich gleich 
geUieben. 

Die Aufhalffiie^ welche der ersten Abtheilung dies^ 
Schrift zu Theil geworden ist , hat meine Erwartungen 
flbertroffen, und war mir ein ebei^so aufinunternder als er-* 



IV Vorwort. 

freulicher Beweis von dem Interesse, welches sich die Be- 
mühungen um ein philosophisches Eindringen in den Gang 
der Geschichte auch bei solchen versprechen dürfen , die 
ihre wissenschaftliche Bildung nicht unmittelbar in der 
Schule eines philosophischen Systems gewonnen haben. 
Ich glaube die Ueberzeugung aussprechen zu dürfen, dass 
gerade die von mir befolgte Methode vorzugsweise geeig- 
net sei , zwischen der gelehrten Forschung und der spe- 
kulativen Geschichtsbetrachtung zu vermitteln, und die 
Nothwendigkeit beider Elemente darzuthun. Ich habe mich 
in dieser Ueberzeugung auch bei dieser Fortsetzung mei- 
ner Untersuchungen bemüht, beiden gleichmdssig ihr Recht 
zu lassen , und auch ein genaueres Eingehen in litterari- 
sche Einzelheiten nicht verschmäht, wo es mir für die Ansicht 
vom Ganzen einen Werth zu haben schien. Dass sidi nicht 
trotz dem einzelnes Beachtenswerthe meinem Blick entzo- 
gen habe, kann ich nicht hoffen. Absolute litterarische 
Vollstöndigkeit ist schwer zu erreichen , und dem beson- 
ders, dessen Aufinerksamkeit gleichzdtig von verschiede-^ 
nen Seiten her in Anspruch genommen wird , mag leicht 
dann und wann auch etwas WerlhvöUeres aus der Masse 
der Litteratur entgehen. So muss ich in Beziehung auf den 
ersten Theil dieser Schrift bedauern, dass mir Breiers 
Monographie über Anaxagoras unbekannt geblieben war, 
und die Bedeutung von Krische's eindringenden Forschun- 
gen über die theologischen Lehren der griechischen Den- 
ker sich mir hinter der unangemessenen Form eines Com- 
mentars zu ein paar Ciceronischen Kapiteln, in welcher sie 
auftreten , verborgen hatte. Hätte ich mich auch durch 
diese Schriften zu keiner erheblichen Aenderung meiner 
Ansichten veranlasst gefiinden, so würde ich doch noch 
den einen und anderen Fuiikt genauer bestimmt haben. ^ 



Vorivort. V 

Dass sich eine Auffassung der griechischen Philosc^hie^ 
welche mehr als dnmal hergebraditen und durch bedeu- 
tende AttktoritSten gestützten Annahmen widersprechen 
musst€^ ihrerseits gleichfalls auf Widerspruch gefasst hal- 
ten müsse, konnte ich mir nicht verbergen. Es ist jedoch 
hier nicht der Ort, auf eine genauere Würdigung der Ein- 
würfe einzug^en , welche gegen meine Darstellung d^ 
voi^okratischen Philosophie laut geworden sind; es würde 
diess auf eine irgend genügende Weise nur im Ganzen 
dieser Darstellung selbst geschehen können. Nur Einen 
Punkt will ich berühren , weil ich bei demselben frühere 
Äusserungen zugleich wenigstens im Ausdruck zu verbes- 
sern habe. Wenn ich unter den ältesten Systemen solche 
unterschieden habe, die ein ruhendes Sein als Princip se- 
tzen (Jonier, Pythagoreer, Eleaten), und solche, bei denen 
die Frage nach der Ursache des Werdens das Hauptinteresse 
bilde (Heraklitl^ Empedokles und die Atomisten, Anaxago- 
ras), so hat man hiegegenbemerkt, dass doch auch die unend- 
liche Materie der Jonier wesentlich eine bewegte sei, und 
dass andererseits Anaxagoras, Empedokles und die Atomi- 
sten auf ein ursprüngliches Sein zurückgehen; Diese Einwen- 
dung ist insofern nicht ganz ungegründet, als wirklich der 
Ausdruck : ruhendes Sein ungenau ist. Was ich damit 
sagen wollte , und in der näheren Erklärung dieses Aus- 
drucks auch gesagt habe, ist dieses: die angegebenen 
zwei Reihen philosophischer Systeme unterscheiden sich 
dadurch, dass die Grundfrage bei den Einen die Frage 
nach dem Wesen ist, aus dem die Dinge bestehen, bei den 
Andern die Frage nach den Ursachen , durch welche sie 
entstehen. Diese beiden Fragen lassen sich nun natür- 
lich nicht in der Art auseinanderhalten, dass die eine 
schlechthin ohne die andere zu beantworten wäre, sie spie- 



yi Vorwort. 

Ira daher auch hier so in einander, dass z. B. Anaximan- 
der den Process der Weltbildung ausfährlich beschreibt, 
und ebenso auch die Pythagoreer sich mit kosmogonischer 
Spekulation abgaben; aber der Unterschied ist, -welche 
von beiden die Grundfrage, das Beherrschende der ganzen 
philosophischen Denkweise, welche dagegen der anderen 
untergeordnet und von ihr abhängig ist. Da ist nun meine 
Behauptung, dass bei den erstgenannten drei Systemen 
die Frage nach der Substanz , bei den folgenden vier die 
nach der Entstehung der Dinge das ursprüngliche, denGe- 
sammtverlauf derselbeu bestimmende Interesse ausspreche. 
Meine Grande für diese Ansicht habe ich in meiner Schrift 
selbst entwickelt. 

Bis wann der dritte, die gesammte nacharistotelische 
Philosophie umfassende Theil dieses Werks erscheinen 
wird, vermag idi, von vielerlei Geschäften und Verhält- 
nissen abhängig, nidit genau zu bestimmen, doch werde 
ich Alles thun, um das Publikum nicht zu lange darauf war« 
ten zu lassen. 

Tübingen, im September 1S45. , 



Der Yerfasser. 



I 



( 



Inlialtov^rzelehnls«. 



Seit« 
§. 13. lieber den Gharaliter und Entwicklungsgang ider svrciten 

Periode im Allgemeinen •%•.•.! 

Bestimmung ihres Charakters im \ erbä'ltniss zur irüheren 
(S. 1) und späteren (S. 5) Philosophie; Eintbeilung S. 8. . 

Erster Abschnitt SoUrat^s und die unvollkommenen 
Sokratiker. 
A. Sokratcs 

$. 14. Die Persönlichkeit des Sokrates 11 

Einleitung: unsere Quellen (ur die Henntniss des Sokrates 
und seiner Philosophie ~ 12. Sokr. als Tugendheld — 16. 
Das Ungriechische in der Erscheinung des Sokrates : seine 
Prosa — 22 > sein Dämoniuni — 24. 

V t5. Die Philosophie des Sokrates 33 

Sokr. nicht blos populärer Moral phüosoph — 35. Das 
Priucip der Sokrat. Philosophie : die Forderung des 
begrifflichen Wissens — - 39. (lieber die Subjektivität 
des Sokrat. Standpunkts — 42.) Die Sokratische Methode 
— 45. (Die Sokrat. Unwissenheit — 46. Die Sokrat. 
Mäeutik, die Sokrat. Liebe, die Sokrat. Ironie — 48. 
Die Induktiou — • 50.) Der bestimmte Inhalt des Sokrat. 
Philosophirens : Verhältniss des S. />ur Naturphilosophie 
(- 52) und zur Theologie (— 55); die Sokrat. Ethik. 
Zurückfübrung der Sittlichkeit aufs Wissen — 57. Das 
Ungenügende dieser Bestin^mung, das eudämonistische 
Element in der Sokrat. Moral - 60. Bückblick: der 
historische Sokrates (— 65), seine geschichtliehe Bedeu- 
tung (— 67}, sein Verhältniss zur Sophistik < - 70). 

|. 16. Das Schicksal des Sokrates • 7S 

1) Die Motive für die Verurtheilung des Sokrates. Sie 
ist nicht das Werk der Sophisten 73; nicht blos aus 



viii Inhalt. 



Seite 



persönlichem Has& zu erklären — 75 (über die Bedeu- 
tung des Aristophanes und seiner Polemili gegen Sokrat. 

— 11 ff*) 5 <1>^ Betlieiligung des demokratischen Interesses 
bei- derselben — 81 ^ ihre allgemeineren Gründe — 84 
(die Wolken des Arislophanes - 85); letzte Entscliei- 
dung — 89. — 2) Ihre Berechtigung. Die An- 
klage gegen S. ist unmittelbar wie sie vorliegt grössten- 
theils falsch — 91 > in letzter Beziehung begründet — 94, 
aber nie politischer Anachronismus — 101. 

%, 17. B. Die unvollkommenen Sokratiker . . . .104 

Eintheilung — 104. 1) Die Megariker. Die verschie- 
denen Elemente ihrer Philosophie ^ 105. Ihr Princip 
und ihr Zusammenhang mit Sokrates 110. — 2} Die G y • 
niker. Ihr Princip — 112; seine weitere Ausführung 

— 114 5 seine Auflösung — 119. — 3) DieGyrenaiker 

— 120. Darstellung der Gyrenaischen Ethik— 121i Phy- 
sik — 122, und Logik — 125; Princip der cyrenaischen 
Philosophie -~ 126, und Verhältniss derselben zur Sokra- 
tischen — 128 ; Auflösung derselben : Theodor, Hegesias, 
Aniceris — 130. 

Zweiter Abschnitt. Plato und die ältere Akademie • 
^.'18. Allgemeine Bemerkungen über Gharakter und Bedeutung 

der Platonischen Philosophie 134 

1) Das Princip der Piaton. Philosophie und sein Verhält- 
niss zum Sokratiscben und Aristotelischen — 134; Pla- 
to*8 Bedeutung im Verhältniss zu seinen entfernteren 
Vorgängern und Nachfolgern — 136. — 2) Die Pla- 
tonische Methode: ihr wissenschaftlicher Gharakter 

— 138; ihre Kunstform — 140; ihre Mängel — 145. 

— 3) Die Gliederung des Platonischen Systems -* 147. 

V 19. Die propädeutische Begründung des Platonischen Systems 152 
Bestimmung des philosophischen Standpunkts 1} im Ge- 
gensatz gegen das populäre Bowusstsein nach seiner 
theoretischen (— 152) und seiner praktischen Seite 
(^ 155); 2) im Gegensatz gegen die Sophistik (ihre 
theoretischen Grundsätze — 160, die praktischen — 161, 
Gesammturtheil — 164); 3) an sich selbst (— 166): 
a) der philosophische Trieb — 167 , b) die philoso- 
phische Methode — 171 , c) die Philosophie als Gan- 
zes und ihre Entstehung im Subjekt —^176* 



Inhalt. IX 

§• 20* Die Platoiufiche Dialektik oder die Ideenlelire • . « 185 
1) Der Beweis für die Annahme der Ideen — 185 9 der 
Zusammenhang dieser Lehre mit Plato's geschichtlicher 
Stellung — 190. — 2) Der Begriff der Ideen: die Ideen 
sind das Allgemeine — • 193^ die Ideen försichseiende 
Substanscn — 1955 innere Unterschiede und Bewegung 
in den Ideen — 199. *— 3) Die Ideenwelt: unendliche " 
Vielheit der Ideen — 203; Verhältniss dieser Vielheit 
zur Einheit ihres Wesens — 207 5 System der Ideen 

— 208 5 die Ideen als Zahlen ~ 210. 

§. 21. Die Platonische Ph)sik 217 

1. Die allgemeinen Gründe der Erscheinungs weit, a) Die 
Materie. Ableitung der Materie — 218. Platonische 
Aeusserungen über das Wesen der Materie — 221. Die 
Materie keine Substams — 223 ; die Materie nicht blos 
Subjektives — 227 ; positive Bestimmung ihres Wesens 

— 231. — b) V^erhällniss des Sinnlichen zur Ideen- 
welt, a) Die Immanenz der Erscheinung in der Idee 

— 232. b) Der Hervorgang der Erscheinung aus der 
Idee — 235 (die Aristotelische Behauptung einer Ma- 
terie der Ideen ~ 237 ff.). Widerspruch der Platoni- 
schen Lehre von der Idee und Ei'schetnung — 244. — 

— c) Die Weltseele, als das Vermittelnde zwischen der 
Idee und Erscheinung — 246. 

2. Die specielle Physik. Allgemeines über diesen Theil 
des. Platonischen Systems — 252. Die Entstehung der 
Welt — 254» Die Lehre von den Elementen •— 258. 
Die Welt als Ganzes — 259. 

3. Die Anthropologie. Der allgememe Begriff der Seele 

— 260. Die mythische Geschichte der Seele ( — 262) 
und ihr philosophischer Gehalt ( — 266 ). Die Theile 
der Seele — 270. 

§. 22. Die Platonische Ethi^t . . . . . • .276 
1. Die ethische Grundanschauung oder die Lehre vom 
höchsten Gut— 277. — 2. Die Tugendlehre — 282» — 
3. Die Politik: die Noth wendigkeit und die Bestandtbeile 
des Staats — 287 5 die Verfassung des Staats — 289; ' 
die Bildung der Staatsbürger (-^ 294) und die eigen- 
thümlichen socialen Institutionen des Platonischen Staats 
(— 296); die Bedeutung dieser Staatslehre im Ganzen 



Inhalt. 



S«iU 



des Systems — 398* — Anhang : die Pl|itoniftche Aest- 
hetik — 303. 

V 33. Das Verhältniss der Platonischen PhUosopbte cur Religion SOS 
1. Ihr VerhSltniss zur Volksreligion — 305. — 1. Ihr 
Verhältniss si^m Monotheismus: die Idee des Guten und 
die Gottheit — 308; die Frage nach der Persönlichkeit 
Gottes — 311; inwiefern hat der Piatonismus einen re- 
ligiösen Charakter? ^314. 

S» 24. Die spätere Form der Platonischen Lehre* Die ältere 

Akademie . . • . . • . . .316 

1. Die Schrift von den , Gesetzen. Unterschied derselben 
von den früheren Darstellungen der Platonischen Phi- 
losophie— 317; Bedeutung dieses Unterschieds — 323; 
über den Verfasser der Gesetze — 329. 

2. Die ältere Akademie — 331. ihre Zahlenlehre— 332; 
ihr Verhältniss xur Religion — 340 (die Epinomis — 
541); ihr Uebcrgang zum Empirismus und zur Popu- 
larphilosophie — 342. 

Anhang zum zweiten Abschnitt. Weitere Untersuchungen über 
den Zweck und die Composition des Platonischen Parmenides 346 
Stand der Frage — 346. Der Parmen. nicht blos eine Dar- 
stellung der dialektischen Methode — 347) aber auch keine 
direkte Entwicklung der Ideenlehre — 350, sondern ihre 
indirekte Begründung im Gegensatz gegen die eleatische AI- 
leinsieh rc — 357. 

Dritter Abschnitt. Aristoteles und die Peripatetiker. 
%, 25* Allgemeine Einleitung. Die formalen Voraussetzungen des 

Aristotelischen Systems , 362 

Einleitung. Aristoteles und sein Verhältniss /^ur Piatoni- 
sehen Philosophie - 362. — Aristoteles über den Be- 
griff der Philosophie — 366. — Die philosophische Me- 
thode: a) die allgemeinen Elemente des logischen Den- 
kens, Begriff, Urtheil und Schluss — 373. b) Die Me- 
thodik; der Beweis — 378; das unmittelbare Wissen — 
380; die Induktion — 381 und der Wahracheinlichkeits- 
beweis — 384; die Definition — 385. r> Von der Ent- 
stehung des Wissens im Allgemeinen; die Erhebung von 
der Erfahrung zu den Principien •« 387; das höchste Prin- 
cip ~ 390; die besonderen Principien — 391. — Die 
Eintheilung des Systems -^ 392. 



• 



u 



Inhalt ^ XI 

Seite 

S. ^6* Die Aristotcllscbe Metaphysik 397 

1. Das Einzelne und das Allgemeine. Gegen die Ideen- 

i lehre — 398. Nur das Einzelwesen ist Substanz ^— 

M 403. Verhältniss dieser Bestimmung zu dem Satze von 

1 der Allgemetnfaeit des Wissens ~ 405. 

' 3. Die Form und die Materie« Die viereriei Ursachen,, 

und ihre Zurückführung auf die zwei genannten— 409. 
} Die Form und die Materie, das Wirkliche und das Mög- 

liche — • 412. Genaueres über den Begriff der Materie 

— 416. (Zufall und Naturuothwendigkeit — 4d0.) In- 
nere Beziehung der Form und Materie — 415* 

3. Die Bewegung und das erste Bewegende. Begriff der 
Bewegung — 427. Jede Bewegung setzt ein potentiel- 
les und ein aktuelles Sein voraus — 428. Die Bewe- 
gung bat weder Anfang noch Ende — 432. Das erste 
Bewegende oder die Gottheit: seine Wirklichkeit — 433 5 
sein Wesen — 434 } sein Verhältniss zur Welt — 439. 
$t 27. Die Aristotelische Physik ..•.•• 443 

1. Allgemeine Untersuchungen über das Wesen der Na- 
tur. Die Natur der Grund der Bewegung — 443. Ar- 
ten der Bewegung — 445. Mechanische ui)d dynami«' 
sehe Naturbetrachtung — 447. — Die mechanischen Be- 
dingungen der Bewegung: Raum und Zeit — 449. — 
Die Zweckmässigkeit in der Natur — 454. 

2* Speciellc Physik. — a) Die Elemente — 461. — b) Die 
Einrichtung des Weligebäudes; Die Stufenreihe der 
Sphären; das Diesseits und Jenseits — 464* Der Him- 
mel — 469. Die Erde — 472. c} Die organische 
Natur — 473. Begriff des Organischen : die Seele und 
der Leib — 474. Stufenreihe des Organischen — 47jß. 

3. Anthropologie — 483. Der menschliche Leib — 484. 
Die Seele, a) Begriff und Wesen der Seele — 485. 
b) Formen des Seelenlebens: die ernährende Seele 

— 486; die empfindende Seele — 486; die Vernunft 

— 489; Verhältniss dieser Formen — 493. c) Die 
Fragen nach der Entstehung der Seele — 495 > der 
Unsterblichkeit ^* 496» und der Freiheit — 498. Die 
Persönlichkeit; der Mensch als Mikrokosmus — 500« 

%* 28« Die Aristotelische Ethik SOS 

1 . Die Ethik im engem Sinn, a) Der Begriff des sittlichen 
Handelns — 504. b) Das Ziel der sittlichen Thätigkeit, 



XII Inhalt. 

Seke 
oder das liöchstoGut -^ 310. c) Die Tugenden — 517. 

Mehrheit der Tugenden ^518. Ethische und dianoeti- 

sche Tugenden — - 519- 

2) Die Politik — 523« a) Die Voraussetzungen des Staats, 
die Familie — 525 (Mann und Weib — 525. Vater 
und Sohn — 527. Herr und Knecht — ebd.). b) Der 
Zweck des Staats — 531. — c) Die Einrichtung des 
Staatslebens — 533 : die organischen Bestandtheile des 
Staats ~ 534 ', die Staatsverfassung -< 536 y die Sorge 
fiir die rechte Bescbaffienheit der Bürger — 541« 

3) Die Bhetorik — 545. 

§. 29. Das Verhältniss der Aristotelischen Philosophie zur Kunst 

und Kur Religion 346 

1. Die Kunst — 547. Die Aufgabe der Kunst im Allge- , 

meinen — 548. Die Tragödie — 549. 
2* Die Religion ~ 553. Die Wahrheit der Religion ~ 555. 
Das Mythische in der Rel. 556. 
§.30. Rückblick auf das Aristotelische System. Die Peripatetiker 559 
Rückblick — 559. — Die peripatetische Schule — 566. 
Eudemus und Theophrast — ebd. Dicäarch» Aristoie- 
nus, Strato — 570. Die späteren Peripatetiker — 575. 



Zweite Periode. 



I 



$. 13. 

Ueber den Charakter und Entwicklungsgang der 
zweiten Periode im Allgemeinen. 

Die grieehiflclie Philosophie bis auf Sokrates herab 
war apmittelbare Versenkung des Denkens in's naturliche 
Objekt gewesen, in der Anschauung der Natarsubstanz und 
der Erklärung der Erscheinungen aus ihren physikalischen 
Ursachen hatte der denkende Geist seine höchste -Befrie- 
digung gesucht, und sich selbst nur im Naturobjekt und 
als Nat^robjekt ergriflfen. In der Sophistik hatte sich diese 
unmittelbare Einheit des Denkens mit dem Objekt aufge- 
löst, die Subjektivität hatte sich auf sich selbst zurückge- 
zogen, und sich als das Höhere gegen die objektive Welt, 
den Menschen als das Maasis und den Zweck aller Dinge 
ausgesprochen. Die Subjektivität selbst jedoch war hier 
erst die unmittelbare, empirische Subjektivität gewesen, der 
Standpunkt der früheren Philosophie daher noch nicht prin- 
cipiell überwunden: die Sophistik ist nur die Selbstauflösung 
des vorsokratischen Realismus innerhalb seiner selbst, Aur 
die indirekte Vorbereitung, noch nicht der positive schöpfe- 
rische Anfang einer neuen Periode. In Sokrates ist auch 
dieser gekommen, und wir haben nun zunächst, an frühere 
Andeutungen (i.Th. S. 32 f. 47) anknüpfend, den Cha- 
rakter und Entwicklungsgang dieser Periode in allgemeinen 
Umrissen zu bezeichnen. 

Seh^n wir biefür zuerst auf das Verhältniss der Sokra- 
tischen und nachsokratischen zu der vorangehenden Philo- 

Die Philosophie der Griechen. II. TbeiL 1 



2 ' üeber den CharalUer und Entwicklungsgang 

Sophie, so fällt der Unterschied beider schon äusserlich als 
Yerschiedenheit ihres Unifangs und Gegenstands in die Augen. 
Die frühere Philosophie, haben wir gesehen, war durchweg 
Naturphilosophie gewesen ^),, und nur die Uebergangsform 
der Sophislik hatte sich von der physikalischen Forschung - 
ab- und den ethischen und dialektischen Fragen zugewendet. 
MitSokrates wird diese Richtung zur herrschenden; er selbst 
beschäftigt sich ausschliesslich mit der Begrilfsbestimmung . 
und der Untersuchung über die Tugend, auf dasselbe Gebiet 
beschränken sicb^ mit unbedeutenden Ausnahmen, die un- 
vollkommenen Sokratischen Schulen, auch bei Plato tritt die ' 
dialektische Grundlegung und ethische Vollendung des Sy- 
Sterns der Physik gegenüber entschieden in den Vordergrund, 
und wenn Aristoteles die Physik in grosser Breite, und mit 
unverkennbarer Vorliebe ausgeführt hat, so ist sie doch auch 
ihm nur ein einzelner, und zwar seinem Werthe nach der 
Metaphysik untergeordneter Theil des Systems. Schon diese 
Veränderung und Erweiterung des Gegenstands der Philo- 
sophie weist jedoch auf eine Veränderung des ganzen philo- 
sophischen Standpunkts zurück, denn warum anders hätte 
das Denken andere und umfassendere Stoffe gesucht, als weil 
es vermöge seines eigenen veränderten Charakters sich in 

f 4 

den< bisherigen nicht mehr befriedigt fand? Auch die philo« 



1) In welchem Sinne ich dieses verslanden wissen will, habe Ich 
Bwar auch schön im 4. Th. S. 65 angedeutet, wUl aber zur Ab» 
wehr von Bllss Verständnissen auch hier noch ausdrücldlch be- 
merken, dass ich damit nicht behaupite, die vorsokratische Philo- 
sophie habe sich ausschliesslich auf die Gegenstände 
beschränkt, die spater 7.ur Physik im engern Sinrt gerechnet wur^ 
den — diese Beschränkung setzt ja selbst schon, die schärfere 
Unterscheidung von Geist' imd Natur voraus — , sondern nur, 
die Ge3ammtheit des Seienden werde hier unter dem Gesichts- 
punkt der (pva&s, des natürlichen Daseins, betrachtet, und au« 
diesem Grunde Ethisches und Dialektisches nur beiläufig be- 
sprochen, während das Grundintcrcsse auf die Natur als solche 
gerichtet ist. 



der zweiten Periode im Allgemeinen. $ 

sophische Methode ist daher jetzt eine andere : an die Stelle 
des früheren dogmatischen Verfahrens tritt als unterschei- 
dende Eigenthümlichkeit der zweiten Periode das dialek- 
tische. Die frühere Philosofüiie war dogmatisch gewesen, 
weil sich das Denken in ihr unmittelbar auf das Objekt, 
als solches, richtet, die Sokratische und nachsokratische ist 
dialektisch, weil die Richtung des Denkens hier unmittelbar 
auf den Begriff, und nur mittelst des Begriffs auf das Ob* 
jekt geht; jene hatte ohne weitere Vorbereitung gefragt, 
welche Prädikate den Dingen zukommen, ob z. B. das Sein 
bewegt oder unbewegt sei, wie und woraus die Welt entstan- 
den sei u. s. f., diese fragt immer zuerst, was die Dinge an 
sich selbst, ihrem Begriffe nach, sind, und erst aus dem 
richtig erkannten Begriffe des Dings glaubt sie auch über 
die Eigenschaften und Zustünde desselben etwas ausmachen 
zu können. Die Regeln und Gründe für dieses Verfahren 
entwickelt die Platonische und Aristotelische Theorie des 
Wissens, als allgemeines Princip aber, sowie in unmittel- 
bar praktischer Anwendung ,^ist es (s. u.) auch schon bei 
Sokrates vorhanden, und dass dieser dialektische Charakter 
auch von den einseitigen Sokratikern theils weiter ent- 
wickelt, theils wenigstens nicht verläugnet wird, werden wir 
später noch sehen. Ist aber hiemit der Begriff als die allei- 
nige Wahrheit der Dinge erkannt, so muss er auch ihre 
alleinige W ix kl ichkeit sein; hatte daher der früheren Philo- 
sophie durchaus die Erscheinungswelt, sei es nun ihrem un- 
mittelbaren, sinnlichen Dasein, oder ihrer allgemeinen Sub- 
stanz nach für das allein Wirkliche gegolten ^), so .gilt ihr 
jetzt die Idee oder der objektive Gedanke für die wahre 
Wirklichkeit, die Erscheinung dagegen für das an sich 
selbst Unwirkliche, das am wahren Sein nur in dem Maasse 
Theil nimmt, in dem die Idee in ihm gesetzt ist. Plata hat 
diese Anschauung am schärfsten ausgesprochen , aber als 

1) S. Bd. I. S. 65. 

1* 



4 Ucber den Charakter und Entwicklungsgang 

unentwickelte Consequenz liegt sie auch schon der dialek- 
tischen Richtung auf den Begriff und der Hervorhebung 
der Ethik gegen die Physik bei Sokrates und seinen ihm 
näher stehenden Schülern zu Grunde, und wenn Aristoteles 
das Wesen der Dinge nicht als transcendente Idee, son- 
dern als den der Erscheinung immanenten Begriff bestimmt, 
so lässt doch auch er von der alleinigen Wirklichkeit des 
Gedankens so wenig nach, dass ihm nur das reine Denken 
das absolut Wirkliche, die reine Energie, und die Materie 
nur darum nicht das Nichtseiende ist, weil sie an sich , im 
unentwickelten Potenzzustand, dasselbe ist, was der vovg 
it) entwickelter Aktualität. 

Nehmen wir diese Züge zusammen, so zeigt sich als 
der Grundunterschied der zweiten Periode von der ersten 
das Zusichselbstkommen des denkenden Geistes, diess, dass 
der Gedanke als das Höhere geg«n das Dasein, der Geist 
als das Höhere gegen die Natur gewusst wird. Der Geist 
selbst aber wird hier noch in der Form der Objektivität an- 
geschaut, er hat sein Dasein nicht am menschlichen Selbst- 
bewusstsein, sondern für sich; die jenseitige, weder der 
Natur noch des Menschen zu ihrer Verwirklichung bedür- 
fende Idee ist Plato das allein wahrhaft Wirkliche, das von 
der Welt abgezogene, nur sich selbst denkende Denken 
Aristoteles das einzige in voller und reiner Aktualität seiende 
Wesen, und wenn Sokrates das Denken zunächst nur als 
subjektives, als philosophischen Trieb und philosophisches 
Leben zu haben scheint, so ist doch auch bei ihm diese Sub- 
jektivität noch nicht zum bewussten Princip erhoben, für 
das Wahre gilt auch ihm der Begriff als das objektive 
Wesen der Dinge, auch sein Denken daher ist noch nicht 
die Zurückziehung des Subjekts auf sich selbst, sondern 
Hingebung desselben an seinen Gegenstand; der Unterschied 
dieses Denkens von dem der ersten Periode ist nur, dass 
als der wahre ((gegenständ des Denkens und die wahre Wirk- 



der zweiten Periode im Allgemeinen* 5 

lichkeit nicht mehr die Natur, d. h. die Erscbeinungswelt 
überhaupt, sondern nur der Begriff gilt. 

Wie sich aber die Philosophie unserer zweiten Periode 
durch diese Hingebung an die Objektivität, wenn auch die 
ideale Objektivität, der der ersten wieder annähert, so ist 
es eben dieser Zug, welcher den Grundunterschied zwi- 
schen dieser und der folgenden Periode ausmacht. Darin, 
dass der Gedanke für alte Wahrheit und Wirklichkeit, der 
Geist für das absolut Höchste gilt, trefi'en beide zusammen, 
aber der Unterschied ist, dass der Gedanke, welchem diese 
Stellung eingeräumt wird, in der zweiten Periode als der 
objektive, in der dritten als der subjektive Gedanke, oder 
was dasselbe, als das denkende Subjekt gefasst wird. — Die 
Richtigkeit dieser Bestimmung lässt sich an den drei Haupt- 
theilen der Philosophie , der Dialektik , Physik und Ethik 
nachweisen. — In der Dialektik ist die unterscheidende Ei- 
genthümlichkeit der nacharistotelischen Philosophie die Frage 
n^ch dem Kriterium. Keiner der früheren Philosophen hatte 
diese Frage aufgeworfen, der Stoicismus und Epikureismus 
dagegen beginnen mit ihr, die Skepsis dreht sich von Anfang 
bis zu Ende um dieselbe, und w enn sie der Neuplatonismus 
nicht mehr ausdrücklich erörtert, so ist doch die Sache selbst, 
der Zweifel an der unmittelbaren Wahrheit des Denkens, 
bei ihm um nichts weniger stark. Schon dieser eine Zug 
ist fjir das Verhältniss der beiden Perioden charakteristisch. 
Weder Sokrates, noch Plato, noch Aristoteles hatten nach 
einem Merkmal der Wahrheit gefragt ^}, weil ihnen die 



1) Die Genannten alle fragen wobl, worin das wahre Wissen be- 
stehe,, oder welches Wissen das wahre sei, eine Frage, die z.B. 
das Thema des Platonischen Theätet bildet. So nahe aber diese 
Fragp der nach dem Kriterium verwandt ist, so wenig ist sie 
doch mit ihr identisch. Wenn gefragt wird: *7r*ar3|//*i7 o xi noxe 
xvyxavfi vp- (Theät. 145, E), so setzt diese Frage die Wirkljch- 
lieit des Wissens überhaupt voraus, und nur die nähere Beschaf- 
fenheit desselben soll ausgemittelt werden, wird dagegen nach 



6 lieber den Charakter und Entwicklungsgang 

Wahrheit des Denkens unmittelbar feststeht, weil ihr Den- 
ken noch objektives, in den Gegenstand versenktes und von 
seiner Angemessenheit an den Gegenstand überzeugtes Den- 
ken ist; wenn die Späteren darnach fragen, so kann diess 
liur daher kommen, dass ihr Denken diese unmittelbare 
Einheit mit dem Objekt aufgegeben, sich als subjektives 
in sich zurückgezogen hat, und nun erst eine besondere 
Norm der Wahrheit als Vermittlung zwischen sich und dem 
Objekt suchen muss. So wenig sich aber dieses Denken 
ursprünglich mit dem Objekt in Einheit weiss, ebenso wenig 
vermag es auch in der Folge zu dieser Einheit zu gelangen: 
das Kriterium der Wahrheit liegt den Stoikern wie den Epi- 
kureern nur in der Empfindung, mag diese auch von den 
Ersteren wieder als allgemeine, als noivii hvoia^ gefasst wer- 
den, die Skeptiker verzichten ganz auf die Wahrheit, und 
auch die Neuplatoniker wissen sie nicht im Denken,, als 
solchem, sondern nur in der ekstatischen Erhebung über 
Begriff und Bewusstsein und der Offenbarung eines transcen- 
denten göttlichen Princips zu finden — das objektive Denken 
der zweiten Periode ist in der dritten einer in sich zurück- 
gezogenen, mit dem Objekt enta^weiten subjektiven Reflexion 
gewichen. — Dasselbe Verhältniss wiederholt sich in der 
Physik; hatte schon die zweite Periode die physikalische 
Forsbhung, welche zuerst alle Spekulation in sich aufge- 
zehrt hatte, zu-einem einzelnen und untergeordneten Theile 
der Philosophie herabgesetzt, so verliert dieselbe in der drit- 
ten vollends alle Bedeutung: der Stoicismus und Epikureis. 
TOus SO wenig, als der Neuplatonismus (von der Skepsis 
kann hier'ohnedem nicht die Rede sein) haben eine irgend 
entwickelte naturwissenschaftliche Lehre aus sich erzeugt. 



dem Kriterium gefragt, so wird es hiebei vorläufig noch proble- 
matisch gelassen, ob sich ein solches finden wird, — wirklich 
hat ja auch die Skepsis keines gefunden — d. h. ob überhaupt 
ein Wissen mögb'ch ist. 



der zweiten Periode im Allgemeinen. 7 

t * 

sondern insgesammt nur friihere Theorieen wiederholt, sofern 
sie aber wenigstens allgemeine Ansichten über die ^atur nnd 
die Materie aussprechen , können auch diese nu4* dazu die« 
nen, die Entfremdung des Denkens gegen die objektive 
Welt zu beweisen. Der stoische HylozoisiHus so gut wie 
der epikureische Atomismus sind ein Zurücksinken auf den 
Standpunkt der vorsokratischen Naturphilosophie, dieses aber 
kann hier, bei dem gänzlich veränderten Charakter des übri- 
gen Pbilosophirens, nur daraus erklärt werden, dass das Den- 
ken sich selbst nicht mehr als die Substanz des natürlichen 
Daseins zu erkennen vermag, wie es diess in Plato und 
Aristoteles gethan hatte, und aus demselben Grunde ist aqch 
die neuplatonische Lehre von der Entstehung der Materie 
durch einen Abfall der Ideen zu erklären; der Bruch d^s 
Denkens mit der Natur, die Unfähigkeit desselben, sich im 
Naturleben wiederzufinden, ist der gemeinsame Charakter 
dieser Physik; hatte Plato und Aristoteles den Geist zwar 
als das Höhere gegen die Natur behauptet, aber ihn doch 
auch in der Natur anerkannt, so wird j^tzt, bei weiter ge- 
' triebener , abstrakter Reflexion des Subjekts in sich, die 
Natur zum entgeisteten Objekt, das dem Denken theils nur 
als das Produkt physischer Noih wendigkeit,, theils als das 
Nichtseinsollende gegenübersteht, und in d,eni einen wie in 
dem andern Fall sein positives Interesse für dasselbe ver- 
loren hat. Dass auch in der Ethik zwischen den Systemen 
der zweiten und denen der dritten Periode derselbe Unter- 
schied stattfindet, und dass auch die Annäherung der unvoll« 
kommenen Sokratischen Schulen an den stoischen und epi- 
kureischen Typus keine Ausnahme von dem allgemeinen 
Charakter der zweiten Periode begründet, habe ich schon 
früher (l. Tbl. S. 40 ff.) nachgewiesen, und ebendaselbst 
über die Zusammengehörigkeit des Neuplatonismus mit den 
übrigen Systemen' der. dritten Periode das Nöthige beige- 
bracht; wie sich diesie auch in der Ethik ausspricht, und 



f 

8 Ueber den Charakter und Entwiclilungsgang 

wie die vom Neuplatonisinus geforderte Ascese nur das 
Extrem der in der stoisch - epikureischen Apathie und der 
skeptischen Ataraxie verlangten praktischen Zurückziehung 
aus der Sinnlfchkeit ist, braucht kaom ausdrücklich bemerkt 
zu werden. 

Was demnach die zweite Periode von der ersten unter- 
scheidet ist die Richtung der Philosophie vom unmittelbaren 
Dasein auf den Gedanken, oder die Idee, was sie von der 
dritten unterscheidet ist die Objektivität dieses Denkens, 
diess, dass es dem denkenden Subjekt noch nicht um sich 
selbst und die Unendlichkeit seines fürsichseienden Selbst- 
bewusstseins, sondern um die Anschauung des an und für 
sich Wahren und Wirklichen, als des absoluten Objekts, 
zu thun ist. Wenn wir daher die Philosophie der ersten Pe- 
riode die Philosophie der unmittelbaren Anschauung genannt 
haben, und die der dritten die Philosophie der subjektiven 
Reflexion nennen können, so wird der Charakter der zwei- 
ten Periode durch die Bezeichnung: Philosophie des objek- 
tiven Gedankens richtig ausgedrückt sein. 

Die nähere Entwicklung dieses Princips vollzieht sich 
nun einfach in' drei philosophischen Systemen, deren Urhe- 
ber, auch persönlich im Yerhältniss von Lehrern und Schü- 
lern stehend, drei aufeinanderfolgenden Generationen ange- 
hören, so nämlich, wie ich diesS schon früher bemerkt habe ^), 
„dass zuerst Sokrates den Begriff als die Wahrheit des sub- 
jektiven Denkens udd Lebens ausspricht und nachweist, so- 
fort Plato denselben in seiner an und für sich seienden Wirk- 
lichkeit anschaut, diese Anschauung dem populären Be- 
wusstsein gegenüber dialektisch begründet und zur Totalität 
einer Ideenwelt ausführt, Aristoteles endlich in der empi- 
rischen Welt selbst die Idee als ihr Wesen und ihre Ente- 
lechie aufzeigt.^' Sokrates hat noch kein System, ja noch 



1) 1. Th. S. 47. 



der zweiten Periode im Allgemeinen. 9 

gar kein objektives, inateriales Prineip ; die Richtung auf die 
Idee ist in ihm erst als unmittelbare, subjektive Bestimmt- 
heit, als philosophischer Trieb, philosophische Methode und 
philosophisches Leben vorhanden, und auch was an posi- 
tiven Lehrsätzen von ihm berichtet wird , ist nur das Aus- 
sprechen dieser seiner subjektiven Bestimmtheit als allgemei- 
ner Forderung: dass nicht allein das wahre Wissen sondern 
auch die wahre Sittlichkeit in der richtigen Erkenntniss des 
Begriffs bestehe, ist die einzige philosophische Behauptung 
des Sokrates. Dieses Sokratische Suchen des Begriffs wird 
nun in Plato zum Finden, zur Siicherheit des Besitzes und 
der Anschauung; die objektiven Gedanken, die Ideen, sind 
ihm das allein Wirkliche, das ideenlose Sein, die Materie 
als solche, das schlechthin Unwirkliche, das fiij of, alles 
Andere aber ein aus Sein und Nichtsein Zusammengesetz- 
tes, das nur so viel Sein in sich trägt, wie viel es Antheil 
an der Idee hat. So weit aber auch hiemit der Sokratische 
Standpunkt überschritten ist, so gewiss ist doch diese Ueber- 
schreitung nur eine folgerichtige Fortbildung dieses Stand- 
punkts: die Platonischen Ideen, wie diess schon Aristo- 
teles ^) richtig erkannt hat, sind nur die von Sokrates 
aufgesuchten allgemeinen Begriffe von der Erscheinungswelt 
abgelost. Eben diese objektiven Begriffe aber sind es, welche 
auch den Mittelpunkt der Aristotelischen Spekulation bilden : 
nur der Begriff ist nach Aristoteles das Wesen , die Wirk- 
lichkeit und die Seele der Dinge (to ri tjp elvai, ivsgyeta, sV- 
^eXixsia) , nur der absolute Begriff, der reine sich sdbst 
denkende Gedanke das absolut Wirkliche, nur das Denken 
auch für den Menschen die höchste Wirklichkeit und darum 
auch die höchste Seligkeit seines Daseins. Der einzige wesent- 
lichjB Unterschied ist, dass der Begriff, den Plato von der 
Erscheinung abgetrennt und, als für sich seiende Idee ange- 



1) Metaph. I, 6. 987, b, 1, Vgl. auch unsern 1. Th. S. 38. 



10 lieber den Charakter und Entwicklujigsgang 

schaut hatte, nach Aristoteles nur in der Mannigfaltigkeit 
der Erscheinungen sein Dasein hat (die Aristotelische Polemik 
gegen das ;fö)^/(yTa crotay t« eiö/i); auch diese Bestimmung 
indessen ist nicht so gemeint, als ob der Gedanke zu seiner 
Verwirklichung der Erscheinung und der Materie bedürfte, 
sondern er hat seine Wirklichkeit an sich selbst, und nur 
darum will ihd Aristoteles nicht aus der Erscheinungswelt 
hinaussetzen, weil er so gleichfalls zu' etwas Einzelnem, zu 
einer, wenn auch ewigen und jenseitigen Erscheinung ge- 
macht würde. Es ist so Ein Princip, das sich in Sokrates, 
Plato und Aristoteles auf versc^hiedenen Entwicklungsstufen 
darstellt, in dem ersten noch unentwickelt, aber mit gedrun- 
gener Lebenskraft , aus der Anschauungsweise der ersten 
Periode sich hervorringend , in dem Zweitexi zu reiner und 
selbständiger Entfallung gediehen, in dem Dritten über die 
ganze Welt des Daseins und Bewusstseins sich ausbreitend, 
aber auch in dieser Ausbreitung sich erschöpfend und seiner 
Umgestaltung in der dritten Periode entgegenbewegend. 
Sokrates, können wir sagen, ist der schwellende Keim, Plato 
die reiche ßlülhe, Aristoteles die gereifte Frucht der grie- 
chischen Philosophie auf dem Höhepunkt ihrer geschicht- 
lichen Entwicklung. 

Nur Eine Erscheinung, scheint es, will sich in diese 
Gliederung nicht recht einfügen, und droht die Durchsich- 
tigkeit des geschichtlichen Organismus zu trüben, die un- 
vollkommenen Versuche einer Fortbildung des Sokratischen 
Prinoips, welche in der megarischen, cynischen und cyrenai- 
sehen Philosophie vorliegen. Einen wirklichen wesentlichen 
Fortschritt des philosophischen Bewnsstseins können wir in 
diesen Schulen nicht anerkennen, sofern dieselben die Philo- 
sophie, welche dem Princip nach schon in Sokrates auf eine 
objektive, nur in einem System des Wissens zu erreichende 
Erkenntniss hinstrebt, in der Form der subjektiven Gedan- 
ken- und Charakterbildung festhalten;, andererseits sind die- 



der zweiten Periode im Allgemeinen. 11 

/ 

•f 

selben doch nicht als ganz bedeutungslos aus der Geschichte 
der Philosophie zu verweisen, da sie nicht allein spaler dem 
Stoicisnius und Epikureisnius zum Vorbild und Ausgangs- 
punkt gedient, sondern auch auf Plato unverkennbaren Ein- 
flnss geübt haben. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich in-^ 
dessen auch sonst, und gleich in unserer Periode selbst in 
der älteren Akademie und der. peripatetischen Schule, die 
gleichfalls nicht selbständig in die Entwicklung der Philo- 
sophie eingreifen, ohne doch daruui von der Geschichte der- 
selben übergangen werden zu können. Von allen diesen 
Erscheinungen ist das Gleiche zu sagen: ihre Bedeutung 
liegt nicht in der inneren Fortbildung des philosqphischen 
Princips, sondern nur in der äusseren Vermittlung dieses 
Fortschritts, darin, dass die ältere Bildungsform für die An« 
schauung der Zeit erhalten, auch etwa im Einzelnen ver- 
bessert oder weiter ausgeführt, und so dem philosophischen 
Gesammtbewusstsein die Vielseitigkeit bewahrt wird, ohne 
welche die späteren Systeme die Errungenschaft der frühe- 
ren nicht in sich aufnehmen könnten. Diese Dauerhaftigkeit 
der philosophischen Schulen tritt daher auch nicht früher 
ein , als bis die Philosophie überhaupt eine gewisse Allge- 
meinheit gewonnen hat, in Griechenland erst mit Sokrates 
und Plato; während dieser Letztere den gesammten vorso- 
kratischen Schulen durch die Zusammenfassung ihrer ein- 
seitigen Principien in seinem System ein Ende gemacht 
hat, so ist von ihm an )cein selbständiges System mehr auf- 
getreten , das sich nicht in einer eigenen Schule bis auf 
den Schlussstein der griechischen Philosophie, den Neupla- 
tonismus, herab erhalten hätte, in und mit welchem gleich- 
falls alle früheren Systeme untergiengen. So viele philo- 
, sophische Richtungen aber hienach in der späteren Zeit Äusser- 
lich neben einander hergehen, so sind es doch immer nur 
wenige, welche eine eigene Lebenskraft besitzen ; die übri- 
gen sind nur eine traditionelle Fortpflanzung früherer Stand- 



12 I>ie Persönlichlieit des Sokrates. 

punkte, und können da, wo es sich um den eigenthümlichen 
philosophischen Charakter einer Zeit handelt, nicht weiter 
itx Betracht kommen, werden daher auch von der Geschicht- 
schreibung nur beiläufig, in untergeordneter Stellung, er- 
wähnt werden können. Diess gilt nun picht allein von der 
akademischen und peripatetischen, sondern auch schon von den 
unvollkommenen Sokratischen Schulen. Da sie nfcht eine 
principielle Fortbildung, sondern nur einseitige Auffassungen 
des Sokratischen Philosophirens darstellen, so kann von ihnen 
auch nur zugleich mit diesem die Rede sein. Die folgende 
Darstellung wird daher l) von Sokrates und den unvoll- 
kommenen Sokratikern, 2) von Plato und der Akademie, 
3) von Aristoteles und der peripatetischen Schule sprechen. 



"Erster übselinltt. 

Sokrates und die unvolUiommenen Sokratiker. 

A. Sokrates. 



Die Persönlichkeit des Sokrates. 

Einer urkundlichen Darstellung des Sokratischen Philo- 
sophirens tritt zunächst in der bekannten Differenz des Pla- 
tonischen und Xenophontischen Sokrates eine nicht uner- 
hebliche Schwierigkeit entgegen. Während sich nun die 
Früheren das Bild des attischen Weisen ohne feste leitende 
Grundsätze nicht blos aus Xenophon und Plato, sondern auch 
aus späteren und zum Theil ganz unzuverlässigen Berichten 
zusammenzusetzen pflegten , ist die neuere Geschichtschrei- 
bung, seit Brucker , mit Ausschluss aller übrigen Berichter- 
statter, auf Xenophon als die einzige authentische Darstel- 
lungder Sokratischen Philosophie zurückgegangen, und wollte 



\ 
/ 



r 



Die Persönlichkeit des Sokrates. 13 

den Andern, Plato miteingeschlossen, nur für biographische 
Notizen und personliche Charakteristik des Sokrates volle 
Glaubwürdigkeit, für die Kenntniss seiner Philosophie da- 
gegen höchstens supplementarische Bedeutung zugestehen. 
Gegen diese Bevorzugung Xenophons hat jedoch neuerer 
Zeit wieder Schleiermacher ^) Einsprache erhoben« Theils 
der speciell apologetische Zweck der Xenophontischen Denk- 
würdigkeiten, bemerkt er, theils, und besonders, der für er- 
schöpfende Auffassung einer philosophischen Persönlichkeit 
wenig geeignete Charakter ihres Verfassers berechtigen uns 
zu der Annahme, dass Sokrates mehr gewesen sein könne, 
als Xenophon von ihm darstellt, ebenso zeige aber auch die. 
unläugbare Bedeutung dieses Mannes für die Geschichte der 
Philosophie, die gewaltige Anziehungskraft, die er auf die 
geistreichsten und spekulativsten Menschen, ausübte, und 
die Rolle, die ihm Plato übertragen konnte, dass ßr mehr 
gewesen sein müsse; ja die Xenophontischen Gespräche 
selbst machen den Eindruck, Philosophisches zum Schaden 
seines eigentlichen Gehalts jn den unphilosophischen Styl 
des gemeinen Verstandes zu übertragen. Xenophon habe 
mithin eine Lücke gelassen, zu deren Ausfüllung wir nur 
auf Plato zurückgehen können. Freilich aber nicht so, wie 
diess Mein^rs verlangt hatte p) , dass als historisch in den 
Reden des Xenophontischen Sokrates nur das anerkannt 
würde, wais sich aul;h bei Xenophon findet, oder unmittelbar 
aus Xenophontischem folgt, oder Plato's eigener Ansicht 
widerspricht; denn so hätten wir immer nur den Xenophon- 
tischen Sokrates, wenig modificirt, der tiefere Quellpunkt des 



1) lieber den Werth des Sokrates als Philosophen (zuerst in den 
Abhandlungen der Berliner Akademie, philos. KL 1818- S. 50 ff. 
Wiederabgedruckt in den ges. Werken.) W W. III, 2, 293 ff. Vgl.. 
Gesch. d. Phil. S. 81 f- — Unser obiger Auszug will übrigens 
nicht die Worte, sondern nur die Hauptgedanken Sch1.s wieder- 
geben. 

2) Gescb« d. Wissenschaften in Griechenland und Rom II, 420 f« 



14 Die Persönlichkeit des SoUrates. 

Sokratischen Denkens dagegen bliebe uns verborgen. Der 
einzig sichere Weg ist, vielmehr nach Schleikrmacher der, 
„dass man frage:. Was kann Sokrales noch gewesen sein 
neben dem, was Xenophon von ihm meldet, ohne jedoch den 
Charakterzügen und Lebensmaximen zii widersprechen, wel- 
che Xenophon bestimmt als Sokratisch aufstellt, und was 
muss er gewesen sein um dem Plafon Veranlassung und 
Recht gegeben i^u haben, ihn so', wie er thut, in seinen Ge- 
sprächen aufzuführen." Diesem ürtheil über Xenophon sind 
auch Andere ^) beigetreten, nachdem schon vor Schleier- 
macher DissEN 2) erklärt hatte, dass er in der Xenophon- 
tischen Darstellung nur den exoterischen Sokrates zu er- 
blicken vermöge; ebenso ist Schleiermachers Knnon über 
die Ausscheidung des acht Sokratischen aus der Xenophon-* 
tischen und Platonischen Darstellung gutgehei^sen, und dem- 
selben nur zur Ergänzung die Bemerkung beigefügt worden ^), 
dass wjr an den Aeusserungen des Aristoteles über dieSokra- 
tische Lehre auch ein äusseres Regulativ für jene Ausschei- 
dung besitzen. Andererseits hat Xenophons historische Zu- 
verlässigkeit doch auch nicht ganz wenige Vertheidiger 
gefunden *). Sollnun aber zwischen beiden Ansichten ent- 
schieden werden, so zergt sich die Schwierigkeit, dass wir 



1) Brandis im Rhein. Mus. Von Niebühr und Brasdis I, b, 122 ff. 
Vgl. GescIi; d.' griech.-röm. Philos. It, a, 20. Ritter Gesch. d. 
Philos. ir, 44 f. Mehr in Beziehung auf die Person, öls auf die 
Lehre des Sokrates giebt van Heusde Characlerisml principum 
philosophprum veterum S. 54 ff. der mimisch getreuen Plato- 
nischen Schilderung vor der apologetisch -panegyrischen Xeno- 
phons entschieden den Vorzug. 

2) De philosophia moraii in Xenophontis de Socrale commentariis 
tradila S. 28 (in Disseic's Kleineren Schriftert S. 87 f.). 

5) Von Bbaisdis a. a. O. 

4) Hfgel Gesell, d Phil. II, 69. Bötscher Aristophanes und sein 
Zeitalter S. 395 ff. Hebmann Gesch. und Syst. des Piatonismus 
I, 249 ff. Vgl. Fries Gesch. d Phil. I, 259- Delbrücks >?Xeno. 
phon« (Bona 1829) Itcnne ich nicht aus eigener Anschauung. 



Die PersönHchkcit des Solirates. 15 

über die Glaubwürdigkeit des einen oder des andern von 
unsern Berichten nur nach der Uebereinstimniung derselben 
hiit dein historisch treuen Bilde des Sokrates, über die 
historische Treue dieses Bildes aber, wie es scheint, nur qach 
seiner Uebercinstimmung mit -den glaubwürdigen Berichten 
urtheilen können. Diese Schwierigkeit wäre wirklich unauf- 
löslich, wenn die Platonische und Xenophontische Darstel- 
lung auch bei den Punkten, wo sie sich widersprechen, beide 
mit dem gleichen Ans()ruch auf Geschichtlichkeit aufträten, 
und auch die sparsamen Angaben des Aristoteles überSokra- 
tische Philosophie dnrflen zur Entscheidung des Streifs kaufn 
ausreichen. Nun Hegt aber vorerst soviel am Tage, dass sich 
Plato ntir in solchen Parthieen bestimmt für einen bisfo- 
rischen Berichterstatter giebt, an denen zwischen ihm und 
Xenophon kein wesentlicher Widerspruch stattfindet, wie in 
der Apologie und den Erzählungen, des Alcibiades im Gast- 
mahl, wogegen es noch Niemand eingefallen ist, zu behaup- 
ten, dass er auch alles Uebrige, das er Sokrates in den Mund 
legt, wirklich für Aeusserungen des historischen Sokrates 
angesehen wissen wolle. Die Angritfe gegen die Xenophon- 
tische Darstellung stutzen sich daher auch nur auf den in- 
direkten Beweisgrund, dass sich aus derselben theils die ge- 
schichtliche Bedeutung des Sokrates überhaupt, theils im 
Besondern die Möglichkeit, ihn ohne gänzliche Verletzung 
der Wahrscheinlichkeit so (Sprechen zu lassen, wie ihn Plato 
sprechen lasst, nicht erkläre. Wäre nun diese Behauptung 
richtig, so müssten wir freilich. die Xenophontische Darstel* 
lung für unzureichend, wenn auch nicht für unzuverlässig 
erklären, und möchten dann zusehen, wie wir uns aus den 
historisch unsichern Zügen bei Platö und den wenigen Aeusse- 
rungen des Aristoteles ein Bild der Sokratischen Philosophie 
zusammensetzen könnten ; ^he wir jedoch jene Voraussetzung 
Zugeben, muss dieselbe erst gründlicher, als dies» vop den 
Gegnern Xenophons zu geschehen pflegt, untersucht werden. 



16 I^ie Persönliclikeit des Solirates. 

Diese Untersuchung aber fällt mit der Darstellung der Sokra- 
tischen Philosophie selbst zusammen , und konnte sich von 
dieser höchstens formell unterscheiden. .Auch hier sollen 
daher beide nicht getrennt werden ; wir schildern den Sokra- 
tes und seine Philosophie nach dem dreifachen Berichte des 
Xenophon, Plato und Aristoteles; gelingt es uns aus diesen 
Berichten ein in sich zusammenstimmendes Bild zu erhal- 
ten, so ist ebendamit Xenophoh gerechtfertigt, gelingt es uns 
nicht, so wird dann erst zu untersuchen sein, welche von den 
vorliegenden Darstellungen Recht hat. 

Fassen wir hiefiir zunächst den personlichen Charakter 
des Sokrates, der bei ihm wichtiger ist, als bei irgend einem 
andern Philosophen, in's Auge, und beginnen mit Xenophons 
Darstellung, so lässt sich allerdings nicht läugnen, dass die- 
ser seinen Lehrer speciell als Philosophen zu schildern gar 
nicht die Absicht hat. Der nächste Zweck der Memorabilien 
ist ein apologetischer, und diese Vertheidigung gilt nicht 
sowohl dem Philosophen, als vielmehr dem Manschen, dem 
av^Q xaXog xaya^og, wie ihn das Xenophontische Symposion 
am Anfange bezeichnet, dem unschuldig Verurtheilten, dem 
Froromen, Gerechten, Enlhaltsaraen, Einsichtsvollen, dem 
Manne der praktischen Tugend und Lebensweisheit, dem 
(ocpeXifieitaxog itQog aqerfjg imfitkeiav , dem av^g aqiaxog x«J 
sidaifioncxarog ^)* Ebenso liegt am Tage, dass Xenophon gar 
nicht der Mann war, um in die Eigenlhiimlichkeit einer philo- 
sophischen Denkweise tiefer einzudringen , und dass sich 
ihm auch ganz unverkennbar philosophische Behauptungen 
zu Sätzen eines ziemlich hausbackenen praktischen Ver- 
standes verflachen, die Zurückfiihrung der Tugend aufs Wis- 
sen z. B. zu dem wenig besagenden: alle Tugend sei Lebens- 
weisheit (oocpla) ^)* Demgemäss ist denn auch das Bild von 

Sokrates, welches uns aus den Xenophontischen Schriften 

. . . ^ 

i) Vgl. Mem. I, 1, 1. 20. I, 2, 4. 62 ff. IV, 8, 14. 
2) Mein* III, 9) 5: ^claav d^er^v aoipiav c<V««. 



Die Persönliclikeit des Sokrates. 17 

zttBäcbst Entgegentritt y nur das eines praktkchen Weisen, 
«ines Heroen der Sittliebkeit und Humanität. „Niemand 
hat je»>als den Sokrates etwas Gott]o8e3 thun gesehen oder 
reden gehöri^^ ; ,,er war so fromm, dass är nichts ohne den 
Rath der Götter that, so gerecht, dass er nie Jemand auch 
nur im Geringsten verletzte, so Herr seiner selbst, dass er 
nie das Angenehme statt des Guten wlihlte , so verständig, 
dass er in jder Entscheidung über das Bessere und Schlecb- 
tere nie fehlgteng," er war. mit Eünem Wort „der beste und 
gluckseligste Mann, den es geben konnte — '^ ^) diess ist 
das allgemeine Thema dieser Darstellung. Sie zeigt uns in 
Sokrates ein Mustei;^der Abhärtung und der Selbstbefaerr- 
sebung, einen Mann voll Frömmigkeit und Vaterlandsliebe, 
einen Charakter voll unbeugsamer Ueberzeugungstgeue, der 
das, was er als Pflicht erkannt hat, dem Volke ap gut wie 
den dreissig Tyrannen gegenüber auf jede Gefahr hin gel- 
tend, macht, einen einsichtsvollen und treuen Beratber sei- 
ner Freunde, im Leiblichen, wie im Greistigen, vor Allem 
aber den unermüdlichen Menschenbildner, der jede Gelegen« 
heit ergreift, um Alle, mit denen er in Berührung kommt, 
zur*Selbsterkenntniss und Tugend zu führen, und namentlich 
bei der Jugend der Selbstüberschätzung und Leichtfertigkeit 
entgegenzuarbeiten. Auch hat diese Tugend durchyaus den 
eigenthüniltchcn Typus der griechischen Sittlichkeit: der 
Xenophontische Sokrates ist nicht dieses verwaschene Tu- 
gendideal, zu dem ihn eine moderne Aufklärung herabsetzen 
wollte, er ist durch und durch Grieche, ein IJ^ann aus dem 
innersten Mark seiner Nation, ein Charakter, der Fleisch 
und Blut hat und nicht den allgemeinen moralischen Leisten 
für alle Zeiten jabgiebt. Gleich seine vielgerühmte Massig- 
keit hat nicht allein bei Plato, sondern auch bei Xenophon 
nicht den ascetischen Charakter, an den man wohl neuer- 



1) Mem. I, 1, 11. %IV, 8, 11. vgl ebend. V 10. I9 2, 1 u. A« 

Pie PbUoiopble a«r Oriecben. U. Theil 2 



18 T>ie Persönrichkeit des Sokratei. 

I 

dihgs dabei zu denken pflegt: Sokrates flieht nicht blos dea 
sinnlichen Genuss nicht, sondern auch nicht das Uebermaass 
d^isselben ; die fa:Ieii>^ Becher des Xenophontischen Sympo«- 
sions wenigstens werden nicht verlangt, nni sich rar nicht, 
sondern nar, nm sich nicht allzoscbnell zu steigern ^). Die 
Massigkeit ist also hier nicht grundsätzliche Enthaltung vom 
Genuss, sondern nur die Freiheit des Selbstbewusstseins, 
seiner weder zu bedürfen , noch in ihm seine Besonnenheit 
zu verlieren. Ebenso in anderer Beziehung .wird zwar die 
Enthaltsamkeit des Sokrates bewundert; wie weit er abef 
auefa hier von der princtpiellen Strenge nnserer Moral ent^ 
fernt »It, können Stellen, wie Men.\ I, 3, 14. II, 1,5. 11,2, 4. 
in, 11. rV, 5, 9. (vgl. Symp. 4, 38) beweisen. TrSgtdwh 
auch dur Umgang des Sokrates mit der Jugend den volks- 
thürtllichen Charakter der Knatrenliehe; denn so entschieden 
er auch bierin über die Verdächtigungen gleichzeitiger und 
späterer Verläuradang erhaben ist, so wenig lässt sich doch 
in seinem Verhältniss zu schdneh Jünglingen ein sinnlich 
pathologisches Element, wenn auch nur als Ausgangspunkt 
mid unschuldige Unterlage geistiger Neigung, verkennen: 
tadelt er auch die sinnlichen Auswüchse der griechischen 
"Sitte 9), so fasst er doch das geistige und sittliche Yerliält- 
nies selbst, noch in der Form des Eros, und diess aus blosser 
Accomodation und Ironie zu erklären, giebt wenigstens die 
Xenophontische Darstellung ^) kein Recht. Auch sonst steht 
die Tugend des Sokrates noch in der Natnrform der griechi- 
schen Sittlichkeit: den Gesetzen des Staats zu gehorchen er- 
klärt er ^) für die Summe aller Pflichten, vofiifiog und dixMog 



^ i • 



i) Xe^. Symp. 2, 26: f}r Se t^fuv ol nctiSts juingütC nih^i ^vHVti 

dvansi&ofisvoi j 'jT^os t6 naiyvi,o}8iar$Qov dtpi^ojusd'a* 

2) Xew. Mem. I, 2, 29 f. 3, 8 AT. Symp. 8, 19 ff. 32- 

3) Symp. 8, 2. 24. c. 4, 27 f. 

4) Mtm* IV, 4, 12 ff. IV, 6, 6. 



Di« Persöklicükeit 4«s Sokitaiei. 19 

för gMcbbeliediendi und anderftwo sagt er ^}: des Maniies 
Tagend sei mtop tovg fth^ (pHovg ei nötovrca, t^ig di ix^i^oi^g 
Ttaneig, wie er denn auch die BetrSbniss iber das CHücic der 
Feinde nicht für etwas Unrechtes, 6k eiften q^ofog, aage* 
sehen wissen will ^). Yen, jenem Gehorsam g^e» die 6e« 
setze des Staats hätte Sokrates, seinen AnkUtgeni sofolge^ 
in religiöser Beziehung eine Ausnahme gemacht ; Xeoophoa 
Jedoch (Mjem. I, 1, 22) versichert mit Bei^iimmtheit das 
Oegenthell, und er selbst erklärt (ebend« IV, 3, 15 ffl), dfai 
Gdtter vofitp niXs&tg au verehren, sei der beste Gottesdienst^ 
und setzt in vielfachen Aeusseningen nicht Mos die Rea- 
lität der yotksgdtr^, sondern auch ilen Glauben an ihre 
Offenbarung in Orakdn and Yorbedeutangen verMe ^* 

Bis hieher nun ist zwischen der XenophoAtiscAien und' 
der Platoniachen DarsieUang kein Widerspruch. Wenn Xe- 
nophon seinen Lehrer ais den besten itad gfl&skseligsie&MmB 
preist, so sagt auch der Sofaluss iies Platonischen Phi^do, aeia 
Tod sei der eines dv^^og tmv tots äp inu^i^tme^ a^icxov ncX 
aXlo^g tpQnnimtit&t ^a\ dixctiorArev , wenn jener seine tiefe 
Frömmigkeit rühmt, so ISsst ihn auch die Platonische Apo- 
logie^) sein ganzes Leben dem DieÄ^sie des Lottes weihen, 
und als Märtyrer dieses Gehorsams gegen die göttliche 
Siimilie sterben, und als dea Inhalt dieses Gottesdienstes bei 
zeicho^t sie dasselbe, wie Xenephon, die umfatsMrcndsfe sitt^ 
liehe Einwirkung auf Allej mit denen Sokrates in Berührung 
kam, namentlich die Jugend; w^nn jener endlicli schiageiido 
Beweise von der Bürgertugend und politischen Unerschrocken* 
heit des Sokrat«$ beibringt ^), so weiss auch Plato nicht nur 



1) Mem. IT, 6. 35« 

2) Mem. III, 9, 8. 

3) Mem. IV, 3, 12. I, i, G C IL, 6, 8. IV, 7, iO. Aasbatfi 
IH, U5f. , ' 

4) S, 23, B ff. 28, Bit vgl. Theift 150, C f. 

5) Mem. I, 1, i^ fi. 2, 31 ff. IV» 4> 2. 

2* 



so J>ie. P^rftöaUcblieit de« Sojirates» 

dsMS.GleiGnb oder ganz AjebniiGhes 2» bjBrichleii^) , sondern 
«r ergänzt diesen Bericht noch, durch die vortreffliche Schfl- 
4eru^ jd69 Sfökraies als. Kriegern) ^). Anch den Aationalen 
Cbm^akter nnd 4ie nationale Besehrfinktheit des Sokratischeii 
Standpunkts hatPlato nicht übergangen: erscheint derPhi* 
^osoph.^cbon bei Xc^iophon. keineswegs als ein finsterer As^» 
oet, und heiterem L^bensgendss nicht abgeneigt, uo läs^t 
• Plbto von ihm riihmM ^), dass er gleich geschickt sei, wenig 
and, fiel z^, trinken, dass er Alle mit Trinken überwinde, 
phne selbst jemals betrunken zu werden , und zeigt uns am 
Sctilüss seines Gastmahls den Philosophen, nach einer beim 
Humpen darchwachten Nacht und nachdem er die gante Ge-^ 
sellscb^ift niedergetrunken, seiner gewohnten Lebensweise^ 
als ob nichts geschehen! wäre, nachgehend. Stellt fertier der 
Xehopbontische Sokrbtes seinen Verkehr mit den Jünglin- 
gen, auf die er Einflass zu gewinnen sucht, gerne unter den 
Gesicja^punkt des Eros, so braubht man nur auf das Plato- 
nische Gastmahl einen Blick zu werfen, um sich von der Be- 
d^itung dieser Bosiimmung In der Platonischen Schilderung 
zu überzeugen , und wenn in demselben Yerhältpiss bei 
^jiATo ^) die Sokratische Hebamm^nkunst vorkommt, so ist 
diese nicht nur der Sache nach, wie wir anten noch sehen 
werden, bei Xenophon auch vorhanden, sondern selbst itnt 
^'{(men koHimt «r nahe g(enug: die fjiaar^neia (Kuppler^ 
kunst),. deren sifth der Xenophontische Sokrates rühmt ^), 
i^t nur ein Theil der Mäeutik im Sinne des Theätet 6). Wie 

1) Apal. 32. Vgl. Gorg. 475, E. 

2) Symp..2i9, E ff. vgl. Apol. 28, K. Cliarm. Auf* Lach. l&l. uöd 
was BfiANDis Gr,-röin. Pbil. II, a, 12 anfuhrt. 

3) Symp. 176, C 220, A. 213, E. 223^ ß ffl 

4) Theät. 149, A ff. ^ 

5) Symp. 3, 10. 4, 56 ff. 

• §) Vgl. auch Thefit. 15iy B; wo Sokrates von »ich sagt: ivwu SJ, 
Ol av fiov firi Sü^ojat tkuS iyxl/novse ilvat ttuw Bvftevoje itQOu- 
vwf^at — öjv Ttokloie- fAtv S^ i^i$wxa It^o^Uot u. s. w. mit 
Xen. Symp. 4, 62 (über AntistlieAes, yqn d^m es vorher hiess, 



Die PertönHcbkelt d«s S^iliKaUi: ff 

enge sich aireh der Platontticbe Sdkrates air die Volkar^Migion 
anscbliesst, erbellt aus den bolaanteo Ersihlungen dei^ Apo^ 
logie (8. 2a, E ff.) und des f bädo (S* 118. M, E f. wmhI 
Krho 44, B zu vgl.) imd den besttmniten Erkiävängei^fApolj 
26i, B ff. 35, E, «ml wenn er sieb in der Moral a«f eina» 
freieren Stau dpankt stellt, die stttllebea Pfiiebtsn (in ü^, 
Republik) nieht meKr aas der positiven desetzgebnt^, so»«' 
dem ans dem Wesefi des Cieiitfes ableitet, und im Wider- 
spruch nih denXenopbontischen Stellen dem FeindeUeble» 
zn thiin verbietet^), so bereobtigt - uns dodi nichts, diese 
Aeussernagen mehr, als humlert andere des natooischenr 
Sokrates, auch auf den historischen aa beziehen ^),' wo«" 
gegen die von dem letztere im Krito vnd Pbädo (S. &8,' E) 
berichtete Weigerung^ durch Flocht ans dem Gefängoiss die 
Gesetze zu verletzen^ ganz mit dem van Xenof»hon!übc^lil»r 
ferten Bilde zusammenstimmt.' 



er übe die der SokratiscfaeD fiaarQOjnia nahe verwandte «(io«e-^ 

. pocpio JI^o3tX(i> u. 8. f. . ^ , 

1) Rep. I, 334, B fF. Krito 49. Wenn Meihebs Gesch. der Wiss. 
II, 456 diese Aeussertingen mit den Xenophbntischen durch die 
Annahme ausstigkichen siiehr, dass^es Sohraiet nwar für erliuibl 
gehalten habe, den Feinden (sinnliches} Leid zuzHifügen (naxojs 
Ttotsiy)^ nicht aber ihnen (moralisch} zu schaden, so lauten die 
Platonischen ErltlSrungen hieftir viel zu allgemein 3 erklärt doch 
der Krito ausdnic&lich : ro umnws iromv dv^(fwwoivt v^C üuMt 
oviiv ^«af /^fii. , 

2) Wenn daher Bra^vdis Gesch. der gr.-röm. Philo». 11, a, 47 an- 
nimmt, Sokrates habe nur Abwehr der von Feinden zugefügten 
Unbill oder Wiedervergeltung zugelassen, und Xenophon bei sei- 
ner DarsteUung die weitere Entwiekelhn^ und fernere Detcirmi- 
nation einer Sobratischen Bebaoptung ausser Acht gola^sen, so 
weiss ich nicht, waa uns dazu berechtigen soll. G iebt doch auch 
Bbavns selbst vregen Abist. Bhet. II, 23» 1398, ^, 24 (3t o 
JTMxp. ovK t(ftj ßaüi^uv ws *j40%tXaov vßgw y«t,Q ^rj t2pat to 
fi^ Sivmad'tti tiftiva<j&a$ Oftüiwt tv n»&6vTa viaittg uml ^ xanoßS) 
zu, dass Sokr. die Feindesliebe nieht in dem lauteren SSnn des 
Evangeliums gelehrt habe. : ' ■ - ' 



11 Dt6 ParsÖAlickk«!! des S^kfat««. 

Auch noeh eine Streck« weker geht Plato mä Xeoo«« 
phoA Hand m Hftnc). So tief Sokrales einerseits in griechi«* 
ieben Volksgeiste wiirseIt,,lio auffallend ist andererseits daii 
Ungrieehisofae und bis auf einen gewimen Grad Moderne sei«» 
ner Erscheiniing , ji^nes fremdartige Element, welches ihn 
seinen Zeitgenossen ab einen schlechthin eigeathömlichen, 
mit keine« Andern vergleichbaren Menschen erscheinen 
Kets, ond das sie, umeiiieB geniigenden Ausdruck dafür 
yerlegen, nur als die absoluta Sonderbarkeit, die Tolletadet^ 
^önktf SU beschreiten wissen ^); Näher besteht diese avo^ 
itim^ Aese Unbegreiflichkeit fite das griechische fiewuastsein, 
wie diess Plato ausdrücklich sagt ^) , in der Incong^uens 
der äussern Erscheinung und des innern Gehalts, eine Ineon- 
gruens, die sich im Gegensatz gegen das griechisehe pla« 
stisohe In^an4er beider Seiten tfaeils als eine ZuHtdfrsie« 
hung des Geistes aus der Erscheinung, theils als an jgewalt-* 
sames Hervorbrechen desselben darstellt. Nach jener Bezie- 
hung bat die Erscheinung des Sokrates etwas Prosaisches, 
ja Pedantisches und -^ man erlaube mir den Ausdruck — 
Philisterhaftes, das gegen die gesättigte Schönheit und kunst- 
lenach gebildete Form des griechischen Lebens auffallend 
absticht; nach dieser giebt sie iiich als die unmittelbare Of- 
fenbarung eines höheren Lebens^ dessen Hervorquellen aus 
seinem Innern Sokrates selbst nur als etwas Dämonisches zu 
betrachten wusste. Von beiden Eigenthümlichkeiten des So- 
krati^chen Wesens geben uns Xenophon und Plato nberein- 
stimmende Nachrichten. Schon ganz äusserlich angesehen 



i> Plato Symp. 221^ G: /r«Ala f$kv &vp nv t$9 Hai aklv' 6%oi Jut^ 

. Mpit^ imup^aa* mal ^ai^pLMta * . . Vo ($i. fitfStvl ap&^nmv ofioiov 

ilva^ fjtij€6 rfluf nakaidüp p.^v9 rwv vvt^ ovxwv fovTO aS^ef nav- 

Mal fwrotf Hai o* koyoi avrov ov^' ^YT^ ^^ £'*^'Qoi T*i ^tiiolvt 
oZvt Tttp vvv ovtß rmv naka^u. < VgL S* 215) A die itoiria und 
213« E die ^vfi>99t^ ne/p»Xt} des Soltn 
2) Symp. 215, A f. 221, E f . 



r 



Pie F^rsönlicbJieit des So1(rat^s» SS 

matste die von dem Platoqiacbf n Alcibiadea ^) und dem Xe« 
nophoniUchen Sokra(^£( selbst ^) mit so vielem Humor ge<« 
schilderte Sileüengestalt des Philosophen dem Blii;ke de& 
Griechen den Genius eher verhüllen ak andeuten, ai>er auch 
in den Reden und dem Benehmen des Sokrates lässt sich eino 
gewisse Verstandespedanterie und eine ungriechiscbe Gleich^ 
giiliigkeit gegen die sinnliche Schönheit der Form nicht yer'* 
kennen. Man sehe nur z» B. wie er in den Xenopbontiscben 
Memorahilien III, 3 aus einem Hipparchen seine verschiede« 
nen Pflichten herauskatechisirt, wie umständlich er III, 10, 
9 ff. HI, 11 IKt^e demonsti'irt, welche die Angeredeten 
selbst gewiss schon längst . w«ssten , wie er III, 8, 4 ff« die 
Idee des Schönen gans auf den Begriff des Nütaslioben su« 
ruckfuhrt, M^ie er im Phädrus 230^ D nicht spatsieren gebe« 
will, weil er von den Bäumen und Gegeben nichts lernen 
könne, wie er dem Xen« Symp. 2, 17 ff. sufolge aller anti« 
ken Sitte 8um Trotz ^), zu Hause allein tanzt , um sieb eine 
gesunde Bewegung zu machen, und mit welchen Reflexionen 
et diese seine Gewohnheit vertheidigt, wie er, gleichfalls 
auffallend genug für seine Zeitgenossen, noch als alter Mann 
bei Konnus Unterricht in der Musik nimmt % mit welcher 

1) Symp. 215- vgL Theät. 143, E. 
%) Symp. 4, 19 f. 5, 2 ff. vgl 2,, 19. 

3) Man rergl. in dieser Beziehung ausser dem Piaton. Menexenus 
S. 236, C (dkkd ^hvoi aoi ys SsZ xagi^sa^ah vjare Hav oXiyov ei' 
fjL8 ttsXivoi^ aTroivrra oQx^aaad'ai %a^iaa(fit]v av) und Ciobro 
pro Mur. o. 6 (Nemo fere sakat $obriu4ß tmi forte inmmt) Ofj^ 
III, 19 (Dares hanc vim M.Crasso, inforo, mihi crede, saltaret —^ 
Tgl. ebend. c. 24 Schi.) bei Xenophon selbst die Aeusserungen 
a. a. O. §.17: *Ogx^aofia& vij Jia, 'Evra^a Srj iyikamv anaw^ 
TS f. S* 19: als Charmides . den Sokrates tanzend traff, to gUv 
ys TTQmtov i^tTkdytjv nal itnaa, fiy fjialvoio U. 8. w. 

4) Die Gescbichtlichltett dieses Zugs ist mir nämlich, trotz Hbr- 
M Ali 98 Einrede (De Socr. magistr. et discipl. juvenili 9. 25 ff,)i 
ausser der Stelle im Platonischen Euthydem S.272, C auch dets- 
^egen wahrscbeinlicb , weil der Komiker Ameipstas sonst wohl 
kaum dazu gekommen sein würde, den Sokrates alt Scbüler des 
Konnus darzustellen» 



24 !)<€ Persönlichkeit dos Sokrates. 

pedantischen Aengstlichkeit er im Phädo 61, A f. dem Be* 
fehl der Traumerscheinnng , Masik zu treiben, Folge lei«« 
nteij wie er selbst beim Mahle (Xen. Symp. 3, 2) seiner 
Nütsilichkeitstendenzen nicht vergessen kann — man über* 
blicke diese uiid ähnliche Züge, und man wird eine ge- 
wisse Phantasielosigkeit, eine Einseitigkeit des dialektischen 
und verständigen Interesses, überhaupt eine mit der Poesie 
des griechischen Lebens und der Feinheit des attischen 
Geschmacks contrastirende Prosa in der Erscheinung des 
Sokrates nicht läugnen können^ Sagt doch auch der Plato« 
nische AIcibiades ^), die Sokratischen Reden erscheinen 
beim ersten Anblick ihrer ganzen Form nach lächerlich und 
ungebildet, er spreche da von Last^seln, von Schmiden^ 
Schustern und Gerbern , und scheine immer dasselbe auf 
dieselbe Weise zu sagen — ganz der gleiche Vorwurf, der 
ihm auch bei Xenophon gemacht wird ^). Auch schon den 
Zeitgenossen desSokrates ist so das Unschöne seiner äusse* ^ 
ren Erscheinung aufgefallen. 

Wie aber diese Eigenthümlichkeit selbst nicht im Man* 
gel, sondern in der Ueberfiille des geistigen Gehalts, nicht 
in der Unfähigkeit des Geistes zur Erfüllung der Form, 
sondern in der Unfähigkeit der Form zur vollständigen Dar- 
stellung des Geistes ihren Grnnd hat, so sehen wir auch 
andererseits wieder den aus der äussern Erscheinung zu- 
rückgezogenen und in der Tiefe seines Innern arbeitenden 
Geist des Philosophen in plötzlichen , die Stetigkeit und 
Klarheit des iBewusstseins zerreissenden Stössen hervor- 
brechen. Sokrates war nicht nur, dem Obigen zufolge, im 



1) Symp. 221, E. 

2) Mem. I, 2, 37: o Si X^tnias^ aXlA rwvdi rol oe an^x^^^h *V"/» 
dtyath ta ^oix^arcp, twv oxvriotv x«i rot» tsxtopwv xal -rviv y^al- 
niwVf 9cal yaQ olfiat avFovS ijStj naraviTgifp^ai StadQvklovfittove 
vTio üov, Ebendas. IV, 4, 6 : mAI 6 fisv 'licniai — «* .yag av, 
l»prj^ ta JVvx^rtf«, ix$7pa td avvd liye&Sf a iyfo ndka^ itozi aov 
ijxovaa ; 



Die Persönlichkeit des Sohrates« 25 

Allgemeinen überzeugt, dags er im Dienste der Gottheit ^) 
stehe und whrke, sondern diese Uekerzengung wurde bei 
ihm anoh zum Glauben an höhere, dämonische Eingebnogeo, 
die ihm zu Theil werden. Bei diesen dämonischen Einge- 
bungen pflegte nun «chon das Alterthum an Offenbarungen 
eines besonderen, persönlich sobsistirenden Genius zu den* 
ken ^), und auch in neuerer Z^it war diese Ansicht lange die 
herrsehende ^)^ Dass freilich ein sonst so besonnener Mann, 
wie Sokrates, in einer so schwärmerischen Vorstellung be- 
fangen gewesen sein sollte, mnsste seinen modernen Ver- 
ehrern leid thun, man suchte ihn daher theils mit dem all*- 
gemeinen Abefglauben seiner Zeit und seines Volkes, theils 
auch mit einer eigenthumlichen körperlichen Disposition zur 
Schwärmerei zu entschuldigen ^), wenn man nicht gar das 



1) Diess nämlich ist die entsprechendste UebersetKung des bei Plale 
so oft vorltoinmenden 6 ^euc, sofern dieser Ausdruck nicht einen 
bestimmten, einzelnen Gott, aber auch nicht «Gott« schlechtweg, 
d. h. den Einen Gott des Monotheismus, sondern nur das kon- 
kret angeschaute &:7ov bezeichnet 5 statt o {^eof steht daher auch 
wieder das populärere ol &so}j bei Xehophon das Gewöhnliche. 

2) Schon die Anklageakte gegen Sokrates scheint das Sokratische 
Dämonium so rerstandeh zu haben, wenn sie dem Philosophen 

' schuldgiebt , an der Stelle der Staatsgötter srs^a utuva Satfioput 
einzufuhren. Später ist diese Vorstellung fast allgen^ein ; so bei 
Plxjtabch De ^enio Socratis c. 20 u. ö., bei Apvlktüs De Deo 
Socratis, bei den Neuplatonikern. Doch erwähnt Plütarch c. 11 f. 
und nach ihm Apulejus auch der Meinung, dass unter dem Da* 
monium nur das Ahnungsvermögen des Sokrates zu verstehen 
sei, vermöge dessen er aus Vorbedeutungen (Niesen u. dgl.) die 
Zukunft errieth. 

3) Vgl. ausser vielen Andern: TiiDEMikvir Geist der spekul. Philo- 
sophie If, 16 flF. Mbtnebs über den Genius des Sokr. (Verm. 
Schriften III, 1 ff.) Gesch. d. Wissensch. II, 599. 558 ff. Buhle 
Gesch. der Phil 371. 588. Krttg Gesch. der alten Phil. S. 358. 

4) Der erste von diesen Entschuldigungsgründen findet sich allge- 
mein. Eine besondere körperliche Disposition ftlr Ekstasen hatte 
schon Marsilios Ficinus bei Sokrates angenommen, wenn er die 

/ Empf^'nglichkeit dieses und anderer Philosophen für dämonische 
* Offenbarungen aus seinem melancholischen Temperament ablei- 



M Die Persd^nlichKeit des SokratiM. 

Vorgeb«n dämoniscfaer Offenbarungen gerailtsa {fir itm Er« 
zengniss einer poHtisthen Berechnung ^), oder auch der 
Sokratttchen Ironie ^) hielt, Ist indegsen die letalere Behanp« 



tele (Theol. Piaton. XIU, 2. S. 287 der Basler Ausg.). Auf 
dieselbe Hypothese lomen l^^euere zurück, um sich daraus die 
IVlöglichkeit des Dämoniamsaberglattbens bei Sokrates eu erklä«* 
ren* So Tibdejkahs a. a. 0. )»der bohe Grad von Anttreagung« 
welchen Zergliederung abstrakter BegrifTe heischt, hat bei gewis- 
sen Körperbeschaffenheiten die Folge, dass Neigung zu Ekstasen 
und Entzückungen mechanisch entspringt.« i»Sokrate& war sor 
gebildet, dass tiefes Klichdenken bei ihm stärkste VcrschUessung 
der Empfindungs- Werkzeuge bewirkte und am nächsten an die 
süssen Träume der Ekstatiker grenzte.<^ »Die zu Ekstasen ge- 
neigt sind, ^nehmen plötzlich aufsteigende Gedanken für Eiogc« 
buagei^ Auch lä^st ihre besondere Hörperhescbaffenheit diess 
bald begreifen: der ausserordentliche Gehirnszustand in Ent- 
zückungen hat Einfluss auf die Nerven des Unterleibes und macht 
sie reizbarer: gleich nach derMahkeit den Verstand stark ange- 
strengt oder in anhaltendem Nachdenken erhalten giebt besondere 
Empfindungen in den Hjpochondrieen^ u.s. w. u.fi.w. ' Aehnlich 
Mbiners Venu. Sehr. lU , 48. Gesoli. d. Wissensch. H, 538 ff. 
Vgl. Schwarze, historische Untersuchung: war Sokrates ein Hypo- 
cbondriat? angef. von Kbüg Gesch. d. alten Phil. 2* A« S. 163, 
wo überhaupt die äHere Litteratur über das Sokratische Dämo- 
niiim verzeichnet ist Ergänzungen dazu aus der französischen 
Litteratur s. bei Ulüt Du Demon de Socrate S. 163. 

1) Pi.B6SiN<» Osiris und Sokrates 185 ff« (angef^ von Wiggkbs Sokra- 
tes S. 40). 

2) Fbagdieb Sur Tlronie de Socrate u« s. w. in den Memoires de 
TAcademie des Inscripttons IV, 368 C Fr. stellt hier die Ansicht 
auf, Sokr. habe mit seinem Damonium nur seine natürliche Klug- 
heit und Combinationsgabe bezeichnen wollen, die es ihm mög- 
lich machte, über Zukünftiges richtige Vermuthungen aufzustel- 
len. Mit einer ironischen 'Wendung habe er diese als Sache .des 
blossen Instinkts,, des &stov oder der ^eJa f$o7g<$ dargestellt, und 
sich dafür des Ausdrucks Siufi4viov und ähnlicher bedient, ohne 
doch damit einen g-enim famitiai-is bezeif^bnen zu wollen« da üai^ 
fiov. hier nicht substantivisch, sondern adjelutivisch zu nehmen 
sei. Ebenso Rollin Histoire ancienne I^, 4, 2 (B< IV, S. 360 
der Ausg. vom J'. 1737). Auch BARTniLEMY Voyage du jeune 
Anacharsis eh. 67 (Bd. V, S. 289 f. 299) behandelt dib Aeusse- 
rungen der Platonisdien Apologie über das Damonium als »plai- 
^atuerief, und will« es uoenUchieden lassen ^ ob Sokr. durchaus 



Die Persönlichkeit des Socratei. fff 

tofig imvoreiBbar mit dem Tone, in^dem der PlatODisdift wi« 
der XenophontMche Sokrates T<m seinem däoMMHsehen ZeU 
eheo redet, und der Bedentung, die er demselben aoeh in den 
wichtigfirten Angelegenbeiteii beilegt ^)y ßo ist von der Ab* 
leituDg des Dämomum «as einer krankhaften körperlichen 
Reizbarkeit nicht mehr weit zu der Annahme, daes daa^ 
gelbe die Einbildung eines Verrückten ^ und der grosse Re«> 
formatoc der. Pbilosopihie weiter nichts, als ein Wahnsinniger 
gewesen Sei^). Für nns sind alle diese Erklärungen entbehr* 
lieh, seit 8c»JLBiRäMA<hiER ^) nnter allgemeinem Beifall der 
stimmfähigsten Benrtheiler ^) gezeigt hat, dass unter iMß 



- 1 



in. ifutem Gliuil^ea von ^ioem Genius gesprochen babe« Andere, 
welche diese Vermuthung theilen, s. bei Lelvt su a. O. S. 16S. 

i) Vgl. Xenophon Mem. IV, 8, 4 ff. 

' 2) Waclidem Frühere sur sehüdtfierner toü Schwärmerei und Abei*- 
glauben des Solirates gesprochen hatten, hat neuerdings Lelvt 
(Du Demon de Socrate 1S36) in ausführlicher Unterauehung den 
Beweis ' zu liefern unternommen, que Socrute Hak ttn fou — eine 
Kategorie, in die er übrigens (s. S. 17* 148) nicht blos einen 
Gardanus pder Swedenborg, sondern auch einen Lutbert Pascal, 
Rousseau' u. A. mit subsumirt Den Hauptbeweisgrund bildet 
Üim die Behauptung, dass Sokrates nicht allein an die Realität 
und Persünlichlieit seines Dämoniums geglaubt,, sondern auch in 
häufigen Hallucinationen seipe Reden förmlich sinnlich xu hören 
gemeint habe. Die historische Begründung dieser Behauptung 

' freüich bedarf für solche, die den Flato richtig cu erldären und 
Apohryphisches von Aechtem xvl sondern Tvissen, liaum der 
Widerlegung, wie denn überhaupt die ganze Schrift von Lelvt 
ein merkwürdiges Gemenge scharfsinniger psychiatrischer Bemer- 
kungen mit den plumpsten philologischen Missverständnissen und 
einem fabelhaften Mangel an historischer und 'litterarisclier Kritik 
in Verbindung mit grt>bem philosophischem Maierialismu&,darstellt. 

3) Pklons Werke I, 2, 432 t vgl. das oben (S* 36,2) aus Fbagvibb 
Angeführte. 

4) Bbasdis Gesch. d- gr.-röm. Phil, II, a, 60. Ritt kr Gesch. der 
Phil. 11, 40 f. HsBicANN Gesch. u. Syist. d. Plat. I, 236« Sochbb 
üb^r Platons Schriften S. 99 ff. Cousin in den Anmm. zu sei- 

-ner Veberset^ung der Plat. Apolegie 8. 87 ff* Vergl. Hegel 
Gesch. der Phil. II, 77» Auch Ast (Platon's Leben und Schrif- 
ten S. 482 f*} 9 wenn er gleich das dcn^^oviop der Apologie sub- 



/ 



/ 



K Dit PersÖnlicblteit des Sohrates; 

Dämanium im Sinne des Socrates überhaupt kein Genivs; 
keine besondere, diskrete Persönlichkeit, sondern nur die 
«nbestimnite Idee einer dämonischen Stimme, einer glitt« 
liehen OiSenbarung, 2u verstehen sei. Nirgends in einer 
Platonischen oder Xenophontischen Schrift ist wirklich von 
dem Verkehr eines Genius mit Sokrates die Rede , sondern 
immer, nnr von einem ^f^onor, einem daifwpiop afjfAetov ^)j 
einer gxuf ^ ^), die dem Sokrates zu Theil werden, daron, 
dass xo daifiöPiov ihm etwas kundthue ^). Darin liegt aber 
nur, dass sich Sokrates einer göttlichen Offenbarung in sei« 
nem Innern bewusst war, über die Quelle dagegen oder 
die Person, von der dieselbe herstamme, enthalten alle 
diese Aussagen nicht das Geringste, eben ihre Unbestimmt- 
heit zeigt vielmehr deutlich genug, dass sich weder Sokra- 
tes- noch seine Schüler darüber irgend eine bestimmte An- 



stantiTisch in der Bedeutung Gottheit gefasst witaeh will, denkt 
doch dabei nicht an einen Genius, sondern nur an das &s7or 
überhaupt. 

1) Plato PhSdr. 242, B: t6 Soufiovtop rs Mal ro itoß&of fjrjfiuvv 
fioi yfyfto^a$ iy^viTOj xai tira tfiuviiv iSo^a avtod'sv $LHOvaai. 
Rep. VI, 406, B: to Batuovtov afjfMtov, £uthyd/272, E: tyi- 
vito ro iUQ&ot otjfibtQv ro da*ji6vtoy. Apol. 40: t6 t^v &eov 
orjfAhtov — ro siat&oQ orjuuov. 

3) Plato Apol. 31, D: ifiol Si tovt' eartP in iteudof d^a/ievovj 
(puivrj t%Q y^yvofjiiv^ u. s. w. 

3) PirATo a.a.O. on fioi &676v Ti nal ßaifAoriop ytyvlva^* S. 40, A: 
t) el(h&vtd ftoi fiavT$Mt} jj rov Butfiovtow Tbeät 151, A: to y*y- 
vofM^rop fiot, Satuopiop. Xenophoit Mem. I, 1, 4: to dätfioptop 
^tptj aTfjtietiptip, IV, 8, 5: ^vavTita&^ ro SäiftoPtoif. Selbst die 
unterschobenen Schriften, die Xenophonfische Apologie (§. 4 ff* 12), 
der Platonische erste Alcibiades (am Anfang) und der Euthyphro 
(3, B) führen nicht weiter, und so Mäbrcbenhaftes der Theages 
über die Wahrsagerei des Damonium zu berichten weiss, so 
drückt doch auch er sich durchweg unbestimmt aus, da sich 
auch die tfotvfj rovj Batuoviov, S. 128, 'E als Genitiv der Ap- 
position erldaren liesse. Die Unachtheit des Theages bedarf 
übrigens, trotz Sochkbs Widerspruch, keines weitern Beweises^ 
besonders nachdem sie auch Hbrmann (a. a. O. S. 427 ff*) er- 
schöpfend dargethan bat. 



m ' 



Die Pertönlichkeit des Sokrates. 

«ieht gebild^ hatten ^). Den Gegttistand dieser OffenbaroDg 
bildet die Zweckmässigkeit oder UnzweckBiässigkeit ge* 
Avisser Handlangen binsichtlich ihres kukanftigen Erfolgs, 
oder genauer nur die letztere'); das dämonisch^ Zeichen 
-tritt dem Sokrates . tfaeik in der Ansfubrnng eigener Ah* 
-sichten in den Weg, theils treibt es ihn andi, Andern fik 
ihre Plane einen ungänstigen Erfolg voranssosagen, nnd ans 
diesem Gr;]nde Ton denselben abzurathen, wogegen von philo^ 
sophiscfaen Lehrsätzen oder sittlichen Belehrungen, die es 
ihm erthcilt hätte, nicht allein nichts berichtet, i^ondern auch 
dieses ganze Gebiet von Sokrates selbst ausdrückHch aus der 
Sphäre der göttlichen Offenbarung ausgeschlossen und der 
besonnenen menschlichen Erwägung zugewiesen wird ^). 

1) Ziemlleh gleichgüUlg ist es dabei^ ob man dea Ausdruck ro dat- 
(jLvvuiv substantivisch oder adjektiviscli fasst. Das Richtige ist 
>vohl, dass ilin Xenophon substantivisch gebraucht. := ro Qzlov 
oder J t'^cuff, Fli^to dagegen adjektivisch, wenn er ihn durch ^ai- 
fioviop atffielov erklärt und sagt Sai/u,6vi6v fioi ylyveTai, 
Wenn daher Ast (a» a. O.} gegen die Erklärung des Satfiovia 
durch Saifioi^tA Tr^ayfiavm in der Platonischen Apologie den Xo- 
nophon zu Hülfe ruft, so ist das fAtvaSpLai^ sls aXXo yhos, 
Uebrigens zeigt aueh diese Differenz zwischen Plato und Xeno- 
pbon, wie unbestimmt Sokrates von seinem Dämonium geredet 
haben muss. 

3) XjtNOPHON Mem. I, 4 vgl* Apol. 12. sagt: nollots rviv ^waytutv 
TTQOTjypgevs rd (Atv TtoistVy rtji Ss fii/ TroieiPj vU tov Stu/iioviov 
irQooTjfiaivovToQ^ und ebenso Mem. IV, 3, 12, die Götter verküiy 
den dem Sokr. ä re x^V '^otetM netl m fii) , bei Plato dagegen 
Apol. $1, D versichert Sokr., das Dämonium halte ihn nur von 
der Ausfuhrung einer Absicht ab« nie aber treibe es ihn an, and 
aueh in allen übrigen Stellen, wo. des Dämonium Erwähnung 
geschieht (auch Mem. IV, 89 5)« erscheint dasselbe nur verhin- 
dernd, nie .antreibend. Mit Recht ist aber dieser scheinbare Wi- 
derspruch vielfach durch die Bemerkimg gehoben worden, Plato 
habe hier das Genauere, dad Dämonium habe unmittelbar 
nur ■ abhaUend) und nur mittelbar auch antreibend gewirkt» sofern 
das Nichtverbieteo ein Erlauben, das Verbieten des Einen ein 
Bathen des Entgegengesetzten ist 

S} VgL ausser den oben abgeführten Stellen , welche säm^llich der 
dämonischen Stimme nur mit Besiehang auf kdi^ge Erfolge er« 



80 l>ie Persönlichlieit d^es Soktatea. 

'.Das Dämämain jM ahd mtt*Einetii Wort ein inneire» Orlit 
keil, wie es dean ausdrücklich von Xenöphon ^) undPidiTo^) 
unter den allgemtioen .Begriff der pLUvctta substtniirt winl. 
Wollen wir uns nun diase innere Offenbarung mit Katego^ 
rieen oaserer Psychologie klar machen , so gellt far^s Erste 
atfs dem Bisfaerige'ii hervor, dass dieselbe nicht, mit Ael^ 
teren und Neueren ^)^ vbn der Sttaime djes Gewissens erklärt 
werden darf.. Qieses bezieht sich immer nad Weseatlicfa aaf 
die siitlieba Beschaffenheit unsers Handelns, indem es theils 



wäbnen, Mem. I, 1, 6 'ff.: ra (itv dvayKaia awlßovXsvs nal 

ojrw9 Sv ttnoßi}<foiTO ftttPTSfiaofiivov^ sntfiTtip el ^otJjria — *• 
TtHTßptiiov fiiP y<i^ ^ jj^aXae^vrtJioi' 17 yetit^Mov 9 a0&(fion(ftp dgr 
%Mov 1} Tojv Totovrwv l'(jy(uv i^traoTixop ij XoytOTtnov ^ oinovo- 
/AMOv fj aTQattjyiDtov yev&o&ntti navta rd rotavra fta'&i^uaTU xal 
dv&^dnov yvwfxrj al^tia tpdfju^sv ttvat* ra Si fiiygürtt rmv iv 
toitot^i l'(f>9i T0V9 &€0vs iavTo79 xarakainBod'a^ Dieses Grösste 
aber ist nach %» 8 nur der sukünfüge äussere Erfolg einer Hand- 
lung. Jaiftov^y Ss , hcisst es demgemass weiter y vovs fiavxsvo- 
fitpovs , d Toif dv&pojiTOiS sSujHap oi ■O'ca» fMi&ovo*' SiamQii'Siv 
u. s. w. . Was aber bl^r Ton der Mantik überhaupt gesagt wird, 
gilt auch von der Sokratiscben Mantik , oder dorn Dä'monium. 
Vgl. Mem, IV, 3, 12, wo die Bemerkung, dass die Götter dem 
Sokr. vorbervediünden, was er tbun solle, aus dem Vorhergehen- 
den 8^d fiavTtxiji roiS. irvvd'atOfiivoi.Q f^a^ovrttQ td dnoßtjaofitvay 
xal 9iödanopTai rj av agtar» yiyvotvro Sich genögend erklärt. 
Das dgioTöp ist hier das Ntttsliehste. 

1) Mem. 1, 1, 5 -ff. IV,' 3» 12, vgl ApoL 12. 

2) Apol. 40, A (s. o.) Pbädr. 242,0. vgl. Ealhypbro 5, B. 

5) So STiPFBB (Biographie universelle T. XLII, Socrate S. 531), 
d^r' unter dem Dämonium des Sokr. son sens tnoral p^rsonnifie et 
trnmformi en monkeur divin versteht^ ebenso Bbabvis Gesch. der 
gr.-röm. Phil. II, 61, wenn er die dämonische Stimme als »Er- 
höhung und Erweiterung des inneren Sinnes ^er des Gewissens« 
bezeichnet), Bötscbks ArisÄophänes und sdn Zeitalter S. 256, , 
wenn er sagt, es sei damit »das Wesen des Gewissens angedeutet«, 
Und thoilweise auch Marbigh Ge6t>h. d. Phil« I, 183 mit der Be- 
merkung, das Dämonium habe dem Sokrates den Willen der 
Gottheit geoffenbart, es fsei »einentbeils Gewissen, anderntheils 
bei Weitem mehr, die ganze Innerlichkeit des Geistes, wie sie 
«ieh dem Bewusstsein beim einzelnen Falle kund that«« 



Die Persönlichkeit des Sokratea Sl 

als geseUgeb'endea die aUgemeine sittliofae Noim auhtelil, 
tbeils als nchteodes nnd regierendes diese Norm anC dift 
einzelnen, vergangenen oder zaknnftigftn Handinsgen an«, 
tvendet. Das Sokrattsche Dämoniara dagegen hat es wadar 
mit der. allgemeinf^n sitilichen Norm zu tbno, die ja gerade 
nach Sokrates Saohe der klaren Einsieht sein soll; noch 
auch mit der sittlichen Eescbaffenheit schon voUendfiter 
H^adlun^en ; aber auch die zakOnfiigen , v auf die es sich 
allein bezieht, kommen bei seinen Wafrilungea nieht nach 
der Seite ihrer sittlichen Werthschätzung , sondern nur nach 
der Seite ihres Erfolgs in Betracht, nor dieser ist das des 
Mensch^ Yerborgeney dessen Keiinimss die Gottes sich Tor^- 
behalten haben, ffir das daher Sokrates theils auf die Mantik 
überhatfpt, theils auch auf sein Dämonium verweist, dato 
ffitrliche Haaddn dagegen kann und scdl durch deutliches 
Wissen bestimmt sein: es sei verrückt, sagt der Xanophon- 
tische Sokrates,! j[«s^£v«<r^(tt, ä TOtg ä$fd^(onoig IdoiXiXf oi &€ol 
lia&ov<n iiav^irBip , dass aber das sittlich Gute i|nd Schlecht« 
ein solches sei, tnüssten wir bei dem Philosophen, der die 
Tagend aufs Wissen* zurückgeführt hat, selbst daitn vor^ 
aussetzen, y^^mi seine ausdrücklichen Erklärungen weniger 
bestimmt würan,..als sie es sind ^)* Ebensowenig darf ab<)|r 
ditt' /dftmoniacfae Stimme mit dem allgemeinen 'Glauben des 
Sokrates an seiqe gottlicKe Berufung zum Philos^phireli ven- 
wechselt werden^), denn ausserdem^ dass diese Annahme 



1) Sokr. rechnet ja Mem. I, 1, 7 zu dem, was in der Macht des 
Menschen liege, auch das dvd'Qwnmp a(>;^«»dv ysvia&äi und Aehn- 
liches, und unterscheidet 111,9, 14 die tvitQn^iA von der evtvxia 
so, dass jene daCrid begehe fitj Ct^ovpra t7HTv.%uif twjl t£p dtov- 
T(av^ diese darin, fiad'ovta r* mal ji^iXettiaüvra iZ itoiatvi Gegen- 
stand der Mantik aber ist nur, was nicht gelernt werden kans, s. o. 

S> Wie 4iess z. B. Msisjcas tfaut (Verao. Sehr. III, 34) und noch 
auffallender Lbiot an vielen Stellen seiner Schrtft^ wie S. 113 ff., 
wo der .^^o?, von dem Sokr. im Theätet seinen maeuttschcn Be- 
ruf ableitet, geradeeu als Beweis für seinen Glauben an eiuca 
Genius gebraucht tvhrd. > 



32 Die Persönlichkeit des Sokratei. 

der Platonkebfen Aog^be über die Art ibrto Wirkeiift ( der 
Behaiiptung, dass sie nicht geboten sondern ndr abgemahnt 
habe) za auffallend widerspreoheii wiirdei, stellt ihr auch die 
gana^ Schilderung des Dämoniums entgegen: von diesem 
'Werden, immer nur einaelne Handlungen abgeleitet, es 
widejrräth z. B. dem Sokrates in einzelnen Fällen, abtrünnig« 
Freunde wieder in seine Gesellschaft zuzolassen ^), wo es 
sich dagegen um den philosaphischen Beruf des Sokrates im 
Allgemeiaen handelt, da wird dieser nicht auf das Dämo* 
nium, sondern auf den ^eogy die Go<,theit überhaupt zurück* 
geführt^), und nur als eine besondere Unterstützung für dieseli 
Beruf wird das dämonische Zeichen betrachtet, sofern es 
flümlich den Sokrates abhiek, durch Beschäftigai^ mit^ der 
Politik sdner philosophischeo Bestimmung untreu zu wef** 
den ^)* Demgemäss werdi^n wir nun das Sokratische Dämo- 
9tttm, psychologisch angesehen, nur für «das halten können, 
wofür es auch in ' der Hauptsache von den meisten Neu^reo 
erklärt wird, für ein Vorgefühl über Zuträglichkeit oder 
Schädlichkeit gewisser Handlungen, für ,ydie innere Stimme 
des individuellen Taktes, der dem treuen und anhalteiiden 
Beobachter der Welt und des Menschenlebens am Ende 
gleichsam zum uawillkührlichen Bestimraungsgrunde wird^' ^), 
eine innere Stimme, die sidh theils aus der Lebenserfebruag 
und dem ^harfblick des attischen Weisen, theils aber auch 
««s setner Selbsterkenatniss, seinem Bewusstsein über das' 
seiner Individualität Angemessene^^ natürlich erklären lässt. 



1) Theät. 151, A. 

3) Plato ApoL 23, B fF. 28, B fL Theät 150, C ff, 
5) PiATO Rep. VI,. 496, B f. Apol. 31, C t « 

4) Hkrmann Platonumus I, 236. 

5) Auch dieie Bestimmiuig mit aufsiuiehtnen nütliigt um theils die 
cfoenangeftUirte Bemerkung des Thca'tet 151, A, theils und beson- 
ders die Notiz (Xeh. Mem.IV,8,5. Apol. 4. vgl. Pla.to Apol.40), 
dass das Damonium den Sohi;. abgehalten habe , auf seine Ver- 
theldigung Tor Gericht zu sinnen. Der eigentlijche Abhaltungs- 



Die Persönlichkeit des Sokrates. SS 

deren psychologischer Ursprung sich aber dem Blicke des 
Sokrates rerborgen und dem Geiste seiner Zeit gemäss in 
den Glauben an eine nnmittelbare göttliche Offenbarung 
verwandelt hatte. So wenig aber hienach der Inhalt dieser 
dämonischen Offenbarung^ als etwas besonders Charakteristi* 
sches zu betrachten ist, so sehr ist es ihre Form. ,,Im Dä- 
mon des Sokrates", bemerkt Hegel treffend ^), ,ykdnnen wir 
den Anfang sehen , dass der sich vorher [in dem griechi- 
schen Orakelwesen] nur jenseits seiner selbst versetzende 
Wille sich in sich verlegte und sich innerhalb seiner er- 
kannte"; indem Sokrates an die Stelle der sotistigen Zei- 
chen und Vorbedeutungen die unmittelbaren Aussprüche 
seines Innern setzt, so hat er ebendamit die vorher vom 
äusseren Objekt abhängig gemachte praktische Entschei- 
dung in's Subjekt verlegt. « Zugleich aber , worauf IJegbl 
gleichfalls hinweist ^) , ist dieser Fortschritt hier noch mit 
dem Mangel behaftet, dass die freie, sich selbst durchsich- 
tige Subjektivität sich noch nicht für alle Fälle die letzte 
Entscheidung zutraut, sondc;rn für einen Theil der Hand- 
lungen, für das Grebiet des Zufalls und der Willkuhr, fuel- 
fach erst die bewusstlose, selbst wieder in der Naturform 
des blinden Instinkts wirkende und darum ihrem eigenen 
bewussten Leben als ein Anderes, als göttliche Offenba- 
rung gegenübertretende Subjektivität den Ausschlag giebt. 
„Der Genius des Sokrates ist nicht Sokrates selbst, son- 
dern ein Orakel^^, „ein Wissen, das zugleich mit einer Be* 



griind war offenbar, dass diese Beschafllgung mit seinem eigenen 
* Schicksal der philosophischen Individualität des Sokrates zuwider 
war, dass es gegen seine Natur war, sich anders, als durch seine 
unmittelbare Selbstdarstellung, zu rertheidigen ; ihm selbst jedoch 
stellt sich auch diess dem allgemeinen Ghtirakter des Dämonium 
gemäss. so dar, dass ihm die Gottheit offenbart, es sei ihm e u- 
' träglicher, sich nicht Vorzubereiten. 

1) Rechtsphilosophie §. 279. S. 369. 

2) Gesch. der Phil. II,* 77. 

Die Philoiophie der Cnechen. H. Tbell. 3 



a Die Persöolichlieit des Soltrate». 

wnsstbsigkeit verbunden ist/^ Die Bedeutang dieser Er- 
icheinung liegt also darin, dass sich in ihr einestheils die 
Zurückziehung des Sokratischen Geistes aus der Aussen- 
weit in's Innere der Subjektivität, andererseits die hier noch 
vorhandene Unfähigkeit zu vollständiger Gestaltung des Le- 
bens aus der bewussten Subjektivität heraus darstellt. 
Beides ist aber Ein und dasselbe ; indem hier das abstrakt 
Allgemeine der Subjektivität im Gegensatz zur Aussenwelf 
als das alle Wahrheit Enthaltende ergriffen wird , so ist 
das Subjekt ebendamit noch nicht dazu gekommen, auch 
seine einzelnen Thätigkeiten mit seinem Selbstbewusstsein 
zu durchdringen, und diese erscheinen noch als die Wir- 
kungen eines praktischen Instinkts. Kein anderer Grund ist 
es auch, woraus wir uns die mit dem Dämoninm vielfach 
in Verbindung gebrifchte Eigenthümliehkeit diBS Sokrates zu 
erklären haben, dass er oft längere oder kürzere Zeit gegen 
die Aussenwelt völlig abgeschlossen in Nachsinnen verloren 
dastehen konnte ^) ; denn mag auch bei dem bekannt^en Vor- 
fall in Potidäa wirklich ein kataleptischer oder ekstatischer 
Zustand mit in's Spiel gekommen sein, so sagt doch Plato 
ausdrücklich, dass dieser sowohl als die verwandten Auf- 
tritte im Nachsinnen über schwierige Gegenstände ihren 
Anlass hatten. Es ist. dieselbe abstrakte Vertiefung des Gei-» 
stes in sich selbst, dasselbe Ringen mit einer noch nicht 
zur vollen Klarheit des Bewusstseins herausgearbeiteten 
Idee,. Welches den Sokrates das einemal in ekstatische Be- 
trachtung versinken, das anderemal aus einer seinem be- 
ivussteii Geistesleben jenseitigen OQenbarung heraus han- 
deln lässt. Die gleiche Zurückziehung aus der unmittelbaren 
Wirklichkeit haben wir aber auch schon oben als die Quelle 
^es Prosaischen und Silenenhaften in der Erscheinung des 
Sokrates kennen gelernt. Die zwei dem ersten Anblicke 



1) Plato Syrap. 174, D ff. 220, C f. 



Die Philosophie ctes Sbltrates. S5 

nach fia weit ans einander liegenden Züge, das prosaisch 
verständige und das scfawärnierische Element in dieser £r- 
scheinang, haben so Einen gemeinsamen Grand, was den 
Sokrates auch schon seinem persönlichen Charakter nach 
von allen seinen Volksgenossen unterscheidet ist eben diess, 
dass in ihm zuerst der Bruch zwischen dem Inneren des 
Snbjekts uäd seinem äusseren Dasein in die plastische Ein- 
heit des griechischen Lebens gekommen ist. 

Welches ist nun aber die allgemeinere Bedeutung die* 
ser EigenthtimKchkeit und welche Form hat sie fiir das 
Denken des Sokrates angenommen! Diese Frage fuhrt zu 
der UntersuchtHig über seine Philosophie über. 

§.15. 

Die Philosophie des Sokrates. 

Hält mau sich für die Autfassung des Sokrates zu- 
nächst an die Xenophontische Darstellung, so könnte es 
scheinen, als ob die philpsophisdie Bedeutung dieses Man- 
nes nicht sehr gross sein könne; was uns Xenophon in 
ihm schildert, soll ja (s. o. S. 16) seinen cfigenen Erklä- 
rungen zufolge nicht der Philosoph, sondern nur der vor- 
trefiUcbe und schuldlose Mensch sein. So hat sich denn auch 
an Xenophon besonders in älterer und neuerer Zeit die 
Ansicht angeschlossen , als ob Sokrates , allen spekula- 
tiven Fragen abhold , nur ein populärer Moralphilo- 
soph und überhaupt weniger eigentlicher Philosoph, als 
ethischer Jugenderzieher und Volksbildner gewesen sei ^). 



1) Wie verbreitet diese Ansicht in der früheren Zeit Tvar, braucht 
nicht erst durch besondere Belege, deren uns von Cicebo bis 
auf WiGGEBS und Reinhold herab eine reiche Ausbeute zu Ge- 
, « bot stände, erwiesen zu werden, dass sie aber auch jetzt noch 

nicht ganz Terschollen ist, zeigt ausser solchen, die der neuesten 
Wissenschaft ferner stehen, wie tan Heusde Charactertsmi S. 53> 
selbst ein Schüler der Hegel'schen Philosophie, MAasACH näm- 

3* 



N - 



S6 Die Philosophie des Sokrates, 

Unbegreifliqh \i'ltre dann aber freilich die Wirkung, welch« 
Sokrates nicht blos auf unselbständige und unphilosophisch« 
Köpfe, sondern auch auf die Geistreicbisten ndd Spekula- 
tivsten seiner Zeitgenossen. geübt hat, unbegreiflich die Rolle, 
die ihn Plato in seinen Dialogen spielen lässt, unbegreif- 
lich die Thatsache, dass die ganze spätere Philosophie bis 
auf Aristoteles herab, ja selbst noch die stoische und skep- 
tische Schule in ihm den ersten Begründer einer neuen 
Epoche gesehen, und ihre eigenthumliche Richtung auf die 
von ihm ausgegangene Anregung zurückgeführt hat; Aber 
auch in den unmittelbaren Berichten über Sokrates and sein 
geistiges Treiben findet sich mehr als Eines, was jener 
Vorstellung über ihn widerspricht. Dehn während man nach 
dieser voraussetiien müsste, alles Wissen habe ihm nur 
insofern Werth gehabt, inwiefern es als ein Mittel fur's 
Handeln betrachtet werden konnte, so bezeugt die Geschichte 
vielmehr das Umgekehrte, dass er dem Handeln nur inso- 
weit einen Werth beilegte, als dasselbe aus richtigem Wis- 
sen hervorgegangen ist, dass ihm der Begriff des Wissens 
der höhere war, auf den er den des sittlichen Handelns 
oder der Tugend zurückführte, und die Vollkommenheit 
des Wissens der Maasstab für die Vollkommenheit des Han- 
delns^), und während er nach der gewöhnlichen Voraus- 



lich, wenn er In seiner Gesch. der Philos. I, 174. 178. 181 ge- 
radezu behauptet, Sokr. habe ^die auf allgemeine Kenntnis« ge- 
richtete spekulative Pbilospphie für überflüssig, eitel und thörioht 

. gehalten«, sei »gegen alle Philosophie, nicht nur gegen die So- 
pliisten, als Scheinweisheit zu Felde gezogen«, sei »überhaupt 
nicht Philosoph gewesen.« Vergl. dagegen Jahrbb. der Gegen- 

, wart 1843, Oktbr. S. 247. 
1) Aristoteles Eth. Nik. VI, 13. 1, 44, b, 17. 28: ^(anQavTjS .. 

. (p^ovi^asis (j^fTO £iya& ndaas rds d^s^ds* .. ^(uMQdvtji fihv ovv Au« 
yovi rac dgstd^ ofsro itvai, intori^fias yaQ sivai naaai. . Ebend. 
III, 11. 1116^ b, 4: o^fv «ai o ^ojx^dti^Q «Jjy^jy tTttar^uijv elvai 
T7fV dvBgslap^ weil nämlich der KriegSkundige sich weniger fürchte, 
als der Unkundige. Eth. Eud. I, 5« 1216, b, 6: imoT^f^af ^tv 



' Die Philosophie des Solirates. 37 

Setzung in seinem Verkehr mit Andetn in letzter Bezie- 
hung nur immer darauf ausgegangen sein könnte, diese mora- 
lisch umzubilden, erscheint st^tt dessen in seiner eigenen 
Erklärung als das ursprüngliche Motiv seiner Wirksamkeit 
das Interesse des Wissens ^) , und dervgemäss sehen wir 
ihn denn auch in seinen Gesprächen nicht blos auf ein 
Wissen ausgehen , das keinen moralischen Zweck hat ^}) 



aivtxi TToWc raff dgeraft ojad* a/iia avfißalrtip siStvai r« pj»' J«- 
naioavvtfv ttal eivai dtnatov. Vcrgl. ebend. Itl, 1. 1229» a, 14* 
VII, 13, Schi. M. Mor. I, 1. 1182, a, 15: (-SWxpariyff) ras dgs- 
rde tniatfifiai trroiti. Ebend. I, 35. 1198, a. 10: 8io ovk og&uis 
^ojitffurrjS iXeye, fpauytujv tivai ti]p agetrjv koyov ' ovStP yaQ otpS" 
koi ehat TT^aTTSiv rd dr9QSianal rd^Sinaiayfiij st9oTa uai Tr^oa*- 
QOvfAivov Ttf Xdyta, Xenophoit Mem« III, 9, 4 f.: 2otpiav di nal 
aoj<pgoavv7]V ov Btvttgi^tv ... ttftj de xal xijv Smaioo^tnjv %al xtjv 
cUXtjv Ttdaav dgsTijv aotpimv bivaiy denn ndvvai ydg otfiai ngoat- 
QOvfiii'onQ ^H Tviv h96%Ofuv(ov a av otmvrat avfJKpoQWtaxa avxo7s 
ilvatj ravxa irQdrtatv , ., nal ovt av rovS tavta [vd utaXd wxl 
*8Uata\ eldoraS akko dvri tovratv avdhv ngoskitt^ai^ ovxs xovs fifj 
inioxaft^vovs Svvaa&ai 7Tgdtx8it\ Vgl. Mem. IV, 6, wo der eJ- 
oeßt}s durch '0 xd.negl xovs d'sovs vofufia eiSais y der dUmog 
durch eiSoU xd nsgl rovt d^'&gtvTtovs »^fitfia, der dvdgs7o9 durch 
in^axd fjtsvos ro^ff ^BtvoXi xe nal iniHiv^vvois nakws yg^a&ai ' und 
die ao(pia selbst, auf welche Xenophon seinen Solirates alle Tu- 
gend zurückfuhren lässt, einfach durch iniax^fi?} definirt wird. 
Dasselbe in Beziehung auf die Tapferkeit Mem. III, 9, 1 f. Symp. 
2, 12. Auch der Platomscjhe Protagoras beschäftigt sich zu ei- 
nem guten Thcile damir, alle Tugenden auf die iirioxfj/itj zurück- 
zufuhren, vgl. S. 329, B ff. 349, B — 360, E. 

1) S. Plat. Apol. 21 ff., \Hr9 Sokrates seine ganze Thätigkeit darein 
setzt, KU untersuchen, bei wem die wahre aoq>ta zu finden sei. 
XmwopHOK Mem. IV, ^, l : ü«oitdiv avv xoli owovai , xl tnaoTov 
eiij^xdjv ovtiuv ovStitomox* l'krjye. 

2) Beispiele geben die Unterredungen Mem. III, 10, in denen Sokr. 
den Maler Parrhasius, den Bildhauer Klilo und den Panzer- 
macher Pistias auf den Begriff ihrer Künste zu fuhren sucht. 
Xenophon, nach seiner apologetischen Weise, fUhrt freilich auch 
diese, mit Aer Bemerkung ein, Sokr. habe sich auch den Künst- 
lern nützlich zu machen gewusst. In der That ist aber diese 
NützlichkeitsTücksieht hier offenbar eine gasK untergeordnete, der 
wahre Grund ist vielmehr jener von der Platonischen Apologie 



38 DtevPhilosophie des Sokrates. 

sondern auch auf ein solches » das in seiner praktischen 
Anwendung nur unmoralischen Zwecken dienen konnte ^), 
und diese Zuge fipden sich nicht etwa nur bei dem einen 
oder dem andern unserer Berichterstatter! sondern ziehen 
sich durch die Xenophontischen, Platonischen und Aristo- 
telischen Angaben gleiohmässig hindurch. Wäre Sokrates 
nur der gewesen, wofür ihn die früher gewohnliche An- 
sicht hält, so wäre diese Erscheinung nicht zu begreifen; 
ihre Erklärung findet sie nur in der Annahme, 4ass allem 
seinem Thun, auch da wo er speciell als Sittenlehrer auf- 
tritt, ein tieferes philosophisches Interesse zu Grunde liege. 



angegebene, dass der Philosoph im Interesse des Wissens alle 
darauf ansieht, ob sie über ihr Thun ein klares Bewusstsein 
haben. 
1) Mein, III, 11, ein Abschnitt, der voraugs weise geeignet ist, die 
VorstelkiRg, die in Sokrates nur einen populären Moralisten 
sieht, zu widerlegen. Sokr, hört von einem seiner Bekannten die 
Schönheit der Hetäre Thepdota loben, und gebt sofort mit sei- 
ner GesellschaA hin, um sie zu sehen. Er trifft sie eben einem 
Maler Modell stehend, und verwickelt sie nachher in ein 6e- 
aprach, worin er sie auf den Begriff und die Methode ihres 6e- 
werbs su fuhren sucht, und ihr zeigt, durch welche Mittel sie 
die Männer am Besten gewinnen könne. Mag nun immerhin ein 
solcher Schritt für den Griechen nicht das Anstössige gehabt 
haben, wie fUr uns, so t^t doch von moralischer Absicht auch 
nicht das Geringste daran zu bemerken, es ist rein das abstrakte 
dialektische Interesse, das den Sokrates Jede Thatigkett, die ihm 
aufstösst, ohne Berücksichtigung ihres sittlichen Werths, auf ihren 
allgemeinen Begriff bringen lässt — Es sei mir erlaubt, hier an 
eine theologische Parallele zu erinnern, die ich übrigens nicht 
über den nachfolgenden Vergleich ungspunkt hinaus ausgedehnt 
wissen möchte« Wie Sokr. mit der Theodota, so uAterredet sich 
der Jokanaei'sche Christus c. 4 in Samaritanien nut einer Frau 
von ebenso verfänglichem sittlichem Gharahter (s. V. 18), aber 
statt eine moralische Einwirkung auf sie zu versuchen, wie man 
erwarten sollte, enthüllt er tbr sofort die tiefsten religiösen 
Ideen. Der Grund ist ein analoger: wie es dem Sokr. nur um's 
Wissen zu thun ist, so dem Johanneiscben Christus nur um 
smne Selbstdarstellung als Sohn Go4tesy der movalische Gesichts- 
punkt dagegien tritt hier zurück. 



l 



I>ie Philosophie de» Sokrates. 39 

Welelies di^s soi, darSber lasflren uns die obenange* 
führten Data nicht im Zweifel. Das wahre Wissen ist es^ 
das Sokrates im Dienste des delphischen Gottes anfsucht^ 
das Wissen vom Wesen der Dinge, um das er sich mit 
seinen Freunden unablässig bemüht, die Forderung-des rieb- 
tigen Wissens, auf die er auch alle sittlichen Anforderungen 
in letzter Beziehang zurückfCibrt — die Idee des Wksens 
bildet mit Einem Wort den Mittelpunkt des SoknMischen 
Philosophirens ^). Um ein Wissen ist es jedoch aller Philoi- 
sophie zu thun, diese Bestimmung also jedenfalls durch die 
weitere zu ergänzen, dass das Streben nach wahrem Wis«- 
sen, welches bei den Früheren nqr unmittelbare, iastinkl^ 
artige Thätrgkeit war, bei Sokrates zuerst zu einer be*- 
wussten und methodischen wurde, in ihm zuerst die Idee 
des Wissens als solche zbm Bewusstsein kam und mk 
Bewusstsein zur kitenden erhoben wurde ^). Auch dies« 
genügt indessen noch nicht vollständig, denn so richtig es 
ist, dass mit Sokrates zuerst die bewusste lUchtung auf4i 
Wissen, die Begründung der Philosophie durch eine Theorie 
des Erkennens angefangen hat ^), so erfördert doch dieses 

1) ScHLEiEBniACHEB "WW. Hl, 2, 360: )^I>ie»eÄ Erwachen nun der. 
Idee des Wissens und die ersten Aeusserungen derselben, das 
muss zunächst der philosophische Gebalt des Sokrates gewesen 
sein.« Ganz übereinstimmend damit Rittbr Gesch. der Philos. 
* II, 50. Nur unwesentlich weicht auch Bbaitdis ab (Rhein. Mui. 
Ton NiBBUHB und BbandisI, b, 130. Gr.-röm. Phil. II, a, 33 fr.), 
wenn er die Sokratische Lehre zwar zuerst von dem Interesse 
ausgehen lä'sst, die Ünbedingtheit der sittlichen Werthbesti mm un- 
gen gegen die Sophisten festzustellen , dann aber bemerkt ,» für 
Riesen Zweck sei Sokrates zunächst und Torzüglich auf Vertie- 
> fung des Selbstbewusstseins bedacht gewesen, um vermittelst der- 
selben das Wissen vom Nichtwissen mit Sicherheit zu unterschei- 
den Aeinlich Bbakiss Gesch. der Phil. s. Kant I, 155: »Diess 
war das Bedeutsame bei Sokrates, dass ihm da» Sittliehe wesent- 
lich ein schlechthin gewisses Wissen war, hervorgehend aus 
dem der Seele ursprünglich einwohnenden Gedanken des- Guten.« 

2} SCHLEIEBMACHEB B. B. O. S. 299 f* BbABI^IS (S. O.) 

3) Vgl. uasem 1. Thl. S. S2. Wenn ebend. S. 21 gesagt ist, Sokr« 



40 Die Philosophie des Sokratet. 

* 

gelbst wieder eine weitere Erklärung: wenn doch das In- 
teresse des Wissens auch schon bei den Früheren vorban. 
den war, warum hat sich ihnen aus diesem Interesse noch 
nicht die bewusste, dialektische Richtung aufs Wissen ent- 
wickelt? Der Grund davon kann nur darin liegen , dass 
das Wissen, welches sie anstrebten, auch an sich selbst 

' 4schon von dem, das Sokrates verlangt, verschieden ist, 4ass 
in ihrer Idee des Wissens nicht ebenso, wie in der Sokra- 
ttschen, . eine Nött)igung lag, auf das Selbstbewusstsein als 
die Quelle der wahren Erkenntniss auriickzugehen. Diese 
N5tbigung aber lag fiir Sokrates darin, dass ihm nur das 
vom richtigen Begriff der Sache ausgehende Wissen für 
das wahre galt, in dem Grundsatz, dass Alles um wirk- 

%]ich erkannt ^u werden auf seinen allgemeinen Begriff za- 
jrnckgeführt und aus diesem beurtheilt werden müsse, die- 
j€fm Grundsatz, der auch in den zuverlässigsten Berichten 
.mit grosser Einstimmigkeit als die Seele des Sokratischen 
.Philosophirens hervorgehoben wird ^). Indem Sokrates nur 



habe noch keine Theorie des Erhennens aufgestellt, so ist diess 
Ton einer ausgeführten Theorie der Art zu verstehen; den An- 
fang einer solchen hat er dagegen allerdings gemacht 
1) XsnoPHOfir Mem. IV, 6, 1: ^(uagatiji ya^ tövS fibv sidocae, rt 
enaarov tiij rtSv ovra/v, ivouiie nnl roXs a)J.oie av Ist^yst- 
o^ai Svvao&aiy rovs 8^ iitj tidoras ovSiv iftj (^av/iaaroy §iv(fi 
avTOvQ ra a^aikea&ou xal ulXovs atpakXetv. ojv evsKa oxotcmv ovv 
tOi% avrovaii rl txaarov tXTjroiv ovrotv^ ovisnionor l'Xr^ye» §.13: 
inl rjjv vno&totp inavyys navta top Xoyovy d. h. wie der Zu- 
sammenhang es erklärt, er führte alle Streitfragen auf die allge- 
meinen Begriffe zurück, um sie aus diesen zu entscheiden. IV, 
5,12: itjf^tf St Nflti ro SiaXiyta&a* ovofiaad'^vai in rov avviovrae 
noAVfl ßovltveo&at y dtaXiyovrae tutrd yivtj xd TtgayfMxa, Setv 
ovv fiBiQaad'ai ort fiAX^ora ttqoq Tovro iaurof tvoifiov na^aoAtva- 
iaiv n, s. w. Aristotsles Metaph. XIII, 4». 1078, b, 17. 27: 
^atxffdrovS dt TtfQi rds '^d'titAf d^tevaS nQayaatsvofUvov mal nsq) 
Tovratv CfjlSea&a* xa^oAov fi^rot/f ro? ttqwtov ... ittsivos evloyvjc i^yj- 
TH to xi ioTiv.,, Svo ydg iovtv a riff aV aTroSoirj ^uj^gartt Si~ 
uaioiSy Tovs X tTraATiKOvS koyovs nal ro ogi^ea&at' Ka&okor. Bei- 
des ist aber im Grunde dasselbe : die kcyot' inanriitol sind nur 



Die Pbilotopbie des Sokrates. 41 

die Ertienntnias des Begriffs als ein wahres Wissen aner« 
kannte, so eitstand ihm die Forderung, alles vermeintliche 
Wissen darauf anznsehen, ob es diese Elrkenntniss ffe- 
währe oder nioht, ob es mithin ein wahres Wissen sei oder 
keines, die t^orderung der philosophischen Selbstkenntniss, 
durch die eben sein Philosophiren aus einem instiniMar» 
tigen in ein bewusstes verwandelt wurde ^). Diess also 
macht in letzter Beziehung den Unterschied der Sokra. 
tischen von der gesamnUen früheren Philosophie aas, dass 



das Mittel, um die allgetneinen Begriffe zu finden, wessbalb Ari- 
stoteles mit Recht anderwärts (Met. I, 6. 987, b, 1. XUI^ 9. 
10869 b, 3- de part. anim. I, 1. 642, a, 28) das Suchen der all- 
gemeinen Begriffe, oder was dasselbe, des vi ^v shat allein als 
das eigentbümliclie philosophische V'erdienst des Sohrates nennt 
Demgemäss sehen wir ihn nua auch in den Gesprächen, die uns 
Xenophon aufbewahrt hat, immer auf den allgemeinen Begriff, 
das Ti tan, lossteuern, und auch in der Piaton. Apologie 22, B 
beschreibt er sein Geschäft der Menschenprüfung als ein dtegu)^ 
r«v rt Uyoisp, d. b. ein Fragen nach dem Begriff dessen, was 
die Praktiker thun oder die Dichter sagen. 'Dass dagegen Sokr. 
auch schon ausdrücklich zwischen der iuMT^fAtj und der Sol^a 
unterschieden habe, wie Br\ndis Gr.-rÖm. Phil. I(, a, 36 glaubt, 
lasst sich aus Plato schwerlich beweisen, da die Stelle des Meno 
989 B ohne Zweifel auf den Thoätet eurück weist, noch weniger 
ausr Xen. Mem. IV, 2, 33, und, wenn Antisthenes diese ^Unterschei- 
dung machte, verdankte er sie wohl den Eleaten. 

1) Zwar wird dem ypM&i atavrov sowohl in den Memorabilien IV, 
. 2, 24 ff., als im Platonischen Pbadrus 229i ^ und im Gastmahl 
^16) A zunächst nur die Bedeutung gegeben, die Menschen ;Bur 
Erkenntniss ihres sittlichen Zustands aufzufordern, in der Piaton. 
Apologie jedoch erhält das s^stdCeiP iavrov xnl tovs aXkovs 
(289 E) 9 welches doch nur die praktische Erfuljung jener For- 
.derung ist, die ganz allgemeine Bedeutung: untersuchen ob- das 
eigene und fremde vermeintliche Wissen auch ein wahres sei 
(vgl. S. 2I9 B ff. 29, A f.) und erst nachher (S. 29, D) wird 
auch der moralische Nutzen dieser Prüfung hervorgehoben, und 
da nun Sokrates überhaupt das richtige Handeln nur als Folge 
des richtigen Wissens betrachtet, so sind wir wohl berechtigt, 
die Beiftiehiuig der Sokratischen Selbsterhenntaiss aitffs Wissen 
überhaupt für ihre ursprüngliche Bedeutung «u halten. 



4t Die Philosopbie des Sokrates. , 

das Denken, welches sieh bisher nnroSttelbar auf fi Objekt 
gerichtet, und aus diesem Grunde aueh nur mit dem unmit- 
telbaren Objekt, mit der Welt des natürlichen Daseins 
beschäftigt hatte, sich jetzt unmittelbar auf den Begriff als 
das allgemeine Wesen der Diage richtet und nur mittelst 
des4egriffs auf das konkrete Objekt. Sofern nun der Be^ 
griff nicht mehr Sache der unmittelbaren Anschauung und 
Vorstellung ist, sondern des Denkens, und darum auch 
nur durch kritische Ausscheidung des Gedankengehalts aus 
den Vorstellungen, durch Absonderung des Wesentlichen 
in denselben vom Unwesentlichen, durch philosophische 
Selbstpräfuiig gewonnen .werden kann, sofern überhaupt in 
der Forderung des begrifflichen Wissens djess enthalten ist, 
dass der Gedanke die Wahrheit des Seins, dass mithin auch 
für das subjektive Leben und Denken nicht das Sein als 
solches, die natürliche und sittliche Objektivität, sondern 
nur seine eigene innere Nothwendigkeit das Betimmende 
sein dürfb, so liegt darin allerdings jene Vertiefung der 
Subjektivität in sieh selbst, in welcher der eigenthnmliche 
Charakter der Sokratischen Philosophie von Neueren ^) ge- 
sucht worden ist. Nur darf man andererseits nicht übersehen, 
dass diese Vertiefung hier noch keine absolute, noch nicht 
die reipe, sondern erst die durch's ideale Objekt vermit« 
telte Beziehung des Subjekts auf sich selbst ist. Sokrates 
macht noch nicht die Denkoperationen als solche, nach ihrer 
psychologischen Form zum Gegenstand seiner Urftersuchung, 
sondern die philosophische Selbstprüfung bezieht sich hier 
immer auf den Inhalt -des Denkens, die letzte Frage ist 
immer, ob Einer das Wesen des Gegenstands, um den es 
sich eben handelt, richtig zu bestimmen wisse. Ebenso hat 
Sokrates auf dem praktischen Gebiete zwar allerdings durch 

die Zurückrührung der Tugend aufs Wissen, durch die For- 
ii 
1) Hegel Gesch. der PhiL II, 40 ff. u. ö. Rötschbh Aristephanet 
S. 245 ff. 388 ff. 



Di6 Pbilotophie des Sokrates. ^4S 

ietung der moralischen Selbtterkenntniss und die Begrün- 
dung ethischer Untersuch angen die sittliche Selbstgewiss- 
heit des Subjekts gegen die prüfungstose Hrngebang an die • 
bestehende Sitte, pnd die Vertiefung des sittlichen Selbst'- 
bewus^seins in sieb gegen die unmittelbare Richtung aufs 
Objekt ^) geltend gemacht, aber doch ist es doch nicht die 
abstrakte Zurückziehung des Subjekts auf sich selbst, die 
stoische und epikureische Seibetgenügsamkeit des Weisen, 
die er anstrebt : nicht die Idee der in sich vollendeten Sub- 
jektivität, oder des Weisen, sondern die iVatur des Gegend 
Stands, auf den,, oder des sittlichen V^rhUltnisses, id dem 
gehandelt werden soll, ist ihm die Norm des Handelns^), 
nicht die eigene freie Selbstbestimmung, sondern die iyqaqia 
do^fiata der Golter, oder gar der vofzog noXsoyg die Quelle 
des sittlichen Wissens ^), und so weit geht bei ihm , wie 
wir unten noch -finden werden, die Ableitung der sittlichen 
Pflichten aus der Beschaffenheit des Objekts , dass er es 
nicht verschmöht» dieselben vielfach durch die Reflexion aäf 
die äusseren Folgen der' Handlungen zu begründen. Wenn 
daher allerdings mit Recht gesagt werden konnte, „in Sokra- 
tes sei die imendliche Subjektivität, die Freiheit des Selbst- 
bewusstseins aufgegangen^^ ^), so müssen wir doch anderer- 
seits hinzufügen, dass diese Bestimmung das Sokratiscbe 
Princip noch nicht ecschopft, und so wird sich der Streit 
über Subjektivität oder Objektivität der Sokratischen Lehre ^) 



1) Vgl. hierüber Plato Symp. 216^ A: dvayiidCet ydg jus oftoXo^ 
ytiVy' ort TTOAJ^ov ivobff^ (UV avToi tri t/Luivrov fiev afislw ra o 
* AOtjvaton" TtgaTTf», ApoL 29, D. Mem. IV, 2. III, 6- 

2) Die Belege finden sich in den Xenopb. Mem^rabtlieii, z.B. II, 2. 
n, 6, 1-7. in, 8, 1—3. IV, 4, 20 ff. 

3) Mem. IV, 4, 19. 12 ff. IV, 3, 15 ff. 

4) Hbgii. a. a. O. 

5) VgL hierüber einer»ett$ RöTSOHsa a. a. O,, andererseits Bbasdis 
»Üeber die vorgebliche Subjectivität der Sokrat. Lehre« im 
Rhein. Mus. II, 1, 85 ü&. 



44 Die Philosophie des Sokrates. 

dahin entscheiden lajssen: das Sokratische Princip seinem 
Inhalte nach betrachtet, kann es nicht als ein Princip der 
Subjektivität bezeichnet werden, da hier nicht das Subjekt 
das Bestimmende des objektiven Seins, sondern das objekr 
tive Wesen der Dinge das Bestimmende des Subjekts sein 
soll, dagegen passt diese Bezeictinung allerdings, wenn wir 
die formelle Seite dieses Princips in's Auge fassen, so- 
fern die philosophische Erkeontnissqnelle hier aus dem äusse- 
ren Objekt und der bestehenden Sitte in das eigene Denken 
des Subjekts verlegt ist. Wiewohl daher dieser Standpunkt 
noch nicht die einseitige Zurückziehung der Subjektivität 
auf sich selbst darstellt, wie die nacharistotelische Philo- 
Sophie und in anderer Weise die Spphistik, so zeigt er 
doch in Vergleich mit der früheren Philosophie eine entschie-r 
dene Vertiefung des Subjekts in sich: es soll nicht blos ein 
fiir das Subjekt Wahres, sondern ein an und für sich Wah- 
fes gefunden werden, aber der Boden, auf dem es gesucht 
wird, ist nicht mehr das äussere Dasein, sondern das eigene 
Innere des denkenden Subjekts ^). 

Dieses Princip ist nun allerdings in Sokrates noch nicht 
weiter entwickelt; was er ausgesprochen hat, ist erst, dass 
nur das Wissen um den Begriff ein wahres Wissen sei, 
zu der weiteren Bestimmung dagegen^ dass auch nur das 
Sein des Begriffs das wahre Sein, der Begriff daher das 



1) Nichts Anderes sagt im Wesentlichen auch Hegel, wenn er 
Gesch. der Phil. II, 40 ff. 66 den Sokr. von den Sophisten durch 
die Bestimmung unterscheidet, dass bei jenem »das durch das 
Denhcn producirte Objektive zugleich an und für sich ist«, dass 
das Subjclitive hier zugleich »das an ihm selbst Objektive und 
Allgemeine (das Gute) ist«, dass an die Stelle des sophisrischen 
Satzes: »der Mensch ist das Maass aller Dinge«, der Satz tritt: 
»der Mensch als denkend ist das Maass aller Dinge« — dass 
mit Einem Wort nicht die empirische, sondern die in sich allge- 
meine Subjektivität, sein Princip ist — Bestimmungen, mit denen 
auch RöTSCHEB a. a. O. S. 246 f. 392. und HERXAsif Gesch. und 
Syst des Plat. 1, 239 f. übereinstimmen. 



t>ie Philosophie des Sokrates. 4§ 

allein Wirkliche sei, und znr systematischen Darstellung 
der an' und für sich wahren Beg^riffe ist er noch nicht fort- 
gegangen. Das Begreifen des objektiven Gedankens ist so 
hier erst Postulat, erst eine vom philosophirenden Subjekt 
zu losende Aufgabe, oder sofern ihm diese Aufgatje aus sei« 
nem eigenen Innern entsteht, erst philosophischer Trieb und 
philosophische Methode, erst ein Suchen, noch nicht ein 
Besitz der Wahrheit, und eben dieser Mangel begünstigt 
noch den Anschein, als ob der Sokralische Standpunkt der 
einer einseitigen Subjektivität gewesen wäre; nur darf man 
darüber nicht vergessen, dass doch das^ wornach Sokrates 
strebt^ nicht der blos subjektive Zweck der Rede- und Denk- 
fertigkeit oder gar des Genusses, sondern die Erkenntniss 
und Darstellung des an und für sich Wahren und Guten ist: 
der Begriff wird als das allein Wahre gewusst, sofern er als 
die Wahrheit des subjektiven Lebens tindi Denkens ge- 
wusst wird. 

^ Hierin liegt bereits, was über die weitere Ausführung 
des Sokratkschen Principsv zu sagen ist. Da dieses Princip 
hier erst die Forderung seiner Verwirklichung für das Sub- 
jekt ist, so erhält es diese auch nur in der Bildung des 
Subjekts für die Philosophie, in der philosophischen Me- 
thode, oder sofern diese doch einen Gegenstand voraussetzt, 
an dem sie geübt wird, so ist auch dieser nur das Sub- 
jekt und sein Thun, die ganze Philosophie daher ihrem In- 
halte nach Ethik ; auch hier jedoch kann es zu keinen kon- 
kreten Bestimmungen kommen , sondern das Denken bleibt 
bei der allgemeinen und blos formellen Forderung stehen, 
dass alles sittliche Thun durch das begriffliche Wissen be- 
stimmt sei. 

Das Eigenthümliche der Sokratischen Methode ist im 
Allgemeinen dieses , dass der Begriff aus der gewöhnlichen 
Vorstellung entwickelt, andererseits aber noch nicht über 
dieses epagogische und pädeutische Verfahren zur systema- 



46 Die Philosophie des Sokratej. 

tischen Darstellang hinausgegangen wird. Indem dag Princip , 
des begrifflichen Erkennens hier erst als Forderung auftritt, 
so ist einestheils das Bewusstsein seiner Noth wendigkeit 
i^nd das Suchen der Einsicht in das Was der Dinge vor- 
handen, anderntheils bleibt das Denken bei diesem Suchen 
stehen und hat noch nicht die Bildung, sich zu einem System 
des objektiven Wissens auszubreiten, daher auch noch nicht 
die zur Gestaltung eines Systems erforderliche Reife der 
Methode. Ebensowenig ist, aus demselben Grunde, jenes 
epagogiscbe Verfahren selbst hier auf eine genauer ausge- 
V führte Theorie gebracht; wias Sokrates mit bestimmtem Be- 
wusstsein ausgesprochen hat ist erst die allgemeine Forde- 
rung,, dass Alles auf seinen Begriff zurückgeführt werde, 
das Nähere aber über die Art und Weise dieser Zurückfüh- 
rung, die logische Technik derselben, finden wir bei ihm 
noch nicht zur Theorie herausgearbeitet , sondern erst un- 
mittelbar in seiner konkreten Anwendung als persönliche 
Fertigkeit vorhanden. Denn auch das einzige einer logischen 
Regel Aehnliche, was von ihm überliefert wird, dass sich 
die dialektische Untersuchung an das allgemein Zugestan- 
dene halten müsse ^), lautet viel zu unbestimmt, um diesen 
Satz umstossen zu können. 

Näher enthält dieses Verfahren drei Bestimmungen. 
Das Erste ist die Sokratische Unwissenheit^). Diese 



1) Mem. IV*, 6, 15: oTtCvs $8 avvoe n ri} Xoy^t ^tBl^loi^ 8ia nuy 
fia?uaTa ofioXoyoyfiivwv tTrogtviTOf vofii^oiv ravtrjv ryv da(pd?<.siav 
sivai loyov, 

2) PiiATO Apol. 21, D: tovtov fiep tov dp^gwnov iyo) afxponsgoi 
slfii ' ttiydvvevtt fitv yaQ i^fiduu ouSirsgoi ovSstf icaX6»f ndyad'6» 
siSivai, dX)y ohros fiiv oisvai r* liSivai ovx tiSojSj lyd Sa oJansQ 
ovv ovx oida, övde oio/iiai. 25, B: ovroe vfituv, oj av&QOJ7toif 
oorpohatos iaTtPj^ oaris oianeQ ^t/jxQarijS i'yvojuiv ^ ort ovSevoi 
d^toi iari zy dXrj&stijf^ nQOQ ao(piavy und vorher: to St nivSv 
vevst , OJ dvÖQss * Ad"i}vaXoi , tw ovti 6 ^tos ao(p6s sivat > "xal iv 
TW XQ^/Ofioj Tovzoj TovTO X^ytiP y OTi jj avdrQüJTtlvrj aofla oliyov 
fii'oi d(ia itrl nal ovdsvos, Theät 150) C: ä^^o^^o^ sifit aotpias, 



Die Philosophie des Sokrates. 



47 



IlBwi«»eiiheit ist «war allerdings nicht die slctptkche Läng«* 
nung des Wissens, denn mit einer solchen wäre alles ührige 
akratische Philosophiren, das Sachen des wahren Wissens, 
nnd die Begründung der Sittlichkeit aufs Wissen unver- 
einbar, sie enthält vielmehr zunächst nur eine Aussage des 
Philosophen über seinen persönlichen Zustand und höch- 
$tejis noch den Zustand derer, deren Wissen er zu prüfen 
Gelegenheit gehabt hat, und auch die allgemeiner lautende 
Aeusserung der Apologie darf uns hierin nicht irre machen, 
da sie die Unzulänglichkeit alles menschlichen Wissens 
doch mir theils relativ, sofern dasselbe mit dem göttlichen 
verglichen wird, theils nur in der apologetischen Absicht be- 
hauptet, den Sokrates in dieser Beziehung mit allen Andern 
auf die gleiche Linie zu stellen, und das Gehässige, was 
der Anspruch auf eine besondere Weisheit mit sich bringt, 
von ihm abzuwehren. Andererseits darf man aber die Sokra« 
tische ayvoia auch nicht fiir blosse Ironie oder übertriebene 
Bescheidenheit halten. Sokrates wusste wirklich nichts, d.h. 
er hatte keine entwickelte Theorie, keine positiven dogma* 
tischen Lehrsätze; indem ihm zuerst die Forderung des be- 
grifllichen Wissens in ihrer ganzen Tiefe aufgieng, so musste 
ihm Alles, was bisher für Weisheit und Wissenschaft ge- 
golten hatte, als ein blos vermeintlich Gewnsstes erschei- 
nen; weil er aber zugleich der Erste war, der diese Forde* 
rung aufstellte, so hatte er noch keinen bestimmten wissen- 
schaftlichen Inhalt gewonnen, die Idee des Wissens war 



utal oneg ^Stj noXXoi fioi ojvelSiaaVf uS tovs fiiv aXXovS tQüaTOty 
avTos Si ovdsv dnongivofjiai nsgl ovSevoe Sid t6 fiTjBtv k'xsiv ao~ 
ifOVy dXrj&h ovsidi^ovai, t6 ös ai'rtov tovtov toSs * fiaisvea&aC fts 
6 dsos dvötynd^sii yavvav 8h dntHotlvosv. Vgl. Rep. I, 337, E. 
Meno 98, B. Dass sich diese Aussagen nicht auf den Plato- 
nischen, sondern nur auf den historischen Sokrates beziehen kön- 
nen, sieht man aus den Platonischen Dialogen selbst, io denen 
Sokr. keinesvyegs als so unwissend geschildert ist. 



>' 



4S Die Philosop^iie des Solirateft. 

ihm noch eine unendliche Aufgabei der gegenüber er sieh 
nur seiner Unwissenheit bewusst sein konnte ^). 

Ist aber diess die Bedeutung dieser ayfoia,^^o liegt in 
ihr selbst unmittelbar die Forderung ihrer A^ufhebung, der 
Mangel des wahren Wissens wird zum Suchen desselben. 
Weil aber dieses Suchen des wahren Wissens wesentlich 
, mit dem Bewnsstsein des eigenen Nichtwissens verknüpft ist, 
das philosophirende Subjekt die Idee des Wissens zwar hat, 
zugleich aber sich unfähig fühlt, sie aus der Allgemeinheit 
des Princips heraus zur konkreten Erfüllung zu bringen, so 
nimmt dieses Suchen naturgemäss die Gestalt an, dass sich 
der Philosophirende an Andere wendet, um zu sehen, ob das 
Wissen, das ihm selbst fehlt, nicht bei ihnen zu finden 
sei ^), Daher hier die Nothwendigkeit des gemeinsamen, dia* 
logischen Philosophirens, das für Sokrates nicht etwa blos 
die pädagogische Bedeutung hat, seinen Ideen auf diesem 
Wege leichteren Eingang und fruchtbarere Wirkung zu ver- 
schaffen, sondern eine ihm selbst unentbehrliche Bedingung 
der Gedankenentwicklung ist,* von welcher auch der histo- 
rische Sokrates nie abgeht ^). Näher besteht das Wesen die- 
ses Dialogs in der i^ttamg, wie es die Platonische Apologie, 
oder der Sokratischen Mäeutik, wie es der Theätet (149 ff.) 
nennt, d. h. der Philosoph veranlasst die, mit welchen er 
sich unterredet, durch seine Fragen, ihr Bewnsstsein vor 
ihm auszubreiten, und sucht auf demselben Wege, durch 
fragende Zergliederung ihrer Vorstellungen, den darin ver. 
borgenen, ihnen selbst unbewussten Gedanken herauszu- 



1) Vgl. hierüber auch Hegel Gesch. der Phil. II, 54. 

2) Deutlich genug tritt dieser Zusammenhang in der Piaton. Apol. 
21, B hervor, sobald man hier der äiisserlic|ien Veranlassung 
des Sokratischen Philosophirens durch den delphischen Orakcl- 
spruch seine innere Begründung in dem philosophischen Trieb 
seines Urhebers substituirt. 

5) Vgl. ausser den Xcnophontischen Memorabillen auch Plat. Apol. 
24^ C ff. Protag. 355, B. 356, B f. Theät. a, a. 0. 



Die Philosophie des Sokrates. 49 

heben. Sofern nun hierin einerseits die Voranssetziing liegt, 
dass das dem Philosophen fehlende Wissen bei den An- 
dern zu finden sei, so erscheint dieses Thon als der Trieb, 
sich durch Andere zu ergänzen, der Sokratische Eros ^); 
sofern aber die Andern jenes Wissen nicht wirklich haben, 
mithin das Suchen desselben bei ihnen nur ihre Unwissen- 
heit an den Tag bringen kann, so erhält das Verhalten 
des Sokrates den Charakter der Ironie, unter welcher wir 
nicht blos ^) eine Manier der Gonversation, noch weniger 
freilich jene spottende Herablassung und gemachte Unbe- 
fangefiheit verstehen dürfen, die den Andern nur darum 
aufs Eis führt, um sich an seinem Falle zu belustigen, 
oder jene absolute Subjektivität und Vernichtung aller all« 
gemeinen Wahrheit, die in der romantischen Schule mit 
diesem Namen bezeichnet worden ist. Das eigentliche Wesen 
der Sokratischen Ironie besteht vielmehr darin, dass Sokra- 
tes, ohne eigenes positives Wissen und vom Bedürfniss des 
Wissens getrieben, sich an Andere wendet, um von ihnen 
zu lernen, was sie wissen, unter dem Versuche aber, dieses 
auszumitteln, auch ihnen ihr vermeintliches Wissen in der 
dialektischen Analyse ihrer Vorstellungen zerrinnt ^). Diese 



1) S. über diesen oben S.18.30 undBBAVDis 6r.-röm.Pbil.I,a,64f.9 
der mit Recht darauf aufmerksam macht, dass auch von Euklid, 
Kriton, Simmias, Antrsth^nes Schriften über den Eros erwähnt 
iverden. ^ 

2) Mit Hegxl Ge&cb. der Phil. II, 53. 57. Vergl. Abist, Nik. Etb. 
IV, 13. 1127, b, 22 fr. 

3) Diese tiefere Bedeutung giebt wenigstens Plato der Sokratischen 
Ironie. Man Tgl. Rep. I, 337, A: avttj inslvri 17 situ&vZa si(f(o^ 
vtioL ^(UKQaTove Kai favr' iyoj jjbij xs mal tovto&c n^ovXtyopt ot& 
av dnoxgivaa&ai fie» ov» i&sXijaotey etgouvevaoio Se Kai ndvra 
firdXXov noii^aoie ^ aTVoxgipoio el' %U vi aa igajTa vgl, 8. 337» E 2 
«tH» ^ojK^dztjS t6 sl(»-&0S ^ianQaiijtaiy avros fiiv fi^ dnoK^lvt^Tah 
aXXov de ditoxQivofiivov Xafißavtj Xoyov ttal iXiyxjif worauf Sokr« 
antwortet: ttmc ydg av ••• ris aTtoKQivaivo ngölTov fiiv /t^ etSoig 

. fit}Ss tpdaxüiv tidivat u. 8. w. Symp, 216, E: si^wvivofisvos 6i 
xal nal^mv itdvra top ßiov n(f69 tov£ dv^qiunovi 3&ükT»Xitf was 
Die Philosophie der Griechen. 11. TheiU 4 



n 



so Die Philosophie des Sokrates. 

Iroaie ist mithin im Allgemeinen das dialektische oder kri- 
tische Moment der Sokratischen Methode, das aber hier wegen 
der vorausgesetzten eigenen Unwissenheit dessen, der diese 
Dialektik ausübt, jene eigenthiimliche Gestalt annimmt. 

Allerdings aber, mochte sich Sokrates auch keines 
wirklichen dogmatischen Wissens bewusst sein, so musste 
er doch wenigstens die Idee und Methode des wahren Wis- 
sens zu besitzen überzeugt sein, und hgtte ohne diese Ueber- 
zeugung unmöglich weder seine eigene Unwissenheit be- 
kennen, noch fremde aufdecken können, da beides doch 
nur dadurch möglich war, 'dass er sein und Anderer fak- 
tisches Wissen mit der in ihm lebenden Idee des Wissens 
iEusammenhieltj und so ergiebt sich als das Dritte in dem 
philosophischen Verfahren des Sokrates der Versuch, ein 
wirkliches Wissen zu erzeugen. Als ein wahres Wisseti 
konnte aber Sokrates (s. o. S. 40) nur das vom Begriff 
der Sache ausgehende anerkennen. Das Erste daher und zu- 
gleich hi(Br, wo es noch zu keinem ausgeführten System 
kommen konnte, das Einzige für die Gestaltung eines posi- 
tiven Wissens musste die Begriffsbildnng sein. Den Stoff 
für dieselbe aber konnte beim Fehlen eines materiellen 



sich nach dem Vorhergehenden theils darauf bezieht, dass Sokr 
sich Terliebt stellt, ohne es doch in der sinnlichen Weise der 
Griechen wirklich ku sein, theils darauf, dass er dyvosZ irawa 
%al ovSsv otSsv. Dasselbe, nur ohne das Wort ei^vs^a, sagt die 
oben (S. 46, 2) angeführte Stelle des Theätet, der Meno, 
S. 80, A {ovSiv akko ij avTOS re anOQUi not tovS aXkovQ noislQ 
aito^siv) und die Plat. Apologie 23, £, wo nach einer Beschrei- 
bung der Sokratischen iS^raüte fortgefahren wird : sh ravTtjal Sij 
Ttjs iierdasoje noXXal filv a.Tiixd'Siai fAOt ysyovaat .... ovofia 8e 
TovTO . . ., ao(p6s slvai, oiovrai yaQ fis ivtdatotB ot nagoptsQ ravra 
avTop alvai aocpov d dv dlXov iSak^y^oj, Vergl. das. oben über 
die Sokratische Unwissenheit Bemerkte. Mit dieser Ironie hängt 
dann allerdings zusammen, dass sich Sokrates auch der Ironie 
als Gesprächsform gerne bedient, z.B. Plat. Gorg. 489, E. Symp. 
218, D. Xejs(, Mem. IV, 2, nur dar! ihre Bedeutung nicht hier- 
auf beschränkt werden. 



DU FhJldsophie dt% Sokratel. 51 

Prinzips des Witsirtis nor di6 gewöhnliche Vonftellung h4w* 
geb^ti. Diese Seite d#r Sokratischen Methode besteht dfthet 
in der Ueberfährntig der Yerstelluflf tum Begriff bim der 
I il d ti k t i o A. Den A tisgangspttnkl dieser todok tlon bildeti die 
altergewdhnliehsten Vorstelldngen , und eben diels isi fir 
Sokrates charakteristisch, dass er stets von dem AUbekaBii«^ 
ten nsgeht: die Quelle des Wissens soll iin Subjekt, und 
2Wiir dem in eioh allgemeinen Subjekt liegen, weil aber 
dieses die Wahrhaft allgemeine Seite seines Bewiisstseins^ 
das Denken, noch tu keinem bestimmten Inhalt ilitwicÜelt 
bftt, so bleibt für die Ableitung der betttimtnt^n BegriflRi 
nur die Golleotirallgemeinheit der Vorslellong übrige WimA 
daher die Alten einstimmig bezeugeil ^), dass S(riErates seine 
UniterstoKtbungen durchaus auf das Bekannteste nmd aüscbei- 
nend Triviale gestittt habe, wenn wii* ^selbst ihn bei Xeno* 
pben dieses Yeifahren befolgen und im Zusammenhang 4ft* 
mit, ohne alle siehtbareti weiteren Zwecke, im abiirdktta 
Interesle der BegrlffsentwicklUng nicht alleiii aus Haind« 
Werkern ^ sondern selbst aus Hetftren den Begriff ibr^s 6e« 
werbe berauafragen sehen ^), so haben wir uns dneh diesei 
nioht aus pftdagofgistben eder sonstigen eltoleriseheti BfSek* 
siehtäi)^ sondern aus inneren GründeUj aus der fineatwiekekeh 
Cbstalt seines phllosophischefi PrinoipS zu erkläreui Dtfi 
Weitere ist Aber freilieh, dass Sokrates bei diesen Ausganj^a* 
punkten nicht stiehen blieb^ Sondern aus der Vorstellung ikh 
Begriff heraussuaiehed suchte, und eben dieses ist das Epfi<^ 
gogisehe seines Verfahrens« Die Induktion hat hiei' nodh ni4lit 
die Bedeutung^ Uns einer vollständig gesaMmwlied Erfabntng 
den Begriff au abstrahiren^ sondeifn es wird aif trereinsdlM 
VorstdUimgeli und Zugestand niese a«gcknüpft, und ftns ii^*- 
sen zunächst zufälligen Grundlagen der Gedanke eotwickelty 
indem theils der Widerftprueh elnef Vd^elltmg mit si^ selbst 



>l l| 'I TT 1 II (1 I <.! 



1) ^. O. S. 24< i6, 1. 

2) S. 0. S. 37 f. ' 

4* 



S2 Die Philosophie des Solirates« 

od«r mit andern dem gewöhnlichen Bewusstsein gleichCill« 
fesKstehenden Voraussetoungen beraerldieh gemacht, tbeils 
tüd in ihr liegende Wahrheit weiter verfolgt und analysirt 
wird — ^ eine Besehränknng, die unmittelbar mit dem dialo* 
giscken Charakter des Solgratiichen Philosophirens gege» 
ben war. 

Fragen wir nun aber nach Beispielen, an denen wir 
ims diese Sokratiiiche Methode anschaulich machen können, 
so werden wir von den Memorabilien (IV, 6) ausschliess* 
lieh ian €iegenstände aus dem Gebiet der Ethik verwiesen: 
die Sokrati$che Philosophie, ihrem allgemein wissenschaft- 
lichen Gharaktet nach Dialektik, wird in ihrer konkreten 
Anwendung zur Etliik. 

Sokrates, sagt Xemophon (Mem. I,' 1, 11), redete nicht 
von der Natur des AH, wie die meisten Andern, sondern 
zeigte sogar im Gegentheil, dass es eine Thorbeit sei, sol* 
eben Dingen pachzuforschen; weil es nämlich, wie hier 
weiter ausgeführt wird, verkehrt sei, üb^r das Göttliche za 
grübeln, ehe man das Menschliche gehörig kenne, weil 
ferner auch schon die Widersprüche der Physiker unter ein- 
ander beweisen, dass die Gegenstände ihrer Untersuchungen 
das menschliche Erkenntnissvermögen übersteigen^ weil end- 
lich diese Untersuchungen ohne allen praktischen Nutzen 
seien» Aehnlich sehen wir den Xenophontischen Sokrates 
(Mem. 4, 7) auch die Geometrie und Astronomie auf das 
Maiass des unmittelbaren praktischen^Gebrauchs, die Wissen- 
schaft der Feldmesser und Steuermänner zurückfuhren. Neuere 
Jedoch ^) haben die Treue dieser Darstellung bezweifelt 
Siföge.auch Sokrates, hat man gesagt, diese oder ähnliche 
Anssprücbe gethan haben, so können sie doch keineswegs 



\) ScRLstsncAcnB W.W. III, 2, Sd5 — 507. Gesch. d. PbiL S.8& 
Bbandis Rbein. Mus. I, 2, 130* Gr*-röm. Phil. II, a, 34 ff, Rittbb 
Gesch. d. Philos. II, 48 ff. 64 ff* SüvxBsr über die Wölken des 
Aristophanes S. 11. '' 



f 



, Did Philosophie des Solii^ates« - it 

fio veratandeii werden^ als ob er die spebalattve Naturfw« 
Bchung überhaupt aufheben wollte, da eine »eiche Behäiip« 
tung seiner Grundanschauung ^ der Idee der Einheit aftes 
Wissens, zu auffallend widersprechen, und so, wie sie Xene« 
phon ihn vortragen lässt, zu allzu verkehrten Oensequeacen 
fuhren würden Auch Plato 1) aber bezeuge, dass8okrates 
nicht die Physik überhaupt, sondern nur die gewöhnlich« 
Behandlung derselben angegriffen habe, und Xeivopiioü 
selbst ^) könne nicht verbergen, dass er auch der Natur im 
Oanzen seine Aufmerksamkeit zuleokte, um mittelst teleolo- 
gischer Naturbetrachtung die Idee ihrer vernünftigen Gesetz- 
mässigkeit zu gewinnen. Habe daher auch Sokrates ohne 
Zweifel kein besonderes Talent zur Physik gehabt, und sioli 
nicht ausführlicher mit ihr abgegeben, so müsse doch wenig- 
stens der Keim für eine neue Gestalt dieser Wissenschaft 
bei ihm gesucht werden, d^r näher in dem „GedUnken von 
einem allgemeinen Verbreitetsein der Intelligenz im Ganzen 
der Natur", in der Idee „einer absoluten Harmonie der Na« 
tur und des Menschen und eines solchen Seins des Men-^ 
sehen in der Natur, wodurch er Mikrokosmus ist^^ 3), Ire* 
gen soll, und auch das Stehenbleiben bei diesem Keime' und 
die Beschränkung der Naturforschung auf das praktische 
Ö^dürfniss solle der eigentlichen Meinufig des*Pbilo8ophen 
gemäss eine blos vorläufige Maassregel sein, und nur diesi 
besagen, dass man nicht in's Weite gehen solle, ehe in 



O Phädo S. 9Q, A f. 97, B E Rep. VII, 529, A. Phileb. 28, D fc 
Gess. Xir, 966, E fl 

3) Mem. I, 4. IV, 5. Wenn sich Bbavdis Gr.-röm. Phil. a. a. 0. 

auch auf Mem. I, 6, 14 (tovs ^tfcav^ovs rdSv ndkai, aotpmp bV- 

Sqwv, ovs insivoi naxiXbnov iv ßißXiois ygdif'avTSS) dvsUvraiv 

%oivff avv Tots {piXoiS SUqx^H'^'') beruft, so steht doch nirgends, 

dass diese ao^ol gerade die früheren Physil(er seien (aocpol sind 

auch Dichter, Historiker u. s. w.), ausdrücklich wird vielmehr 

gesagt, S. lese sie, um dann zu finden, was ihm und seinea 

Freunden moralisch nützlfcb sei. 

3) ScHLKiBfiKA.cHEB a. a. O« äbullch Ritter. 



M I>>0 Philosophie dpt Soliralt»« 

dar Tiafe 4«« SeÜMthewQSsttf i«« der dblektuieb« Grimd ge* 
InMrig geUgl «•!. DiMe ganze Ansieht beruht indessen auf 
mibaltbaren Vorausietiungen, Fnr*e Erste nämltch sagt nieht 
UosXsnophoq, senden auch AniSTOTSiiiss, daas Sokrates 
keiae nuturwissensohaftlicbeo Forschungen getrieben habe ^), 
wie 4ie«8 Sicwr^nisHoi achsh und seine Nachfolger recht ivöbl 
wlscany um von den Späteren nicht xu reden; welche Con* 
•eqnew nun, eben den Zeugeni den man sonst als Sobieds* 
richier awisohen Xenopbon nnd Pinto herbeiruft, sobald er 
sich gegen den Letzteren erklärt, su perborresciren ! beson* 
dera da wir die Besiehnng der Platonischen Stellen auf den 
bistoriscben Sokrates nicht beweisen können, und die 
einsige derselben, bei der eine solche Beaiehung nicht gani 
upwabrscheinlicb ist, die de« Phädo, nur dasselbe ausfuhrt, 
was auch Xenophon berichtet, dass Sokrates eine teleolo- 
gische Natnrbetrachtung gefordert habe. Hält man sieh- aber 
eben hieran, und verlangt, dass diese Teleologie „nicht in 
dem späteren niederen Sinn'^ wie sie Xenophon auffasste, 
ventanden , sonder« die philosophische Idee einer Immanens 
des Qeistfs in der Nator darin gefunden werde, so weiss ich 
nicht, wo wir die historische Berechtigung daau hernehmen 
acAlfo^ Beruft man sich endlich auf die Conse^uens des So* 
kvMiachcn Principe, so aeigt eben diese, dass es Sokrates 
mit seiner Verachtung der spekulativen Physik und seiner 
populären Teleologie voller Ernst sein musste. Hätte frei« 
lieh Sokrates die Idee der Zusanunengehöfigkeit alles Wis- 
sens in dieser entwickelten Form mit Bewusstsein an die 
$pi^e seiner Philosophie gestellt, so Hesse sich seine Gering- 
scbftlxung der Physik nicht erklären ; war dagegen der Ge- 



I^rw2^<>r¥^i ni(fl Si T^s ÖXtfS (piaewi ov&ev^ De part. anim. 

ovaiav] ijv^ij&ijy rd 6e Sv^tv rd n^l fva«^? i2^e. Vgl. Met. 
XUI, 4. i078, b, i7, E*i ^ud. J, i2i6, h, ?. 



Die Philosophie des SoBratesi S5 

danke in ihm erst als personliolie Bestimmdieit, als der Trbli 
und die Fertigkeit der Begriffsentwicklung, so war es natura 
lieb, dass derselbe auch erst die persönlichen Zastände, die 
aber vermöge ilorer Beziebnng auf dieldee diesiulichen sind, 
zum Inhalt hatte. Indem hier zwar die Idee des begrifflioben 
Wissens vorbanden ist, ihre systematische Aasbreiftnng da^ 
gegen neeb fehlt, so ist diese Idee erst die Forderung au 
das Subjekt^ sich selbst ihr gemäss isu bestimmen, und da^ 
mit unmittelbar praktischer Trieb, das philosophische und 
das sittliche Interesse daher noch Ein und dasselbe und daa 
sittliche Gebiet das einzige, auf welchem das in die objek« 
tive Welt noch nicht eingedrungene Denken einen ihm eat-« 
sprechenden Ciegenstand findet ^). Hjdt daher Sokrates auch 
eine eigenthilmliche Natnransehauung ausgesprochen^ so ist 
doch auch diese nur die Uebertragung der ethischen Betracb« 
tungsweise als Teleologie auf die Natur, eine an sieh seibat 
unphilosophisebe, populäre Reflexion, welche für die . Sekra« 
tische Philosophie Mir das negative Moment hat, den Mangdl 
des naturphilosophiscfaen Elements in ihr anzuzeigen. 

Aehnlich verhält es sich mit der theologischen For«« 
sehung» die in der altern Philosophie unmittelbar mit der 
pbysikalisclien verknüpft war. Auch von dieser bezeugt us 

13 Auch hier bietet die neuere Philosophie eine Parallele. Nachdem 
die Kantische Kritik die ganze ältere Metaphysik zerstört hatte; 
. . blieb nur noch das denkende Ich übrig, dieses Dmiken aber, c^ 
nes positiven Inhalte beraubt, wurde zur F^orderung, das Objekt 
aus dem Ich hervorzubringen, zum absoluten Sollen des kate- 
gorischen Imperativs, an die Stelle der Metaphysik trat die Moral. 
Aebnlich hatte die Sophistik nach Zerstörung der frühem Philo- 
sophie nur noch die subjektive Denkthätigkeit übrig gelasseii. 
Sokrates wies dieser am Begriff ihren wahren Gegenstand an, in- 
dem er aber das Princip des begrifflichen Denkens erst als An- 
forderung an das philosophirende Subjekt hatte, so war ihni das 
wahre. Wissea unmittelbar eine vom Subj^t darcb seine Selbst- 
tbatigkeit zu vealistrende Aufgabe, die theoretische Forderung 
des Erkennens fiel ihm noch mit der praktischen des pbilosophi- 
•eben Xebea» susammen« 



SA Die Philosophie des Sohrates. 

Xenophon ^) , das8 sich Sokrates nicht mit ilir beschäftigt 
habe, und damit steht es nicht im Widersprach , wenn et 
anderwärts (Mem. IV, 3, 2) sagt, er habe seine Freunde 
cwpqofog mqi d^sovg zu machen gesacht ; diese Ermahnang 
mm rechten Verhalten gegeh die Gotter gehört zur Ethik, 
nicht xar theologisclien Spekulation. Wir finden daher aach, 
dass alle Aensserangen des Xenophontischen Sokrates über 
die Götter durchads nur einen populären Charakter tragen. 
Er beschreibt dieselben als Urheber der zweckmässigen Na- 
tareinrichtung, als allwissende weise und götige Wesen, die 
zwar der sinnlichen Anschauung verborgen sind , abeit 
theils durch die Natur, theils auch durch Orakel und 
Vorzeichen sich 9ffenbaren, und bei deren Verehrung es 
nicht aaf. die Grösse der dargebrachten Gaben, sondern auf 
Reinheit der Gesinnung und Rechtschaffenheit des Lebens 
ankommt ^). Diess Alles sind aber doch erst populär reli- 
giöse Anschauungen, dergleichen sich auch ganz ausserhalb 
des philosophischen Gebiets, bei Dichtern z. B., nipht selten 
finden. Auch was Meni. IV, 3, 1 4 gesagt wird , dass die 
menschliche Seele am Göttlichen theilhabe, ist noch keine 
philosophische, sondern erst eine religiöse Bestimmung , da 
über die Art dieses Theilbabens noch nicbts Näheres fest«* 
gesetzt wird, und selbst die merkwürdige Unterscheidung 
zwischen dem rov oXov noaiAOif avrcdxrmv und den , übrigen 
Göttern (ebehd. §. 13. vgl. I, 4, 5. 7) erscheint hier nur als 
unmittelbare Voraussetzung, nicht als Resultat philosophischer 
Reflexion, wesshalb sich denn auch Sokrates durchaus an die 
Formen der griechischen Götterverehrung und des griechi- 
schen Götterglaubens anschloss ^). Gaiiz in derselben Weise 



1) Mem. I, 1, 11 ff. 

2) S. Mem. IV, 3. I, 4. I, 6, 10. I, 1, 19. IV, 4, 19. I, 3, 2 f. 
Symp. 4, 46 ff. Platonische Parallden dasu bei Bbaitdis Gr.- 
röm. Phil. 11, a, 56 ff. 

3) S. o. 8. 19* 21. Auch hier yerl(eimt ScsLsiBBSAciiia die geschieht- 



Die Philbsophie des Sokratei. 8T 

ist auch der Sokratische Unsterbttcbkeitsglaube gehalten^), 
dem überdies« Sokrales selbst nieht den Werth eines ganz sl^ 
ehern Wissens beigelegt za baben scheint ^); erst bei Platö 
erhält derselbe philosophisohe Bedeutung; 

Auch in der Eihak jedoch sind es nur wenige *philbso<^ 
phisohe Bestimmungen, die Sokrates mit Sidierheit zuge« 
abrieben werden können, wie diess auch nicht -anders sein 
konnte, da eine systematische Ausbildung der Ethik ohne 
metaphysische und psychologische Grundlegung unmöglich 
ist. Was Sokrates hier gethan hat, ist nur das Formelle, das 
sittliche Handeln öberhaept auPs Wissen zurückzuführen, so- 
bald dagegen die besonderen sfttlichen Thätigkeiten und Ver- 
hältnisse abgeleitet werden sollen, beruhigt er sich theils bei 
der Berufung auf die bestehende Sitte , theils tritt eine äüs- 
serliche Teleologie an die Stelle der philosophischen Be- 
gründung. 

Das allgemeine Princip der Sokratischen Ethik spricht 
der Satz aus, dass alle Tugend im Wissen bestehe 3). Zur 
Begründang dieser Ansicht berief sich Sokrates darauf, dass 



liebe Beschränktbeit des Fbilosopben, wenn er demselben (Gesch. 
d. Pbil. S. 84) schon die »reinste Einsicht von dem Verhältniss 
des Mythischen zum Spekulativen« zuschreibt, und seine An* 
Schliessung an den Volksglauben aus Accomodation ableitet. 

1 ) Plat. Apol. 40, £ ff. Wieweit die Aeusserungen des Xenophon- 
tischen Cyrus (Cyrop. VIII, 7, 19 f.) Sokratisch sind, fragt sich 5 
wären sie es aber auch, so sind sie doch ohne philosophischen 
■ Gehalt, und auch die Aehnlichkdt derselben mit der Ausführung 
des Phädo 105, Gf. giebt ihnen diesen noch nicht, denn gerade 
was die letztere zu einer philosophischen macht, die Anknüpfung 
an die Lehre von den B^riffen, fehlt hier. 

3) Es verdient alle Beachtung, dass nicht blos der Sokrates der 
Platonischen Apologie S* 40, G, die übrigens auch zu einer Ac- 
comodation an die Vorstellungsweise des Volks keinen Anlass 
hatte, sondern auch der Xenophontische Gyrus a^ a. O. §. 22* 
sich über die Unsterblichkeit zweifelhaft äussert. Im Uebrigen 
Tgl. HiBXAifN Plat. I, 684 f* 

$) Die Belege aus Xenophon, Plato und Aristoteles i. 0. 8. 36 f. 



98 I>i« Philosophie des Sokratetb 

koiaer etwas Anderes thne, als wavon er glaubt, dass^s ffir 
ihn got sei ^), denn das Wissen sei immer das StäAste, and 
könne nicht von der Begierde überwältigt werden ^), es sei 
Niemand freiwillig böse ^); was 'insbesondere die Tagend 
der Tapferkeit betrifft, so führte er fnr seine Ansiebt auch 
das an, dass in allen Fällen der, welcher die wahre Besobaf- 
feabeit einer scheinbaren Gefahr und die Mittel , ihr an be« 
gegnen, kennt, mehr Math bebe, als wer dieselben mcht 



1) XxBOPBOir Mem« 111, 9, 4 f* (•• o. a. a* O.) IV, 6| 6: tldoras 

oio/jutif Vtpri* OlSaS 8i tipuS akXa Ttotovvra^^ ^ a otovTa& SsJp j 
Ovit ty(oy\ itptj u* s* w. Vgl. ebd. % S. 11* ABiaT0TXt.s8 M/ 
Mor. I, S9 (8. o.) 

3) F1.A.T0 Protag* 352) G f* a^* o!p xal aol xototxov xi ?rc^2 avtiji 
[r^C iniortifirii] doxe7^ ij nakov ra shat 1; ijnar^fifjt xal olov ag^ 
yHi^ Tov dp&QiuTtov 9cal idvTtig yiypojoxTf riQ r^yud'd xai rd xaxd 
fjt^ av stgarrj^ijvai vno fir^dtvos^ wore dXk* dxra n(fdxtitv^ 9 « 
ap 97 imaxiifM^ mkev^i dkl* Ixav^ elpai x^p <p^pfjaip ßorjd'sip 
xii} dp^gojTtdjf; das Letztere wird sofort mit Einstimmung des 
Sokrates bejabt CDie weitere Begründung kann wohl nur als 
Platoaiach angesehen werden). Abist. Etb. Nik. VH, 3, An£ 
intaxdfAtvop /dip ovp ov tpaai xtpce oiop xe etptu {dHgax%vead'ai\. 
Sftvov ydgt in$oxijf4yi ipovmje^ vis ^txo ^orngdr^s, dXXo xi ttga- 
. xtiP, Eth. Eud. Vn, 13, Schi, vg&die x6 JSwxgaxtnovt Öri ovSiv 
loXVQ^xfffov 9fOf^aMtfff* dlX ilxi fatiaxi^fMiP «^17, ov» dg&Wy dgs- 
x^ ydg iaxt xmi qvh eni9xiffiy» 

3) Abist. M» Mor. I, 9. ^hm^x^s I^j; 01^ if i^fup y9Pio&a& x6 
on^vSaiovS §ivm$ ^ (pavXovs* el ydg xit^ tprjclvy igwxi^^ttep ovxi- 
vtiovvt iroxagov ap ßoihnxa ßixaios «7ra« ^ ddtxoQ^ ov&els dp 
«Ao*TO x^p mdixiaa^ u. s. w. Unbestimmter und ohne d^n Sokra- 
tes SU nennen, redet die £dt. Nik. III, 7* 1113, b, 14 (vgl III, 6, 
Anf. Eth. Eud. II, 7. 1223, b, 3) von der Behauptung m ov. 
hii ixuip noptfgoß or^ mm»p fbdxmg. Mit Recht bemerkt Bbait- 
Dis Gr. röm. PhiL II, a, 39» das« sich diess aunlkrbst auf Argu- 
nentationen des Platonischen Sokrates beziehe, dass jedoch auch 
die obea aageföhrtee Stellen der MemcoraUIien III, 9> 4. IV, 6 
6. 11. uad die Pkt. Apol. 25, £f. <<V^ ^' ••• r^vvo xe xocov- 
vap xaxop ixoMP n<utSf ols ffjS ai^ xaufTüu iym üqI ov vti&o^a^ c3 
ÜT^Atre . . . M ^£ anoHf Sunp^ilgo^ . . . Sifkev ux$ idp fAd&w nttv^ 
aofiai ye dxotp notd!) dasselbe besagen« V^ IM» de justo 
S^hi Dioe. L^SBi. II» 31« 



Die PkU^ftpliU dei So^vau«. 69 



\ubtkni ^). F^tB^tse jwH ftllgemeiiitii PriiMip« mi die 
Beb9up(«ogen« das« diß eios^lnen Tugenden nicht ran ein- 
ander v6riobifd?n ^)9 Qod «benio die Tugend der Tersehie*^ 
denen Stllnde und Ges^hleehter eine und dieielbe ^), und die 
Anlage zur Tagend in Allen die gleiche «ei ^), denn die 
Anlage aqin Wiasen ia( für Alle weeenUich gleich; dass nnr 
die Wissenden die wahre Tugend beeilsen, mithin «uch not 
sie «ur Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten ge- 
Kcbickt» dass sie als solche schlechthin berechtigt seien, su 
herrschen ^); dass die Unwissenheit Ober das, was re«ht ist| 
der gr^sste FebUr» und wissentlich Unreeht zu thnn besser 
sei, als unwissend ^), weil nttmlicb im letaternFaU mit dem 



i) Xpn. Mein. III, 9, ,2. Sjmp. 2, 12. wo Sokrates aus Aalass ei* 
ner Tänzerin, die über Degenspitzen radscblagt, bemerkt: ovro» 
rcv9 y§ &§wf*irovS vaSt iirttXiSt^p IV« oXofMn^ ttU ovxt nal ij 
dvi^$ia StSanjQV. AiuftT* Etb. Nik. UI, i. ilft6, b^ S: ^»t« Ü 
xal 17 tf^mi^a ^ ntgl enaata, avd^eia r«( 9(vckt * o&bv nal 6 ^(m- 
Kgart^e 4v^^ iTrjcrrjJaiyv ilvai rfjv dvSgiiav, V|l. Eth. £ud. 111, 
1. 1329, a, 14. 

t) Mem. HI, $» 4. S. o. S. 56, 1. 

3) Abist« Folit l, 1$. 1)16, a« 30 ff. oiart tpavt^ivt vr* hxlw i^^u^ 
difBTtj töiv itQTjfjkivwv ndvTOtVy xai ovx ^ avr^ awfQOQvrtj yvvai^ 
noi nal dydQofy ov^ dvi^la nal Smaioavvff , ita&aTrag (^aro .2%»- 
trpari^ff • • • ««ilv yd(f if4,nv^v liyov^av •» ita^^&iktiv»us rdi d^§^ 
Taff. Vgl PiATO Meno S. 71it P H^ und die Lehre von der Eia- 
beit aller Tagenden bei den Gynikern und Megarikem, 

4) XiK. Syrap. 2, 9: JCal 6 2(.oyiQdtfi^ tlntv iv noXkoIs fiiv, <u 

va$n^{ct (fVQ^S opdiv %6lQ¥iV r^ tov dvtfci aiaa rvyxdvih 4^t^^9 
de ttal taxvoe Suvai. Vgl. Plato Bep. V, 452, £ ff. 

5) Mem. III, 9, 10: BaaiXui Si ttal agxovTai ov tovs td on^nTga 
f'XOPtaS tfffi $ivai^ <^9i tov^ vttq tmv tpxovzviv mQS&ivrttSy ov9h 
TOvs «?^^gt^ kaxoyjaSi ov^i T0C9 ßiaaafjUvov^ y ovdi rove i^ana- 
T^QavTKti^ dU.d Tat)( ,inii<trotfnivov^ ä^X^nft was sofort mit dem 
bekamitee Seispiele der St^neraMinner, Aerzte u. i. w, bewiesen 
wird. Dasselbe Mem. I, 3 , 9« vgl« euch I9 3 , 44 f« Pieselben 
Grundsätze wiederholt Plato, z. K FoUt 3^7» £) ff, » wo gleich- 
falls das Beispiel des Steuermanns u^d Arztes« s^nm Schema dient« 

6) Mem* IV, 3, 19 f. Tuitf 9i djj r#r( tfUavs «£a;raja«4'va)r inl 
fildfirj nat9(fQS dSiH<i^9(fif «Wf^i indivt 17 o cuMMf; was im 



^ Die Philotöphie des Sokra'tes« 

wahren Wissen die Sittlichkeit fiberhaüpt fehlt, im erstem, 
Wenn er überhaupt möglich w^re, dieselbe nur Vorfiberge*^ 
hend verletzt würde. Nur eine praktische Anwendung jener 
Lehre ist aber auch die Sokratische Forderung der morali'* 
sehen Selbsterkennfniss ^). Diese ist nftmlioh dem Sokrates 
nicht blos ein Hülfsmittel der Sitüichkeit, sondern unmittel* 
bar die gesammte sittliche Bildung selbst; da alle Tugend ein 
Wissen und nichts stärker sein soll, als die Einsicht, so ist 
unmittelbar mit der Erkenntniss der sittlichen Mängel auch 
der Trieb gesettt, sie aufzuheben^); wer daher sich selbst 
recht kennt, der arbeitet ebendamit noth wendig so, wie er 
soll, an seiner sittlichen Vervollkommnung. 

Diess ist indessen erst eine formelle Bestimmung; alle 
Tugend soll ein Wissen sein, aber was ist der Inhalt dieses 
Wissens? Auf diese Frage antwortet Sokrates zunächst im 
Allgemeinen: das Gute; tugendhaft, gerecht, tapfer u.s.f. 
ist, (s.o.) wer weiss, was gut, recht, bei Gefahren zu thun 
ist u. s. w. Auch diese Bestimmung jedoch ist ebenso allge« 
mein und blos forniell, wie die vorige; das Wissen, welches 
tugendhaft mächt, ist das Wissen des Guten, aber was ist 
das Gute? Das Gute ist eben nur das allgemeine Wesen, oder 
der Begriff, als praktischer Zweck , das Thun des Guten nur 
das dem Begriff der Sache entsprechende Handeln , also das 
Wissen selbst in seiner praktischen Anwendung, das Wesen 
des sittlichen Wissens daher durch die allgemeine Bestim- 
mung , dass es das Wissen des Guten , Rechten u. s. f. sei, 



Folgenden so entschieden wird: Td dUaia itorsQov oittdiv tpev- 
SofisvoQ ital e^aTraTütv olSev, rj 6 äxmvj JtjXov ort 6 ixdv. J$~ 
naiotiQOV Si \jpjji elvai] tov iniardfisvov rd dlxa&a rov fjtrj t^r*- 
axafiivov; 4>alvofiai, Vgl. Pla.to Rep. 11, 382. IH, 389, A. f. 
IV, 459 C f. VII, 535 E. Hipp. min. 371, E ff. und dazu meine 
Flaton. Studien S. 152. 

1)8. über diese oben S. 41. 

2) Ein Zusammenbang, der auch Mem. IV, 2, 26 f., trotz der un* 
philosophischen Form, deutlich genug hervortritt. 



Die fhilotopbje des Soliratet. A\ 

nicht erklärt» lieber diese allgemeine Bestimmung ist aber 
Sokrates in seinem Philosopbiren nicht hinausgekommen; ^ie 
seine theoretische Philosophie bei der allgemeinen Forderung 
des begrifflichen Wissens, ^ bleibt 4ie praktische bei der 
ebenso unbestimmten Forderung des begriffsmässigen Han- 
delns stehen. Aus diesem allgemeinen Princip lässt sich aber 
noch keine bestimmte sittliche Thätigkeit ableiten; soll es 
daher doch zu einer solchen kon^men, so bleibt nur übrig, 
die Grundsätze dafür entweder aus der bestehenden Sitte 
ohne weitere Prüfung aufzunehmen, oder sofern sie doch, deni 
Princip des Wissens gemäss, deducirt werden sollen, sie auf 
die besonderen Zwecke^ und Interessen der handelnden Sub- 
jekte, also auf äusserliche, eudämonistische Reflexionen zu 
gründen. Beide Auswege hat Sokrates auch eingeschlagen« 
Auf der einen Seite erklärt er den Begriff des Gerechten 
durch den des Gesetzlicheh , und die den Gesetzen entspre* 
chende Verehrung der Götter für den besten Gottesdienst, 
und will er selbst sidi sogar dem ungerechten Urtheil n^cht 
entziehen, um die Gesetze nicht zu verletzen ^); auf der an- 
dern Seite — und diess ist vermöge der allgemeinen Richtung 
auf's sittliche Wissen bei ihm das Gewöhnliche — bedient er 
sieh für seine ethischen Sätze einer endämonistischen Be- 
gründung, die sich, für sich genommen, von der sophistischen 
Moralphilosophie nur im Resultat, nicht im Princip unter- 
scheidet ^). Erklärt doch Sokrates selbst ausdrücklich, wenn 
man ihn nach einem Guten frage, das nicht für einen be- 
stimmten Zweck gut sei, so wisse er weder ein solches, noch 
begehre er es zu wissen. Alles sei gut und schön für das, zu 
dem es sich gut verhalte 3), d. h. es gebe kein absolut, son- 



1) S. o. S. 21. 

3) Wie dies^ schon Dissinr in der oben (S. 14» 2) angeföhrten Ab- 
handlung grUndUch gezeigt hat. Vgl. auch Wiooass, Sohratei, 
S. 187 f. 

3) Mcm. III, 8. 3. 7« 



62 I>ie Philoftöplile des Sökrate«. 

dern ntir ein rdätiv Gntdn; sagt ^t doch aufs Befttimmtesle, 
das Gute sei nichts Andei^es, als das NÖtsIiche, das Schöne 
nichts Anderes als das Brauchbare, Alles daher für dasjenige 
gttt und schon, dem es nützlich und brauchbar sei ^){ sehen 
\vir ihn doch in den Xenophontischen Gesprächen fast aus'^ 
nahmslos die sittlichen Vorschriften selbst a^f das Motiv des 
Nutzens gründen, die Ermahnung 2ur Enthaltsamkeit darauf, 
dass der Enthaltsame angenehmer lebe, als der Unenthalt«- 
same '), die Ermahnung zur Abhärtung darauf, dass der Ab*- 
gehärtete gesänder und fähiger sei. Gefahren abzuwehren, 
und sich Ruhm und Ehre zu erwerben '), die Ermahnung Zur 
Bescheidenheit darauf, dass die Prahlerei in Schaden und 
Schande fBhre ^), die Aufforderung zur Bruderliebe auf die 
Erwägung, dass es thöricht sei, zum Schaden zu gebrauchen, 
was uns zum Nutzen gegeben sei ^), die Lobpreisung der 
Freundschaft auf die Aufzählung der Vortheile, die ein treuer 
Freund gewährt^), die Verbindlichlseit zur Theildahme an 
den öffentlichen Angelegenheiten auf die Ueberzeugung, dass 
das Wohlbefinden des Ganzen auch allen Einzelnen zu Gute 
komme ^), die Verpflichtung zur Gerechtigkeit auf die Be- 
trachtung ihres Nutzens^), die Werthschätzung der Tugend 
überhaupt auf die Vortheile, die sie von Seiten der Götter 
und Menschen Terschafft ^), und auch in der reinsten Gestalt 
dieses Eudämonismos doch nur auf den Genuss des mora- 
lischen Selbstbewusstseins ^O). Und kein Grund dagegen ist 



1) Mem. IV, 6, 8 f. vgl. Xcn. Symp. 5, stf. 

2) MeiM. y, 5. 6. II, 1, i ff. tgl. IV, 5, $. 

3) Ebd. Ili, IJ, 4. 11, 1, 18. 

4) Ebd. I, 7. 

5) Ebd. II, 5, 19. 

6) Ebd. II, 4, 5 f. n, 6, 21 ff. 

7 ) Ebd. UI, 7, 9. II, 1, 14. 

8) Ebd. IV, 4, I6ff. m, 9, 11 ff. 

9) Ebd. II, 1, 27 ff. 

10) Ebd. I, 6, 9. IV, 8, 6* 



Die PLilotophie det 8okrat«t. 6S 

• 

68, das« der Platonische Sokrates an mehr ali Etner Stelle ^) 
den selbstfindigen und absoluten Werth der Sittlichkeit gel- 
tend macht, denn dass diess auch der geschichtliche in der^ 
selben Weise gethan habe, Ifisst sich daraus um so weniger 
abnehmen , da ja Pl ato selbst in dem am Meisten Sokrati- 
schen Ton seinen Dialogen ^) seinem Meister eine durchaus 
auf die Identität des Guten mit dem Angenehmen gegründete 
Beweisführung in den Mund legt. Verweist man uns aber ^ 
auf die sonstigen Erklärungen des Sokrates, auf seine Aeus- 
serungen über den Werth und die Kraft des sittlichen Wis- 
sens und den Unterschied der evnQa^ia und evrvxia^)^ und 
^ auf den Widerspruch solcher Erklärungen gegen die von uns 
vorausgesetzte eudämonistische Begründung der Sokratischen 
Moral, so können wir diesen Widerspruch zwar vollkemmea 
zugeben, um so mehr aber müssen wir uns dagegen verwah- 
ren , dass aus demselben gegen die Treue der XenophontU 
schen Darstellung etwas geschlossen, und unzweifelhafte Er- 
klärungen, wie die aus Menü III, 8, 3. 7 angeführten, mit 
Brandis für solche Bruchstücke von Gesprächen angesehen 
werden, deren letztes Ziel das gerade entgegengesetzte, der 
Beweis von der wesentlichen Verschiedenheit des Goten und 
Nittzlichen gewesen sein soll. Durch diese Behauptung wird 
nicht allein die Glaubwürdigkeit der Xenophontiscben Dar- 
stellung in einer Weise verdächtigt, die sie als Geschiokt»- 



1) Z. B. Bep. X, 612, Af. Gorg. 495, E f. 

2) Protag. 35S, GfL vgl. 533, D. 

3) Mit Braiüdis Gr. rpoi. Phil U, a. 40 f. Bhtim Miu. I, b, 138 ff. 
Vgl. DissBir a. a. OJ S. 88 (28). Bittsb, Gesch. d. Fkil. II, 70 ff. 

4) Mem. III, 9, 14. Mit Unrecht fügt Bbahdis dieser Aeussening 
auch Mem.lV, 2, 34 bei, denn \veaa hier auch Schönheit, Stärke, 
Reicbthum, Euhm, und Torfaer <^. 33) a«cfa die Weisheit selbst 
für dfKpiloya aya^.a erklärt werden, so wird doch dieses selbst 
nur damit begründet^ dass daraus noXXd xal x^^^d 9VfißaivH 
Tots dv&Q(o7tois» Diese Stelle würde also yielmehr gegen Bbait* 
SIS beweisen» 



ß4 Pi0 t*hilo$opbie de« Solcratet. 

quelle fast anbraachbar maehte, und ein nicht etwa nur durek 
einzelne Aeusserungen, sondern durch die ganze Darstellung 
der Schrift yon Anfang bis zu Ende sich hindurchziehender 
Zug ohne alle bestimmten geschichtlichen Zeugnisse des Ge- 
g0ntheils für falsch ericlärt, sondern es wird auch die Cigen- 
thumllchkeit des Sokratischen Philosophirens und die noth- 
wendige Grenze seiner consequenten Entwicklung verkannt. 
Dass das Wis^n des Guten allein die wahre Tugend, und die 
Tugend das Höchste, und dass doch dieses Wissen und Han- 
deln selbst wieder durch die empirischen Folgen der Hand- 
lungen bestimmt sein soll , diess widerspricht sich allerdings, 
aber dieser Widerspruch war eine unvermeidliche Folge der' 
abstrakten und blos formellen Fassupg der Tugend als int" 
iTc^lAti' indem so nur das Wissen überhaupt zum Princip der 
Sittlichkeit gemacht, über den Inhalt dieses Wissens dage- 
gen nichts Näheres , oder nur das ebenso Formelle, dass es 
Wissen des Guten sein müsse, bestimmt ist, so ist es unmög- 
lich, die bestimmte sittliche Thätigkeit aus jenem allgemei- 
nen Princip abzuleiten, sie kann daher nur mittelst der Re- 
flexion auf den empirischen Charakter und die empirischen 
Folgen des Handelns construirt werden. So rein daher auch 
das allgemeine Princip der Sokratiscben Ethik ist, so wenig 
.weiss dieselbe in ihrer weitern Entwicklung einen diesem 
Princip widersprechenden eudämonistischen Anstrich zu ver- 
meiden ; wie aber dieser Mangel selbst aus der abstrakte^ 
und unentwickelten Fassung jenes Princips zu erklären ist, 
so erklärt er seinerseits die Thatsache, dass unter den aus 
der Sokratischen Philosophie hervorgegangenen Schulen, 
welche das eine oder das andere von den in jener vereinigten 
Momenten einseitig zum Princip erhoben, neben der cyni- 
jcben Moral und der megarisohen Dialektik auch die cyre- 
naische Lustlehre eine Stelle fand ^) , und so erscheint auch 



1 ) Ein Punkt, auf den Hibmistn Gesch. u« Syst. d. Fiat I, 257 mit 



Die Pliilosaphie des Solirated. 63 

nach dieser Seite hin die Xenophontische Darstellung voll- 
kommen gerechtfertigt. > 

Sehen wir nun Von hier aus auf die am Anfang des to«> 
irigen Paragraphen aufgeworfene Frage zurück: bei welchem 
von unsern Berichterstattern wir eine historisch treue Dar*- 
Stellung desSokrates und seiner Philosophie finden, so liegt 
zunächst ^o viel am Tage, dass uns die Persönlichkeit 
des Socrates von Plato und Xenophon im Wesentlichen gleich 
geschildert wird, und wenn dies^ Schilderungen in einzel- 
nen Zügen sich gegenseitig ergänzen, so widersprechen sie 
sich doch auf keinem Punkte, und der Ueberschuss der ei- 
nen über die andere lässt sich in das von beiden aner- 
kannte Gesammtbild mit Leichtigkeit einfügen. Aber auch 
die Sokratische Philosophie wird von Plato und Aristo- 



Recbt aufmerksany macht. Wenn derselbe ^Ebd. 8. 354 f. über 
Ritters Darstellung der sol&rat. Systeme S. 21 f.) in dem Nütz* 
lichkeitsprincip, oder wie er es lieber ausdrücken will, dem Vor- 
herrschen der Relativität bei Sokrates nicht blos eine, auch von 
ihm zugestandene^, Seh wache, seines Philosophirens, sondern zu- 
gleich einen Zug Sokratischer Bescheidenheit findet» so wass ich 
nicht, auf welche geschichtliche Gründe sich diese Ansicht stützen 
soll, und wenn er damit weiter die -allgemeinere Lehre von der 
« Relativität aller accidentiellen Bestimmungen und der blös'äusscr- 
lichen und unwesentlichen Bedeutung aller Begriffgverltnüpfung 
in Verbindung bringt, die seiner Ansicht nach den Grundunter- 
schied der Sokratischen JDialektik von der sophistischen und die 
Grundlage der Sokratischen Satze über die Wahrheit der allge- 
meinen Begriffe bilden soll, so gestehe ich diese Lehret in die* 
ser ihrer Allgeraeinheit, weder Mem. III, 8, 4~7. 10, 12. IV, 6, ^ 
9. 2, 15 ff. noch im Platonischen grössern Hippias S. 288 ff. — 
ohnedem einer sehr trüben Quelle — finden zu können. Was 
hier ausgeführt wird, ist nur, dass das Gute und. Schöne nur 
vermöge seiner Brauchbarkeit für gewisse Zwecke gut und schön 
sei, nicht, dass überhaupt alle Anwendung des Prädikats auf ein 
Subjekt nur relative Geltung habe. Noch weniger verstehe ich, 
wie diese Lehre den Unterschied ^er Sokrattscheh Pbiloso* 
phie von der Sophistik begründen sollte, da ja gerade diess der 
Grundcharakter der Sophistik ist| allen wissenschaftlichen und 
sittlichen Grundsätzen blos relative Geltung zozuerketindn* 

Die Pbiloiopkie der Griechen. U. Theil, 5 



66 



Die Philosophie des Solirates. 



teleg in der Hauptsache nicht anders dargestellt, als von 
Xenophon, sobald wir von dem Ersten derselben hur das 
unzweifelhaft Sokratische und nicht auch solche Aeusserun- 
gen in Betracht ziehen, die nur Eigenes oder eigenthtimlieh 
umgebildetes Sokratisches enthalten , und ebenso bei dem 
Letztern die philosophische Bedeutung SokratischerSätze von 
der allerdings oft unphilosophischen Form unterscheiden. 
Die Ueberzeugung , das$ das wahre Wissen das Höchste, 
dieses Wissen aber nur in der Erkenntniss des Begritfs zu 



finden sei, die charakteristischen Eigenthümlichkeiten der 
Methode, durch die Sokrates dasselbe hervorzubringen ver- 
sucht hat, die Zurückfuhrung der Tugend aufs Wissen, nebst 
den Folgesätzen dieser Lehre •— diese Grundzüge des So«- 
kratischen Philosopbirens hat auch Xenophon aufbewahrt, 
mag er auch den philosophischen Gehalt mancher Sätze 
nicht vollständig erkannt, und sie desswegen weniger, als 
sie es verdienten, hervorgestellt haben, und andererseits 
dann und wann statt des philosophischen den populären 
Ausdruck setzen, statt des genaueren Satzes z. B., dasis 
alle Tugend Wissen sei, den minder genauen: alle Tu- 
gend sei Weisheit. Treten andererseits die Mängel der 
Sokratischen Philosophie, das Populäre und Prosaische ih- 
rer äussern Form, der Mangel an einer systematischen Ent- 
wicklung, die eudämonistische Begründung der Sokratischen 
Moral bei Xenophon stärker hervor als bei Plato und Ari- 
stoteles ^ so kann diess bei der Kürze, mit welcher der Eine 
von diesen, nur die philosophischen Grundbestimmungen 
berücksichtigend, von Sokrates redet, und bei der Freiheit, 
mit welcher der Andere das Sokratische Element nach Form 
und Inhalt fortbildet, nicht auffallen, wogegen umgekehrt 
^uch hier die Xenophontische Darstellung theils durch ein- 
seloe Zugeständnisse Plato's ^)^ theils durch ihre innere 



1) S. 0, S, 24. 46 T. 



Die Ftiilosophie des SokraUfi. tff 

Wahrheit und UebereioAliininang mit itm Bilde, das wir 
uns von dem ersten Anffreten des neuen dnrch Sokrates 
entdeckten Princips machen müssen , bestätigt wird. Was 
wir daher den Tadlern Xenophons zugestehen können, ist 
nur dieses, dass dieser Mann allerdings die pl^ilosophischi 
Bedeutung seines Lehrers weit nicht verstanden hatj und 
darum auch in seiner Darstellung zurücktreten lässt, und 
dass uns insofern Plato und Aristoteles als Ergänzung selt- 
ner Berichte willkommen sein müssen ; nicht zugeben kön* 
neu wir aber, dass er uns über wesentliche , Punkte positiv 
Falsches berichtet habe, und dass es nicht m5glich sein 
sollte, auch aus seiner Darstellung die wahre Gestalt ntad 
Bedeutung der Sokratischen Lehre herauszufinden« 

Mag aber auch diese Ansicht von der Sokratischen 
Philosophie mit den unmittelbaren Zeugnissen über dieselbe 
vereinbar sein, widerspricht sie nicht der ganzen geschieht- 
liehen Bedeutung dieser Erscheinung'? Hätte sich Sokrates, 
meint ScHLKiERMACHER ^), nur mit Reden von dem Gehalt 
und aus der Sphäre beschäftigt, über welche die Xenophon« 
tischen Denkwürdigkeiten nicht hinausgehen, wenn auch 

* 

mit schöneren und blendenderen, so begreife man nicht, wie 
er in so vielen Jahren nicht den Markt und die' Werkstät- 
ten, die Spatziergänge und die Gymnasien entvölkerte durch 
die Furcht seiner Gegenwart, wie er einen Alclbiades und 
Kritias, einen Plato und Euklid so lange Zeit befriedigen, 
wie er in den Platonischen Gesprächen diese Rolle spielen, 
wie ^r überhaupt der Urheber und das Vorbild der atti- 
schen Philosophie werden konnte. Gerade Plato jedoch 
lässt den Alcibiades, wo er das unter der Silenengestalt der 
Sokratischen Reden enthaltene Göttliche enthüllen will, 
nichts Anderes nennen, als jene moralischen Reflexionen, 
die den Inhalt der Sokratischen Gespräche bei Xenophon 



1 ) WW, III, 2, 295. vgl. 287 ff. 

• 5« 



0$ Die Philosophie des^Sokrates. 

ausmachen, uiid ihn an eben diese Reden Jene bewdnde- 
rungswürdigle Schilderung des Eindrucks anknüpfen, den 
Sokrates auf ihn gemacht hatte, eine Schilderung, welche 
uns die durch Sokrates hervorgebrachte Verwirrung und 
tJmkebrung . des griechischen Bewusstseins lebhafter, als 
irgend etwas Anderes zur Anschauung bringt ^)^ und wenn 
er anderwärts den Reiz des Sokratischen Philosophirens in 
dem dialektischen Interesse sucht, so bezieht sich doch auch 
dieses nur auf das bei Xenopfaon gleichfalls nicht Feh- 
lende, dass Sokrates die Leute ihrer Unwissenheit überführt^). 
Dieser Erfolg der Sokratischen Reden, wenn sie auch nur 
von der Art waren, wie Xenophon berichtet, darf uns nicht 
wundern. Die Untersuchungen des Xenophontischen Sokra- 
tes mögen uns freilich oft trivial und langweilig erschei« 



1) Symp« 215» E ff.: orav yaQ dxovw [2wHQaT0vi\ aoku fioi fiaX^ 
Iqv tJ tojv HO^vßavTirOjvT.ojy rj TS M9Q(fi(t ntj^f xal SdxQva ixxsi^ai 
vTTO Tüßv koyutv TOJV TOVTOv, — vTio TOvTOv TOv MaQOva Ttokla-^ 
xiS Brj ovTüj disrid'tjv^i oJoTs fioi So^äi firj ßtokov stvai t'zovTi 
vU i'x^ . • • dpayttd^Et yuQ fis ofioXoyilv oti> nolkov tvBt^i wV 
avToi Ivi ifiavTov /*tV dfiiXö/ tu S* *ji&yjvaio)V jrparrw .... 
(vgl. Xen. Mcm. IV, 2. III, 6.) Titnavdta Sa n^os tovtov fiovov 
dt^Qwnojv, o ovK dp Tis oiotro iv ifiol ii't7vai, tu aioxvvta&ah 
^VTivovv .... BgansTsvoj ovv avtov xai tpsvywy ttal orav i'Sw ««- 
oxvvofÄOii ra hjfiokoyrjuiva* xal noXkdxiS fitii i^d^atS dv idoi/M 
avTov fiij ovva iv dv&^ojTroic tl S* av tovto yivoiTOy sv ot3a\ 
uTi TtoXv fisi^öv d^ dx&oifiTjVy war« ovx i'jfw, o r* ;|r()jJao;*a« toJ- 
Tcj» TtjT dvß^QWTtw, S. 221, D ff. y.al ol Xoybi avTov 'OfAototosrol 
siai' TOiC JSetltivoXi TOtS Siotyo^ivoiS .... Sio^Ofiivove öt ISoJv av 
Tii ^al iVToe avTwv yiyroftsvos 'Trgiotov juev vovv i'xovTai l'vSov 
fiovpvs svQtjasi TV)v XoyojVf l'nsiTa ÜsioraTOve xal nXsiOT dydX^ 
fiar* d^sTTJs iv avtoHi l'xovTtts^ xal i-rrl nXsiarev Tsivovrai ^dX- 

Jyov Si iitl ndv öaov n^OQi^xsi, axoTralv T(^ fiilXovTi^ 9taX(a xaya&it* 
k'asa^ai. 

2) Apol. 23, C: 7r(jQS St TovTttg ol vioi fiop inaxoXov&ovvTSS Oii 
fiaXtOTa oyoXrj tanv ol tojv fiXovotwTdTwv avTOfiuTOt xatQOvatv 
axovovTts iisxa^ofiivoxv zwv dv&^oinojpf xal aural TtoXldxte ifii 
fAifjbovvrai eha tTnx^iQovavv aXXovi i^srd^tiv u. 8. w* Ein Bei- 
spiel einer solchen Früföhg ist die' Unterredung des Alcibiades 
mit Pericles Mem. I, 2, 40 ff. 



# 



^ \ Die Philosophie 4®^ Sokrates^ 69 

nen, und wenn \fir nur auf das Resultat für den beson-* 
dern Fall sehen, mögen sie es auch nicht selten sein; das« 
z.B. der Waffenschmidt den Panzer dem Körper des Tra- 
genden anpassen müsse (Mem. III, 10, 9 ff.), dass die Kör« 
perpilege vielfache Vortheile gewähre (ebd. III, 12, 4), dass 
man sich durch Wohlthaten und Aufmerksamkeit Freunde 
erwerbe (II, 10. 6, 9 ff.), diese und ähnliche Sätze, die So* 
krates oft breit genug ausführt, enthalten allerdings weder 
für uns etwas Neues, noch können sie ein solches für die 
Zeitgenossen des Philosophen enthalten haben. . Das Nen^ 
und Bedeutende solcher Ausführungen liegt ^aber auch nicht 
in ihrem Inhalt, sondern in ihrer Methode, darin, dass jetzt 
erst mittelst des Denkens ausgemacht werden sollte, was 
vorher nur unmiltelbare und ununtersuchte Voraussetzung 
und bewusstlose Fertigkeit gewesen war, und .wenn'Sokra* 
tes von diesem Princip nicht selten eine kleinliche und pe« 
dantische Anwendung gemacht hat, so mochte auch diese 
seinen Zeitgenossen nicht so ^bstossend erscheinen, als 
vielleicht uns, die .wir die Kunst des selbstbewussten Den- 
kens und die Befreiung von der Anktorität des blinden Her- 
kommens nicht erst, wie jene, von ihm zu lernen brau- 
chen ^). Oder hatten ni(^ht die Untersuchungen der Sophisten 
zu einem guten Theile noch weit weniger positiven Inhalt, 
und haben nicht auch sie trotz der leeren Spitzfindigkei- 
ten, in denen sie sich so oft herumtreiben, eine elektrische 
Wirkung auf ihre Zeit hervorgebracht, einzig und allein 
desswegen, weil auch in dieser verkehrten Anwendung dem 
griechischen Geiste eine ihm noch nei^e Macht des Selbst- 
bew.usstseins und der Abstraktion vom Objekt zur Anschauung 
kam? Hätte daher Sokrates auch nur jene unbedeutenderen 
Gegenstände besprochen, mit denen sich manche seiner Un- 
terhaltungen allein beschäftigen, so würde uns, zwar noch 



1 ) Vgl. hierüber auch Hbgbl , Ge«tb. d. Phil, fl, 59. 



70 Die Philosophie des Sokrates« 

nicht seine philosophische Bedeatnng, aber doch seine un- 
mittelbare Wirkung auf seine Zeit theil weise erklärlich sein. 
Aber diese Nebendinge nehmen ja auch iki den Xenophon- 
tischen Gesprächen nur eine untergeordnete Stelle ein; als 
die Hauptsache dagegen erscheinen auch hier die philoso- 
phischen Sätse von der Nothwendigkeit des begriiHichen 
Wissens und dem Aufgehen der Sittlichkeit im Wissen, die 
Forderung der moralischen und intellektuellen Selbsterkennt- 
nisse die Dialektik, durch welche das Bewusstsein aus der 
Objektivität in sich seihst zurückgetrieben, und die Vor- 
stellung Bum Begriff übergeführt wird. Kdnnen wir uns 
wuntlern^ wenq diese Momente jenen tiefen Eindruck aqf 
die Zeitgenossen des Sokrates und jene Umkehr im Denken 
des griechischen Volks hervorbrachten, die sie dem Zeug- 
niss der Geschichte znfolge hervorgebracht haben, und auch 
BUS dem scheinbar Trivialen und Unbedeutenden der So- 
kratisohen Reden, das die Berichterstatter einstimmig aner- 
kennen, dem tiefer Blickenden die mehr oder weniger ent- 
wickelte Ahnung einer neuentdeckten Welt entgegentrat? 
Plato und Aristoteles war es aufbehalten, diese neue Welt 
zu erobern, aber Sokrates war der Erste ^ der sie gefunden 
und den Weg zu ihr gezeigt hat; indem er ^ es zuerst er- 
kannte, dass alles wahre Wissen vom Begriff der Sache 
ausgehen müsse, und dass nicht das natürliche Objekt, son- 
dern der Geist --^ mag er diesen auch zunächst nur als 
den^ sittlichen Geist gefasst haben — das wahre Objekt der 
Philosophie sei, »& hat er ebendamit die Priorität des Detir 
kens vor dem Sein^ die Erbabeiiheit des Geistes über die 
Natur zum Bewusst^ein gebracht, und der Philosophie an 
der Welt der objektiven Begriffe das Feld gezeigt, auf dem 
sie sich fortan zu bewegen hatte. 

Eben diess ist es auch, worin ebenso der Unterschied 
des Sokrates von den Sophisten, wie seine Verwandtschaft 
mit ihnen, und der letzte Entscheid ungsgrund für dieSchlich- 



i 



l)ie Philosophie deg Sokrates. 71 

tudg des Streits über das Verhtiltniss des Sokratiseb^n Stand- 
punkts zurSophistik zu suchen i8t\ -Die Behauptung, dass 
Sokrates mit den Sophisten den Standpunkt der Subjekti* 
vität theile, hat ohne Zweifel stärkeren Widerspruch her- 
vorgerufen, als sie verdiente. Denn wenn doch auch von 
den Urhebern dieser Ansicht nicht geläugnet wird^ dass die 
Sokratische Subjektivität eine wesentlich andere war, als 
die sophistische, jene die ideale, diese die empirische ^), 
andererseits bei keiner Ansicht geläugnet werden kann, 
dass die Sophisten zuerst die Philosophie von der objekti- 
ven Forschung zur Ethik und Dialektik zuriickgelenkt, im 
Le1)en und Denken des Subjekts den letzten Zweck und im 
Menschen das Maass aller Dinge erkannt haben, dass sie i 
mithin zuerst das Denken auf den Boden der Subjektivität 
versetzt haben, so reducirt sich am Ende der ganze Ge« 
gensatz auf die Frage: sollen wir sagen, Sokrates und die 
Sophisten haben sich in der gemeinsamen Subjelctivität ih- 
res Standpunkts geglichen, aber durch die nähere Bestim- 
mung dieser Subjektivität unterschieden, oder: sie haben 
sich durch den Gehalt ihres Princips unterschieden, aber in 
der Subjektivität desselben geglichen? d. h. wenn sowohl 
die Verwandtschaft, als der Unterschied beider Erscheinun- 
gen anerkannt werden muss, welches von diesen beiden 
Momenten haben wir als das wesentlichere und als das 
beherrschende des andei'n anzusehen? Was nun hierüber 
zu sagen wäre, ist bereits in unserer früheren Ausführung, 
1. Th. S. 33 f. 247 ff., enthalten. Die Sophistik bildet erst 
die negative Auflösung der früheren Philosophie und die 
indirekte Vorbereitung einer nepen Periode; Insofern 
kann auch als das sie ursprünglich beherrschende Interesse 
nur das Interesse einer negativen Aufklärung betrachtet 
werden, die bisher geltenden Vorstellungen und Grundsätze 



1) S. o. S. 45 f. 



72 Die Philosophie des Sokrates. 

zu zerstören und nur indirekt und unbewusst liegt darin 
das positive Interesse, die Unendlichkeit des Selbstbewnsst- 
seins zur Anerkennung zu bringen. Bei Sokrates umge- 
kehrt, dem schöpferischen Urheber einer neuen Epoche, ist 
dieses Positive das Erste und der eigentliche Quellpunkt 
seines Philosophirens, und nur um dieses Positive durch- 
zusetzen wendet er sich skeptisch gegen die geltende Vor- 
stellung und SiUe. Wenn Jene den Menschen als das Maass 
aller Dinge preisen, so thun sier es nur desswegen, weil 
sie an einer objektiven Wahrheit verzweifeln, wenn dieser 
das, was seinen Zeitgenoss.en für objektive Wahrheit ge- 
golten hatte, auflöst, so thut er es nur, weil -er in der 
denkenden Subjektivität das Maass aller Dinge entdeckt hat. 
Ist daher auch d,ie Zurückziehung . aus der unmittelbaren 
Objektivität des natürlichen Daseins und der sittlichen Auk- 
torität, die Reflexion der Subjektivität in sich beiden ge- 
mein, so hat doch dieses Gemeinsame eine verschiedene 
Bedeutung: in der Sophistik bildet den innern Grund des- 
selben die Auflehnung der Subjektivität gegen alle objek- 
tive Norm, in dejr Sokratischen Philosophie ' die Ueberzeu- 
gung, diese Norm in sich selbst zu finden; jene löst die 
objektive Wahrheit in die Subjektivität auf, diese führt die 
Subjektivität zur objektiven Wahrheit als einer* ideellen 
zurück; was dort Resultat ist, ist hier Voraussetzung, was 
dort der einzige Inhalt, hier blosse Form, wa^ dort letzter 
Zweck, hier Mittel zu einem höheren Zwecke: diesubjek- 
tive Dialektik und d»» Nichtwissen, womit die Sophistik 
eildigt, ist das, wovon Sokrates ausgeht; die Sophistik ist 
daher erst das Enc|^e der Naturphilosophie, Sokratei^* der 
Anfang der Idealphilosophie ^). 



1) Diess giebt im Grunde auch Hermann zu, wenn er sagt (Plat. 
I9 232): wir müssen »Sokrates« Bedeutung in der Geschichte der 
Philosophie be^ weitem mehr aus seinem persönlichen Gegen- 
sätze gegen die Sophistik, als aus seiner allgemeinen Verwandt- 



J)as Schic^tat des Sokrates. 79 

$.16. 
Das Schicksal des Sokrates. 

Wie die Geschicbtschreibang der früheren Zeit die philo- 
sophische Bedeutung des Sokrates nur oberiläehlicb und un- 
vollfttfindig zu \i'ürdigen verstand, so wusste sie auch den 
Konflikt, in den er mit dem Geist seines Volkes gerieth, 
nur aus den zufälligen Triebfedern der Leidenschaft abzu- 
leiten. War Sokrates nur dieser unphilosophiscbe Mora- 
list, dieses reine Tugendideal, zu dem ihn eine von tie- ^ 
ferer Geschichtsbetrachtung verlassene Zeit gemacht hatte, 
so blieb es freilich unbegreiflich, dass sich irgend welche 
wesentliche und berechtigte Interessen *so sehr durch ihn 
verletzt gefunden haben sollten, um ihm in gutem Glauben 
an seine Gefährlichkeit entgegenzutreten; wenn er daher 
doch angeklagt und verurtheilt wordeh ist, so konfite diess 
nur ^n den schlechtesten Motiven des persönlichen tlasses 
seinen Grund haben. Diesen glaubte man nun bei Niemafid 
mehr voraussetzen zu dürfen, als bei denen , deren Treiben 
sich Sokrates so kräftig in den Weg gestellt hatte, und die 
man zugleich vermöge der ganzen Vorstellung, die man sich 
von ihnen machte, jeder Schlechtigkeit fähig hielt, den So- 
phisten. Sie sollten es daher sein, auf deren AntrieB Melitus 
und Anytus zuerst den Ariijtophanes zur Verfertigung seiner 
Wolken vermochten, und nachher mit der gerichtlichen 
Klage gegen ihn auftraten, die seine Hinrichtdng zur Folge 
hatte. So erzählt schon Aelian ^) und seine Erzählung fand 
Jahrhunderte lang allgemeinen Glauben. DiegänzlicheFalsch- 



schaft mit derselben ableiten«, die Sophistik habe vsich yon der 
Sokrntischen Weisheit nur [freilich em bedenkliches Nur] durch 
den Mangel des befruchteten Kernes unterschieden«^ nur will 
sieh dieses Zugestandniss damit nicht recht vertragen, dass nicht 
Sokrates, sondern die Sophisten die zweite Hauptperiode der 
Philosophie eröffnen sollen. 
1) Var. Bist II, 13. ' - , 



K 



74 I^as Schicksal des SokrattS. 

• heit dieser Darstellung hat indessen schon Fröret nachge« 
wiesen ^). Er hat gezeigt, dass Melitus zur Zeit^er ersten 
Aufführung der Wolken noch ein Kind war, dass abör auch 
Anytus noch längere Zeit nachher mit Sökrates In gutem Ver- 
nehmen stand, dass weder Anytus, 'den Plato im Meno 
(S. 91, E ff.) als erbitterten Feind und Verächter der Sophi- 
sten darsltellt, mit diesen, noch der von Aristophanes in den 
Fröschen verspottete Melitus mit dem Komiker gemein- 
schaftliche Sache gemacht haben kann , dass kein glaub- 
wiirdiger Schriftsteller ?on dem Antheil der Sophisten an 
der Anklage gegen Sokrates etwas weiss, dass endlich die 
in Athen in politischer Beziehung nicht sehr einflussreiche 
Klasse der Sophisten die Verurthellrrng des Sokrates schwer- 
VitAi hätte durchsetzen, am AlIerweDigsten aber gerade solche 
Ansichuldigungen gegen ihn erheben können, welche unmft* 
telbar sie selbst traffep , wie denn noch vor Sokrates Prota- 

. goräs wegen Atheismus verurtheilt wurde , und auch^ von 
Aristophanes eben dieSophistik,die er überhaupt nicht schont, 
in der Person des Sokrates gegeisselt wird. Diese Beweiii- 
fiihrung Frerets hat nun auch, nachdem sie lange unbe- 
achtet geblieben war ^), in unserer Zeit atlgemefiae^f Bei- 



i) In der vortrefEichen Abhandlung : Ob&ervations sur ' les causes- 
et sur quelques circonstances de la condamnation de Socrate, in' 
den Mem. de TAcademie des Inscrtpt T. 47) b, 209 ff. 

3) FnicRET las seine Abhandlung schon im Jabr 1736 Tor, aber erst 
1809 wurde sie n^bst einigen andern Arbeiten desselben Ver- 
fassers gedruclit. S. Mem. de l'Acad. T. 47, b, 1 ff. So kam 
es, dass sie den deutseben Bearbeitern der Geschichte der Philo- 
sophie aus ^em Ende des vorigen Jahrhunderts noch unbeliannt 
blfeb. Dies« folgen ddher lYieist der älrern M^tnong > so Meinbbs 
Gesch. d. Wissensch. ff, 476 ff* TitavMkviv Geist d. spek. Phil. 
II, 21 ff. Andere jedoch, wie Bohlk Gesch. d. Phil. I, 372 f. 
Tebnem^nr G«sch. d. Phil. II, 40, halten sich nur an das Allge- 
meine, dass sich' Sokrates durch seine Bemühungen um Sittlich- 
keit viele Feinde zugezogen habe, ohne der Sophisten ausdrück- 
lich zu erwähnen. 



Das Schicksal des Sokrates. 



75 



fall gefunden ^); wird aber auch die Annabme, dassSokra^ 
tes dem Hass der Sophisten zum Opfer geworden sei, 
allgemein aufgegeben, so sind doch die Sfinimen sowohl über 
die Motive als über die Berechtigung, seiner Verurtheilung 
noeh sehr gefheilt: während die Einen dieselbe fortwährend 
nur für ein Werk der Privatrache halten, wollen sie A^ndere 
aus allgemeineren Motiven ableiten, die dann wieder bald aus^ 
schliesslicher in dek* politischen , bald umfassender in der 
kulturgeschichtlichen Stellung des Philosophen gesucht wer- 
den, und während sie von den Meisten als ein schrSiendes 
Unrecht betrachtet wird, haben ihr neuerdings beacbtens- 
werthe Stimmen eine relative Berechtigung zuerkannt, und 
von Einer Seite ^} ist man sogar so w^t gegangen , die 
strenge, Ansicht des alten Cato ^) wiederholend, sie ffir das 
gesetzlichste Urtheil, das je ausgesprochen worden Isei , zu 
erklären. 

Von diesen Ansichten steht nun diejenige der älteren 
am Nächsten, welche die Hinrichtung des Sokrates aus per« 
sönlicher Feindschaft herleitet; was si« von jener unter- 
scheidet ist nur, dass die unhaltbare Vorstellung von eider 
Betheiligung der Sophisten'bei derselben aufgegeben wird^). 
Diese Auffassung hat auch an d|er Platonischen Apologie 
eine Si^tz«; diese behauptet wirklich ^23, C. 28/A), doM 

1) Ausnahmen, wieHiiNSius (Sokrates nach dem Grade seiner Schuld 
S. 26 ff), werden büHg nicirt gezählt. 

2) FoRCBHAioLEfi dl« Athener vnd Sokrates, die Gesetelichcn und^er 
Revolutionär. 

3) Plut. Cato c. 25. . 

4) Diese Ansicht findet sich z.B. bei Fbies Gesch. d. Phil. I, 249 fi 
wenn di^er nur »Hass und Keid eines grossen Tbeils im Volkere 
als die Mottve des Processes gegen Sokrates nennt. Aach Sio- 
wiBT Gesch. d. Phil. I, 89 f jstellt dieses Motiv voran, und wenn 
Bba5dis Gr.-röm. Phil. If, a, 26 ff. zweierlei Gegner des Sokr. 
unterscheidet, sokhe, welche seine Philosophie mit der alten 
Zucht und Sitte für unverträglich hielten, und solche, welche 
$einen sittlichen Ernst nicht ertragen konnten, so lässt er doch 
die Anklage zunächst tod den Letzteren ausgeheur 



76 Bas Schicksal des Sokrates. 

die YeraribeiluBg des PhUosopheit keinen andern Grund 
gjehabt habe, als deli Hass, den ihm seine Menschenprüfung 
xu2og, und ebenso führt der Meno S. 94, E den Auftritt 
mit Anyt US offenbar in der Absicht herbei, eben dieses Motiv 
«Is das des genannten Demagogen siu bezeichnen ^). Diese 
Aussage ist jedoch für uns nicht bindend, denn theils kann 
überhaupt Ton einer gerichtlichen Vertheidigongsrede und 
i&s panegyrischen Schilderung eines Sokratikers nicht er* 
wartet werden, dass sie die Sache, welcher sie dienen, an« 
ders als im günstigsten Lichte darstellen, theils fragt es sich 
auch, ob Sokrates selbst oder Plato sie in. einem anderen 
Licht erblickt, und den Anstoss, welchen Viele an ihm nah- 
inen, aus der rechten Quelle abgeleitet hat; sehen wir doc1i 
auch sonst oft genug, dass solche, die sich einer redlichen 
Absiebt beW^st sind, die Opposition, die sie finden, wenn 
sie auch noch so sehr ihren Grundsätzen gelten mag, sich 
doeh nur aus schlechten persönlichen Beweggründen zu er- 
klären wissen* So konnten auch dem Sokrates, wenn er die 
Vorwürfe seiner Ankläger nicht zu verdienen überzeugt war, 
die tieferen und allgemeineren Gründe d'er gegen ihn ge- 
richt0ten Angriffe verborgen bleiben, und als die eigentliche 
Triebfeder derselben nur die beleidigte Eitelkeit seiner Geg« 
aer erscheinen , und noch leichter konnte diess bei dem 
seinem Lehrer unbedingt ergebenen Schüler des Philosophen 
der Fall sein. Dass aber wirklich solche allgemeinere Gründe 
zur Anklage gegen Sokrates mit\yirkten , ja dass sie das 
eigentliche Motiv seiner Verurtheilung waren, diess müssten 



1) Noch mehr wissen Spätere: nach Plütabch Ale. c. 4. S. 193 
und AthenIvs XII, 534, £ war Anjtus Liebhaber des Alcibiades, 
wurde aber von diesem verschmäht, wälirend er dem Sokrates 
jede Art von Aufmerksamkeit erwies, und ohne Zweifel sollte 
sein Hass gegen Sokrates hiemit zusammenhängen. Diesem offen- 
baren Mäbrchen hätte Lüzac (de Socr. cive S. 133 f.) nicht 
glauben sollen, um so weniger, da Plato und Xenophon einen 
solchen Anlass der Klage, gewiss^ nicht .verschwiegen hätten. 



r 



Das Schi'cksal des Sokrates» 77' 

^tf schon an und für sich wahrscheinlich finden, da es sehr 
auffallend wäre, wenn der persönliche Hass, der in den un- 
ruhigsten und verdorbensten Zeiten des. Staats keine ernst*, 
hafte VerColgung gegen Sokrates hervorgerufen , und weder 
' beim Hermokopidenprocess seine Verbindung mit AIcibiades, 
noch nach der Schlacht bei den Arginnsen die Aufregung 
der Volksleidehschaft gegen ihn zu seinem Schaden, zu 
benützen gewagt hatte, eben in der Zeit der wiederbegin«- 
nenden Ordnung seinen Zweck erreicht hätte ^). Diese Wahr- 
scheinlichkeit wird aber noch vermehrt, wenn wir Platq 
selbst ^), mit unverkennbarer Anspielung auf das Schicksal 
seihes Lehrers, den Hass der Menge gegen den ächten 
Philosophen ans dem allgemeinen Wesen^ der Demokratie 
ableiten sehen; zur Gewissheit wird ^ie endlich durch 
die Data, welche uns Xenophon und Aristophanes an iKe 
Hand gebeli. Wenn es Xenophoti noch fünf Jahre nach 
dem T^de seines Lehrers nöthig fand, diesen gegen die Be- 
schuldigungen des Atheismus und 'der JngendVerführung, 
gegen den Vorwurf einer der alten Sitte und der demo- 
kratischen Staatsverfassung feindseligen Richtung zu ver- 
theidlgen, so müssen wohl diese Beschuldigungen in. Athen 
tiefe Wurzel geschlagen haben , und selbst wenn wir sie 
ihrem Ursprünge nach ans der Verläumdung persönlicher 
Gegner erklären wollten, würden wir doch die nächsten Be- 
weggründe zur Verurtheilung des Sokrates in ihnen suchen 
müssen, uhi so mehr da auch Plato zugiebt^), dass ei| 
nur die allgemeine Ueberzeugung von dem sophistischen und 
gefährlichen Charakter der Sokratischen Lehre war, die 
seine Veriirtheilung herbeiführte* Was Aristophanes betrifft, 

1) Wenn, daher auch TEHisEMAWEr a. a. O. seine Verwunderung hier- 
über ausspricht, so ist diess von seiner Ansicht aus sehr natür- 
liefa, nur kann seine Lösung der Schwierigkeit schwerlich genügen. 

2) Polit 209, B f. Rep. VI, 488. 496, D, vgl. Apol. 32, E. Gorg. 
473, E. 524, B ff, 

3) ApoL 18,^ B f. 19, B. 23, D. 



78 



Pas Schicksal des Sol(rat«$. 



so ki zuar auch neoest^ns wieder behauptet wocden ^), mit 
der Aristophanischen Art des Spottons sei Gesinnnng nicht 
vereinbar, man dürfe keinen Ernst und keinen ^'ahren Pa*- 
triotismus von ihr erwarten, und auch wo sie im Ernste 
zu reden scheine, sei diess nur die Phraseologie eines Heine, 
die Lobpreisung des Grossen und Heiligen fiir einen Augen* 
blick, um es desto gewisser im nächsten in den Koth zu 
treten. Wäre dem nun wirklich so, so hätten wir freilich 
an Aristophanes eine sehr trübe Quelle zur Kenntniss des 
öffentlichen Urtheils über Sokrates, Mit Becbt haben je- 

'S ' 

doch Andere ^) den Dichter gegen diese Herabsetzung sei- 
nes sittlichen Charakters in Schutz genommen. Ihn zum 
trockenen Moralprediger zu machen, wäre allerdings lächer- 
lich, und ebenso war es eine Einseitigkeit, wenn da und 
dort die politischen Motive seiner Dichtungen so hervor- 
gehoben worden sind, dass die künstlerischen darüber ver- 
loren giengen, und der Komiker, det* in toller Laune 'alle 
göttlichen und menschlichen Auktoritäten dem Gelächter preis- 
giebt, mit dem tragischen Ernst eines politischen Propheten 
umkleidet wurde ^); nur eine andere Einseitigkeit ist es da- 
gegen, wenn über der komischen Ausgelassenheit Seiner 
Dichtungen ihr substantieller Hintel'grund übersehen, un4 
ihre Behauptung einer allgemeineren und ernsthafteren Ten- 
deoz für weiter nichts, als ein frivoles Spiel mit dem Hei- 



1) Von Dboyses in seiner UcberseUung des Aristophanes I, 263 f- 
m, 12 ff. 

2) Bra-ndis Gr.-röm. Pbil. IT, a, 26 f. Schnitzeb in seiner Üebers. 
n Aristopb. Wölken (Stuttg. 1843) S. 19 ff. 

^} An dieser Einseitigkeit leidet nameiltlicb Rötscbsrs soittt geisU 
reiche Darstellung, und auch Hegel in dem Abschnitt über das 
Schicksal des Sokrales Gesch. d. PhU* H, 82 ff. hat sich davon nicht 
ganz frei gehalten ^ wiewohl beide (Hegki. PbänoinenoL 560 f. 
Aesthetik lU, 537- &62. Rötschbr S. 365 ff.) richtig anerkebnen, 
dass in der Aristophanischen Heniödie selbst so gut, als in den 
Ton ihr gegeisselten Erscheinungen, ein Moment zur Auflösung 
des griechischen Lebens liegt. 



Das Scliiclisal des Sokratei. 79 

ligen erklärt wird. , Wäre sie qicht mehr, so müsste diese 
innere Unwahrheit der Gesinnung vor Allem auch in kiinst* 
lerischen Mängeln xum Vorschein kommen^ wie denn ge- 
^ rade in der modernen d^eutschfransösischen Romantik, auf 
deren Beispiel man uns verweist, nichts Anderes, als die 
Ausgehöhhheit des sittlichen Bodens der letzte Grund jener 
verletzenden Disharmonie ^ist, die sie zu keiner dichte* 
rfschen Vollendung kommen lässt, und jeden Anfang einer 
, schönen Stimmung immer wieder mit schrillen Misstönen • 
zerreisst* Statt dessen sehen wir bei Aristophanes den Ernst 
einer patriotischen Gesinnung nicht allein in der ungetrüb- 
ten Schönheit vieler einzelner Aeusserungen, wie die herr^- 
liehen Parabasen in den Acharnern (V, 676'ff.) und den 
Wespen (V, 1071 ff.)) sondern dasselbe patriotische In- 
teresse zieht sich als Grundton durch alle seine Stücke 
hindurch, und wenn es in den früheren, wie treffend be- 
merkt worden ist ^), sogar die Reinheit der poetischen Stim- 
mung bisweilen stört, so mag das nur um so mehr bewei- 
sen, *wiis sehr es dem Dichter damit Ernst war. Nur dieses 
Interesse ist es auch, das ibo bestimmen konnte, seiner 
Komödie diese überwiegend politische Richtung zu geben, 
durch die er derselben, wie er mit Recht von «ich rühmt^), 
einen wesentlich höhern Gegeni^tand angewiesen hat, als 
• seine Vorgänger. Hält man uns aber entgegen, dass doch 
Aristophanes selbst der von ihm geforderten altväterlichen 
Sittlichkeit ebensosehr ermaiigle ,..^ate die im Namen der- 
selben von ihm Bekämpften, dass er mit seiner cyniscben 
Ausgelassenheit, mit seinen leichtfertigen Scherzen über 
die Götter der Volksreligion, mit seinen qngemässigten und 
selbst verläumderischen Ausfällen auf einen Sokrates, einen 
Meton, einen Kleon und so manche Andere nichts weniger . 



1) Vgl. Schnitzer a. a. O. S. 24, und die dort angeführten Stellen 

von Welckib, SüvERiür und Bötschbr (Aristopb. S. 71.), 
t) Frieden 752 ff. Wegpca 1022 iE Wolken 557 ff. 



80 ' Das Schicksal des Solirates. 

als das Bild der alten Biederkeit darstelle , dass das Zu- 
^ rückfordern der alten Zeit selbst, wenn es ernstlich gemeint 
War, ein durchaus verkehrtes Beginnen sei, so können wir 
das Alles zugeben; nur folgt daraus nicht, dass wir dem 
Aristophanes die Gesinnungslosigkeit eines Heine sqhuld- 
geben dürfen. Wir haben vielmehr hier einen , von den 
. Fällen, die in der Geschichte so häufig sind, dass der- 
selbe', der ein neu einbrechendes Princip in Andern be* 
kämpft, eben diesem Princip selbst huldigt, ohne es sich zu 
gestehen. Aristophanes sieht das Verderbliche der zügel- 
losen Demokratie, er fühlt den Widerspruch der Sokra- 
tischen und sophistischen Reflexion gegen den Standpunkt 
der substantiellen griechischen Sittlichkeit, e^ verachtet den 
grossen alten Tragikern gegenüber die moderne Poßsie des 
Euripides, aber selbst in seinem innersten Wesen der Sohn 
seiner Zeit weiss er dieses Moderne nur im Geiste und 
mit den Mitteln eben dieser Zeit zu bekämpfen , und ver- 
wickelt sich 80 in ^ den V Widerspruch, mit Einem und dem- 
selben Thun die alte Sittlichkeit zurückzuverlangen und zu 
zerstören« Dass er diesen Widerspruch begangen hat, wollen 
wir so wenig in Abrede ziehen, als dass es • ein Beweis 
von Kurzsichtigkeit war, eine nun einmal rettungslos unter- 
gegangene Biidungsform heraufbeschwören zu wollen; nur 
dass er sich dieses Widerspruchs bewusst war, können wir 
nicht glauben, und ihm aus diesem Grunde den Vorwurf 
moralischer Gesinnungslosigkeit so wenig machen, als wir 
denselben Vorwurf allen denen ohne Ausnahme machen 
möchten, welch« in unserer Zeit die negative Kritik auf 
dem theologischen und philosophischen Felde als gefährlich 
angreifen, während sie selbst in andern Gebieten genau in 
demselben Geiste arbeiten. Schwerlich würde auch der ge- 
sinnungslose Spötter, zu dem Droysen unsern Dichter machen 
will, den gefährlichen Angriff auf Eleon gewagt haben, 
(von H. Heine wenigstens erinnern wir uns nicht derglei- 



Das Schicksal des Sokrates. Sl 

chen gehört zu haben), und ebensowenig • würde ihn Plato 
in seinem Gastmahl in diese nahe Verbindung mit dem 
Ton ihm Terläumdeten Sokrates bringen, und ihm jene be* 
kannte Bede voll des geistreichsten Humors in den Mund 
legen, wenn er diesen sittlich verächtlichen Charakter in 
ihm gesehen hätte. Ist nun aber der Angriff des Aristo- 
phanes auf Sokrates ernstlich zu nehmen, und hal er in die- 
sem wirklich jenen der bestehenden Sitte und Religion ge- 
fährlichen Sophisten zu erkennen geglaubt, den uns die 
Wolken vorführen, so haben wir hierin^ den deutlichen Be- 
weis dafür, dass die Vorwürfe, die ihm von seinen An- 
klagern gemacht wurden, nicht blosser Vorwand, und dast 
es nicht blos persönliche Motive waren, die seine Verur- 
theilung bewirkten. 

Fragen wir nun, welche es denn sein konnten, so hat 
schon Fröret ^) nachzuweisen gesucht, dass das politische 
Glaobensbekenntniss des Philosophen der Hauptgrund sei-^ 
ner Verurtheilung gewesen sei, und Andere sind dieser An« 
sieht beigetreten ^), wogegen Hegel ^) und mehrere seiner 
Schüler ^) diesem Ereigniss lieber die allgemeinere Bedeu- 
tung geben wollten, dass Sokrates durch sein Princip der 
Subjektivität, durch die Forderung der Entscheidung aus 
dem Innern des Selbstbewusstseins heraus, mit dem Geist 
des athenischen Volks und seiner substantiellen, unmittel- 
bar in der Sitte, den Gesetzen und dem Glauben des. Staats 
die absolute Auktorität anschauenden Sittlichkeit in Kon- 
flikt gerathen, und in diesem Kampfe untergegangen sei. 



1) A. a. O. S. 233 ff. 

2) SüvBBN über Arist. Wolken S. 86.^ Bitter Gesch. d. PhÜos. 
II, 30 f. FoRCBHAMMEE die Athener und Sokrates vgl. bes. S.39. 
Weniger bestimmt Hbrmaiih PlatI, 35. Wiggers Sokr. S. 123 ff. 

3) Gesch. d. Phil. II, 81 ff. 

4) RöTSCHBR a. a. 0. S. 236 f. 268 ff. eunächst mit Besiehung auf 
die Wolken des Aristpphanes. HEviniiG Princc. der Ethik S. 44. 
Vgl. Baue Sokrates und Christus Tüb. Zeitschr« 1837, S, 128—144. 

Die Philosophie der Griechen. II. Theil. 6 



■/-• 



82 Das Schicksal des Sokrates. 

Diese beiden Auffassungen stehen sich nun ziemlich nahe, 
sofern doch auch die erste den Hass der Demokraten gegen 
Sokrates nur aus der Ueberzeugung von der Schädlichkeit 
seiner Lehre ableiten kanU) und ebenso die zweite nicht 
läugnet) dass der Widerspruch des Sokratischen Principa 
mit dem Geist seines Volks zugleich ein Widerspru<;h gegen 
die Grundlagen der athenischen Demokratie war ; die Frage 
könnte daher nur sein, ob die vorausgesetzte Gefährlichkeit 
des Sokrates von den. Urhebern seiner Verurtheilung aus- 
schliesslicher in seiner antidemokratischen Tendenz, oder 
jillgemeiner in seiner Opposition gegen die bestehende Sitte 
und Religion gesucht wurde. Hier führt uns nun allerdings 
Mehreres auf die Annahme, dass es zunächst das domo« 
kratische Interesse war, von dem der Angriff gegen den 
Philosophen ausgieng. Von den drei Anklägern desselben 
sind uns zwei als angesehene Demokraten bekannt: Any* 
tus war^ neben Thrasybul Feldherr in Phy4e, und auch spä- 
ter einer der einilussreichsten Männer im Staate, Melitus, 
gleichfalls mit Thrasybul zurückgekehrt, stand mit Kephi- 
sophon an der Spitze der Gesandtschaft, welche aus dem 
Piräus nach Sparta geschickt wurde um über den Frieden 
2u unterhandein ^). Auch die Richter des Sokrates werden 
in der Platonischen Apologie S*21,A als solche bezeich- 
net, die mit Thrasybul verbannt und zurückgekehrt waren. 
Weiter bezeugt Xenophon ^), es sei dem Sokrates voa sei- 
nem Ankläger besonders auch das zum Vorwurf gemacht 
worden, dass er den Kritias, diesen ruchlosesten und ver- 
hasstesten aller Oligarchen zum Schüler gehabt hatte, und 
Aeschines^) sagt den Athenern geradezu: Ihr habt den 

1} S. FoBCHHAiKMEii 3. a. O. S. 35 f. Uebar Anytiis vgl. auch Xeit. 
Hell. II, 3, 42 f«, wo er neben Thrasybul und Alcibiades unter 
den angesehensten Demokraten genannt ist 

2) Mem; I, 2, 12. 

3) Adv. Tim. $. 71 ^d. Bbvxi. Dass übrigens diesem Zengniss nicht 
la viel Gewicht beigelegt werdea dar^ zeigt der Zusammenhang, 



r 



Das SchicJisal des Sokrates. SS 

^pbfeten Soktates g^todtet, weil er der Lehrer des Krttias 
gewesen war* Auch sonst finden wir unter den Freunden 
und Schülern des Sokrates Männer, die wegen Ihrer oIU 
gdrcbiscben Tendenzen den Deilu)kraten verhassl sein muss- 
ten, wie Theramenes^ der Kothurn , neben Kritias der be- 
deutendste ^der dreissig Tyrannen , wie Piato und seine 
Brüder nebst ihrem Oheim Charmides, wie Xenophon, der 
um die Zeit des Sokratischen Processes, und vielleicht in 
Zusammenhang mit demselben, wegen seiner Verbindung 
mit dem Spartanerfreund Cyrus d. j* aus Athen verbannt 
wurde ^). Ausdrücklich wird endlich aus der Klagrede des 
Melitus angeführt, dass er dem Sokrates die Aeusserungen 
99r Last legte, worin dieser die den:okratische Einricbtung 
der Wahl durch*s Loos tadelt ^), und ihn beschuldigte, mit 
den Versen der Ilias II, 188 ff., die er oft im Munde führte, 
übermüihige MisjshandluQg der. Armen eu lehren ^). Diess 

in dem es stobt. Ae&cbines spricht hier nicht als Historiker, f on- 
dern als Hedner. 

1) $. FoBCBSAXHBa s. 8* O. S. 84 f. 

t) Mem. I, 2, 9* 

3) Mem» I, 2« 58. Wenn Fobcxhahmeb a. s. O« 6. 52 l£ diesen 
Versen im Munde des Sokrates die Bedeutung giebt, -dass dieser 
darin seine politische Theorie von der Nothwendigkeit einer oli- 
gajxsbischen Verfassung vorgetragen, und sofort mit dem von sei- 
nem Ankläger gleichfalls benützten Hesiodiscbea t^yop i* oidtv 
vvEt$os da(fy6/ti di t ÖvtiSoi aufgefordert habe, »nicht zu EÖgern, 
sondern, wean die Zek der That da sei, zu handeln«, so stützt 
sich diese Auffassung nur auf die VorausseCsung, das« der eigent- 
liche Sinn der Homerischen Citate nicht in den von Xcnophon 
angeführten, soadem nur in den von ihm weggelassenen Versen 
II. II, 192—197. 203—205 su suchen sei^ und dt^nso die Anklage 
wegen derselben sicJk nicht auf die von Xenopboa allein genannte 
Verbreitung einer anlideeioliratiaehen Gesinnung, sondern be- 
stimmter auf die Aufforderung zur Einführung einer ob'garchischen 
VejrfassXing befH>gen habe. Dies« ist aber doch das offenbare 
Gegentheil eines geschichtlichen Verfahrens. Ein soldies hatte 
sich entweder an die Xenopfaontiscben Angaben halten, oder es 
hätte, wenn der iporausgesetste politische Charakter des Sokrates 
und seines Proceasee erst bewiesen gewesen wäre, dann auch 

6* 



'n 



S4 ' Dafi Schicksal des Sokrates. 

Alles zusammengenommen läs^t keinen Zweifel darüber übrig, 
dass allerdings beim Process des Sokrates das Interesse der 
demokratischen Pafthei mit im Spiele war. 

Andererseits können wir doch bei diesem Motiv allein 
nicht stehen bleiben. Schon die Anklage gegen den Philo- 
sophen stellt die antidemokratische Tendenz desselben kei- 



über den dem Xenophontisclien Bericht' zu Grunde liegenden 
Sachverhalt Schlüsse ziehen mögen, welche aber selbst dann 
• immer nur Muthmassungen geblieben sein würden, auf keine 
Weise durfte es aber Xenophons Bericht zur Begründung einer 
Ansicht gebrauchen, die sich nur durchführen lässt, wenn man 
diesen Bericht in den wesentlichsten Funkten für verfälscht er- 
klärt. — Auch sonst hat der genannte Qelebrte oligarchische 
Tendenzen entdeckt, wo diese schlechterdings nicht zu finden sind, 
wenn er S. 24ff. 39- 42 ff. üicht allein den Kritias, sondern auch 
den Alcibiades unter den antidemokratischen Schülern des Sokra- 
tes aufHihrt, und S» 29 über die politische Thätigkeit des Philo- 
sophen nach der Schlacht bei den Arginusen bemerkt: «DieOli- 
gdrchen hatten ihren politischen Glaubensgenossen in den Bath 
gewählt.« Alcibiades, wie verderblich auch sein Leichtsinn der 
Demokratie geworden sein mag, galt doch seiner Zeit nicht für 
einen Oligarchen, sondern für. einen Demokraten, und wird als 
solcher auch von Melitus ausdrücklich bezeichnet Mem. 1,2,12: 
*^kl* 6(pfj ys 6 xan^yo^öSt JSmHQaTai of^^ikrjra ytvofiivto X^nias 
TS Hai *u4liußidd7je nkuara naxd r^v noki» inoitjadrTjv, Kgirlas 
fiev ydg rdSv t¥ ry oXtyagx^^ ndvtißjv nksortHtiarar^f t8 uai 
ßiatovaroQ iyiverOi' uikxißidStfi dt av rötv iv rj} drjfioyQaTflq ndy~ 
Tojv dxQaTiaraTos xal vßQiotorotros. (yg\» Thücyd. Vllf, 63 das 
ürthcil der aristokratischen Verschworenen in Samos über Alci-' 
biades: ovx Innriietov avtov elvai «ff oltyuQxiap ik&slv und ebd. 
c. 48, 68.) Was die Verartheilung der zehen Feldherm betrifft, 
die bei den Arginusen gesiegt hatten, so hatte Athen damals die 
durch Pisander eingeführte oligarchische Verfassung ohne Zwei^ 
fei nicht blos zur Hälfte, wie Fobchha.vmbb will, sondern ganz 
abgeschüttelt, wie diess nicht nur, schon nach Fberets Bemer- 
kung, (a. a. (>. S. 243), aus dem Detail des von Xerophogt Hell. 
I, 7 erzählten Processes der arginusischen Sieger, sondern auch 
aus der bestimmten Erklärung Plato's (Apol. 32; £: xal tavta 
fiiv ?jv Mtt dtjfioKQavovfiivrji rije nokswe)^ und aus derThatsache 
hervorgeht', dass diese Feldherm sammtlich entschiedene Demo- 
kraten, mithin gewiss nicht von OHgarchen gewählt waren. 



Das SchicJisal des Soiiralos. .S5 

neswegs voran. Was ihm Torgeworfen Wird ^) ist l)Läag- 
Bung der StaatsgöUer, und 2) Verführung der Jugend» Jene 
Götter aber sind nicht nur die Golter der Demokratie, son- 
dern des athenischen Volks überhaupt, und wenn auch in 
•einzdnen Fällen, wie im Uermpkopidenprocess, der Frevel 
gegen die Gotter zugleich mit AngriJBfen auf die demokra- 
tische Verfassung in Verbindung gebracht wurde, so war 
doch diese Verbindung weder nofhwendig, noch wird sie 
in der Klage gegen Sokrates behauptet. Was sodann die 
Verfuhrung der Jugend betrifft, so wird hiefür allerdings 
(Mem. I, 2, 9 ff. 58) zuerst angeführt, dass Sokrates den 
Jünglingen Verachtung geg^n die demokratische Verfassung 
und aristokratischen Uebermuth cingeflösst habe^ und dass 
er der Lehrer des Kritias gewesen sei; ebenso wird ihm 
aber auch die Schülerschaft des AIcibiades schuldgegebeo, 
der nicht als Oiigaroh, sondern als Demagog dem Staat 
geschadet hatte, weiter wird ihm vorgeworfen, dass er die 
Söhne ihre Väter verachten lehre ^), gleichfalls kein un- 
mittelbar gegen die Demokratie, gerichtetes Verbrechen, und 
dass er gesagt habe, man brauche sich keiner noch so 
ungerechten und schändlichen Handlung zu enthalten, son- 
dern dürfe um seines Vortheils willen Alles thua 3). Als 
Gegenstand der Klage erscheint daher hier nicht blos im 
engern Sinn der politische, sondern der allgemein sitt- 
liehe und religiöse Charakter der Sokratischen Lehre». Noch 
ausschliesslicher wendet sich AaiSTOPtiANes gegen diesen. 
Nach allen älteren und neueren Verhandlungen über den 
Zweck, den dieser Dichter ' in seinen Wolken verfolgte ^), 

1) Xbn. Mem. I, 1, 1. Pla.t. Apol. 24, B. Phatobiuuä bei Dioc. 
L. II, 40. 

2) Xen. Mem. I, 2, 49. Tgl. Apol. §. 20. 29 f. 

3) Mem. I, 2, 56. 

4) Eine Uebersicht der früberea AnsiCbten gicbt Bötscher Aristö- 
pbanes S. 272 (F. Neu binzugekommea sind seitdem die Alisfub- 
rungen von 1)rotsen und Schnitzer in den Einleitungen zu ihren 
Uebersetzungen der Wolken, vgl. auch Forchhaumbr a. a. 0. S. 23* 



S$ Da» Schicksal des Sokrate». , 

kann es als ausgemacht angesehen werden, dass der So« 
krates dieser KoinSdie nicht blos mit komischer Licenz zam 
Repräsentanfon einer Denkweise gemacht wird, die der 
Dichter ihm selbst fremd weiss, dass nicht etwa nur im 
Allgemeinen der Hang zu philosophischen Grübeleien, oder 
das Lächerliche einer annützeh Gelehrsamkeit, oder ancfa 
die Sophistik, und nicht vidmehr ganz bestimmt die philo- 
sophische Kichtong des Sokrates hier angegriffen werden 
solle ^). Ebensowenig ISsst sich, nach dem schon oben über 
die Tendenz des Aristophanischen Lustspiels Bemerkten, 
annehmen, dass dieser Angriff nur aus Bosheit, oder aus 
einer persönlichen Feindschaft hervorgegangen sei, welcher 
auch schon die Schilderung ihres beiderseitigen Verhält- 
nisses im Platonischen Gastmahl schlechthin widersprechen 
würde. Auch die von Reisig ^) versuchte Theilung der dem 
Aristophanischen Sokrates beigelegten Zuge zwischen dem 
Philosophen selbst und seinen Schälern, namentlich Euri- 
pides, kann sich so wenig Erfolg rersprechen, als die Wolfi- 
sche Unterscheidung der frühern, von Aristopbanes geschil- 
derten, den Charakter dunkler Naturspeknlation tragenden 
Sokratischen Philosophie von der spätem ^) — die erstere 
nicht, weil doch die Zuschauer nicht anders konnten, als 
aHe die Züge, welche der Sokrates des Lustspiels zeigt, 
auch wirklich auf diesen beziehen, daher auch der Dich«- 
ter diese Beziehung wollen musste; die letztere schon darum 
nicht, weil noch achtzehn Jahre später, in den Fröschen 
(T. 140 ff.)) dieselben Vorwürfe gegen Sokrates wieder- 
kehren, und die Platonische Apologie die in den Wolken 
ausgesprochene Meinung über ihn bis zu seinem Tode fort- 

1) Wie dicss G. Hkbmann Praef. ad Nubes ed. 2. S. xxxiu. xi. ff. 
und Andere annehmen. Vgl. dagegen Süvebbt S. 3 ff» Bötschib 
S. 275 ff. 307 ff. 3H. 

2) Praef. ^d Nubes. Rhein. Mus. II, (1828) 'i. H. S. 191 ff. 

3) Wolf in s. Uebers. d. Wolken s. Bötscher a. a. Ö. Vaet Hiusdb 
Characterismi S< 19* 24* vgl. auch Wigoebs Sokrates S. 20. 



Das Schicltsal des Sokrates. 8T 

dauern lässt; weiter aber aach desshalb^ weil Sokrates vier* 
nndzwaiung Jahre vor seinem Tode in der Hauptsache 
sebon mit sich abgeschlossen haben mosste, und weil die 
WoIken»keineswegs blos dder hauptsächlich den Naturphilo- 
sophen in ihm verspotten. Wir müssen vielmehr annehmen, 
dass Aristophanes wirklich in eben dem Sokrates, den wfr 
aus der Geschichte der Philosophie kennen, ein Princip zu 
entdecken glaubte, das einen Angriff, wie der seinige, ver- 
diente, und wir können uns dieses Zugestand niss, sofern 
es sich um die Absicht des Dichters handelt, auch nicht 
durch die Behauptung wieder unbrauchbar machen lassen, 
dass dieser in seiner Darstellung die von dem historischen • 
Sokrates entlehnten Grundaiige in einer ihm ganz hetero- ^ 
genen Richtung verfolge und zur Karikatur ausarbeite, däss 
also diese Darstellung im Grunde doch nicht dem Sokra«^ 
tes selbst, sondern theils nur der verderblichen sophistisch- 
rhetorischen Schule im Allgemeinen, theils insbesondere 
dem als Phidippides persohificirten Alcibiades gelte ^). So 
kUmen wir doch am Ende wieder darauf zurück, dass der 
Sokrates des Lustspiels theils nur als Träger eines ihm 
selbst fremden Princips, theils nur statt seiner persönlichen 
Freunde figurire, es bliebe aber ebendamit die Schwierige 
keit, dass der Dichter dem Philosophen eine seinem wirk- 
lichen Charakter widersprechende Rolle übertragen, dass er 
sich mithin eine nur aus der muthwilligsten Bosheit erklär- 
bare Verlänmdung gegen diesen erlaubt hätte, eine Ver- 
läumdung, die wir üni so weniger begreifen könnten, da 
sie nicht allein dem sonstigen Charakter der Aiistopba- 
nischen Komödie, sondern auch der Schilderung des Ari- 
stophanes und seines Verhältnisses zu Sofcrates im Plato- 
nischen Gastmahl widerspricht, und da sie nberdiess dem 
Eindruck des Stücks nothweodig hätte nachtheilig werden 

1) Die Ansteht, welche SiJvern in der mehrerwähnten Abhandlung 
ausgeführt hat^ 8. S. 19. 26. 30 ff. 55 ff. 



88 I^iis Scbickfal des Sokrates. 

iniissen; denn so wenig der Dichter selbst oder seine Zu- 
hörer der koroischen Darstelhing absolute Natnrwahrheit 
ihrer Schilderungen zur Pflicht nlachten, so wenig sich auch 
Aristophanes in einzelnen Fällen vor nachweislich unwah- 
ren Beschuldigungen scheut, so wenig konnte er doch, ohne 
sich selbst am Meisten zu schaden, den Gesammtcha* 
rakter der Personen, die er auftreten lässt, auf eine der 
allgemeinen Meinung iiber sie widersprechende Weise dar- 
stellen, und ebensowenig haben wir ein Beispiel davon, dass 
er einer historischen Person wissentlich einen ihr fremden 
Charakter angedichtet, und sich nicht vielmehr darauf be- 
schränkt hätte, Richtungen und Personen, von deren ver- 
derblichem Einfluss er überzeugt war, durch Uebertreibung 
oder Erfindung einzelner Züge zu karikiren. Wozu noch 
kommt, dass ja die öffentliche Meinung (Plat. Apol. 18) 
dem Sokrates alle jene Züge der Aristophanischen Schil- 
derung wirklieh beilegte. Aristophanes also, so viel steht 
fest, muss wirklich geglaubt haben, dass Sokrates, als öffent- 
liche Person betrachtet, die ihm durch seine Schilderung 
gemachten .Vorwürfe verdiene. Welches sind nun diese? 
Nicht Eün Zug an dem Aristophanischen Sokrates trägt ein 
unmittelbar politisches Gepräge ; was ihm schuldgegeben wird 
ist vielmehr, von blos Aeusserlichem oder augenfällig lieber- 
triebenem und Erdichtetem (wie das Berechnen der Floh- 
sprünge und das Stehlen des Opferstücks aus der Palästra) 
abgesehen, dreierlei : die Beschäftigung mit unnützer natur- 
philosophischer und dialektischer Grübelei (V. 143 — 234. 
636 ff.)) die Läugnung der Volksgötter (V. 365 — 410), 
und — der Hauptpunkt um den sich das ganze Stück dreht — 
die sophistische Redefertigkeit, welche der ungerechten Sache 
den Sieg über die gerechte zu verschaffen , den ijrraiv loyog 
zum xQsixxap zu machen weiss (V. 889 ff.) ^). Es ist also 

1) Mit Unrecht tadelt Drotsif (Wolken S. 17) aa dieser Scene, 
dass aus dem starkem Logos ein gerechter werden der Xayos 



Das Schicksal dos Sokrates. 

nur fiberhaupt der unpraktitsofae, irreligiöse und sophistiscfa« 
Charakter der Sokratischen Lehre, der hier angegriffen wird, 
von antidemokratischer Tendenz dagegen, die doch Aristo* 
phanes, sollte man meinen, vor Allem hätte hervorheben 
müsäfn, findet sich nichts, und selbst wenn unter dem Phi« 
dippides der Wolken Alcibiades gemeint wäre, was übri- 
gens nichts für sich und Vieles gegen sich hat ^), würde 
auch damit, dem früher Bemerkten zufolge, noch keine 
oligarchische Gesinnung des Philosophen angedeutet. Ari- 
stophanes mithin kann das Anstössige und Gefährliche der 
Sokratischen Lehre nicht speciell in ihrem politischen, son- 
dern nur in ihrem allgemeinen sittlichen , religiösen und 
philosophischen Charakter gesucht haben, wie er denn auch 
später noch ^) nur diese Vorwürfe gegen sie vorbringt. Nur 
diese Beschuldigungen sind es aber auch, die nach dem 
Zeugniss der Platonischen Apologie^ bei den Gegnern des 
Sokrates stehend geblieben sind ^), und wenn nun eben 
diese Schrift S. 1 8 versichert, dass gerade sie dem Sokrates 
am Meisten gefahrlich geworden seien, so müssen wir wohl 
nach dem Bisherigen dieser Versicherung Glauben schenken« 
Wenn wir aber doch zugleich auch das politische Motiv 
des Processes gegen Sokrates zugegeben haben, wie lässt 



KgetTTcov ist der an und für sich, dem Rechte nach stärkere, der 
' aber thatsä'chlich von dem rechtlich schwächeren, dem Xoyos 
iJTTOJV überwunden wird, und t6v ijrruj koyov ^gsiTrat noisiv 
heisst: die Sache, die dem Rechte nach die schwächere ist, dem 
Erfolg nach zur stärkeren ^machen, die ungerechte Sache als die 
gerechte erscheinen lassen« 

1) Vgl. Droyseuj a. a. O. S. 20 f. Schetitzib S. 34 f. 

2) Wespen 1037 ff. Frösche 1491 ff. 

3} S. 23« D: Ityovaiv, ws ^(u)t(taTys ris iari fnagfuraros ttal Siatf^ 
Zeigst Tovs v^ovS, xal i-nndav rte atrovi sqojt^, o t$ fromv nal 
o Ti SiSdaxojVy i'xovai fitv ovSev sinetv, dXk ayvoovaiVi 'Iva di fit} 
donwoiv dnogstv ree xätd ndvroiv rwv (piXoootpovvrotv itgoxs^ga 
•^avra k/yovotv, ön rd fisr^atga ttal td vno yiji^ xoX ^tov^ fi^ 
vofii^HV nal tov ijrtoj Xoyov mgeiztiu tto&siv. Vgl. S. 18» B. 



M Das Schicksal des Sokrates. 

sich beides vereinigen? Die richtige Antwort auf diese Frage 
haben aach schon Andere angedeutet ^). Die Uebersengnng 
von der Schold des Sokrates gründete sich auf den vor- 
ansgesetzten sophistischeni sitten- und religionsgeföhrlichen 
Charakter seiner Lehre iiberbaupt| dass aber diese Schuld 
gerichtlich verfolgt wurde, den Grund davon haben wir ohne 
Zweifel in den besondern politischen VerhSltnissen jener 
Zeit zu suchen. Die Frivolität der sophistischen Aufklä*- 
rung stand mit dem politischen Fall Athens im peloponne- 
sischen Krieg im engsten Zusammenhang, ans der Schule 
der Sophistik waren die bedeutendsten und gefährlichsten 
jener modernen Politiker hervorgegangen, welche theils als 
Oligarchen theils als Demagogen den Staat zerrissen hat- 
ten, aus ihr stammte jene verderbliche Moral, welche die 
Wünsche und Einfälle des Subjekts an die Stelle der be- 
stehenden Sitte und Religion, den Vortheil an die Stelle 
des Rechts setzte, und die Tyrannis als den Gipfel mensch- 
lichen Glücks begehren lehrte, und jene gesinnungslose 
Rhetorik, die einen Reichthura technischer Mittel nnr data 
anwandte, jeden beliebigen Zweck durchzusetzen, und ihren 
höchsten Triumph darin suchte, die ungerechte Sache zur 
siegenden zn rhaohen ^). Dass auch schon jene Zeit selbst 
diesen Zusammenhang der sophistischen Bildung mit dem 
politischen Verderben des Staats erkannte, zeigt Niemand 
deutlicher, als eben Aristophanes ^), und dass.Aristophanes 
mit dieser Ueberzeugung nicht allein stand, Hesse sich zum 
Voraus annehmen, wenn es uns auch an ausdrücklichen 
Zeugnissen mehr fehlte, als diess wirklich der Fall ist. 
Weiss doch auch gerade Anjtus bei Plato ^) seii/en Ab- 



1) RiTTBH a. a. O. S. 51. Marbach Gesch. d. Phil. I, 185, 9. 

2) Vgl. unsere 1. Th S. 260 ff. 

5) Z. B. Wolken 959 ff. Wespen 1037 ff. Ritter 1373 ff. — wei- 

lere Nachweisungen s. bei Süvebn über die Wolken S. 24 ff. 
4) Meno 91, G ff. 



Das Schicksal des SokratesC 91 

sehen vor de? Terderbiichen Erziehong der Sophisten nicht 
stark genirg auszusprechen. KonOte man aber je in frühe- 
re^ Zeit gegen die Folgen dieser Erziehong die Aiigen ver- 
echliessen , so musste der Verlauf des ' peloponnesischen 
Kriegs darüber aufltlären. Natürlich daher, dass diejenigen, 
welche Athen von der dnrch Lysander eingef&hrten Oli* 
^rchie befreit, und mit der alten Verfassung auch seine 
politische Unabhängigkeit wiederhergestellt hatten, daran 
dachten, durch Unterdrückung der sophistischen Erziehung 
das Uebel an der Wurzel abzuschneiden. Nun galt Sokra- 
tes nicht Mos überhaupt, dem Obigen zufolge, /or einen 
Lehrer von der modernen, sophistischen Richtung, sondern 
man glaubte auch seinen schädlichen Einfloss in manchen 
seiner Schüler empfunden zu haben, unter denen Kritias 
und AIcibiades vor Allen hervorragten ^). Was ist unter 
solchen Umständen erklärlicher, als das« eben die, welchen 
es um die Wiederherstellung der demokratischen Verfassung 
und der alten Herrlichkeit Athens zu thun war — solche 
waren aber sowohl die Ankläger, als die Richter des Sokra- 
tes — in ihm einen Verderber der Jugend und einen staats- 
gefährlichen Menschen zu finden glaubten? Sokrates fiel 
mithin allerdings als ein Opfer der demokratischen Reak- 
tion, die nach dem Sturz der dreissig Tyrannen eintrat, nur 
nicht in dem Sinne, dass ausschliesslich seine politischen 
Ansichten als solche das Motiv des Angriffs gegen ihn ge* 
Wesen wären, seine unmittelbare Schuld wurde vielmehr in 
der Untergrabung der vaterländischen Sitia und Frömmig- 
keit gesucht, von welcher die antidemokratische Tendenz 
seiner Lehre theils nur eine mittelbare Fofge, theils nur 
ein vereinzelter Ausläufer sein sollte. 

Wie es sich nun mit ^d er Berechtigung dieser Beschul- 

1) Wie viel dieser Umstand zur Yerurtbeiliing des Sokrates bei- 
trug, xetgt ausser dem ohettatngefühften Zeugtiiss des Aeschlnes 
XsHOPHOS Mcra. I, 2, It if. 



92 I^as Schicksal des Sokrates« 

digungen und des darauf gebauten ÜrtheiU verhält, ist 
zu untersuchen ^), Durchgehen wir hiefiir die einzelnen 
Punkte, welche dem Sokrates theils in der gerichtlichen An- 
klage, theils ,von Aristophanes zur Last gelegt werden, so 
ist freilich bei den meisten derselben zuzugeben, dass sie 
so unmittelbar, wie sie ausgesprochen und geraeint waren, 
den Philosophen nicht treffen. Die Beschuldigung, dass er 
Bicht an die Staatsgötter glaube, wenn sie gleich auch neue- 
Btens ohne Beweis, als ob sich ihre Wahrheit Ton selbst 
verstände, wiederholt worden ist ^), hat nicht nur keinerlei 
geschichtliche Zeugnisse für sich , sondern sie widerspricht 
auch Allem, was uns von den glaubwürdigsten Zeugen iiber 
die Gespräche und die Handlungsweise des Philosophen über- 
liefert ist^), und wenn mit diesem der weitere Vorwurf 
in Verbindung gebracht wird, dass Sokrates neue dämonische 
Mächte einführe, und dass er der atheistischen Anaxago- 
rischen Meteorosoph^e ergeben sei ^), so ist nicht nur das 



i) Die Rechtfertigung desselben Tom Standpunkt des griechischen 
Rechts aus hat bekanntlich Hegel a.a.O. versucht; noch weiter 
geht F0BCHHA.MMER in seiner mehrerwähnten Abhandlung. Die 
Gegenschrift gegen diese von Heinsius (Sokrates nach dein Grade 
seiner Schuld Lpz. 1839) ist unbedeutend ^ und auch die gelehrtere 
Apologia Socratis contra Meliti redivivi calumniam Ton P. van Lim- 
BURG Rrouwbr (GrÖn. 1838} 9 so manches Richtige sie im Ein- 
zelnen gegen Fobchhammbr bemerkt, lässt doch eine tiefere Ein- 
sicht in die allgemeinen Fragen, um die es' sich hier handelt, in 
hohem Grade vermissen? und steht der Abhandlung von Preller 
(Haller *A. L.Z. 1838 9 Nr. 87 f.) in dieser Beziehung weit nach. 
Ebensowenig leistet für unsere Frage, trotz aller sonstigen Ge- 
lehrsamkeit, LvzAc de Socrate cive. Desselben Lectiones Atticae 
mit ihrer Abhandlung de Calumniatoribus Socratis kenne ich so 
wenig als Dressig's Epistola de Socrate juste damnato (Lpz. 1738) 
aus Autopsie. 

2) Fobcbhaiiixer a. a. O. S. 3 ff. 

3) S. o. S. 19. 21. ' 

4) Das Letztere nicht blos bei Aristophanes, sondern auph Plat 
Apol. S. 26) G. Wenn es Forchhamker S. 10, wie schon früher 
Ast (Platon's Leben und Schriften S. 482) unglaublich findet, 



Das Schicksal des Solirates. 9S 

Letstere entschieden falsch, sondern auch das Erste in dem 
Sinn, in dem es hier gemeint ist, da Sokrates nicht die 
Absicht hatte, sein Däraonium an die Stelle der Götter zu 
setzen, oder doreh dasselbe anch nar die Orakel for An- 
dere, als sich selbst, entbehrlich zn machen. Ebenso nn- 
gegründet ist die flehauptnng des Aristophanes, dass Sokra- 
tes lehre , wie man die schwächere Sache . 2nr starkem 
machen könne, wesshalb sie auch der gerichtliche Ankläger 
nicht ausdrücklich berührt zu haben scheint, und dass auch 
der eudämonistischen Begründung der Moral, im Zusammen- 
hang der ganzen Sokratischen Denkweise betrachtet, diese 
Bedeutung so wenig gegeben werden kann , als dem Citat 
aus Hesiod, piit welchem der Ankläger nach Mem. I, 2, 56 
beweisen wollte, dass Sokrates um des Gewinns willen Alles, 
auch das Schändlichste, zu thun erlaubt habe, wird unsere 
frühere' Entwicklang gezeigt haben. Wird dem Sokrates 
weiter seine Verbindung mit Kritias und Alcibiades zur Last 
gelegt, so hat hierauf schon Xenophon ^) geantwortet, dass 
diese beiden ihre Schlechtigkeit nicht von Sokrates gelernt, 
sondern so lange sie um diesen waren im Zaum gehalten 
haben, und kann man auch sagen ^), die rechte Erziehung 
müsse die Zöglinge für immer zu guten Menschen machen, 
SO lässt sich doch nicht überall, wo eine Erziehung die* 
sen Erfolg nicht hat, sogleich dem Lehrer die Schuld davon 
beimessen. Auch dass Sokrates Elitern und Verwandte ver- 
achten gelehrt habe (Mem. I, 2, 49 ff.), kann wenigstens 

I 

nicht als seine bewusste Absicht, sondern höchstens als eine 



dass Melitus dem Sokrates so ongescbickt geantwortet habea 
sollte, wie er hier thut, so ist dabei übersehen, dass es stets die 
Weise der Welt war, und auch in Athen gewesen sein wird, den 
relativen Albeismus mit dem absoluten, den Zweifel gegen diese 
bestimmten rdigiösen Vorstellungen mit der Laugnung aller Reli- 
gion 2u verwechseln. 
1) Mem. I, 2, 18. 24. 

3) FOBCHHAMXBB S. 43. 



94 Das Scbiclcsal des Sokrates. 

# 

Folge beirachtel. werden, 4ie seine Lehre gegen seinen Wtl« 
len bei Einzelnen hatle ^)/ und ebensowenig kann er, dem 
früher (S. 1 8 ff.) Bemerkten zufolge, des Uagehorsains gegen 
die Staatsgesetze oder der Aufforderung zu denselben be- 
schuldigt werden. Was endlicji noch angeführt wird (Mem. 
][, 2, 58 ff.) 9 dass Sokrates Missbandfaing der Armetf durch 
die Reichen gutgeheissen habe, ist so gefasst auch ohne 
Grund, wenn auch die fragliche Aeussernng desselben aller- 
dings nicht ohne bedenkliche Folgen sein mag. 

So viel Missverstand und Entstellung aber auch dem 
Verfahren gegen Sokrates zu Grunde liegen mag, so unläug- 
bar enthält doch die Lehre und Denkweise dieses Philo« 
sophen ein Element, dessen Unverträglichkeit mit dem Priaeip 
des griechischen Stäatslebens und der griechischiefi Sittru^h* 
keit dasselbe nach Einer Seite hin rechtfertigt, wie diese 
Hkgel liefsinnig erkannt bat. EUt ist diess im Allgemeinen 
die Zurückziehung aus der unmittelbar gegebenen sittlichen 
Objektivität auf das Subjekt und sein Bewusstsein, die För- 
derung, dass der Einzelne, statt sich unbediegt durch die 
Gesetze, Sitten und Vorstellungen seines Staats und Volks 
bestimmen zu lassen, sich aus seiner eigenen Einsicht her» 
aus entscheiden solle, die Behauptung, dass nicht die re* 
flexionslose Hingebur^ an die bestehende Sitte, sondern 
nur die selbstbewusste Thätigkeit von sittlichem Werth, 
dass alle Tugend ein Wissen sei. Sokrates hat dieses Prin« 
cip freilich nicht in der einseitigen Weise der Sophisten aus- 
gesprochen, er hat nicht die subjektive WiUkühr ziun höch- 
sten Gesetz erhoben, sondern die durch's Denken gewonnene, 
aus den objektiv wahren Begriflfen geschimpfte Einsicht. Aber 
theils widerspricht sein Princip auch so noch dem Wesen 
der griechischen Sittlichkeit, welche diese moderne Frei- 
heit der subjektiven moralischen Ueberzengung nooh nicht 



1) Vgl. Mem. II, 2, 3. 



Das Schicksal des Sokrates« 95 

kejHit und nicht ertragen kann, theiU war auch da« Sokra* 
tische Wissen noch zu unentwickelt, um seine Ueberein^ 
Stimmung mit dem, was der Staat für wahr und recht er* 
kaante^ in bestiivmten Resultaten nachweisen zu könnaa. 
Hätte sich Sokrates auch auf keinem einzelnen Punkte den 
Sitten und Gesetzen seines Landes widersetzt, schon' das 
Formelle, dass er dieselben nicht ungeprüft annehmen wollte, 
machte ihn zum Verbrecher gegen das Princip des griechi- 
schen Staats, und sein Verfahren bei dieser Prüfung konnte 
n«r zur Erhöhung dieser Schuld beitragen, denn als iler 
letzte Bestimmungsgrund des sittlichen Handelns erscheiol: 
doch bei ihm immer nur die Reflexion auf den Vort heil des- 
selben; unmöglich koniite aber der Staat dieses Motiv aner- 
kennen, und wenn, es von Sokrates noch so sehr zur Empfeh- 
lung der bestehenden Gesetze gebraucht wurde, denn wer 
konnte dafür bürgen, dass es nicht bei Andern die en^egen- 
gesetzte Anwendung findien werde, und was anders, als eine 
Inconsequenz , oder doch eine blos subjektive Nothwendig* 
keit war es, wenn nicht auch schon Sokrates diese Anwen- 
dung gemacht hat? Und wirklich war ja auch diese. Sokra- 
tische Methode von einem Kritias und Alcibiades nur zu 
egoistischer Bestreitung der sittlichen Auktoritäten verwendet 
worden , und bei Andern musste sie wenigstens das Resultat 
haben, dass dieselben, der Sokratischen Dialektik auf ihrem 
ganzen Gange zu folgen unfähig, bei der Verwirrung ihres 
sittlichen Bewusstseins und dem Zweifel an den geltenden 
Grundsätzen und Einrichtungen stehen blieben. Aber auch 
in den Sätzen, welche Sokrates selbst und seine Echtesten 
Si^üler ausgesprochen haben , lässt sich die Unverträglich- 
keit seines Standpunkts mit dem Wesen des athenischen 
Staats nachweisen. Nach altgriechischen Begriffen ist der 
StaaA das ufimktelbare und ursprüngliche Objekt der sitt- 
lichen Thätigkeit, und eine Privattugend, die sich auf 
sich selbst beschränkte, giebt es nicht; nicht allein wer 



\ 



Das Schicksal des Sokrates. 

positiv gegen den Staat handelt, sondern auch \?«r dem 
Staat seine Thätigkeit entzieht, ist ein schlechter BQrger. 
Sokrates umgekehrt verlangt, dass sich Jeder zunächst mit 
sich beschäftigen solle, und erst wenn er mit sich im Rei- 
nen sei, dann auch mit dem Staat ^), und er seilet be- 
trachtete es sosehr als seinen Beruf, sich dem bildenden 
Privatverkehr mit Andern zu widmen, dass er sich von 
aller politischen Thätigkeit gänzlich zurückzog ^), und auch 
in den wenigen Fällen, wo ihni.diess unmöglich war, dem 
Verderben seiner Zeit nur passiven Widerstand entgegen- 
setzte ^); ebenso sind aus seiner Schule ausser den entar- 
teten Zöglingen derselben, Kritias und Alcibiades, fast 
nur politisch unthätige Männer hervorgegangen. Dem Grie- 
chen war ferner der Staat, wie das absolute sittliche Ob- 
jekt, so auch die absolute sittliche Auktorität; Sokrates, 
wenn er auch gegen die sophistische Bestreitung einer ob- 
jektiven sittlichen Norm an die Gesetze des Staats appellirt 
(s. o, S« 1 8 ff.), stellt doch seinerseits gleichfalls die sittliche 
Selbstgewissheit des Subjekts über die Entscheidung des 
Staats in seiner berühmten Erklärung ^), dem Gott ( d. h. 



1) Plato Symp. 216, A. Xkw. Mem.III, 6. IV, 2. Doch wirdMem. 
III, 7 Cbarmides Ton ihm ermahnt, sich der StaatSTerwaUung ' 
zu widmen, Mem. III, 5 unterhält er sich mit dem jüngeren Pe^ 
rikles über öffentliche Angelegenheiten, und II, 1, 13 ff. zeigt er 
dem Aristipp die Nothwendigl(eit, einem Staat anzugehören. 
Wenn Ablian V.H. II, 1 die Mem. III, 7 ersähUe Unterredung 
mit Alcibiades gehalten werden lässt, so ist diess ohne Zweifel 
aus Mem. I, 2, 40 ff. geflossen. 

2) Plal. Apol. 31, Cff. 

3 ) Die Solonische Gesetzgebung bedrohte Neutralität bei polidscheo 
Fartheikämpfen mit der Todesstrafe; Sokrates nahm an diesen 
so wenig thätigen Antheil, dass er sich auch an der Befreiung 
Athens Ton der Herrschaft der dreissig Tyrannen nicht bethei- 
ligt zu haben acheint, und ebenso vorher dem ungerechten Be- 
fehl derselben zwar nicht gehorcht, aber auch keinen Versuch' 
macht, ihn zu hintertreiben. Plat. Apol. 32, C. 

i) Plat. Apol. 29, D. 



Das Schicksal des Sokrates. ft7 

dem inneren Berufe, ohne den auch das defphisehe Orakel 
diese Bedeutung für ihn nicht gehabt hätte) mehr gehör- 
ehen su wollen, als den Athenern, urtd mögen sie ihm 
diess auch noch so streng verbieten. Aus jenem Verhillt« 
niss zum Staat folgte für den Griechen unmittelbar die 
weitere Forderung, sich der bestehenden Staatsverfassung 
unbedingt zu unterwerfen, und sieh nicht blos keine ge- 
wahsamen Angriffe, sondern auch keinen Tadel gegen die- 
selbe zu eriaqben. Sokrates dagegen sprach seine Ueber« 
Zeugung von der Unzweckmässigkeit der Demokratie un- 
verholen in den stärksten Ausdrücken aus. Wie die wahre 
Tugend nach seiner Ansicht nur im Wissen besteht, so sind 
auch die wahren Herrscher nur die Wissendem ^). Wenn daher 
die demokratische Verfassung Athens jedem Bürger -als sol- 
chem das Recht gab, in Staatsangelegenheiten mitzusprechen,, 
die ai>solute Staatsgewalt in die Gesammtheit der Bürger 
verlegte, und alle besonderen politischen Funktionen aus 
dieser durch Wahl odefLoos hervorgehen liess, so musste 
ihm eine soldie Einrichtung schlechthin verkehrt erschei- 
nen, und dass sie diess sei, sagt er auch aufs Bestimm- 
teste, wenn er es nach der von Xenophon nicht widerspro-* 
ebenen, und mit seinen und seines bedeutendsten Schülers 
sonstigen Aeusserungen zusammenstimmenden Angabe des 
Melitus für eine Thorheit erklärt hat, die Staatsbeamten 
durch's Loos zu wählen, während doch Niemand einem so 
gewählten Steuermann oder Handwerker sich anvertrauen 
würde ^). Was er nach diesem von der Demokratie über- 



1) Mem. 111, 9, 10. S. o. S. 59, 5. 

2) Mem. I, 2, 9 vgl. III, 9, 10. (s. o.) und Plato Polit 297, E ff- 
Rep. VI, 488 f., wo auch die schon bei Sokrates, wie es scheint, 
stehenden Vergleichungen des Staatsmanns mit dem Steuermann 
und dem Arzt .wiederholt werden. Ebendahin gehört, was Diqg. 
L. VI, 8 von Antisthenes erzählt, er habe den Athenern gcra- 
then, ihre Esel zu Pferden zu ernennen, was ja eben so leicht 
gehen werde, als die Erwählung Unwissender zir Feldherr A 

Die PhiloMphift dir GrkobtP. II. TbeU, 7 



98 ^ds Schicksal des Sokratea. 

hanpt hielt, bekennt er selbst seinen Richtern gegen- 
über schroff genugi in der Bemerkung, wem es um's Recht 
zvi thun sei, der thue in einer solchen am Besten, an der 
Staatsverwaltung keinen Antheil zu nehmen, da er doch 
d^ Leidenschaft des Volks, zum Opfer fallen müsste, ehe 
er etwas ausrichten könnte^); und wenn er bei einem an- 
dern Anlass einen Freund ermahnt, sich mit der Staatsver- 
waltung zu befassen, so thut er doch auch dieses nur auf 
Grund einer Ansicht von der Demokratie, die unmittelbar 
eine Majestätsbeleidigung gegen das souveräne Volk ent- 
hält: er sucht dem Charmides seine Sehen vor öffentlichem 
Auftreten zu benehmen, indem er ihm zeigt, dass der De* 
mos, vor dem er sich fürqhte, nur ein Haufe von Schu- 
stern, Bauern und Krämern sei, der diese Rücksicht int 
Geringsten nicht verdiene ^}. Kein Wunder, wenn wir den 
Charmides nachher als einen der zehen von den dreissig 
Tyrannen aufgestellten Befehlshaber des Piräus an der Seite 
seines Verwandten Kritias im KaiHpfe gegen die Befreier 
seines Vaterlands fallen sehen ^), nachdem der oligarchische 
Hang seiner Familie in ihm durch solche Grundsätze be- 
fruchtet war, und ebensowenig, wenn wir den Alcibiades 
von diesen Grundsätzen die naheliegende Anwendung ma- 
chen hören, dass die von einem solchen Haufen Unwis- 
sender ausgehenden Gesetze keine wahren Gesetze seiend). 
Was aber vom Staate gilt, das muss von der sittlichen 
Objektivität überhaupt gelten; mit der Beschuldigung, dass 
Sokratea Geringschätzung der bestehenden Staatsverfassung 



1) Plat. Apol. 31, E vgl. Rep. VI, 496, C, wo die Stellung des 
Philosophen zur demokratischen Masse der Lage eines Menschen 
verglichen wird, der unter die wilden Thiere gerathen ist; Theät 
173, Cff. Gorg. 521, D ff. 

2) Mem. III, 7. 

S) Xen. Hell. II, 4, 19. 
4) Mem. I, 2, 4St 



Das Schiclisal des Sokrates. 99 

» 

lehrie, steht daher die weitere ^) in Verbindong, er habe 
zar Verachtung der Eltern und Verwandten aufgereizt, in« 
dem er gelehrt habe, wenn die Kinder weiser seien, als die 
Eltern, dürfen sie diese als Wahnsinnige binden, und wenn 
Jemand der Hülfe bedürfe, nützen Ihm nicht seine Verwand- 
ten, sondern die, welche ihm diese Hülfe zu gewähren ver- 
stehen. Diese Beschuldigungen sind allerdings so unmittel- 
bar, wie sie der Ankläger meinte, unstreitig falsch, nichts- 
destoweniger liegt auch ihnen etwas Wahres zu Grunde» 
Wenn Sokrates in richtiger Consequenz seiner Liehre vom 
absoluten Werth des Wissens ausführte^ dass Freunde und 
Verwandte keinen Werth haben, wofern sie nicht auch 
das rechte Wissen besitzen, wenn er solche mit entseelten 
Leichnamen oder unbrauchbaren Abfallen des menschlichen 
Leibs verglich, wenn er den allgemeinen Grundsatz Sn to 
S.qiQOv ärifiov icxiv auf sie anwandte ^), so mochte er diess 
noch so sehr nur in Verbindung mit der Aufforderung sa« 
gen, sich durch wahre Einsicht seinen Verwandten werth 
zumachen; aber wer konnte verhindern, dass Andere auch 
die Folgerung daraus zogen. Verwandte', denen es an Ein« 
steht und Brauchbarkeit fehle, dürfen als werthlos verach- 
tet und vernachlässigt werden , uitd wohin konnte diess 
nicht führen, wenn doch Sokrates zugleich erklärte, dass 
er das wahre Wissen bei seinen Mitbürgern allenthalben 
vergeblich gesucht habe, dass die Meisten von alle dem, 
was sie zu wissen meinen, nichts wissen, und dass (Mem. 
III, 9, 6) der Verrücktheit nahe stehe, wer sich selbst nicht 
kenne,, und zu wissen glaube, was er nicht wisse ^)% Auch 



1) Mem. I, 2, 40. 55. 

2) Mem. a. a. O. 

3) Insofern ist auch das Zugeständniss der Xenopbontischen Apo- 
logie § 20, dass Sokrates allerdings Manche beredet habe« bin« 
sichtlich ihrer Hildung ihm mehr zu folgen, als ihren Eltern, 
und die dasselbe bestätigende Erzählung vom Sohne des An}tu9 
§. 30 f. nebst den Bemerkungen Hbgxi.'8 darüber , (Qescb. der 

7* 



100 Das Schiciiftal des Solirates, 

der Vorwurf endlich, dass Sokrates nicht an die Staatsgötler 
glaube, 80 ungerecht er in dieser allgemeinen Fassung ist, 
hatte doch eine Seite der Berechtigung. Indem dieser we- 
nigstens für sich selbst die innere dämonische Stimme an 
die Stelle der öffentlichen Orakel setzte, hatte er ebenda- 
mit ausgesprochen, dass er für seine Person dieser nicht 
mehr bedürfe ; welcher gefährliche Vorgang war diess aber 
nicht in einem Lande, wo diese Orakel nicht blos ein re- 
ligiöses, sondern zugleich ein politisches Institut waren, 
und wie leicht konnten Andere, sosehr es dem Sinn des 
Philosophen zuwider sein mochte, diesem Beispiel in der 
Art nachahmen, dass sie aus derselben subjektiven Selbst- 
gewissheit heraus, aber ohne diese phantastische Form 
derselben, die eigene Einsicht den Aussprüchen der Götter 
und dem allgemeinen Götterglauben gegenüber geltend mach- 
ten! welche Folgerungen mussten sich überhaupt ergeben, 
wenn die Sokratische Forderung des Wissens consequenter, 
als er es gethan hatte, entwickelt, und auch die religiö- 
sen Vorstellungen darauf angesehen wurden, ob die Leute 
wissen, was sie sich dabei denken! 

Es wird sich unter diesen .Umständen nicht bestrei- 
ten lassen, dass Sokrates, so fest er auch unstreitig für 
sich selbst nicht allein von der absoluten Berechtigung, 
sondern auch von der Gesetzlichkeit seines Thuns überzeugt 
war, doch der Vertreter einer Denkweise gewesen ist, die 
dem Princip der altgriechischen Sittlichkeit wesentlich ent- 
gegengesetzt, war, und sich nicht ohne den Untergang der- 
selben durchführen liess, und dass der atheniscl^e Staat nach 
griechischen Begriffen von dem Rechte des Staats über die 
Gesinnung und Meinungsäusserung seiner Bürger dieses ihm 
feindselige Princip in der Person des Sokrates zu bestrafen 
befugt war ; die Strafe aber konnte bei einem Manne, der jede 



Phil. II, 92 f.) immerbin zu beachten, wie unsicher es auch sonst 
mit der Zuverlässigkeit jener Angaben stehen mag. 



Das Schicksal des Sokrates. 10t 

Milderung darch eine annehmbare Selbsfscbätsnng Terwor* 
fen hatte ^), und einem richterlichen Verbot seines Tbuns 
zum Voraus den Gehorsam verweigerte, nur die Verbau«- 
nung oder der Tod sein. Nun dürfen wir allerdings die 
reine Einsicht in die Bedeutung des Sokralisehen Piinoips 
und sein Verhältniss zum griechischen Volicsleben weder 
bei seinen Anklägern noch bei seinen Richtern suchen, dies« 
Einsicht war hier vielmehr in eine Menge zum Theil höchst 
alberner und ungerechter Vorurtheile verhüllt, und ohne 
Zweifel auch bei Vielen durch persdniiche oder politische 
Leidenschaft getriibt. Dass aber darum doch nicht diese 
Leidenschaft, sondern die Ueberzengung von dem schädli« 
eben Einfluss des Sokrates das letzte Motiv seiner Verur- 
ibeilujng war, wird die bisherige Erörterung gezeigt haben, 
und dass di^e Ueberzengung trotz alles Verkehrten, was 
sich daran ansetzte, doch auf einem richtigen Takt bet- 
rübte, dass mithin das Urtheil iibor den Philosophen, vom 
Standpunkt desgriechischen Rechts aus, gerecht war, soHte 
man gleichfalls nicht mehr längnen ^). 

Eihe andere, von den Vertretern der eben ausgefuhr« 
ten Ansicht in der Regel viel zu wenig beachtete Frage 3) 
ist nun aber freilich, ob fiuch das Athen der damaligen 



1) Fiat Apol. 36, D ff . vgl. Forchhammer a. a. O. S. 64 f. 

2) Ich möchte desswegen auch nicht mit Hersiann Gesch. u. Syst. 
des Plat. I, 241 sagen, dass »seine Verurtheilung nur auf einer 
Verwechselung seiner Lehre mit der sophistischen beruhtet habe. 
Es bedurAe in der That keiner solchen Verwechslung, um «die 
Lehre des Sokrates der griechischen Sittlichkeit gefährlich zu finden. 

3) Das (lichtigste hat auch hier Hboel a. a. O. S. 100 ff., wenn 
gleich auch er im V^orhergehenden die Athener allzu ausschliess- 
lich als Repräsentanten der altgriechischen Sittlichkeit bebandelt; 
höchst einseitig verfahrt dagegen Forchhamuer in der mehrer- 
wäbnten Abhandlung, wenn er hier die Athener schlechtweg als 
die Gesetzlichen, den Sokrates schlechtweg als ReTolutiooär be* 
zeichnet, und diesem die extremsten Consequenzen seines Prin- 
cips, mag Sokrates selbst auch noch so sehr dagegen protesti- 
ren, als bewusste Absiebt unterschiebt 



\ 



102 I^as Schiclital des Sokrates. 

Zeit znr Vernrtheilung des Spkrates noch ein Recht hatte, 
und diese Frage müssen wir vom geschichtlichen Stande 
pnnkt aus unbedenklich verneinen. Hätte zur Zeit des Mil- 
tiades und Aristides ein Sokrates auftreten können, und er 
wäre verurtheilt worden, so möchte man diess rein als eine 
Gegenwehr der substantiellen griechischen Sittlichkeit gegen 
das hereinbrechende Princip der Subjektivität auffassen, in 
der Periode nach dem peloponnesischen Kriege dagegen 
ist diese Auffassung nicht mehr unbedingt zulässig. Das 
Athen, welches seit einem halben Jahrhundert von sophisti- 
scher Bildung durchfressen wal*, welches seit dem Tode des 
Perikles an der Stelle der grossen, sich ohne Nebenrnck* 
sichten an das Gemeinwesen hingebenden Staatsmänner nur 
noch Demagogen und Oligarchen an seine Spitze stellte, die 
in allem Uebrigen entgegengesetzt nur in der Unterordnung 
des öffentlichen unter ihr Privatinteresse, in dem gesinnungs-* 
losen Spiel der Intrigue und der Ehrsucht einverstanden 
waren, welches statt des alterthümlichen Ernstes eines Aeschy« 
lus und der tiefen Frömmigkeit eines Sophokles die Euripi* 
delsche Reflexion und Aristophanische Leichtfertigkeit be- 
klatschen gelernt hatte, dieses VoJk, welches die sittliche 
Substanz längst an die individuelle Willkiihr verrathen hatte, 
dieser durch und durch auf die subjektive Freiheit und 
Bildung gebaute Staat halte kein Recht mehr, den Philo, 
sophen, der dieses Princip seiner Zeit aussprach, darum zu 
verdammen. Sokrates nmgekehrt, so wenig er auch auf 
dem Standpunkt der früheren Unmittelbarkeit steht, war 
doch aufs Ernstlichste bestrebt, die von der sophistischen 
Reflexion wankend gemachten Grundsätze der Sittlichkeit 
zu retten, und insofern eher Dank, als Strafe, anzuspre-, 
eben berechtigt. Nun wurde freilich gerade nach dem pelo- 
ponnesischen Kriege eine Rückkehr zur alten Sitte in Leben 
und Verfassung versucht, und da Sokrates durch sein Prin- 
cip der subjektiven Selbstbestimmung den Boden der sub- 



/ 



Das Scbieksal des Sobrttes. ' IM 

stantiellen Sittlichkeit rerlasden hatte, so fiel er als ein 
Opfer dieser Reaktion des Alten gegen das Nene. Abet 
diese Rückkehr war jetzt nicht mehr möglich und gesehlofat« 
lieh nicht mehr berechtigt./ Die Verurtheilung des Sokrate« 
ist ein politischer Ahachronismus, und sie hat sich als sol- 
chen dadurch bewährr, dass weder sie noch eine der an* 
dern damit in Verbindung stehenden Maassregeln dem athe- 
nischen Staate seine alte Kraft wieder zu geben und dem 
immer unaufhaltsamer hereinbrechenden Verderben zu steuern 
vermocht hat. Müssen wir daher auch die Verschuldung 
des Sökrates gegen den Geist seines Volks anerkennen, 
dass er Ton seiner weltgeschichtlichen Sendung getrieben 
den ursprünglichen Boden des griechischen Bewusstseins ver- 
lassen, und dieses über die Schranken hinausgehoben hat, 
innerhalb deren allein diese bestimmte Gestaltung natio- 
nalen Lebens möglich war, so ist doch diese Schuld nicht 
xliß vereinzelte dieses Individuums, sondern die gemeinsame 
seiner Zeit und seines Volkes, und indem das athenische 
Volk diese, gemeinsame Schuld ah ihm als Einzelnem be- 
straft hat, so hat es nicht nur in Ihm sich selbst verur- 
theilt, sondern es hat zugleich das weitere Unrecht began- 
gen, nur das bestimmte Individuum für das büssen zu lassen, 
wofür Alle der Geschichte verantwortlich waren. Schuld 
. und Unschuld vertheilt sich also nicht gleichmässig an beide 
Partheien, sondern während Sökrates das absolute Recht 
des geschichtlich höheren Princips für sich hat, so habeil 
seihe Gegner nicht mehr das volle Recht ihres Princips, 
weil sie selbst nicht rein in demselben stehen, und eben 
das ist die eigenthümliche tragische Verwicklung in dem 
Schicksal des Philosophen, dass es nicht die einfache Colli- 
sion rein entgegengesetzter sittlicher Mächte ist, die sich 
uns darin darstellt, dass vielmehr jede dieser Mächte die 
andere in ihr selbst hat, dass die Athener in Sökrates ihr 
eigenes Princip verurtheilen, und Sökrates nicht blos für 



Ift Die uiiToHliommanaA Sokratiker. 

•eiQon Abfall vom Prinoip der stibstantielleB Sitilichkeit, 
sondern ebenso für seine Bemöbungen sar Wiederherstel* 
long der von der Sopbistik ersdiütterten sUtlicben Grund« 
lagen bütsen rauss. 

» 

§. 17. 
B. Die unvollkommenen Sokratiker. 

J^s war naturlich, dass Sokrates durch das Bedeutende 
seiner Persönlichkeit und das Grosse und Nene seines philo« 
sophischen Princips die tiefste und umfassendste Wirkung 
hervorbrachte. Wird aber diese Wirkung eines grossen Gei- 
stes auch sonst je nach der Beschaffenheit derer, die sie 
aufnehmen, bei Verschiedenen verschieden sein, so kani 
hier noch die unentwickelte Gestalt der Sokratischen Philo* 
Sophie und der theilweise Widerspruch ihrer einzelnen Sei* 
ten hinzu, um für ihre Auffassung der Individualit&t den 
weitesten Spielraum zu eroffnen. Im Besondern hat man 
mit Recht drei Klassen Sokratischer Schüler unterschieden^): 
während ein Theil derselben sich begnügte, aus dem Um- 
gang mit Sokrates Tüchtigkeit der Gesinnung und prak- 
tische Lebensweisheit zu schöpfen, oder denselben auch 
wohl gar, wie die Schule eines Sophisten, für egoistische 
Zwecke benützte, so suchten Andere sein philosophisches 
Primsip in einseitiger Auffassung festzuhalten, nur Einem 
aber ist es gelungen, dieses in seiner Totalität zu begreifen 
und weiter zu bilden. Diesem nun wird unser .nächster Ab- 
schnitt gewidmet sein; die unphilosophischen Sokratiker, 
wie Xenophon und Aeschihes, gehen uns hier nichts an; 
von denen dagegen, welche das Sokratiscbe Princip zwar 



1) Hegil Gesch. d. Pbil. II, 106 ff. Bbasdis Gr.-röm. Phil. II, 
a, 67* Vgl. auch Tsnnexavn Gesch. d. Phil. II, 84 f?. Ritteb 
Gesch. d. PhUos. II, 84 ff. Schleibbxacheb Gesch. d. Pbilos. 
S. 85 u. A, 



Dia unYoUIiominatteo Sokritilee. |M 

{rfrilosophitcb, aber einseitig io sieh aofgeDommen und ver« 
arbeitet haben, ist noch za sprechen. • 

Sokrates hatte das Wissen des Guten als das höchste 
Ziel der Philosophie und des Lebens bezeichnet, was aber 
das Gute sei, hatte er nicht zu sagen gewusst, sondern 
sich mit der nnmittelbar praktischen Darstellung desselben 
begnügt, oder sofern er eine theoretische Bestimmung ver- 
suchte, sich auf eine eudämohistische Relativitätstheorie be* 
schränkt. Indem diese verschiedenen Seiten des Sokratischen 
Philosophirens auseinandergiengen, und jede für sich zum 
Princip erhoben wurde, traten zunächst diejenigen, welche 
sich an den allgemeinen Gehalt des Sokratischen Princips, 
die abstrakte Idee 'des Guten hielten, ieüen gegenüber, die 
von der eudämonistischen Begründung dieser Idee ausgehend 
das Gute selbst zu einem blos Relativen machten; weiter 
aber innerhalb der ersten Klasse die, welchen die theore- 
tische, denen, welchen die praktische Auffassung und Dar- 
stellung des Guten die Hauptsache war; die Eine Sokra* 
tische Schule gieng in die entgegengesetzten Schulen der 
Megariker und Cyniker auf der einen, der Cyrenaiker auf 
der andern Seite auseinander. Wie aber in dieser Isoli- 

# 

xung seiner Momente der «eigenthümliche Gehalt des Sokra- 
tischen Princips theilweise verloren gieng, so sahen sich 
auch alle diese Schulen durch ihre Einseitigkeit auf ältere, 
von der geschichtlichen Entwicklung im Ganzen bereits 
überwundene Standpunkte zurückgeführt, die Megariker nnd 
Cyniker zu der eleatischen Alleinslehre und der Sophistik 
des Gorgias, die Cyrenaiker zur Protagorischen Skepsis und 
ihrer Heraklitischen Begründung. 

In der megarischen Philosophie^) — um mit die- 



1) Man Tgl. über dieselbe, ausser deii betretenden Abschnitten in 
den QaehrerwShnten Werken von Ritter, Brisois, K. Fa. Her* 
M4IIV und Hegel: Dbtchs de Megaricorum doctrina (Bonn 1837)y 
eine durch sorgfältige Materiaüensamrolung ausgezeichnete Ar- 



106 Die unvollko^mmenen Sokratikeif. 

ser anai^fifangen — können wir mit Ritter ^) drei Elemente 
unterscheiden, ein Sokratisches , ein eleatisoheff und ein 
sophistisches. Zunächst an die Sokratische Lehre schliesst 
sich der Satz des E^klides an, dass die Tugend nur Eine 
sei, die mit vielen Namen genannt werde ^), und das Gute 
überhaupt nur Eines, nämlich die Einsicht ^). Ebenso So- 
kratisch, als eleatisch, ist ferner die Forderung, dass man 
sich nicht auf die sinnlichen Wahrnehmungen und Vorstei- 
longen, sondern nur auf die Vek'nunft verlassen solle ^), 
wenn sie auch in dieser bestimmten Form nicht unmittel- 
bar dem Sokrates angehört ^). Wenn endlich die Behanp- 
tnng, dass nur die körperlosen Begriffe das wahrhaft Wirk- 
liche seien, also ein Anfang der Ideenlehre, mit höchster 



beit^ Ritter über die Philosophie der Megar. Schule im Bhein. 
Mus. ir, b (1828) S. 295 ff. HERMA.iiif über Bitteres Darstellung 
d. sokrat. Systeme S. 32 ff* 

1) Rhein. Mus. II, b, 299. 

2) DioG. L. VII, 16). Dasselbe sagt von Menedemus, dem Stifter 
der crelriscben Schule, Plot. de virt. mor. c. 2. 

3) Diog. II, 106: lEvHl$iSt^f] ev ro dya&ov dititpaivsro voXXoXt ovo^ 
fiaai iMtXoofitvov' ort U6v ydg (pgovtja i.Vy ort ^e d'toi'y xal dl- 
XoTs tovv X. r. X, Cic. Acad. Qu. II, 42: [Meg^arici] id bonum 
soium esse diceiant, quod esset ünum et sitnile et idem semper *.• A 
JUenedßmo autem • . Eretriaci a^liati; quorum omne bonum im 
mente positum et mentis acte, qua verum cerner etur, Uli [näm- 
lich die eigentlichen Megariker] similia, sed, opinor, explicata ahe- 
rius et ornatius, Nach diesen Zeugnissen haben wir wohl auch 
die Platonischen Aeusserungen im Pbilcbus (Anf. u. ö,) und der 
Rep. (VI, 505i R: dXXd /a^v utai tode ye ota&a, ort, toU (Atv 
noXXots fjÖovTj Souei iivai. ro dyad'op , toU Se ytouipotfQon rfgO" 
VfjqiS . . y.al or» ye ot tovto ijyovfisvoi ovh l'yorai Sbi^ai ^ r»ff 
(pQcvTjatQ dXX' dvnyHa^ovrai TtXevrojtfTtS rrjv tov dyrtd'ov qdvat) , 
nicht blos atif Antisthenes, sondern zugleich auch auf die Mega« 
riker zu bezieben. Vgl. auch Detcrs S. 26 ff. 

4) Aristohles b. Eus. praep. ev. XIV, 17, 1, wo die Megariker mit 
den Eleaten unter die gerechnet werden, welche behauptet haben, 
Bsiv Tai fjiiv aio&tJQits xal (pavraclas naraßdXXtiVy avrt} ii (ao- 
vov rcJ Xoyo» itiortvHv, 

5)- S. o. S. 40, Aura. 



Die unvoUkommeneik Sokratiker. 107 

WahrscheinUehkeit auf die M egariker surückgerühit wird ^)^ 
so werden wir äu«h hieria nar eine Anwendung der So- 



1) Nachdem Plato im Sopbbten die eleatische Lehre rom Seia 
durchgegangen hat, fahrt er fort, S. 245, E : tovs fiiv toiwv S$a^ 
nQtßokoyovfiivovi ovroe te nigi. mal ^tj navv fitv ov SteX^lv&a" 
ftevy oftwe Si ixavwe tilru) * rovs di aXkwi XiyovraQ av ^ioriot 
Q. 8. w. Unter diesen werden nun sofort zwei Klassen unter- 
schieden: solche, die nur das Börperlicbe für seiend gelten las* 
sen ^voIIen, und solche, die im Streit gegen diese fiala ivlaßmQ 
avQj^sv *f doQaTOv no&tv auvvovrai , potjto. ärra xal aofofiara 
tidrj ßtaCofifvoi Tijv akrj&ivijv ovainv eivnt * ra Si insiwjv awfAaxa 
nal Ttjv ksYOftlvtjv in olvtvHv dl^&Hav naTo, Ofitxgd iia^^pavov^ 
res IV roi€ Xoyots yivsaiv dvr ovaiac tpegofiivtjv tivd TTQofayO" 
gevovatv. Eben diese werden dann nachher (248, A) als alStZv 
tpilo$ wieder erwähnt, und als ihre Lehre wird angegeben vot^ 
fiar& fiev 7^(10,9 yeviaei Si aia&ijotiW6 xoivwvfTy , 9$d Xoyiofiav Si 
yji^Xfi "^QOS tijv övTtue ovaiaVi yv dsl «"T« Tavrd ot'rwff i'xi^v» 
Dass nun unter diesen Letzteren Euklid mit seiner Schule ge- 
meint sei, hat zuerst Schlkibrkachsb (Plalon's Werke II, 2, 140 ff.) 
wahrscheinlich gemacht, und auch mir, wie Andern (Ast Pia- 
tons L. u. Sehr. S. 201. Dxtcks S. 37 ff. Brakdis Gr.-röm. 
Philos. II, a, 114 ff* Hermanb Plat. I, 339 f. Stailbaum Plat. 
Parm. 60 f X empfiehlt sich diese Annahme trotz Ritters (Rhein. 
Mus. II, b, 305 ff«) und Pbtxrsxks (Zeitscbr. für Alterthumsw. 
1836, 892) Widerspruch. Denn wenn doch allgemein zugestan- 
den wird, dass diese von den Eleäten ausdrücklich unterschiede- 
nen Freunde einer Ideenlehre viel zu specicll charakterisirt sind, 
um nicht auf eine bestimmte historische Erscheinung jener Zeit 
bezogen zu werden« wo sollen wir diese suchen, wenn nicht in 
den Megarikern? denn dass eine philosophische Schule, die es 
zu dieser entwickelten Theorie gebracht hatte, uns ganz unbe- 
kannt -geblieben sein sollte (Ritter), ist nicht wahrscheinlich. 
Und wirklich wird in den Worten: ra Se ixs'voju autfiara — 
wffOQayoQbvovaiv das Verfahren der megarischen Dialektik treffend 
genug bezeichnet, und ebenso passt auf dieNe Schule aufs Reste, 
dass die siBiav (fikot nach S. 249, C. 248, A ebenso, wie die Eleä- 
ten, alle Rewegung läugneten, und von der ovTtui ovota behaup- 
teten, dass sie dtl nard ravrd (a^avtcus i'xsi. Hält man uns aber 
entgegen, dass die Megariker von Plato schwerlich als akkojc A/~ 
yovTte^ d. h. wie Detchs übersetzt, qui temere nullogue certo cott" 
siäo ea de re digputant, bezeichnet worden wären, so müssen wir 
diess zugeben, nur glauben wir, auch die ton Plato geschilder- 
ten tiBiiiy tfikoi haben nicht so genannt werden können, jenes 



108 



Die unvollkommenen SokrttikeT. 



krarifiiohen Lehre Tom Werth des begrifllicben WUsens 
auf die eleatische Anschauung des absoluten Seins fin* 
den können. Diese Sokratischen Sätze haben aber hier 
einen Unterbau ans der .eleatischen Spekulation erhatten« 
Wollte Sokrates mit seiner Lehre vom Guten nur die Ein- 
heit des sittlichen Zwecks ausdrücken, so bekommt dieselbe 
hier zugleich metaphysische Bedeutung: das Gute ist das 
Eine sich selbst gleiche Sein ohne Werden und Verände- 
rung, das diesem Entgegengesetzte, das Nichtgute, ist auch 
das NichtSeiende ^), und ein Mittleres zwischen beiden, ein 
blos Mögliches, giebt es nicht ^); legte jener allen Werth 



aL Xiy. slei daher einfach su übersetKen: die, welche anders re- 
den. Wird femer bemerkt, S. 246, G (fV ftiaut ie irtgi ravra 
äirXttoQ ajbiforiQwv f*otxv ^*^ — «cJ St'viarrjxsy) werde die hier 
bekämpfte Denkart als älter und weitverbreitet bezeichnet, so ist 
dem EU entgehen, wenn wir entweder dti mit »jedesmal« (seil, 
so oft beide Partheien streiten) übersetzen, oder hier dieselbe 
Verallgemeinerung wie S. 242, D annehmen. Dass endlich die 
Vielheit der Ideen der megarischen Lehre von der Einheit des 
Seins widerspricht, und Stilpo gegen die Platonische Ideenlehre 
polemisirtc, ist richtig ; eine andere Frage ist dagegen, ob Stilpo 
diess als Megariker oder als Cyniker gethan hat, und ob Jener 
Widerspruch auch schon den ersten Stiftern der Megarischen 
Philosophie klar wurden von einer Vielheit von Begriffen spra- 
chen die Megariker wenigstens auch sonst > vgl. DstcBS S. 83. 
Nach dem Vorstehenden ist auch meine beiläufige Aeusserung 
1. Th. S. 275 zu berichtigen. 

1) S. o. S. 106, A. 3. Abistorlis b. Eus. Praep. ev. XIV, 17, 2: 
(pi ntQl ^cilnojpa Mal tovS Meyagixovs) ij^iovp xo ov «V sifat 
IC«» TO fifj ov sTiQov slvaii ufi^t ysPvaaOai ti fii^Se (f^elQsa&ait 
fifjSe Hipsla&ai tonaga'Jtav, Diog. II, 106: Ta B' di^ixsif^eva rta 
dyadn} dvfj^s* [EviJ.6idtjs] fit) eivai tpdoitojv, 

2) Abist. Metaph. IX, 3. Anf. JEial Si xtvtQ oi tpaaiv, alov oi Me^ 
yaQ&Holf ürav ivsffyf^ fiovov ^vvoadtnh orav ^6 fir/ ivBQyy ov Sv^ 
vaa&at u. s. w. Dasselbe drückte später der Zeitgenosse des 
Ptolemäus Soler, Diodorus Kronus so aus: fitiSiv sivai Swarov, 
o ovT iorlv dhjdts ovt iara«* d. h. möglich sei nur, was ent- 
weder schon wirklich geworden ist, oder noch wirklich werden 
wird, (Arbuit Epikt Diss. II, 19 S. 282. Cic. de fato c. 79) 
und damit stand auch seine Lehre von den hypothetisehen Ur- 



r 



Die unvoUlioinmenen Sokratiker. IM 

aof s Wi«sen, so wird dieses hier darch die eleatisch«) Un- 
terscheidung der ai<jd't](7ig nnd des Xoyog genauer im Gegen* 
salz gegen die Vorstellung bestimmt ^); fand Sokrales in 
den Begriffen zwar das aliein wahre Wissen, aber noch nicht 
Jint alleinige Sein, so behaupten die Megariker, dem Obi- 
gen zuiolge, auch das Letztere. Indem aber so das Gute 
mit dem reinen Sein der Eleaten identificirt wird, so tritt 
es in dasselbe ausschliessende Verhältniss zum Mannigfal- 
tigen der Erscheinung, wie dieses, wesshalb die Megariker 
die Möglichkeit der Bewegung mit ähnlichen Gründen be- 
stritten , wie Zeno ^). Hatte jedoch schon dieser mit der 
einseitigen Negativilät seiner Dialektik der Sophistik vor- 
gearbeitet, so geriethen die Megariker mit ihren Trug- 
schlüssen ^) und ihrer Verzichtleistung auf alle positive wis- 
senschaftliche Entwicklung, ja zuletzt auf alle objektiv 



tbeilen in Verbindung, von denen er (Seitüs adv. Matbemat. VIII,' 
113 f*} nur diejenigen als wahr anerliennen wollte, in denen 
nicht blos die Consequens, sondern auch der Vordersatz richtig 
sei. Vgl. über diese beiden Puukte die sorgfaltige Auseinander- 
sefi&ung von Deycrs S. 69 ff* 

1) S. p. S. 106, A. 4 und dazu Arist. Metaph. I, 5. 986, b. 31: 
(^HaQfABvlBfjS) to 6v fiiy Hatd rov koyovj nXslfu Si xard ti^v al'a^ 
^tjaiv vnoka/tißdvojp ejvai» PiBM. Fr. V. 28 if. vvo gleichfalls 
die dki^&sia den 96^ait der ?,6yo9 der sinnlichen Wahrnehmung 
entgegengesetzt wird. 

2) Zwar werden erst von einem der letzten Megariker, von Diodor, 
ausdrücklich Beweise gegen die Möglichkeit der Bewegung ange* 
fuhrt (SextdsEx^. adv. Math.X, 85 f. 112 f. vgl. Detcbs S. 64 ff.), 
da aber die Läugnung der Bew^ung der ganzen Schule gemein* 
sam war, mUss'en ähnliche Beweisführungen auch früher ^chon 
vorgekommen sein. Nur hypothetisch, behufs dieser Argumen- 
tation, scheint Diodor, ähnlich wie Zeno, eine Zusammensetzung 
des Bäumlichen aus Atomen angenommen zu haben. S. Dbtcks 

s. 80 fr. 

S) Durch solche Trugschlüsse hat sich namentlich Eubulides, ein 

Gegner und Zeitgenosse des Aristoteles und mittelbarer oder un* 

mittelbarer Schüler des Euklid bekannt gemacht. Manche seiner 

' Sophismen sind übrigens wohl schon älter. Vgl über dieselben 

DiTCüs S. 5i ff. 



110 Die unvollkommenen Sokratiken 

gältigeti Urtheile ^) noch entschiedener auf sophistische Be- 
sultale, und verdienten deil Namen der Eristiker, den sie 
später erhielten, in vollem Maasse« 

So weit sich aber diese Schule mit diesen sophistischen 
Resultaten von dem Sokratischen Geist entfernen mochte, 
•0 wenig dürfen wir doch das Sokratische ihrer urspriing- 



1) Schon von Euklid wird berichtet <Dioo. II, 107 und dasuDETCKS 
S. 34 f.)} er habe sich für die Widerlegung fremder Behauptun- 
gen nur der indirekten Beweisführung bedient^ die aber eben 
immer nur ein negatives Resultat giebt, und er habe die Beweis^ 
führung (oder Definition) mittelst der Vergleichung verworfen. 
Die späteren Megariker, namentlich Stiipo, giengen so weit, nach 
dem Vorgang des Antisthenes die Verknüpfung mehrerer Begriffe 
zu Urtbeilen zu bestreiten (Plut. gegen Kolotes c. 22 ff. S. i 119,0. 
SiMPL. Phys. f. 26)* Dasselbe thalen auch die eretrischen Philo- 
sophen nach SiMPL. In Phys. f 20 med. (bei Brandis Schol. in 
Arist. S. 330, a, 3). Um so weniger empfiehlt sich die Ansicht 
von Dbtoks S. 85, der mit Plutarch annimmt: Stilponem non tarn, 
ex animi sentenlia, quam ad sophistas coercendos , ita pronuntiasse* 
Dazu wäre ein so sophistischer Satz das schlechteste Mittel ge- 
wesen; derselbe war ja aber auch schon .von Antisthenes (s. u.) 
in vollem Ernste vorgetragen worden. Wenn von demselben 
Stiipo Diooebbs L. 11,119 berichtet: JnvoC $i ayav utv iv rtüs 
{(jiartHOtS avi,Q%i moI ra ttSrj ^ so könnte man swar diese, nicht 
eben megarische, Bestreitung der allgemeinen Begriffe gleichfalls 
aus dem Einfluss der cynischen Lehre ableiten; aus dem Zusam- 
menhang jedoch, in dem jener Satz bei Dioo. steht, wird mir mit 
Hegel Gesch. d. Phil. II, 123 und St4Llba.um Plat.iParm. S 65 
wahrscheinlicher, dass er lediglich auf einem Missver^tändniss 
des Laertiers beruht. Dieser fahrt nämlich nach den angeführten 
Worten fort: ual e'hyit rov Ityovra ap&^wnov tlvat [?], urfi.'va 
[sc. kiy9iv] , OVIS yag zoida Xtynv ovxs topSb ' ti yag fiallov 
TovSs rj Tovds; ovre a(ja tovSa. na) naXiv' to Xaxnvov ovh Ion 
to Suxvvfitvov, kaxavov fiiy yd(t jyv ttqo fivQiwv irdip* ovx aga 
iotl Xdxotvov. Offenbar ist nun in diesen Beispielen nicht gesagt, 
dass der Begriff nicht wirklich' sei — seine Wirklichkeit wird ja 
in beiden vorausgesetzt — sondern, dass es falsch sei, die den 
Begriff, also das Allgemeine, ausdrückende Bezeichnung auf das 
Einzelne zu übertragen, was theils nur eine specielle Anwendung 
des Satzes von der Unmöglichkeit der Urtheile, theils eher gegen 
die Realität der Einzeldinge, als gegen die der Begriffe ge- 
richtet bt« 



' Die unvoUkammenen Sohratllier. 111 

Uokeii Richtung, und die^ wenn auch einseitige, Consequenz 
verkennen, mit der sie dieses Sokrätische Elenien.t ent* 
wickelt hat. Worin dieses liegt, habe ich bereits angedeutet: 
es ist das Puncip des Wissens, Ton dem die Megariker 
ausgiengen. Indem dieselben die Forderung des Wissens 
abstrakt festhalten, als Inhalt des wahren Wissens aber 
eben nur den allgemeinen Begriff des Wissenswerthen oder 
des Guten anzugeben wissen^ ohne dieses abstrakte Princip 
durch die lebendige Persönlichkeit und praktische Thätig* 
keit des Sokrates zu ergänzen, so erscheint ihnen alles 
Andere, ausser dem Guten, als ein solches, das nicht ge- 
wusst werden könne, mithin auch nicht sei; das allgemeine 
Wesen, von Sokrates in der Forderung des begrifflichen 
Wissens und der Zuriickführung aller Tngend aufs Wissen 
des Gu^en nur als Ziel und Norm^ des subjektiven Den-* 
kens und Thuns ausgesprochen^ wird von den Megarikern 
auch für das alleinige objektive Sein erklärt, und durch 
diese Behauptung die Sokratische Lehre auf die eleatische 
zurückgeführt, deren sophistischer Consequenz sie sich dann 
auch nicht entziehen konnte. Wenn nur das Eine ist, das 
Viele aber schlechterdings nicht ist, so ist auch keine Viel- 
heit von Begriffen, die unterschiedenen Begriffe sind viel- 
mehr nur eben so viele Namen für das Eine, so haben wir 
auch kein Recht, von irgend etwas ein von ihm Verschie- 
denes auszusagen, es giebt keine objektiv gültigen Urtheile. 
Man kann nicht läugnen, dass solche, die diese sophistische 
Seite der megarischen Lehre ausschliessend hervorkehrten, 
wie Eubulides und Alexinus und theilweise auch Stilpo, 
von dem Sokratischen Princip weit abkamen, auch dieses 
gänzlich Unsokratische jedoch entstand nur aus einer ein- 
seitigen Verfolgung von acht Sokratischem , und auch in 
ihrer extremsten Ausbildung fällt die megarische Philosophie 
nie weder mit der eleatischeh Metaphysik noch mit der 
Sophistik schlechthin zusammen ; was sie von diesen unter* 



112 Die ttnTollkominenen Sokrätiker. 

scheidet bleibt immer die Sokraiiache Idee des Guten nni 
der hieran anknüpfende ethische Charakter der Schule, der 
gerade in einem ihrer sp&testen Repräsentanten, in Stilpo, 
freilich nicht ohne Cinfluss des Cynismus, wieder mit aller 
Kraft hervortrilt. 

Mit der megarischen Schule ist nun die cynische 
nahe verwandt, wie sich diess schon äusserlich an der Ge. 
meinsamkeit ihres Anfangs- und Schlusspunktes zeigt; denn 
beide giengen .ursprünglich aus einer Verbindung eleatisch* 
sophistischer und Sokratischer Philosophie hervor, und beide 
giengen, nachdem sie längere Zeit getrennt nebeneinander 
bestanden hatten, in Stiipo wieder zusammen, und durch 
den Schüler des letztern, Zeno von Cittium, gememschaft« 
lieh in die Sioa über ^). Das gemeinsame Princip beider 
ist die Sokratische Idee des Wissens, welches als Wissen 
des Guten zugleich das sittlich Gute, oder die Tugend, 
selbst ist. Wie die Megariker lehrte auch Antisthenes, die 
Tugend sei für Alle dieselbe ^) , nämlich die Einsicht ^), 



1) Es ist aus diesem Grunde der Einsiebt in den gcscliichtlicben 
Zusammenhang nicht zuträglich, wenn Hegel, Marbach, BaAmss 
und Bravdis nach Tebbemarns Vorgang in ihren Darstellungen 
die Cyrenaiker zwischen die Cyniker und Megariker einschieben. 
Im Uebrigen ist es ziemlich gleichgültig, ob man von Aristipp 
zu Antisthenes und von da zu den Megarikem fortgeht, oder 
umgekehrt, da diese drei Schulen nicht eine aufeinanderfolgende 
Stufenreihe, sondern neben einander bestehende Artunterschiede 
darstellen ; doch scheint mir die hier befolgte Ordnung die natür- 
lichste, sofern die mcgarische Philosophie mehr die allgemeine 
Grundlage des Sokratischen Philosophirens festgehalten hat, die 
cynische ihre konkrete Anwendung, und die cyrenaische nur eine 
unwillkührliche, jenem allgemeinen Princip widersprechende Con- 
sequenz. i 

2} DiOG. L. VI, 12 vgl. Bbabdis Gr.-rom. Phil. II, a, 77. 

S} Dioo. VI ^ 13* T&Txos daqutXiaTarov (p^vffoip ..* Ttixv xara-* 
üKsvaariov hv TOif avTtup avakojrois koyiQfiOiS. $* 11: uivtaQttti' 
tlvai TOP aoffov. §.12: T(o aotpv» ^ivov ovSiv ovS* ano. Plü*. 
de Stoic. Bep. 14, 4: ^uv nraQÜa^ votv tj ßQo%ov, Denselben 



Die unToUhomroenen Sokratiker. ilS 

daher auch lehrbar ^), wie jene wossie aber aueh er nicht 
genauer zu bestimmen, worin die Tugend oder das Gute 
bestehe, sondern begnügte sich theils mit der allgenieiaen 
und blos formellen Forderung der Tugend, theila mit der 
pegativen Bestimmung, dass die Tugend das Vermeiden 
des Schlechten sei ^) , oder sofern er sich auf Besonderes 
einlasst, so geschieht diess nur unsystematisch in aphori«- 
stischen Apophthegmen, dergleichen uns der Laärtier von 
ihm und seinen Schülern so viele aufbewahrt hat« Von die* 
ser Lehre über das Gute wurde ferner auch Antisthenes 
auf dialektische Sätze gefuhrt, die ^ sich ihm ebenso, wie 
den Megarikern, an die eleatische Philosophie anschlössen; 
,Wie bei j«nen gieng endlich auch bei ihm das Eleatische 
vielfach in die Sophistik über, mit der Antisthenes auch 
äusserlich durch seinen früheren Lehrer, den Gorgias, zu- 
sammenhängt. Was aber die cynische Philosophie bei die* 
ser ihrer Verwandtschaft mit der megarischen von diesef 
unterscheidet, ist das verschiedene Verhältniss, in weichet 
das theoretische und' das ethische Element in beiden Syste« 
men gesetzt werden: während bei den Ein^a das theore- 
tische Interesse das Erste ist, uQd das praktische nur eig 
Abgeleitetes, so ist bei den Andern das praktische Inter* 
esse das Erste, und das theoretische ein Abgeleitetes, wäh« 
rend jenen das sittliche Handeln nur als nothwendige Folge 
des wahren Wissens Werth hat, hat diesen das Wissen 
einen Werth nur als Mittel zum sittlichen Handeln, Diese 



Ausspruch erzählt Diog. L. VI, 24 von dem Gyniker Dtogenet 
in den Worten': «<V t6v ßiov naqaantva^sa^ai Selv Xoyov y /S^^o- 
xov. Vgl. oben S. 106i3., 
I) Diog. vi, 10: JiSattri^v dntdiinwt r^v dgsr^v, 
2} Das Erstere liegt in der obenangefiihrten Stelle aus Plato's Rep» 
Vly 503, B und dem Mangel aller genaueren Bestimmung in den 
▼on den Gyhikem berichteten Sälxen, das Andere in Aeiisserun- 
gen, wie die bei Diog. L. VI, 7* 8: recbtscbafTen * werde man, 
wenn man Ton den Wissenden das Böse fliehen lerne. 

Die Philosophie der GriecbeR. II. TheiU 8 



114 Die unToUkomTnenen Sokratiket» 

verschieden« Stellung des Theoretischen und Praktischen 
^eigt sich zunächst schon Susserltch an dem verschiedenen 
Umfahg, der dem Einen und dem Andern in jedöm der 
beiden Systeme eingeräumt wird : von den Megarikem haben 
sich Viele, so weit wenigstens unsere Kenntniss von ihnen 
reicht, ausschliesslich, auch die Uebrigen aber ganz über, 
wiegend mit dialektischen Fragen beschäftigt, und nur Stiipo 
scheint vermöge seines gleichmässigen Zusammenhangs mit 
Antisthenes und Euklid dehi Ethischen grössere Aufmerk* 
samkeit geschenkt zu haben, im Cynismus dage^gen tritt 
schon beim Stifter desselben das Dialektische entschieden 
hinter das Ethische zurück, und bei seinen Nachfolgern 
verschwindet es so völlig, dass diese Denkweise schbn bei 
Diogenes von Sinope und Krates aus einem philosophischen 
System ganz in eine Form des praktischen Lebens über« 
geht. Dasselbe Uebergewicht der Praxis über die Theorie 
hat aber auch schon Antisthenes als Grundsatz ausgespro* 
chen, wenn er sagt ^) : die Tugend sei Sache der Werke 
und bedürfe nicht vieler Reden und Kenntnisse; sie sei 
hinreichend zur Glückseligkeit und bedürfe nur Sokratischer 
Stärke. Stimmen daher auch die'Cyniker in der Zurück« 
führung der Tugend auf die Einsicht und ebenso ohne Zwei« 
fei in der eleatischen Unterscheidung der richtigen Ein* 
sieht, oder des Wissens, von der Vorstellung^) mit den 
Megarikern überein, so gehen sie doch sogleich in der wei- 
teren Entwicklung von ihnen wieder ab: statt dep Inhalt 
der richtigen Einsicht, die Idee des Guten, wenigstens im 
Gegensatz gegen das Viele der Erscheinung näher zu be* 
stimmen, halten sie den formellen Grundsatz' der Sokra- 
tischen Philosophie, dass das wahre Wissen das Erkennen 
des Begriffs sei, in einer Abstraktion fest, durch welche 



1) DfOG. L. VI, 11. 

t) Antisthenes schrieb naeh Dtoo. Tl, 17, vier Büeber irsgii 66S^t 
mal iniorrjfjtij^» 



bie unvollkommenen Sölit^ittilt^h 115 

tiitht Uos jeder Fortachritt Vofn ^fäch^ Begriff tix einer 
Vi^rbindUrtg vob Begriffen, sondert^ ^m Entle ^tieh di^ Mdg^ 
lichk«it der B^griflfsbilduitg ikelbat ituf^ehobtBri tvird ; schon 
Antisthenes lätignct^, dass Ein^s Von %}n^iii Andern nns- 
gesagt werden dürfe ^), und seine Schüler (wenn nicbt er 
selbst) zogen daraus die richtige Folgerung, dass keine Defi* 
tiition möglich sei ^) «^ ein Standpunkt, von dem aus die 



1) Ahist. Mclapb. V, 29. 1024, b, 53: ho *AvuaQhrj9 «iftro tJjff^aic 
fiTjdkv diioiv Xi'yto&ai nk^v rcj» otititf koyijt sv i^* ivoS' iS wy 
avvißaivs^ ft^i shai atTtkiyaPt a)^eS6v ^ fttfSi ^tvSeo^at» Top. 
I, 11* 104, b, 20: övtt iar^p dt^iUye&Vf nm&i7rc^ 'Ifij *Av*^iO&i^ 
'vtj9, Plato Soph. 251, B: o96v ye^ otfAdi^ rots ts riüti »al rwif 
ysgüvTotßP ToU o^ifia&iot (Antbth.} (^oivtjv na^69%tfi€0ifuv tv&tS 
yd^ dvTikaßia&ai navt) iT^oXii{jov oh dSvvatoif td rt voXXd eV 
nal to bv nokkd tipdh xa2 dtf nov %ai(fOvo$v ovn idivra dya^op 
liyt&r aP&QWTTOv, dlkd to ftiv dya^ov dydO^ov, top Si ap&QWTov 
^vdgoiitop u. s. w. Vergl. Tbeät. 201, E ff. PIrileb. 14, C IT. 
Abist. El. «Sopb. c. 17. 175, b, 15 E Pliys« 1, 2^ 185, b, 25 fL 
SiMPL. Pbys. f. 20. Wenn HerHiit!» (Sokr. Syst S. 30} in die* 
sen Sätzen des Antisthenes do>i « (grossen Fortsrbrkt <( finden 
wollte^ dass Antisthenes »alle analytischen Urtbeile a ptiori als 
solche ftir wahr anerkannt habe«, so hat ibnt Rittbb (Gesch. d. 
Phil. 2.A. II« 133) mit Becbt entgegnet, dass es sich hier weder 
um analytische Urtlieile a priori noch überhaupt urti analytische, 
sondern nur um identische Urtheile handle. H. hat nun (Plat* 
I, 267) diess auch anerkannt, bleibt aber dabei, dass durch die 
Lehre des Antisth. »die Philosophie zum erstenmale wieder an 
den identischen Urtheilen einen selbständigen Inhalt gewonnen, 
babe.<( Worin jedoch dieser Inhalt beständen haben sollte, lässt 
sich nicht abschen, da weder mit der Anerkennung der iden* 
tischen ÜHheile irgend etwas gesagt, noch deren Läugnung der 
Philosophie jemals eingefallen ist. I^döh wenigei* kann in der 
Bestreitung aller andern, als der tdentischrn Ürthelle ein philo* 
sophischer Fortschritt, und nicht Tielmehr eine alles Wissen zer* 
störende Consequen/i einei) einseitigen Stamlpnnkt» gefunden werden* 

t) Abist. Metaph. VIII, 3. 1043, b, 23: mots xi dno^ta, ijp o$ *j4p* 
tia^lvHOi naX ot övttai ttitaiBtvrot iJTtogovi; l'xsi fiPd xai^op, ort 
Ott ioTi ro ti iattP ipioao&ai {rov ydg vqov k6yoU thni fift" 
^Qop ^ d.h. sei eineBattologie; vgl. über den Auftdruck llfetaph. 
XIV, 3. 1091, d, 7), dkkd ftoXov ftip ti tanp ipSix^tm na\ St- 
. Sdiaty äoniq a(fyv^op xi fitp iartPf ov^ ort 8*üIop »nrr/ri^^« äat* 

8* 



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11« 



Die unvollhommenen Sokratiker« 



Polemik gegen die Platonische Ideenlehre, zngleich aber 
iuidi das Zurücksinken dieser Schule in einen rohen Empi- 
jrismus höchst natürlich war l). I]ier werden daher die un- 
wissenschaftlichen Folgerungen, welche bei den Megarikem 



i«*i 



oiaiaQ ^0Tß fjiip ^9 ivBi^rak ttvai oqov nal Xoyov^ oiov tiJ9 ow^ 

oCn tattv, Dass indessen dies^ Ansiebt auch schon von Antisth. 
selbst vorgetragen wurde, erhellt mit grosser Wahrscheinlichkeit 
aus dem Plat Theät 201 9 £ ff.: iy<u yd^ av i$6itovp dxovsir 
Tivtnv vTi ret ftiy n^iuta (uaitMQtl OTOix^ia, tS *uv ^jfiisli re ary~ 
Kiifts&a Kai tikUif kcyov ovu i'xo*» ttvto ydg nad'* avro enaarov 
ovofidaat fiivop sl'rj^ n^suntiv Si ov^iv iiXXo Swarov^ ovd^ ojs 
l'oTtP 0V& wQ ovH i'oTiv .., dttv Si sineg ^v Svvatov avro Xiyta^ 
^ &at 9 ital ßtxfv otKt7ov avtov Xoyov , av%v rdStf pikXwv dndvratv 
Xiy»o&a$, vvv 8i dSvvarov §iyai ottovv xtuv ngtutüiv ^tfO^vat Ao- 
y<^* ev yaQ eepa$ uvviTt dXX* rj ovoudCea&at ftovov ovofia yd^ 
fiovov l'xiiv. Hier erinnert nicht blos der olntioi Xoyot an die 
oben (S. 115, 1) aus Aristoteles angeführte Behauptung dies Anjtis- 
thencs, dass Jedes nur mit seinem oUuoi Xoyos bezeichnet werden 
dürfe, sondern auch die Unterscheidung der ngüira, die nicht 
definirt werden können (keinen X6yo€j sondern nur ein ovofia 
haben), an den Satr,, den Arist Metaph. VIII, 3 den Antisthenem 
beilegt, nicht die it^ötra^ sondern nur das Zusammengesetzte, 
habe einen o^oq hoI Xoyos. Diese Behauptung scheint also, da 
sie schon Plato in einem nicht allzuspäten Gespräch berücksich- 
tigen konnte» gleichfalls dem Antisth. selbst anzugehören. 

1) TzETz. Chil. VU, 605 : 

yfiXdf ivroias yaQ <ftjat ravras (die Ideen) 6 *j4irr&Q&ivtj9 
Xiyüiv ßXiiroi fitv ard'^wnov nal 'Innov Se 6fiol(u6 
innovtjxa ov ßXina) Sit ovS* dvd'Qoyjtitritd y». 

Dioo. L. VI, 53 (über Diogenes — dasselbe erzählt aber der 
Scholiast zu den Aristotelischen Katcgorieen, beiBBAKDis^.66,b,45 
Tgl. S* 689 b, 26 von Antisthenes «— ): nXdrwvos nt^l iStöiv Sia- 
Xhyofiivovi »al ovo/id^ovroC Tffam^ortjTa ual »va-öoTf^a, iywt et- 
neVf 6v UXaTütVf rgdm^av nal »vad^ov ognjj TQamSort^a ii nni 
nvai^ottjxa ovSafnäis, worauf Plato mit den Worten: Natürlich, 
denn es fehlen dir die Augen, um dieses zu sehen, gewiss eben- 
sosehr m seinem Recht war, als dem gut cynischen Angriff des 
Antisthenes in seinem 2a&otv (Diog. III, 35. VI, 16.. Atheet. 
V, 20. S. 220. Xlt 15) S. 507) gegenüber mit den Bemerkungen 
Soph. 251, C 



Die uiiTollkommeneii Sokratiken llY 

erst spät uild unter fremdem Einiliiss hervortreten ^)^ von 
Anfang an ungescheut ausgesprochen, 2um Beweise des 
geringen Interesses, welches diese Schule dem theoretischen 
Erkennen in Vergleich mit der praktischen Durchführung der 
phiTospphischen Gesinnung beile^^te. Auch die cynisohe Ethik 
jedoch ist dürftig, es fehlt ihr nicht allein, wie schon be- 
merkt wurde, die systematische Entwicklung fast gänzlich, 
sondern auch ihr Princip ist einer solchen Entwiciciung 
unfähig; einer allgemeineren theoretischen Grundlage er- 
mangelnd muss sich diese Ethik auf die abstrakte Forde- 
rung der Tugend oder der Einsicht beschränken , eine For- 
derung, die ohne positiven Gehalt nur in der Entgegen- 
setzung gegen das gewöhnliche, dem sinnlichen ßedurfniss 
dienstbare Leben der Menschen ihre Erfüllung findet * Das 
Princip der cynischen Ethik ist daher die praktische Be- 
freiung von allem Bedürfniss, die Selbstgenügsamkeit des 
Subjekts , welche durch die Zurückziehung aus allen be- 
sondern Lebenslagen und Verhältnissen auf die Allgemeinheit 
des Bewusstseins , durch das Aufgeben aller bestimmten 
Zwecke erworben wird. Wer zu dieser Bedürfnisslosigkeit 
gelangt ist, ist der Weise, der als solcher auch allein gluck- 
lich ist, und auch in jedem besondern Falle allein das 
Rechte zu treffen weiss ; was uns an derselben hindert, ist 
ein Uebel, was uns darin fördert, ein Gut, alles Uebrige 
eiii Gleichgültiges ; d. h. die Lust als solche ist ein Uebel, 
weil sie das Subjekt in besondern Interessen und Bedurf- 
nissen festhält, die Mühe umgekehrt ein Gut, weil sie diese 
Besonderheit vernichtet ^), Alles endlich, was nicht unmit- 



1) Der Erste, dem sie bestimmt beigelegt werden, ist Stilpo; Ton 
diesem schieinen sie dureh seinen SchUler Mencdemus in die ere- 
triscbe Schule übergegangen zu sein (s^ o. S. 110, 1). Mit Stilpo 
beginnt at^er die Vermischung der megarischcn und cynisohea 
Philosophie. 

2) Die Belege fUr diese und die übrigen hier erwähnten Punltte s. bei 
Bbasdxs a. a^ 0. S. n ff. Wenn Ritteb Gesch. d. PhiL II, 121 



f elitär den einen Q^er andere dieser Erfolge hqt, ist eii| 
^diaphoron, und ancb die eidlichen Yerhähnis^e des Staats^ 
^pd Fan^ilieplf^bep;^ ^iod ein anlohen^ da auch ^ie jeden^. 
der SYP^ ihnen ^n\ ihrer ^e\\t9^x willen, und nicde, \vi^ det 
Weiae, au9 phiUi^pbiseher EiaMoht hinigi^bt, von der Gllekh- 
gQliigl^eit gegen da9 Bfs^pndere al^iiehep. Jh aber ni^r die- 
ses die wfihr^ Tugend, so bedarf es geringer philosophi- 
scher Bildung» mn i^ie ^a gewinnen, >vie diesj» auch schon 
Antisthene^ ^elbst^trot« seiner aophisiiscbenVielschreiherei^ 
find noch niehr ohne Zweifel seine Schüler anerkannt ha* 
ben ^); wochteo daher auch Einzelne vpn den Mitgliedern 
dieser Schule^ wie Aptisihrnas und Kratea ^), höhere Geir 
stesbijdung besitzen, so wajr doch ihre natilrliche Conne« 
gnenz eben nur die l^|t(erphilo9ophie eines Piogen?s, welche 
die rohe Stücke etne^^ h^ ^nr GefiUillosigkeit abgehSrl?teii 
Willens und d?fl bels«ftnden Mutterwitz des Plebejers ebenso 
der Philosophie (man erinnere sich nur der Anekdoten, di^ 
sich um da» Yerbältols^9 des Diogenes und Plato drehen), 
wie der Yi^rweichlipbung c^ne« iiberfeiqerten ^eiialtera ent^ 
gegens?izte, und welche die Cyniker z» den Kapuzinern 
der griecM^icheu W^U pa^jht^. Nicht weiter führte es auoh, 
wenn dio^e^Phule dj? Befr^i^ng- von den Vorurtheilen der 
Yolksreltgion n^it zur UnahhHngigkei.t des Weisen rech^* 

bemerkl, n^a» liömte in der tatgegeo^esetelen Lehre des Antiir 
th^n^ und Afistlpp ii(ber die Lu.^ den. tieferen Gedanbea imdent 
4^ss jener die Bewegung der Seele s^Ibs^, dieser das Ende der- 
selben für das Oute gehalten habe, so giebt er doch diese Ver- 
itiuthung mjt Rscht selbst wieder au^ und wird mit Unrecbl von. 
Hsi|iiA?.N (Syokr. Sor$t, $. ;^) dafür getadelt» denn theila la'st&lt 
sich mit nichts nachweisen, dass Antisth. jenen Gedanken mit 
^ewusstsein ausgesprochen h^^ theils hat Aristipp die Lust ^us- 
•& ^rücklich nicht als Buhe, sondern als Beweguns| definirt^ Dioo. 

U, 85 A Pi<ATO Phileb. 43^ A. SS^ C. 

i) S. o^ S., It4. und Brakdis <>•. a* O* ß* ^^\ 1* ^' 

9) Vgl. seine Verse bei Diog. L. VI, 86: 



Die unTollhommenen Soliratiker. |I9 

nele ^), denn auch diese wurde hier, wie es scheint^ nicbt 
systematisch begründet, und die Anklänge an Xeoophaiiiscb» 
ond Sokratische Sätze, die sich bisi Antistbenes finden ')| 
nicht weiter entwicicelt ^). Je weniger es aber Inemii die 
wirkliche, durch Philosophie und Bildung gewonnene AIU 
gemeinheit des Bewusiseins war, die sich im Cynismqs in 
ihrer Selbstgenügsamkeit behauptete, um so unvermeidlicbec 
war es, dass diese Autarkie des Weisen mit dea berech? 
tigten Ansprüchen der bestehenden sittlichen Mächte ta 
einen das sittliche Gefübl verletzenden Konflikt gerieth ^), 
und dass sich andererseits die Partikularität der sieb auf 
diese Art auf siob selbst zurückziehenden Subjekte theils 



1) Die Belege über Antistbenes und Diogenes bei Bbandis S» SS« 
über Stilpo, der auch bierin mebr Cynilier als Megarilier ist, 
DiOG. If, lt6 f. Anftv. X, 5. A2t, d. 

2) An Xenpphaaes erinnert^ wa» CiBMBss Aabx. Strou^ V» S* 60| 
Stlb. berichtet: ' ApTia&ivrjS . . ovdfvl iot-Aiyai ^tiol (t9v '&t6v) 
SioTTSQ avTov ovSsii ixfiax>6iv *5 tiAOvos dvparai (vollständiger 
bei Tbeodobkt Gp. Äff. Cur. I, fiS angef. TOn WiBCKKLMAnir 
AaiLstb. Fra^m. S. 35X >n die oben S. SS angefUbrte SokraliBcbt 
Aeusserung Cic. IVat. De. I, 13: y/ntisthenes iti eo libro, qui Phf- 
sicus insci^ibitur, populäres Deos muhos naturalem unum esse dicens 
toUit vim et naturam Deörum. 

3) Wenn Rittbb S. 128 (und ähnlich Bbandis S. 83) Temnuthet« 
die Lehre Ton Gott habe sieb wohl dem Antislh. an §eiae Ethik 
durch dea Gedanken angescblossca, dass alles in der Gestaltung 
der Verhältnisse von einem Ternünftigfii Wesen mit Bücksicht 
auf die Bedürfiusse des Weisen geordnet sein müsM, so weiss 
icb nicht oJ> hier nicht ein entwickelterer Zusanuaenbang ange- 
nommen wird, als sich gescbicbtlicb nachweisen lässt. Mir scheint 

' in der Theologie des Antisth. und seiner Schüler die aegatire, 
an Xenopbanes und die Sophistik anschliessende Seite, die Oppo- 
sition gegen die Volksreligion, die Hauptsache. 

4) Wie wiv diess nicht blos bei einem Antistbenes und Diogenes, 
sondern au<!b bei Stilpo nachwei&eq können, wenn die beiden 
Erslercn.CDiOG» VI, 11. 29* 71« 93) ▼erlangen,, dass der Weise 
sieb ym die bestehenden Gesetze nichts bekümmeve imd eines 
Vaterlands entbehren kön^e, und Stilpo (P^uf. de Tr^qu* an. 
e. 6, S. 448. a. Dioo. II, 114.) durch das «Asittliche Leben sei- 
ner Tecbtev sieb weiter nicht afEciirt ßndet« 



120 Bie UBTollkammenen Soltratilier. 

in dem ItochiiHith und der Eiletkeit einer eigensinnigen, alle 
Sitte verh5hnenden Sucht nach Originalität ^), theils anch 
in der Ungebundenheit kundgab, mit welcher die Cyniker den 
Genuas als ein Gleichgültiges am Ende dQch wieder, nur in der 
hftsslichen Weise einer rohen, vom Geist wie von der Leiden* 
Schaft verlassenen Sinnlichkeit freigaben ^). Hatte daher die 
cynische Philosophie mit der acht Sokratischen Ueberzeugung 
von dem unbedingten und ausschliesslichen Werth der Ein*, 
sieht angefangen, so wurde sie doch durch die einseitige 
und unentwickelte Fassung dieses Princips zu Folgerungen 
gefuhrt, die zuerst alle Möglichlceit der Wissenschaft, dann, 
aber auch die von ihr selbst verlangte Allgemeinheit des 
sittlichen Bewustseins aufhoben, und die Willkiihr des In- 
dividuums mit dem Anspruch auf absolut^ Anerkennung auf 
den Thron setzten, womit dasPrincip des Cynismus in das 
entgegengesetzte des Hedonismus umschlug. 

Was nun diesen betriflft, so haben wir uns zunächst 
über seinen Ausgangspunkt und* seine Tendenz im Allge* 
meinen zu verständigen. Die ältere cyrenaische Lehre, wie 
sie durch den altern und jungem Aristlpp, ihren Grundzugen 
nach aber ohne Zweifel schon durch den Erstem ^) ausge* 



1) Man rgl. in dieser BefJebiing, ausser den bekannten Anekdoten 
über Diogenes, was Dioo. L. VI, 92. 97 von Krates und der 
Hipparc'hia erf«ä'hlt 

2) Die Belege s. bei Xenophon Sjmp. 4, 38. Diog. VI, 3 f. 73. 
Dass übrigens auch dieses nur theil weise unsokratisch is>, be- 
weist das früher S. 18 Angeführte. 

S) Dass schon diesem nicht blos das ethische Princip der Cyrenaiscben 
Philosophie, sondern auch (was Ritteb S. 93 und Wibot in 
dem Berichte über seine Abhandlung de philosophia Gyrenaica, 
Gott. Gel. Ans. 1835, S. 787 f. unwahrscheinlich finden) die 
systematische Ausfuhrung und physikalische Begründung dessel- 
ben der Hauptsache nach angehört, wird hauptsachlich durch 
den Platonischen Philebus wahrscheinlich, der S. 4), C. ff. 53, E 
diel -Lustlehre bereits auf die Heraklitisch-Protagorischen Satee 
▼om Fluss aller Dinge gegründet sein lä'sst Da nun diese V^er- 
bindung des Hedonismus ^it der Physik and Erkenatnisslehre 



Die UBToUkamiiienen Sokratiker* ISl 

« 

bildet worden ist, enthält neben der ethischen Theorie, welche 
ihren Hauptinhalt bildet, auch pb^psikalische nad logische 
Sätze. Der ethische Grundsatz des Systems ist bekanntlich 
die Behauptung, dass die Lust der Zweck des Lebens und das 
höchste Gut sei. Diese Lust wurde sodann näher ds^in be* 
stimmt, dass darunter die positive Lust, nicht die blosse 
Schmerzlostgkeit , und die Lust des einzelnen Augenblicks, 
nicht die Glückseligkeit als eii) das ganze Leben umfassender 
Zustand, verstanden werden sollte, woraus weiter die Fol- 
gerung hervorgieng , dass jede Lust als solche gut und die 
Annahme schändlicher Lüste nur durch positive Institution 
nicht ans der Natur entstanden sei, dass mithin kein Art — , 
sondern nur ein Gradunterschied 4) unter den Genüssen statt- 



später ausdrücklicb bei den Cyrenaikern, sonst aber« so ticI wir 
wissen, in keinem der vor platonischen Systeme vorkommt, so 
müssen wir die Platonisciien Stellen doch wobl auf die Cvre- 

* 

naische Philosophie, dann aber auch schon auf ihren Stifter be- 
ziehen. Auffallend ist freilieh, dass Aristoteles (mit Ausnahme 
Ton swei unten zu besprechenden Stellen} Ton diesem ganz 
schweigt, und auch Eth. Nik. X, 2 als Vertreter des Hedonismus 
nicht den Aristipp, sondern den Eudoxus nennt, und man könnte 
sich durch di^se Bemerkung versucht finden, der Angabe Ev- 
sbb's Praep. ev. XIV, 18, 23 oder eigentlich wohl des Peripa- 
telikers Aristobies, Glauben zu schenken, dass der ältere Aristipp 
das Princip der Lustlehre noch nicht bestimmt ausgesprochen 
habe , wenn dem nur nicht alle sonstigea Zeugnisse im Wege 
ständen. 
1} Einen solchen nämlich scheint Aristipp allerdings angenommen 
zu haben, vgl. Wbbdt a. a. O S» 778 ff. 789 f. Dioo. L. II, 90, 
welche Stelle der vorhergehenden Behauptung $. 87 : M Siaq>i^ 
QHv '^Sov^v '^Sov'iji ptj^i 7jS§6v Ti elvai offenbar widerspricht. 
Gleichfalls übertrieben ist die Behauptung des Dtoo. II, 87 und 
Cicero Ac. qu. II, 45, dass Aristipp die körperliche Lust für 
die einzige gehalten habe, denn derselbe soll nach Dioe. ^. 89 
(vgl. Pldt. Qu. Gonv. V, 1, i, 7) auch ausdrücklich gelehrt 
haben : ov ndaas ras xfßvxiiftdi fjdovde ual dXyr^dovaQ iirl oat/*«^ 
Tinotle ^dovals %al dkyfjS6a& yivea^at^ nur das mag daher richtig 
sein, dass er die körperliche Lust als Sie ursprüngliche und 
höchste betrachtete. S. Diog. II, 90. X, 137. Plato PhUeb. 



m Die UBTollkommenen Sokratiker^ 

finile. DaftMlttel mr Erreiobuiig der wahren Last »bor stille 
die Einseht sein, sofern diese (beils Ton allen den leerdn Vor* 
slelhmgen erlost, welche dem Genuss des Lebens im We^« 
stehen, wie Neid, leidenschaftliche Liebe, Aberglauben ^), 
theib und besonders durch Entfernung aller Sehnsucht nach 
dem. entschwundenen, aller Begierde nach dem künftigen^ 
aller Abhängigkeit von dem gegenwärtigen Genuss dieFrei^ 
heil des Selbstbewusstseins von den äusseren Verhältnissen 
hervorbringt, welche in jedem Augenblick die Gegenwart 
rein zu geniessen und sieb schlechthin in ihr befriedigt su 
finden geatattel ^y» Die physikalische Grundlegung für diese 



> I > ^^W^^i^ 



45, A. WxBOT a, a. 0. S. 781* Bittsb S. 104. Wenn derLetz^ 
tere ebd. die Angabe, dass die Cyrenaiker auch Gradunterschiede 
der Lust gelaugnet haben, gegen Wendt in Schutz nimmt,*' so 
muss er doch selbst sogleich wieder durch die Unterscheidung 
reinerer UAd weniger rekier Genüsse solche zugeben« Auch 
P1.AT0 PhiielK 45, A redet übrigens im ^ino de& Hedoniswus von 

i} DiOQ. II, 91 : To*f cofpQV jtir^re *jp&avi^aup ftyrs tgtuß&t^to&at ij 

8) Dioe. |I, 91: !Z>/tf ^foy^ff«»' dya&Qv fih tjvd* kiyQV9n' ^ ov ^ 
^' iavTijfV Si ai^STfjy dkkqi Sid tu iji avr^i nmytvifiBva* Was 
dieas aber sei, das sagen ausser der oben angeföhrtcn Stelle die 
sablreichen Aeusserungen , in deaen Arlstipp för die höchste 
Lebeoftweifibeit die Kunst erklärt, die Gegenwart rein und frei 
SU geniessen,; vgl. Aelun V.H. XIV, ^i ndw Q(f.6S^a i^^wfii- 
vuit tojxsi Xiytiv 6 *u4^iaTt7tnoSr Tra^syyvwvj firjxa tqIs na^fld'ov- 
ßkv iituiUA[4,t(ttv y. fAtiTS Ttiiv iHkavTMV n^xeifiv^iv* iv^v^iai yaQ 
S&HyfM fo TQiiOvTOy md 'P^v» S^avoias aTto^i^iS* n^Qüizarrs Sa 
i(p '^fii^^t^ t^v yvo/fikTjp k'xft^v Mai. av TidUv i^i T^fti^ «V insivü» 
Tt^ /4i^i iuf,&* u 6Haox0S ^ TT^aTTH Ti V iwosl * fjLOvov yoiQ 
etpagntTV t^fttte^op 9tV9tk t na^av^ fi7}T9 de tö tpf^dpov 
/At'jzs to. nQ09i8im(ifit3fov' v6 (itv ydi^ dwpXojlivairi jo-Sa aSrjlov 
iipw fi^TTs^ hra&m (Da3Selbe, nur unvollständiger, bei AraEif« 
XU, SS. S. 5440 Pi'üT. de cup. div. c» 3. C^tawTr^roff tloj&ei * 
kiyeip oTit} ZOP nism rotv^iwf^oiv i'xovra xal Ttkeidimtv o^tyous^ 
von ai xQ^^^ hotlv qv$* d(fyvQ$op ro &s(fa7iivov, . dlk i^ßokiji 
dslTo^i x(ti uLa&tß^f^^h, Vgl. Dens. n. posse suav. vW\ sec.Epic. 
4,^ 5. Di^e. II, 7J; T« a^9T« vntU&tT^ tij &vy€ffQl *^(fixrj 



etbUchen Säue bUdal eine der Prot Agenacben iehf milif 
verwandle Theorie def ^ewegting und Elmjpfindung, die 
Lehre von dein FIties aller Dinge und der daher riihreii^ 
den nelaUvität alles Wissen»« Von der Lätigming eine« 
ruhenden Seins ausgehend ^) erklärten die Cyrenaiker-fSt 
das Einzige, was wir wissen k^^nnen, d(e Bewegungen nn- 
sers Innern Sinns, oder die E)nipfin4ung der Lust und dei* 
Unlust, bestritte« dagegen das K^oht, von der Enipfindnng 
auf ein ruhendes Objekt und eine bestiinmle Beschaffenheit 
desselben zu schliessen ^) , ^ine Lehre , die sich von der 



avvaoHÖÄif alv^v vntQom tw^v rov nkiiovac §ivon. Stob. 
Senn. XVII, 18. K^^ar«? ^dovtjs ov% 6 d7rsx6fts»09 oi?X 6 
XQUt iisvoQ fikv ^ri 7ra^eK(p£Q_6/4'Bvos it, .Hobaz £p. I, 1, 
18: Nimc in Aristippi furtim jwaecepta relabor. Et mihi res, non 
me rebus subjungere eonor» Dera. £p. I, 17^ 33: Omnis 
Arislippum dacuit color et Status et res Tentantsm mnjora , fere 
praesentibus aequunu Dioo. ff, 66 t» ^v dÜ Ua.vv9 dfffio- 
aaa&ai Mal ro?r^ xoa xQovfi^ Moi TigoQojTr^f. nnl .^«<rav ns^araaiv 
d^fioviats vnottQlvag^ai . , . . 4ko ttot» ^Ffdvtuvat of Si HkaTOivay 
n{fQi avTOif iinalv% ^ol fAOvof BiBozai %9,l j^ktufiüß ^pe^str xal 
idti09 (Tgl. Hob. Ep. I, 17, 27 if. Pli^t. de Alex. Virt I, 8) 
Aristipp bei Xen. Mem. 11, 1, 8 ff* "Myoty ov^' i^lo^s y$ xdtto» 
t/jtßvTov eii 7TIV rüiv aQ%eiv ßovXof*4v<uv tq^iv ... ov^i ais tijy 
Sov?.9iav al ifiavrov rdwut^ dlk^ tlvul vii f/^ot Soxsl fA^ffff toviCjv 
6S(j,9% ijv ^si(f(»f4ai ßa^i^Hv, ovzs dt d^jt^9 ovrs d*d dovkbtaSy 
dkXd S^ iXtv&egia^, V^^Q fidhara tt^osi alßaifAovimf dyst. 
Nur die weitere Ausiühruog dieser GrundsäUe lind dif vielen 
Anekdoten aus Aristipps Leben bei Diogenes« Athbnä.0S «. a, O., 
pLUTABCH de tranqu. an. c. 8. de ed, puer. c. 7. Stob. Floril. 
XVII, 18, XWX, n* LVH,13. WXVI, 14. XCIV% 32. , Die 
sonstigen Belege «u der obigen EMirstellung 9, b* AiTTf a und 

1) AhC diese wird wenigsten^ im Platonlseben Fbilebus die Lust- 
lebre «urücltgefubrt $. 4^ 1^; ftrj ^yov/ntvßv %ou' OMfiwros itp 
iitdrs^a (arl^^v nal (p&ioiv'X ,.. Sijloif,* üa^ ovzs i^vii yiyvoiz 

^V (V T(j^ TOtOVTtft TTOri oifT6 TIS kvTttl .. dkld yd(f, OtfU^ly TvSs 

ktytify WS dii Ti TOvT(uv dvaynaiQV ^if^tf ^vf^ßauvuv o\s 01 ootpoC 
faaiv^ dil yd(f ditavxa, dtoj t^ tt^i ndro) ^ti, S. 53* C: d{fa mgl 
r^dortjs ovx dy^r^naafikiVy oJs, dil yiveois iqtiv, ovgia ^6 «M^k iari 
xoTtagditckV i^Bovij^» 
S) Flut. adr. Col. c. 24)3: (qv KvQrjvaCUoiy xd nd&rj xal ras <fav^ 



IS4 I^>o unvollkommenen Sokratilier. 

ProtRgorischen nur dadurch unterscheidet, dass Protagoi'as 
die aia&ij<jig oder dh» sinnliche Wahrnehmang inr einzigen 
Quelle und Norm des Wissens machte, die Cyrenaiker 
dagegen das na^og oder das Gefühl einer irgendwie be- 
schäflfenen Lust oder Unlust ^). Im Uebrigen scheinen sie 
sich nicht weiter auf die Physik einj[elassen zu haben, wie 
diess ausser sp&teren GewUhrsmffnnern >auch schon Aristo- 
teles bezeugt ^). Auch jene allgemeinen Sätze aber soll- 



rciaicC cV avtcüi xt^hrtQ ova tljovTO tijv ano toitotv nlaxtv tlvai 
9iaQ4^ nQ06 Tcis vntQ rviv ngayfiarmv xaraßißaKuaeie . . . . ro 
tfaivitat Tid'ifitvot, ro ^ iorl fAtj ngocanotfaivofisvoi ttsqX tviv 
inxQi, . . . yXvMaiPto&at yd^ liyovoi *al niMgaiweod'at Mal tfotxl^ 
^8o&a$ Mal OMOTOia&ai ro^y na&tfjv rovt(av tMaarov trjv ivi^yeiay 
ointiav iv ctr«}* nal aTti^ianaorov l'xovroQ* «/ Si yXvnv ro fiili 
Mal TTtM^og ^akfioQ u. I. w. vno nokXöiV dpTifia^Tv^e7o&at. 
Weitere Belege bei Brabois S. 94 f. 

1) Gic. Acad. Qu. II, 46: Aliud Judicium Protagorae est , qui putet 
id cuique verum esse, quod cuique videatur: aliud Cyrenaicorum, 
q%d praeter permotiones ituimas ni/til putant esse judicü (c. 7: de 
tactu, et eö quidem, quem philosophi interiorem vocant , aut doloris 
aut voluptatis , in quo Cyrenaici solo putant veri esse Judicium'). 
Abistobles b. Evs. praep. ev. XIV , 19, 1* 'JS^^s It av tUv oi 
XtyovTti fiova rd na&rj MaxaXijnxd, Tovto d* etvrov ^tnoi tojv 
tM tijs KvQTjvrii, . . . Kpitofievoi yag l7.iyov Mal re/ivotnevoi yvut^ 
()/^»iV, ör» TtdaxoUv r*' not t(fov 9k to MaXov ttrj nvQ ij ro r/^- 
vov oldtj^Q ovM ^x^iv HTisiv, Hieeu fügt nun Euseb. selbst %. 5 
bei: "£7T6Tai tovtots oiv, aweitrdaa* Mal rot)c r^v ivavrtap 
fadtiorrat Mal ndvra XQijvat moTSveiv raiS tov oiofiaroi aio~ 
^tjatatv o^ioafAtvovSy dtv itvai MtitQohwQOv tov Xtov Mal Ügoita^ 
yegav tov *j4ß8rjQhrr}v. Offenbar ist aber diese Lehre der c^re- 
naiscben nicht entgegengesetzt, sondern mit ihr identisc;b, denn 
auch Protagoras sagte nicht , dass alle Empfindungen objcfktiv, 
sondern nur,^ dass sie subjektiv, oder für den Empfindenden 
wahr seien 5 rgU unsern 1 Th. S. 257 f* und die eigene Angabe 
des Abistoblbs a. a. O. c 20, 1* 

2) DiOG. II, 92: *jiq,latavto Si Mal rvüv <pvotM(»v dtd tyv ifitpaivO" 
fiivtjv aMataXijifUaVy tdSv 6i loyiHWV Bid XfjV sv%QTjotlav yntovto, 
M^XdaygoQ Si . . * Mal Kleito/iaxoS . . . tpaalv avrovs ax^t^ota 
^ytlad'ai to ta (pvaiMOv fiigos Mal to diaktMtiMov. jlvaad'a* yaQ 
6v Xiystv Mal BeuikdaifAOvlai ixtot tlvai Mal tov negl ^avdtov 
tpoßov fMfevyttp tov ne^l dya^wv Mal MaM(uv Xoyov iMfitfia^riMotui* 






Die unvollkommenen Sokratiken 125 

ten nur dazu dienen, das ethische Princip.za begründen; 
wenn die Empfindung für den einzigen Gegenstand unsers 
Wissens angesehen wurde, mnsste sie consequenter Weise 
auch zum einzigen Zweck des Handelns gemacht werden. 
Im Besöndern unterschieden die Cyrenaiker zwei Arten der 
Bewegung, die sanfte und die rauhe; die sanfte Bewegung 
sollte die Lust und als solche der höchste Zweck sein, die 
rauhe oder stürmische die Unlust, das zwischen beiden in 
der Mitte Liegende dagegen, die Ruhe der Seele, weder 
Lust noch Unlust ^). In dem oben Angeführten ist nun ohne 
Zweifel auch die Hauptsache der Cyrenaischen Logik ent* 
halten^), und wenn sie ausserdem noch in einem beson* 
dern Theile ihres Systems von den Beweismitteln («riVref^) 
handelten ^), so kann doch der Inhalt dieses Abschnittes 
unmöglich bedeutend gewesen sein, wie sich diess theils 
aus dem Umstand, dass sich gar nichts von demselben in 
der Ueberlieferung erhallten hat, theils auch aus 4®r oben 
angeführten Behauptung vieler Aken, dass die Cyrenaiker 
die Logik gar nicht bearbeitet haben, abnehmen läset. 

Sritvs adv. Math. VII, 11: ionovat Si^xard nvas xal ot and 
tiji KvQtjVti^ fAOVov dand^ea&at t6 i^&ihov fUgoi naganifinnv di 
t6 (pvaiHov ftal ro Xoymov ws fitjBev itQOQ x6 evSatfiovatS ß$ovv 
avvsQyovvra» Plvtarch b. EüS. Praep. ev. I, 8» 9: *uäyiari7tJT09 
6 KvQr,vaioi riXos dya^iup tjJv ijdovi^v, xaxdjv Si rijv dXyrjoova^ 
Tyv de cillijv qjvaioloyiav negiygdqiei, fiovov (utpiliftop tlvai H- 
yotv t6 fj^rtti'* "OtW toi iv fisypl^öiat xaxov % dyatf'ov t» t^- 
Tixrai» Abist. Metaph. III, 2. 996, a, 33: cUar« did ravxa twp 
ootpiordl» tipts oiov 'jä^ioTiTtTtoe 7r^oen?jXdxi^ov avrdf [tccc fia^rj^ 
fiartxds iniOTi^fjtas]' iv fjLtv yd^ zatS akkais rixvatij xal taiQ 
ßavavooiSj oiov vexxovixjj xal attvTtxfjt Si6t& ß^kxtov fj XUQOP 
liyso&ai ndvra , rds ie fia&tjßarixds ov'&iva noisTad'a* loyo» 
TTtgi dyad'OiV %al »ax(uv. 

1) DiOG. II, 85 — 87. 89. Euskb. praep. ev. XIV, 18, 24 (wahr- 
. scheinlich nach Aristokles). Sbxtcs adv. Math. Vif, 199. 

2) Eine Bemerkung, durch die sich auch der Widerspruch dw An« 
gaben bei DiOG. II, 92 O.o. S. 124} e) ausgleicht, wie Bbahdis 
S. lOS richtig gesehen hat. * 

3) Sextvs adv. Math. V|I, 11. 



126 Die uiiTolIl(oihmeiieii Sokratikef. 

£s fragt siüh nun, in ivelchetn von diesen Elementen 
wir den Mittelpunkt and tias treibende Interesse des Cy re- 
naischen Systems eu snchen haben. Aristipp, giaabt Her- 
mann ^), habe vori den zwei noch nii^ht systematisch ver* 
mtttelten Elementen der Sokraiischen Lehre, dem logischen 
ond dem religiösen , das erste cdnseqaent festgehalten : 
„hatte Sokrates durch die Trennung der Begriffe von den 
Urtheilen g^^eigt, wie jeb« auch durch die Verändernngen 
dieser unerschüttert ttpd folglich auch von den zufälligen 
und subjektiven Bestimmungen menschlicher Willkuhr an«- 
bertihrt blieben/^ so soll Aristipp dasselbe gelehrt haben, 
„wenn er bemerkte, dass die Menschen nur ruoksi^htlich 
der bestimmten Vorstell angen, die durch die empfangenen 
Eindrucke in ihnen erzeugt werden, nicht rücksichtlich der 
Gegenstände^ von welchen Jene Eindrücke ausgiengen, über* 
einstimmten/^ Mit Hetht ist indessen hiegegen ben:erkt 
worden ^), dass die Cyrenaiker mit der Behauptung 3), Jeder 
kenne nur seine inviduelle fimpfindurig und die gemein«» 
samen Namen bezeichnen J^dem wieder etwas Anderes, die 
AllgemeingiiltigkeiLder Begriffe so gut, wie die der Ur* 
theile aufgehoben haben, und diese ganz6 Unterscheidung 
'^zwischen Urtheilen und Begriffen ihnen fremd sei, wie sie 
denn auch döm Sokrates fremd ist. Das dialektische Cle- 
ment der Cyrenaischen Lehre, nur in seiner bestimmteren 
Verbindung mit dem physikalischen, hebt auch Brandis ^) 
hervor. Wiewohl er nämlich s^ugiebt, dass der subjektive 
Grund dieser Lehre zunächst in der Lustliebe ihres Urhe- 
bers gelegen sei, so will er doch ihren objektiven Aus- 
gangspunkt vorherrschend auf dem theoretischen Gebiete 



1) Plat. f, 265 tt. tgi. über Gittert Damelluhg i, sökrat. %steme 

S. 26 ff. 
3) tliTtfiB Gescb. d. Phil. 1 A. II, 100. 

3) Sextüs adv. Math* VII, 195. 198. Vgl. obcii.S. IM, 1. 

4) Gr.-röm. Phil. II, a, 94. 



Die uavolll&omiii«neii Sokratiliei*. 127 

suchm; in dem Grundsätze, dass das wahre Wissen Be*- 
stimmuDgsgrund des Handelns sein nitisse, mit Sokrates ein« 
verstanden, habe Aristi[ip das Wissen mit Protagoras auf 
unsere innern Affektionen bescliränkt, und dadurch das Re« 
sultat gewonnen, dass nur die Einp6ndung, mithin die Lust, 
der Zweck des Handelns sei. Aber theits bleibt bei dieser 
Darstellung unerklärt, was den Aristipp veranlassen konnte^ 
Von der Sokratischen Lehre über die Wahrheit und Nolh« 
wendigkeit des begrifflichen Wissens auf die Protagorische 
zurückzugehen, theils -^ und diess gilt ebenso auch gegen 
HeiiMANN — ^ verbietet auch die gau]» Gestaltung der cjrre*» 
naischen Philosophie, das ursprüngliche Motiv derselben 
anderawo als in der Ethik zu suchen. Eine Philosophie, 
die nicht blos in ihrer systematischen Ausbildung das Dia« 
lektische und Physikalische' in hohem Grade vernachlässigt 
hat, sondern auch von Hause aus des Sinnes dafür sosehr 
ermangelt, dass ihr die praktische Nützlichkeit der einzige 
Zweck dte Wissens, die Einsicht nicht an und für sich 
von absolutem Werth, sondern nur ein Mittel für den 
praktisched Lebensgenuss ist ^) -»^ eine solche Philosophie 
kann auch ursprünglich nur aus dem praktischen, nicht 
aus dem theoretischen Interesse hervorgegangen sein« Wo 
aber dieses praktische In teroise für Aristipp lag, dürfte 
unschwer zu sagen selA. 

Es sind nämlich offenbar zWei Elemente, welche sich 
in seiner Ethik durchdringen. Das ein« ist der Hedonis« 
mus als solcher, die Behauptung, dass die Lust der höchste 
Zweck sei» Das andere ist die nähere Bestimmung dies^ 
Uedouismus durch- die. Sokratische Forderung der wissen« 
schaftlichen Besonnenheit, der Satz, dass die Einsicht das 
einzige Mittel zur wahren Lust vud nur dem Weisen der 



1) S. o.S. 122, 2 124, 2. Wie ganz anders es sich in dieser Bcaiebuag 
trotz mancher äbniich lautenden Aeusserungen mit Sokrates ver« 
hielt, muss unsere frühere Entwicklung gezeigt haben. 



128 I^>^ anyollkommenen Sokratiker. 

ungetrübte Genass des AogeDblicks möglich sei. Jenes filr 
sicli fesigebalten hätte zu einer Lehre geführt, bei der 
roher Sinnengennss ats einziges Lebensziel übrig geblieben 
wäre,- dieses fu|r sich zu der strengeren Sokratischen Mo«> 
ral; indem Aristipp beides verband, so entstand ihm jene 
eigenthümliche Lebensansichl, die i^ich in allen seinen Aeus* 
serungen ausprägt und zu der auch sein persönlicher Cha* 
rakter nur der« praktische Commentar ist, die Ansicht, 
welche die höchste Aufgabe und Lebenskunst darin findet, 
4Bich mit voller Freiheit des Bewußtseins dem Genüsse der 
Gegenwart hinzugeben« Das Princip der Cyrenaischen 
Ethik ist also mit Einem Wort die absolute Befriedigung 
des gebildeten Subjekts in seinem unmittelbaren Dasein, 
die philosophische Freiheit des Geistes als praktische Be« 
freiung der Individualität,^ das Wissen, welches nach Sokra* 
tes der höchste Zweck sein sollte, einseitig als Reflexion 
des individuellen Selbstbewusstseins in sich, als individuelle 
und darum auch nur dem individuellen Zwecke des unmit- 
telbaren Genusses dienende Bildung aufgefasst» Nur eine 
Hülfsvorstellung im Dienste dieses praktischen Princips ist 
die dürftige physikalische und dialektische Theorie der Cy« 
renaiker, deren ganzer Inhalt darin aufgeht, die uqmittel* 
bare Empfindung, welche für das alleinige Ziel des Han* 
delns galt, auch als die alleinige Wahrheit des Erkennens 
zu behaupten, deren untergeordnete Bedeutung sich aber 
auch schon darin ausspricht, dass Aristipp und seine Schüler 
ohne eigene Produktivität hier nur Sätze Früherer mit einer 
einzigen durch ihr praktisches Interesse gebotenen Modifi* 
kation wiederholt haben. 

Inwiefern kann nun eine Schule, die diese Lebens«* 
ansieht vertrat, als ein ächter Ableger der Sokratischen Philo« 
Sophie betrachtet werden? Dass Aristipp so gut wie seine 
Mitschüler ein ISokratiker sein wollte, beweist schon sein 
fortgesetzter Umgang mit Sokrate^i und WAr auch seine Hin« 



Die ttnTollkommeneii Sokratiken 12V 

gebnng nn diesen weder so unbedingt, dass er seine eigen« 
thumliche Lebensrichtung darüber aufgegeben, noch so stark, 
dass sie duch in der letzten Probe aüsgefaalten hätte ^), 
so erscheint er doch auch nach dem Tode seines Lehrers 
fortwährend als dessen Verehrer: nach Diogenes (II, 76) 
wirnschte er zu sterben, wie Sokrates, und nach Aristo- 
teles ^) verwies er den Plato auf das Vorbild Sokratisoher 
Bescheidenheit. Auch seine Philosophie jedoch ist nicht so 
durchaus unsokratisch , wie man wohl geglaubt hat, denn 
in ihrem physikalisch - dialektischen Theile zwar ist nur 
Protagorisches zu finden, das ethische Princip dagegen, wel- 
ches ihren eigentlichen Kern bildet, hat allerdings seinen 
Anknüpfungspunkt in der Sokratischen Philosophie. Denn 
wenn doch auch Sokrates se'ine Ethik, sofern sie nicht bei 
blossen Postnlaten stehen blieb, immer nur eudämonistisch 
zu begründen wusste, so ist es nur in consequenter Ver« 
folgung dieser Seite, dass Aristipp die Lust überhaupt zum 
höchsten Gut macht, und wenn Sokrates andererseits die 
Einsicht als das einzige Mittel zur wahren Glückseligkeit 
darstellte, so fehlt auch dieser Zug bei Aristipp nicht, nur 
dass er die Einsicht, seinem allgemeinen Princip gemäss, 
näher als Lebensklugheit und Kunst des Genusses bestimmt. 
Allerdings aber, Wfis bei Sokrates nur Moment war, hat 
Aristipp zum Princip erhoben, während jener die objek- 
tiv gültigen Begriffe als Norm des Wissens und Handelns 
anerkannt, und nur die Begründung dieses Princips für die 
Reflexion eudämonistisch gehalten hatte, so ist bei diesehi 
das Princip selbst eudämonistisch, und das Wissen, unter 
ausdrücklicher Verzichtleistung auf seine objektive Gültig- 
I^ett, nur ein Mittel im Dienste dieses Eudämonismus. Gebt 



1) Xiv. Mem. II, 1. 111, 8. PtATO Phädo 59, G. 

2) Rhet. II, 23. 1398, b, 29: ' ji^flatirnoi tt^gq nXaroiva iitnyyth» 

DU rhUoiophie dtr Griecheii. 11. Tbtil. 9 



1 



130 Dl« unvollkommenen Sokratiker. 

daher der tiefere Gehalt der Sokrätischen Philosophie hier 
auch nicht gänzlich verloren, sofern er wenigstens in der 
Forderung selbstbewusster Besonnenheit sich erhält, so «it 
er doch dem, was bei Sokrates ein blosses, seinem eigent- 
lichen Princip widersprechendes Aussenwerk gewesen war, 
vmtergeordnet, und können wir Aristipp auch nicht schlecht- 
hin einen Pseudosokratiker nennen ^), so müssen wir ihi| 
doch nicht bios überhaupt als einen einseitigen Sokratiker, 
sondern noch bestimmter als denjenigen unter den einsei- 
tigen Sokratikern bezeichnen, der am Wenigsten in den 
Mittelpunkt der Sokrätischen Philosophie eingedrungen, und 
Statt dessen bei einem aus der Mangelhaftigkeit ihrer ersten 
Erscheinung hervorgegangenen Nebenpunkte stehen geblie* 
ben ist. 

Ebendamit war aber iit der Cyrenaischen Philosophie 
derselbe Widerspruch ihrer Elemente gesetzt, wie in den 
übngen einseitigen Sokrätischen Systemen, der Widerspruch 
des Princips und der Form, in der es festgehalten wurde, 
und dieser Widerspruch kam auch im Verlaufe ihrer, ge-. 
schichtiichen Entwicklung in Consequeuzen zum Vorschein, 
welche das Princip aufhoben. Nur war der Gang hier der 
umgekehrte, ah dort. Die Megariker und Cyniker hatten 
das Allgemeine des theoretischen und praktischen Bewusst- 
«eins zum Princip, indem sie aber dieses ohne positive Entr 
Wicklung in der Form der abstrakten Allgemeinheit fest«» 
hielten, so hatten sie es vielmehr zum Partikulären gemacht, 
die Allgemeinheit ihres Princips ist daher im Verfolge in 
die Besonderheit eiaer blos subjektiven, sophistischen Dia- 
lektik und einer die individuelle Willkühr und Laune an 
die Stelle der objektiven Sitte setzenden Lebensweise um- 
geschlagen. Die Cyrenaiker umgekehrt hatten das rein In- 
dividuelle der Lustempfindung zum Princip, indem sie aber 



1) Wie ScHLEiEBMACHis thuty Gescb. d. Pbü. S* 87. 



/ 

( 



1 



DU unvollkommenen Sohratiher. 131 

alu Bedingung der wahren Lust pliilosophlsche Bildung, Er* 
hebung des Bewusstseins zur Allgemeinheit verlangten, so 
konnten sie das vorausgesetzte partikuläre Princip nicht 
festhalten, sondern sahen sich zu Bestimmungen genöthigt, 
durch die dasselbe auf die eine oder andere Weise aufgeho- 
ben wurde, wie diess bei den späteren, sämnitlich um das 
Ende des vierten und den Anfang des dritten vorchristlichen 
Jahrhunderts lebenden Cyrenaikefn, Theodor, Hegesias und 
Anniceris ^) in bemerkenswerthen Modifikationen der Ari* 
stippischen Lehre hervortritt. Aristipp hatte für das höchste 
Gut die Lust und zwar die Einzelne Lust als solche, für 
das einzige Mittel zur Erreichung dieses Guts aber die Ein- 
siebt und Bildung erklärt. Aber die Einsicht ist eben das 
iii sich allgemeine, denkende Bewusstsein, das sich als 
solches in dem Einzelnen der Empfindung nicht befriedigen 
kann. Soll daher nur durch die Einsicht wahre Lust zu 
gewinnen sein, so kann diese nicht in der sinnlichen Em« 
pfinduUg^ sondern nur in der mit der Einsicht als solcher 
verbundenen Befriedigung, in der durch die Erhebung des 
Bewusstseins zur Allgemeinheit hervorgebrachten Heiterkeit 
des Gemüths gesucht werden. ^ Diese Heiterkeit aber ist 
nicht, möglich, so lange Lust und Unlust noch ein Interesse 
für das Subjekt habäfi, da in dem beständigen Wechsel 
dieser Zustände keine Sicherheit des Bewusstseins zu finden 
ist; nicht die Lust daher, sondern nur die Zurückziehung 
des Interesses aus der sinnlichen Empfindung, die innere 
Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit gegen alles Aeussere 
kann der letzte Zweck sein. Bei diesem blos Negativen 
jedoch kann das Denken nicht stehen bleiben, ebensowenig 
aber, nach dieser Erfahrung, die positive Lebenserfüllnng 
in die Lust als solche selzeit, und so sieht sich die Cyre«- 



1) Die Angaben der Alten über diese Männer findet man am Voll« 
fttändigsten bei Beahdis a. a. O. S. 105 ff. 

9* 



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I 

I 



132 DiQ unTollkommenen Sokratifcer. 

" naische Philosophie selbst am Ende genöthigt, mit Verzicht* 
leistung auf ihr ursprüngliches Princip, die allgemeinen sitt* 
liehen 2 wecke als das Höhere gegen den individuellen Zweck 
der Lust anzuerkennen. Die erste dieser Polgerungen hat 
Theodor gezogen, wenn er zwar alle sittlichen Normen 
als solche ebensogut, wie den religiösen Glauben an die 
sittlichen Mächte , die Götter, verwarf, dagegen auch Lust 
und Unlust (^dovij und nopog) für an sich gleichgültig, und 
nur die mit ^der Einsicht verbundene Heiterkeit (xctQo) für 
das Lebensziel erklärte; die zweite Hegesias, welchem 
das vorausgesetzte Princip der Lust durch die Reflexion 
auf die Unmöglichkeit eines wirklich angenehmen Lebens 
in die . Verzweiflung an der Erreichung dieses Ziels (sein 
Beiname Ueujid^dvarog) umschlägt, aus der er sich nur durch 
die Annahme zu retten weiss, dass die wahre Weisheit in 
der vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle äusseren Zu- 
stände und gegen das Leben selbst bestehe; die dritte 
Anniceris mit der Behauptung, dass der Weise der Er«^ 
füllung seiner Pflicht gegen Vaterland, Freunde u. s. f. die 
Lust zum Opfer bringen müsse, und auch mit weniger Lust 
in derselben glücklich sein könne. Das Allgemeine desBe* 
wusstseins, welches Aristipp der Empfindung dienstbar ge- 
macht hatte, macht sich so zuerst als das Höhere gegen 
diese, dann als das Negative der Empfindung und endlich 
als den schlechthin höchsten positiven Lebenszweck geltend, 
von den drei Grundbestinimungen der Cyrenaischeu Ethik, 
dass nicht der geistige Gesammtzustand (die ^dop^ nara^ 
aTiifia'ciHij)^ sondern das Einzelne der Empfindung der höchste 
Zweck sei, dass diese Empfindung nicht Sohmerzlosigkeit, 
sondern positive Lust sein müsse, und dass die Lust, nicht 
das tugendhafte Handeln das höchste Gut sei, löst sich eine 
um die andere auf. Weil aber dieser Process hier nicht 
.mit wissenschaftlichem Bewusstsein vollzogen wird, sondern 
nur unwillkührliche Consequenz ist, sa kommt es auch da* 



/ 

/ 



, Die unvollkommenen Soltratiker^ JSS 

durch zu keinem neuen Princip, nnd dieselben Männer, in' 
denen rieh diese Consequenz herausstellt, setzen im Üeb- 
rigen immer wieder die Aristippische Lehre Jn widerspruchs- 
voller Weise voraus. 

Ueberblicken wir nach diesen Erörterungen die Be- 
deutung der unmitt^ilbaren Sokratiker für die Fortbildung 

• der Philosophie, so kann dies^elbe nicht sehr hoch ange- 
schlagen werden: die verschiedenen Seiten und Momente 
der Sokratischen Philosophie werden hier isolirt zum Prin- 
cip erhoben, von den Einen das Wissen des Guten als des 
Einen sich gleichbleibenden Seins, von den Andern die 
praktische Verwirklichung des Guten oder die Tugend in 
derTorm dier Zurückziehung aus aller Besonderheit der In- 
teressen und Thätigkeiten in die abstrakte Allgemeinheit 
des bedürfnisslosen Willens und Lebens, von einem Dritten 
die individuelle Befriedigung mittelst der durch die Einsicht 
erworbenen Freiheit des Geistes, der gebildete Lebensgenuss; 
jedes dieser Momente kann sich ferner in dieser Isolirung 
mit voller Energie, als das Beherrschende des ganzen Geistes- 
lebens geltend machen ; zugleich aber geht in der abstrak- 
ten Trennung des innerlich Zusammengehörigen diejspeku- 
lative Bedeutung und die Entwicklungsfähigkeit des Sokra- 
tischen Princips unter, und statt einer positiven Erweiterung 
des philosophischen Standpunkts bringen es alle diese Sy- 
steme nur dazu , die Nothwendigkeit einer tieferen und 
allseitigeren Fortbildung des Sokratischen Philosophirens 
theils durch das Stehenbleiben bei abstrakten Principien 
und das Umschlagen in Consequenzen, die diesen Principien 

' widersprechen, indirekt zu beweisen, theils durch einseitige 
Herausarbeituii^ seiner einzelnen Momente mittelbar vorzu- 
bereiten. Der aber, welcher sie wirklich zu Stande ger 
bracht, und eine neue Epoche in der Geschichte unserer 
Wissenschaft herbeigeführt hat, ist Plato. 



134 Allg. Bemarlcuiigen üb. Cbarakter n« BeA^utung 

Zweiter Absclinltt. 

Plato und die titere Akad^e. 



§. 18. 

Allgemeine Bemerkungen über Charaliter und Bedeutung 

der Flatoniscben Philosophie» 

Sokrates hatte es atisgesprochen, dass nur das durch 
den Begriff bestimmte Wissen und Handeln Wtiihrheit habe, 
aber er hatte das begriffliche Wissen noch nicht wirklich 
hervorzubringen, sondern es nur im Allgemeinen zu fordern 
und durch dialektische Auflösung des falschen Wissens in- 
direkt vorzubereiten gewusst, wo dagegen die positive Ent- 
wicklung des Begriffs hätte eintreten sollen, hielt er sich 
statt dessen aA eine populäre, empirische Reflexion. Noch 
weniger konnten die unvollkommenen Sokratischen Schulen 
jenes von ihrem Meister geforderte Wissen hervorbringen« 
Nur Plato hat die Sokratische Forderung in ihrer ganzen 
Tiefe begriffen^ und sofort an ihre Verwirklichung Hand 
angelegt. 

Die Erkenntniss des Wesens und Begriffs der Dinge, 
hatte Sokrates gesagt, ist die Bedingung alles wahren Wissens 
nnd richtigen Handelns. Also, sohliesst Plato weiter, ist 
überhaupt nur das begriffliche Denken ein wirkliches Wissen, 
alle anderen Weisen dea Erkennens dagegen, die sinnliche 
Anschauung und die Vorstellung, gewähren keine wissen- 
schaftliche Sicherheit der Ueberzeugung, sondern nur ein 
trübes und unzuverlässiges. Abbild der wahren Erkenntniss« 
Ist aber nur das Wissen des Begriffs ein wirkliches Wissen, 
'•^ diese uns vielleicht ferner liegende Folgerung ergah sich 
für die objektivere Auffassnngsweise des Griechen zunächst ^) 

1) Vgl hierüber unsem 1. Th» S. 20. 



\ 



H. 



der PlatoniscHen Phil<>8ophie. ISS' 

-^ go kann dies« seinen Grund allein darin haben, das« 
auch nur dieses ein Wissen des Wirklieben, d. h. 
dass der Gegenstand desselben, der Begriff, das allein 
wahrhaft Seiende, alles Andere dagegen nur in dem Maasse . 
wirklich ist, in dem es am Begriff Theil hat .^). Der Tde* 
alismus des Begriffs, welcher in Sokrates erst als subjektive 
Forderung und Fertigkeit, als dialektiseher Trieb und dia 
lektische Kunst vorhanden war, wird hier zum Princip der 
objektiven Weltanschauung erhoben, die Idee nicht mehr 
blos als Ziel des wahren Wissens und Princip des wahren 
Handelns, sondern ^ auch als das objektive, substantielle 
Wesen der Dinge behauptet. Andererseits ist noch, der 
Mangel vorhanden, dass das Denken nun eben bei dieser 
objektiven Anschauung der Idee stehen bleibt, statt dieselbe 
in ihrer konkreten Verwirklichung zu erkennen, dass daher 
die Begriffe, welche für das allein Wirkliche anerkannt 
und, nicht als das im Einzelnen der Erscheinung sich reali- 
sirenda Allgemeine , sondern als für sich seiende Wesen- 
heiten , als Substanzen öder Objekte angeschaut werden^ 
aus denen sich dann die Erscbeinungswelt unmöglich ab« 
leiten, und neben denen sich dieselbe, sofern sie von ihnen, 
unterschieden ist» nur als das Wesenlose, das fiii opy be- 
trachten lässt Wie daher die objektive Fassang des Be- 
griffs, in dem Sokrates den alleinigen Gegenstand des Wis- 
sens erkannt hatte, die Platonische Philosophie von der 
Sokratischen unterscheidet, so bildet umgekehrt das Stehen« 
bleuten bei dieser objektiven Anschauung den Grundunter- 
schied des JPlatonischen Systems vom Aristotelischen. Plato 
erscheint so als 'das naturgemässe, in gleidier Entfernung 



1) Das« '^esea wirklich der ^sammenbaBg d^s t^latoniachcn Sy- 
stems, und die Sokratiscbe Idea des Wissens sein eigentlicher 
Ausgangspunkt ist, wird unsere spatere Entwicklung, namentlich 
. §. 30, seigen. 



1S6 Allg. Bemerkungen üb. Charakter u« Bedeutung 

von seinem Vorgänger und seinem Nachfolger abstehende 
Mittelglied xwiscben Sokrates und Aristoteles. 

Durch dieses seine geschichtliche Stellung beherr* 
sehende Verhältniss ist auch das weitere xu seinen Vorgäogera 
und Nachfolgern bestimmt. Plato ist, wie bekannt, der 
erste von den griechischen Philosophen, der seine Vor* 
gftnger nicht blos überhaupt allseitig gekannt und* benfitit, 
sondern auch alle ihre einseitigen Principien mit.Bewusst* 
sein durch einander ergänzt und xur Totalität xusammen« 
gefasst hat. Was Sokrates ober den Begriff des Wissens, 
die Eleaten und Heraklit, die Megariker und Cyniker fiber 
den Unterschied der «Vkttj/juj; und do^aj Heraklit, Zeno und 
die Sophisten über die Subjektivität der sinnlichen Anschauung 
gelehrt hatten, hat er xur entwickelten Erkenntnisstheorie 
ausgebildet; das eleatiscbe Princip des Einen Seins und das 
Heraklitische des Werdens und der Vielheit' hat er in der 
Ideenlehre (wie diess namentlich der Sophist ausdrücklich 
sagt), ebenso yerknüpft, als widerlegt, zugleich aber beide 
durch den Anaxagorischen Begriff des vovgj den Sokratisch« 
Megarischen des Wesens und des Guten, und die idealU 
sirten pythagoreischen Zahlen ergänzt ; die letzteren eigent- 
lich gefasst erscheineti in der Lehre von der Weltseele 
und den mathematischen Gesetzen als die Vermittler zwischen 
der Idee und der Sinnenwelt; das Eine, Element derselben, 
der Begriff ^des Unbegrenzten , für sich festgehalten , und 
mit der Heraklitischen Ansicht von der Erscheinungswelt 
combinirt, giebt die Platonische Definition der Materie; 
der kosniologische Theil desselben Systems wiederholt sich 
in den Platonischen Vorstellungen vom Weltgebäude, wäh- 
rend in der Lehre von den Elementen und der speciellen 
Phy8ik auch Empedokles und Anaxagoras, in entfernteren 
Anklängen auch die Atomistik und die ältere jonische Na- 
, turphilosophie eine Stelle finden; die Lehre des Anaxagoras 
von der immateriellen Natur des Geistes und der pytha- 



' der Platonift^hen Philosophie. }S7 

goreitcbe Glaube an die Seeleowanderang greifen in die 
Psychologie ein; in der Ethik ISsst sich die Sokratische 
Grundlage und in der Politik die Sympathie mit der pytha* 
goreischen Aristokratie nicht verkennen« Und doch ist 
Plato weder der neidische Nachahmer, als den ihn die Ver. 
läumdnng v^sehrieen hat, noch der unselbständige Eklek* 
tiker, der es nur der Gunst der Umstände zu danken ge* 
habt hätte, dass sich die in den früheren Systemen ler« 
strenten Elemente in dem seinigen zu einem harmonischen 
Ganzen zusammenfanden; dieses selbst vicflmebr, dass er 
die vorher vereinzelten Strahlen des Geistes in Einen Brenn- 
punkt zu sammeln weiss, ist das Werk seiner Originalität 
und die Folge seines Princips. Indem hier nicht mehr das 
Objekt als solches. Sondern der Begriff als der eigentliche 
Gegenstand der Philosophie erkannt ist, so fuhren sich 
alle die Bestimmungen, welche sich der unmittelbar aufs 
Objekt gericiheten Betrachtung nur in ihrem Aussereinan* 
der und darum vereinzelt darbieten, auf ihren inneren Grund 
zuriick, und statt eine derselben einseitig zum Princip zu 
erheben, werden sie alle in der Totalität eines höheren 
Princips zusammengefasst. Vorher war diess nicht mög* 
lieh; dem realistischen Dogmatismus der früheren Philo* 
Sophie mussten alle jene Bestimmungen als feste und 
wegen dieser Festigkeit sich ausschliessende Realitäten 
erscheinen, nur der B'egriff' hat seine Momente in dieser 
Flüssigkeit, dass in ihm die reine , in sich geschlossene 
Einheit zugleich als Zusammenfassung einer Vielheit von 
Bestimmungen, die Bewegung zugleich als Ruhe, überhaupt 
das Entgegengesetzte als innerlich Eines erkannt wird. Nur 
eine in der Natur der Sache liegende Folge war es daher, 
dass die Platonische Philosophie die Principien und theil weise 
auch die Resultate der Früheren in sich vereinigte. Aus 
diesem Gruilde blieb sie aber auch fiir die Folge eine nn- 
versiegte Quelle acht philosophischen Geistes. Denn hat auch 



1S8 «Allg. Benterkungdn üb. Charakter u, Bedeutung 

■ebon der unmittelbare ScliSler Plato's daa System seines 
Lehrers in böclist wesentlichen Punkten umgebildet, konn« 
ten auch nicht einmal die strengeren Akademiker wirklich 
ganz rein an ihm festhalten , war es auch augenEftllige 
Selbsttäuschung, wenn irgend eine spätere Philosophie uch 
für eine unveränderte Wiederholung der Platonischen halten 
konnte, so ist doch in dieser der Idealismus des Gedankens^ 
dieses innerste Princip aller ächten Spekulation, in solcher 
Energie und Frische der ersten, jugendlichen Begeisterung 
hervorgetreten, dass Plato die Ehre geworden ist, fSr alle 
Zeiten denen, wejche dieses Princip in sich entwickelt ha» 
ben, die philosophische Weihe zu ertheilen. 

Eine Folge von dem Princip der Platonischen Philoso* 
phie ist ihre Methode. Auch diese erklärt sich theik 
aus dem allgemeinen Charakter unserer Periode, theils im 
Besondern aus der Stellung, die Plato in ihr zwischen So- 
krates und Aristoteles einnimmt. Einer Philosophie, wel* 
eher der Begriff für, das Höchste und für die Wahrheit 
alles Seins gilt, muss auch die Begriffsentwieklung fSr die 
ihr allein angemessene Form gelten. Mit dem Sokratischeo 
Princip der Erkenntniss aus Begriffen war daher dieElrfin- 
düng der dialektischen Methode gegeben, welche wir im 
Unterschied von der blos polemischen dialektischen Reflexion 
des Zeno und der Sophisten die positive Dialektik nennen 
mögen, sofern es ihr nicht blos, wie jener, um die Wider« 
legung fremder Vorstellungen, sondern um die Auffindung 
der objektiv gültigen Begriffe zu thun ist. Bei Sokrates 
nun erscheint diese Methode, wegen der unentwickelten Ge« 
stalt seines Princrps, erst in der Richtung auf die Erzeugung 
des begrifflichen Denkens überhaupt, als eine Induktion,, 
welche zugleich Erziehung des Subjekts Tdr die Philosophie 
ist: bei Aristoteles erscheint als die eigentliche Aufgabe 
der Wissenschaft die aLnoiu%tq^ d. h. die Ableitung d«ib Ein«« 
zelaen am den Prinoipien, nnd soll auch dieser die loduk** 



der PU'loiiitebeii Phllotopbif. ' Jlft 

Hon Torangeben, so hat doch die letzttro ihre pidei^gcho 
Bedeatiing verloren, und ist za einem rein tlieoretiscbea 
Process geworden;, das Eigenthamliche der Platonisohen 
Methode besteht^ eben in d^m Aneinanderhaften dieser bei- 
den Seiten, darin, dass die epagogische (pädeutiscbe) Er- 
hebung des Sttbjekts znr Idee und die objektive Entwiok« 
lang der Idee hier nicht in zwei getrennte ThStigkeiten 
aoseinanderfallen ^) — denn lässt sich auch in der Reihe 
der Platonischen Gespräche, wie diess Schleiermachers ge- 
nialer Blick im Wesentlichen ohne Zweife) richtig erkannt 
bat, ein wechselndes Verhältniss jener beiden Elemente, 
ein Fortschritt vom Uebergewicfat des epagogiscben durob 
seine gleichmässige Verschlingung mit dem oonstructiven 
zum endlichen Uebergewicht des letztern, und ein ent- 
sprechendes Uebergehen der dialogischen Form in die akroa- 
matisehe nicht verkennen, so werden doch beide nie wirk- 
lich frei von einander, sondern wie schon die elementarischen 
^Gespräche in allem, was über Sokrates hinausführt, die 
Keime der constructiven Entwicklung enthalten, so hört 
umgekehrt, die Induktion auch in den darstellenden nicht 
ganz auf, und in dem einzigen, wo diess der Fall ist, im 
Timäus . kann schon die mythische Einkleidung zeigen, 
wie wenig die reine Construction dem Wesen des Plato- 
nisohen Pfailosophirens gemäss ist. Den Grund dieser Er- 
scheinung haben wir in Plato's ganzem Standpunkt zu 
suchen. Indem die Sokratische Forderung des begrifflichen 
Wissens bei ihm zur objektiven Anschauung der Idee wird, 
so war unmittelbar ein Hinausgehen über das blos epago- 
gische Verfahren zum constructiven gegeben ; indem er aber 
bei dieser Anschauung stehen bleibt, und weder den Inhalt 
der Idee an sich selbst logisch zu entwickeln, noch die 
Erscheinnngswelt itystematisch aus ihr abzuleiten weiss, ad 



1) Vgl. auch mein? Piaton. Stud. S, 23 f. 



140 Allg. Bemerkungen üb. Charakter u. Bedeutung 

ist ihm auch die reine Constrnction unmSglicb, er mns« 
immer wieder zur vorausgesetzten Anschauung, theils der 
Idee , theils der endlichen Welt, und ebendamit zu der 
Induktion, welche vom Endlichen zur Idee Qberfiihrt, seine 
Zuflucht nehiiien. Er kann nicht bei der Sokratischen In« 
dnktion stehen bleiben, weil diese statt eines letzten und 
schlechthin allgemeinen Princips immer nur zu vereinzelten 
Reflexionsbegriffen hinführt, er kann nicht rein constructiv 
von der Idee zum Einzelnen herabsteigen, weil es ihm viel 
zu wenig um dieses in seiner Bestimmtheit, und zu aus- 
schliesslich um das Durchleuchten der Idee durch dasselbe 
zu thun ist, um nicht immer wieder zu dieser den Blick 
zurückzuwenden; Induktion und Construction verschlingt 
sich ihm in dem alle seine Darstellungen beseelenden In« 
teresse, vom Endlichen zur Idee als seinem Grunde hinzu- 
führen, und im Endlichen den Widerschein der Idee auf* 
zuzeigen« 

Nur die Süssere Erscheinung dieser ihrer logischen 
Form ist die Kunstform^ in welcher die Platonische Phi- 
losophie in den Schriften ihres Urhebers dargestellt wor- 
den ist. Auch hier steht Plato zwischen Sokrates und Ari- 
stoteles in der .Mitte. Die Sokratische Form der ohiloso- 
phischen Mittheilung war das persönliche Gespräch gewesen, 
welches zwar durch das dialektische Interesse ^veranlasst 
und beherrscht wird, aber doch im Einzelnen seiner Aus- 
führung ganz an ' die Zufälligkeit der redenden Personen 
und der besonderen Anlässe gebunden ist. Aristoteles um- 
gekehrt macht sich durch seine akroamatische Darstellung 
von dieser Gebundenheit ganz frei ^). Plato wählt für die 
Darstellung seines Systems den künstlerischen Dia- 
log, in welchem' zwar einerseits die allgemeine Form des 
Gesprächs, die Gegenseitigkeit der Gedaifkenerzengung, be-^ 



1) Nor exoterische Schriften bat Arist. dialogisch geschrieben. 



m 

der Platonischen Philosophie. 141 

wahrt) andererseits die im personliclieti Zwiegespräch du* 
vermeidliche Zufälligkeit derselben durch die Unterordnung 
des Ganzen unter den wissenschaftlichen Zweck ausge- 
schlossen ist; und er zeigt sich bierin als den Vermittler 
zwischen seinem Vorgänger und Nachfolger auch dadurch, 
dass in seinen Dialogen selbst, wie ich oben bemerkt habe, 
ein unverkennbarer Fortschritt von der katechetischen zur 
akroamatischen Lehrweise stattfindet : während in dea frühe- 
sten,, wie vor Allem im Protagoras, noch theilweise auf 
Kosten der wissenschaftlichen Durchsichtigkeit die grösste 
Freiheit der dialogischen Bewegung herrscht, so wird diese 
in den dialektischen (Sespxäjchen der mittleren Reihe mehr 
und mehr «unter das Gesetz der logischen Entwicklung ge-, 
bunden, in den späteren, wie der Philebus und die Republik, 
sinkt sie fast zur bedeutungslosen äusseren Form herab, 
und im Timäus wird sie geradezu in die Einleitung ver- 
wiesen ^). Auch diese Erscheinung aber kann nicht für 
sitfällig, und die dialogische Form der Platonischen Werke 
überhaupt nicht ^) «für eine blos äusserliche Zierrath ge- 
halten werden, die der Verfasser derselben seiner wissen- 
schaftlichen Eigenthümlicbkeit unbeschadet ebensogut auch 
hätte weglassen können. ^Schon an und für sich ist ein 
so äusserliches Verhältniss des Schriftstellers zu einer Form, 
an der er ein langes Leben hindurch festhält, kaum denk- 
bar, um so weniger^ je entschiedener wir in den Darstel- 
lungen desselben die Ursprünglichkeit künstlerischer Ge- 
nialität bewundern, und mit je grosserer Wahrscheinlichkeit 
wir voraussetzen müssen, dass der wissensehaftlicbe Dialog 



1) Auch von den mundlichen Vortrügen des Plato gehören wohl 
die ganz odervorsugsweise akroamatischen hauptsächlich seiner 
späteren Zeit an , r/ie i/vir diess von den Vorträgen über's Gute 
und über die Ideen wissen^ s. Baandis de perd. Arist* libr. 

2} Mit RiTTiR Gesch. d. Phil. H, 176 f., besondert aber Hssviivar 
Plat. I, 55a. 354. 



142 Allg. Bemerkungen IIb. Charakter u. Bedeutung 

zuerst von Plato diese' Ausbildung erhalten habe ^); noch 
unglaublicher aber ist es, dass eine Kunstform, deren Ent- 
iiicklung auch im Einzelnen mit der der wissenschaftlichen 
Methode gleichen Schritt hält, mit dieser in keinem we- 
sentlichen Zusammenhang stehen sollte. Welches aber 
dieser Zusammenhang sei, ^iess deutet tins Plato selbst 
an ^), wenn er im Phädrus (S. 275, D flf.) aller ffeschrie* 
benen Bede., im Gegensatz gegen die mündliche , vorwirft, 
dass sie unfähig, sich selbst zu verthetdigen, allen Angriffen 
tind MissverMändnissen preisgegeben sei; denn gilt ftuch 
dieser Vorwurf der schriftstellerischen Darstellung im All* 
gemeinen,' mochte sich daher Plato immerhin bewnsst sein, 
dass auch seine Dialogen demselben nicht schlechthin 
entgehen können, so setzt doch andererseits die lieber- 
Zeugung von den Vorzögen der mfindlichen Belehrung die 
Absicht voraus, auch der schriftlichen, diesem „Abbild der 
lebendigen und beseelten Bede^^ (Pbädr. 276, A) die Vor- 
theile der letzteren so viel, wie möglich, anzueignen, und 
wenn nun diese nach Plato's Ansicht auf der Kunst der 
wissenschaftlichen Gespräcfafiihrung beruhen ^) , so werden 



1) Zwar werden ausser mehreren Sokratiscben Mitkchülem Plato's 
auch schon Zeno und Aleiamenus yon Teos als Verfasser phi- 
losophischer Gespräche genannt, und die Mimen Sophrons als 
Vorbilder der Platonischen Gespräche gerühmt, aber die Vollen- 
dung der Platonischen Dialogen kann keiner von diesen erreicht 
haben, da diese wesentlich auf der Anwendung der dtalektischeu 
Methode beruht, deren Begriff und Aufgabe Plato zuerst ent- 
wickelt hat. Vgl. auch Brasdis S. 153. 

2) Vgl. ScHLBiERBACHEB Platous Werke I, a, 17 ff. Bbandis Gr.- 
röm. PhiL II, a 154. 158 ff. 

3) Phädr. 276, £: nokv S* olfiai, ttaXkimv oTtovSi] ntgl aivd ylyvi" 
Täty otav TtS rfi dialtHTtitfi rixvtj XQotgjiiivov Xdß(ov ipvxfjp itqoq^ 
t^HOvaav, tpvTsvji «'s na\ omig^fi fAtt inKrcfffiifi X6yov9 u. s« w* 
Die Dialektik definirt.nun Plato allerdings (Phädr. 266, B.) zu- 
nächst nur als die Kunst der logischen Begriffsbildung und Eni- 
fbeUungf dass er aber für die angemessenste Form derstiben 
das Gespräch hielt, diess könnte ausser der Erklärung der J^t- 



der Platooiscben Pfailo'sophie. 143 

vth die Anwendung diefier .Kunst für seine^g^nen Dar- 
stellungen eben hieraus abzuleiten berechtigt sein* Unver- 
kennbar zeigen ja aber auch seine eigene Dialogen die 
Absicht, eben 'durch ihre eigenthümliche Form den Leser 
zu selbstthätiger Gedankenerzeugung zu nöthigen. „Warum 
sollten so häufig, nachdem acht Sokratisch das Scheinwissen 
durch Nachweisung des Nichtwissens zerstört ist, nur ein- 
zelne sf^heinbar unzusammenhängende Striche der Unter* 
suchupg in ihnen sich finden? warum die eine durch die 
andere verhüllt sein? warum die Untersuchung am Schluss 
in scheinbare Widersprüche sich auflösen? setzt Plato nicht 
voraus , dass der Leser durch selbstthätige Theilnahnie an 
der aufgezeichneten Untersuchung das Fehlende zu .ergän- 
zen , den wahren Mittelpunkt derselben aufzufinden und 
diesem das Uebrige unterzuordnen vermöge, aber auch nur 
ein solcher Leser die Ueberzengung gewinne, zum Verständ- 
niss gelangt zu sein ^) V Der objektiv wissenschaftlichen, 
systematischen Entwicklung sind jene Eigenthümlichkeiten 
btfenbar nachtheilig, hat sie Plato depnoch mit der grössten 
Kunst und unverkennbarer Absichtlichkeit durchgeführt, so 
muss er dazu seinen besondern Grund gehabt haben, und 

XsHTtxy als Kunst de^ wissenschaftlichen Fragens und Antwortens 
Rep. VII, 534, D. und der Etymologie (vgl. PhiK 57, E. Rep, 
VII, 532, A. VI, 511, B, wogegen die Ableitung bei Xebophon 
Mem. IV, 5, 12 nichts beweist), auch schon der Gegensate der 
Dialelitik und Rhetorik (Phädr. a. a. O.) zeigen^ ausdrücklich 
sagt es aber auch der Frotagoras, wenn es hier S. 328, E ff. 
ton. denjenigen, welche nur fortlaufende Reden zu halten wissen, 
heisst, dass sie töantg ßtßXla ovdkv k'^ovoiv oifr« ditO" 
x Qivsad'ai ovTs avzol agiad'at^ u. s. w., daSfr mithin die 
Tom Phädrus gerühmten Vorzüge der mündlichen Belehrung 
bei ihnen nicht zutreffen: wenn aus diesem Grunde S. 348, G 
der Dialog «1$ dais beste Mittel der Belehrung empfohlen und 
den sophistischen Prunkreden gegenüber wiederholt (vgl. S.3S4, 
C iff.) auf Einhaltung der Gesprächsform gedrungen wird. 
1) Worte von Bbabois a, a. O. $. 159 f*» d^c ich mir vollständig 
aneignen kann. 



144 AUg. Bemerkungen üb* Charakter tu Bedeutung 

diesen können wir nur darin finden^ da«s er jene objek« 
tive Uarstellpng überhaupt nicht für genügend hielt, son- 
dern statt ihrer eine Behandlungsart suchte, bei welcher 
der Leser auch schoa durch die äussere Form seiner Werke 
angeregt würde, das, was er von objektivem Wissen mit* 
getheilt erhält, nur als ein Selbsterzengtes zu haben, bei 
welcher die objektive Belehrung durch die subjektive Bildung 
zum Wissen bedingt wäre. Die philosophische Mittheilung, 
als Bethätigung des philosophischen Eros, ist dem Plato 
ein Erzeugen der Wahrheit . in einem Andern (s. u.), das 
Logische darum wesentlich ein Dialogisches* 

Liegt es nun so im Wesen der philosophischen Dar* 
Stellung, wie Plato ihre Aufgabe auffasst, die Idee immer 
nur in und mit ihrer Entwicklung imSubjekt zur Anschau» 
nng zu bringen, so wird sich eben hieraus — wie diess 
Baur ^) geistvoll gezeigt hat — auch die Stelle erklären, 
welche dem Sokrates in den Platonischen Dialogen ange^ 
wiesen ist. Wenn in diesen allen, bis auf einige wenige, 
bei denen besondere Gründe zu einer Abweichung vorlagen, 
Sokrates das Gespräch leitet, seine Anwesenheit und Theil- 
nahme aber auch in diesen nicht fehlt, wenn alles Wahre, 
das Plato vorträgt, auf ihn zurückgeführt, und er selbst 
im Phädo und im Gastmahl als die persönlich gewordene 
Philosophie dargestellt wird, so ist das nicht mir eine zum 
äusserlichen Redeschmuck dienende Einkleidung oder ein 
Opfer blos persönlicher Pietät, es hängt vielmehr mit dem 
innersten Wesen der Platonischen Philosoph!^, zusammen.: 
indem hier das Wissen nicht als ein fertiges, rein objek* 
Hv und abgelöst von der Person des Wissenden mittheil* 
bares Syi^tem, sondern als persönliche Lebenstbätigkeit und 
geistige Entwicklung betrachtet wird, so lässt sich die 
wahre Philosophie nur an dem vollendeten Philosophen, 
nur an Sokrates darstellen. 



I) Sokrates und Christus. Tob. 7;eitschr. 18S7, S, 97r-l)i. 



\ 



der Platonischen Philosophie. 145 

Dieselbe Eigentbumlicbkeit der Methode aber, aöt 
welcber die Scbönbeit der Platoniscben Darstellung hervor- 
gegangen ist, enthält auch den Grund ihrer bedeutendsten 
Mängel. Ich rede hier nicht blos von dem, was mit der 
dialogischen Form verbunden ist, dem Zufälligen des 
Ausgangspunkts, dem scheinbar Willköhrlichen des Fort- 
gangs, dem häufigen Fehlen einer festen, in ein unzwei- 
deutiges Resultat zusammengefassten Entscheidung. Diese 
Mängel, wie lästig sie uns auch in einzelnen Fällen werden 
mögen, betrefien doch mehr nur die äussere Form, und 
stellen in der Hauptsache dem Versländniss kein unuber- 
steigliches Hin4erniss entgegen ^). Von bedenklicheren 
Folgen für das Systeih ist es, dass die Platonische Dialek« 
tik auch an und für sich, rein wissenschaftlich betrachtet, 
nicht geniigt. Indem es ihr hauptsächlich nur darum zu 
thun ist, das wissenschaftliche Bewusstsein der Idee her- 
vorzubringen, das volle Interesse fiir's konkrete Dasein da- 
gegen und die Bestimmtheit des Einzelnen fehlt, so ist sie 
zwar ausserordentlich stark in der Zersetzung endlicher 
und einseitiger Vorstellungen, in der epagogischen Analy- 
sis, tind man kann sagen, sie habe diese eben dadurch 
zur Vollendung gebracht, dass sie nicht bei ihr stehen oleibt, 
sondern 3ie immer zu einer im Hintergrund liegenden po- 
sitiven Ueberzeugung in Beziehung setzt, dass sie dieselbe 
nicht rein für sich, noch ohne klares Bewusstsein ihres 
Ziels, sondern in der bestimmten Absjcht treibt, aus der 
Auflösung der endlichen Standpunkte dte Idee als ihre Wahr- 
heit resultiren zu lassen. Nicht die gleiche Vollendung^ 
hat sie dagegen, wenn es sich darum handelt, den Inhalt 
der Idee im Besonderen näher zu entwickeln, und von ihr 
zur Erscheinung herabzuführen. Hier tritt ihr die abstrakte 



1} Vgl. die guten Bemerkungen in Hsoils Gesch. d. Phil, ü, lS7f« 

161 f. 
Die Philotophie der Gricchea. If. ThciU 10 



146 Allg. BemerkuDgen üb. Charakter u. Bedeutung 

Fassung der Idee als fiir sich seienden Objekts, als reiner, 
die Negativiiät des Endlichen ausschliessender Idealität in 
den Weg, und unfähig, in ihr selbst das Moment aufzu- 
zeigen, das sie zur Erscheinung forttreibt, mnss sie sich 
begnügen, die Idee theils nur an der vorausgesetzten 
Erscheinung als die Wahrheit und Wirklichkeit derselben 
darchznfiihren, theils' den Fortgang im Einzelnen nur für 
die Phantasie, nicht fiir's wissenschaftliche Denken zu ver- 
mitteln. Daher einestheils der empirische Charakter, den 
z. B« die Ableitung des Staats und seiner drei Stände in 
der Republik, die Kosmologie des Timäns, selbst die Aueh 
fuhrung des Sophisten und des Parmenides über die Ideen 
an sich trägt, und der nicht ganz selten, wie eben in der 
spaltenden Logik des Sophisten und des Politikus, und in 
der häufigen Anwendung der Mathematik auf geistige Ge- 
biete ^), zu einem ziemlich leeren Formalismus fortgeht; 
anderntheils das Bedürfniss, die Lücken der wissenschaft- 
lichen Entwicklung durch jene mythischen Darstellungen 
auszufüllen, die zwar viel bewundert zu werden pflegen 
und auch an sich selbst herrlich und bewundernswerth ge^ 
nug sind , die aber nichts desto weniger die Einsicht in 
deo Zusammenhang des Systems trüben, die logische Strenge 
der Methode durch das ungebundene Spiel der Phantasie 
unterbrechen, und auch immer einen Wirklichen Mangel an 
klarer Durcharbeitung des Gedankens verrathen ^). Auch 



1) Z. B. Gorg. 465, £, f. Pbileb. 66. Rep. IX, 587, B ff. 

3) Vgl. bierüber Hegel a. a. O. S. 163 ff. Auf dasselbe liommen 
in der Hauptsache, so wenig es ihr Urheber auch Wort haben 
will, die Bemerkungen voa Alb. Jahn in 8. Dissertatio Platonica 
(Bern 1839) S. 20 ff. 123 f. hinaus; im Uebrigen hat dieser Ge- 
lehrte die einfache Auffassung der Sache durch schiefe philoso- 
phische Voraussetzungen vielfach getrübt, und durch die Weit- 
schweifigkeit und Undurchsichtigkeit seiner Darstellung noch 
mehr erschwert, auch sich an mehr als Einem Orte mit sich 
selbst in Widerspruch verwickelt. Die ebdas. S. 31 f« versuchte 
Eintheilung der Mythen in theologische, psychologische, kosmo- 



der Platonischen Pbiloiophie. 147 

diese ^schwachen Seiten der Platonischen Darstellungen darf 
die Gescbichtsclireibung nicht übersehen. 

' Fragen wir schliesslich noch nach der Gliederung des 
Platonischen Systems, so wird sich auch diese aus dörEi- 
genthümlichkeit seines Standpunkts und seiner Methode er* 
klirren lassen. — Man pflegt drei Theile der Platonische« 
Philosophie zu unterscheiden: die Dialektik, die Physik und 
die Ethik, mag man nun diese von Anfang an neben ein- 
ander stellen, oder der weiteren, übrigens unplatonischen, 
Unterscheidung eines allgemeinen und eines angewandten 
Theik unterordnen ^). Diese Trichotomie ist nun auch 
ohne- Zweifel Platonisch; denn mag auch der Name der 



gonische und physische ist willkührlich und entbehrlich. — Wenn 
Baür (Solirates und ' Christus. Tüb. Zeitschr. 1837, 3, 91 ff. 
Theol. Stud. u. Krit 1837, 3*, 552 ff. 566) die Platonischen My- 
then aus dem religiösen Standpunkt des Piatonismus ableitet, so 
fuhrt auch dieses auf die obige Bestimmung zurüch , sofern es 
doch nur die Mangel hafligkeit der systematischen Entwicklung 
sein kann, was dem Philosophen die Anlehnung an die religiöse 
Vorstellung snm Bedürfniss macht* Man vgl. auch Platoa ei- 
gene Erklärung Phädo 115, D. Tim. 29, D. Polit. 268, D. 
1) Das Letztere thut z. B. Mabbach Gesch. d. Phil. I, 215« Aehn- 
lich ScnLKiERMACHEB Gcscb. d. Phil. 8. 98. Bd Piato se&st 
jedoch findet sich diese Unterscheidung nirgends. Ebensowenig 
die einer theoretischen und praktischen Philosophie, an die z. B. 
Kbug Gesch. d. alten Phil. S. 209 denkt (wogegen die Einthei- 
lung in Logik, theoretische und praktische Philosophie — Tebt« 
HBMAVir Syst d. Plat. Phil. I, 240 ff. Bdhlk Gesch. d. Phil. U, 
70 f. -~ mit der im Text angeführten zusammenfallt). Ganz 
modern und unplatonisch ist vollends vav Hbüsde's (Initia phi- 
losophiae Plat.) Eintheilung des Systems in eine philnsopkia pukri, 
veri, et Justi, wie denn überhaupt die Schriften dieses Gelehrten 
über Plato, Sokrates und Aristoteles nur einen weitern Beweis 
iür die Unmöglichkeit liefern, mit Ciceronischer Popularphiloso* 
phie und allgemeiner humanistischer Bildung zum Verständniss 
der alten Philosophie ausiureicben, und die Berühmtheit dieser 
Schriften einen Beweis dafür, wie sehr der Mehrzahl der Philo- 
logen, der ausserdeutschea besonders, gründlichere philoeophische 
Studien noththäten« 

10* 



14S Allg. Bemerkungen üb. Charakter u* Bedeutung 

Dial«*k(ik von Plato ganz allgemein für die Philosophie 
überhaupt gebraucht werden, dc^r der Physik aber und der 
Eihik gar nicht bei ihm vorkommen, roügen auch in den 
Platonischen Dialogen diese drei Theile nie schlechthin 
anseinanderireten, so lässt sich doch andererseits ebenso- 
wenig verkennen, dass gerade von den bedeutendsten der- 
selben die meisten wenigstens überwiegend demeinen 
« oder andern derselben angehören, derTimäus, und wenn 
wir die Psychologie mit zur Physik rechnen auch derPhädoj^ 
der Physik, die Republik nebst dem Politikus, Philebus und 
Gorgias der Ethik, der Theätet, Sophist und Parmenides der 
Dialektik. Und da nun eben diese Eintheilung vor Plate sich 
nicht findet, nach ihm dagegen stehend geworden ist, von 
Xenokrates gebraucht und von Aristoteles ^) vorausge- 
setzt \vird, da auch die Philosophie im Ganzen nur insofern 
Dialektik genannt wird, wiefern sie sich mit dem ewigen 
Wesen 'der Dinge beschäftigt ^), so sind wir ohne Zweifel 
berechtigt, die genannte Eintheilung auf Plato zurückzufuh- 
ren, mag er sie nun in seinen mündlichen Vorträgen aus- 
drücklich ausgesprochen, oder mag sie sich nur aus der 
Consequenz seines Systems entwickelt haben«. So richtig 
niin aber diese Eintheilung auch ist, so reicht sie doch 
nicht aus, um den philosophischen Inhalt der Platonischen 
Schriften vollständig darin unterzubringen. Es wurde schon 
oben darauf hingewiesen, wie in diesen dem constructiven 
immer auch das pädeutische Element zur Seite geht, und 



i) Top. T, 14, 105, b, 19. Anal, post I, 33 Scbl. Tgl. Bittea Gesch. 
d. Pfail. U , 255 , >TO Überhaupt der Platonische Ursprui^g der 
obigen Eintheilung ausführlich bewiesen wird. Nur eine unge- 
naue Fassung derselben enthält auch die Angabe des Ari^tok- 
Lxs (Eus. Pr. ev, XI, 33), dass Plato die Wissenschaft von den 
göttlichen iKngen oder der Nalur des All, die von den mensch- 
lichen Dingen und die Logik unterschieden habe« 

2) S, unten und Bittxb a. a. 0. S. ^1 f. 



der Platonischen Philosophie. -149 

sieh im Anfang sogar in grösserer Breite geltend macht, 
als jenes. Welche Stelle sollen wir nun diesem anweisen, 
wo alle jene Widerlegungen der populären Yorstellungs- 
weise und Tugend, der Sophistik und ihres Eudämonismus, 
alle jene Untersnchungen über den Begriff und die Methode 
des Wissens, über die Einheit der Tugend und das Ver« 
hältniss des Wissens zum sittlichen Handeln, über die pbi* 
losophische Liebe und die Stufeii ihrer Entwicklung ein* 
reihen? Das Gewöhnliche ist, einen Theil derselben der 
Dialektik, einen andern der Ethik zuzutheilen. Aber so 
wird theils die systematische Entwicklung dieser Wissen* 
Schäften durch elementarische Erörterungen unterbrochen, 
die Plato selbst da, wo er die Ideenlehre objektiv darstellt, 
und den Organismus der sittlichen Thätigkeit im Staat und 
im Einzelleben ableitet, längst hinter sich hat, theils wer- 
den andererseits die bei unserem Philosophen (wie diess 
schon der einzige Begriff des philosophischen Eros zeigen 
könnte) eng verschlungenen Untersuchungen über das wahre 
Wissen und die richtige Weise des Handelns weit ausein* 
andergerückt. Darum nun aber auf eine aus dem Inhalt 
hergenommene Gliederung der Darstellung zu verzichten, 
und sich allein an die muthmassliche Ordnung der Plato- 
nischen Dialogen zu halten ^), scheint auch nicht räihlich; 
denn wenn wir auch auf diesem Wege ein treues Bild von 
der Reihenfolge erhalten , in welcher der Philosoph seine 
Gedanken dargestellt hat, so erhalten wir doch keines 
von ihrem innern Zusammenhang; denn dass dieser mit 
jener nicht schlechthin zusammenfällt, diess könnte schon 
die häufige Erörterung eines und desselben Gedankens in 



1) Einen Anfang dasu könnte man bei Bravdis finden, vgl. a. a.O. 
S. 182, 192) nachher jedoch gebt auch er zu einer sachlichen 
Anordnung über, die in der Hauptsache mit der gewöhnlichen 
Busammentrifit. 



J50 Allg. Bemerkungen üb. Charakter u. Bedeutung 

weit anseinanderliegenden GeaprSehen darthoiu Wolleii 
wir nan Plato nicht auch in seinen Wiederholungen, fiber* 
baapt in dem mit der Eigenthiimlichkeit seiner Darstellungs* 
weise rerkn^pften Mangel an vollständiger systematischer 
Dnrclisichtigkeit folgen, so müssten wir doch bei den Dia- 
logen, welche der Hauptsitz einer Lehre sind, auch gleich 
die Parallelen aus den übrigen beibringen« Ist aber hie- 
mit die Ordnung seiner schriftstellerischen Darstellung ein- 
mal verlassen, so haben wir auch keinen Grund mehr, uns 
im Uebrigen an dieselbe zu binden, die Aufgabe wird viel- 
mehr sein, uns in den Innern Quell punkt des Platonischen 
Systems za versetzen, und um diesen die Elemente dessel- 
ben in dem Innern VerhfiUniss, das sie im Geist ihres 
Urhebers hatten, anschiessen zu lassen ^). Eine fruchtbare 
Andeutung hiefür giebt uns Plato selbst in der Republik 
VII, 511, B. Der hocl»te Theil des Denkbaren, sagt er 
hier, und der eigentliche Gegenstand der Philosophie sei 
dasjenige, „was die Vernunft als solche mittelst des dia- 
lektischen Vermögens ergreift, indem sie die Voraussetzungen 
nicht zu Principien, sondern wirklich zu blossen Voraus« 
Setzungen macht, gleichsam zu Auftritten und Schwungbret- 
tern ^), um von ihnen aus bis zum Unbedingten, zum Princip 



1) Dass ich mit diesea Bemerkuagen den Werth der Untersuchungen 
über die Reihenfolge und das gegenseitige Verbältniss der Pia- 
tonischen Dialogen herabzusetzen, und Hbgbls wegwerfendem 
XJrtheil über diese Untersuchungen (Gesch. d. Phil 11, 156K nebst 
Marbachs obei^flächlicher Wiederholung dieses Urtbeils (Gesch. 
d. Phil. I, 198) beizutreten ntcbt beabsichtige, darf ich wohl 
nicht erst versichern. Diese Untersuchungen sind an Ihrem Orte 
▼om höchsten Werthe, aber in der Darstellung des Platonischen 
Systems muss das Litterarische hinter der Frage nach dem 
philosophischen Zusammenhang zurückstehen. 

3) Eigentüeh: Anläufen, o(>/*ac, doch scheint das Wort hier nicht 
den Anlauf selbst, sondern den Ausgangspunkt zu bezeichnen. -~ 
AehnUch Symp. 211, G: ui^itt^ irravafia&^oit x(^üif*tvov [zois 



<der Flataniftcben^Pliilosapliie. * 151 

von Allem zu gelangen, und nachdem sie dieses ergriffen, • 
hinwiedenim, das was aus ihm folgt verfolgend, zum 
Letzten herabzusteigen, so dass sie sich nun überall kei- 
nes Sinnlichen mehr bedient, sondern rein von Begriffen 
durch Begriffe zu Begriffen fortgeht.^^ Deutlich genug wird 
in dieser Hauptstelle über die Aufgabe der Philosophie dem 
Denken ein doppelter Weg vorgezeichnet, der Weg voa 
unten nach oben und der von oben nach unten, die epa- 
gogische Erhebung, zur Idee durch Aufhebung der endlichen 
Voraussetzungen, und das systematische Herabsteigen von 
der Idee zum Besonderen ^). Nun wissen wir bereits, dass 
diese zwei Wege den beideji im Platonischen Philosophiren 
verbundenen, und auch in Plato's schriftstellerischer Dar- 
stellung sich unterscheidenden , wenn auch nie völlig ge. 
trennten Elementen entsprechen; wir folgen daher dieser 
Andeutung und besprechen, im Folgenden zuerst die pro^ 
pädeutische Begründung, sodann die systematische Ausfüh- 
rung des Platonischen Princips, welche letztere dann wieder 
in die Dialektik, die Physik und die Ethik zerfällt ^). Was 
sonst noch in einer vollständigen Geschichte der Platonischen 
Philosophie vorkommen milsste, die Untersuchiing über 
Plato's Leben und Schriften, wollen wir hi^, dem Plaiie 
dieser Schrift getreu, übergehen. i 



1) Vgl. auch Abist. Ethiü Niki, 2, 1095, a, 32: sv ydg nal irXd- 
Tojv tjTtogei TOvTO mal t^TjTsi^ nongov dno tqjv «pj^wv, rj inl raQ 
dgxde iarlv r/ SSoe , oiansQ iv tm araSi^t dno tviv d&Xo&tTfav 
inl t6 n^gas ij dvänakip, 

2) I^s die$e drei Theile nur in der oben angegebenen Ordnung 
gestellt werden liönnen, bedarf lieines Beweises , und die umge- 
kehrte Anordnung bei Fbies Gesch. d. PhiU I, § 58 ff. wohl 
ebenso wen^ der Widerlegung, als die Behauptung destelbea 
Historikers (a. a. O« S. 288), dass es Plato als einem treuen 
Sokratiker durchaus nur um die praktische Philosophie zu thun 
gewesen, und dass er auch in der Methode nicht über das epa- 
gogische Verfahren hinausgegangen sei 



19t Di« propädeuti«cb0 BegräBdaag- 

§.19. 

Die propädeutische Begründung des Platoftiscbeii Systems« 

Diese Begründung besteht im Allgemeinen darin, dass 
der Standpunkt des nichtpbilosophischen Bewusstseins auf- 
gelöst und die Erbebung zum pbilosopbiscben in ibrer Nolb- 
nvendigkeit nachgewiesen wird. Im Besondern können wir 
drei Stadien dieses Wegs unterscbeidisn. Den Ausgangs- 
punkt bildet das populäre Bewusstsein, Indem die Voraus- 
setzungen, welche diesem für ein Erstes und Festes gegol- 
ten hatten^ dialektisch zersetzt werden, so erhalten wir 
zunächst das negative Resultat der Sophistik. Erst wenn 
auch diese überwunden ist, kanki der philosophische Stand- 
punkt positiv entwickelt werden. 

Den Standpunkt des gewöhnlichen Bewusstseins hat 
Plato tbeils nach seiner' theoretischen, tbeils nach seiner 
praktischen Seite widerlegt. — Theoretisch angesehen 
ist das gewöhnliche Bewusstsein im Allgemeinen vorstel- 
lendes Bewusstsein, oder wenn wir seine Elemente ge- 
nauer unterscheiden wollen, die Wahrheit besteht ihm tbeils 
in der sinnlichen Wahrnehmung, tbeils in der Vorstellung 
im engern Sinn, oder der Meinung (do^a)* Im Gegensatz 
hiegegen zeigt Plato im Theätet, dass das Wissen (iuMn^piri) 
etwas Anderes sei, als die Wahrnehmung (Empfindung, 
aiad'tjaig) und die richtige Vorstellung. Die Wahrnehmung 
ist kein Wissen, denn (Tbeät. 151, E ff.) die Wabrneb- 
mung ist nur die Art, wie die Dinge dem Subjekt erschei- 
nen (gißreaaia) ; sollte daher das Wissen in der Wahrneh- 
mung besteben, so wurde folgen, dass für Jeden wahr ist, 
was ihm als wahr erscheint — der Grundsatz der Sophistik, 
dessen Widerlegung wir später kennen lernen -werden. Aber ^ 
auch die richtige Vorstellung ist noch kein Wissen; denn 
80 gewiss dieses in der Thätigkeit der Seele als solcher, 
nicht in ihrem Verhalten zum äussern Objekt gesucht wer- 



d«8 Platöniiiehen Systems. ]5S 

den miiss ^), so wenig entspricht doch die Vcf stellang d^ 
Aufgabe desselben. Denn — wie diess indirekt gezeigt 
wird (S. 187, C &•) — wenn das richtige Vorstellen schon 
ein Wissen wäre, so liesse sich die Möglichkeit der falschen 
Vorstellung^ nicht erklären, Soll diese eine Vorstellung 
sein, der kein Gegenstand entspricht, so wäre, sie theils 
ein Nichtwissen von dem, was man weiss, oder ein Wissen 
Ton dem, was man nicht weiss, (sofern ich doch vom Sein 
des Objekts wissen muss , um ' mir auch nur eine falsche 
Vorstellung darüber zi^ machen) theils würde sie voraus- 
setzen, dass man sich das Nichtseiende vorstelle, diess ist 
aber unmöglich, da jede Vorstellung Vorstellung eines 
Seienden ist. Soll aber diefalsohe Vorstellung Verwechs- 
lung verschiedener Vorstellungen (aXXodol^ia) sein^, so ist 
es gleichfalls undenkbar, dass man das, was man weiss, 
eben vermöge dieses Wissens, mit einem Andern, gleich- 
falls Gewussten, oder auch mit einem Nichtgewussten ver« 
wechsle ^). D. h. Wissen und richtige Vorstellung können 
nicht dasselbe sein, denn die richtige Vorstellung schliesst 
die Möglichkeit der falschen nicht aus, durch's Wissen da- 
gegen ist diese ausgeschlossen; das Wissen kann also über- 
haupt nicht auf dem Gebiete der Vorstellung liegen, Sondern 
muss einer von ihr specifisch verschiedenen Thätigkeit an- 



1) Theät 187) A: Ofiaif 9i tooovtov ye 'Jt^oßsßtjnofiWy Ußora f*^ 

insivtu T€^ ovofiariy o t» nov i'xet ^ y^^XV «»'«*' avTfj Ha&* a^v^v 
v^ay/iatev^ai nsgl rd ovra* 
t) S. 189, B— 200, D vgl. besonders den Schluss dieses Abschnitts. 
Was das Einzelne desselben, und namentlich die weit ausgespon» 
nenen Vergleichungen der Seele mit einer Wachstafel und einem 
Taubenschlage betrifft, so ist der kurze Sinn derselben, zu zei- 
gen, dass sich unter Voraussetzung der Identität von Wtsseir 
und richtiger Vorstellung zwar wohl die unrichüge Verbindung 
einer Vorstellung mit einer Wahrnehmung, nicht aber eine falsche 
Verknüpfung der Vorstellungen selbst denken liesse, dass mithin 
;ene Voraussetzung unrichtig sei. 



J54 T>ie propädeutische Begründang 

gehören, wllche die Wahrheit nicht mit Irrthum versetst, 
sondern in ihrer Reinheit zum Gegenstand hat ^). Oder 
wie diess anderwärts ^) kürzer dargestellt ist : der Vorstel- 
lung fehlt die Einsicht in die Nothwendigkeit der Sache, 
sie ist aus diesem Grunde, auch wenn sie richtig ist, ein 
unsicherer und wandelbarer Besitz; nur das Wissen ge- 
währt durch Ergänzung dieses Mangels bleibende Erkenot- 
niss der Wahrheit. ^), Oder wenn wir mit dem Timäus 
51, E alle Unterschiede der Vorstellung vom Wissen zu- 
sammenfassen wollen: „das Wissen entsteht durch Belehrung, 
die richtige Vorstellung durch Ueberredung; jenes hat immer 
die Einsicht in die wahren Grunde, dieser fehlt sie ; jenes 
kann durch Ueberredung nicht wankend gemacht werden, 
diese kann es; am Besitze der richtigen Vorstellung endlich 
nehmen Alle Theil , an der Vernunft blos die Götter , das 
menschliche Geschlecht dagegen nur zum kleinsten TheiL^' 
— Mehr von der objektiven Seite beweist die Republik V, 
476, D, ff. den untergeordneten Werth der Vorstellung 
daraus, dass die Wissenschaft das schlechthin Seiende, die 
Vorstellung dagegen nur ein Mittleres zwischen Sein und 
Nichtsein zum Inhalt habe, mithin auch nur ein Mittleres 
^zwischen Wissen und Nichtwissen sein könne ^) ; diese Aus- 



1) Vgl. ScHLBiBBXACHXB Platons Werke TI, 1, 176* 
' 2} Meno S. 97 ff*y Vvo besonders auch die Erklärung S. 98) B su 
beachten ist 

3) Was der Theatet weiter ausfuhrt, dass das Wissen auch nicht 
in einer mit einer Erklärung Terbundenen richtigen Vorstellung 
{96ia aXi^&ijs fisra Xoyov^ bestehe, kann hier Qbergangen wer- 
den, da diese Ausführung nur eine in jener Zeit, vielleicht Ton 
Antisthenes (s. Bbabdis a. a. O« S. S02 ff.) aufgestellte Definition 
(vgl. Theät. 301, G) betrifft, ohne einen für die Platonische An- 
sicht wesentlichen Zug hinzuzufügen, 

4) Vgl. Symp. 202, A. Aus demselben Grunde wird Rep** VT, 409, 
D (f. Vir, 533, £ f. das Gebiet des Sichtbaren der Vorstellung, 
das des Geistigen dem Wissen sugetheilt. Wenn ebdas. in der 
So Sa selbst wieder die Vorstellung der wirklichen Dinge und 



des Platonitchea 6y8i«m8. |S$ 

• ftfaraog setct indessen tfaeils schon den Unterschied des 
Wissens von der Vorstellung yoraus, thei|s beruht sie auch 
airf Bestimmungeu, die erst der weiteren Entwicklung des 
Systems angehören. 

Dasselbe, was auf theoretischem Gebiete der Gegen* 
satz von Vorstellen und Wissen, ist auf dem praktischen 
der Gegensatz der gemeinen und der philosophischen Ta- 
gend. Die gewöhnliche Tugend ist schon in formeller 
Beziehung ungenügend, denn sie ist Sache der blossen Ge- 
wohnheit, ohne klare Einsicht; statt vom Wissen lässt sie 
sich von der Vorstellung leiten. Sie ist aus diesem Grunde 
eine Vielheit einzelner Thätigkeiten, die zu keiner inneren 
Einheit verbunden sind, ja die sich theilweise sogar wider* 
sprechen. Ebenso leidet sie aber auch. Wenn wir auf 
ihren Inhalt sehen, an dem Mangel, theils neben dem 
Guten auch das Böse sich zum Zweck zu setzen, theils das 
Gute nicht um seiner selbst willen, sondern wegen ausser 
ihm liegender Grdnde zu begehren. In allen diesen Be. 
ziehnngen findet Plato eine höhere Auffassung des Sittlichen 
nothwendig« 

Die gewöhnliche Tugend entsteht durch Angewöhnung, 
sie ist ein Handeln ohne Einsicht in die Grunde dieses Han- 
delns ^), sie beruht nur auf einer richtigen Vorstellqng^ 



\ 



die der blossen Bilder (die nlaric und eiMaala) uaterschieden 
werden, so geschiebt diess nur, um für die Unterscheidung der 
Vernunfterkenntniss in die symbolische und die reine (S. 510, 
D) innerhalb der So^a eine Parallele zu haben; dass Plato sonst 
der 96Sa die ata&T^ais zur Seite stellte, sehen wir ausser dem 
Theätet auch aus Parm. 155. D und Tiro. 28, B. 37, B. Abist. 
De an. I, 2. 404, b, 21; vgl. meine Piaton. Studien S. 227 f. 
Bbakdis Gr.-röm. P4iil. II, a, 272 ff. 

1} Meno 99) B — E u. ö. Phado 82, A: oi ttjv Sr^uoT$K^v r« nal 
no^iTtxTJv dger^v iTriTSTr^SeiHOTes t, ijv S^ ttaXovai uwfQoovvtjv r« 
ital dmaioavvtfPt <£ i'^ovQ re mal /islitfjQ ytyopvtav ävsv 
*piXooo(fiai TS nal vov, Rep. X, 619, C (über Einen, der 
beim Wiedereintritt in's menschliche L^en sich durch eine Ter- 



/ 



i56 Die propädeutische Begründung 

nicht auf dem Wissen ^), wie diess, nachPlato, angensehein* 
lieh daraus hervorgeht, dass die, welche sie besitzen/ an- 
ffthig sind, sie Anderen mitzutbeilen, dass es der gewöhn« 
liehen Vorstellung oder wenigstens der gewöhnlichen Praxis 
znfolg^ keine Lehrer der Tugen4 gieiH ^) — denn die,^ 
welche sich für Tugendlehrer ausgeben, die Sophisten, wer- 
den weder von Plato, wie wir sogleich sehen werden, noch 
auch von der allgemeinen Stimme ^) als solche anerkannt. 
Aus diesem Grunde trägt aber auch diese Tugend keine 
Bürgschaft ihrer Dauer in sich, ihr Entstehen und Bestehen 
ist vielmehr dem Zufall und den Umständen preisgegeben; 
Alle, die nur sie besitzen, xlie hochgerühmten Staatsmänner 
des alten Athens nicht ausgeschlossen, sind tugendhaft nur 
vermöge göttlicher Schickung (&eia fiolqa^ d. h, ^) in Folge 
des Zufalls, und stehen auf keiner wesentlich hohem Stufe 
als Wahrsager und Dichter, überhaupt alle die, welche das 
Schöne und Richtige aus blosser Begeisterung (/xana, if- 
^ovaiudfAog) hervorbringen ^) — eine Ansicht, die Plato 
auch darin ausdrückt, dass er Rep. X, 619, D die Mehrzahl 
von denen, welche sich durch unphilosophische Tugend die 
himmlische Seligkeit erworben haben , beim Wiedereintritt 
in's Erdenleben fehlgreifen lässt, und im Phädo 82, A spottend 
von ihnen sagt, sie haben die fröhliche Aussicht, dereinst 
bei der Seelen Wanderung unter die Bienen oder Wespen 



Iiehrte Wahl unglücklich macht — 8. u*): ^^vai dk avvov rtüv 
Ix Tov ovQavov '^novTfov ^ iv Teray/iivtj noXiveitf iv r^ frQordQtf 
ßidjf ßeßioixova, i'd'n ävsv (ptXoooq>las d^tr^s fA9T9ih](p6xa. 
Vgl. Rep. III, 402, A, VU, 522, A. 

1) Meno 97 ff. besonders S. 99, A— G Rep. VII, 534, G. 

2) Prot 319, R if. Meno 87, R ff. 93 ff 

3) Mono 91 9 R ff- , wo Anytos die Männer der dgatt) Si^fiOTtnij 
vertritt. 

4) Vgl. Rep. VI, 493, A. 492, A. 499, R. II, 566, G und meine 
Piaton. Stud. S. 109. 

5) Meno 96, D bis sum Schlüsse; vgL Apol. 2i f. 



des Platoniscben Sytems, 157 

■ 

oder Ameisen 9 oder sonst ein wohlgeordnetes Volk, oder 
auch wieder unter die Klasse der ruhigen Burger versalzt 
zu werden. Das einzige Mittel, die Tugend dieser Zufällig- 
keit zu entheben, ist die Begründung derselben aufs Wisaen« 
Nur die theoretische Auffassung des Sittlichen enthält über- 
haupt den Grund auch des praktischen Verhaltens; das 
Gute begehren All^ und auch wenn sie Schlechtes begeh- 
ren, thun sie diess nur, weil sie das Schlechte für gut 
halten ; wo daher die richtige Erkenntniss dessen ist, was 
gut und nützlich ist, da muss nothwendig auch der sittliche 
Wille sein, da es schlechthin undenkbar ist, dass Jemand 
wissentlich und absichtlich das anstrebte, wovon er über- 
zeugt ist, dass es' ihm schädlich seid werde: alle Fehler 
entspringen aus -Unwissenheit, alles Rechthandeln aus Er- 
kenntniss des Rechten ^) — Niemand ist freiwillig böse ^}. 
Wenn man daher gewöhnlich die Fehler mit dem Mangel 
an Einsicht entschuldigt, so ist Plato so wenig dieser Mei- 
nung, dass er vielmehr umgekehrt mit Sokrates behauptet, 
dass es besser sei, absichtlich, als unabsichtlich zu fehlen 3), 
dass z. B. diQ unfreiwillige Lüge, oder die Selbsttäuschung, 
ungleich schlimmer sei, als die bewusste Täuschung An- 
derer, und dass dem, welcher nur die letztere flieht, und 
nicht noch weit mehr die erstere, jedes Organ für die Wahr- 
heit abgehe ^) — woraus aber" dann freilich sogleich auch 

1) Prot. 352—357. Gorg. 466, D-468, E. Meno 11 ^ B ff. Theäl. 
176, G f. Wenn einige dieser Stellen Ton eudämonistiscben 
Prämissen ausgeben, so ist diess blos Mar' av&^conov gesprochen ; 
wo sich Plato unbedingt erklärt, verwirft er die eudäroonistische 
Begrünilung der Moral aufs Bestimmteste. 

2) Tim. 86, D 8. u. %, 21. SchL 

3) In dieser Allgemeinheit nur im Meinem Hippias ausgesprochen, 
dessen Thema dieser Satz bildet; derselbe ist aber klar genug 
auch in anderen Stellen (s. die vorangehende und die zwei fol- 
genden Anm.) enthalten. ' 

i) Rep. VIT, 535, D* Ovhovv Mal ngos aXi^^eiav xavTov xoSto avd" 
ntjQOv ytpy^ &ijoofiiVy 17 av to /liy Inovaiov tf'svdos (Ji*ay %ak 






}56 Die pvopädeutisclie Begründung 

das Weitere folgt, dass die Fehler der Wissenden keine 
wirklichen Fehler, sondern nur solche Yerletznngen der 
gewohnlichen Moral sind, die sich von einem höheren Stand- 
punkt aus 8eH>8t wieder rechtfertigen ^). 

Mit der Bewussilosigkeit der gewöhnlichen Tugend 
hüngt nun zusammen, dass sie die Sittlichkeit nicht als Eine 
in allen ihren Aeusserungen sich gleiche, sondern nur als 
eine Vielheit besonderer Thäligkeiten aufzufassen weiss. 
Im Gegensatz hiegegen behauptet Plato die sich aus der 
Zurückrührung der Tugend aufs Wissen von selbst erge- 
bende Sokratische Lehre von der Einheit aller Tugenden, 
und er begründet diese Behauptung, indem er zeigt, die 
Tugenden können sich weder durch die Personen unter- 
scheiden, denen sie zukommen, da doch das, was die Tu* 
gend zur Tugend macht, in Allen dasselbe sein milftse ^), 
noch auch durch ihren Inhalt, da dieser nur im Wissen 
Tom Gutefi bestehe ^), Dass trotz dem Plato selbst wieder 
gewisse Unterschiede der Tugenden annimmt, werden wir 
später sehen, wahrscheinlich ist er aber erst in der wei- 
teren Entwicklung seines Systems auf diese Bestimmung 



X^XsTtuiS <f>^Qj} avTi} TS Kml trl^tv ^svSoftirot¥ vntQayavanty^ ro 
S' oMouoiov svuoXojS nQOidixijrai mal dfAa&alvovai itov dltOKO/j^ivti 
(iTj dyaraxTJji oAA* tvyt^üiC oiaitiQ ^r^giov vsiov iv dfia^it^ fiolv- 
vtjTut, Vgl. ebd. IT, 382. 

1) Vgl. Bep. I, 331, C ff. II, 382, C Ifl, 389, B» IV, 459, C f. 
und dasu meine Flaton« Stud« S. 152« 

2) Meno 71, D ff. 

3) Prot. 348 ff (Die indirekte Bewcisfiibrung für denselben Satz 
Prot 328, E ff. kann hier übergangen werden.) Besondere Ver- 
suche, die Tapferkeit und Besonnenheit auf den Begriff des Wis- 
sens zurückzuführen, sind der Laches und der Cbarmides; in- 
dessen scheint mir die Aechtheit dieser Gespräche trotz AUem, 
was auch neuerdings wieder für sie gesagt worden ist, so vielen 
Bedenken zu unterliegen, dass ich tür die Darstellung der Pla- 
tonischen Philosophie höchstens supplementarisch von ihnen Ge- 
brauch machen möchte. — In populärerer Darstellung werden 
Gorg. 507 alle Tugenden auf ^e aMtp^oovvrj zurückgeführt 






d«8 PlatOBischen Systems. ]MI 

gekommen, da sie sich unter seinen Schriften allein in der 
Republik findet; in keinem Fall würde sie zur propädeu^ 
'tischen Begcfindung, sondern nur zur weitern Entwicklung 
des Systems gehören. 

Ist aber die gewöhnliche Tugend schon darum un- 
ToIIkommen, weil ihr die Einsicht in ihr wahres Wesen 
und die innere Zusammengehörigkeit aller ihrer Theile ab- 
geht, so ist sie es nicht weniger auch hinsichtlich ihres 
Inhalts. und ihrer Motive; denn zur Tugend rechnet man 
gewöhnlich nicht blos das Gu^es-, sondern auch das Böses- 
thun, Gutes nämlich den Freunden zu thnn, .Böses den 
Feinden, und die Beweggründe zur Tugend entnimmt man 
gewöhnlich nicht ihr selbst, sondern dem ausser ihr lie- 
genden Zwecke der Lust und des Vortheils, Die wahre 
Tugend aber erlaubt weder das Eine noch das Ander«. 
Wer wirklich tugendhaft ist, wird Niemand Böses thun^ 
dehn der Gute kann nur Gutes wirken ^), und ebensowenig 
wird ein solcher das Gute nur darum thun, um durch seine 
Tugend anderweitige Vortheile, seien es nun diesseitige 
oder jenseitige, zu erreichen ; denn das heisst die Tugend 
um der Schlechtigkeit willen lieben, aus Furcht tapfer und 
aus Unmässigkeit geordnet sein ; das ist ein Schattenbild der 
wahred Tugend, eine sklavenhafte Tugend, an der nichts 
Aechtes und Gesundes ist; die wahre Tugend dagegen be- 
steht eben darin, sich von allen jenen Triebfedern frei zu 
machen und die Einsicht allein als die Münze zu betrach- 
ten, gegen die man Alles umtauschen mugs ^). 

Was also Plato dem gewöhnlichen Standpunkt vor- 



1) Rep. I, 334, B ff. 

2) Phädo S. 68, B ff. 82, C. 83, E. Rep. II, 362, £ ff. X, 612, A, 
Stellen, von denen namentlich die erste zu dem Schönsten und 
Reinsten gehört, was Plato geschrieben hat. Von Tielem Ver- 
wandten, das man hier anzuführen versucht sein könnte, möge 
mir erlaubt sein auf die herrlichen Aeusserungen Sfiroza's Eth. 
pr. 41. Ep. 34. S. 503 zu verweisen. 



160 Die^propadeutiscbe Begründung 

wirft, ist iMi Allgemeinen die BewuMtlosigkeit, in der sieh 
derselbe hinsichtlich seines eigenen Than« befindet, oo4 
der Widerspruch, in den er sich in Folge davon verwickelt, 
sich bei einer Wahrheit, welche den Irrthum, und einer 
Tugend, welche die Schlechtigkeit an sich hat, zu beruhigen. 
Ebeti diesen Widerspruch aufzuzeigen und zur Yerwirrnng 
des populären Bewusstseins zu benutzen, war nun das Werk 
der Sophistik gewesen; statt aber von hier aus zu einer 
tieferen Begründung des Wissens fortzugehen, war sie bei 
diesem negativen Resultat stehen geblieben, und hatte als 
pesitiveii Zweck mir die absolute Geltung der endlichen 
Subjektivität aufgestellt. Hat es sich nun schon in der Kritik 
des populären Standpunkts gezeigt, dass Plato von einer 
ganz andern Grundlage ausgeht und einem ganz andern 
Ziele zustrebt, als die Sophistik, so geht er sofort auch 
zur wissenschaftlichen Widerlegung dieser letzteren fort* 

Auch hier können wir die theoretische und die prak« 
tische Seite unterscheiden. Der Grundsatz der Sophistik lässt 
sich nun im Allgemeinen in dem Satze ansdrQcken, dass 
der Mensch das Maass aller Dinge sei ; theoretisch gefasst 
bedeutet dieser Satz : es ist für Jeden wahr, was ihm wahr 
erscheint, praktisch: es ist für Jeden recht, was ihm nütz- 
lich ist. Beide Grundsätze hat unser Philosoph ausführlich 
widerlegt. 

Dem theoretischen Grundsatz der Sophistik hält 
Plato ^) ausser der Erfährungsthatsache , dass wenigstens 
die Urtheile über Zukünftiges auch für den Urtheilenden 
selbst oft keine Wahrheit haben, als entscheidenden Beweis 
das entgegen, dass derselbe alle Möglichkeit des Wissens 
überhaupt aufheben würde. Hat Alles Wahrheit, was dem 
Einzelnen wahr zu sein scheint, so giebt es überhaupt keine 
Wahrheit, denn von jedem Satte, und gleich von diesem 



1) Tbeät 170, A— 172, B. 177,0— 187, A. Krat. 386rAff. 439, CS. 



* . des. Platoniscben System«. 161 

Mlbtt, wäre das Gegentheil ebenso wahr, mitbin auch kei- 
nen Unterscbied des Wissens und Niehtwissens; objektiv 
ausgedruckt, es niüssle dann Alles, der Heraklitisch«n Lebre 
gemäss, in "beständigem Flusse sein, so dass sich von Je- 
dem Alles ebensogut aussagen Hesse, als sein Gegentbtfil ^); 
Yielmebr aber würde unter jener Voraussetzung gerade das 
unerkannt bleiben, was allein den wahren Inhalt des Wis- 
sens bilden kann, das Wesen der Dinge (die ovaia)^ da 
dieses der sinnlichen Wahrnehmung, die Protagoras allein 
anerkennt, unzugänglich ist; es kannte kein Anundfiirsich- 
seiendes und Festes geben, nichts an sich selbst Schönes, 
Wahres und Gutes, ebendamit aber auch kein Wissen von 
der Wahrheit; von Wahrheit und Wissenschaft kann nur ge- 
sprochen werden, wenn diese nicht in der sinnlichen Empfin- 
dung, sondern in der reinen Beschäftigung des Geistes mit 
dem wahrhaft Seienden gesucht wird. 

Ausführlicher hat sich Plato über die sophistische 
l^thik geHussert, zu deren Bekämpfung ihm auch der cyre* 
naische Hedoaismus, den er mit jener zusammennimmt, 
Anlass gab. Zunächst noch in ihrer Verflechtung mit dem 
unmittelbar praktischen Treiben der Sophisten, mit der 
Rhetorik, wird dieselbe im Gorgias ^) kritii^irt. Von sophi- 
stischer Seite wird hier behauptet, das höchste Gluck be* 
stehe in der^Macht, zu thun, was man möge, und eben 
dieses Glück sei auch das Ziel des naturgemässen Handelns, 
denn das natürliche Recht sei nur das Recht des Stärkern. 
Der Platonische Sokrates zeigt dagegen, thun zu können, 
was man möge (a doaei Tin), sei an sich noch kein Glück, 

1} Aehnlich vviderlegt Aristoteles dieHeralvlitische und Prota^oriscbe 
Lehre, indem er dieselben einer Läugnung des Satzes des Wider« 
tprucbs gleicbstellt. Mctaph. IV, 4. 5. 

2) Vgl. besonders S. 466, A — 499, B. Dass bier aucb die Un- 
terredung mit dem Politiker KalliMes zur Widerlegung des sopbi-, 
stiscben Frincips gebort, habe ich tebon im i. Tb. S. 261, A. 1. 
bemerjit. 

DU Philoiophie dtr Griechen. II. ThelL 11 



]62 I^ic propädeutiiehe Regründung 

spndern nur, su thun was man wolle (ä ßovXeTttt)^ d» iu 
was dem Handelnden wirklich zum Besten diene, denn nur 
das Gute sei das, was Alle wollen. Dass abmr dieses nicht 
die Last sei, diess gebe schon die allgemeine Meinung 
2ii, wenn sie zwiscKen dem Schönen und Angenehmen, dem 
Schändlichen und dem Unangenehmen unterscheide; das- 
selbe fordere aber auch die Natnr der Sache, denn 6ut 
Vtid Bqsc schliessen sich aus, Lust und Unlust setzen sich 
wechselseilig voraus, Lust und Unlust kommen dem Guten 
und Schlechten gleichsehr zu, Güte und Schlechtigkeit nicht. 
Weit entfernt daher, dass die Lust das höchste Gut und 
das Streben nach Lust das allgemeine Recht wäre, sei es 
vielmehr umgekehrt besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht 
zu thun, und für ein Vergehen bestraft zu werden, als 
unbestraft zu bleiben, denn gut könne nur sein, was ge« 
recht, sei. — Die tiefere Begründung dieses Urtheils, die 
aber freilich ebendesshalb auch schon in den objektiven 
Theil des Systems eingreift, giebt der Phileba4B ^). Die 
Frage, die hier untersucht wird, ist: ob die Lust oder die 
Einsicht das Gute sei — jenes das sophistische, dieses das 
Sokratische, von der megarischen und cynischen Schule 
schärfer gefasste Princip. Die Antwort lautet dahin, dass zwar 
zur vollendeten Glückseligkeit beides erforderlich, die Ein- 
sicht jedoch das ungleich Höhere und dem absolirt Guten 
näher verwandt sei. In dem Beweis dieses Satzes bildet den 
Hauptnerv die Bemerkung, dass die Lust dem Gebiete des 
Werdens angehört ^), das Gute dagegen ein Anundfürsich* 
seiendes und Wesenhaftes (avto xad^ aino ov, ovaia Phil. 
S. 53, C ff.) sein muss, wenn doch alles Werden ein Sein 
zum Zweck hat, das Gute aber der höchste Zweck ist; 
dass die Lust dem Unbegrenzten (Endlichen) am Nächsten 

1) Besonders S. 23, B — 55, G. 

S} Vgl. Rep. IX, 5S3» E: ro '^Bv Iv yvxf! yiyvofnvov xnl to Ivjtij-' 
Qov HtvtjiHi r»ff afi<pOTi(fQt iatoy, Tim. S. 64* 



des PUtoniBGhtfn Systems. 163 

• 

veirwftiidt itt, dt^ Einsicht d«geg«ii der gdttlichen Vernanft 
ftls 4tr Alles ordnedden und bildenden Ursai:he ^)« Weiter 
iSMichl Pialo hier auch darauf auffnerksani) das« Lust und 
UnUist auf einer bl^MSen optisehen Täuschang beruhen, das» 
die Lust in den meisten Fälleri nur mit ihrem Gegentheil, 
der Unlosti zusammen vorkcMumt, dass gerade die heftig- 
sten Lustempfindungen aus einem krankhaften körperlichen 
0der geistigen Zustand entspringen. Zieht man nun diese 
ab, so bleibt als reiue Lust nur der theoretische Genuss 
des sinnlich Schönen übrig, von dem aber Plato selbst 
anderswo (Tim. 47, A f.) erklfirt, sein wahrer Werth liege 
gleichfalls nur darin , die unentbehrliche Grundlage des 
Denkens ftu bilden, und den er auch ifu Philebns der Ein- 
sicht entschieden nachsetzt. — ^ Um endlich noch der Re- 
publik zu erwähnen, so stimmt auch sie mit diesen Er- 
örterangei;! iiberein, und weist sichtbar daranf zurück, weiin 
sie (VI, 595, C) gegen die Lustlehre bemerkt: selbst ihre 
Anhänger müssen zugeben, dass es auch scbleehte Lüste 
gebe, indem sie kinn doch zugleich die Lust für das Gute 
halten, so thun si^ nichts Anderes, als Gutes und Böses 
für dasselbe erklären; und ebenso an einem andern Orte ^) : 
die wahre Glückseligkeit habe nur der Philosoph, da nur 
seine Lust in einer Erfüllung mit etwas wahrhaft Wirk-: 
liebem bestehe, -und nur sie rein, und nicht an eine sie 



1) Wenn WsaiiH^sar Fiat, de summo bono docti*. S. 49 ff. glaubt« 
Ton der Lustempfindung als solcher könne diess Plato nicht 
sagen, und desswegen unter der ^Sovti hier zunächst die Be- 
gierde verstehen will , so ist dieser Sinn von Plato selbst mit 
nichts angedeutet, ausdrücklich viclmelir Phil.27i£. 41, Ddurck 
den Gegensatz der Ivntj auch die ^Sovfj auf die Lustempfindung 
bezogen. Diese ist unbegrenzt, weil sie immer mit ihren) Gegen- 
theil verknüpft ist (s. o. und Pbädo S. 60» B. Phädr. 238, £), 
daher in jedem Moment die Möglichkeit enthält, durch reinere 
Befreiung von diesem zu wachsen. 

2) IX, 58S, B — 5S7, A -y- fiustierlkber {«t die vorangehende Be- 
weisHthrung von S. 576) £ an« 

11* 



11(4. Die propädeutische Begründung 

bedingende Unlust gebunden sei; die Frage, ob die Ge- 
rechtigkeit oder die Ungerechtigkeit nützlicher sei, sei so 
lächerlich, als die, ob es zuträglicher sei, gesund oder krank 
zu sein ^). Nur eine specielle Anwendung des Unterschieds 
zwischen dem relativ und dem absolut Guten ist es auch, 
wenn Rep. I, 339 — 347 die sophistische Behauptung, dass 
die Gerechtigkeit nichts Anderes sei, als der Vortheil des 
Herrschers, tlurch die Ausschliessung der Lohndienerei von 
der Regierungskunst widerlegt wird, denn offenbar liegt 
hiebei die allgemeine Voraussetzung zu Grunde, dass die 
sittliche Thätigkeit ihren Zweck in sich selbst haben mOsse, 
nicht in ein«m ausser ihr Liegenden; und wenn ebenda- 
selbst S^ 348, B ff. der Vorzug der Gerechtigkeit- vor der 
Ungerechtigkeit weiter daraus bewiesen wird, dass nur der 
Gerechte in seinem Thun mit andern Gerechten überein* 
stimme, der Ungerechte dagegen nicht nur dem Gerechten, 
sondern auch deni Ungerechten selbst widerspreche ^), dass 
daher ohne alle' Gerechtigkeit gar kein geselliger Zustand 
uad kein gemeinsames Thun möglich sei , so weist auch 
dieses darauf zurück, dass das nur der Lust und dem Vor- 
theil dienstbare Thun innerlicher Festigkeit und Wesen* 
haftigkeit ermangelnd der Widerspruch seiner gegen sieb 
selbst sei, ^ 

Diess also erscheint in letzter Beziehung als der Grund- 
fehler der sophistischen Ethik, dass sie mit ihrer Lus^lehre 
daff Vergängliche an die Stelle des Bleibenden, den Schein 
an die Stelle des Wesens, die relativen und darum immer 
wieder in ihr Gegentheil umschlagenden Zwecke an die 
Stelle des in sich einstimmigen absoluten Zwecks setzt. Auf 
eben dieses waren aber auch die Einwendungen gegen das 
theoretische Princip der Sophistik zurückgekommen; auch 



1) Rep. JV, 445, A f. 

3) Uebrigens lässt sich hier eine in dem zweideutigen Gebrauch des 
TrA^oi^cxrcTr begründete Erschleichung nicht rerkennen. 



k 

\ 



des Platonischen Systems. 165 

bei diesem ist der Grundirrthniu die Verwechslung des 
Wesens mit der Erscheinnog, des Absoluten mit dem blos 
Relativen« Die Sophisiik ist. also nach Platonischer Anf- 
fassung überhaupt die durchgeführte Verkehrung der rieh« 
tigen Weltansicht, die systematische Verdrängung des We* 
sens durch den Schein, des wahren Wissens durch ein 
Scheinwissen, des sittlichen Handelns durch einen niedrigen, 
nur endlichen Zwecken frohnenden Eudämonismus, sie ist, 
nach der Definition am Schlüsse des Sophisten, die Kunst, 
ohne wirkliches Wissen und im Bewusstsein dieses Man- 
gels sich durch erisüsche Dialektik den Schein des Wis- 
sens zu geben, und ebenso die angewandte Sophistik, oder 
die Rhetorik ^), die Kunst, denselben Schein ganzen Volks- 
massen vorzuspiegeln, wie die Sophistik Einzelnen; oder 
wenn wir beide zusammennehmen, die Kunst des Sophisten 
besteht darin, die Launen des grossen Thiers, des Volks, 
zu Studiren und geschickt zu behandeln ^) i der Sophist ver- 
steht weder, noch besitzt er etwas von der Tugend 3), er 
ist nichts weiter, als ein KrUmer, der seine Waare an- 
preist, wie sie auch beschaffen sein möge ^), und der Red- 
ner, sfatt ein Führer des Volks zu sein, erniedrigt sich 
zu seinem Knecht^). Weit entfernt daher, dass die Sophistik 
und die Rhetorik Wirkliche Künste wären, sind sie viel- 
mehr als blosse Fertigkeiten (ifineiQiai) und näher als Theile 
der Schmeichelkunst zu bezeichnen, als Afterkünste, die 
ebenso Caricaturen der Gesetzgebnngskunst und Rechtspflege 
sind, wie die Putzkunst und Kochkunst Caricaturen der 



1) S. Soph. 268, B. Phädr. 261, A ff. Gorg.-455, A. 462, B — 466, A. 

2) Rep. VI, 493. 

3) Meno ^, A f. - 

4) Prot 313, C ff. Soph. 223, B — 226, A. 

5) Gorg. 517, B ff. Dass von diesem Urtheil auch die berühm- 
testen Staatsmänner Athens nicht. aussunebmen seien, sagt Plato 
ebd. S. 515, C ff. 



vtM Die propädeutische Begrüa^ung 

Gymnattik iiml der Arzneikmide ^) «— ein Urfheil, von dem 
Plato nur eine vorübergehende Ausnahme macht, wenn er 
im Sophisten S. 231, B ff. die prüfende und reinigende 
Kraft der Sephistik zwar andeutet, diese Andeutung aber 
aogleicb wieder, als au ehrenvoll für dieselbe, anrück» 
jiimmt. 

VerhSU es sich nun aber so mit dem, was gewöhn* 

lieh für Philosophie ausgegeben wird, und kann doeh der 

. Standpunkt des nnphilosophischen Bewusstseins ebensowenig 

genügen, worin haben wir im Gegensatz hiegegen die wahre 

Piiitoaophie zu sueheni 

Schon im Bisherigen hat sich gezeigt, dass Plato deni 
Begriff der Philosophie einen viel weitern Umfang giebt, 
als wir diess gewohnt sind ; während wir unter Philosopbb 
nur eine bestimmte Weise des Denkens zu verstehen pfle- 
gen, so ist sie dem Plato ebenso wesentlich eine Sacke 
des Lebens, ja dieses praktische Element ist bei ihm das 
Erste, die allgemeine Grundlage, ohne die er sieh das theo- 
retische gar nicht zu denken weiss« Er ateht aiieh hierin 
dem Sokrates noch nSher, dessen Philosophie noch ganz 
mit seinem persönlichen Charakter zusanimeafalk, und ist 
er auch über diese Beschränktheit des Sokratiscben Philo- 
sophirens hinausgegangen, und hat die Idee zum System 
entwickelt, so hat er doch diese Thätigkeit selbst noch 
nicjit so ausschliesslich theoretisch gefasst, wie Ariiitoteles« 
Auch bei der Frage nach der Platonischen Deduktion der 
Philosophie ist daher das Erste die Entstehung derselben 
aus dem praktischen Bedürfniss, die Darstellung des philo« 
sophischen Triebes oder des Eros, erst das Zweite die theo- 
retische Form der Philosophie, oder die philosophische Me- 
thode; durch seine Bestimmungen über diese beiden Punkte 
ist dann 3) Plato*s Gesammtansioht von der Philosophie und 
^er Bildung des Subjekts für dieselbe begründet. 

im 

1) Gorg. 462, B iL 



des Platonischen Systems. 167 

Die fiUgemeine subjektive Grandlage der Philosophie 
ist der philosophische Trieb» Wie aber dieser bei 
Bokrates nicht die reia theoretische Form des Erkenntniss« 
triebes gehabt hatte, sondern nnmittelbar das Streben war, 
philosophisches Geistesleben in Anderen zu erzeugen, so 
fasst aach Plato den philosophischen Trieb wesentlich in * 
seiner Beziehung anf die praktische Verwirklichung der 
Wahrheit auf, und bestimmt ihn d^i^halb näher als Zeu* 
gungstri.eb, oder Eros. Dass dieser Trieb im Menschen ist, 
diess begründet der Phädt'us (249, D ff.) im Allgemeinen 
mit der Sehnsucht der in's Erdenleben herabgesunkenen 
Seele^ die Urbilder, welche sie im Präexistenzzustande ge- 
schaut hatte, in der schönen Erscheinung sich zur An* 
schauong zu bringen; genauer leitet denselben das Gast- 
mahl (20 6| C ff.) aus dem Streben der sterblichen Natur 
nach Unsterblichkeit ab; indem nämlioh diese der Unver* 
änderlichkeit des göttlichen Lebens ermangelt, so entsteht 
für sie die Nothwendigkeit, durch immer neue Erzeugung 
ihrer selbst sich zu erhalten. Dieser Zengungstrieb ist die 
Liebe ^). Sofern nun diese ein Streben ist, dem Unsterb- 
lichen ähnlich zu werden, so ist ihr Gegenstand das Gute, 
oder die Glückseligkeit ^) ; sofern sie aber eben erst ein 
Streben, noch nicht der Besitz selbst ist, so setzt sie 
einen Mangel voraus; die Liebe ist also ein Mittleres zwi- 
schen Haben und Nichthaben, oder genauer der Uebergang 
von diesem ^u jenem: der Eros ist der Sohn der Penia 
und des Porös ^). Welches aber jener Besitz ist, den die 
Liebe anstrebt, diess deutet Plato schon darin an, dass er 
den Porös, den Vater des Eros, den Sohn der Metis nennt 



i) Symp. 3O69 E: iart ydp^ oi ^(uH^arsSt 00* tov uakov 6 l'goii^ ojs 
9v otH. 'uikkd ri fiTjV; JV/ff ytvpi^atws Mal xov ronov iv Wif HaXta. 
Vgl. S. 206, B. , 

2) A. a. O. a 204, E — 206, A. 

3) A. a. O.* S. 199, C — 204, B. 



168 Die propädeutische Begründuiig 

(S.203,B); denn ohne Zweifel soll damit gesagt sein, 
dass der wahre Gegenstand der Liebe der ans der Ein- 
steht entspringende, geistige Besitz sei« Bestimmter erklärt 
sich in diesem Sinne der Phädrus, wenn er die Anschauung 
der Idee in ihrem irdis<^hen Abbild als das eigentliche Ziel 
und Motiv der Liebe bezeichnet ^)« Auf das Gleiche fuhrt 
aber auch die Auffassung des Eros als Zeugungstrieb zu* 
rück, denn wenn dieser im Allgemeinen dazu dienen soll, 
der sterblichen Natur die Unsterblichkeit zu verschaffen, so 
ist die wirkliche Erreichung dieses Ziels, wie wir aus dem 
Phädo wissen ^), nur durch Zurückziehung der Seele vom 
Körper und Erfüllung derselben mit dem wahrhaft Seien* 
I den, durch Philosophie möglich. Die Liebe ist also über* 
haupt das Streben des Endlichen, sich zur Unendlichkeit 
ZU erweitem, sie ist insofern, wie der Phädrus sagt, ein 
Znstand der Begeisterung, eine ftana ^)* Dieses Streben 



1) Phfidr. 244 f. 349, D ff, 

2) S. 64 f. Tgl. Tbeät. 176, A f. Rep. IX, 585, C f. s. u. 

3) Im Obigen ist bereits die meiner Ansiebt nach richtige Erklärung 
des Mythus Symp. S. 203 angedeutet« Wenn Jahit (Diss. Fiat 
S. 64 if* 249 ff.), im Wesentlichen den Neuplatonikem folgend, 
die Metis Ton der weltbildenden Vernunft, dem Phil. 30, D er- 
wähnten ßaadtnoi vovs des Zeus deutet, den Porös und die 
Aphrodite von den Ideen des Guten und Schönen, iie Penia von 
der Materie, den Eros von der menschlichen Seele, so kann ich 
dieser Deutung nicht einmal so viel Recht einräumen, als Brav- 
ms Gr.-röm. Phil. If, a, 422 f. gethan hat; denn so unlaugbar es 
ist« dass die Bedürftigkeit der menschlichen Natur im Platonischen 
System vom Herabsinken der Seele in die Materie hergeleitet 
wird, so wenig ist doch im vorliegenden Fall durch irgend etwas 
angedeutet, dass Plato auch hier ausdrücklich auf diesen Ur- 
sprung des Endlichen hinweisen wolle, ebensowenig ist es nöthig, 
die Metis u. s. w. im kosmischen Sinn *zu fassen, der ganze My- 
thus erklärt sich vielmehr einfach und ungezwungen, wenn wir 
ihm den Sinn geben : der Eros ist der Tneb der bedürftigen end- 
lichen Natur, sich mit dem geistigen, göttlichen Gehalte (dem 
Ton der Weisheit .erzeugten Besitz) zu erfüllen, ein Trieb, der 
nur in der Anschauung des Schönen seine Befriedigung findet 



des Platonischen Systems. ]M 

Terwirklicht sich aber in einer Stofenreihe verschiedener 
Formen ^): das Erste ist die Liebe za schönen Gestalten, 
erst zu Einer, dann zu allen; eine l>5here Stufe die Liebe 
zu schonen Seelen, die sich in Erzeugung sittlicher Reden 
und Bestrebungen bethätigt, eine dritte die Liebe zu 
schönen Wissenschaften, das Aufsuchen des Schönen, wo 
es sich immer finden mag, die höchste endlich die Liebe, 
welche sich auf die reine, gestaltlose, ewige und unver- 
Itnderliche, mit nichts Endlichem oder Materiellem ver- 
mischte Schönheit, auf die Idee richtet, und in Hervorbrin* 
gung des wahren Wissens und der wahren Tugend das 
Ziel des Eros, die Unsterblichkeit allein erreicht ^)« Ist 
aber erst dieses die adäquate Verwirklichung dessen, was 
der Eros anstrebt, so zeigt sich eben hierin, dass er auch 
von Anfang an eigentlich nur hierauf gerichtet gewesen sein 
kann, und dass alle untergeordneten Stufen seiner Befrie- 
digung nur unklare und unreife Versuche w*aren, die Idee 
in ihren Abbildern zu ergreifen. Seinem wahren Wesen 



(der Gebnrtslag der Aphrodite ist auch der seinige). Die frühe* 
ren ErlilSrungen hat Jahn S. 136 ff. mit grosser Gelehrsamkeit 
gesammelt. 

1) Symp. 208« £ -< 212, A. In der unentwickeltem Darstellung 
des Phadrus S. 249) D ff« wM diese Unterscheidung kaum erst 
angedeutet, und der philosophische Trieb noth unmittelbar mit 
der sittlichen Knabenlicbe eusammeogenQmmen. 

2) Man vergl. über den letztem Punkt Symp. S. 209« A: ilal yug 
ovvj tifij, Ol xai IV raU tpvxa7s uvovoiP Ir* fiaXkov t} iv roU 
atifiaatPf a yfvxjj Trgofi^xtt xal mvrjaat nal xveip. Ti ovv itf^oitjitH y 
tpQovriüiv T$ Mctl T^v aKki}v a^irr^v u. s. w. S. 212, A: ^ qvx 
iv&vfAti, i'if,yjj or$ iptav&a [in der Anschauung der Idee] avTt^ 
ftovaxota ytPijaitatt o^wpTt ^ o^atov to »alovy rUttiv ovn ti^ 
SwXa u^er^c axt ov* tiSiukov itpanrofAiit^ ^ aXk' aXtj&^t an rov 
altf&ovs itp^'jtzofutvt^ ; Tixorrt Sa dgit^v dhj^ij nutl iff^tpafiivt^ 
vird(fx%t ^iO(fnXtl ysvia&atf nal alWsg rtjt ukX^f dr^^tunotv^ d&a^ 
vaTiff *dn%iptijf. Phädr. 248, £ (vgl. S. 256) : ii9 ftlv yd^ to avro, 
ö^cy iptu tj xffvx^ iüdattf , ovx d^mvurat iTfov ftvgiwv • ov yoQ 
nTS(fovtai nf/6 rowottov xQovov nX^y 7} rov ipiXoao^i^aavro€ ddo^ 
Xwf ij 7TaiStgf»OTf}aavT0g gistd tfnXoootfint. 



170 nie propädeutische Begtündaing 

nach ist daher der Eros der philosophische Trieb, das. Stre- 
ben nach Darstellang des absolut Schönen, nach Einbildiing 
der Idee in die Endlichkeit durch spekulatives Wissen und 
philosophisches Leben , und mir als ein Moment in der 
Entwicklung dieses Triebs ist alle Freude an irgend Wel* 
chem besonderen Schönen 'zu betrachten ^). 



() Neben der Darstellung des Phädrus und des Gastmabis konnte 
im Obigen vielleicht auch eine Berücksichtigun|f des L;fsis er- 
wartet werden. Ich muss jedoch gestehen, dass mir bei wieder- 
holter BeschäAigung mit diesem Dialog sein Werth und seine 
Aechtheit immer zweifelhafler geworden, und diese Zweifel auch 
durch die Bemerkungen von Hebmaitn (Plat. I, 447 f* u, Anmm.) 
und STALLBA.VM Plat Opp. IV, 2, 88 nicht beseiti^^t worden sind. Die- 
selben gründen sich, neben dem vielen Unplatonischen, auf das gröss- 
tenthcHs schon Ast (Piatons Leben u. SchriAen S. 431 ff) aufmerk- 
sam gemacht hat, besonders auf das Vevhältniss dieaes Gespräch« 
eum Symposion. Wenn nämlich hier S. 219) B 4^ Resultat 
gewonnen wird: 21o ovrs Hanois ovre aydltoy a^ac dta t6 mancv 
nal To ix^^ov tov dyadov tf^iXov iattp tvana rot dya&ov xal 
tpiXovy so ist dieses offenbar nichts Anderes, als die Lehre des 
Symposion über den Eros, der Satz, dass die Liebe aus einem 
anhaftenden Mangel und Bedürfniss (iid to «ctxdi» — 9td uaHov 
vuQotwia» Lys. 218) C) hervorgegangen, aber um des absolut 
Guten und Göttlichen willen (ßtd xo dya&or) auf daa Schöne im 
endlichen Daseni gerichtet (tov dya&9v tpiXor)^ nur einem swischen 
Endlichem und Unendlichem in der Mitte stehenden Wesen (dem 
övrs uaxoy ovr% dya&opy zukommen könne, weshalb denn auch 
der Satz des Symposion 203 « £ f«« dass die Götter, überhaupt 
die Weisen, nicht philosophiren, ebensowenig dhw die durchaus 
Unwissenden, sondern die zwischen beiden in der Mitte Stehen- 
den, hier S. 218, A fast mit denselben Worten wiederkehrt. Der 
Lysis setzt somit den ganzen 'Ideenkreis des Symposion voraus, 
und könnte in keinem Fall der frühen und unentwtckdten Form 
des Pktonbchen Philosophirens angehören, in die ihn HsBMiisir 
u. A. verweisen. Nur um so auffallender ist es dann aber, dass 
Plato hier, ganz gegen seine sonstige Gewohpbeit, eben Grund- 
begriff seiner Philosophie so rein formalistisch und ohne alle 
Hindeutitng auf seinen Zusammenhang mit dem übrigen System 
besprochen, dass er die Idee des Eros in den prosaischen, sonst 
erst seit Aristoteles hervortretenden Begriff der <pMa verflacht, 
dass er auf den idealen Inhalt der wahren Liebe so wenig, ak 



des Flatoaischen Systems. 171 

Der philosophische Trieb ist ind^sen erst das S f r e be « 
nach dem Besitz der Wahrheit; fragen wir nun aber wei- 
ter, welches das MiUel ist, uro wirklich zu diesem Besitz 
an kommen, so antwortet uns Plato, etwas unerwartet für 
seine gewohnlichen, enthusiastischen Verehrer ^): die dia* 
lek tische Methode. Dass diese zum philosophischen 
Trieb hinzukommen müsse, dieas ist schon im Phädrus aus- 
gesprochen, wenn hier auf die Schilderung des Eros, welche 
der erste Theil dieses Gesprächs enthält, der zweite eine 
Untersuchung über die Kunst der Rede folgen lässt ^), und 
wird auch die Nothwendigkeit jener Methode hier (8w261, 
C ff.) zunächst noch ganz äusserlich mit der Bemerkung 
begründet, dass ohne dieselbe der Zweck der Beredtsamkeit, 
die Seele nleitung, nicht zu erreichen sei, so hebt sich doch 
auch bereits diese Aeusserlichkeit der Behandlung im Ver- 
laufe (S. 266, B. 270 D) wieder auf. Tiefer gehend zeigt 
derSophfot (251, A — 253, E): da weder alle Begriffe sich 
Terbinden lassen, noch alle dieser Verbindung Widerstiebenj 
so bedürfe es einer Wissenschaft der BegriffsTerknüpfung, 
der Dialektik. Hierauf zurückweisend endlich erklärt der 
Philebus (S. 1 6, C ff.) diese Wissenschaft für die h^hsle 



auf die ihr wesentliche BeziehMog eur schönen Form hingewiesen, 
dass er auch die acht Platonische Bestimmung Lys. S. 919 wie- 
der eristisch bezweifelt, und am Ende ohne alles Resultat ge- 
schlossen haben soll. 

1) Dass dieser Fortgang sur Dialelitik schon den Meis(en von Pla- 
to's unmittelbaren Schülern unerwartet ham, sagt bei einer etwas 
andern Veranlassung Ahistotslxs bei Aristoxehüs Harmon. 
Eiern. II, Anf. S. 30 ed. Mbtb.: Ka&aTre^ 'u^gtaroM^^ ael Sirj" 
yttroy rove nltforovf rwv aHouaavTtap na^a JTlarüfyoc rtjv nsgl 
Tclyn&ov ttMQoaoiv na&eTp' ftgouivai fiiv yag exacroy vtfXafißa^ 
rovra kr/tftsadal r* rfvv voui^of/klvwv dp&Qinitivoiv dyax^iZv ort 
8^ (jfyavelfjaotp ot koyok nsQl fjM^tjfjtaTtov nal agid'/iKuv xal ytams^ 
TQiaS na) dotQt^Xoyla^y ««i to ni^aQ^ or« dya&ov iortv eV, navTS" 
Xoist oiuoth TragdioieP Tt itpa/psro avroU. 

2) S. SCBLKISRMA.CHBB Einl« zum Phadrus, besonders S. 65 f. 



172 l>i^ propSdeutische Begtünclaiig 

Gabe der Gdtter und das wahre Feuer des Prometheus, ohne 
das keine knnstmässige Behandlung irgend eines Gegen- 
Stands möglich sei. — Was sodann nfther das Wesen der 
Dialektik betrifft, so ist zunächst im Allgemeinen festzn- 
halten, dass ihr Gegenstand ausschliesslich der Begriff ist: 
sie ist das Organ, mittelst dessen der von aller sinnlichen 
Form und Voraussetsung freie reine Begriff ergriffen und 
entwickelt wird ^)« . Im Besondern besteht die dialektische 
Beschäftigung mit den Begriffen in einer doppelten Funktion^ 
der cvraytayi^ und der dtatqeaig^ d. h. der Begriffsbildung 
und der Eintheilung : das Ersf e ist, dass man das Viele der 
Erfahrung auf Einen Gat^ngsbegriff zurücksufuhren, das. 
Zweite, dass man diesen organisch (nar äq&qa, i mqivxi) 
in seine Artbegriffe zu zerlegen wisse, ohne eines seiner 
natOrlichen Glieder zu zerbrechen, oder eine wirklich vor- 
handene Gliederung zu' übergehen. Der vollendete Dialek* 
tiker ist daher, wer den durch das Viele und Getrennte 
sich hindurchziehenden Einen Begriff zu erkennen, ebenso 
umgekehrt den Einen Begriff methodisch durch die gam^e 
Stufenleiter seiner Unterarten bis zum Einzelnen herabzu* 
fOhren, und in Folge dessen das gegenseitige Verhältniss 



1) Rep. VI, 511, B (s.o. S. 150): ro toipvp 'irtgov fid^O-ava Tfitjfia 
ro^ vof^Tov Ifyovrd (At roiTro, ov avroi 6 XoyoQ ünriTat r^ tov 
Staliyta&at Svvd f*$*f rdi vTto&datiS notov/tttvoc olm d{f%d9^ 
dkXd T^ o»T$ vTTO&iüitQi Otüv fTrtßdou9 tt xal OQ/tdi^ *lva /*fX9* 
tov dvvwo&irov iirl rtjv tov navvoi dgxtj» li»Vy d^duevos avriji^ 
itdhv aZ ixoutfoi rwv ex$!vijs i%OfAivojv^ ovxoti inl Ttksvryp 
nataßaivtj aio&tjn!^ narrdnaaiv ovStvl 7r(^Q%Q(ufA%t'os ^ dli' ti9i^ 
atv avroic Si avröiv ttS avtd^ nal tsI§vT'J ««V eiStj. Rep. VlI, 
532, A : orav rte r^ SiaX^yea&at IniXHQjj^ avtv naaöiv rcuf mo^ 
^T^atotv 8id TOV Xoyov in avro o ^otiv tnaorov oQfia nal fttj 
dnoory nglv aV avro o eativ dya&op avTJj vo^au Idßfj, in mv- 
r<j» yiyvtrat tiZ tov vot^tov rilu. . . Ti olv; ov StaXexttx^wTav^ 
Tfjv T^f nofitUv xalsU ; Phileb. 58, A : die Dialektik sei 17 iibqI 
TO ov xal t6 ovTOßS ital t6 nard Tavzov du itBtpvKoi in^oT^fjLtj, 
Vgl. Pbädr. 337, 6. Sopb. 218, G. Meno 71, B und die sogleich 
weiter anzufulirenden Stellen« 



des Platonischen Systems. 173 

der Begriffe zu einander und die Möglichkeit oder Unmdg"' 
lichkeit ihrer VerknOpfung festzustellen, weiss ^). — l Diese 



1) Phädr. 265, D ff. (vgl S. 361, E besonders aber S. 777^ B): 
die Kunst der Rede habe zwei wesentliche ^estandtheile : £/c 
fiiav TB iSiav atvogdSvra äy$iv rd noXXaxjl . Sitonagfiiva , *r* 
intiOTOv ogt^ouBVos d^kov not^ mgl ov «V dil 9i9aaniiv i&iXtf^ 
und: ndXiv Max ii9ij 8vvaa^a$ Ti/tvttv^ %a%* dg^Qa^ // iri<pvxti 
Kai ß*t} iTnxitQhiv »arayvipat uamov fiaysigov rgoTUft xQfofitvov • . .. 
xal TOvS ivvafiivovS airo Sq^v »l fitv 6g&(uf 9/ fty iTQOQayogtliu 
^tos oiSty KaXt» St olv f*iX9* Tovdi SiaXennHOvS. Soph. 35 S^ D: 
To uard ylvtj dtaiguo&äi Hat /i^rt tavtov liSos ittgo» ^yV^aO'* 
&at ß*^^' kTiQOV ov Tavtcv fiöip ov r^s StaXiMruc^s tftjaofnv 
titiaxTjfjLiiQ Btvai ; • • • Ovnovv öye rovto SvvaroQ SgaVy fuav iStav 
Sid yroXXo'iVf ivoe indatov UB^fjUvov xwgU^ ndvrtj SiatstmfjLiptjv 
Iftaviui StaiaddvsTa^t nal noXXds h/gaS vno fndt H^ut^iv mgu^ 
XOfiivai i nal fiiav av St' oXwv noXXwv tv ivl ivvtjfifiivfjVy nal 
noXXds x^*9^^ ndvtij StatgtofiivaS * tovto d* iar«»', i) rt MotvwviZv 
inaara Svvatah *tal omj fitjy dtaxQivuv Matd yivos inittxao&MB» ^^ 
HavTanatfi fiiv ovv, — **uiXXd fij^v t6 yt diaXturiHQV ovnt dXXtf 
Sojam , oh iyJifiat i nX^v tta tta&agöiS ts «al Sinaiws ^iAoao- 
q>ovvTt» Phileb. 16, G ff. ol naXatol ravtr^v tpifir^v nagiSoaav^ 
(vs iS itos fiiv Mal in noXXiJav ovratv rtov dtl Xtyoftivoty §Uaf^ 
nigat dt nal dnugiav iv iavroii ^vßtpvTOv ix^vrtuv* Sttv oZv 
ijfids Tovvotv ovxot SiaHtKOOfiijfiivoip dtl (liap tSiav ntgl navxQt 
ixatnoTf (fifiivovi S^jrttr , BVQt^ativ ydg ivovaav idv ovv icara- 
Xdßtafisvy furd ftiav Svo , li' notS »totf OMonstVi sl di fii^, rgtU ij 
Tiva dXXov dgi&fiov ual twv bv imifotv [wohl : iv iuBifqt sc. rif 
na»Tl vgl. Stallbavm z. d. St Plat Phileb. 1842. S. 124] tAaoTov 

ndXtv ojoavtüiSf (1^X9* ^^Q ^^ ''^ *^^* ^9t^^ ^^ /*^ '^'^ ^^ *<<*2 
noXXd Hai dntga iari fjLOvov l'Stj Ti6f aXXd xal onioa* t^v di rov 
dntlQOv ISlav ngos to nX'^&oQ fitj ngoatpigitVf nglv dv rti rvi» 
dgi&fiov avTov ndvxa xariSt^ rov fitral^i to» dnBigov ri nal 
tov ivoi* toTs f i'^Stj to Bv Bxaotov tdüv ndvtot» Bii to diTBtQOV 
fiB&ivta ;|ra/^«<v iav. •• Td fiioa^ heisst es nachher, oh Sutmxoß^ 
Qiotat to tB StaXBntiKiue ndXtv nal to igiattnaif igfids ^otBia&ai 
nQOf dXXriXovi tov€ XoyovS. (Vgl. Polit 285 ff. Rep. V, 454, A.) 
Nur das Eine der hier im Begriff der Dialektik susammenge« 
fassten Elemente hebt die Republik hervor, wenn sie VII, 557, G 
die Anlage zur Dialektik in"^ die Fähigkeit setzt, das Einzelne zum 
Begriff zusammenzufassen (o ovronttnoi StaXButtxotf 6 Sb ^17, 
. ov) und ebd. 534, B den iiaXixttnos dcfinirt als tov Xoyov indatov 
Xafißdvovxa tijs ovalaty ebenso Rep«X, 596» A u. A. Beispiele 
der Begriffsbildung giebt Gorg. 447« G ff. Meno 74} B.ff. und 



174 Die propäaeutisclie Begrüadung • 

BestimtiiHiig ist indessen noch nach Einer Stke bin nngt« 
niigend. Dit Dialektik ist die Kunst der Begriffsbildong 
und Eintheilung, aber worin liegt die Gewähr für die Rich- 
tigkeit und Vollständigkeit dieser Operationen? Sofern un- 
mittelbar von der Vorstellung zum Begriff übergegangen 
wird, bleibt immer die Gefahr, dass dieser nur inseitig 
gefasst'sei, und darum in der weitern Anwendung Beden- 
ken und Widersprüchen unterliege. Dieser Schwierigkeit 
lässt sich nur ausweichen, wenn die Wahrheit jeder ein- 
zelnen Bestimmung von ihrem Zusammenhang mit allen 
andern , oder davon abhängig gemacht wird , dass Alles, 
was aus ihrer Annahme folgt, mit dem Ganzen des Systems 
vereinbar ist, aus ihrer Nichtannahme umgekehrt solcher 
folgen würde, das sich selbst oder anderen unumstösslichen 
Wahrheiten widerspricht» Ehe mithin eine B^timmung 
definitiv angenommen wird, mus's dieselbe zuvor in ihre 
Consequenzen entwickelt, ebenso aber auch unter Voraus- 
setzung ihrer Unwahrheit gezeigt werden, was aus ihrem 
Nichtsein folgen würde, um an diesen Consequenzen ihre 
Möglichkeit und Nothwendigkeit zu prüfen, und dieses ist 
die von Plato als dialektische Vorübung geforderte hypo- 
thetische Begriffserörterung, welche aber in ihrer voll- 
ständigen Darstellung nothwendig die Form einer antino- 
roischen Entwicklung annimmt, da sich nur durch eine solche 
neben der negativen auch die positive Nothwendigkeit einer 
Bestimmung prüfen lässt ^). So grosser Werth aber auch 



besonders Tbeä't, 146, € ff., von der Eintbeilung liandelt Sopb. 
218, E ff. Tgl. 235, C. 266, A. Polit. 262, B. Beispiele des Ver- 
fahrens bei Einlheilungen bieten eben diese Dialogen in Menge» 
1) Hauptstelle hierüber ist die de& Parmenides S. 135, C. Nach- 
dem hier Sokrates durch Einwurfe gegen die Ideenlehre in Ver- 
legenheit gebracht ist, sagt ^m Parmenides: 11^4 y**Qi ^9^^ 
yvfivaad'tjvaiy oi ^ojn^axtiy optXsa&at Ithx^iqciS xakov t$ ri xal 
9Uaiov %al dya&ov ttal tv exceoror tw'v eiSmp . . . uakf) jitv ovv 



des Platonischen Systems. 175 

von'PIato auf dieses Verfahren gelegt l^ird, so ist dasselbe 
doch nur, wie er es selbst nennt, eine Vorübung, oder ge* 
nauer, ein Moment der dialektisch«! Methode, ein Theil 
dessen, was Aristoteles die Induktion nennt, denn sein Zweck 
soll eben darin bestehen, dass die Wahrheit der Begrififo 
geprüft und ihre richtige Bestimmung möglich gemacht 



Si aavtov mal yufivaaat fiakXov dt^a tfJQ SoMOvaiji a%QtjaTOv sivat 
xal iitakorfi,hr,i vno rwv 7roXl(ny adokscxta^t <w* ^'^ »^'off t2' H 
dt fifjiOi 8ia(psri8Tai ij ak^O'sia» T/q ovv o T^vnoi, tpavah «'//«fr^ 
fisviSijy T.^t yvf^vaaias ß Ovroe, tlntiVf ovneg ^ttovaaQ Zr^vojvos 
'(die indirelfte Prüfung einer Annahme durch Entwicklung ihrer 
Consequenzcn). . . Xgi^ Si xal toSs tn 7r(f6s roir^t noislv^ (lij 
fjtovov ei, l'ativ 'ixaaxov vno&iftsvov anontiv xd avfißaiyoyra ix 
tifi vnod^ianuty dkXd xa) tl fi^ iart to avto tovto vTtotid'ta&ah 
61 ßovlH fiallov yvfivaü^fjvai — wovon sofort der ganze xweite 
Theil des Parmenides ein ausgeführtes Beispiel giebt Vgl. Phädo 
101 , D : ^i bi Ti9 tLVTfji Tfje vTro&ioewC i'xoiro , %ai(fttv io}tfS «V 
xal ovx dnoxQivato eutS av rd an ixeivT^Q OQ/ttj^ivra wxttpaiOt 
tl' aot dMßoiS ivfi(fO)vt1 7} ^MifjOitrei ; innStj Si ixBiytji avr^f 
Sioi OB diSovat koyoPy woavrme av SiSoiTjS , äkkrjv al vno&tcip 
vnod'ifitvQi , ij ri9 xmv dvut^ev fttXrioTT^ ti^ahono , 6(u9 ini 
Ti txavor il&oii u. 8. w. Meno 869 £: ovyx^if^i^f^^ ii vno^ 
^^oHoQ avTo oxoTTita&at . . Xtyo* Si ro i^ vjt&&i0a(ioe luSa « ojsirtg 
Ol ysoifiixQai nokkaxti oxorrovvtai . . ei fiiv toxi tovxo x6 xw^iov 
toiovxop ötov na^ x^v So&ttoav avxov y^fift^p naqaxtivavxa 
ikküntiv xoiovxfff X^'9^^/ oiov av avxa ro naQaxtxafnivop 7/, äkko 
XI ov^ßalt'uv uoi SoxtZ, xal akko av 9 tl dSvvaxov toxi xavxa 
Tta&etv, S. auch Rep. VII, 534« C Nur in scheinbarem Wider- 
spruch hiegegen wird im Kratylus S. 436) 0. f. auf die Bemer- 
kung : filyiaxov 8i aoi i'oxw rexfi^^ov oxt ovx to(fakxai xt/S dkrj^ 
&tiaS 6 xi&tftsvof' ov ydg av ttoxs ovrat ^vfiipojya ^v avxt^ 
aitavxa , erwiedert : dkkd xovxo fiiv « m 'ya&i Rgaxvka » ovSip 
ioxiv dnokoytjua* ti ydg to ngwxov a<paktlQ o xi&ifitvoi xäkXa 
^Sij irgoi xovx' ißid^txo xal ffivxvf ^vfufuivtiv tjvdyxaStiv^ ovSi» 
äxoTTOv . . xd koiTtd ndfinokka ^8tj ovxa ivofAtva Ofjiokoyetv dkk^^ 
koiS' SaZ df} ^tgl ti}c dgxv^ navxos ngdyfiaxßi Ttavxl dvSgl tov 
nokvv koyov tlvai xal ttjv nolkr^v oxixpiv^ tXxe ogd^ojf ti'xe /in 
vnoxtitMi' ixtir»!^ Si i^sxao^^tiojjf txavM xd komd ixtivrj <pat^ 
yto&4u tnoßfvai denn hinterher xeigt sich ja doch , dass die ein- 
seitige Vorausseteung des Kratjlns in ihren Gonsequeneen sich 
in Widersprüche verwickelt. 



17C Die propSdeatiiche BegrQnclung 

wird. Die Anwendung dieses Verfahrens auf die Voraus« 
Setzungen des nichtphilosophischen BeWusstseins ist unqiii* 
telbar ihre Widerlegung und Aufhebung in die Idee, seine 
Anwendung auf diese , wie sie im Parmenides versucht 
wird, ihre dialektische Begründung und Bestimmung; sind 
wir aber auf diesem Wege zur Idee, als dem Unbedingten, 
gelangt, so muss diese indirekte Gedankenent^icklung der 
direkten, die analytische Methode der synthetischen Platz 
machen, als deren eigenthumliche Form Plato, dem Obigen 
zufolge, die Eintheilung betrachtet ^)« 

Diess also sind die beiden wesentlichen Elemente der 
Philosophie: der philosophische Trieb oder der Elros, und 



1) Wenn BfiA.vi>is, der übrigens gerade diese Seite der Platonischen 
Dialektik scharf und richtig hervorgehoben hat, das obige /{ 
vTro&i'aiOiS oHonuv als ein höheres dialektisches Verfahren cur 
Ergänzung der Eintheilung beaeichnet (Gr.-röin. Phil. II, a, 364)« 
so kann ich nicht beslimmen« Für's Erste nämlich ist der Zweck 
desselben nicht das Auffinden eines Corrcctivs für die Einthei- 
lung, sondern die Bestimmung über die Wahrheit der v^o^/osiff, 
d. h. über die richtige Fassung der Begriflfe, von denen eine Un- 
tersuchung ausgeht, wie es denn auch nur für diesen Zweck im 
Meno und Parmenides und schon im Protagoras (S. 329, C ff.) 
angewendet wird ; sweitens sodann scheint es mir eben desswegen 
Ton den früher besproclienen Bestand t heilen der dialektischen 
Methode, der Begriflsbildung und Eintheilung, nicht wesentlich 
verschieden zu sein , sondern als die kritisch • dialektische Probe 
der richtig vorgenommenen Induktion dem ersten von diesen zu- 
zufallen. Wenn Bbasdis (S. 266 ff.) weiter die leitenden Grund- 
sätze der dialektischen Methode bei Plato aufsucht, und diese in 
den Sätzen des Widerspruchs und des zureichenden Grundes 
findet, so ist freilich richtig, dass die Folgerung, nichts Wider- 
sprechendes und Unbegründetes auszusagen, von ihm ausgesprochen, 
und eben durch seine innere Einstimmigkeit und Sicherheit das^ 
Wissen von der Vorstellung unterschieden wird (die Belege 
8. o. und bei Bbahdis a. a. 0.)$ da jedoch Plato diese Grund- 
sätze nur gelegenheitlich äussert, dieselben aber noch nicht 
als solche seiner Theorie des Wissens zu Grunde legt, so 
.dürfen auch wir sie ihm noch nicht in dieser entwickelten Form 
beilegen. 



de» Platoniscben Systems. 177 

dk philosophische Methode, die Dialektik. Die gemeinsame 
Entwicklung dieser Elemente im Subjekt ist die Entstehung 
der Philosophie selbst. Eine* Darstellung des Ganges, den 
diese Entwicklung zu nehmen hat, findet sich nach den 
unvollständigeren und einseitigeren Andeutungen des Gast- 
mahls in der Republik« Die Grundlage aller Bildung Ober* 
haupt ist nach dieser Darstellung die Musik (in dem weiteren 
Sinne, den der Grieche diesem Wort giebt) und die Gym- 
nastik; ihre harmonische Vereinigung hat die richtige Stim- 
mung der Seele, ihre Befreiung ebensowohl von Weichlichkeit, 
wie von Rohheit, hervorzubringen ^). Weit die Hauptsache 
jedoch, und die alleinige unmittelbare Vorbereitung für 
die Philosophie ist die Musik. Der letzte Zweck aller 
musikalischen Bildung ist der, dass die Zöglinge, in einer 
gesunden sittlichen Atmosphäre aufgewachsen, für alles Edle 
und Gute Sinn bekommen, und sich an seine Uebung ge* 
wohnen^); endigen aber muss die musikalische Bildung in 
der Liebe zum Schonen, die als solche rein und von aller 
störenden sinnlichen Beimischung frei ist ^). (Auch hier 
also ist der Eros der Anfang der Philosophie.) Diese Bil- 
dung ist aber noch ohne die Einsicht (den lo/o^), blosse 
Sache der unbewussten Angewöhnung ^), ihr Resultat ist 
erst die gewöhnliche, durch die richtige Vorstellung geleitete, 
noch nicht die von wissenschaftlicher Erkenntniss beherrschte 



1) Rep. II, 376, £ ff., besonders aber III, 410, 6 ff« 

2) ' Iv oiOTteQ iv vyieivif rontf» oixovvrss ot viot ino itavtoi wyeAa/i'- 
rcM, 07tv&8P UV avToiS ano rdiv naXwp i'^/yrnv tj n^oS 9\fnv i} 
9r^6 axotf» T$ ndfiQßaXrj uism^ av^ tpfgovaa ano XQ^<*^^v ^^- 
TTwv vyletavy pal tv&vS ix naiSatv lav&avjj eis Qf^oiOTTjta rt »al 
tptXiav nalivfKfwvlav rtf utalol Xoyo^ ayovaa, Rep, III, 401, C. 

3) S. 402 9 D if. 403, C: Sil Bi nov teXevrav td f*ovotxd tis ra 
tov KaXov i^iorma, 

4) S. Anm. 2. Rep. III, 402, A. VII, 522i A (die imisikaliscbe BiU 
diin^ sei t&%ai> itai$6vov9a — . ovn intonjfAT^v naoaStiovaa '•^ •'ud-m 
^ijfAa ovdiv Tf» iv avty). 

DU PhUoMphU d«r GmcbM. II. Tb«U. 12 



17S I^ie propädeutische Begründung 

philosophitcbe Tugend ^). Damit diese entsteig) mass zo 
der musikalischen die wissenschaftliche Bildung hitizukom« 
men. Der höchste Gegenstand der Wissenschaft aber ist 
(s. u.) die Idee des Guten, und die Hinlenkung des. Geistes 
zu dieser Idee ihre höchste Aufgabe, Allerdings wird nun 
die Hinwendung zum wahrhaft Seienden dem geistigen Auge 
für den Anfang nicht minder schmerzhaft sein, als der An* 
blick des vollen Sonnenlichts dem, welcher sein ganzes 
Leben in einer dunkeln Höhle zugebracht hätte, allerdings 
^ird auch der, welcher das Seiende zu schauen gewohnt 
ist, in dem Zwielichte der Erscheinungswelt zuerst nur 
unsicher tappen , und so denen , die in diesem zu -Hause 
sind, eine Zeit lang als ein unwissender und unbrauch* 
barer Mensch erscheinen; was aber 'daraus folgt, ist nicht, 
dass die Hinwendung zur vollen Wahrheit ganz unterbleiben, 
sondern nur, dass sie durch die naturgeroässen Vorstufen 
vermittelt sein soll ^). Diese Vorstufen sind alle dieje« 
nigen Wissenschaften, welche den Gedanken noch in der 
sinnlichen Form selbst aufzeigen, ebendamit aber dieWi* 
4ersprüche und das Unbefriedigende der sinnlichen Vor« 
Stellung zum Bewusstsein bringen, d, h. die mathematischen 
Wissenschaften, Mechanik, Astronomie und Akustik mit 
eingeschlossen, denn wje der Gegenstand dieser Wissen-» 
Schäften nach Plato zwischen der Idee und der sinnlichen 
Erscheinung in der Mitte liegt (s« u«), so sind auch sie 
selbst ein Mittleres zwischen dem am Sinnlichen haftenden 
Bewusstsein (der do^a) und der reinen Wissenschaft (inicr^fn^)^ 
Welches von Plato mit dem Namen der diapoia (des reflek- 
tirenden Denkens) bezeichnet wird : von der Vorstellung 
unterscheidet sie diess, dass sie sich mit dem Wesen der 
Dinge, mit dem hinter der Vielheit verschiedener und wi-* 



1) Vgl. aach Symp. 202, A. 

2) Rep. VI, 504, E ff. VII, 614, A-519, Bj vgl Theät 173, C f, 
175, ß ff. 



deflLPlatoaiachen Systems. 179 

dersprecbender Wahraehmongen liegenden GemeinsaMe« 
und Unveränderlichen beschäftigen, von der Wissenschaft 
im eigentlichen Sinne diess, dass sie die Idee nicht reiil 
für sich, sondern erst am Sinnlichen zum Bewusstsein brin* 
gen, dass sie darum noch an gewisse dogmatische Voraus» 
Setzungen gebunden sind, statt sich von diesen dialektische 
Rechenschaft abzulegen, und sie dadurch in den voraos* 
setzungslosen Anfang von Allem aufzuheben ^). Sollen 
aber freilich die mathematischen Wissenschaften diesen 
Nutzen . gewähren , so müssen sie anders, als gewöhnlieb, 
behandelt werden : statt sie nur um des praktischen Gebrauchs 
willen und nur in ihrer Anwendung auf das Körperliche zu 
betreiben, müsste eben die Ueberführung vom Sinnlichen 
zum Gedanken als ihr eigentlicher Zweck herausgehoben, 
und ans diesem Grunde die reine Betrachtung der Zahl, 
Grosse n. s. f. zu ihrem Hauptgegenstand gemacht werden, 
es müsste mit Einem Wort an die Stelle der empirische^ 
Behandlung dieser Wissenschaften die philosophische treten ^). 
Geschieht dieses, so führen sie noth wendig zur Dialektik 
hin, welche als die höchste tind beste aller Wissenschaften 



1) Rep.. VI, 510, B it VII, 533, A -. 534, VIT, 523, A ff. s. auch 
Symp. 210, G ff. 211, C. In der Terminologie blieb sieb übri- 
gens Piato auch hier nicht gleich; was er in der Bep. SidvQta 
nennt, iiennt er bei Abist. De an. I, 2. 404, b, 21 (vgl. auch 
Symp. 210, G. Tim. 37, G) in^Qtri^tjy die höchste Stufe dagegen 
vovQ. — Wenn Bhabdis a« a. O. S. 27Q die Frage aufwirft: ob 
Plato zur didvota ausschliesslich die Mathematik rechne, oder 
nicht? so hätte er sich noch zweifelloser, als er gethan hat, für 
das Erstere entscheiden dürfen, da mit den bestimmten Erklä» 
rungen des Philosophen (Bep. VII, 522, A—G. 533, B) die GoAr 
Sequenz des Systems zusammentrifit : gelten dem Plato die mathe- 
matischen Gesetze, wie wir unten sehen werden, für die alleinige 
Vermittlung zwischen der Idee und Erscheinung, so kann auch 
nur das Wissen von diesen Gesetzen das Vermittelnde twiachen 
der W^issenscbaft der Idee und der Vorstellung sein, 

S) Bep. VII, 525, B ff. 527, A. 529. 531, B. Phileb. 56, D fil rgl. 
auch Tinu 91, £« 

12* 



180 I^ie propädeutische Begründung 

den ScblasBStein derselben bildet, welche anch allein die 
übrigen Wissenscbaften alle begreift nnd richtig anwenden 

lehrt 0- 

In dieser ganzen Darstellung tritt nun dfe Einheit und 
das innere Verhältoiss der beiden Elemente, welche das 
Wesen der Philosophie ausmachen, des praktischen und 
theoretischen, weit stärker hervor, als diess sonst gewöhn* 
lieh der Fall ist. Wird sonst bald der Eros, bald die Dia* 
lektik als das Wesen der Philosophie bezeichnet, so ist 
hier auts Bestimmteste gesagt, dass die blosse Liebe zum 
Schönen ohne die wissenschaftliche Bildung ungenügend, 
diese ohne' jene unmöglich sei; beide verhalten sich so 
nur als verschiedene Stufen Eines Processes, und auch die 
Dialektik ist nicht mehr blosse Sache des Erkennens, son* 
dem ebenso praktischer Natur, Hinwendung des ganzen 
Menschen zum Ideellen. War dahec im Gastmahl, in der 
Beschreibung, die Alcibiades von seinem Verhältniss zu 
Sokrates macht ^) , der Schmerz der philosophischen Wie- 
dergeburt als eine Wirkung der philosophischen Liebe dar- 
gestellt worden, so erscheint derselbe hier als eine Folge 
der dialektischen Erhebubg zur Idee, und hatte der Phädrus 
die philosophische Liebe als eine fiavia geschildert, so 
wird in Wahrheit das Gleiche hier von der Beschäftigung 
mit, der Dialektik ausgesagt, wenn bemerkt ist, dass dieses 
Studium für den Anfang zu Geschäften des praktischen Le- 
bens untauglich mache, denn eben darin besteht jene (lanuy 
dass dem von der Anschauung des Ideellen trunkenen Blick 
die endlichen Zusammenhänge nnd Verhältnisse verschwin- 
den ^. Praktisches und Theoretisches sind so schlechthin 



1) S. u. S. 182, 3. 

2) S. 215, E ff. 8. o. S. 68, 1. 

3) Ebendahin gehört die bekannte Erklärung des Theatet 155 , D, 
dass die Verwunderung der Anfang aller Philosophie sei, denn 
unter der Verwunderung ist hier, wie das Vorhergehende seigt^ 



des Platonischen Systems. 1^1* 

ineinander: wie nach der obigen Darstellung ^) zur philo- 
sophischen Erkenntniss nur föhig sein soll, wer die prak- 
tische Lossagung vom Sinnlichen frühe gelernt hat, so wird 
umgekehrt Rep« X, 611, I) ff* die Philosophie als die 
Erhebung des ganzen Menschen aus dem Ocean der Sinn- 
lichkeit, als die Abschälung der an die Seele angewach- 
senen Muscheln und Tange, und ebenso Phädo 64 ff. als 
die praktische wie ti;ieoretische Befreiung von der Herrschaft 
des Körpers, als das Sterben des inneren Menschen beschrie- 
ben, und als das Mittel zu dieser Befreiung wird die den- 
kende Abstraktion von den sinnlichen Eindrucken angegeben. 
Wie sieh aber so der Gegensatz des theoretischen und 
d^ praktischen Verhaltens zur Wahrheit in der Philosophie 
aufhebt, so gehen in derselben auch die Unterschiede des 
theoretischen Erkennens zur Einheit zusammen. Was in 
der sinnlichen Anschauung, in der Vorstellung und im re. 
flektirenden Denken (didvoia) Wahres, ist, das ist in .die 
Philosophie, als das reine Denken, mit aufgenommen^ da 
sie die Idee, deren theilweise und verworrene Anschauung 
schon den niedrigem Formen des Erkennens allein einen 
Inhalt und einen relativen Antheil an der Wahrheit ver- 
leiht ^), in ihrer Reinheit und Vollständigkeit ergreift. Die 
Philosophie ist aus diesem Grund« nicht eine Wissensqhaft 
neben andern Wissenschaften, sondern sie ist die Wissen- 
schaft schlechthin, die allein adäquate Weise des Erkennens, 
in die auch alle relativen Wissenschaften hineinfallen, so 
bald sie auf die rechte Weise betrieben werden; denn 
unterscheidet auch Plato die mathematischen Wissenschaften 
als eine Vorstufe der Philosophie von dieser selbst 3), so 

die Verwirrung des Bewusstseins durch die Wahrnehmung der 
Widersprüche der Vorstellung zu yerstchen. 

1) Vgl. auch Rep. VII, 519, A f, 

2) Den Beweis hiefiir werden die zwei folgenden Paragraphen 
liefern. 

3) Rep. VI, 510, B ff. VII, 523 ff. 533 f. (s. o.) Eulhyd. 290, B. 



r 



]82 Die propädeutische Begründung 

sagt er doch ebonso bestimmt auch, dass es nar eine fehler** 
hafte Behandlung dieser Wissenschaften sei, was jenen Un- 
terschied begründe ^), dass dieselben, richtig betrieben, 
mit zur philosophischen Propädeutik gehören ^) ,' dass sie 
alle in der Dialektik ihren Abschluss finden, und so lange 
werthlos seien, als sie nicht dem Dialektiker lum Gebrauch 
fibergeben werden ^), dass ihr ganzer Inhalt neben der 
wissenschaftlich ungenügenden mathematischen auch eine 
rein begriffliche Behandlung zulasse ^). Ja selbst die hand- 

.p V 

1) Rep. VII, 525, B: es soll den Wächtern geboten werden inl 

irrt ^/av r^ff rciv a^i&fifSv (pvatoi^ d(pimuvtat rfj roi^on avr//* 
sie sollen (S. 525, D) nicht mehr o^ard ^ dura otu^xvL i'xov^ 
ras d^i&f*ov^ nQOTtipta&ai^ sondern ro cV iaop re 'inaoiov ixdv 
navtl nai ovSt aijn%(f6v Siaq)i^i\ fiogiov tb h'xoif iv iavrtf oiSiy^ 
die richtig 1>etriebene Astronomie soll (529, G f.) den Lauf der 
Gestirne nur als Beispiel* benutzen riuv dlff&^vdlvj de ro ov td- 
XOS ttal ij ovaa fi^aSt^i^f iv tt$ dktj^nia d^d'fita nal naa&^TOiS 
dXrj&iat axi^fictai tpo^ds rs tt^os äXXijka (pi^svai naX rd ivovra 
ipigti, Phileb. 56, D : oi /lep ydg nov fiovddm dvlaoii itaragi^^ 
. fiovvrai rwv lii^i d^i^fiovy oIop or^tcntkda Svo aal flove Bio 
ttal Svo r« ofim^oTara tj nal td idvrmP fiiytoxa' o« ^ ovn oy 
ifOTS atTüti ovvaxoXovd'f^aHav ^ tl fij^ fiovdSa fAOvdSof iitdavijQ 
Ttuv ftvQtutv /titjdtfAiav dllfjv dlltjS Sia(fiQovodv xiQ d'ijaet — die 
SO bebandelten mathematischen Wissenschaften aber sind ai ntgl 
r^v vtuv oi'TwS (fiXoaotpouvTfuv o^ffii^v (ebd. 57, C}. 

2) S. o. und Rep. VII, 532, C. 

3) Rep. VII, 534, E: *j4q oIp Soxtt aol dioirsg &qiyx6s (Schluss- 
stein) TOiS ftad^ij/naatv 17 SialtnriÄij ^fuv indrat 9Utad'ai ; u. s. tvC 
Ebd. 531, C: Olfiai 3iy 9 ^v S* iytv^ ttal 17 rovvmv vdvrwv dp 
i&6ktjlv&afjtp» fiff&oBoi idv fiiv inl trjv dlXtjkuiv noivoiviav dtpUif^ 
ra* ttal l^vyy^vftavy ttat ivkXoyta&ff ravra »; «arir dkktjlotf oiMStat 
«pignp r» avTviv fiS a ßovkofts&a rrjv ngayfiarstav ua» ovtt dvo- 
vfjta n^vstQ^ati si Si fiy^ dvovrJTo» Phileb. 58, A : die Dialektik 
sei die Wissenschaft, ^ ndaav tijp y» pvv ktyof^^vtfv (Arithmetik, 
Geometrie u. s. f.) ypoiij. Euthyd. 290, B f. 0/ ^ av ytütfiitgat 
twl Ol doTQOPO/iot nal ol koyianttol , . . naf^adiBoao^ iiproo toU 
StakiHTixoii uarax^fjo&ai avTiup toiC §vgi^/saatVf oqoi ye avT<op 
/A^ itawaTtooiv dpotjrol siatv, 

4) S. o. A. 1. Bep. VI, 511, B f. (oben S. 172) vgl. Phileb. 62, 
A. Phädo 100, B ff. 



d€8 Platonischen Systems. ISS 

werkBMässigeii Künste^ so wegv^erfend sie auch in der "Re^ 
publik (VII, 522, B) als banaasisch beseitigt werden, nnd 
so wenig ihnen Plato auch wirklich Werth beilegte, gehören 
doch mit dem relativen Antheil an der Wahrheit, der ihnen 
anderwärts zugestanden wird, gleichfalls si^r philosophischen 
Propädeutik ^). Die Philosophie ist also mit Einem Wort 
der Brennpunkt, in welchem alle im menschlichen Vorstellen 
nnd Thun vereinzelten Strahlen der Wahrheit zur Einheit 
zusammengehen, sie ist die absolute Vollendung des gei« 
stigen Lebens überhaupt,, die königliche Kunst, welche So* 
krates im Euthydem ^) sucht, in der das Herrorbringen 
nnd das Wissen um den Gebrauch des Hervorgebrachten 
zusammenfällt; dass sie diess aber ist, diess hat sie der 
ihr etgenthümlioheii Weise des Erkennens, der in ihr voll- 
brachten Erhebung des philosophischen Tnebs zum be* 
Wussten, begrifflichen Wissen zu verdanken. 

Dabei ist sich nun Plato recht wohl bewusst, dan 
sich die Philosophie in der Wirklichkeit nie schlechthin 
vollendet darstellt. Schon im Phädrus (278, D) verwirft 
er es, dass einem' Menschen der Name des Weisen beige* 
legt werde, weil dieser nur Gott zukomme, ebenso erklärt 
ei* im Farmenides (134, C), dass nur Gott das vollkom- 
mene Wissen habe, und verlangt aus diesem Grunde in 
einer berühmt gewordenen Stelle des Theätet (S. 176,B) 
nicht Göttlichkeit, sondern nur möglichste Gottähnlichkeit 
vom Menschen; nodh weniger findet er es denkbar, dass 
die Seele während des irdischen Lebens, unter den nnauf* 
hörlichen störenden Einflüssen des Körpers, zur reinen An- 
schauung der Wahrheit gelange 3); er will desshalb auch 
ausdrücklich das Streben nach Weisheit, oder den philo- 
sophischen Trieb, nicht blos von der Anlage des Menschen 



1) Symp. 209^ A. Philcb» 55,C ff. vgl. Rittsb Gesch. d. Phil II» 237. 

2) S. 289, B. 291, B. 

3) Phädo 66, B ff. 



184 Die propädeut BLegründun^ d. Plat« Systems. 

sar Weisheit, sondern ebenso auch Toni Gefühl der Uar 
wissenheit ableiten ^), und bekennt, dass der höchste Ge« 
genstand des Wissens, das Gute oder die Gottheit, vom 
Denken nui^ mit Mühe erreicht und nur in besonders gün- 
stigen Momenten geschaut werde ^). Nur folgt daraus kei* 
neswegs, dass ihm auch das, was er selbst Philosophie nennt, 
und in der oben angegebenen Weise schildert, nur ein 
unwirkliches Ideal sei, dass er nur der göttlichen Wissen- 
schaft jene hohe Bedeutung und jenen unbeschränkten Um» 
fang gebe, die menschliche dagegen nur als eine Weise 
des Geisteslebens neben andern gleichfalls nützlichen und 
guten Thätigkeiten betrachte ^). Gerade die menschliche, 
aus dem philosophischen Trieb durch eine lange Reihe von 
Vermittlungen sich entwickelnde Wissenschaft ist es ja, 
der er im Gastmahl und der Republik jene hohe Stellung 
anweist, für deren Entwicklung im Subjekt er ebendaselbst 
ausführliche Anleitung giebt, auf die er den gansen Orga- 
nismus seines Staats gründet, ohne deren Herrschaft er 
kein Ende des Eilends für die Menschheit absieht. Die philo- 
sophische Genügsamkeit unserer Tage, welche an dem klein- 
sten Fleckchen froh ist, das für den Gedanken abfällt, 
-warPlato fremd, ihm ist die Philosophie die Totalität aller 
geistigen Thätigkeiten in ihrer vollendeten Entwicklung, 
die allein adäquate Verwirklichung der vernünftigen Natur 
des Menschen , die Herrscherin , der alle andern Gebiete 

I 

SU dienen haben, und von der allein sie den ihnen beschie- 
denen Antheil an der Wahrheit zu Lehen tragen. 

Wie nun Plato diesen Begriff der Philosophie gewinnt, 
haben wir gesehen ; wie er ihn in der Entwicklung seines 
Systems zu verwirkliche^n strebt, muss sofort gezeigt wer- 
den« Wir unterscheiden für diesen Zweck dem früher Be- 



1) S. o. S. 167. '170, 1. 

2) Rep. VI, 506, E. VII, 517, B. Tim. 28, C Phädr. 248, A. 

3) RiTTEB Gesch. d. Phü. II, 222 ff. 



Bie Platoniscbe Dialektik 186 

merkteii gemSss die Dialektik oder die Lehre roa der Idee, 
üe Physik oder die Lehre tod der Erscheinung der Idee 
in der Naturi die Ethik, oder die Lehre von der, DarsteU 
Imig der Idee durch's menschlicjie Handeln; anhangsweise 
ist dann noch die Frage über das Verhältniss der Plato« 
nischen Philosophie zur Religion su untersuchen. 

§. 20. 

Die Platonische Dialektik oder die Ideenlehre. 

Der eigentliche und ursprüngliche Inhalt der Philo- 
sophie sind dem Plato, wie wir bereits wissen, die Begriffe, 
da sie allein das wahrhaft Seiende^ das Wesen der Dinge 
sum Inhalt haben. Auch in der Construction des Systems 
mnss ihm daher die Untersuchung über die Begriffe als 
solche, die Dialektik im engern Sinne, das Erste sein; erst 
auf den Grund, den sie gelegt hat, kann die philosophische 
Betrachtung der Natur und des menschlichen Lebens ge- 
baut werden. Für diese Untersuchung selbst handelt es sich 
um dreierlei: die Ableitung der Ideen, ihren allgemeinen 
Begriff, und die Ausbreitung dieses Begriffs zu öiner orga- 
nisirten Vielheit, einer Ideen\i'elt. 

Der Beweis für die Annahme der Ideen knüpft sich 
bei Plato zunächst an seine Ansicht von der Natur des Wissens 
und dem Unterschiede desselben von der Wahrnehmung 
und Vorstellung. Indem er die Sokratische Lehre festhielt 
und weiter ausführte, dass nur das begriffliche Wissen ein 
wahres Wissen sei, so ergab sich ihm unmittelbar hieraus 
die weitere Folgerung, dass auch nur das im Begriff er- 
kannte Wesen der Dinge ihr wahres Wesen und das wahr- 
haft Wirkliche überhaupt sei« Diesen Zusammenhang hat 
Plato selbst mit grosser Bestimmtheit ausgesprochen. Schon 
der Phädrus S. 247, C sagt, das wahre Wissen könne sich 
nur auf die allein dem Denken zugängliche, färb- gestalt«" 



n 



I8i Dfe Platonische Dialektik. 

und stofflot», absolut wirkliche (ofTmg avaa) Wesenheit be«« 
lieben« Genauer zeigt der KratylusS. 439, C ff. und ähnlick 
der Sophist 249, Bf«: wenn es überhaupt ein Wissen geben 
solte, so müsse es auch einen festen und unreränderliohen 
Gegenstand d^ Wissens geben, denn ohne einen solchen 
würde auch das Wissen' selbst sich verändern, mithin ^) 
Wissen zu sein aufhören, und vielleicht hierauf zurück- 
sehend^) der Parmenides 135, Bf.: die Wirklichkeit der 

I 

Ideen läagnen heisse alle wissenschaftliche Untersuchung^) 
von Grund aus vernichten. In demselben Sinne bemerkt 
die Republik y, 476, E ff.: wer erkenne, ^ier erkenne noth- 
wendig ein Seiendes, so viel daher. das Denken von wirk- 
licher Erkenntniss, so viel und nicht mehr «juthalte der 
Gegenstand desselben von wirklichem Sein; die libsolute 
Unwissenheit könne nur das absolut Nichtseiende zum Ob- 
jekt haben, das Wissen, als die absolute Weise des Elr- 
kennens, nur das absolut Seiende, die Vorstellung dagegen, 
als ein Mittleres zwischen Wissen und Nichtwissen, müsse 
es mit dem zwischen Sein und Nichtsein in der Mitte Lie-* 
genden zu thun haben. Abschliessend erklärt' endlich der 
Timäus ölfCS.: wenn das Wissen (vovg) und die rieh-* 
tige Vorstellung specifisch verschieden (dio yiftf) seien, so 
müssen die niclit mit den Sinnen, sondern nur mit dem Den- 
ken erfassbaren Begriff^ schlechterdings etwas an und für 
sich Wirkliches sein; und da nun dem so sei, so' lasse 
sich das Zugeständniss nicht umgehen, dass der sich gleioh- 
bleilK^nde, ungewordene und unvergängliche, weder Ande- 
res von aussenher in sich aufnehmende, noch sich an An- 
deres entänssernde Begriff, welcher allein vom Denken 
erkannt wird, von der ihm gleichnamigen und fthidichen 



1) Vgl. Meno 97, C ff. 

2) Eine Bemerkung, durch welche auch die Untersuchung in mei- 
nen Plat Stud. S. 183 ff. eine kleine Ergänzung erhält. 

S) Eigentlich: das Vermögen derselben (t^ tov 9&aX^yia&at Svvafinp). 



Di« Platonisch« Dialektik. IST 

•innlichen Etscheinung %u antersthelden sei, die dem Wer* 
den und Vergehen, dei^ Ränndichkeit und der bestftiidigeD 
Bewegung unterworfen, nur durch Wahrnehmung und Vor- 
stellung ergriffen werde« Der gleiche Gedanke, nur mehr 
praktisch gewendet, ist es aber aucf), wenn das Symposiott 
S. 210 die Anschauung der reinen an und für sich seien- 
den Schönheit als die naturgemässe Vollendung des philo* 
sophischen Eros darstellt, und der Phädo S. 65f«,seigf, 
wie die Wahrheit und das Wesen der Dinge nur durch 
Lossagung vom Körper und seinen Sinnen rein erkannt werden 
Dasselbe, was hier aus der Idee, des Wissens abge- 
leitet wird, folgt aber nach Plato auch aus der Betrach« 
tung des Seins: wie die Forderung einelr Sicherheit der 
Erkenntniss direkt auf die absolute Wirklichkeit der Be- 
griffe hinweist, so wird ebendieselbe durch die Uowahrhek 
der sinnlichen Existenz indirekt bewiesen. Alles Sinnliche 
ist ein Werdendes, der Zweck des Werdens aber ist das 
Sein ^>. Alles Sinnliche ist ein Vielfaches und Gethelltes, 
das Wesen desselben aber kann nur das den Vielen Ge- 
meinsame ausmachen, welches die Vielen allein zu dem 
macht, was sie sind, selbst aber eben als dieses Gemein- 
same von ihnen verschieden sein muss (Parm. 1 32, A« Phädo 
74, A ff.)« Oder wie diess genauer entwickelt wird ^): kein 
Einzelding stellt sein Weseu' rein dar, sondern jedes ist 
das, was es ist, nur zugleich mit seinem Gegentheil: das 
Tiele Gerechte ist zugleich auch ungerecht, das viele Schöne 
zugleich auch hässlich u. s. f. Dieses Alles daher Ist nur 
als ein Mittleres zwischen Sein und Nichtsein zu betrach* 
^0, die reine und volle Wirklichkeit dagegen können wir 
nur dem Einen sich selbst gleichen, über allen Gegensatz 



1) PhiL 54^ B: 0fjfAl dtj ... knaortjv yivsaiv alhjp aklijQ öiaias 
TiPos ixauTtji svtica ylyviod'aiy SvfiTtaaav Si yivtaiv ovaiaQ evixa 
yiyvtc&ai ^vfindatjs. 

i) Rep. V, 479, A ff. vgl Phado 74, D ff. 



"^ 



188 Die Platonische Dialektik. 

and alle Bescliränkong erhabenen an and för sich SchSnen 
n. s. f. zugestehen. Es mnss, wie es auch heisst (Tim. 27, D f.), 
unterschieden werden zwischen dem, was immer ist und 
nie wird, und dem was immer im Werden ist und es nie 
zum Sein bringt. Jenes, da es sich immer gleich bleibt, 
lässt isich darcb vernünftiges Denken erfassen, dieses, da 
es entsteht und vergeht, ohnö je wahrhaft zu sein, nur 
durch Meinung und Wahrnehmung ohne Einsicht vorsteU 
len; jenes (S. 28, A ff.) ist das Urbild, dieses das Abbild. 
Eine dialektische Ausführung dieser Gedanken versucht der 
Sophist, und vollständiger der Parmenides. Jener (S. 243, B ff. 
246, E ff.) beweist der Lehre von einer ursprünglichen 
Vielheit des Seins gegenüber aus dem Begriffe des Seins 
selbst, dass Alles, sofern ihm das Sein zukommt^ insofern 
auch Eines sei, dem Materialismus gegenüber aus der That« 
Sache der sittlichen und geistigen Zustände,^ dass es noch 
ein anderes, als das sinnliche Sein geben müsse, und weist 
schliesslich dadurch, dass er den Begriff des Seins durch 
den der Kraft definirt ^) , auf die alleinige Wirklichkeit 
des geistigen Seins hin. In allgemein logischer Fassung 
nimmt der Parmenides S. 137 ff. die Frage auf, wenn er 
sowohl die Annahme, dass das Eins ist, als die, dass es 
nicht ist, in ihre Consequenzen entwickelt, und indem nun 
diese so ausfallen, dass sich aus dem Sein des Eins nur 
bedingungsweise, aus den^ Nichtsein desselben dagegen 
schlechthin Widersprüche ergeben, so zeigt er ebendamit, 
dass ohne das Eine absolute Sein weder das Denken die- 
ses Einen, noch das Sein des Vielen möglich wäre, so 
wenig auch die eleatische Fassung des Einen Seins genüge, 
und so noth wendig von^der abstrakten Einheit desselben 



1) Soph. 247« D: uiiy<o ii^ ro ual onoiavovv r^va Hinriifiivov Sv^ 
va/Aiv SIT eis ro np$BiP czbqov otmvv netpvttos «tr* eie ro na&tiv 
.... Ttav Tovre ovvtoQ slvat* rt&sfiai yd^ o^v o^i^t&v rd oVrce, cJff 
lanv ovxaXXo r< nli^v SvvafuQ, 



Die Platonische Dialektili. 189 

zar Idee fortgegangen werden müsse ^). Der eigentliche 
Zusammenhang der Platonischen Lehca tritt aber allerdings 
in der Darstellung der Republik und des Timäus klarer 
hervor. 

Fassen wir Alles zusammen, so gründet sieh die Pia* 
tonische Ideenlehre auf die zwei Momente, dass dem Ur- 
heber derselben ohne die an und für sich wirklichen Be* 
griffe weder ein wahres Wissen, noch ein wahres Sein 
möglich erscheint. Beides fliesst übrigens in einander, denn 
auch das Wissen ist nach dem Obigen ohne die Ideeif nur 
desshalb nicht möglich, weil das sinnliche Dasein in sei- 
ner endlosen Veränderung und seiner zwischen dem Sein 
und dem Nichtsein schwebenden Unbestimmtheit der Ste- 
tigkeit und Widerspruchslosigkeit entbehrt, ohne die kein 
Wissen denkbar ist/ Auf dasselbe führen aber auch die 
Platonischen Beweise für die Ideenlehre 'zurück, die Aki- 
STOTELES in der Schrift von den Ideen dargestellt hatte, 
so weit wir dieselben aus der Aristotelischen Metaphysik 
I, 9 und Alexanders Commentar dazu noch kennen ^). 
Der erst'e von diesen, die Xoyoi ix r£p imarrjucSp^ fällt mit 
dem oben entwickelten aus der Beziehung alles Wissens 
auf die sich gleichbleibenden Begriffe zusammen ; der zweite, 
x6 iv ini noXXäv, beruht auf dem Gedanken, dass das ge* 
theilte und veräpderliche Sein ein einiges und bleibendes 
voraussetze ; derselbe Gedanke, nur psychologisch gewendet, 
liegt auch dem dritten (to poeip ri q^dagevtcov) zu Grunde, 
welcher das Fürsichsein der Ideen daraus beweist, dass 
der allgemeine Begriff in der Seele bleibe, auch wenn die 
Erscheinung zu Grunde gehe. Auch zwei Beweise, die 



1) tJeber diese Auffassung des ParmeDides vgl. meine Abhandlung 
in den Piaton. Stud. S. 159 ff., £u deren Vertbeidigung und Er* 
gansung icb in einem Anbang su dem gegenwärtigen Abscbnitt 
Einiges beifuge* 

2) Ihre Darstellung in mefaien Plat; Stud. S. 232 f. 



19f Pie PUtonitche Dialektik. 

Alexandi» weiter anfShtt, dafts Dioge, den«« gleiche PrS* 
dikate lukommen, dem gleichen Urbild nachgebildet sein 
müssen, and dass Dinge, die einander ähnlich sind, dieas 
nur durch Theilnahme an einem Gemeinsamen sein kön* 
nen, treffen mit dem oben aus Parm. 132* Phädo 74 An- 
geführten zusammen. Der letzte Grurid der Ideenlehre liegt 
mithin in der Ueberzeugung, dass nicht dem Widerspruchs* 
voll getheilten und sich verändernden sinnlichen Dasein, 
sondern nur dem Einen und sich gleich bleibenden Wesen 
der -Dinge, den allgemeinen Begriffen wahre Realität zu* 
komme. 

Aus dieser Ableitung der Ideen muss sich nun aueh er* 
geben, wie die Annahme derselben mit PIato*s geschieht* 
lieber Stellung zusammenhängt. Schon Aristoteles ver« 
weist uns in dieser Beziehung neben seinem Verhältniss 
zu Sokrates theils auf den Einfluss der Heraklitischen, 
theils auf den der pythagoreischen und eleatischen Philo- 
sophie. „Auf die genannten Systeme, safft er^), folgten die 
Untersuchungen Plato*s, welche zwar in den meisten Pui^k« 
ten sich an diese (die Pythagoreer ^- doch bat Arist. wohl 
auch die Eleaten mit im Sinne) anschlössen, in Einigem 
aber auch von der italischen Philosophie abwichen. Denn 
von Jugend auf vertraut mit Kratylus und der Herakli^ 
tischen Lehre, dass alles Sinnliche in beständigem Flusse 
und kein Wissen davon möglich sei, blieb er dieser An* 
sieht auch in der Folge getreu; zugleich aber eignete er 
sich die Sokratische Philosophie an, welche sich mit Un* 
tersuchungen über ethische Gegenstände, mit Ausschluss 
der allgemein naturwissenschaftlichen Fragen beschäftigte, 
in diesen jedoch das Allgemeine suchte, und dem Denken 
zuerst die Richtung auf die Begriffsbestimmungen gab, und 
so kam er zu der Ansicht, dass sich dieses Thun auf ein 



i) Metapb. ^ 6, Anf« vgl, XHI, 9. iOS6, s, $S ff. 



Die Platonische Dialektik 191 

Anderes als das Sinitliche beziehe; deno anmögtich könne 
die allgemeine Bestimmang eines von den sinnlichen Din- 
gen zum Gegenstand haben , da sich ja diese immer ver* 
ändern. Er nan nanhte diese Klasse des Seienden Ideen ; 
von den sinnlichen Dingen aber behauptete er, sie bestehen 
neben diesen, und werden nach ihnen genannt; denn das 
Viele den Ideen Gleichnamige sei dieses vermöge der Theil- 
nähme an den Ideen. Das Letztere ist übrigens nur ein 
veränderter Ausdruck für die pytbagofeische Lehre, dass 
die Dinge Abbilder der Zahlen seien/' „Ausserdem (fügt 
Arist. am Schlüsse des Kap« noch bei) theilte er auch je 
einem von seinen zwei Elementen (der Idee, und derMa* 
terie) die Ursache des Guten und Bösen zu, worin ihm, dem 
Obigen zufolge, auch schon einige von den früheren Philo* 
sophen , wie Empedokles und Anaxagoras vorangegangen 
waren/' Diese Stelle fasst wirklich alle die Elemente, aus 
denen sich die Platonische Ideenlehre geschichtlich ent« 
wickelt hat, zusammen, und nur der Eleaten und der Me* 
gariker dürfte ausdrücklicher erwähnt sein« Den nächsten 
Ausgangspunkt dieser Lehre bildet unverkennbar die So« 
kratische Forderung des begrifflichen Wissens; dass Plato 
von dieser zunächst nur subjektiven Forderung zur Auf* 
soehung der objektiven Bedingungen fortgieng, unter 4enen 
allein ein begriffliches Wissen möglich ist, und diese in der 
an und für sich seienden absoluten Wirklichkeit der Be- 
griffe erkannte, diess haben wir zwar vorzugsweise der 
Innern Noth wendigkeit der Sache und der Genialität des 
Philosophen zuzuschreiben^ die ihm für diese Nothwendig* 
keit die Augen öffnete, die äussere Anregung und Unter* 
Stützung hiefür musste ihm aber die vorsokratische Philo* 
Sophie geben, sofern er in ihr theils überhaupt den Weg 
der objektiven Spekulation, theils aber ^uch die verschie* 
denen Elemente vorgebildet fand, welche die Ideenlehre 
mit dem Sokratischen Princip verschmolzen hat« Dass iiur 



IM 



Die Platonische Dialelitik. 



die begriffliche ErkenntnisB des Weaens der Dinge wahret 
Wissen gewähre, hatte Sokrates gesagt; dass dieses Weaen 
in der sinnlichen Erscheinung, und das wahre Wissen in 
der sintilichen Anschauung nicht lu finden sei, zeigten Hera* 
klit und die Eleaten; dass nur das Eine Sein das Wesen* 
hafte sei, die Letztern, an die desshalb auch Plato im 

4 

Parmenides die Ideenlehre ausdrücklich anknüpft ^); dass 
dieses Eine zugleich ein die Vielheit in sich Schltessendes, 
organisch gegliederte Totalität sein müsse, Hess sich zwar 
auch aus dem eleatischen Princip für sich genommen durch 
dialektische Entwicklung desselben (Plato im Parmenides), 
oder auB einer Combination dieses Princips mit dem Hera* 
klitischen ^) ableiten , bestimmter jedoch ' glanbte PUto ^) 
diesen Gedanken in der pythagoreischen Lehre zu erken* 
Ben, dass Alles aus der Einheit und Vielheit, der Grenze 
und dem Unbegrenzten zusammengesetzt, oder dass Alles 
Zahl sei ; diese Einheit des Mannigfaltigen als Begriff, und 
die Begriffe als das allein Wirkliche zu fassen, hatten ohne 
Zweifel bereits die Megariker versucht^), wenn sie auch 
diese ihre Ideen noch nicht flüssig zu machen wussten, 
dieselben vielmehr erst in abstraktem Gegensatz gegen die 
Erscheinungswelt festhielten ; dass endlich der Gedanke auch 
der absolute Zweck und die Ursache der Dinge sei, dies« 



1) Wenn Schliikrmicheb Gesch. d. Pbil. S. 104 vdie ideale Seite 
der Ideen« statt dessen aus den Homöomerieen des Anaxagoras 
ableitet, so ist das nur eine^yon den vielen Schleiermacberiscben 
ScbruUcn. Mit mehr Recht könnte man in der That, so verfehlt 
auch dieses wäre, an Demokrits tidtj^ die Atome, erinnern. 

3} Aus der s. B. Hbrbabt: De Plat systematis fundamento (Gott. 
1805) die Ideen ableitet, in der Formel (S. 50): Divide Heracliti 
yivBoiv oiaitg, ParmeMSs [warum nicht lieber umgekehrt?]; hah§^ 
bis ideas Piatonis. 

S) Vgl. besonders Phileb, 16, G. AaiST. a. a. O. u. ö. s«B. in den 

Yon mir Plat. Stud. S. 339 angeführten Stellen. 
4) 8. o, 8. 107. 



Die Platonische Dialektik. IM 

hatte, nach Eropedakles mythischen Ahnungen ^), zuerst 
Anaxagoras in seiner Lelire vom Novg behauptet, dieselbe 
Behauptung hatte Sokrates zunächst in der Form einer po- 
pulär religiösen Teleplogie wiederholt, und Euklid, indem 
er das Eins zugleich als das Gute und die Vernunft be* 
atimmte^ auch philosophisch vorgetragen« Alle diese Ele- 
mcfnte. durchdrangen sich in Plato^s umfassendem Geiste und 
wurden von ihm mit schöpferischer Kraft nicht blos ausser- 
lieh combinirt, sondern innerlich fortgebildet und durch 
einander ergänzt; die Frucht dieser Verbindung war die 
Platonische Ideenlehre. 

Wollen wir uns nun den Begriff und das Wesen der 
Ideen vorerst im Allgemeinen klar machen, so folgt aus 
der bisher erörterten Begründung der Ideenlehre zunächst 
dies^, dass die Ideen das Beharrliche im Wechsel der Er- 
scheinung, das Eine und sich selbst Gleiche in der Man- 
nigfaltigkeit und den Gegensätzen des Daseins darstellen kl- 
eine Bestimmung, die wohl keines weitern Beweises be- 
darf« Dieses Beharrliche und sich selbst Gleiche aber ist 
dem Plato das Allgemeine. Nur dieses ist es, worin 
schon im Theätet das Wesen der Dinge und der Gegen* 
stand der Wissenschaft allein gefunden wird ^), mit dessen 
Aufsuchung schon dem Phädrus zufolge alles Wissen be- 



5) Auch Ari&totblbs Melaph. 1, 4* 984, a, 4 findet diesen Gedanken 
in der ^dia des Empedokles nur mit der Bemerkung: El ya^ 
xii dxo?*ov\yoitj Mal Xafißavoi ngoQ x^v Sidvoiav nal ftij TtQOQ a 
yiiXXi^€Ta$ Itywy 'Bfinttfonl^s ev^^an u. s. w. 

2) Theat. 183, B nachdem Terschledene Begriffe genannt sind: Tavva 
9ri ndvta did rivos nsgl avTotv Siavou^ ovrs ydg 9i dno^s ovr§ 
S* oipew9 otov T8 t6 KOtvov Xafißdveiy TTtgi avroiv, Ebend.G: 
17 9k did TiPos dvrttfiis t6 t inl ndoi> noivov mal ro. inl rovvoii 
itjlot aot'j 186, D (mit Bexiehung hierauf ): *Ep fikv afa tttU 
na&^fiaatv (sinnliche Eindrücke) ovk tvi iinattjurj^ iv 9i rtf ntgl 
iuihoiv avXXoy&afAM ' ovatai ydg nal dXtjd'Ua^ ivrav&a f*iVf (Jf 
ioMSf Svvaroy'aipaada&y. tntt ii ddvvütrop» 

DU rhiloioplüe dtr Griechen. U. Tbeil. 13 



r 



IM P>« Platonische Dialelitik. 

giaat ^) — der oben S. 187 f. angeführten, wiederholten nirf 
bestimmten Erklärungen in diesem Sinne nioht su geden- 
ken. Aosdrücklich definirt daher Piato ') die Idee als das 
dem Vielen Gleichnamigen Gemeinsame, und ebenso Am- 
STOTELES ^) als das Sp im «roUcSy. Wenn daher in einer 
neuern Darstellung ^) behauptet wird, den Inhalt der Ideen 

1) Phädr, 363, i) •. o» S. 173, wo auch noch weitere Belege bei- 
gebracht sind. 

3} Rep. X, 596, A : «?^c ya^ nov xi ev Isnaorov tttu^rnftw Ti&t99<t$ 
ns^l 'inaara ta nokka oh tahtQv o»ofta imtfigötikv. Den Sinn 
dieser Stelle geradezu umkehrend übersetzt Bitteb (Gesch. der 
Phil II, 306* vgl. 303. A. 3): »Dass einem Jeden eine Idee bei- 
gelegt werde, was wir als ein Vieles mit demselben Nennworte 
bezeichnen«, und folgert daraus, da nicht blos jedes Einzel westa, 
sondern auch jede Eigenschaft^ jeder Zustand und jedes Verbält- 
niss und selbst das Veränderliche in Nennwörtern dargestellt wer- 
den könne, jedes ovopka aber eine Idee bezeichne, so können die 
Ideen nicht blot die allgemeinen Begriffe ausdrücken. Gerade 
die Hauptsache in der obigen Stelle, dass der Idee das Vielen 
gemeinsame ovofia entspricht , ist hier übersehen. 

S) Metaph. I, 9> 990, b, 6: ^o^^* tteaarov ydg ofiotwfiov rt iavi [h 
toiQ f2il«(7<] Kai naga rce^ ovoias (d. b. ovaiat im Aristotelischen 
Sinn, Substanzen) twv n akkwv dtp iariv ev tTti nokkoir. Daher 
auch im Folgenden das cV tTrl TcoXkoiv unter den Platonischen 
Beweisen für die Ideenlehre aufgeführt wird. Vgl. Metaph. XIII, 
4. 1079, a, 9. S2. Ebd. 1078, b, 30: akX 6 /niu .Swu^dnif rm 
Ku&okgv ov x^Q^ori inoiet ooSi rovs oQMiAOvi' oi 8* txwgiaav ntii 
rd TOiavra rcuv ovvtuv tdiae nQOCyjyo^ivaav. Anal.post 1,11. Anf. 

4) Bitter a. a.0. Was B. für seine Ansicht anführt ist i)das be- 
reits Anm. 2 Widerlegte; 2) dass Brat 386, D u. ö. nicht blos 
den Dingen, sondern auch den Handlungen oder Thätigkeiten der 
Dinge eine Beharrlichkeit des Wesens beigelegt werde, woraus 
aber nicht folgt, dass auch diese Thätigkeiten als einzelne, und 
nicht vielmehr ihre allgemeinen Begriffe, den Inhalt der sie be- 
treffenden Ideen bilden; 3) endlich, dass nach Theät 184, D auch 
die einzelne Seele als eine Idee angesehen und Phädo 102, B 
das, was Simmias ist und was Sokrates ist, von dem, was an 
beiden ist, unterschieden werde. Aber die letztere Stelle beweist 
vielmehr gegen Bittxb, denn das was Simmias und was Sokra- 
tes ist, d. h. ihr individuelles Wesen, wird hier eben von der 
Idee, als dem Gemeinsamen, an dem sie beide tbeilbabeq, unter- 
schieden; in der erstem (Theat 184, D) bt all«rdingt davon die 



Die Platonische DialelitiL 19f 

bilde nicht blos das Allgemeine in dem Sinlie, den wiir 
mit dem Worte verbinden, sondern auch das Indi?idiiell#, 
so ist diess nicht blos mit nichts 311 beweisen, sondern in 
Widerspruch mit Plato's klaren Bestimmungen. 

Dieses Allgemeine, welches die Idee ist, denkt sidl 
nun Plato von der Erscheinungswelt gesondert, als fiir sich 
seiende Substanz; der überWehliche Ort ist es nach denk 
Phädrus 247, C f., in welchem die Götter und die reinen 
Seelen die färb- gestalt- und körperlose Wesenheit, die 
über alles Werden erhabene, in keinem Andern, sondern 
nur im reinen Wesen seiende Gerechtigkeit, Besonnenheit 
und Wissenschaft anschauen, in welchem allein das Feld 
der Wahrheit ist; nicht in einem Andern ist, dem Sym«> 
pösion S.211, A zufolge, die Urschonheit, in einem leben- 
^en Wesen, oder auf der Erde oder im Himmel oder irgendwo 
sonst, sondern rein für sich und bei sich selbst bleibt sie 
ewig in Einer Gestalt {avxo xad^ avvo fisd^ avxov fAOPOndig 
UH oV), unberührt von den Veränderungen dessen, was an 
ihr theilnimmt; als die ewigen Urbilder desSeiendeii stehen 
die Ideen da, alles Andere dagegen ist ihnen nacbgebil^ 
det ^) ; rein für sich (jBtvTU %a^ avxk) und getrennt von denii 
was an ihnen Theil hat (j^ea^^) , sind die Ideen ^) im in» 
telligibeln Orte {ronf^ vqrixog)^ nicht mit den Augen, son» 
dern nur mit dem Denken zu schauen, nur ihre Schatten- 



Bede, dass die einzelnen Empftndun^en ih fiiav tiva iSiav^ etra 
rpvyrjv tizs o n Bit maktXv, zusammenlaufen, aber schon der letz- 
tere Beisatz kann zeigen, dass wir es Jiier nicht mit dem strenge- 
ren philosophischen Sprachgebrauch von i8ia zu thun haben, 
sondern dieses Wort in eben dem unbestimmten Sinne steht wie 
Tim. 28, A. 59, C. 69, C 70, C. 71, A. Bep. VI, 507, E u. ö. 
Dass die Seele keine Idee im eigentlichen Sinne sei, ist im Pbado 
'S. iOS, E. 104, G. 105, G C mit aller Bestimmtheit gesagt 
S. auch unten. 

1) Tim. 28, A. Parm. 132, D. Theat. 176, E. 
a) Farm. 128, Ef 130, B t Fbädo 100, B. 

13* 



)96 l>ie Platonische Dialektik. 

bilder die tichtbaren Dinge ^). Die Ideen sind mit Einem 
rWorte nach einer bei Aristoteles stehenden Bezeichnung ^), 
^fOQtisrai, d. h. es kommt ihnen ein von dem Sein der Dinge 
durchaus unabhängiges und verschiedenes Sein zu, sie sind 
fär sich bestehende Realitäten ^). — Wenn man dal^r die 
Platonischen Ideen bald mit sinnlichen Substanzen, mit 
faypostasirten Phantasiebildern (Idealen), bald mit blos sub- 
jektiven Begriffen verwechselt hat, so ist weder die eine 
noch die andere von diesen Vorstellungen richtig. Die 
«rstere ^) ist jetzt wohl so ziemlieh aufgegeben, und sie 
widerlegt sich auch schon durch das so eben aus dem Phä- 
drus, dem Gastmahl und der Republik Angeführte, dem 
hier noch die Erklärung des Timäus S. 52, Bf«, dass nur 
das Abbild der Idee, überhaupt das Werdende im Räume 
Bei, nicht aber das wahrhaft Seiende, nebst dem bestäti- 
genden Zeugniss des Aristoteles^) beigefügt werden mag; 
und wenn man dagegen anfuhren könnte, dass Plato vom 
überweltlichen Orte redet, und sein Schüler die Ideen als 
aiaOtfta aidta bezeichnet ^), so ist doch das Bildliche der 
erstem Darstellung zu augenscheinlich, als dass sie etwas 
^gen uns beweisen konnte, ebenso liegt aber auch bei 
der Aristotelischen Bemerkung am Tage, d^ss sie nicht 
Plato*s eigene Ansicht darstellen, sondern dieselbe durch 

1) Rep. VII, 517, A f. VI, 507, B. 

2) S. m. Plät. Stud. S. 230. • 

3) Wie sich diese Bestimmung mit der andern, dass die Dinge nur 
in den Ideen und durch die Ideen sind, vertrage, kann erst im 
folgenden §. untersucht werden. 

4) Sie findet sich z. B. bei Tiedehabn Geist d. spek Phil. II, 91 f*, 
wo unter »Substanzen« eben diese sinnlichen Substanzen verstan- 
den werden, und im Grunde auch bei Van Heusdb Init phil. 
Fiat, ir, 3, 30. 40. 

5) Phys. IV, 1, 209, b, 33. nkdrwvi filwoi, XshtIov . . dta ti or« 
«V TOTTcj» T« iX^ri, III, 4. 203, a, 8: HkdvMv 8i lloi [tov ovQa^ 
vov"] fiiv oviev slvat aölfiaj ovSi raff iS^.atf Sid ro ftijdinov §Iva$ 



at'raff. 



6) Abist. Melaph. III, 2. 997, b, 5 ff. vgl. VII, 16. 1040, b, 50. 



Die Platonische Dialelitik« ,197 

ihre Conseqaenz widerlegen will ^). Verbreiteter ist die 
andere Ansicht, welche die Platonischen Ideen für hloi^ 
subjektive Gedanken hält; denn findet auch die Wen^ 
dnng derselben, wornach die Ideen Begriffe der mensch» 
liehen Vernunft sein sollen^), keine Vertheidiger mehfg 
so ist dagegen auch neuerdings wieder behauptet worden, 
dass dieselben nichts für sich Seiendes, sondern nur die 
Gedanken der Gottheit seien ^). Dieses ist indessen so un- 
richtig, als jenes. An positiven Beweisen für diese Be* 
hauptnng fehlt es durchaus ; denn dass Plato von der Un^ 
tersnchung über das Wesen des Wissens zur Ideenlehre 
geführt wurde, diess kann für die blos subjektive Bedeut 
tung der Ideen theils überhaupt nichts beweisen, theils steht 
ihm, dem Obigen zufolge, die objektive Ableitung der Ideen 
zur Seite; dass ferner die Ideen als die Urbilder bezeich^ 
net werden, auf welche iiinblickend der göttliche Verstand 
die Welt gebildet habe ^), oder auch als die Gegenstände, 
welche die menschliche Vernunft betrachte ^), diess macht 
sie nicht, wie Stallbaum und Andere wollen, zu blossen 
Erzeugnissen der göttlichen oder menschlichen Vernunft: 
die Ideen werden ja hier der Thätigkeit der Vernunft 
ebenso vorausgesetzt, wie die Aussendinge der Thätig<» 
keit des Sinnes, der sie wahrnimmt; ebensowenig folgt jene 
Ansicht daraus, dass dem Philebus (28, D f. 30, C f.) zu« 



1) S. m, Plal. Stud. S. 231. 

2) Buhle Gesch. d. Phil. II, 96 ff. Tettsematsn Syst d. Fiat* Phil, 
II, 118 f. (vgl. Gesch. d. Pliilos. 11, 296 ff.), der übrigens die 
Ideen, sofern sie als Urbilder der IMnge betrachtet werden, 
gleichfalls Vorstellungen — und sofern sie im menschlichen Geiste 
sind, Werlie der Gottheit sein lässt Plat. II, 1^5. III, 11 tL 
155 ff. Gesch. d. Phil. II, 369 ff. 

3) Vgl. Mbibers Gesch. d. Wissensch. II, 803, von Neueren : Stall* 
BAUM Plat. Parm. 269 ff. Richter De Id. Plat. S. 21 f. 66 ff. 
KiJHv De Dialectica Plat S. 9. 48. 

4) Tim. 28, A. Rep. X, 596, A ff. Phädr. 247, A. 

5) Tim. 52, A und oft. 



198 Bi^ Platdnitche Dialektik 

folge der königliche Verstand des Zens die Macht ist, welche 
Alles ordnet und yerwaltet, denn ausdrücklich wird gesagt, 
Zeus habe jenen königlichen Verstand dm rijv vTJg amag 
dvpafupy die airia aber, wie ich schon anderwSrts . ^) dar« 
gethan habe, ist die Idee, die also hier gleichfalls nicht 
als das Erteugniss, sondern als das Prius der sie denken- 
den Vernunft behandelt ist, wesshalb auch diese ihr nicht 
schlechthin gleichgesetzt, sondern nur als airiag ^vyfifijg 
Xtti tövTOv ax^^op zov yipovg bezeichnet ist (S. 31, A); 
wird endlich Rep. X, 507, B ff. Gott der qiv*tovQyog genannt, 
welcher das Bett* an -sich, also die Idee desselben, ge* 
macht habe, so ist zu erwögen, theils dass dies» überhaupt 
mehr ein populärer als ein streng philosophischer Aus« 
druck ist, theils dass Gott dem Plalo, wie unten noch ge* 
zeigt werden soll, auch wieder mit der höchsten Idee zu<^ 
sammenfliesst, deren Erzeugnisse die abgeleiteten Ideen 
immerhin genannt werden können, ^hne dass doch darum 
die Idee überhaupt nur im Denken und durch*s Denken 
einer von ihr verschiedenen Persönlichkeit existirte. Da- 
gegen ist die Substantialität der Ideen ausser dem bestimm- 
ten Zeugniss des Aristoteles auch durch die eben ange« 
führten Platonischen Stellen gesichert. Die Ideen, die schleeht« 
hin in keinem Andern, sondern rein für sich sind, die als 
die ewigen Urbilder der Dinge dastehen^ die das Bestim- 
mende auch für den göttlichen Verstand sind, können nicht 
zugleich als Produkte eben dieses Verstandes betrachtet 
werden, welche nur ihm ihre Realität zu verdanken haben. 
Zum Ueberfiuss erwähnt aber Plato selbst (Parm. 1 32, B) 



1) Plat. Sind» S. 24S ff. Wenn Bra.ndis Gr. -röm. Phil, ri, a, 332 
gegen meine Ansicht einwendet, dass die Ursache Weisheit und 
Geist genannt, und so unverkennbar auf die Gottheit in ihrem 
Unterschiede von den übrigen Ideen zurückgeführt vicrde, so 
habe ich hierauf zu erwiedern, dass nach Soph. 348, E das wahr- 
haft Seiende QbOfhaupt, also die Ideenwelt als fSranzes, den rovs 
in sich hat. 



Die PUtoniscke Dialektik. |M 

der VorsteUung: f^^ t<Sp eld£p inactop J rovraof potifua^ %ou 
oida/iov avT^ nQogi^x'Q iyyivtc&ai SXXo&i ij ip tpvxi^ii^ pod be« 
seitigt dieselbe mit der Bemerkung: wenn die Ideen blosM 
potjfittxa (subjektive Vorstellungen) wären, so musste auch 
alles, was an den Ideen theilhabe, ein Denkendes sein, 
eine Folgerung, die an und fiir sich schon die Vorstellung 
widerlegt, als ob die Ideen nur die Gedanken des Wesens 
der Dinge ^), und nicht vielmehr dieses Wesen selbst, 
dann abei^ nothwendig auch an und für sich etwas Sub* 
stantielles wären ^). 

Das allein wahrhaft Seiende also ist dem Plato das 
allgemeine Wesen der Dinge, welches er aber, eben ans 
diesem Grunde, nicht in den Dingen, als solchen, sondern 
als fursichseiende, obwohl unkörperliche Substans anschaut. 
Uiemit' wären wir indessen erst bei der Einen Sabslans, 
dem alle Vielheit von sich ausschliessenden Sein der Elea» 
ten angelanfft. Dass aber dieses nicht ausreiche, hat Plato 
erkannt. Das reine Sein ohne Vielheit und Bewegung wäre 
das Inhaltsleere und Unerkennbare; soll das Allgemeine 
wahrhaft wirklich und Gegenstand des wahren Wissens 
sein, so muss in der Einheit des Wesens zugleich die 



1) Nur dieses sind sie oämlich, wenn mao auch mit Stavl^jlvm 
a. a. O. sagt: tdeas esse sempiternas numinis divini cogitationes, in 
quibus inest ipsa verum essentia ita quidem, ut quales res cogu 
tantur, tales eliam sint et tfi sua considtant* Auch so haben die 
Ideen das Wesen der Dinge nur zum Inhalt und Gegenstand, 
sie selbst aber sind von diesem verschieden wie das Subjekt vom 
Objekt. 

3) Was man allein hiegcgsn einwenden könnte, dass di^ im ersten 
Tbeil des Parmenides gegen die Ideenlelire vorgebrachten Ein« 
würfe nicht Plato's eigene Ansicht darstellen, trifft för den vor- 
liegenden Fall nicht su, denn gerade den Satz, dass die Ideen 
blosse voijpMta seien, tragt Plato nicht in eigenem Namen^Tor, 
sondern nur als eine Auskunft der Verlegenheit, auf die man 
etwa kommen könnte, um den Schwierigkeiten der Ideenlehre su 
entgehen > bei jenem Satze daher haben wir in der Widerlegung _ 
die Platonische Ansicht, 



SOt Die Flatonitchc Ditlelitilc. 

Vielheit, in der Unveränderlichkeit des Seins zugleich die 
Bewegung gesetzt sein. Wenn mit den Elealen Alles als 
Eines gesetzt wird, zeigt der Sophist S. 244, Bff., so liesse 
sich schon gar nichts von ihm aussagen , denn in jedem 
Hinzukommen des Prädikats zum Subjekt liegt eine Viel* 
heit, auch. schon der einfache Satz: das Eins ist, enthält 
wenigstens die Zweiheit des Eins und des Seins; es könnte 
ferner das Seiende kein Ganzes sein, da im Begriff des 
Ganzen auch der der Theile liegt; und doch kann es auch 
nichts vom Ganzen Verschiedenes sein, denn auch so er- 
hielten wir wieder eine Mehrheit, und selbst wenii man 
sagen w*olIte, es sei überhaupt kein Ganzes, wäre doch das 
Seiende als Nicht-Ganzes zugleich nichtseiend. Mit andern 
Worten: das reine Eins wäre das absolut Leere, Inhalts- 
lose, mithin gerade das Nichtseiende. — Ebenso CSoph. 
248, A ff.) wenn das Seiende'blos in Ruhe, nicht auch in 
Bewegung sein sollte, so wäre kein Erkennen und kein 
Erkanntwerden desselben möglich, denn jenes ist ein Thnn, 
dieses ein Leiden, beides mithin eine Bewegung, es wäre 
überhaupt das wahrhaft Seiende ohne Leben, Seelö und 
Vernunft ^). — Noch weniger kann aber freilich ange- 
nommen werden, dass Alles eine Vielheit und Alles in 
absoluter Bewegung sei ^). Das Richtige kann daher nur 
sein, dass Bewegung und Ruhe, Einheit und Vielheit gleich- 
sehr zugegeben wird. Wie lässt sich aber beides vereini- 
gen^ Nach S, 251 ff. nur durch die Lehre von der Ge- 
meinschaft der Begriffe, d. h. durch den Satz, dass sich 
weder alle Begriffe mit einander verbinden lassen, noch 



1) Vgl. bes. Soph. 248i E: Ti dal wgoe Jtosj vU altf&ws xiptfoiv 
Mal ^w^v xttl tfft'xijv Kai tpQOPt^aiv ^ ^adiute nsiq&tjQOfis^a. rtjT 
navXf.Xw9 OVT& fiij TtffQtivaif fi^Sk ^jjv avro fir^Si gt^ovstv^t dkXa 
asfjivov xa), äyiov vov» ovk l'xov dxipTjvov earv9 eivai. Man Tgl. 
über diese Stelle und die in ibr ausgesprochene Bestimmung 
auch $. 23. 

3) S. K>. S. 186. 188. 



Die PUtonisclie Dialelitilt. Mt 

alle einander ausschliessen ; eben Bewegung und Ruhe v.R. 
sind mit einander nicht zu verbinden, wohl aber mit dem 
Sein. Sofern nun Begriffe sich verbinden lassen, sind sie 
einerlei, d. b. das Sein des einen ist auch das des andern, 
sofern sie sich nicht verbinden lassen, sind sie verschie- 
den, d. h* das S^in des Einen ist das Nichtsein des an» 
dern. Und da nun jeder Begriff mit vielen sich verbinden 
lässt, mit unzählig vielen aber auch nicht, so kommt je- 
dem in vielen Beziehungen das Sein zu, ebemio aber in 
vielen das Nichtsein. Das Nichtseiende ist daher eben- 
sowohl als das Seiende, denn das Nichtsein ist selbst ein 
Sein, nämlich das Anderssein (der Unterschied — - also nicht 
das absolute, sondern das beziehungsweise Nichtsein, die 
Negation eines bestimmten Seins), und ebenso ist in 
jedem Sein auch ein Nichtsein, der Unterschied. Das heisst 
also: das wahrhaft Seiende ist nicht reines, sondern be- 
stimmtes Sein, Identität, welche den Unterschied in sich hat, 
nnd nicht schlechthin ruhendes, sondern bewegtes Sein, 
Leben und Geist. 

Dasselbe Resultat, wie der Sophist, gewinnt in Folge 
einer abstrakteren und tiefer in's Einzelne gehenden dia- 
lektischen Ausfuhrung auch der Parmenides. Die zwei Sätze, 
von welchen der zweite Theil dieses Dialogs ausgeht: 
„das Eins ist^% und: „das Eins ist nicht ^^, besagen das 
Gleiche, wie die zwei im Sophisten .widerlegten Voraus- 
setzungen, dass Alles Eines und dass Alles eine Vielheit 
sei, und indem nun jene beiden Sätze durch Ableitung 
widersprechender Consequenzen aus jedem derselben ad 
absurdum geführt werden, so ist ebendamit die Forderung 
ausgesprochen, dass das wahrhaft Seiende als eine die Viel- 
heit in sich befassende Einheit bestimmt werde. Zughich 
wird aber durch die Art, wie in dieser apagogtsc'hen Be- 
weisführung der Begriff des Seins gefasst ist, und durch 
die Widersprüche, welche aus dieser Fassung hervorgehen, 



toi Die Platonische Dialektik. 

angedeutet, dase jenes wahrhafte Sein von dem empirischen, 
. das räamlieh und zeitlich begrenzt keine wirkliche Eia* 
heit zulässt, wesentlich verschieden za denken sei ^). 

An diese Darstellung schliesst sich die des Philebut 
(S. 1 4, C — 1 7, A) an, wie sie denn auch unverkennbar 
auf dieselbe zurückweist ^). Dass das Eine Vieles sei, 
und das Viele Eines, und dass dieses nicht blos von der 
Erscheinung, sondern ebenso auch von den reinen Begrif* 
fen gelte, dass auch sie aus Einem und Vielen zusammen« 
gesetzt seien, und Grenze und Unbegrenztheit in sich haben, 
dass desshalb Ein und dasselbe deraDenken bald als Eines, 
b9ld als Vieles erscheine — > in diese Sätze wird hier das 
Resultat der früheren dialektischen Untersuchungen kuva 
susammengefasst. Nehmen wir diese verschiedenen Erklä« 
rungen zusammen 9 so können wir über den Sinn der Ideen* 
lehre und den Begriff der Ideen .nicht' im Zweifel sein. 
Für das wahrhaft Seiende gilt dem Plato nicht das ge- 
wordene, getheihe und veränderliche Sein, sondern nur die 
ewige, sich selbst gleiche, raumlose und ungetheilte Sub» 
stanz; diese selbst aber soll als eine die Vielheit in sich 
befassende Einheit, und als in ihrer Unveränderlichkeit zu* 
gleich bewegt und lebendig gedacht werden. An die Stellt 
des elealischen Eins tritt also hier der Begriff, an die 
Stelle des unbewegten Seins die Kraft ^). Doch muss be* 



1) Hinsichtlich der nahem Begründung des Obigen muss ich auf 
meine bereits erwähnten Abhandlungen in den Plat Stud. S. 159 ff. 
und im Anhang des gegenwärtigen Abschnitts verweisen. 

2) Vgl. Phileb. 14, C — 15 A mit Parm. 129, B — 130, A, Phil. 
15, B mit Parm. 130, E ff. 

3) Soph. 247, p (oben S. 188) vgl. Phileb. 30, C, wo es von der 
oir/ix, hinter der nach dem oben Angeführten die Idee su ver- 
stehen ist, heisst, sie sei noa/novad ts xa< awratTOvaa iviavrors 
T8 Tcnl wQas xal u^vaf, aotpla %al voisit und Rep. VI, 508, D ff., 
wo die Idee des Guten als die oberste ahia^ die Ursache des 
Seins und Wissens beschrieben wird. 



Dit Platoniscbe DiaUktik* SOS 

merkt werden, dass Plato das letztere Moment rerhäU* 
ntssmässig wenig hervorhebt, in der Regel vielmehr das 
wahrhaft Seiende nur in der Form der Subttantialität, als 
für sich seiendes Allgemeines beschreibt. Nar diese Vor- 
stellung ist es auch , welche der Name ddog oder idda ^) 
ausdruckt. Dieser Name bezeiclinet die Art oder Gat- 
tung (der subtilere Unterschied dieser beiden Begriffe fällt 
hier noch weg), als das vielen Einzelnen Gemeinsame, 
subjektiv ausgedrückt, den Begriff ^), und wenn die Ideen 
als das allein Währhaft Seiende, und auch allem Uebrigen 
das Sein Verleihende beschrieben werden, so heisst das: 
das schlechthin und ursprünglich Wirkliche, das wahrhaft 
Substantielle ist allein der objektive Begriff, daa( in sich 
konkrete, aber alle seine Bestimmungen in der absoluten 
Eintieit und Durchsichtigkeit des Gedankens, frei von allem 
Gegensatz und Wechsel erhaltende Wesen. 

Indem aber so das Wesen als Einheit in der Viel* 
heit bestimmt ist, so geht ebcndamit das Eine Sein auch 
wirklich in eine Vielheit, die Ideenwelt auseinander. 

Plato^ redet fast nie von der Idee, sondern immer 
nur von den Ideen in der Mehrzahl ^) — wo er das all- 



1) Wenn Ricdtbr de Id. Fiat. 28 f. und Schlsixrkachir Gesch. d. 
Phil. S. 104 diese beiden Ausdrücke so unterscheiden wollen, 
dass fidoi den Gattungsbegriff, tS.'a das Urbild bezeichne, so 
sind sie den Beweis daftir schuldig geblieben« Sowohl Plato als 
Aristoteles gebraueben beide Ausdrücke durchaus gleichbedeutend. 

2) Die Belege für diesen Sprachgebrauch geben ausser vielen an- 
dern auch die oben (S. 173, A. 194, A. 2. 3) aus Plato und 
Aristoteles beigebrachten Stellen. 

3) Wie Ritter (Gott. Anz. 1840, 20. St. S. 188) richtig bemerkt; 
nur folgt daraus nicht, was R. verlangt, dass auch wir, Plato- 
nisches erklärend, nicht von der Idee reden dürfen, um damit 
den mit dem Wort tlSoc oder idi'a verknüpflen'BegrifF allgemein 
auszudrücken, wie diess schon Aristoteles gethan hat, z, B. 
Metaph. XIII, 4. 1978, b, 9. (s. unten); sagt doch auch Plato 
selbst' einigeniale t6 etdoe Parm. 131, A. vergl. Phädo 103, E. 
Symp. 210, B. 



iOt Die Platoniscbe Dialektilu 

gemeine Wesen derselben bezeichnen will, -ivfthlt er in der 
Regel andere Aasdrucke: ro orrcDg oy, ^ ovaia, to xara vavrit 
Sjipv n* 8, w. Es hat diess zunächst vielleicht sprachliche 
Grönde; der tiefere Grund jedoch liegt in dem Begriff der 
Idee. Da das wahrhaft Seiende nach Plato nicht abstrakte, 
sondern bestimmte Einheit, alle Bestimmtheit aber Be« 
grenzung gegen Anderes ist, so kann ihm die abso* 
lute Wesenheit nicht Eine Substanz sein, wie den Elea« 
ten, sondern nur eine Vielheit von Substanzen oder Ein- 
heiten (ifoidsg oder fiovdöeg Phileb. 15, A f.). Plato selbst 
hat diesen Zusammenhang in den oben angefiihrten Stel« 
len des Sophisten und Parmenides deutlich ausgesprochen. 
Wenn der Sophist 244, B ff. zeigt, dass dem Eins nicht 
einmal das Prädikat des Seins beigelegt werden könne, 
ohne damit bereits eine Vielheit zu setzen, und der Par<* 
menides 142, B ff. eben hieraus die unendliche Vielheit 
des Seienden ableitet, so ist damit gesagt, dass jedes be- 
stimmte Sein, als bestimmt gegen Anderes, eine Vielheit 
des Seins voraussetze; noch deutlicher liegt aber dasselbe 
in der weitern Bemerkung^): jeder Begriff sei mit sich 
selbst identisch, und von allem, was nicht er selbst ist, 
verschieden, die Ruhe z. B. als solche das Nichtbewegt- 
werJen, die Bewegung das Nichtruhen, alle Verschieden- 
heit aber sei nothwendig Verschiedenheit von Anderem, 
Nichtsein desselben, jeder Begriff enthalte vielfaches Sein 
und unendlich viel Nichtsein. Ebendesswegen daher, weil 
Plato das Wesen nur als die bestimmte und erfüllte Ein- 
heit des Begriffs zu fassen weiss, muss bei ihm an die 
Stelle der Einen Idee eine Vielheit von Ideen treten. 

Diese Vielheit aber ist schlechthin unbeschränkt. Die 
Nothwendigkeit hievon liegt darin, dass die Ideen das allein 
Wirkliche sein sollen, durch das alles Uebrige ist, was 



1) Soph. 254, D. 250, C f. 255, C f. 256, D f. 



Die Platoniflcbe Dialektik. 205 

* Dod wiefern es ist. Vermöge dieser Bestiminung kann kein« 
Art des Seins vorgestellt werden, von der es laicht auch 
eine Idee gäbe, denn wovon es keine Idee gfibe, das wäre 
absolut nicht, das absolut Nichtseiende aber liesse sich 
weder denken noch vorstellen ^). Denigeniäss tadelt es denn 
auch Plato als Mangel an philosophischer Reife, wenn man 
von irgend etwas, auch das Geringste nicht atNigenommen, 
Ideen zu setzen Anstand nehme ^), und er selbst redet 

« nicht allein von Ideen der Schönheit, der Gerechtigkeit, 
des Guten u. s. f. , ferner von Ideen des Menschen , des 
Thiers und anderer natürlicher Objekte, sondern auch von 
Ideen des Kleinsten und Unbedeutendsten, des Bettes, des 
Tisches, der Haare, des Schmutzes, von Ideen blosser 
Verhähniss- und Eigenschaftslegriffe, mathematischer Figu- 
ren und grammatischer Formen , der Aehnlichkeit - und 
Unähnlichkeit-an-sich, dem Doppelten -an -sich, der Idee 
der Kugel, des Substantivs, der Stimme, der Farbe, der 
Grosse, der Gesundheit, der Stärke, von Ideen der ver- 
schiedenen Thätigkeiten und Lebensweisen, ja selbst von 
Ideen des Nichtseienden und dessen, das seinem Wesen 
nach nur der Widerspruch gegen die Idee ist, der Schlech- 
tigkeit und der Untugend ^). Es ist mit Einem Wort tiberall 



1) Rep. V, 476, E: nu!« yag av (itj vv yi ri yvotad'eiij ; 478» B: 
dSvvarov »al So^aaat t6 ye fii^ öv. 

2) In der bekanDlen Stelle Parm. 130, B ff. Nacltdem hier Sokra- 
tes von Ideen der Aehnlichkeit, des Einen, des Vielen, der Ge- 
rechtigkeit, der Schönheit, des Guten gesprochen hat, fragt ihn 
Farm., ob er auch eine für sich bestehende Idee des Menschen, 
oder des Feuers, oder des Wassers, und dann, ob er auch Ideen 
der Haare, des Schmutzes u. s. f. annehme. Sokrates, schon 
durch die erste von diesen Fragen in Verlegenheit gebracht, glaubt 
die zweite entschieden verneinen zu müssen, erhält aber von dem 
Eleaten die Belehrung : Nios ya(> el Ivt^ w ^(»M^arec, xal ov ttw 
oov drrtiÜTjTrtai tj <piloaoqUa foS IV» dvrikijtfftzai nar tfi^v do^av, 
ort ovSiv avrdtp aTifidaue* vvp Si Itt ir^dt dv&Q0j7t(up dnoßXi^ 

S) Die Belege; fast vollständig von Bitter Gesch. d. PhiL II, 30!^ ff« 



SM Die Platonische Dialelitik. 

•ine Idee anzonehmeii, wo ein Vieles mit einem gemein« 
■amen Namen bezeichnet! wird ^), oder, wie sich AitisTo- 
TRLEs ^) ausdriiekt: itdij iarh inoaa ^virei —* jeder Klasse 
des Seienden entspricht eine Idee, und soweit sich ein 
gleichförmiger Charakter mehrerer Erscheinungen nachwei- 
sen lässt, reicht auch das Gebiet der Ideen, erst wo jener 
aufhört, und die Einheit und Beharrlichkeit des Begriff« 
in die begrifflose Vielheit und die absolute Unruhe dei 
Werdens auseinanderfällt, ist auch die Grenze der Ideen- 
welt 5). 



gesammelt, enthalten ausser der eben angeführten die folgenden 
Stellen: Rep. X, 396, A (Ideen des Tisches und Bettes, oder wie 
es S. 597, C heisst: eWny o lan xA/w,); Phädo65,D. 100, D fit 
(Ideen der Grösse, Gesundheit, Stärhe, Kleinheit, Menge, Zwei- 
heit)> Bep. V, 479, B (VII, 529, D sind mit den ^Bewegungen 
der Geschwindigkeit- und Langsamkeit -an* sich in der Zahl-an- 
sich und den Figuren- an- sich nicht die Ideen, sondern die ma- 
thematischen reinen Anschauungen der Bewegung, Zahlu. s.f. 
gemeint); Phileb. 62, A (der Kreis- und dieKugel-an-sich); Krat. 
389, D. 390, £. (das Nennwort -an- sich) 423, £. (die hvgia der 
Farbe und Stimme) 386,' D (die ovaia der Tbatigkciten} ', Bepu 
X, 617, D. 618, A fiwiP TtaQadeiyfiftra; Bep. V, 475, E Tgl. Ul^ 
402, G. Theät. 176, E. 186, A. (Ideen des Schlechten, Schänd- 
lichen u. 8. f.}* Soph. 258) G (die Idee des ^17 oV). 

1) Bep. X, 596. A. S. o. S. 194, 2. 

3) Metaph. XII, 3. 1070, a, 18. Tgl. Metaph. I, 9 Anf. 

3) Dass Plato eine solche Grenze annimmt, erhellt ausser allem 
Andern aus der oben (S. 173) angeführten Stelle Phileb^ 16* 
G iL , wenn hier gesagt wird , man solle den Begriff (u/a iäia) 
durch alle zwischen dem Eins und dem Unbegrenzten liegenden 
Gliederungen verfolgen, imd rot^ ^ ijSij t6 tv tttaatov tviv jrav^ 
t&tv Hi TQ aittiQov fAt^ivta xaignv i^v^ Ebendahin bezieht Bit- 
TBB a. a. O. S. 304 mit Becht Tim. 66, D : ne^l H ^ ^V^ ''^y 
pLvtT'!]f^v dvifafAtv si9tj ftiv oin eV*. ro yvft twv oafiutp Jtoiv jja*- 
ytviSi tidtt Se ovhvi ivfAflißtfm ivfifi$T^a 7tQQ9 x6 xiVff, axuv 
oofi^v. Die Artunterschiede der GerUche werden hier geläugnet, 
weil es der Geruch immer mit einem unvollendeten, noch zu kei- 
ner festen Bestimmtheit gediehenen Werden zu thiin habe, weil 
er, wie das Folgende besagt, nur einem Uebergangsmoment an- 
g^töre. 



Die Piatonisehe Dialelitik 2#7 

Wie verhält sich nun aber diese unbegrenzte Vielheit 
der Ideen zu dein Einen Wesen derselben? Da demPlale 
eben das Allgeir^eine für das wahrhaft Reale gilt, so könnea 
beide nicht in der Art auseinanderfallen, dass nur die be-^ 
sondern Ideen hypostasirt, die sie befassenden allgemeinea 
Begriffe dagegen bis zum höchsten und allgemeinsten hinauf 
nicht als für sich seiend, sondern hur als in jenen ver* 
wirklieht zu denken wären, gerade die allgemeinsten Be. 
griffe müssen vielmehr umgekehrt das ursprünglich nnd 
schlechthin Wirkliche sein, von dem sich auch die Wirk* 
lichkeit aller besonderen ableitet, und in letzter Beziehung 
müssen alle Ideen auf das Eine sie alle als ihr Gattungs- 
begriff in sich befassende Wesen zurückführen. Wir er- 
kalten mithin eine Stufenreihe von Begriffen, die in wohU 
geordneter Gliederung vom Allgemeinen^ zum Besondern 
fortgehend von der höchsten Idee durch die ihr unterge- 
ordneten bis zu den untersten d. h. denjenigen herabführt, 
welche keine weiteren Artbegriffe, sondern nur noch die 
unbegrenzte Vielheit der Erscheinung unter sieh haben. 
Und Plato hat dieses auch mit grosser Bestimmtheit au»> 
gesprochen, wenn er in der mehrerwähnten Stelle des Phi«> 
lebus ^) vom Dialektiker verlangt, dass ei: immer zuerst 
den Einen allgemeinsten Begriff seines Gegenstands auf* 
suche, diesen sodann in die ihm zunächst untergeordneten 
Begriffe theile und so fort, bis er die ganze Zahl der 
zwischen dem Einen nnd dem Unbegrenzten in der Mitte 
liegenden Begriffe erschöpft habe, denn dass dieses die 
allein richtige Behandlung der Begriffe ist, kann doch nur 
im Wesen derselben seinen Grund haben; und noch deut- 
licher in der Republik ^), Wenn er hier die Aufgabe der 
wahren Wissenschaft dahin bestimmt, von dem voraus- 
setzungslosen Princip alles Seins auf rein begrifflichem Wege, 

1) S. 16, C ff. S. o. 

a) VI, 511, B f. S. o, 8. 150. 171 



SOS Die Platonische Dialektilc 

durch die ganze Reihe der logischen Mittelglieder, su den 
untersten Begriffen herabzusteigen. Dieses System der rei- 
nen Begriffe wurden nun wir, von unserem Standpunkt au«, 
in der Art construiren, dass immer die niedrigem Begriffe 
in den nächst höheren als ihre Momente enthalten, und 
nur die Explikation von jenen wären ; bei Plato dagegen, 
da er die besondem Begriffe als solche fayposlasirt hat, 
ist dieses nicht möglich, wie vielmehr die Idee überhaupt, 
statt i n der Erscheinung als das Wesen derselben erkannt 
zu werden, bei ihm als ein für sich seiendes Wesen der 
Üjrsoheinung gegenübertritt, so findet das Gleiche auch im 
Yerhältniss der Ideen zu einander statt: die niedrigem 
Begriffe sind nkht in den höheren selbst schon enthalten, 
sondern erscheinen als besondere Substanzen neben die» 
#en, welche an ihnen nur theilhaben ^). 

Aus diesem Grunde dürfen wir auch bei Plato keine 
logische Entwicklung des Systems der Ideen erwarten. Eine 
solche ist nur möglich, wo die Begriffe flüssig gemacht, 
and in ihnen selbst die Momente aufgezeigt werden, welche 
von dem einen zum andern überzugehen nöthigen« Hier 
dagegen sind die einzelnen Begriffe hypostasirt, und dadurch 
für ein- in sich Fertiges und Festes erklärt, von dem kein 
immanenter Fortgang zu einem Andern möglich ist, son- 
dern das nur in der Weise der Reflexion mit dem sonst 
woher aufgenommenen Andern verglichen werden kann. Die 



1) Es tritt diess ausser dem gleich Anzufiibreoden aus der Rep. 
namentlich in der Ausfuhrung des Sophisten S. 250 ff. über dio 
Gemeinschaft der Begriffe hervor. Vgl. z. B. 250, A f.^ S7bv 
#1;, itiptjoiv xttl atdaiv ag' ov* ipavT^rata Xiyaii d?,l^XotS; Hm^ 
yaQ ov ^ Kai fit}v iivai ys 6fioi(a6 fpyi <ifitf>ore(fa avrd ual hca-^ 
tsQOV, ^Tifii yoLQ ovv. j^Qa Kirßio&ai Xlyaiv dfttpoTf^a xal ina- 
TSQOVy orav elvai ovyxofgfjt j- ÖvSaauis, '^kX* katdva^ arjfialvtii 
Xiymv atrd d/i(p6teQ» itpai; Xai ncSSf T^itov äfa vt nagd ravtm 
to ov iv rji tf'vxp T*i^«iff, qU vn ixsivov ti^v tt otdatv mal njv 
« Klt'fjOiv TTBQiBXOfitvijv^ ovXXttßviv 'jut\ aTnSiiv avv^v ngoi r^v ttji 
Qvaias xoiyüjviavf ovrots etpm Trgoselnas avri* 



Die Platontsebe Dialektik. SM 

DaratftllaDgen, in denen sich Plato attcfa am Meisten einer 
immanenten Dialekttl^ nähert, sind die bereits angeführten 
Erörterungen des Sophisten (244, B ff.) und des Parmeni« 
des (142, B ff»), in denen aus dem abstrakten Begriff des 
Eins die ganze unbegrenzte Mannigfahigkeit der Bestim* 
muis^en des Seins abgeleitet wird. So bewunderungswürdig 
aber diese Entwicklungen auch sind, so kommen doch auch 
sie nicht über die angegebene, dem Philosophen durch seui 
Princip vorgezeiehnete Grenze hinaus, denn der Begriff 
des Seins, als ein vom Eins verschiedener Begriff, wird 
hier nicht aus dem des Eins abgeleitet, sondern nur als 
gegeben in dem Begriffe des seienden Eins vorausgesetzt; 
mag daher in ^er Folge auch noch so kunstreich mit die» 
sen Begriffen gerechnet werden, so ist doch die Grundlage 
der ganzen Rechnung, der Unterschied des Eins und des 
Seins, aus dem die gesammte Vielheit der abgeleiteten Be- 
griffe hervorgeht, selbst nicht weiter abgeleitet. Es ist Plat4^ 
hier, wenn auch in geringerem Grade, ergangen, wie sei- 
nem modernen Nachfolger, Schelling, oder auch Spinoza: 
in die Anschauung der Idee versenkt, fasst er diese 
als objektive, dem Denken gegenüberstehende Substanz auf, 
und weiss in Folge dessen ihre dialektische Bewegung nur 
unvollständig darzustellen. 

Plato selbst hat auch nur einen schwachen Anfang 
zu einem System der Ideen gemacht. Rep. VI, 504, E ff«^) 
wird als der höchste Inhalt alles Wissens und das höchste 
Princip alles Seins die Idee des Guten bezeichnet, und 
aus dieser das Wissen und das Sein abgeleitet. Unter dem 
Guten ist nun hier, wie der Zusammenhang zeigt, nicht 
sowohl das moralisch, als das metaphysisch Gute, die letzte 
Ursache und der letzte Zweck alles Seins und Denkens, 
nach unserem Sprachgebrauch das Absolute zu verstehen« 



1} Genaueres übe» diese Stelle s. u. ^« iS. 

DU PhUoiopbic dir Griccbto. IL Tbeil. 14 



210 Die Platonische Dialektilf. 

Eine genauere Bestimmung dieses Begriffs hat jedoch Plalo 
weder hier noch an andern Orten, wo er Anlass dazu ge^ 
habt hätte, gegeben ^), und wenn er nach dem oben ^) 
angeführten Berichte eines alten Aristotelikers das Gute 
als das Eini^ defiairt hat, so kommen wir auch damit nicht 
über die Darstel hing der Republik hinaus, denn auch in 
dieser erscheint dasselbe als die alle Gegensätze unter 
sich befassende höchste Einheit. Ebensowenig sind nun die 
Begriffne des Seins und des Wissens aus der Idee des Gu- 
ten logisch abgeleitet; von einer apriorischen Ableitung 
der übrigen Ideen ohnedem fehlt jede Spur. Hier befolgt 
daher Plato durchweg ein empirisches Verfahren: eine Klasse 
des Seienden wird als gegeben aufgenommen, auf ihr ge- 
meinsames Wesen zurückgeführt^ und dieses als Idee aus- 
gesprochen. Beispiele dieses Verfahrens sind uns schon 
oben (S. 205,3) in reicher Menge begegnet. Wie aber da- 
durch die Reinheit der begrifflichen Behandlung getrübt, 
der Gedanke mit der Vorstellung termischt, und dem An- 
schein, als ob die Ideen den sinnlichen Dingen ähnliche 
Substanzen seien, Vorschub gethan werden musste, liegt 
am Tage. 

Vielleicht das Gefühl dieses Mangels war es nun, 
was den Philosophen veranlasste, die Lücke seiner begriff- 
lichen Entwicklung durch eine symbolische Darstellung aus- 



i) Vgl. Bep. VII, 517, B: r« $* ovv ifiol tpaivofisva oorat ifatrsvaty 
iv Tfj} yvoiotia relevvaia ij tov aya&ov i8ia utal /loytc o^aod'att 
d(p&iXaa di' avXXoyiorta tevai vjS uga naai iraviojv avvrj oQ&viV 
rs xal i(a?^ojv ahia^ tv rs ogatm (f(»i xai top tovtov hvqiop tb- 
HOvaUf tv ti vorjrt^ avt^ atvQia dlfj&siav «al vovv naQaaxopUvrj 
U. s. w. Tim. 28, C: tov fitp ovv noit^T^v xal Ttarifja tovSs 
TOV navTü9 tvQuv ts fQyov xal evgovra sie ndivTae ddvvaTov 
Xiyuv, 

1) S< 171 Tgl. Abist. Metapb. XIV, 4. loai^b, 13 und da^u Striav 
bei BfiANDis Gr. -röm. Phjlos. I, 485, 1« Schol. in Arist. coli. 
Bbasdis ^28, a, 23. und m. Plat. Stud. S.277.' Heumann Vindier 
disput. de id. bom JS. 41 f» 



Die Platonische Dialektik. 211 

zurrillen. Den Aristotelischen Berichten znfolge erklärte 
Plaro die Ideen auch für Zahlen, unterschied aber dabei 
zwischen den Zjahlen im gewohnlichen Sinn (den aqi&fjiol 
lia&fllimiyioi) und den Zahlen, sofern sie die Ideen aus- 
drOcken (den aqi&fAOi eldtjnxoi)* Näher soll der Unterschied 
beider darin liegen, dass die mathematischen Zahlen zu- 
sammengezählt werden können (avfißXrjrol sind) d. h. darin, 
dass sie aus lauter gleichartigen Einheiten bestehen, wo- 
gegen die mit den Ideen identischen, oder die Ideal -Zah- 
len aavfißXf]rqi sind, d. h. jede von ihnen von jeder speci- 
fisch verschieden ist ^). Aristoteles bezeichnet nun zwar 



1) Genaueres hierüber s. in m. Plat. Studien S. 239 ff. 236 Anm., 
bei Tbeüidbleiübubg Fiat, de id. et numeris doctrina ex Arist. 
illustr. S. 71 ff' Comm. in Arist« de An. S. 232. BBA5ot8 im 
Rhein/Mus. II, (1828) 562 ff. Gr.-röm. Pliilos* II, a, 315 ff., 
woKu Rataisson Essai sur la Metaphysique d'Aristote I, 176 ff* 
nichts Wesentliches hinzufügt. Nur in Einem -Punkte muss ich 
meine frühere Ansicht zurücknehmen. Arist. bezeichnet den Un- 
terschied der mathematischen von den Id'calzalilcn öfters durch 
den Atisdruck, dass in den einen das Vor und Nach sei, in den 
anderen nicht. Diesen Ausdruck glaubte ich früher davon deu- 
ten zu müssen, dass in den mathematischen Zahlen das Vor 
und Nach sein soHe, weil d\e%e avfißltjtol sind, hier daher die 
niedere immer in der höheren enthalten ist und von ihr voraus- 
gesetzt wird, so dass wir also die niedere vorher haben müssen, 
ehe wir zuir höheren gelangen, wogegen die Idealzahten als aai'/u- 
ßlrjTOi nicht in einander enthalten sind, von ihnen daher dieses 
nicht gilt. Nun sagt aber Anis?. Meiaph. XIII, 6. 1080, b, 11: 
ol (Ltiv ovv aufpor/fjovff rpaov ttvai zove dg*&fi,ovC, top fitv i'xovra 
t6 ir{)OViQOv mal votbqov ras iSiue^ rov Si find^rjanriytov ^äQa 
tag Idtag, Ich hatte hier der Vermuthung Tbendelcbbcrgs bei- 
gestimmt, dass vor i'yovTa ein firj ausgefallen sein möge, muss 
nun aber, wie dieser, Bbasdis zugeben, dass diess nicht ^r Fall 
sein kann, nicht blos desswegen, weil weder die Manuscripte 
noch die Commentatoren davon etwas wissen, sondern auch un<d 
besonders, weil die gegenwärtige Lesart auch durch das Folgende 
bestätigt wird. G. 7* 1081, a, 17 heisst es nämlich, falls alle Ein- 
heiten aavußhfTo$ wären, so könnte ca weder die mathematische 
Zahl geben, da diese aus ununterscbiedenen Einheiten' bestehe, 
noch die der Ideen: ov ya^ hvai ^ Sva£ Tt^iurti^ in tov ivo« nnl 

14* 



212 Die Platonische Dialektik. 



Ttjs dogiarov $va3oCj Instra ol l^rji aQi&fiolt ojg XiyeTat,, 9vuSy 
tQiaSy TST^ds' äfia yaQ at ip Tf, SvaSt tf/^TtgojTtj fiovdStS ytp^ 
vojvTai. Da nun hier der Satz, dass unter der angenommenen 
Voraussetzung keine Idealzahlen möglich wären, damit bewiesen 
wird, dass bei derselben die Aufeinanderfolge der Zahlen, diso 
das ngoTiQov >^l varegov unmöglich, würde, so muss eben dieses 
den Idealzahlen zukommen. Noch deutlicher wird diess im Fol- 
genden, wenn hier dem Satze (Z. 17) el davfißkt^Toi at /Liovd8sc 
der Satz: el lazai t} it^ga fiovdi Tfje erigae ngortga substituirt 
ist, wenn femer (Z. 35 ff.) die Worte: ov&eis fitv oZp xuv rgo^ 
irov TOVTOV iTgr^xtv avviuv rdi fiopddas ^ovf4-ßXtjTOvt^ |ar« Bt tiatd 
fikp Tai ixstPMP dgxd« tvkoyop nal ovTwe durch die Bemerkung 
begründet werden: rde rs fdg /novdSae TTgorigae xal varigai ei- 
vai (diess ist hier offenbar dem vorangehenden tde /nopdSae 
davfißkf]TOvi substituirt) tvkoyov tiTtsg xal, ngonri tU iari fiovds 
Hai tp ngwrop, wenn endlich S. 1081, b, 37 gegen dieselbe An- 
nahme, dass alle Einheiten davufl?,ffToi seien, gesagt wird: er« 
Trag* avrijp rt^p TgiaSa,Kal avv^p rtjv Svdda 7T(u€ iooprat aklat 
rgtuStS Hai dvddes ^ tial riva rgoirop ex ngozigtjap fiopdSotp xal 
var/güip (diess steht wieder ^r: davfißkijTojp') avyxuprai;. Ebenso 
wird S. 1082, b, 19 ff. bemerkt: wenn die Dreizahl -an -sich mehr 
sein solle, als die Zweizahl -an -sich, so müsse in der Dretzahl 
eine der Zweizahl gleiche Zahl stecken, die dann nothwendig der 
Pyas gleichartig {ddidtfogoi ^ was := ovfißXi^ros) sein müsse, 
oAA* ovx eV^/?;ferff« el irgolroi Tis ioTiv dgi&fios xal Sevregof^ 
ferner c. 8* 1083) a, 6: falls die Mpnaden sich Ton einander un- 
terscheiden, 7ror*(/ov al TtgojTa^fitl^ovS tj ildvvovs xal ai varsgop 
tTTiSiSoaaiv 9} Tovvaptiop, Ebd. Z. 33 steht den Worten itval 
Tipa $vd8a TTgvjTtjp xal TgidSa parallel: ov avfißXrjrovS tlpai tovQ 
dgi&ftovs TTgos dlktjkovif und 1083, b, 52 ff. wird daraus, dass 
die Einheit früher ist, als die Zweihelt, gefolgert, sie müsste nach 
Platonischer Voraussetzung die Idee der Zweiheit sein. Beson- 
ders gehört aber hieher c. 69 1080, a, 16: dpdyxrj S* sl'nsg iazlv 
6 dgtx^uos (pvate tiS ... fjvot, etpai t6 fiep ngotTov ti avTov t6 
S*ixou6VOPi iTsgoP op to) tlSei exaaTOP, xal tovto tj Inl TOt» 
fiOPaSojv 6V&VS VTtdgxit »oil sotiv dav fißkrjTOi oTroiaovv fiopde 
onoiifoip fiopddi u. s. w* und c. 7* S« 1082, a, 269 wo der Lehre 
von den Idealzahlen entgegengehalten wird : dXXd /li^p ovSi tovto 
StZ Xap&dpeiPf ort avfißaipei ngoxigas xal varigas ilpdt dvdSaS^ 
Ofiotüte 8i xal TovQ äXXoi'S dgt&fiovi, ai fitp ydg (v r// TsxgdBt 
SvdSeS tarwaav dkXylatS äfia' dkl' avTaiTutpiv tjj oxrdSi Trgo- 
Tsgai elai xal iyivpTjaap^ ojSirsg 1^ $vde TavzaC, avrai TaQ TSTgd^ 
da9 raff h rjj Qxrddi avTJj, ojcts bI xal ^ irgonri dvdi idtoy xal 



Die Platoniscbe Dialektik 213 



avrai tSiai ttvee iaovrat. 6 S^avttS loyoS nal «Ti T(uv fAOvddmp 
, . . ojere naaat «* ftordSee iS^tii yiyvovxat %a\ üvyxu'asTa& tSia /J 
ibisvjv. Dass alle Dyaden und Monaden, ans denen eine Zahl zu- 
sammengesetzt ist, nach Platonischer Lehre Ideen sein miissten, 
wird hier daraus gefolgert, dass nach derselben die Zahlen, iil 
denen das Vor und Nach ist, überhaupt Ideen seien. Steht nun 
nach diesen Stellen ausser Zweifel, dass das ttqot^qov koI vart" 
Qöv bei Arist. die Eigenthümlichkeit der Idealzahlcn bezeichnet, 
so giebt die zuletzt angeführte Aeusserung auch über die Bedeu- 
tung jenes Ausdrucks Aufschluss* Früher ist die Zahl, aus wel- 
cher eine andere entsieht; die Zahl Zwei z. B. früher als die 
Vierzahl, denn aus der idealen Zweizahl und der Svdi do^iaros 
entsteht (Metaph. XIII, 7* 1081, b, 21) die Vierzahl, nur nicht 
(vgl. Abist, ebd.) xard TTQos&satVi so dass nun die Zweizahl in 
der Vierzahl enthalten wäre, sondern durch yipvtjais (Poten- 
ziriuig, oder was man sich unter dieser mystischen Bezeichnung 
denken mag), so dass eine Zahl die andere zum Produkt hat. 
Das Vor und Nach bezeichnet also das Verhaltniss des Faktors 
zum Produkt, eine Bedeutung für die sich Tbesdeleitbvrg (Plat. 
de id. doctr. S. 81) mit Becht auf Metaph. V, 11. 1019, a be- 
ruft: rd fjLtv Sij ov,T(a Xlyivai, TTQOVbQa vtal varega* t« St icara 
tpvaip Kai ovalaVf öaa cV^^;if€Ta« etvai ävsv akXtov, ixeTpa 8i avtv 
ineitojif fii^' fi S&aigiasi i^griaato TlkdrMv, vgl. auch Cat c. 12 : 
WffOtgQOP iriQOv 6T6qop XiysTon rerg^x*"^* Trgdßrgv fiiv xal Kr(>«(o- 
rara nard xgovop ... Bbvtsqop Si ro fifj dpriar^itpop vtaxd Ttj» 
Tov liiai anoXov&TjaiPt oiop to cp twp $vo ngoxegop* SvoiP 
/lip ydg optwv dnoXovdit ev&vs ro «v elvat, ipo^ di ovroi ovh 
dpaynatop Svo ihat u. 8. w. Was mich früher hlegegen bedenk- 
lich gemacht hatte, dass nach Metaph. III, 3. 999, a, 12 in den 
Einzeldingen (arofia) kein Vor und Nach sein soll, halte ich nicht 
mehr für erheblich, denn sind diese auch durch anderes Einzel- 
nes bedingt, so findet doch unter den Einzelwesen, in welche die 
untersten Artbegriffe am Ende auseinandergehen (und nur diese 
bat Abist, hier im Auge; vgl. S. 998, b, 14 ff.), nicht das Ver- 
bältniss des ProduCenten zum Produkt, oder des höheren Be- 
griffs zum niedrigem statt, sondern sie sind sich logisch coordi- 
nirt. — Wie lässt sich nun aber mit dieser Auffassung des Vor 
und Nach die wiederholte Aussage des Abist. (Metaph. III, 3. 
999, a, 6. Etb. Nik. I, 4. 1096, a, 17. Etb. Eud. I, 8. 1218, a 
vgl. m. Plat Studien S* 243 f.) vereinigen, dass Plato und seine 
Schule von demjenigen, in dem da» Vor und Nach stattfinde, 
keine Ideen angenommen habe? Gegen die Auskunft von Bbav- 
Dis, das ngoTtgop xal varegov in diese» Stellen in anderem Sinne 



^14 Die Platonitcbe Dialektik. 



2u nehmen, als in den früher besprochenen, hier nämlich »als Be- 
KeicbDiuig der lediglich durch das numerische Nacheinander oder 
durch das Mehr und Weniger einander gleichgeltender Einhellen 
bedingten Abfolge«, Mctaph. XIII dagegen »ab Bezeichnung be- 
grifflicher Abfolge«, muss ich meine frühere, von Brandis auch 
in seinem neuern Werke nicht beantwortete Einwendung wieder- 
holen, dass ein B uns taus druck, wie das tiq* *, vcr^i in ver- 
schiedenen Aeusserungen desselben Schriftstellers in derselben 
Weise und analogem Zusammenhange gebraucht, unmöglich Ent- 
gegengesetztes bedeuten kann. Alles Bisherige zeigt zur Genüge, 
dass der Ausdruck: vDinge, in denen das Vor und Nach ist«, in 
* der Platonischen Schule die stehende Bezeichnung für die Eigen- 
thümlichkeit einer gewissen Blasse von Zahlen war; wie könnte 
nun eben dieser Ausdruck in derselben Allgemeinheit gebraucht 
werden, um die entgegengesetzte Eigenthümlichkeit einer andern 
Blasse zu bezeichnen ? Wenn ich aber nun früher mit Bbakdis 
und Tbbotoelesiburg^ geglaubt hatte, die Stellen aus Metaph. III 
und den beiden Ethiken können sich nur auf die mathematischen 
Zahlen beziehen, und mich dadurch auch Metaph. XIII zu einer 
unrichtigen Auffassung des ngor, m. vat. hatte verleiten lassen, so 
hat mich jetzt eine genauere Untersuchung' überzeugt, dass nicht 
blos in der letztern Stelle« sondern auch in den erstem unter 
dea Dingen, in denen das Vor und Nach ist, die Ideal zahlen 
gemeint sein müssen. Metaph. 111, 3 ist gesagt: i'r* tv oh to 
VQottQQv mal vavt^ov iortv, ovx otov r« t6 ini rovrmv stval ti 
TTagd TOLvza* otov ti TtgtaTtj twv dgi&fiuiv 17 Svdf ovx iori rn 
dgt&fjios naffd td tXBrj T(»tf dgid'fiuip' und Eth. Eud.f, 8: i'ri iv 
oQOiQ vnmQXti' ro ngorsgov xal vatsQov^ ovm lari koi¥Ov ti nagd 
ravra koI tovto xwgiatov ti'fj ydg av r» rov ngoirov vgoitgov. 
ngortgov yag xo noiruv na\ xtugiarov S*d rd dvtitgovfi^irov rov 
utoivov dpaigtia^ai to ngvttov, oiov si t6 SmXdaiop ngoirov tötv 
noXkankaaiotv^ ovn nd^ySTa^ to Trokkiirkdaiop to »owf, uazrjyogoi- 
f^stov etvai xmgioTc» * i'orai ydg rov SiTtlmahv ngotagoVi ai avfi-. 
ßnivu TO jtotrov ttvai rriv iSiav, Hier beziehen sich nun die 
Worte: et ngwtrj TÖiv ugi&fiuiv iy SvaQ luid: sl to S$7t?.da$ov» 
TrgvjToy twv noklaTrXaaiotv deutlich genug auf die Platonische 
Lehre von der dvds dogiozos, aus welcher durch ihre Verbind 
düng mit dem Eins die ngt^rr^ Svdt als die erste wirkliche Zahl 
hervorgehen sollte (Metapli. XIII, 7. 1080, a, 14. 21. 1081, b,4); 
gerade von den Idealzalilen wird also gesagt, dass Plato und. 
die Platoniker von ihnen keine Ideen angenommen haben. Diess 
würde nun freilich allen sonstigen Berichten des Abist, über 
die Platonische ^ehre widersprechen, wenn die Meinung die 



Die Platoniaehe Dialektili» $|5 

selbst diese Darstellung als eine spätere ^), und damit 
stimmt überein, dass wir ihr in den Platonischen Dialogen 
nirgends begegnen; denn die Stellen, welche man hierauf 
bezogen hat, drücken alle theils nur den Unterschied der 
empirischen und der reinen Mathematik, der dgid/Äol ai<f&ij^ 
Tol und fiad^fifAurixol aus^)^ theils unterscheiden sie zvvar 
zwischen den Zahlen als mathematischen Grösseq und den 
Begriffen (Ideen) der Zahlen^), aber nur in demselben 
Sinn, wie überhaupt zwischen dem Ding und der Idee unter- 
schieden wird, so dass unter der Gesammtheit der Id^en 
^u<3h Ideen der Zahlen vorkommen, nicht so, dass die 
Ideen überhaupt durch die Zahlen vertreten worden. Doch 
können wir uns die Aristotelische Darstellung, ihre Rich- 
tigkeit vorausgesetzt, aus der Platonischen Philosophie er- 

wä're, dass den Idealzahlen nach iPlato überhaupt keine Ideen 
entsprechen } ebensowenig könnte diess aber freilich von den 
mathematischen Zahlen gesagt \verdeH, denn sind diese auch nicht 
selbst Ideen, so giebt es doch um so gewisser Ideen von ihnen, 
da ja gleich die Idealzahlen selbst sich zu den mathematischen 
als ihre Ideen verhalten: die Ttguirrj Svds z. B* ist die Idee aller 
in der mathematischen Zahl sich unendlich oft wiederholenden 
Zweiheiten (vfergl. Melaph. I, 6. 987, b, 16. Rep. V, 479, B). 
ÄRist. sagt aber jenes auch nicht, sondern nur: bei den Idealzah- 
len werde kein notrov %al xojQiar 6v^ d. h. keine von diesen 
Zahlen selbst verschiedene, für sich ißxistirende Idee derselben 
angenommen, wie bei den mathematischen, eben weil sie selbst 
Ideen sind, hier also die Zahl und die Idee der Zahl zusammen- 
fallen. Dass diess der Sinn der Aristotelischen 'Aussage ist, er- 
hellt namentlich aus der Stelle der Endemischen Ethik} noch 
bestimmter aber aus Metaph. VII,11. 1036, b, 13: xai rmv tds 
tÜi'ae ksyoiTüJV Ol uir avroyga/Lifii^if rr^v dvddaf ol Se ro tiSoQ 
Tjyff ygafififj?' i'via fiev Yo.q slvai ravzd ro elSos aal ov 
t6 flSos, olov $vdSa xal ro &l8o9 SvdSos. 

1) Metaph. XIII, 4. 1078, b, 9: 'JtfQl 81 tvHv iStujv ngonov avrijv 
TT/V itard Ti^v idiav So^av «7r*ax«7rr^ov, ^rjx^ev avrairzovTaS tcqoq 
T'^v Tuj» dgid'fivjv cfvoiv-t dlk' oW vitlkaßov i^ f^QZ^i^ ^^ ttqwtoi 
tde iSiai q>tjaavT6S elvai. 

2) Phileb. 56, O fF. Rep. VII, 525, D ff. Q^ oben S. 182, A. 1) 
Tim. 35, B ff. 

3) Rep. V, 479, B, Phädo 101, C. 



tl< Die Platonitche Dialektllu 

klären. Die Ideen als das Bestimmende der KSrperweh, in 
die Räamlicbkeit eingegangen, werden von PIatO| wie wir 
im nSchslen Paragraphen sehen werden, anter der Form 
der mathematischen Verhältnisse angeschaut,, die ihren all- 
gemeinsten Ausdruck an der Zahl haben, die Zahlen sind 
daher in ähnlicher Weise Schemata der Ideen, wie bei 
KiiNT ^) die Zeit das Schema der Verstandesbegriffe ist^ 
nnd wenn an die Stelle des rein begrifBichen ein symbo- 
lischer Ausdruck |^setzt werden soHte, so lag es^ für Plato 
am Nächsten, die Idee und ihre Bestimmungen in arith- 
metischen Formeln auszudrucken. Eine Andeutung davon 
kann man in der mehrerwähnten ^) Stelle des Phileb. S. 1 6, C 
finden, wenn hier mit Verweisung auf die Ueberlieferung 
der Früheren gesagt wird. Alles bestehe aus Einem und 
Vielem und habe die Grenze und Unbegrenztheit in sich, 
man müsse daher den Einen Begriff in so viele Arten, als 
er in sich enthalte, zerlegen^ ebenso diese u. s. f. bis man 
die Zahl der in der anfänglichen Elinheit enthaltenen Vie- 
len vollständig erkannt habe. Mit den itaXaioi, auf welche 
diese Stelle zurückweist, können nur die Pythagoreer ge- 
meint sein; Plato glaubt also in der pythagoreischen Lehre 
von der Verbindung des Begrenzten und Unbegrenzten oder 
der Einheit und Vielheit im Wesentlichen das Gleiche zu 
finden, was in seiner Lehre von der Verbindung der Ein- 
heit nnd Vielheit in den Ideen enthalten ist, d« h. er be- 
trachtet die pythagoreltsche Zahlenlehre im Wesentlichen 
als identisch mit seiner Ideenlehre. Hat nun auch Plato, 
wie wir aus seinen Dialogen und der oben angeführten 
Aristotelischen Stelle schliessen müssen, diese Aehnlichkeit 
in seiner frühem Zeit nicht weiter verfolgt, so mochte sie 
ihn doch später, als sich einerseits die Unmöglichkeit einer 



1) Hrit d. r. Vera. Elementar]. II. Th. 1. Abth. 3. B. 1. Haaptst 

S. 157 der Leip^. Ausg. Ton 1838. 
3) S. o. S. 473. 



Bie Platonische Physik 117 

begrifflichen Constraetion der Ideenwelt mehr and mehr 
heransstelhe, andererseits die dialektische Kraft des Phihn 
sophen, wie uns auch der dogmatische Ton des Ttmäus 
beweisen mag, bei herannahendem Alter abnahm, zu dem 
Versuche veranlfisen, die Verknüpfung der Einheit and 
Vielheit in den Begriffen, und den Hervorgang der niedri- 
gem Begriffe aus den höheren und höchsten am Beispiel 
der Zahlen anschaulich zu machen, und in Folge deirsen 
wohl auch die Ideen überhaupt als eine höhere Art von 
Zahlen, als intelligible oder Urzahlen (aqi^fiol votjroi, etdrj' 
riHoiy n^mroi) zu bezeichnen. Doch sagt uns Aristotelks 
selbst, dass Plato das Zahlensystem nur Jbis zur Zehnzahl 
Entwickelt habe ^), so dass sich auch • nach dieser Sttite hin 
das Ungenügende eines solchen Surrogats für eine wirk- 
liche dialektische Construction der Ideenwelt herausstellte. 
Fehlt es aber hiemit der Platonischen Pkflosophie an 
einer dialektischen Entwicklung der Idee, so fehlt es ihr 
nothwendig auch am systematischen Uebergang von der 
Idee zur- Erscheinung; auch wir müssen daher ohne wei- 
tere Ableitung von der Dialektik zur Physik übergehen. 

§. 21. 

Die Platoniscbe Physik. 

Den Namen der Physik nehmen wir hier im weitesten 
Sinne und rechnen zu derselben die gesammte Lehre von der 

1) Phy8.III, 6. 206, b, 32: {l[lat(op) (iix$'' ^'ttdSoS no^t t6v aQt&^ 
fiov, Metaph. XII, 8* 1073, a, 10: v^id'uovs yd(f iiyovai ras 
iS^aQ Ol X.^yovres lätäs^ itbqI Si Tujt^ d()iO'fi(uy 6t s fUv tui TtsfA. 
dnBiffOjv )Jyovo§v, vre Ss we fi^XQ* ^^^ SexdSoe vjgiafitvotv, Xill, 8. 
1084, a, 12; dlkd fiyv «/ f^^XQ*^ ^^^ dsttdSos 6 dgi&fiuSf ojon^ 
Tiv/f <paa&v. Wena ebd. XIVy4 Anf. gesagt wird, die Anhänger 
der I^ebre von den Idealzahlen leiten die ungeraden Zahlen nicht 
weiter ab, so glaube ich diess jetzt, von meiner frühern Ansicht 
(Fiat. Stud. S. 253) theilweise abweichend, darauf beziehen zu 
müssen, dass die erste ungerade Zahl, das Eins, also die Wur- 
zel des Ungeraden überhaupt, nicht von ihnen abgeleitet wurde. 
VgL Metaph. Xlil, 6* 1081, a, 21. 



tl8 Die Platonische Pbysili. 

Weh des natürlichen Daseins, so dass sie also ausser der 
speciellen Physik auch die Anthropologie und die Unter- 
suchung über die allgemeinen Gründe der Erscheinungs- 
well, in ihrem Unterschiede von der idealen, umfasst. Was 
die Ordnung der Materien betrifft, so wird die letztge- 
nannte Untersuchung, welche sich zunächst aii die Ideen- 
lehre ansohliesst, naturgemüss zuerst stehen, hierauf die 
specielle Physik folgen, und schliesslich die Anthropologie 
den Uebergang zur Ethik vermitteln. Bei jener ersten Frage 
kommen sodann wieder drei Punkte in Betracht: die all- 
gemeltie Grundlage des sinnlichen Daseins, die Materie; 
das Verhältniss des Sinnlichen zur Idee; das Vermittelnde 
zwischen der idealen und der sinnlichen Welt, die Weltseele. 
^Um Plato's Lehre von der Materie zu verstehen, müs- 
sen wir auf die Ideenlehre zurücksehen. Plato betrachtet 
die substantiellen Begriffe oder die Ideen als das allein 
wahrhaft Seiende, die sinnliche Erscheinung dagegen er- 
klärt er nur für ein Mittleres zwischen Sein und Nichtsein, 
für ein solches, dem nur ein Werden (ein Uebergang vom 
Sein zum Nichtsein und vom Nichtsein zum Sein), nie ein 
Sein zukomme; in ihr stellt sich ihm zufolge die Idee 
nie rein, sondern immer mit ihrem Gegentheil vermischt, 
nur verworren, in eine Vielheit von Einzelwesen zerschla- 
gen, und unter der materiellen Hülle versteckt dar ^); sie 
ist nicht ein Anundfürsichseiendes, sondern all* ihr Sein 
ist Sein für Anderes, durch Anderes, 4m Verhältniss zu 
Anderem, und um eines Anderen willen ^). Das sinnliche 



1) S. o. S. 185 ff. und Rep. VII, 524, C. VI, 493, E. V, 476,. A. 
S>mp. 211, E. 207, D. 

2) Syrap. 211, A, wo das unschöne im Gegensatz gegen die schöne 
Erscheinung (ra irokkd xaAa) beschrieben wird als ov ry fikv 
nakovy T7J d' aiO'/QOv^ ovdt totb fiev^ Tovt S* ov, ovSt TtQOQ fiiv 
t6 AaXov rrgog di to aiaygov, ovd' t'v&a /ntP xäAov, i'vd'a Si 
uia'igov, ojs Tial fiiv oi/ xaXov, tial Si niaygov. Fhileb. 54, C: 
'{Aaartjv Se ytvsaiv «AAi/v oikktji ovoiai nyos kvtdorr^i ivtna yiy- 



Die Platoniscbe Phjailf. 319 

Dasein ist also mit Einem Wort nur. ein Schatten-^ und 
Zerrbild des wahren Seins, was in diesem Eines ist, ist 
in jenem ein Vielfaches und Getheihes, was dort rein für 
sich ist, ist hier an Anderem, durch Anderes, für Anderes, 
was dort Sein ist, ist hier Werden. Woher' nun diese Ver- 
unstaltung der Idee in der Erscheinung? In den Ideen 
selbst kann der Grund davon nicht liegen, denn diese, wenn 
sie auch mit einander in Gemeinschaft treten, bleiben doch 
darin für sich, ohne sich mit andern zu vermischen, jede 
in ihrem eigenen Wesen: keine, Idee kann sich mit einer 
andern ihr entgegengesetzten verbinden, oder in dieselbe 
übergehen ^), wenn daher auch Eine Idee durch viele an- 
dere hindurchgeht, oder sie in sich befasst^), so kann 
diess doch nur in der Art geschehen^ dass jede derselben 
unverändert sich selbst gleich bleibt ^), sofern nämlich ein 



ndoTje. Tim. 52 ^ C: eiHon ulv (der sinnlichen Erscheinung), 
inei7t6(> ovS' avxo tovto i(p* uf yiyovev (das Wesen zu dessen 
Darstellung sie dienl) iavr^i hrw, Iriftov dt ttvos dil (p^gtrai 
tpdvraofiat did tavza tv itli^Cff TrgoSyxn rivl yiyvto&ai,^ ovaiaC 
duojSy^TTOte dmxofilvTjv ^ tj firßtv roitagditav avr^v tivai. Vgl. 
Rep. V, 476, A. Phädo 102, B f. auch Krat. 386, D. Theät. 
IdO, B, In welcher letztem Stelle jedoch Plato nicht in eigenent 
Namen spricht^ 

1) Phädo 102, D ff. : i^ol ydq tpatrsrai ov fiorov avto tv fiiytd'oi 
otSinoT tx^ileiv olfia fi^ya nal afiix(f6v itptti u. s> w, cJff d' avvvn 
Haß ro autxQov t6 ev ijuiv ovx i&ikei novl fiiya yiyvsa&ai oiSe 
flvai oi^i akXo ovBsp twv tvavriütv u. 8. w. Hiegegen wird nun 
eingewendet, Sokrates selbst habe doch eben erst gesagt, dass 
das Entgegengesetzte aus Entgegengesetztem werde, worauf die- 
ser antwortet: tots fih ydg iliyevo in tov ivavrlov nfjdyfiara^ 
t6 ivavrlov n^gdy/aa ytyviad'at^ vvv Se ori avro ro ivavriov 
iat'Toi evavriov ovx av xotf yivotto u. s* f. Vgl. Sopb. 252, D. 

^ 255, A. ' 

2) ^ph. 253, D s. o. 8. 173. 

3) Phileb. 15, B: es sei schwer zu fassen, ttwc aZ Tavrae (tat iSiaf) 
fiiav sxdorrjv ovoav dfl Tiljv avTtjv y.al firjts yiVsaiv fiijvs oke&gov 
^^oC^fXOfitvf^v, oaOii tlvai fisßaiörara ftiav ravTijVi fisxd Se rovt 

iv Toii yiyvofAlvoii av nal dTttiffOti fire d&eoTtaofiivrjv xal rrokla 



220 Die Platonische Physik 

Begriff mit einem -andern sich nnr in dem Maasse ver- 
knüpfen lässt, in dem er mit ihm identisch ist ^). Die 
sinnlichen Dinge dagegen nehmen, im Unterschiede von den 
Ideen, nicht blos übereinstimmende, sondern auch entgegen- 
gesetzte Beschaffenheiten in sich auf, und dieses ist ihnen 
so wesentlich, dass Plato geradezu sagt, es sei keines unter 
ihnen, das nicht zugleich das Gegentheil seiner selbst, des- 
sen Sein nicht zugleich sein Nichtsein wäre ^). Von der 
Theilnahme an der Idee kann nun dieser unterscheidende 
Charakter der Erscheinungswelt nicht herrühren , eben in 
ihm zeigt sich vielmehr, dass nicht blos die Vernunft, son- 
dern auch die Noth wendigkeit Ursache der Welt ist, und 
dass diese Ursache von der Vernunft nicht schlechthin über- 
wunden werden konnte '). Es muss mithin ein eigenthüm- 
liebes Princip zur Erklärung des Sinnlichen als solchen 
angenommen werden; dieses aber wird als das reine Ge- 
gentheil der Idee, die alles Sein in sich enthält, und die 
Ursache des relativen Nichtseins der Erscheinung nur das 
absolut Nichtseiende, als der Grund für die Getheiltheit 
und das Werden des Sinnlichen, nur das absolute Ausser- 
einander und die absolute Veränderung sein können. Die- 
ses Princip ist nun das, was man mit einem unplatonischen, 
obwohl schon von Aristoteles seinem Lehrer geliehenen 
Ausdruck die Platonische Materie nennen pflegt — eine 



YByovviav &6Tiov, ei&* ökrjp avviji j^ohqis» Dasselbe muss aber 
noch weit mehr von der Gemeinscbafl der Ideen untereinander 
gelten. Dass auch Rep. V, 476« A nicht widerspricht» s. u. 

1) Soph. 255, E fF. S. o. S. 200 f. 204. 

2) Rep. V, 479, A s. o. S. 187. Pbädo 102 (S. 219, 1). 

3) Tim- 48, A: ftefiiy/Atvr^ yaQ oiv ij rovds tov noofiov yivtaii *J 
avdyxrji re xaX vov avaraatüii lyevv^d^ij* vov dt drdyittjs agxov-^ 
Toi Toj Jisi'd'eip avT^v rtav yiyvou,'v(uv rd nXetatiu im tu ßtXti" 
OTOv aytii'i TavTj] nard ravrd re 9$* dvdyatji '^ztojfiivrji vno nßir- 
&6vs i'fjitpQOvos ovTütt Har dgj^ds ^wiotuto toSb tq ndv.* VergU 
Tim. 56, C. 68, E. Theät. 176, A. 



Die Platonische Physik. 221 

Bezeichnung, deren ancb wir ans um der Kurze willen be- 
dienen werden* 

Die Beschreibung dieses Princips enthält der Philcbus 
und der Tiinäus. — Im Philebus S. 23, C ff. theilt Plato 
die Gesammtbeit des Seins in vier Klassen: das Unbe« 
grenzte, die Grenze, das aus beiden Gemischte und die 
Ursache dieser Mischung und des Seins überhaupt. Die 
letzte von diesen Klassen bezeichnet den absoluten Grund 
des Seins, die ideale Wesenheit, die dritte das sinnliche 
Dasein, die zweite die mathematischen Verhltltnisse und 
Gesetze der Erscheinubgswelt, die erste das allgemeine Sub- 
strat der sinnlichen Erscheinung, die Materie, Diese nun 
wird so beschrieben (S. 24, E): „Alles was des Mehr und 
Minder, des Stärker und Schwächer und des Uebormasses 
fähig ist, gehöre in's Gebiet des Unbegrenzten^^; d. b. das 
Unbegrenzte ist dasjenige, innerhalb dessen keine genaue 
und feste Bestimmung möglich ist, das Element der begrifT- 
losen Existenz, der Veränderung, die es nie zu einem Sein 
und Bestehen bringt ^). — AusführHcher erklärt sich der 
Timäus S. 48, E ff. Von dem urbildlichen und sich selbst 
gleichen Sein der Ideen und dem ihnen Nachgebildeten, der 
sinnlichen Erscheinung, wird hier als Drittes dasjenige unter- 
schieden, was die Grundlage und gleichsam den miitter- 
lichen Schoos für alles Werden bilde, das Gemeinsame, das 
allen körperlichen Elementen und bestimmten Stoffen zu 
Grunde liege, und in dem unaufhörlichen Flusse aller dieser 
Formen, im Kreislauf des Werdens, sich als* ihr gemein- 
sames Substrat durch sie alle hindurchbewege, das Dieses, 
in dem sie werden und in das sie zurückgehen, und von 
dem sie die blosse so oder anders beschaffene Erscheinung 
seien ^), die Masse Qx/iayeiop)^ aus der sie alle geformt 

1) Vgl. Tim. 27) D, yvo Tom Sinnlichen als Ganzem gesagt wird, et 
sei ytyvofjLBvov fiep del ov 9i ovblitoTS . . yiyvofisvov Hai dnoXXv'^ 
fitvovy ovzfos di ovfiiTOTe oV. 

3) 49 B f : man dürfe keinen der bestimmten Stoffe ein rgde oder 



222 Die Platonische Physik. 

tverden, die aber eben desswegen selbst noch ohne alle 
bestimmte Form und Eigenschaft sein müsse. Dass ein sol- 
ches Element vorausgesetzt werden müsse, beweist Plato 
eben aus dem absoluten Flusse des Sinnlichen; dieser wäre 
seiner Ansicht nach nicht möglich, wenn die bestimmten 
Stoffe als solche .etwas Reales, ein Dieses, und nicht viel- 
mehr blosse Erscheinungsformen und Modifikationen eines 
gemeinsamen , und darum nothwendig bestimmungslosen 
Dritten wtiren- ^). Näher beschreibt er dasselbe als eine 
unsichtbare und gestaltlose Wesenheit, fähig alle Gestal- 
ten aufzunehmen, als den Raum, der, selbst unvergänglich, 
allem Werdenden eine Stätte darbiete, als das Andere, in 
dem alles Werdende sein müsse, um überhaupt zu sein, 
Während das Wahrhaft Seiende, als in sich einig, nicht in 
ein von ihm so ganz verschiedenes Gebiet eingehen könne ^). 
— Hiezu kommen dann noch die Aeusserungen des Aiti- 
STOTELES, 'welcher die Materie Plato's als das Unbegrenzte, 
oder wie er gewöhnlich sagt, das Grosse und Kleine, d. h. 



Tovro neonen, sondern nar ein rotovrovt da sie alle immer in ein- 
ander übergehen^ tp oi Si lyyiyi'OfAsra ael tmaatov arrüiv (pav- 
rd^erai xal nahv ixH&tv arrolXvrai, fiorov ixsivo av irQOiayo^ 
Qivtiv toj ts Tovrö ttttl TOI ToSe 7TQ09xgüifjth'orS ovofiari u. S. w, 

i) Aebnlich beweist schon Diogekks von ApoHonia (Fr. 2S« Simpl« 
Pbys. 52, b), den Plato möglicherweise hier ?or Augen gehabt 
haben könnte, aus der Mischung und Verbindung der Elemente, 
dass diese alle blos Formen Eines und desselben Urstotfs seien. 

3) 53, A f.: OftoXoy^tiop, ev ptkv chai re xata zavtd ttSo9 et^P^ 
dyivvritov nal dviuked'^ov u. s. w. • . to Si 6u(uvvfiov ofiOiov ti 
ixsiitit (das sinnliche Dasein) Stvrtgop ... rgirov Si av yivoe ov 
TO T^S ywpae dsly (pd'ogdv ov TtQotStxofisvov^ tSgav Si Ttagixov 
09a l'x^i yireaiv itdatp, avro Si fisr dvata&rjaia9 dntov Xoy$af*tjf 
Ttvt yo&ojf fioyts Ttiatov, ttqos o dt) nal opH^itoXovutv ßkinov"' 
TiS , Kai (pafjtiv dvaynaiov itval nov ro ov airav i'v tivi TOirt^ 
tt€Ll navfxov x^^Q^^ tivdy to Si fitjts iv yjj /ii/f« nov Hat ov(^a^ 
i>6v ovSiv tlvai ... Takr^'d'iSf cJc ainovi fiiv u.s. w- (S o. S« 318, 
A. %) . . • olroi fiiv ovv S^ Ttagd ztjs ffitje yjtjcpov koyia&slQ «V 
ni(paXai(^ SiSoa&w koyoSt ov rf >cal %ot(^¥ utal yivsaiv tirah tgia 



^ Die Platonische Physik. 22S 

als dasjenige deftnirt, was sawohl der Yerniehrung als der 
Theilüng in's Unbestimmle fähig ist ^). 

Diese Darstellung ist nun gewöhnlich so verslanden 
worden, als sollte hier die Lehre von einer der Welt* 
Schöpfung vorangehenden ewigen Materie vorgetragen wer- 
den* Schon Aristoteles hat zu dieser Auffassung dadurch 
Anlass gegeben, dass er sich, nach seiner Weise, in der 
Darstellung der Platonischen Philosophie des Ausdrucks 
vlfj bedient; bei den Späteren ist dieselbe ganz herrschend, 
und auch in neuester Zeit hat sie namhafte Vertreter ^) ge* 
funden, wogegen freilich nicht ganz Wenige^) sich ihr 
entgegengestellt haben ; Einzelne haben auch so über die* 
sen Punkt zu sprechen gewusst, dass ihre eigene Ansicht 
darüber nach wie vor im Dunkeln bleibt ^). Jene Auffas* 
snng kann nun allerdings Manches für sich anführen. Die 
Grundlage des sinnlichen Daseins wird im TimÜus uhlüiig- 
bar wie ein materielles Substrat beschrieben, sie ist das* 
jenige, in dem alle Stoffe werden, und in das sie sich 
auflösen ^}, sie wird mit det-Masse verglichen, aus welcher 



1) Melapb. I, 6. Pbys. IV, 2. III, 4.6. I, 9 u. ö. Genaueres über 
diese Darstellung in m. Plat. Stud. S. 217 ff* 

2) BoNiTz Disputt, Platonicae 65 f. — BbAndis Gr.*rÖm. Philoit. 
II, a, 597 fr. rgl. Stallbaum Tim. S. 43. 205 ff» Reishold Gesch. 
d- Pbll. I, 125. Hegel Gesch. d, Philos. II, 231 f. HERstAKor 
Sokrat. Syst. S. 45. 

3) BöcRH in den Studien von Dave und CnstzER III, 26 fP. Ritter 
Gesch. dr Phil. II, 345 f. Schlbibrxacher Gesch. d. Phil. S. 105. 
S. auch m. Plat. Stud. S. 212. 225. 

4) So namentlich Marbach Gesch. d. Phil. 1,213 f. Sigwart Gesch. 
d. Phil. I, 117 ff. 

5) S. q. S. 221 f.. Wenn etwas später, Tim.- 51, B gesagt ist, die 
vTTodoxy Tov ysyovoTog sei weder eines der vier Elemente, fn^rs 
oaa SK TovTwv fiTjXB ii (jjv Tavra ytyovsPf so soll auch dieses nur 
die Vorstellung aller bestimmten Stoffe entfernen: das aus 
den Elementen Gewordene sind die einzelnen sinnlichen Dinge, 
bei dem, woraus diese geworden, haben wir an Atome, oder 
Homöomerieen, überhaupt an qualitativ bestimmte Stoffe (daher 
auch der Plural i^ ojv) zu denken. 



234 I^ie Platonische Physik. 

der Künstler seine Figuren bildet, sie wird als das rovfe 
und Tods bezeichnet, welches bleibend, was es ist,^ bald die 
Form des Feuers, bald die des Wassers u. s. f. annehme^ 
es wird Endlich von einem Sichtbaren geredet, das vor der 
Entstehung der Welt in der Unruhe einer regellosen Be- 
wegung die Formen und Eigenschaften aller Elemente ver- 
worren und undeutlich in sich gehabt habe ^)« Der letz- 
tere Zug widerspricht nun aber freilich der wiederholten 
Behauptung, dass das gemeinsame Substrat aller Formen 
schlechthin formlos sein müsse, und dem Satze, dass alles 
Sichtbare geworden sei (Tim. 28, B), nur dann nicht, wenn 
wir unter der vor der Weltbildnng unruhig bewegten Ma- 
terie nicht mehr die reine Grundlage als solche, sondern 
bereits einen Anfang elementarischer Gebilde verstehen. Der- 
selbe wird daher entweder ^) zum Mythischen in der Pla- 
tonischen Darstellung gerechnet, oder auf etwas Anderes 
als die allgemeine Unterlage des Sinnlichen^ rein als solche, 
bezogen werden müssen. Mehr Gewicht hat das Uebrige, 
doch ist auch dieses nicht entscheidend ; mag auch das, was 
allen bestimmten Stoffen als Substrat und Ursache ihres 
scheinbaren Bestehens zu Grunde liegt, nach unserer An- 
sicht nur die Materie sein, so fragt es sich eben,* ob auch 
Pinto diese Ansicht getheilt hat. Nun erklärt Plato unzäh. 
ligemale, und auch der Timäus (27, D) wiederholt diese 
Erklärung, dass nur der Idee ein wahres Sein zukomme; 
wie könnte er aber dieses behaupten , wenn er ihr doch 
zugleich in der Materie eine gleichfalls ewige und in allem 
Wechsel ihrer Formen ihrem Wesen nach sich gleich blei- 
bende Substanz zur Seite stellte ? Abor davon Ist er so 



1) Tim. 30, A. 52, D. 69, B. vgl. PoHt. 369, D. 273, B: rovtoir 
Si avtii} [rcjii noofiiu] ro außfiaroBiSis r^s avync^MbOii aTnov ^ ro 
T^9 Ttakai notk tpvo8W£ ivvTQO<povt ori 7Tok?,^Q ijv fitrij^ov araf/ctff 
TtQlv eis TOP PVP noQfiop aftxia&at, 

2) Mit BöcHH a. a. O. 



*Die Platonische Physik. 225 

weit entfernt, dass er die Materie vielmehr deutlich genug 
als^das Nichtseiende bezeichnet. Diese Ansicht liegt schon 
in dem Tim. 35, A. 52, C für sie gebrauchten Ausdruck 
dureQov, denn das itsQov ist dem Sophisten 257, B zufolge 
identisch mit d^m fiij ov, und wenn dieses hier allerdings 
nur von dem Nichtsein und Anderssein gesagt ist, welches 
den Begriffen im Yerhältniss zu einander zukommt, so muss 
doch dasselbe auch auf das ereQov im strengen Sinn An- 
wendung ffndeo, und das absolut Andere mit dem absolut 
NichtSeienden zusammenfallen. Ebendahin verweist aber die 
Materie auch der Timäus, wenn er sie als etwas beschreibt, 
das weder mit dem Gedanken als solchem zu erfassen sei, 
wie die Idee, noch mit der l^mpfindung wie das Sinnliche, 
sondern nur fier avaiad^tjaiag anrbv Xoyiafi^ rm vod^cp ^), 
denn das wahrhaft Seiende ist schlechthin erkennbar, das 
Mittlere zwischen Sein und Nichtsein ist Gegenstand der 
Vorstellung, das Nichtseiende dagegen ist gänzlich uner- 
kennbar ^); ist daher die Materie ein solches, das weder 
durch*s reine Denken, noch durch die sinnliche Vorstellung 
festzuhalten ist, dessen Vorstellung wir vielmehr nur durch 
einen Xopaiiog v6dog{A. h. wohl: einen Analogieschluss von 
der Beschaffenheit des Sinnlichen auf die Grundlage des- 
selben) erhalten, so kann sie auch nur zum Njchtscienden 
gehören. Das Gleiche folgt ferner auch daraus, 'dass das 
Sinnliche für ein Mittleres zwischen Sein und Nichtsein er* 
klärt wird ^); denn da ihm alles Sein von der Theilnahme 
an den Ideen kommt ^), so kann das, was dasselbe von 
diesen unterscheidet, nur das Nichtseiende sein. Doch Plato 
hat sich noch bestimmter erklärt: das worin Alles wird, und 



1) 52, A f. §. o. 8. 222, 2. 

2) Rep. V, 477, A. 478, C. 

3) Rep. V, 477, A. 479, R f. X, 597, A. S. o. S. 186 f. 

4) Rep. V, 479. VI, 509, R. VII, 517, C f. Phädo 74, Af. 76, D. 
100, D. Symp. 21 1 R- Parm» 129, A. 130, R. 

Die Philosophie der Griechen. IJ. Theil. 15 






226 Die Platonische Physik. ' 

in das sich Alles auflöst, ist der Raum ^), dieser daher 
jenes Dii((e, was neben den Ideen und der Erscheinungs- 
weU bIs die allgemeine Grundlage der letztern gefordert 
Avird ^). Und damit stimmt auch Aristoteles Qberein, des- 
sen Zeugniss hier von um so grösserem uewicht ist, da 
er bei seiner Neigung, fremde Ansichten iii Kategorieen 
seines Systems zu fassen, seinem Lehrer die Vorstellung 
von der Materie als einem positiven Princip neben der Idee 
gewiss eher gegen dessen Sinn geliehen, als sicr' ihm ohne 
geschichtlichen Grund abgesprochen haben würde. Aristo- 
teles aber versichert ^), Plato habe das Unbegrenzte {anei-- 
Qop) als Piincip gesetzt nicht in dem Sinn, dass unbegrenzt 
nur Prädikat eines andern Substrats, sondern so, dass das 
Unbegrenzte als solches Subjekt sein sollte; derselbe be- 
zeichnet ^) die Platonische Materie als unkörperlich, und 
unterscheidet seine eigene Fassung der Materie von der 
Platonischen durch die Bestimmung, dass Plato die Materie 
schlechthin und an sich selbst zum Nichtseienden mache, 
er dagegen nur abgeleiteter Weise (aara avfißeßtjnog), dass 
jenem die Negation (ax^Qrjatg) das Wesen der Mat4>rie sei, 
ihm nur eine Eigenschaft derselben ^). Schliesslich mag 
hier noch daran erinnert werden , dass auch die iii^eitere 

1) Man vgl. mit Tim. 49, E: iv (jt Si iyyiyvofAtva del 'iviaara av- 
Tiuv (pavTa^btai Mal ndkiv ixsl&ep aTtokXvrai abend. 52, A (ro 
OLiad^tjTOv) yiyvo/aevov ts Iv rivi voTtcti nal iidktv inti&ev dnoX" 

kvflSrOV. 

2) A. a. O. : TQiTov 8t al yUos ov ro t^s X0)Qa9 dsl, (p&OQav ov 
TTQOQSexousievy iSgav Se Ttag^^^ov uaa l'xu yiveaiv ndoiv u. S. w. 
S. o.S. 222,2. Tim. 52, D: ovvoi fisv ovv 8rj nagd rijs ifjtiji iptjqiov 
koyia&sU tp HS(pakai(^ dsSoad'oj loyoty ov re nal x^Qav ttal yivt- 
üiv stpai u. 8. f. 

5} Phys. III, 4. 203, a, 3 : Ttdvrts (ro dite^gov) (uS dgxv^ ^**'« ^*- 
{ti'aai TuJv uvrojVi et fiiv, dkitSQ Ol IIv&ayoQUOt. nal nldvotVy atad"* 
avTOy ov/ ojg avfißsßrjHÖi Tivt IrtQiOy dkl* ovoiav avto o» to 
ansiQOv, 

4) Mctaph. I, 7. 988, a, 25. 

53 Pliys. I, 9. S. iti. Plat. 5tud. S. 223 ff. 



L 



Die Platoniscbe Physik 227 

Entwicklung lies Tiinäns die Unkörperlichkeit dei* Plato- 
nischen de^a/Aev^ {"WiB das Substrat aller Stoffe Tim. ^3, A 
genannt wird) voraussetzt ; nur unter dieser Voraussetzung 
lässt sich wenigstens die eigenthüniliche Construction der 
Elemente S. 53,Cff. erklären^ welche dieselben, wie wir 
unten noch finden werden, nicht aus körperlichen Atomen, 
sondern aus mathematischen Flächen als ihren Urbestand- 
theilen zusammensetzt und in diese auflöst. 

Müssen wir aber auch nach diesem die Vorstellung 
von einer ewigen Materie im gewöhnlichen Sinn unserem 
Philosophen absprechen, so folgt daraus doch noch lange 
nicht, dass nun Ritter ^) mit der Annahme Recht hatj 
dass Plato die sinnliche Vorstellung für etwas blos Sub- 
jektives gehalten habe. Indem nämlich, bemerkt er, 
den Ideen, ausser der höchsten, nur ein beschränktes Sein 
zukomme, so sei damit auch ein beschränktes Erkennen 
gesetzt, welches das reine Wesen der Dinge nicht genü- 
gend unterscheide, die Ideen einseitig auffasse, und dadurch 
die Vorstellung von einem Sein erzeuge, in dem die Ideen 
sich vermischen, und ihr absolutes Sein zu einem blos re- 
lativen werde; sofern aber doch die erkennenden Wesen 
nach vollkommener Einsicht streben, scheine hieraus die 
Vorstellung des Werdens hervorzugehen. Die sinnliche 
Vorstellung sei daher als ein Erzeugniss der Un Vollkom- 
menheit d^r Ideen in ihrer Sonderung von einander zu 
betrachten, das^ Sinnliche sei nur in einem Verhältnisse 
zum Empfindenden — so dass also die Platonische Lehre 
von der Materie im Wesentlichen mit der Leibnitzischen 
identisch, das sinnliche Dasein nur das Erzeugniss der ver- 
worrenen Vorstellung wäre. In den Platonischen Schriften 
jedoch finden sich von diesem Gedankenzusammenhang, 



\ 



1) Gesch. d. Phil. II, 365—378^ 8. bes. S. 369. 374 ff. Aehnlich 
äussert sich Fries Gesch. d. Phil, J, 295» 306. 336* 331* 

15 * 



228 Die Piaionische Physik 

wie Ritter selbst zugiebt ^), nur „sehr dunkle AndeutuDgen^', 
und auch diese verschwinden bei schärferer Betrachtung. 
Denn das freilich sagt Plato bestimmt genug, dass eine Ge* 
meinschaft der Ideen unter einander stattfinde; ebenso auch, 
dass in der sinnlichen Vorstellung und dem sinnlichen Da- 
sein die Ideen sich mit einander vermischen ^); dass dagegen 
jene Gemeinschaft der Begriffe als solcher auch den Grund 
dieser ihrer Vermischung enthalte, davon finden wir in 
seinen Schriften kein Wort, und auch Rep. V, 476, A ^) — 
die einzige Stelle, die Ritter mit einigem Schein für sich 
anführen kann — ist nur gesagt, dass neben der Verbin* 
düng der Begriffe mit dem Körperlichen und Werdenden 
auch die Verbindung der Begriffe unter einander dem Scheine 
Vorschub leiste, als ob der in sich einige Begriff eine Vielheit 
wäre. Wie aber dieser Schein nur für den mit der dia- 
lektischen Unterscheidung der Begriffe nicht Vertrauten 
vorhanden ist ^), so kann er auch nur aus der Unfähigkeit 
des Subjekts herrühren, welches das Abbild vom Urbild^ 
das Theilhabende von dem, woran es Theil hat, nicht zu 
unterscheiden weiss ^); woher dagegen diese Beschaffenheit 



1) A. a. O. S. 370. 

2) Z. B. Bep. VII, 524, C: filya fit/v na\ oifui kal afuxQov tauget^ 
(pafibP, dkV ov MCxojQta/A^voPt dlld uvynaxvfii'^^vov r«. Vgl. Bep. 
V, 479, A u. a. St. S. o. 8. 187. 220. 

3) Hdvxiuv Tüß» tiSüjp Ttlgi 6 avroi XoyoSf cttiro fiiif tv cxaatov 
tivaiy rfj Ss tojv ngd^sojv xal ouifidTtuv nal dXXj^Xwv notvwvitf 
^avraxov (pavra^ofitva nokXd q>aipea&ai enaarov^ d. b. weil ein 
und derselbe Begriff an verschiedenen Orten zum Vorschein 
kommt, der Begriff der Einheit z.B« nicht blos in den verschieden- 
artigsten Individuen, sondern auch in allen den Begriffen, die 
an demselben theilhaben, so entsteht der Schein, als ob auch 
die Einheit als solche ein Vielfaches wäre. 

4) Soph. 253, D. Phileb* 15, D. > 

5) Bep* V, 476, G: o ovv naXd fiiv ngdyfAuza vofii^wPt avro Se 
ndXXos /i^re vofii%(up, ^^r«, «V riS ^y^rat i^l rtjp yvwaiv atrov^ 
dwdfispoi cTread'aLt opag ^' vttuq Sottet aoi Sflp, axoTin Se' t6 
oveiQWTveir aga ov roSt iovlv, idv ts iv v7tP(^ r»ff, idv tt tyg^^ 



Die Platonische PhysTli. 229 

des Subjekts stamiiie, daräjber sagt unsere SMIe durchaus 
. nichts aus. Nehmen wir aber andere zu Hülfe, so zeigt 
sich deutlich, dass Plato, weit entfernt, das materielle Da- 
sein nur aus der Vorstellung abzuleiten, vielmehr die sinn- 
liche Vorstellung aus der Beschaffenheit des Körperlichen* 
* ableitet; denn die Verbindung der Seele mit dem Körper 
ist es dem Phädo zufolge, welche uns an einer reinen Er* 
kenntniss hindert ^), beim Eintritt in dieses Leben haben 
wir, eben durch jene Verbindung, vom Trank der Lethe 
geschlürft und der Ideen vergessen ^); durch das Ab* und 
Sfuströmen der sinnlichen Empfindung verliert die Seele im 
Anfang ihres irdischen Daseins die Vernunft, und erst wenn 
dieses nachgelassen hat, wird sie derselben theilhaftig ^), 
auch dann aber nur, wofern sie sich innerlich vom Körper 

r 

losrelsst ^), und auf ihren vollen Besitz kann sia sich nicht 
früher Hoffnung machen, als bis sie- vom Leibe gänzlich 



yo^ojC t6 ofioiov TOJ fiy ufiotov u)X avTo ijyfjTai sttfat w «o*x«>'; . . . 
ri $i, o tdvavTta rovrcjp i^yovfj^svoe ri t& avro xakov nal Svvd-^ 
fievos Ha^OQav Mal avvo ttai rd iitslvov ^r£';^övra) nal ovvs rd 
fiSTiyovza avTo ovrt avvo rd (AiTixovra t]yov fjtwo^ ^ vnaQ y ovag 
av Hat ovTos doxet ao& tji^; 
1} Pbädo 669 B: ort ewc av ro aoi^a l'xoj/ttsv xal SvftTiefpvQfiirfj ^ 

IJfAÜJP lj y^VX^ flBvd TOV TOtOVTOV MaXOV y OV jLlfJ TTorc XTf^aofis&a 
inavwe wv tTri&vfiovfiev (f,a(jtiv Si tovtIo elvai rd dkrj^ii* fivQiaQ 
fiiv yuQ t]fiiv daxoXlai ^aQtxsi t6 aw/tia u. s* f. vgl. ebd. S» 65» 
A. Rep. X, 611, B: oTop ^ iar} ry dkr^&tla (?) tpvxtj) ov Xel(u^ 
ßijfiivov 9^2 avTO ^iaQaa&ai viro ts rijs tov avjfAaros KOtvutviae 
Kai aXkvtiv xaxwv. 

2) Phädo 76, D. Rep. X, 621, A. 

3) Tim» 44, A : xal Sid 8tj ndvra tavta rd ita^tjfAava (die im 
Vorhergehenden beschriebenen aia&i^aiis) vvv xax dgxdc tt 
dvovs ipvx^ yiyytrai vo jr^wrov, ora» sie üdtfia ivSsd"!! &prjT6v 
u. 8. w. 

4) phädo 64, A. 65, £• 67» A : xal iv ^ av ^wfisvt ovrojCt (ie l'oi- 
««»', tyyvTdroj haofAS&a tov eldiva^t idv oti fidhata f^f^diu ofii^ 
Xwjusv Ttu aojfiari /ifjSe xoirojvojfASv , o r» fi^ ndaa dvdyxtj, 
fiySe dva'7ttfi7E),ojfisd'a tije Tovrov q>v<ftoi9i dkXd xa&aQtvoijusv an 
avTOv twt av o &t66 avvos dnoXvari i^fids, Tim. 42 B f. 



230 Die Platoniscbe Physik 

befreit und »rein für sich ist ^). Diese fast darchans in 
didaktischem Ton und Zusammenhang vorgetragenen Er- 
klärungen wären wir nur dann für mythische Darstellung 
oder Uebertreibung anzusehen berechtigt , wenn die be- 
stimmtesten Gegenerklärungen vorlägen. Diess ist aßer 
nicht im Geringsten der Fall ; denn dass dem Plato doch aui^h * 
wieder die sinnliche Empfindung ein Mittel zur Erkenntniss 
der Wahrheit ist ^), beweist nichts: sie ist ja dieses, nach 
allem Bisherigen, nur sofern von dem Sinnlichen in ihr 
abstrahirt und auf die in ihr sich offenbarende Idee zurück- 
gegangen wird. Müsste daher Plato, der RiTTEa'schen 
Auffassung zufolge, aus der Gemeinschaft der Ideen unter 
einander und der Art, wie diese Gemeinschaft von den ein- 
zelnen Ideen oder Seelenwesen ^) vorgestellt wird, die sinn- 
liehe Vorstellung, und erst aus dieser das Sein der Erschei- 
nung ableiten, so schlägt der Philosoph selbst vielmehr den 
umgekehrten Weg ein, die Vermischung der Ideen aus der 
Beschaffenheit des sinnlichen Vorstellens, diese aber ans 
der Beschaffenheit des sinnlichen D asei n s zu erklären. Nur 
von einer solchen redet ab^r auch, dem Obigen zufolge, 
der Phiiebus und der Timäns, nur von einer solchen weiss 
Aristoteles ^); ja dem ganzen Allerthum, wie Brandis 
richtig bemerkt ^), ist der subjektive Idealismus fremd, den 
Ritter dem Plato zuschreibt, und er muss ihm vermöge 
seines ganzen Princips fremd sein: der Versuch, den Schein 



1) Phädo 66, E. 67, B. 

2) RiTTiB S. 350. 

3} Dass die Seelen nach RiTTsnt Ansiebt Ideen sind, diese Bestimm 
mung jedoch nicht richtig ist, habe ich schon oben (S. 194) 
nachgewiesen. Da sich indessen die RiTTEH^scbe Ansicht von 
der Mateine mit geringen Modifikationen auch ohne jene Annahme 
durchfuhren liessc , so soll hier auf diesen Punkt kein weiteres 
Gewicht gelegt* werden. 

4) S. m. Plat. Slud. S. 216 ff. 

5) Gr.-röm. Phil. 11, a, 297. 



Die Platonische Fhysili*. 231 

des materiellen Daseins ans dem Wesen der Vorstelinng 
zu erklären, setzt ein Bewusstsein von Her absoluten Be- 
deutung der Subjektivität voraus, dessen Entwicklung eben 
den spezifischen Unterschied der christlichen von der vor- 
christlichen Zeit ausmacht. 

Ist nun das Allgemeine, was dem sinnlichen Dasein 
zu Grunde liegt, weder ein materielles Substrat, noch ein 
blosser Schein der subjektiven Vorstellung, was ist es denn ? 
Plato selbst, in den oben angeführten Stellen, sagt uns diess, 
und Aristoteles stimmt ihm bei: die Grundlage all^s ma- 
teriellen Daseins ist das Unbegrenzte, dieses nicht als Prä- 
dikat, sondern als Subjekt gedacht, d. h. die Unbegrenzt- 
heit, das Nichtseiende, d. h. das Nichtsein .(denn auch das 
(4^ 6V kann hier nicht Prädikat eines von ihm verschiede- 
nen Subjekts sein), der Raum, d« h. das Aussereinander 
und die Getheiltheit; an die Stelle einer ewigen Materie 
müssen wir die blosse Form der Materialität, die 
Form der räumlichen Getheiltheit und der Bewegung setzen, 
und wenn der Timäus von einer vor der Weltbildung un- 
ruhig bewegten Materie spricht, so soll das nur den Ge- 
danken ausdrücken, dass das Aussereinander und das Werden 
die wesentlichen Formen alles sinnlichen Daseins sind« 
Diese Formen will nun Plato allerdings als etwas Objek- 
tives, in der sinnlichen Erscheinung selbst, nicht blos in 
unserer Vorstellung Vorhandenes betrachtet wissen ; dage- 
gen soll der Materie in keiner Beziehung eine eigenthümliche 
Bealität oder Substantiali*iät zukommen, denn alle Realität 
ist für ihn in den Ideen; es bleibt also iiur übrig sie für 
die Negation der in den Ideen gesetzten Realität, für das 
Nichtsein der Idee zu erklären, in das diese nicht ein- 
gehen kann, ohne dass sich ihre Einheit in die Vielheit, 
ihre Beharrlichkeit in den Fluss des Werdens, ihre Be- 
stimmtheit in die Möglichkeit der in's Unbestimmbare ge- 
benden extensiven und graduellen Vermehrung und Ver- 



232 I>ie Platonische Physik. 

mindornng, ihre Sichselbsfgleichheit in den Widersprach 
ihrer Verknüpfung mit dem Entgegengesetzten, ihr abso- 
lutes Sein in eine Yerbindang von Sein und Nichtsein auf- 
löst. Wie aber diese Form ohne alle ihr eigenthümliche 
Realität doch zugleich mehr als ein blos subjektiver Schein 
sein könne, diese Frage scheint sich Plato nicht klar auf- 
geworfen zu haben, sosehr sich auch in der Verlegenheit 
des Timäus um einen dem Gedanken angemessenen Aus- 
druck ^)y und in dem unvermeidlichen Hiniiberschwanken 
seiner Darstellung zu einer Uypostasirnng dessen, was doch 
eben das schlechthin Substanzlose und Unwirkliche sein 
soll, die darin angedeutete Schwierigkeit fühlbar macht« 

Durch diese Auffassung der Platonischen Lehre von 
der Materie wird sich nun auch die Ansicht des Philoso- 
phen über das Verhältniss des Sinnlichen zur Idee wenig- 
stens nach einer Seite hin aufklären. Man glaubt ge- 
wöhnlich, die sinnliche und die Ideenwelt stehen sich bei 
Plato als zwei ausetnanderliegende Gebiete, als zwei sub- 
stantiell verschiedene Ordnungen gegenüber. Schon die 
Einwürfe des Aristoteles geg^n die Ideenlehre ^) beruhen 
grossentheils auf dieser Voraussetzung, und Plato hat aller- 
dings durch das, was er vom Fürsichsein und der Urbild- 
lichkeit der Ideen sagt, zu derselben Anlass genug gege- 
ben. Nichtsdestoweniger müssen wir ihre Richtigkeit in 
Anspruch nehmen. Plato selbst wirft die trage auf ^), wie 
^s doch möglich sei , dass die Ideen im Werdenden und 
unbegrenzt Vielen sein können, ohne ihre Einheit and Un- 



1) Man Tgl. z, B. S. 49) A: 6 koyoe foixey staavayxoi^tip xaXenov 
nal d/iivd^üy etSos iTrtx^^Q^^^ loyoii ifitfaviaat, 51» B : dvogarov 
ttSüS Ti Hat a^ioQ(fOi'i TtayStyitft fAtraXafißavov Si ditOQiutavd ntj 
Tov V01JT0V, 52, B : ^tv draiu&tjoiaQ dnrov ?.oyiatK^ rtri rv&^tt 
fioyts TTtaruy. 

2) Man sehe über diese m. Plat. Stud. S. 257 ff. 

3) Phileb. 15, B. S. o. S. 219, 3. 



Die PUtonUcfae Ph;till. US 

Veränderlichkeit zu verlieren, und zeigt, mit welchen Schwie- 
rigkeilen die Beantwortung dieser Frage zu kämpff!n habe: 
denn wolle man annehmen, dass in jedem der Vielen, die 
an der Idee Theil haben, die ganze Idee, oder dasa in je- 
dem ein Theil derselben sei, so würde diese gelheilt ^){ 
gründe man ferner die Ideenlebre auf die Not h wendigkeit, 
für alles Vielfache ein Gemeinsames anzunehmen, so müsste 
ebenso für die Idee nnd die gleichnamigen Erscheinungen 
ein Gemeinsames über ihnen Stehendes angenommen wer- 
den und so fort in's Unendliche^), nnd dieselbe Schwie- 
rigkeit wiederhole sich auch, wenn man die ( 
der Dinge mit den Ideen darein setzt, dass sie 
gebildet sind ^); behanple man endlich, das 
das, was sie sind, für sich seien, so scheine r 
Ziehung der Ideen auf einander, nicht eine Be 
Ideen auf uns und ein Crkannlwerden derselben von uns 
möglich zu sein ^). Diese Einwürfe gegen die Ideenlehre 
könnte Plato unmöglich selbst vortragen, wenn er nicht 
Bberzeugt gewesen wäre, dass seine Lehre nicht davon ge- 
troffen werde. Worin konnte er nun von seinem Stapdpiinkt 
aus ihre Lösung Sachen? Die Antwort darauf liegt in sei- 
ner Ansicht über das Wesen der Ideen und des Binnlichen 
Daseins. Da Plato dem Sinnlichen nicht eine besondere, 
von der der Ideen verschiedene Realität zuschreibt, alle 
Wirklichkeit vielmehr einzig und allein in ;Iie Idee verlegt, 
und als das eigenihümliche Wesen des Sinnlichen nur das' 
Nichtsein, d. h. nnr das betrachtet, dass die an sieh unge- 

]> PbU. a. a, O, Farm. ISü, £ — 131, E. 

3) Farm. 131, E f. Denselben Einwurf drücbt AnuTorms, der 

ihn öfters macht, gewöhnlich so aus, die Ideeolehre nötbige lur 

Annahme des r^liot jtv&Qianos. 

3) Farm. 139, D ff. Tgl. was Ai.mnD*e von Aphrodisias (Schol. 
in Ärist. coli. Bmnbis S. 566. a, 15. b, 15) aus Eudk>ifi 
anfühn, 

4) Farm, 133, B ff. 



Itt l»ie FUtoaiacho Fhjtik. 

'.heilte und anverfinderliche Idee hier als ein Gelbeiltes and 
WerdeDdes erscheint, so fntlen alle jene Schwierigkeiten 
für ihn weg: er braucht nicht nach einem Dritten zwischen 
der Idee and der Erscheinung zu fragen, denn beide sind 
ibtn nicht verschiedene, neben einander stehende Subatan- 
sen, sondern die Idee ist das allein Substantielle; er hat 
nicht sn befürchten, dass die Idee dnrch die Theilnahnie des 
Vielen an ihr getheilt werde, denn diese Vielheit ist nichts 
wahrhaft Wirkliches; er darf sich auch darüber kein Be- 
denken machen, wie die Idee bIm für sich seiend zugleich 
M iinung in Bezi itnn, denn da 

d g, sctfem sie ü et Idee imnia- 

■ beschr^edene A nur das Sein 

4 r ist, so ist dl ler Ideen und 

ihre Beziehung auf einander chon ihre Be- 

ziehung auf die Erscheinung, und das Sein der letzlern ihre 
Beziehung auf die Ideen ^). Mag daher auch Plalo an.Orten, 
wo er seine Ansicht von der Natur des Sinnlichen genauer 
zu entwickeln keinen Anlass halle, sieb an die gewithn- 
liche Y^i'^t^l '*>■>£ anschliessen, und die Ideen als Urbilder, 
denen die Abbilder als etwas gleichfalls Beales gegenüber- 
ständen, hIs eine zweite Welt neben der unsrigen (als 
XatQiarai) darstellen, in Wahrheit will er damit doch nur 
die qualitative Verschiedenheit des substantiellen Seins von 
dem der Eiiacheinung, den metaphysischen Unterschied der 
Ideen- und Erscheinungsweli, nicht aber ein reales Ausser- 
einander beider ausdrücken, bei dem jeder ihre besondere 
Wirklichkeit zukäme, und die Gesammtsumme des Seins 
zwischen ihnen beiden getheilt würe; es ist Ein und das- 
selbe Sein, welches rein und ganz, in der Idee, unvollstän- 
dig und getrübt in der sinnlichen Erscheinung angeschaut 



1) Mao T^. hiemit ineinc im Weienllichcii gleiclilautcoden Bemer- 
kungen Plal. Stud, S. 181. 



Di0 Platönisehfc Physili. tS5 

.wird , die . Eine Idee erscheint ^) im Sinnlichen als eine 
Vielheit, die Erscheinung ist (Rep. VII, 514 ff.) nur die 
Abschattnng der Idee, nur die vielgestaltige Brechung ihrer 
• Strahlen .in dein an sich leeren und dunkeln Räume des 
Unbegrenzten. Ob freilich diese Ansicht auch an sich telbst 
haltbar ist, und ob nicht die oben angeregten Schwierig- 
keiten der Ideenlehre am Ende doch wieder in veränderter 
Form zurückkehren, ist eine andere Frage; diese Frage 
haben wir aber hier nicht zu untersuchen, da die Geschicht- 
schreibung die Vorstellungen, über welche sie berichtet, nur 
geschichtlich zu erklären, nicht unmittelbar die dogmatische 
Kritik an ihnen zu vollziehen hat. Nur sofern diese Kritik 
mit der Fortbewegung d^ Geschichte selbst zusammenfallt, 
gehört sie in unsern Bereich; in diesem Sinne wird sie 
uns später noch vorkommen. 

Diess betrifft jedoch erst die eine Seite von dem Ver- 
hältniss der Erscheinung zur Idee, das Negative, dass die 
Selbständigkeit des sinnlichen Daseins aufgehoben, die Er- 
scheinung in die Idee, als ihre'Substanz, zurückgeführt wird. 
Ungleich schwieriger ist die andere Seite. Mag das Sinn- 
liche als solches noch so wenig Realität haben, ja abge. 
sehen von seiner Theilnahme an der Idee geradezu als das 
NichtSeiende zu betrachten sein, wie ist dieses Nichtsein 
neben dem absoluten Sein der Idee überhaupt denkbar, und 
wie lässt es sich vom Standpunkt der Ideenlehre aus er- 
klären? Auf diese das Positive jenes Verhältnisses, die Ab- 
Leitung der Form der Erscheinung aus der Idee betreffende 
Frage hat das Platonische System, als solches, keine Ant- 
wort. Die Annahme eines zweiten Realprinctps neben den 
Ideen, welches den Grund des endlichen Daseins enthalten 
könnte, hat sich Plato durch die Behauptung, dass t»ur die 
Idee etwas Wirkliches, die Materie dagegen das Nicbt- 



1> Rep. V, 476, A. Pbü. 15, B. S. o. 8. 2t9, 3. 228, 3. 



^$ Die Platoniich« Ph;«ik 

seiende sei, abge8chnillen;'Bi]§ deD Ideen selbst aber lüsst 
sich das Endliche auch nicht erklären, denn was kfinnte 
die Idee, welche an sich ahsoliile Wirklichkeit ist, be- 
Blimmen, die Form des Nichtseins anzunehmen unddieEÜi!-' 
beit ihres Wesens in da» rüamliche Aussereinander zu zer- 
schlagen? oder wenn Plato allerdings gugiebt (s. o. S.204), 
dass in jedem einzelnen Begriff als solchem iinendlicb fiel 
Nichtsein sei, so ist doch dieses ein ganz anderes, als das 
Nichtsein der maleriellen Existenz; das Nichtsein, welches 
in den Ideen ist, ist nur der Unterschied der Ideen von 
einander, das Nichtsein des Sinnlichen dagegen der Unter- 
schied der Idee von der Erscheinung; jenes ergänzt sich 
durch die gegenseitige Bezieliung der Ideen in der Art, 
dass die Ideenwelt als Ganzes genommen alle Realität in 
sich enthält, und alles Nichtsein in sich aufgehoben hat, 
dieses ist die wesenlliche und bleibende Schranke des End- 
lichen, vermöge der jede Idee nicht Mos im Verhällniss 
zu andern Ideen, sondern an sich selbst als ein Vielfaches, 
mithin iheilweise Nicb (seiendes, mit dem Gegentheil ihrer 
selbst unzertrennlich Verknüpftes erscheint. Dehigemäss 
icht erwartet werden, dasa wir einen 
der Erscheinung aus den Ideen bei 
'D nur, dass wir untersuchen, ob und 
inen solchen Zusammenhang herzu- 

der Art kann man zunächst in der 
Bemerkung des Tiinihis (29, D f.) finden, dass Gott ver- 
möge seiner Güte und Neidlosigkeit die Welt gebildet 
habe. Dieser Gedapke, vollsländig entwickelt, würde auf 
einen solchen Begriff des Absoluien führen , wornach es 
diesem .wesentlich ist, sich in einem Endlichen zu offen- 
. baren. Eine solche Entwicklung konnte er jeJoch, ans Grün- 
den, die im Obigen liegen, bei Plalo noch nicht erhalten; 
abgesehen davon folgt aber aus der Neidlosigkeit Gottes 



Die Platonische Physik. 2^7 

wohl, dass Gott überhaupt eine Welt, und auch, dass er 
diese möglichst gut,, nicht aber, dass er eine endliche Welt 
schaffen und das absolute Sein der Idee so in*s Nichtsein 
versenken inussle« Was Plato daraus folgert ist daher auch 
nur, dass Gott die in unordentlicher Bewegung befindliche 
Gesammtheit des Seins geordnet habe, wobei die Materie 
oder das Endliche überhaupt immer schon vorausgesetzt 
wird« Um dieses selbst zu erklären, weiss sich der Timäus ^) 
immer nur auf die apdyxt] zu berufen; ähnlich sagt der 
Theätet 176, A: das Schlechte könne unmöglich aufhören, 
denn es müsse immer ein dem Guten Entgegengesetztes 
geben, und da nun dieses auch nicht bei den Göttern sei* 
nen Sitz haben könne, rijv d^vf^r^v qyvaip xa« rovde xov xonov 
^eQmoXsl ig ävdyH9jg, und ebenso weiss der Politikus 269, 
C ff. von dem aus der körperlichen Natur dies Universums 
mit Nothwendigkeit folgenden Wechsel der Weltperioden 
zu erzählen* Offenbar ist aber hiemit die Frage um keinen 
Schritt weiter gebracht, denn diese avayKt} ist eben nur ein 
anderer Ausdruck für die Natur des Endlichen, weichet 
somit hier nur vorausgesetzt, nicht abgeleitet wird* 
Auch sonst. sehen 'wir uns naeh einer solchen Ableitung in 
den ausdrücklichen Erklärungen des Philosophen vergebens 
um, wir müssten sie uns daher nur aus dem Ganzen sei- 
nes Systems combiniren. Wie diess Ritter versucht hat, 
wissen wir bereits, konnten uns aber mit ihm nicht ein- 
verstanden erklären. Einen andern Weg scheint Aristo- 
teles zu zeigen. Seiner Darstellung zufolge ^) ist das Grosse 
und Kleine, oder das Unbegrenzte, die Materie nicht blos 
der sinnlichen Dinge, sondern auch der Ideen; indem sich 
dieses mit dem Eins verbindet, so entstehen die Ideen, 



1) S. 46, D. 56, G. 68, D f. besonders aber 47, E f. 

2) McUph. I, 6. 7. III, 3. XI, 2. 1060, b, 6. Phys. III, 4. IV, J. 
TgU meine Fiat. Stiid. S. 216 f. und Bbavdm Gr.-röm. Philoi. 
n, n, 307 f. 



238 I>ie Plitonitclje Physik. 

welehe au« diesem Grunde nichts Anderes sind, als inteW 
Mgible Zahlen ^). Halten wir uns hieran, so wäre die Ma- 
terialität, welche die eigenthiiniliche Form der ^innliebei^ 
Erscheinung ausmacht, schon durch das Theilhaben des 
Sinnlichen an den Ideen gegeben, und die Verlegenheit, 
wie wir uns die Entstehung des materiellen Daseins aus 
dem absoluten Sein der Ideen erklären sollen, beseitigt^)* 
Aber doch nur, um alsbald in verstärktem Maasse zurück« 
zukehren« Denn das zwar wäre jetst für einen Augenblick 
begreiflich gemacht, dass die Dinge die Ideen nicht ohne 
das materielle Element in sich haben, um so weniger da-^ 
gegen das Andere, dass den Ideen, welche aus denselben 
Elementen bestehen sollen, wie die Dinge, doch zugleich: 
ein von dem sinnlichen wesentlich verschiedenes Sein zu* 
komme; d. h« es wäre der Ideenlehre überhaupt ihre Grund- 
lage entzogen, ebendamit aber dann doch auch wieder das 
sinnliche Dasein, welches sich einerseits von dem idealen 
Sein unterscheiden, andererseits diesem alle seine Realität 
verdanken soll, unerklärt und unerklärlich gelassen« Dem 
auszuweichen gäbe es nur Ein Mittel: man müsste mit 
Weisse ^) annehmen, dass zwar die gleichen Elemente das 
ideale und das endliche Sein bilden, aber in verschiedenem 
Verhältniss, dass die Einheit, in den Ideen das Beherr- 
schende und Umschliessendo der Materie, in der sinnlichen 
Welt von ihr überwältigt und umschlossen sei. Woher dann^ 
aber diese Verkehrung des ursprünglichen Verhältnisses der/ 



1) 8. hicräber oben S. 211. 

2) lo dieser Weise glaubt SrALLBAcm (Proll. in Tim. S. 44. Parm», 
S. 136 ff.) die Platonistibe Materie erklären zu können: dieselbe 
Soll nichts Anderes sein, als das Unendlicbe, das Buch die Materie' 
der Ideen sei. 

3) In seiner Dissert.: De Plat. et Arist. in oonstit. summ, philos. 
princ. diflferentia. Lpz. 1828 S. 21 ff. und vielen Stellen seiner Anmer- 
kungen zu Arist. Physik und Schrift von der Seele ^ ygl. m. Plat 
Stud. S. 393. '. 



Die Platonische Physik. 2S9 

Prinoipien? Hier bleibt nai* übrig, sich auf die Vorstellang 
von einem niobt weiter zu erklärenden Abfall eines Theils 
der Ideen zurückzuziehen ^). Aber von einem solchen geben 
uns weder die Piaionischen noch die Aristotelischen Schrift 
ten die geringste Kunde ; denn das Einzige, was man hie- 
her ziehen könnte, die Platonische Lehre vom Herabsin- 
ken der Seelen in die Leiblichkeit, hat nicht diese allge- 
meine kosmisdie Bedeutung, und setzt das Dasein einer 
Körperwelt schon voraus. Ist aber dieser Ausweg abgeschnit* 
ten, so ist es auch nicht mehr möglich, die Lehre, dass 
dieselbe Materie, welche Grundlage des sinnlichen Daseins 
ist, auch in den Ideen sei, Plato zuzuschreiben, wenn man 
ihm nicht zugleich zutrauen will, dass er das Werden und 
die Räumlichkeit, und Alles, was der Philebus von seinem 
Unbegrenzten und der Timäns vom d^dzegov aussagt, in die 
Ideenwelt verlegt, ebendamit aber sich alles Recht und allen 
Grund fQr die Annahme von Ideen und die Unterscheidung . 
des Sinnlichen von denselben abgeschnitten, und nament» 
lieh dem auch von Aristoteles ^) anerkannten Satze^ dass 
die Ideen nicht im Räume sind, aufs Handgreiflichste wider- 
sprochen habe. Ich gestehe, dass dieses Bedenken für mich 
fortwährend stark genug ist, um hier eher Aristoteles eines 
Missverständntsses der Platonischen Lehre, als Plato eines 
allen Zusammenhang seines Systems in der Wurzel auf- 
hebenden W^iderspruchs zu beschuldigen* Dass Plato auch 
in Beziehung auf die Ideen vom Unendlichen , oder vom 
Grossen und Kleinen gesprochen hat, glaube ich ; ich glaube 
diess um so eher, da er auch im Philebus zuerst (S. 16, C) 



i) Denn worauf Stallbivm a. a. O. verweist, dass das Sinnliche 
blosses Abbild sei, die Ideen Urbilder, diess erklärt nicbts; die 
Frage bt ja eben, wie sich die Unvollkommenheit des Abbilds 
mit der Gleichheit der BUemeate für die Ideen und das Sinnliche 
Tereinigen lä'sst. 

i) S. 0. S. 196, 5« 



240* Die PlatODiscbe Physik. 

gana allgemein, und die reinen Begriffe auftdriicklich mil 
einschliessend (vgl. S. 15, A) sagt, dass AU^S von Natur 
die Grenze und Unbegrenztheit in sich habe, und später 
-(8.23, C), eben hierauf zurückweisend, das Seiende in Be- 
grenztes und Unbegrenztes theilt, und das Letztere (S. 24, 
A ff.) in einer Weise beschreibt, die durchaus nicht mehr 
aui die Idee, sondern nur noch auf das Unbegrenzte im 
materiellen Sinn passte; da er ferner im Sophisten S« 256, E, 
auf die Unendlichkeit der negativen Urtheile und Begriffs- 
bestimmungen hinsehpnd, bemerkt, es sei Ha& exaaxop täv «i- 
d£p anaiQOp nX^d^ai to [Jirj op; da er endlich ebendaselbst ^) 
den Ausdruck eixEQOPj mit welchem im Timäus (2$, A, 
37, B u. ö.) die Eigenthümlichkeit des körperlichen Seina 
bezeichnet wird, für den Unterschied der Begriffe von 
einander gebraucht. Dass also hier eine Verwirrung im 
Piatonischen Sprachgebrauch herrsche, will ich nicht laug- 
nen,- und sofern nun diese immer auch eine Unklarheit der 
Begriffe voraussetzt, auch diess nicht, dass Plato die Viel* 
heit und das Anderssein^ welches Element der Ideen ist, 
von der Getheiltheit und Veränderlichkeit des endlichen 
Daseins nicht immer scharf und bestimmt unterschieden hat; 
dass er aber darum das Unbegrenzte in' demselben 
Sinne, in dem es die specifische Eigenthümlichkeit des 
sinnlichen Daseins bezeichnet, auch in die Ideen verlegt, 
oder gar, wie Aristoteles die Sache darstellt, dasselbe 
die Materie (vXtj) der Ideen genannt ha(ie, davon kann ich 
mich aus den angegebenen^Gründen nicht überzeugen. Glaubt 
^ man aber ^) , durch diese Ansicht würde der historischen 
Zuverlässigkeit des Stagiriten allzusehr zu nahe getreten, 
so möge man dagegen erwägen, dass eben durch die Un- 
klarheit der Platonischen Lehre selbst eine Verk^nnung 



1) S. 255, C fF. vgl. Parm. 143, BJT. 

2) Bbaitdis a. a. O. S. 322. Stallbaux In den Jahrb. Ton Jahk 
und SsEBODi 1842, XXXV, 1, 65. 



Die^PIatonisdhe Pfajsik. 241 

ihres eigentlichen Sinns dem nach systematischer Einheit 
strebenden Aristoteles sehr nahe gelegt war; dass den 
physikalischen Theil des Systems, welcher zur genauem 
Bestimmung des Begriffs der Materie und Unterscheidung des 
körperlich Unbegrenzten von der* Vielheit in den Ideen 
«Anlass geben konnte, auch Aristoteles, n^ch seinen An« 
führungen zu schliessen, vorzugsweise när aus den Plato- 
nischen Schriften, besonders dem Timäus, gekannt hat; dass 
sich ähnliche und zum Theil auffallendere Missverständnisse 

« 

Platonischer Aeusserungen dem Aristoteles auch da nach- 
weisen lassen, wo er sich ausdrücklich auf noch' vorhan- 
dene Schriften seines Lehrers bezieht ^) ; dass er selbst an 
mehreren Stellet! eine gewisse Unsicherheit über die frag- 
liche Seite der Platonischen Pl^ilosophie merken lässt ^}; 
dass auch seine Vertheidiger sich zu dem Geständniss ge- 
nöthigt sehen, er habe die Bedeutung der Platonischen Lehre 
in wesentlichen Punkten verkannt^). Werden wir schliess- 



1) Man vergl. m. Plat Stud« S. 200 — 216, eine Untersuchung, die 
von den unbedingten Vertbeidigern der Aristotelischen Berichte 
über Platonische Philosophie meiner Meinung nach zu wenig be- 
achtet worden ist. • , 

2) Phys. IV, 2. 209, b, 33: nkdraivi fiivrot Xsxriov, ... Sta tI ovk 
iv xoittu td tidij nai oi d^i&fioij ilnsQ wo fis^enrinov 6 ro^roc, 
slrs Tov fifydXov xai rov fitxgov ovtos tov fis&ntrixon ^ itre tijs 
vkt^f, wSTTtp iv Tfri Tifiaiu^ y^ygncpsv, Metaph. I, 6* 987, b, 33: 
ro Ss 3i*dda noiyaai ttjv itl^av qvaw (das Grosse und Kleine) 
3id to Tovs dgtd'fiovs «5«i rwv ftQtatvnv evcpvwe ff avt^s ygv- 
vda&ai ütSJttQ ex rtvoe inftaysiov (^lyipero)» VgL hiezu m. Plat. 
Stud. S. 254 f. 

3) Weisse z. Arist. Physik S. 448: « Auffallender ist, dass keiner 
seiner Nachfolger, auch Aristoteles nicht, den Sinn dieser Lehre 
[vom Abfall der Ideen] und ihre volle Bedeutung verstanden 
hat« Dasselbe S. 472 if., wo unter die Aristotelischen Missver- 
standnisse namentlich auch die Identifikation des Grossen und 
Kleinen mit dem Baume (also der vXij des Timäus) gerechnet 
wird. Auch Stallbav» (Jahns Jahrb. 1842. XXXV, 1, 65 f.) 
giebt zu, )»dass Arist. den wahren Sinn der Platonischen Lehre 
allerdings verkannt haben dürfte«, dass er ihr vnicht selten einen 

Dii Pbtloiophie der Griechen. II. Theil. 16 



242 Die Platonisoho Physik 

lieh daran erinnert, dass i^ucli Plato*s ScbSler auf den ihm 
von Aristoteles beigemessenen Lehren fortbauen ^), so ist 
diese Thatsache zwar nicht ?ni läugnen; ebenso unläagbar 
ist aber anch, dass dieselben durch diese Richtung vom 
ächten Platonismüs abgenommen sind, und namentlich die 
Ideenlehre fast vergessen, und mit der pythagoreischen Zah« 
lenlehre vertauscht haben ^). Was ist nun wahrschein« 

Sinn unterlege, der mit Piatons wahrer Meinung in geraden 
AViderspruch trete«, dass namentlich das «objektive Sem« der 
Ideen seiner Betrachtung falschlich »sur vlij und geyvissermassen 
zur materiellen Substanz werde«, wiewohl sich (auf derselben 
Seite) ^vmit voller Gewissheit« ergeben soll, vdass Arist dem 
Piaton nicht nur nichts Fremdartiges untergeschoben hat, son- 
dern uns auch Mittheiluugen überliefert, durch deren Gebrauch 
es möglich wird, Piatons wissenschaftliche Begründung der Ideen- 
lehre erst recht zu erfassen und theilweise zu ergänzen.« Als 
ob es überhaupt noch möglich ware^ einem Philosophen Fremd- 
artiges unterzuschieben, wenn diess nicht thun soll, wer seinen 
Lehren «inen Sinn unterljegt, der mit seiner wahren Meinung in 
geraden Widerspruch tritt! Aber St. tröstet sich damit (S. 64), 
dass doch Plato die Ausdrücke vdas Eins und das Unbe- 
grenzte« sowohl auf die Ideen, als die sinnlichen Dinge anwandte, 
wobei aber «seine Meinung unstreitig nicht die war, dass der 
Inhalt oder die Materie bei Allem und Jedem derselbe sei.« Bei 
, den Ideen nämlich »ist das Unbegrenzte das Sein derselben in 
seiner Unbestimmtheit, was noch aller bestimmten Prädikate er- 
mangelt und daher auch eigentlich nicht gedacht und erkannt 
werden kann«; »ganz anders aber verhält es sich mit den 
sinnlichen Dingen«, »d€nn bei ihnen ist das Unbegrenzte der ord- 
nungs- und bestimmungslose UrstofF der sinnlichen Materie.« 
Arist freilich weiss von dieser verschiedenen und sogar entgegen- 
gesetzten Bedeutung des Unbegrenzten nicht das Geringste, er- 
klärt vielmehr wiederholt und ausdrücklich, dass die Materie der 
sinnlichen Dinge und der Ideen eine und dieselbe sei. Diese 
ganze Verlheidigung lauft daher einzig darauf hinaus^ dass Arist 
Platonische Ausdrücke gebraucht, diesen aber freilich einen ihrer 
wahren Bedeutung völlig widersprechenden Sinn unterlegt habe -^ 
die philologische Bichtigkeit der Worte, wo es sich um die 
Treue in der Darstellung philosophischer Gedanken han- 
delt Und damit meint St irgend etwas gesagt zu haben? 

1) BftAüDis a. a. O. S. 323. 

3) Die Belege biefür u unten %7i} verläufig will ich nur auf die 



Die Platonische Physik. 243 

lieber, dass auch schon der Urheber der Ideenlefare dieser 
sie im Princip aufhebenden Wendung derselben gefolgt ist, 
oder dass sich seine Schüler, Aristoteles sowohl als die 
übrigen, aus den gleichen Ursachen in ähnlicher Weise von 
ihrem ussprünglichenSinn entfernt haben 1 Diese Ursachen 
aber lagen einerseits in der Unklarheit und Lückenhaftig<» 
keit d^r Platonischen Lehre auf diesem Punkte und der 
symbolischen Darstellungsform, deren sich Plato in den mund* 
liehen xVortrSgen seiner späterii Jahre zur Ausfüllung die« 
ser Lücke bedient hatte, andererseits in der dogmatischen 
Auffassung des von Plato nur unbestimmter Symbolisch Ge* 
meinten , die wir nicht bloä dem Speusipp und Xenokrales, 
sondern auch dem Aristoteles zuzutrauen*^ durch das son- 
stige Verfahren desselben berechtigt sind. Plato mag die 
Kluft, welche sein System zwischen den Ideen und der Wirk- 
lichkeit übrig Hess, in seiner spätem Zeit deutlicher, als 
früher, erkannt, und mit bestimmterer Absicht auszufüllen 
versucht haben; er mochte darauf aufmerksam machen, dass 
auch in den Ideen eine unbegrenzte Vielheit sei, und diese 
mit dem Namen des aiteiQOp oder des Grossen und Klei- 
nen bezeichnen ; er mochte bemerken, dass ebenso, wie die 
sinnlichen Dinge nach Zahlenverbältnissen geordnet sind, 
so auch die Ideen in gewissem Sinne Zahlen genannt wer- 
den können, und diese Bemerkung durch die Ableitung der 
zehn ersten Zahlen aus den allgemeinen Elementen der 
Ideen, der Einheit und^ Vielheit ^), und durch Zurückfüh- 
rung gewisser Begriffe auf Zahlen^) bestätigen; er mochte 



Klage des Abistotkles Metaph. I, 9« 992, a, 33 : yiyovs rd fia^ 
•d'^fiara tols vvv ^ tpiXoco(piaf q>aQ)ioi'T(jt}v tütv akXwv Xt^iv avrd 
dfiv TT^yfiMTtvsa&ai, und auf dla Acusserungen desselben Metapli. 
XIII, 9. 1086, a, 2. XlV, 2. 1088, b, 34 verweisen. 

i) Abist. Metapb. XII, 8. 1073, a, 18. XIII, 8. 1084,, a, 1^. Phys. 
lii, 6. 206, b, 32; vgl. m. Plat Stud. S. 242. 223. 

2) Arist: De an. 1,2. 404, b, 22 (Genaueres über diese Stelle und 
ihre Litteratur, der ich hier auch Bobits Disputt« Plat« S« 79 E 

16* 



244 Die Platonische Physik. 

ebenso zeigen, wie diesfelbe Verknüpfung der Einheit und 
Vielheit, die in den Ideen stattfindet, auch ihre sinnlichen 
Nachbilder beherrsche ^}; er mochte es endlich, vorherr- 
schend auf die Einheit der beiden Reihen, <fer sinnlichen 
und idealen hinblickend, unterlassen, ihren specifischen 
Unterschied ausdrücklich hervorzuheben — diess Alles konnte 
er thun, ohne seiner philosophischen Grundanschauuog ge- 
radezu untreu zu werden, und Aristoteles kann uns inso- 
fern seine hergehörigen Sätze buchstäblich richtig über- 
liefert haben: unglaublich ist dagegen, dass Plato die Ab- 
sicht liatte , mit diesen Sätzen den Unterschied des räumlich 
Unbegrenzten von der Vielheit, welche auch in den Ideen 
ist, aufzuheben, und wenn sein Schüler dieselben, wieder 
Augenschein lehrt, in diesem Sinne verstandctn hat, so 
muss er allerdings, zwar nicht eines fälschet^ Zeugnisses 
über das, was; Plato gesagt hat, wohl aber einer allzu äusser- 
lichen, dogmatischen, den Geist und Zusammenhang der 
Platonischen Philosophie zu wenig berücksichtigenden Auf- 
fassung dieser Aussagen beschuldigt werden. 

Müssen wir nun diesem zufolge darauf verzichten, eine 
Ableitung des Sinnlichen aus der Idee bei Plato nachzii* 

beifüge, ia den Plat. Slud. S, 227. 273): PI. habe gelehrt: vayv 
fi^v t6 «V, tviajrjfiTjv $i rd Suo* fM^axwe ya(» iq>* «V* Tor di 
, %ov iitmiBov aQi&fiov ^o^avt alaOifotv 3i toy tov aztQBov, Aehn- 
lieh ist Metaph. XIII, 8. 1084, a, 12 von den Zahlen, welche 
zugleich Ideen sein sollen, die Rede, wenn Abistotbles hemeHit: 
dlkd /iTJv 81 fiixQ^ trji SexaS^'S o aQt&jitos^, oisn^Q rivis (paoiv^ 
tt^vÜtov fitv rajfi) lutXsixpst t« fji^j^* olov el laviv ay ^^|«^. civro^ 
av^Qütinoiy riC tatai df^t&jLtos airo'Cnnoi, 
1) De an. a. a. O. 404, b, 18: oiioIqjq de »al tv roiS its^l (fiXoao- 
q>iaQ XeyöfiivotS Bivjgiad'fj , at'ro fitP ro ^wav e| avv^c r^s tov 
ipos*iSiaSy nal tov TTQonov fii^xovs ual nXdzovi nal fldd'avSy t« 
S*alXa ofAOioTQOTtüii, Dass unter dem avTo^üJov hier nicht die 
Welt, sondern die Idee des Thiers (das Tim. 39,, E. vcrgl. 
28, C. 30, C erwähnte ziltor nal votjTov ^mov oder » iar* ^luov) 
EU verstehen sei, habe ich schon in den Plat Stud. S« 272 gegen 
Trenoslenbtjrg und BsAüiDts (von dem nun auch Gr.*rom. PhiU 
IIj a, 319 zu vgl.) erinnert. 



Die Platonische Pfaysik« 245 

weisen, so mSssefn wir ebendainit auch bekennen, dass sich 
sein System in einen von seinem Standpunkt aas unauf- 
löslichen Widerspruch verwickelt, einen Widerspruch, der 
sich schon in d«r Fassung der Idee selbst aufzeigen lies9, 
vollständig aber erst jetzt heraustritt. Die Idee soll nach 
Plato alle Wirklichkeit in sich enthalten, zugleich aber 
soll der Erscheinung nicht blos das durch diä Idee gesetzte, 
sondern neben diesem auch ein solches Sein zukommen, 
das sich aus dieser nicht ableiten lässt; die Idee soll aus 
diesem Grunde einerseits zwar die alleinige Wirklichkeit 
und Substanz der Erscheinung sein, andererseits doch fOr 
sich sein, in die Vielheit und den Wechsel des Sinnlichen 
nicht eingehen, und des Letztern zu seiner Verwirklichung 
nicht bedürfen. Ist aber die Erscheinung, nicht Moment der 
Idee selbst, kommt ihr ein Sein zu, das nicht durch die 
Idee gesetzt ist, so hat die Idee doch nicht alles Sein in 
sich, und mag auch das, was die Erscheinung von ihr unter- 
scheidet, nur als das Nichtsein bestimmt werden, das ab- 
solat Unwirkliche, ist es in Wahrheit doch nicht, denn sonst 
hätte es nicht die Macht, das Sein der Idee in der Ejt- 
scheinung zu beschränken und in die Getheiltheit und das 
Werden auseinanderzutreiben; ebendamit ist dann aber auch 
die Erscheinung der Idee nicht schlechthin immanent, denn 
gerade das, was sie zur Erscheinung macht, lässt sich 
aus der Idee nicht ableiten. Wenn daher Plato's unver- 
kennbare Absicht ursprönglich dahin gieng, die Idee als 
das allein Wirkliche und alles andere Sein als ein in der 
Idee enthaltenes darzustellen , so gelingt ihm doch diese 
Absicht nicht vollständig, er kommt vielmehr eben indem 
er sie durchfuhren will zu dem Ergebniss, dass die Idee 
an der Erscheinung doch eine Schranke, ein ihr Undurch- 
dringliches ausser sich hat. Der Grund davon liegt aber 
in der abstrakten Fassung der Idee als für sich seiender 
und in sich befriedigter Substanz, die der Erscheinung nicht 



346 ' Die PUtonitche Pfaytik 

bedarf, um wirklich, zu sein. Indem die Idee als solche die 
Erscheinung von sich ausschlieft, so erhält sie ebendamit 
an der Elrscheinnng ihre Grenze, die Idee tritt atif die eine 
Seite und die Erscheinung au£ die andere, und die voraus- 
gesetzte Immanenz beider schlägt in ihren Dualismus und 
die Transcendenz der Idee um. Es ist so allerdings ein 
Widerspruch vorhanden; die 'Schuld dieses Widerspruchs 
liegt aber nicht an unserer Darstellung ^), sondern an ihrem 
Gegenstand, es ist der Gang der Sache selbst, dass der 
mangelhafte Anfang durch das Resultat widerlegt wird, und 
die Ge;»chichtschreibung, welche diesen Widerspruch aner- 
kennt, giebt damit nnr den objektiven Thatbestand und 
den Innern Znsammenhang der Geschichte, die das Plato- 
nische Princip in Aristoteles an^ eben jenem Widerspruch 
ergriffen und zu einer neuen Gestalt des Gedankens fort- 
geführt hat. 

Ist es aber auch Plato nicht gelungen, den Ueber- 
gang von der Idee zur Erscheinung aufzufinden, so sucht 
er doch unter Voraussetzung der letztern die Vermittlung 
beider Seiten . nachzuweisen. Diese erblickt er aber in den 
mathematischen Verhältnissen oder der Weltseele. 

Da Gott die Welt auf's Beste einrichten wollte, sagt 
der Tiraäns, so überlegte er sich, dass nichts Unvernunf- 
'tiges, im Ganzen genommen, je besser sein werde, als das 
Vernunftige, die Vernunft (povg) »her ohne Seele Keineiii 
in wohnen könne ^). Aus diesem Grunde pflanzte ^r die Ver- 
nunft der Welt in eine Seele, und die Seele in ihren Leib. 
Die Seele aber (34,6 ff.) bereitete er auf folgend^ Weise: 
Noch ehe er die körperlichen Elemente bildete, mischte 
er aus der untheilbaren und sich selbst gleichen Substanz 



1} Wie RiTTBi glaubt Gescb. der Pbil. II, 3659 Anm. Gott Gtl. 

Anz. 1840, 20. St. S. 188. 
2) Tim, 50, B vcrgl. 37, C. Phileb. 30, C: Jb^/a fiijv nal vovs 

an»i V^i'X^f ovn ilv nov9 ywQiw&riVf aucb Soph. 248, £. 



Die PlatonUcbe PiiysilL M7 

nnd der körperlich theilbaren ein^ dritte, zwischen dem 
sich selbst gleichen Wesen nnd dem Anderen in der Mitte 
stehende; diese drei sodann vermengte er su Einem We- 
sen ^)j theilte sie nach den Verhältnissen des harmonischen 
Sjstenis ^), und bildete aus dem so getheilten Stoffe durch 
eine Längentheilung die zwei Kreise des Fixsternhimmels 
und des Planetenhimmels, jenen nicht weitor getheilt, die- 
sen in die sieben Planetenbahnen gespalten, jenen durch 
die Natur des Selbigen {ravrov), diesen durch die des An- 
deren in seiner Bewegung bestimmt. Man äieht nun dieser 
Darstellung freilich das Mythische und Phantastische beim 
ersten Blick an. Die der Bildung der materiellen Welt 
vorangehende räumliehe Vertheilung und Ausspannung der 
Weltseele, die Entstehung derselben aus einer chemischen 
Mischung, die ganze stoffliche Behandlung, die hier auch 
dem schlechthin Immateriellen zu Theil wird, kann von 
Plato unmöglich ernstlich gemeint sein, man müsste denn 
alle die Vorwürfe auf ihn häufen wollen, die Aristotelks ^) 
in merkwürdiger Verkennung der mythischen Form diesem 
Abschnitt desTimäus gemacht hat. Bringt man nun in Ab- 
zug, was nur dieser Form angehört, so bleibt als Plato's 
dogmatische Lehre nur diess übrig: Das, was die Welt 
bewegt, und die Ursache der in ihr herrschenden Oxdnung 
ist die Weltseele, d. h. das zwischen der reinen Vernunft 
und dem Sinnlichen in der Mitte stehende, alle Zahlen- 



1) Eine allerdings überflüssige und lästige Bestimmung, denn die 
^dritte dieser Substanzen ist ja schon die Einheit der beiden an- 
dern.. Es geht Plato hier, wie unsem spekulativen Orthodoxen 
in der Ableitung der Trinität, die auch suerst den Geist als die 
Einheit von Vater und Sohn construiren, und dann erst noch die 
ganze Gottheit aus allen Dreien zusammensetzen. 

3) Das IVähere hierüber giebt Böchh über die Bildung der Welt- 
seele im Tim., in d. Studien Ton DAim und Gbsuebi 111, 34 ff.« 
auch BnANDis Gr.-röm. Philos. II, a, 363 f. und St^llbaum zu 
Tim. 55, B f. 

3) De an. I, 3. 406, b, S5 ff. 



24S >X^>o Platoaiscbe Physik 

und Maassverbälinisfe in sich begreifende Weien ^). Eiben;* 
damit föllt aber die Weltseele des Timäns mit dem, was 
Plato selbst im Philebns ^) die Grenze (to rn^ag — to nega- 
xoEidh)i wd der Bericht des Aristoteles ^) über ihn das 
Mathematische nennt, zusammen; denn das mgag, durch 
dessen Vermischung mit dem Unbegrenzten (der söe. Ma- 
terie) die sinnlichen Dinge entstanden sein sollen, wird im 
Philebus als das alle Zahlen- und Maassverhältnisse in sich 
Schliessende definirt ^), dasselbe ist aber auch der Begriff 



1) Die obige Ansicht Ton den Elementen der Weltseele, wonach 
das TavTov das ideale, das ^dregov das materielle Sein bezeich- 
nen soll, theilen ausser vielen Andern Rittxr Gesch. der Phil. 
11, 365 f. 396. und Stallbavm Plat. Tim. S. 136 f. — Böchh 
(a. a. O. S. 34 iT.) versteht unter dem ruvtop die Einheit und 
unter dem ^arsQov die unbegrenzte Zweiheit, statt welcher^ letz- 
tern jedoch, bei der Unsicherheit dieser Bestimmung (s. m. Plat. 
Stud. S. 220 ff.), besser mit TBEnnBLEnBuRO (Plat. de id. et num. 
doctr. S. 95), dem nun auch Bramdis (Gr.-röm. Phil. 11, a, 366) 
beigetreten zu sein scheint, das Unbegrenzte oder das Grosse 
und Kleine, d. h. die Materie überhaupt gesetzt würde. Diese 
Erklärung weicht nun von der unsrigen nicht viel ab , sofern 
diess aber der Fall ist, kann ich ihr nicht beistimmen, denn das 
Unbegrenzte soll auch in den Ideen sein, hier aber ist offenbar 
die Absicht, die Weltseele als das zwischen dem Sinnlichen 
und der idee in der Mitte Stehende darzustellen , wie diess aus 
der wiederholten Bezeichnung des ^dni^ov durch to %:^Td rd 
ifotfiata fjLSQtaxCv hervorgeht. Noch weniger dürAe aus diesem 
Grunde Bonitz Recht haben, der in s. Disputt Plat S. 68 ff. 
unter dem rairov, dem ^dxsgov und der ovaia die 'Ideen der 
Gleichheit, des Unterschieds und des Seins versteht Ueb^r die frühe- 
ren Erklärungen von SrALLBivM und Bbandis s« Boritz a. a. O. 
S. 53 ff* 

2) S. 23, C ^5, A f. S. o. S. 221. 240. 

3) Metaph. I, 6. VII, 2 u. ö. vergl. m. Plat Studien S. 225 f. 
235 ff. 250. 

4} 25, A: Ovntovv r« fti^ 9B%6fiiva ravra [das ^aXkov »al ^ttov 
XU s. f.] , Tovtmv Bi rdvavTia itdvra dsxofieva , n^rop fiiv to 
Vüov Kai iwoTtjra , fierd 9i ro ioov to Smldoiov nal nd» o ti ntQ 
av TT^oe a(fi9fidv aQi&fioS ^ fiixQOV rj ngos fUrgov^ ravra fv^« 
9rayra th to nl^aQ dnoloyi^ofitvot ttaldts aP ^oMifitP 9^fv tovtö» 



Die Platonische Ffaysik. S49 

des Mathematischen bei Aristoteles, der auch darin mit 
den Platonischen Darstellungen zosammentrifft, dass er als 
die Grundlage des Mathematischen die Zahl bezeichnet; 
denn diese soll zuerst aus den Ideen und dem Grossen und 
Kleinen, oder wie es auch heisst, aus dein Eins und der 
Materie (dem* zairop und dem ^dteoov des Timäus) ent- 
stehen, erst aus den Zahlen, durch eine weitere Verbin« 
d^ng derselben mit der Materie, die andere Klasse des 
Mathematischen, die Grössen ^). Eben die letztere Darstel- 
lung kann uns nun aber auch über die Natur des Mathe- 
matischen oder der Weltseele noch einen weiteren Wink 
geben. Erinnern wir uns nämlich aus dem früher Entwickele 
ten, dass dem Plato nur die Idee für das Wirkliche, die 
Materie als solche dagegen für das Nichtseiende gilt, so 
kann auch in der Weltseele nur die Idee das Positive und 
Reale sein, uiid wenn dieiäelbe als eine Verbindung des 
Selbigen und des Andern beschrieben wird, so heisst das: 
die Weltseele ist die Idee in der Form der mathematischen 
Verhältnisse, als das Bestimmende und Beivegende des kör- 
perlichen Daseins gesetzt ^).- Nur dieses ist auch in letz- 
ter Beziehung der Grund davon, dass gerade die mathe- 
matischen Wissenschaften und sie allein den unmittelbaren 
Uebergang von der sinnlichen Vorstellung zur Philosophie 
bilden 3). Das Mathematische ist die Idee in ihrer ersten 
Entäusserung an die Räumlichkeit und Getheiltheit; die 
Vielheit, als das Eine Moment des sinnlichen Daseins, ist 
hier zwar noch vorhanden, aber das Werden hat aufge- 
hört, und an die Stelle des unbestimmten Flusses sind fest- 
begrenzte und bestimmte Verhältnisse getreten ^) ; wird auch 



1) Hinsichtlich der Belege muss ich, um nicht su weitläufig zu wer- 
den, auf meine frühere Schrift verweisen.. 

2) Vgl. hierüber auch Böchh a. a. O. S. 24. 

3) S. o. S. 178. 

4) Man vergl. ausser dem eben aus dem Philebus und dem oben 



2M Die Platonifche Pbyfilt. 

die entere noch weggenommen, so haben wir die reine 
Idee. Allerdings tritt aber diese Bedeutung des Matheroa« 
tischen oder der Weltseele bei Plato selbst nicht rein her- 
aus, diese erscheint vielmehr als eine Substanz oder ein 
sdbständiges Princip neben dem Sinnlichen und der Idee. 
Der Grund dieser Unklarheit liegt in demselben, worin auch 
der Schein, als ob ihm die Materie etwas Substantielles 
wäre, seinen Qrund hat, in der abstrakten Fassung der 
Ideen als fursichseiend; diess darf uns jedoch nicht abhal- 
ten, die eigentliche Bedeutung und Meinung der Platoni- 
schen Lehre heraussuheben, wenn auch mit dem ausdrück- 
lichen Zugeständniss , dass sich Plato dieselbe nicht zur 

■ 

vollen Deutlichkeit gebracht haben mag. — Eher könnte 
man vielleicht an einem andern Punkte Anstoss nehmen. 
Die Weltseele wird im Timäus (36, E ff.) nicht blos als 
der Grund aller Ordnung in der Welt, sondern zugleich 
auch als das Princip des Bewusstselns im Ganzen und Ein- 
zelnen beschrieben ; sie führt ein vernünftiges (ificpQtov) Le- 
ben, und hat Theil am Denken (loy$cfi6^)j sie sagt sich selbst 
durch ihr ganzes Wesen hindurch, was und wie beschaffen 
Alles ist, und erzeugt dadurch auch in den einzelnen See- 
len, die sie in sich begreift, nicht blos richtige Vorstel- 
lungen und Meinungen, sondern auch Vernunft und Wis- 



(S. 179) 1* 182, 1.) Angeführten, AmiBToriLzs Metaph. I, 6. 
987, b, 14: t« fia&t^fiaTnta ttuv nifayfiarutv tivai tptfoi ^tta^iv^ 
Sift(piQovrn TojM fiiv atoO'T^Tiof r^ at^ut nal anirrjva stvai , touk 
S*it8oßp Tt^ ra fiif TtolV arza Ö/AOia stfai t6 Se flSos avro ir 
'inaatov fiovop. Das a*ivf]xa ist hier übrigens ungenau, denn 
schlechthin unbewegt ist bei Plato weder die Weltseele, noch auch, 
nach Bep. VII, 529, C f. (oben S. 182t 1), das Mathematische, 
sondern nur ohne das Werden und den Wechsel des Wer- 
dens ist es. Eine ähnliche tJngenauiglieit erlaubt sich Abist. 
De an. I, 3. 407, a, 2 ff., wenn er die Weltseele, die der Timäus 
so bestimmt vom ¥ov^ unterscheidet, mit diesem identificirt, weil 
er in seiner Eintheiluilg der Seele in die ^pviij »ioQfjTin^y ini^ 
OvfitjTtK'^ und den voHe keine passendere Stelle für sie findet 



Die PlatOBische Physik. 25L 

senschaft (povs und im^xrifiri)* Diess scheint nun mit un- 
serer Aaffassnng der Weltseele als des Inbegriffs der mathe- 
matischen Gesetze nicht zusammenzustimmen, und es ist 
auch deutlich genug, dass hier zwei heterogene Bestand- 
theile verknüpft sind, deren einer in dem Begriff der Wi^t- 
seele, der andere in dem der Grenze oder des Mathema- 
tischen mehr hervortritt: die psychologische Anschauung der 
Seele, als Princips der Bewegung und des Bewusstseins, 
und die ir^etaphysische der Zahl, als der allgemeinen Form 
des endlichen Seins. Dass jedoch Plato diese beiden nicht 
blos überhaupt verknüpfen, sondern auch identifieiren wollte, 
diess zeigt ausser dem oben Bemerkten auch die eben an- 
geführte Stelle des Titnäus, wenn diese das Wissen der 
Weltseele daraus ableitet, dass sie in ihrer Umwälzung 
um ihren eigenen Mittelpunkt von Allem» worauf sie stosst, 
bewegt werde, und diese Bewegung sfich als Wissen in ihr 
fortpflanze,' und ebendieselbe die Vorstellung dem Kreise 
des Andern (der Bewegung des Planetenhimmels), die Wis« 
senschaft dem Kreise des Selbigen (der Bewegung des 
Fixsternhimmels) zutbeilt; und auch das Befremdende die- 
ser Darstellung verschwindet vom geschichtlichen Stand- 
punkt ans, wenn wir uns von Aristoteles (De an. I, 2) 
si^en lassen, in welche enge Verbindung mehrere von den 
ältesten Philosophen, wie Anaxagoras, Diogenes und Hera- 
klit^),die rSumliche Bewegung und dasBewiisstsein gebracht 
haben, wenn wir sehen, wie auch die Pythagoreer die Seele 
eine Zahl oder Harmonie nannten, und Xenokrates, gewiss 
nicht ohne einen Anknüpfungspunkt in der Platonischen 
Lehre, sie als eine sich selbst bewegende Zahl definirte, 
wenn wir endjich erwägen, dass Plato selbst die verschie- 
denen Arten des Wissens durch Zahlen ausdrückte ^)« In- 
dem durch Zahl und Maass das unendlich Viele auf be- 



1) S. Ritter Gesch. der Fhä. I, 440 f. 

2) S. o. S. 243, 2. 



252 Die Platonische Phyiilc 

Stimmte Verhältnisse sarSckgefBhrt wird, so wird es erst 
ein Erkennbares ^), nnd indem die Weltseele die allge- 
meinen Zahlenverhältnisse in sich enthält nnd bestimmt, 
so ist sie ebendamit auch das Princip alles Wissens, das, 
was einerseits die Vielheit des Seienden zar Einheit des 
Bewusstseins zusammenfasst, andererseits das absolut All- 
gemeine der Idee in das Einzelbewusstsein übeffiihrt. 

Wie nun • aus diesen Principien die Entstehung und 
Einrichtung der Welt zu erklären ist, diess hat der Tiniftus 
in einer in's Einzelnste des naturwissenschaftlichen Details 
eingehenden Darstellung ausgefiihrt Im Ganzen des Pla- 
tonischen Systems kommt jedoch dieseh Erörterungen nur 
eine sehr untergeordnete Stelle zu, wie sich denn auch 
Plato (nach dem Umstände zu schliessen, dass sich Ari- 
STOTfiLES für diese Parthieen fast ansschliesslich an den 

# 

Timäus hält) in semen mundlichen Vorträgen nicht damit 
beschäftigt zu haben scheint. Da ihm nur die Idee für das 
Wirkliche und Wesenhafte gilt, so kann auch in der Be- 
trachtung der'N'atur nur die Darstellung der Idee in der- 
selben^ nicht die materielle Vermittlung dieser Darstellung 
sein Hauptinteresse in Anspruch nehmen. Plato's Natur- 
betrachtung ist desshalb wesentlich teleologisch, und diese 
Teleologie, da sie sich im Gegensatz gegen die physikalische 
Betrachtungsweise behauptet, ist hier noch äussere Teleologie; 
erst Aristoteles bat den Begriff der immanertten Zweckmässig- 
keit der Natur entdeckt. Wie daher der Phädo in eiiier be- 
kannten Stelle (S. 96 ff.) die Vernachlässigung dieser Teleo- 
logie in Anaxagoras rSgt, und nur die Zweckursachen als 
die wahren den physischen gegenüber hervorhebt, so un- 
terscheidet auch der Timäus die Mittelursachen (^vvoUria) 



1) Vgl. Phii.olait8 Fr. 4: »al ndvxm f$dp rd yiypmmtof/ava d^t^pkov 
l'xovTi' ov yoQ oiov te ov&iv ovre votj&'^fisv ovtb yvioa&^f$§p 
ai'8v TovToj und was Bbavdis Gr.-röm. Philos. I, 445 f* weiter 
anfuhrt. 



Die Platonische Physik. 253 

sehr bestimmt von den Zwecknrsachen, di<B er allein aizM 
nennen will, und die alle in der Verwirklichung der Idee 
des Besten zusammenlaufen ^), und die Wirkungen der einen 
und der andern, des povg und der apayuij ^)* Nur von den 
ersteren kann ihm zufolge mit wissenschaftlicher Sicher- 
heit gesprochen v^erden, die Darstellung der natürlichen 
Miltelursachen dagegen kann nicht auf dieselbe Sicherheit 
und Genauigkeit Anspruch machen, wie die Lehre von dem 
bleibenden und unveränderlichen Sein, sondern muss sich 
mit der blossen Wahrscheinlichkeit begnügen ^), sie ist 
mehr Sache einer geistreichen Unterhaltung, als der eiPnsten 
philosophischen Untersuchung^). Mögen wir nun auch von 
diesen Aeusserungen Einiges als weniger ernstlich gemeint^ 
und blos der Entschuldigung naturwissenschaftlicher Schwä- 
chen oder der Feierlichkeit dienend in Abzug bringen, so 
bleibt doch immerhin so viel, dass sich Plato selbst des 
^ geringeren philosophischen Werthes dieser physikalischen 
Erörterungen bewusst war, und auch wir werden ihm hierin 
beistimmen, milssen: es sind diess Bemerkungen und Vor- 
stellungen, zum Theil sinnreich, zum Theil kindisch, die 
für die Geschichte der Naturwissenschaften unt^ den Grie* 
eben ohne Zweifel von Interesse sind, för die Geschichte 
der Philosophie dagegen grösstenthdls nichts darbieten, da 



1) Tim. 46, C: vavT ovv ndvt lari roiv ivvairiviVy oU d'Bvg vtt^^s- 
. Totai ;r^t/rai tijp tov dgiarov xard ro Svparov IBtav dnoTtkiuv • 

So^uLerai Si vTto töiv nksiarojv ov ^vyairia dkJi al'ria eiyai tojv 
iravTtnv» 46, E : XsHtia fiiv äfKporega ra rcuj» atvKup yivrj', i<u^ 
q\q 6'^aai fASzd vov ttakaiv Mal dya&wv itjftiov^yol xal otat fiovv^ 
^eioat tp^ov^aemQ t6 tv%6v SlzauTOv tndavoTt iic^ydSovrai. 

2) S. 47, E. & oben S. 220, 3. 

5) Tim. 29, B ff. 48, D. 55, D. 68, D u. ö. 

'4} Tim. 59, C: raXia Si rtuv rotovtmw ovSir Ttoutik»^ in Btaloyi^ 
Qaa&ah ^V twv emoTiov fiv&otv fMradiojxopra liiav^ i/jv orav t^Q 
avanavaeats eVfxa,rot'ff m^l rdtv ovrotv dtl uara&lfiGvoQ koyovSy 
Tovf ytviaetui nigi Sia&sotftsvoi tinoras dusrafiiktjTov i^^orf}^ 



254 I>>e Platonische Physik. 

sie mit Plftto's philoiophischem Princip nicht weiter aa- 
sammeahängen, und Allem nach vielfach von Andern, wie 
nlhmentlich Philolaus, und wohl auch Demokrit, entlehnt 
sind. Ich will daher von diesem Theile des Timäus ausser 
den allgemeineren Untersuchungen über die Entstehung und 
das Wesen der Welt hier nur noch die Lehre von den 
Elementen berühren, da diese auf die Platonische Ansicht 
von der Materie ein Licht zurückwirft. 

Die Entstehung der Welt beschreibt der TimSus 
bekanntlich in der Weise einer mechanischen Construclion. 
Der Weltbaumeister bescliliesst, die Gesammtheit des Sicht- 
baren so vollkommen als möglich zu machen, indem er 
dem ewigen Urbild des lebendigen Wesens (der Idee des 
CcSof) ein geschaffenes Wesen nachbilde, das alle Vollkom* 
menheiten des Urbilds, so viel es sein kann, in sich ^^er- 
einigen soll; er bildet zu diesem ßehufe zuerst aus der 
Idee und der Materie die Weltseele, vertheilt sodann die 
chaotisch flothende Materie in die Grundformen der fünf 
Elemente, bereitet aus diesen durch Einfügung der Materie 
in die hariHonischen Verhältnisse der Weltseele das Sphä* 
rensystem, in dessen verschiedene Kreise er als Zeitmesser 
die Gestirne setzt, und belebt diese endlich durch Erschaf- 
fung der lebenden Wesen, von denen er jedoch nur die 
ewigen und gottlichen selbst hervorbringt, die Bildung der 
sterblichen den geschaffenen Göttern tiberlässt ^)« Plalo 
selbst bezeichnet diese Darstellung (s. o.) wiederholt, als 
mythisch, und dieser Charakter derselben unterliegt auch 
im Allgemeinen keinem Zweifel; wie weit dagegen das 
Mythische in ihr gehe, ist nicht ganz leicht auszumachen. 
Uebergehen wir hier die bereits besprochenen Fragen 
über die Materie und die Weltseele und die später noch 
SU berührende über den Weltbaumeister, so ist die Haupt- 



1) Tan. a7, E - 57, D. 



^ Die Platonische Pbystk 1I$S 

sacke die Untersiichnng darüber, ob und inwieweit es Pkta 
mit einem zeitlichen Anfang nnd einer successiven Bildong 
der Weh Einst ist, t>der nicht. Dass er wirklich einen 
Anfang der Welt angenommen habe, scheint nicht nnr die 
ganze auf dieser Voraussetzang beruhende Darstellong des 
Tiniäns zn fordern, sondern noch bestimmter scheint es aas 
der Erklärung Tim. 28, B Iiervdrzagehen, dasii die Welt 
als körperlich anch geworden sein müsse, denn alles Sinn- 
liche und Körperliche sei ein Gewordenes. Andererseits 
geralhen wir doch mit dieser Annahme in eine Reihe der 
auffallendsten Widerspruche. Denn wenn alles Körperliche 
geworden ist, so müsste diess auch von der Materie gel- 
ten, die doch der Timäus der Weltbildung schon voraus* 
setzt, und auch (S. 30, A) in diesem ibrein vorweltlicheii 
Zustande schon als etwas Sichtbares bezeichnet; rechnet 
man aber die Vorstellung von einer ewigen Materie mit 
zum Mythischen, wer verbürgt uns dann, dass nicht auch 
die Behauptung eines Weltanfangs eben dazu gehöre, und 
ihre eigentliche Meinung nur die sei, die metaphysiscW 
Abhängigkeit des Endlichen vom Ewigen auszudrücken? 
Denn dass sein Gewordensein in dogmatischer Form bewie- 
sen wird, diess ist um so wenfger von Gewicht, da es sich 
bei diesem Beweise zunächst nicht darum handelt, einen 
zeitlichen Anfang, sondern einen Urheber der Welt auf- 
zuzeigen ^)^ und da auch die Annahme einer ewigen Ma- 
terie S. 51, C — 53, B scheinbar bewiesen wird. Weaa 
ferner Tim. 52, D gesagt ist: Sp t« nal x<oQaf nal y«V«w 
tifcuj tqU TQtxi> ^'^ ^^^^ ovfiapof yivia^aiy so ist damit das 
Werden für anfangsloi erklärt, noth wendig müsste dann 
aber auch immer ein Werdendös und Crewordenes. d. h» 



1) ^S^* ^^>n* 289 B: oHtJtriop S'ow negl avrov n^üßTavy .. nitigi^w 
fjp tiely yaviosüsiS aQXrjv txmv ovitf/n'avt ij yiyovtv^ an agxv^ tivoq 
aQSdfisvov. y^yovtv ... r<j7 ^mv yevofkhvj tpafiiv vn ahiov nvoi 
avaym^v (hat ywip^at* 



1156 Die Platonische Physik. 

eineWeU, gewegen sein/ Das Gleiche würde Obrigeos audi 
aus dem Salze folgen, dass Gbu aas Güte die Welt ge* 
schaffen habe, denn wenn Gott immer gut war, so musste 
er auch immer schaffen, oder mehr philosophisch daraus, 
dass die Beziehung der Idee auf die Erscheinung so ewig 
sein itfuss, als die Idee selb8t,'dass der vovg nie ohne Seele ^), 
die Seele aber, ihrem ganzen Begriff nach, nicht ohne Leib 
sein kann, denn Seele ist sie ja eben nur sofern die Idee 
in ihr als mathematische Form, mithin als das Bestim- 
mende des Körperlichen erscheint. Weiter sieht sich Plato 
durch die Annahme eines Weltanfangs zu der Behauptung 
(Tim. 37, D. 38, C) genötbigf) dass die Zeit erst mit der 
Welt entstanden sei -^-* folgerichtig, denn was vorher allein 
war, die Ideeni^lt, ist nicht in der Zeit, die leere Zeit 
aber ist nichts. Und doch redet er immer wieder von dem, 
was vor der Weltbildung war, währender zugleich aner- 
kennt (S. 37, E ff.), dass dieses Vor und Nach eben nur 
in der Zeit möglich ist. Auch die sonst von ihm gelehrte 
anfangslose Präexistenz der Seelen endlich (s. u.) schliesst 
einen Weltanfang aus. Mögen nun auch diese Widersprüche 
nicht zum Beweis davon hinreichen, dass sich Plato der 
Annahme eines Weltanfangs mit ausdrücklichem Bewusst- 
sein als einer für sich unwahren blos mythischen Vorstel- 
lung bedient, und seiner wahren Meinung nach die An- 
fangslosigkeit der Weh ausdrücklich angenommen habe, so 
können sie doch wenigstens so viel darthun, dass eben- 
sowenig die entgegengesetzte Annahme als ein von Plato 
mit ausdritcklicher didaktischer Absicht vorgetragener Lehr- 
satz^ sondern höchstens nur als eine von den Vorstellungen 
betrachtet werden kann, die er gebraucht, ohne liich zu 
einer bestimmten Untersuchung und Entscheidung über ihre 
Wahrheit oder Falschheit angeregt zu finden. Und zur 



1) Phileb. 30, C (oben S. 246, 2) Tim. 30, G. 



Die Platonische Physik. 25T 

Bestfitigung dieser Ansiebt dient nictit blos die Notiz, dasa 
aueh schon manche Schüler Plato's die zeitliche Entstehung 
der Welt für blosse Einkleidung erklärt haben ^), sondei^ 
aneh die ganze Composttion des Timäus: denn statt dia 
Weltbildung nach der zeitlichen Anfeinanderfblge ihrer 
Moipente zu verfolgen,. wie diess ein historischer Beriebt 
thun müsste,. ist diese Darstellung ganz nach begrifflichen 
Momenten gegliedert, spricht zuerst in aller Vollständig- 
keit von den Erzeugnissen der Vernunft in der Welt, dann 
(S. 479E,ff.) von denen der Noth wendigkeit, und endlich 
(S. 69 ff.) von der Welt als Produkt dieser iieiden Ur- 
sachen; ebenso im ersten von diesen Theilen vorher von 
der Bildung der körperlichen Elemente, als von der die« 
ser vorangehenden der Weltseele; auch das findet sich, data 
dasselbe Moment des Wehbildungsprocesses, weil es sich 
aus zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachten li^ss, 
doppelt vorkommt, wie eben <iie Entstehung der Elemente 
— \ es ist mit Einem Wort die ganze Darstellung nicht 
durch den zeitlichen, sondern durch den begrifflichen Zu- 
sammenhang bestimmt, und so weist sie auch schon durch 
ihre Form darauf hin, däss sie weniger aus der Absicht 
hervorgegangen ist, über den geschichtlichen Hergang der 
Weltbildung zu berichten, als vielmehr die allgemeinen 
Ursachen und Bestandtheile der Welt, wie sie jetzt ist, ' 
aufzuzeigen. Aus diesem Grunde ist auch das Mythische in 
dieser Darstellung gerade an den Punkten^ am Stärksten 

1) Abist. De coel. I, 10. 279, b, 32: »)V hL rivhi ßotj&nav intyt^ 
Qovai (ptQSiv iavTOiS rtuv IsyovTutv af&agrov tlvat [top xoa/AOtl 
ytvofiBvov 9s f ovK tOTtv dltjd'tjS' OfioiatC ydg (paat toiS rd ^ux- 
ygdfifMtra yQu(p(>vai xal a<pas sigtivthai itiQl ttji ,ysviat<uiy ov^ oU 
' yfvofiivov TtOTt [sc. rov xoofiov], alkd SiSaaxaXiai x^Q^^* ^*^ ^aiU 
iov yvwpi^ovTwv. Dass diese zivis Platoniker seien, sagen die 
grtccli. Gommentatoren (Schol. coli. Baandis S. 488, b f.), welcbe 
dabei besonders an Xenohrates erinneri|. ^ Auch ohne diese Zeug- 
nisse könnten wir aber kaum an Andere denken* VergU aucii 
MeUph. XIV, 4. 1091, a, 28^neb8t den Schöllen. 

DU PbUoiophie der Gritchen. U. Theil. 17 



258 Die Platonische Physik 

aofgelrageti, wo ein zeitlich Neaes eintriU, ^ie S. 30, B. 
35, ß. 36, B. 37, B. 41, A u. s. w. ^). 

Von dem Detail der Platonischen Physik will ich hier, 
wie bemerkt, nur die Constriiction der Elemente berühren, 
und auch von dieser nur die eine Seite, ihre physikalische 
Ableitung Tim. 53, C ff», denn mit der teleologischen (S* 31, 
B S.)y so sehr sie Hegel ^) loben mag, ist nicht viel an- 
aufangen, wie diess auch schon Böckii ^) geieeigt hat. Jene 
andere Ableitung dagegen ist desswegeri merkwürdig, weil 
sie unsern obigen Bemerkungen über die Platonische Lehre 
von der Materie zur Bestätigung dient. Wenn nämlich 
hier, in enger Anschliessung an die Lehre des Philolaus^), 
die Elemente aus der Verschiedenheit der geometrischen 
Figoren ihrer Urbestandtheile abgeleitet werden, so dass 
die Grundform der Erde der Würfel sein soll, die des Feuers 
das Tetraeder, der Luft das Oktaeder, des Wassers das 
Ikosaßder, des Aethers ^) das J)odeka^der, so ist die Mei- 
nung nicht etwa nur die, dass die ursprungliche Materie 
in diese Formen gefasst werde, und so die Element« bilde, 
sondern die geometrischen Figuren als solche, wie auch 
schon Aristoteles^) unsere Stelle richtig auffasst, sollen 
die Stelle der Materie vertreten, die körperlichen Grossen 
werden nicht nur durch Flächen begrenzt, sondern aus 
Flächen zusammengesetzt, und in Flächen als ihre nicht 
weiter theilbaren Grundbestandtheile aufgelöst. Je auffal- 



1) Vgl. hiemit meine frfibern BemerkuDgen Fiat. Stud. S. 208 if. 

2) Gesch. der Pbil. II, 221 ff. 

3) De FlaL corp. mundani fabrica. Heidelb. 1810* S. 24 f. 

4) S. BÖCKE Pbilol. S. 160 ff. 

5) Denn dass dieser S. 55, C gemeint ist, zeigt die Vcrgleicbung 
der p)thagoreisclien Lehre bei Bocks a. a. O. und die Epinomis 
984, B. Anderer Ansicht ist Bbandis a. a. O. S. 378. Martiit 
Etudes sur le Timee steht mir nicht eu Gebote. 

6) De ooel. III, 1. J298>b unten; III, 7. 8* Tgl. De gen. et corr. I, 2* 
3l9r b, 30 ff. U, 1. 329, a, 13 ff. 



Die PUtoniftchc Physik. 259 

lerider aber die zahllosen .Widerspruche sind, in welche 
sich diese Darstellung, niathemalisch und physikalisch Jio« 
gesehen, ver\?ickell ^), um so deutlicher tritt es auch her- 
vor, dass Plato diese Widerspruche nicht auf. sich gcoom« 
men haben würde, wenn er an. einer vorausgesetzten Ma* 
terie das Mittel gehabt hätte, ihnen zu entgehen« Indem 
er hier die Elemente aus der reinen Figur constrnirt, so ist 
klar, dass er als ihre allgemeine Grundlage nur die Möglich^ 
keit derFigur, oder den Raum, nicht einen Stoff, vorausseiet« 
Das Resultat seiner ganzen Kosmogonie fassl der 
Tiroäus ^) in der Anschauung der Welt als des vollkom- 
menen ^£ov zosatnnien. Der Idee des Lebendige» (dem 
avto^äov) ähnlich gemacht, so weit überhaupt das Gewor* 
dene dem Ewigen gleich sein kann, in seinem l«eifoe die 
Gesammtheit des Materiellen befassend, durch seine Seele 
eigenen endlosen Lebens und göttlicher Yerhunft theilhaf» 
tig, nimmer alternd* noch vergehend ist der Kosmos dM 
beste Geschaffene, das vollkommene Abbild dee ewigen 
und unsichtbaren Gottes und selbst ein seliger Goü, einiug 
in seiner Art, sich selbst genügend und keines An4erp be« 
dürftig. Man wird in dieser Schilderung den Cüharekter der 
antiken Wehauschauung nicht verkennen, die selbst inPlatOi 
im Begriffe über das Diesseits ieu einer transcendenteo Ideevu» 
weit hinauszugehen, doch von der, Herrliehkeil der NelUff 
viel zu tief ergriffen ist, um sie als das Ungöittlicbe IHI 



1) M. 8. Aristotkles a. d. a. O. 

2) 5« 30, C ff. S6, £. 37, C 39, E. S4, A f. 68, E. 92 SM. r^L 
Kritias Auf. — Auch diese Darst£Uuii|^ iväre übrigons ^u dnc^qi 
grossen Tbeil dem Philolaus enlnpininen, wenn wir uns iiuf die 
Aechtheit des Brucbstucks bei StobIvs Ekl. I, 2i; 2. S. 418 iL 
<bei BöcHi Philo!. S.165) verlassen liönnten, dessen AeAMig mil 
Tim. 32, C ff. 37, A. ^,.0 viele AeMiHikeit ha^ |>e indr^fW 
jenes Fragment jedenfalls Spateres mit einmischt <siehe Böckz 
a. a. O. und unsem 1. Tb. S. 12^), so muss auch die Aechtbeil 
•einet Anfangs dabingettellt bleil>en« 

17* 



260 



Die Platonische Physik. 



Terachten, oder als das Ungeistige gegen das menschliche 
Selbstbewusstsein zurückzustellen. 

Zur Vollkommenheit der Welt gehört nun nach Plato 
vor Allem auch dieses, dass ebenso, w\e die Idee des^coof^, 
so auch die Welt, als ihr Abbild, alle Arten von leben- 
den Wesen in sich begreife ^). Diese aber zerfallen in zwei 
Klassen: die sterblichen und die unsterblichen. Von den 
letzteren nun wird später noch die Rede sein , und nur bei- 
läufig mag hier gesagt werden, dass Plato unter ihnen nichts 
Anderes versteht, als die Gestirne ; die ersteren führen uns 
vermöge der eigenthiimlichen Verbindung, in welche Plato 
alle übrigen lebenden Wesen mit dem Menschen setzt, 
zur Platonischen Anthropologie über. 

Plato hat auf zweierlei Art von der Natur der Seele 
und des Menschen geredet, theils in halb mythischer, theils 
in rein philosophischer Form. In mehr oder weniger mythi- 
scher Darstellung spricht er von dem Ursprung und der 
Präexistenz der Seelen, vom Zustand nach dem Tode und' 
von der Wiedecerinnerung; reiner wissenschaftlich sind seine 
Untersuchungen über die Theile der Seele und den Zn- 
sammenhang des seelischen Lebens mit dem leiblichen ge- 
halten. Wir müssen hier zunächst jene mythischen und 
halb mythischen Darstellungen in's Auge fassen, und die 
ihnen zu Grunde liegenden dogmatischen Gedanken auszu- 
mitteln suchen, da auch die strenger wissenschaftlichen 
Aeusserungen über die Natur der Seele in ihrem gegen- 
wärtigen Zustande theilweise erst von ihnen ihr volles Licht 
erhalten, vorher aber noch auf den allgemeinen Begriff der 
Seele, wie diesen Plato bestimmt, einen Blick werfen. 

Nachdem der Weltbildner das Weltgebilude im Gan- 
zen und die Götterwesen darin (die Gestirne) gescliaffen 
hatte, erzählt der Timäus S. 41 ff., so befahl er den ge. 



1) Tim. S9, £. 41, B. 69, C. 93 Scbli 



Die Platonische Physik. 261 

wordenen .Göttern , die sterblichen Wesen hervorsnbriDgen. 
Diese nun bildeten den menschlichen Leib und den sterb- 
lichen Tl^eil der Seele, er selt)st aber bereitete ihren un- 
sterblichen Theil in demselben Gefäss, wie früher die Welt- 
Seele. Die Stoffe und die Mischung waren die gleichen, 
nur in geringerer Reinheit. D. h. wenn wir die Form die- 
ser Darstellung in Abzug bringen: das Wesen der mensch- 
lichen Seele abgesehen von ihrer Verbindung mit dem 
Körper ist dasselbe, wie das der Weltseele, nur mit dem 
Unterschiede des Abgeleiteten vom Ursprünglichen, des 
Einzelnen vom Allgemeinen ^). Ist nun die Weltseele für 
das, Sein überhaupt das Vermittelnde zwischen der Ideo 
und der Erscheinung, die erste Existenzform der Idee in 
der Vielheit, so muss eben dieses auch von der menschr 
liehen Seele gelten ; wiewohl sie nicht selbst Idee ist ^), 
so ist sie doch mit der Idee so eng verknüpft, dass sie 
nicht ohne dieselbe gedacht werden kann: wie die Ver- 
nunft sich keinem Wesen anders mittheilen kann, als 
durch Vermittlung der Seele ^), so ist es umgekehrt der 
Seele so wesentlich, an der Idee des^Lebens theilzuhaben, . 
dass der Tod nie in sie eindringen kann ^), wesshalb sie 
auch im Phädrus (245, C ff.) geradezu als das sich selbst 
Bewegende definirt wird. Diess kann sie aber eben nur 
sein, sofern ihr Wesen von dem des Körperlichen speci- 
fisch verschieden, und dem der Idee eigenthümlich ver- 
wandt ist, denn dieser kommt Leben und Bewegung Ursprünge 
lieh zu ^), und von ihr kommt auch alles Leben des ab- 

1) Pbileb. 30, A: 2'u n'aQ rjulv aviua uq* ov ^vx^jv qjjjaofisv l'x^iv ^ 
Jrjlov Ott (prjQOUBV, JJoOsv, oj q>iXs IT(fojTaQ'/Sf Xaßov^ eVrSQ ^jj 
TU ys TotnawoS aojua l'iixftvx^^ ^^ ituyiavs^ ravra. ye i';fov 
rovTitf xal l'rt rrdvTTj »aV.tota, 

2) S. o. S. 194,4. 

5) Pbileb. 30, C. (s. o. S. 246, 2) Tim. 30, B: povv yotgli yjvxiji aöv^ 
varav iraQnysviad'ai,' r(j>. 

4) Phado 105, C. 106, D. vgl, 102, D flf. 

5) Sopb. 248, £. 



2M Die Plafdäii^htf Pbyftik. 

geMtatMSeifll <); wi6 i(ah«r die Mee im G^geijiatz gegen die 
Vielheit deg Sinilliehen schleclithin einfncli und sich selbst 
gleich, im Gegensatz gegen die Hinfälligiceit desselben 
schlechthin ewig ist, so ist auch die Seele ihrem wahren 
Wesen nach ohne Anfang und Ende (s. u.), und frei von 
aller Mamiigfalliglceit, Ungleichheit und 2^sammensetsung ')• 
Genaaere ErklXrnngen fiber das allgemeine Wesen der Seele 
giebt aber Plato nirgends; denn die von AaiSTOTKLiss De 
M. I, 2 angeführte Definition der Seele als einer sich selbst 
bewegenden Zahl gehört zuverlässig nicht dem Plato an, 
sondern erst seinen Schulern. 

Jene hohe Stellung kommt indessen der Seele nur zu, 
Sofern sie ihrem reinen Wesen nach und ohne Röcksicht 
auf den trübenden Einfluss des Körpers betrachtet wird. 
Diesem ihrem Wesen ist aber ihr gegenwSrtiger Zustand 
So wenig angemessen, dass sich Plato diesen nur aus einem ' 
Heraustreten der Seelen aus ihrer ursprünglichen Lage zu 
erklären, und einen Trost fOr seine Unvollkommenheit nur 
In der Aussicht auf eine dereinstige Rückkehr in ihren Ur- 
zustand zu finden weiss. Der Weltschöpfer s — - so fährt 
der Timäus S. 41, D ff. in der obigen Erzählung fort — 
kildete Anfangs so viele Seelen, als es Gestirne giebt, und 
setzte Jede derselben auf einen Stern (d. h. wohl: einen 
der Fixsterne), mit dem Gesetz, dass sie erst von hier ans 
das Weltall betrachten, dann aber in Körper gepflanz^ wer- 
den sollten; doch sollten zuerst alle gleich, als Männer, 
zur Welt kommen. Wer nun im leiblichen Dasein die Sinn- 
lichkeit überwinde, der solle wieder zu seligem Leben in 
seinen Stern zurückkehren; wer diess nicht leiste, bei der 



1) Rep. VI, 509, B. Pliileb. 26, £ ff. 30, B. 

2) Bep. X, 611, B f. Phädo 78, B ff., eine Untersuchung, deren 
Resultate S. 80, B in die Worte zusammengefasst werden: toj 
f/Ltv ^£fV *^^ ad'avattf» nal voijtto *mX jnoposiSst xai dSwkvtf^ xai 
ctfi iuiavTOiS nal irarct ravrct i'x^vn airöt 6fio$6raTov itvat ^'vxijv* 



N« 



Die Platonische Physik. m 

« 

zweiten Gebart die 6estah eioes Weibes annehmen, bei 
forfgesetzter Schlechtigkeit aber bis zur thierisch^n iier* 
absinken ^), und nicht eher von dieser Wanderung erlöst 
werden,, als bis er durch UeberwHltignng seiner niederen 
Natur zur ursprünglichen Vollkonunenhett seuk-uckgekelirt 
sei. In Folgtf dieser Einrichtung wurden sofort die See- 
len an die verschiedenen Planeten vertheilt, und ihheit 
von den geschaffenen Göttern die Leiber und die sterb* 
licfaen Theile iet Seele angebildet. «— Von dieser Dar-^ 
Stellung unterscheidet sich nun die viel frühere des Phä- 
drus (S. 246 ff.) hauptsächlich dadurch, dass der EÄntritt 
der Seelen in den Leib, den der Tiinäus zunächst aus eioend 
allgemeinen Weltgesetz ableitet, hier auch ursprüqglich 
schon auf einen Abfall derselben von ihrer Bestimmung 
zurückgeführt, und ihnen desshalb der sterbliche Theil, den 
der Tiuiäus erst gleichzeitig mit dem Leibe zu der un- 
sterblichen Seele hinzutreten lässt, na^cfa seinen beiden Be- 
standtheilen, dem d^vfiog und der im&vfiia ^), schon im Präp 
existenzzustande beigelegt wird — eine Bestimmung, die 
hier nothwendig ist, denn sonst wäre nichts, was die Seelen 
zum Abfall verleiten könnte. Im Uebrigen sind die Grund« 
bestinimungen auch hier die gleithen: diejenigen Seelen, 
welche, ihre Begierde überwindend, dem Chor der Götter 
in den überhimuilischen Ort zur Anschauung der reinen 
Wesenheiten zu folgen im Stande sind, bleiben, so oft sie 
diese Probe bestehen, je eine lOOOOjührige Weltumlaufs- 
zeit hindnrch frei vom Leibe; welche diess versäumend 
ihrer höheren Natur vergessen, die sinken zur Erde herab. 
Bei ihrer ersten Geburt nun werden alle, auch schon nach 



1) Eine weitere Ausführung dieses Punlsles tun- 90, E ff. 
' 2) Dass nämlich diese beiden unter den beiden Rossen des Seelen- 
gespanns Pbädr. 246, A zu verstehen sind, zeigt die ganze Be- 
schreibung j vgl auch S. 247, B. 253, D. ff. 255. E. f. Näheros 
über jene Theile der Seele s. u» 



in Die PUtonitphe Physilu 



# 



ditser Darttellung, ia mentchliobe nnd mSaoliohe Körper 
gepflanzf, und nur die Lebensweise, fQr die sie bescimmt 
werden, ist nach ihrer Würdigkeit verschieden. Nach 
ihrem Tode aber werden alle gerichtet, and fnr laOO Jahre 
theils znr Strafe unter die Erde, theils zur Belohnnag in 
den Himmel versetzt. Nach Verfluss dieser Zeit haben 
sich dio einen wie die andern wieder eine neue Lebens- 
weise zu wfthlen, und bei dieser Wahl geschieht es, dass 
Menschenseelen in thierische, oder auch' aus diesen wieder 
in menschliche Gestalten übergehen, nur solche, die drei- 
mal nach einander ihr Leben, in Philosophie hingebracht 
baben, dürfen schon nach der dritten tausendjährigen Periode 
in die uberhimmlische Wohnung zurückkehren. — Den 
letzten Theil dieser Darstellung bestätigt die. Republik, 
wenn sie X, 613, E, erzählt: Die Seelen kommen nach 
ihrem Abscheiden an einen Ort, wo sie gerichtet werden ; 
von da werden die -Gerechten zur Rechten in den Him- 
mel, die Ungerechten zur Linken unter die Erde gefuhrt. 
Beide haben, znr zehnfachen Vergeltung ihrer Thaten, 
eine tausendjährige Reise zu vollbringen, die bei den Einen 
voll Leiden, bei den Andern voll seliger Anschauung ist. 
Nach Verfluss der tausend Jahre hat sich Jeder wieder 
ein irdisches Leben zu wählen, ein menschliches oder ein 
thierisches, nur die allergrossten Sünder werden für ewig 
in den Tartarus gestürzt ^). — Eine ausführliche Darstel- 
lung dieses Gerichts giebt der Goi^ias S. 523 ff^ auch 
dieser mit der Bestimmung, dass unheilbare Verbrecher 
ewig gestraft werden, und ganz ähnlich schildert der Phädo 
S. 109 flf. mit vielem kosmologischem Apparate den Zu- 



I) Der eigene Zug, der hier weiter beigefügt ist, dass bei solchen 
der Schlund der Unterwelt gebrüllt habe, ist wohl Umbildung 
der pythagoreischen Vorstellung, die Abistotklxs Anal. post. 
Ilf 11, Schi, erwähnt 



Die Platonische Physik. 265 

Stand nach dem Tode, indem er (113, D ff.) hier viererlei 
Schicksal unterscheidet: das der gewöhnlichen Rechtschaffen- 
heit, der unheilbaren Gottlosigkeit, der heilbaren Gottlo* 
sigkeit und der ausgesEQichneten Heiligkeit. Leute der ersten 
Klasse kommen in einen zwar glucklichen, aber doch der 
, Läuterung unterworfenen Zustand, solche der zweiten wer- 
den ewig, solche der dritten Klasse zeitlich gestraft ^), 
die vorzuglich Guten dagegen gelangen zur vollen Selig- 
keit, deren höchster Grad jedoch , die gänzliche Befreiung 
von einem Körper, nur den wahren Philosophen zu Theil 
wird. Mit dieser Darstellung ist dann noch die frühere 
(Phädo S. 80 ff,) zu verbinden, welche die vorerwähnte 
dadurch ergänzt, dass sie den Wiedereintritt der meisten 
Seelen iii ein leibliches Leben^ in ein menschliches oder 
thierisches, als eine nothwendige Folge ihres Hängens am 
Sinnlichen darstellt, im Uebrigen nicht allein den Unter- 
schied der, gewöhnlichen und der philosophischen Tugend 
und seine Bedeutung für die Bestimmung der jenseitigen 
Zustände wäit stärker, als jene, hervortreten lässt,' sondern 
auch eine theilweise verschiedene Eschsitologie enthält ; 
denn während nach den sonstigen Schilderungen die ab- 
geschiedenen Geister unmittelbar nach dem Tode vor's 
Gericht gestellt werden, und erst nach 1000 Jahren wieder 
einen Leib abnehmen, ^o lässt diese die am Sinnlichen 
hängenden Seelen als Schatten um die Gräber schweben, 
bis sie ihre Begierde wieder in neue Leiber zieht. -^ Wie 
eben diese Vorstellung von der Präexistenz, der Unsterb- 
lichkeit und der Seelenwanderung von Plato in der Lehre 



1) Wenn hier S. (114, A.) BBiifms Gr. - röm. Phil. II, a, 448 eine 
Spur des Glaubens an die Wirksamkeit der Fürbitte für Ver- 
storbene finden will, so ist diess nicht ganz richtig. Die Vor- 
stellung ist vielmehr die, dass der Verbrecher so lange gestraft 
wird, bis er den Beleidigten versöhnt habe) von Fürbitten 
ist nicht die Rpde. 



■ ] 



266 Die Platonische Physik. 

von der Wiedererinnerung auch zur Erklärung von Er- 
scheinungen des gegenwärtigen Lebens benutzt wird ^), 
ist bekatint. 

Das» nun diese Schilderungen, so wie sie vorliegen, 
von Plafo selbst nicht, als dogmatische, sondern nur als 
mythische Darstellungen belracbtet werden, diess ist in den 
Widersprijchcn derselben, die nicht nur in verschiedenen 
Gesprüchen, sondern auch in einem und demselben Gespräch 
hervortreten, in der niährchenhaften Sorglosigkeit, mit der 
historische und physikalische Abenteuerlichkeiten gehäuft 
werden, in der detaillirten Ausführung, in der dann und wann 
mit einAiessenden Ironie ^) so tin verkennbar ausgesprochen, 
dass es Plato's ausdröcklicher Erklärungen in diesem Sinn ^) 
kaum noch bedarf. Ebenso deutlich sagt aber dieser auch, 
dass er jene Mythen nicht für blosse Mythen, sondern zu- 
gleich für sehr beachtenswerthe Lehrreden halte ^) , und 
knQpft aus diesem Grunde sittliche Ermahnungen an die- 
selben, die er unmöglich auf unsichere Fabeln konnte grün- 
den wollen ^). Wo jedoch das dogmatisch Gemeinte auf- ^ 
h5re und das Mythische anfange, lässt sich schwer aus- 
machen^ und es ist offenbar Plato selbst nicht durchaus 
deutlich gewesen, denn gerade aus diesem Grunde* ist ihm 
die mythische Darstellung Bedürfniss. Der Punkt, dessen 
streng <fogmatische Bedeutung am Wenigsten bezweifelt 
werden kann, ist die Lehre von der Unsterblichkeit, die 



1) Phädö249, C. Meno 80, D ff. Phädo 72, E ff. Vgl. Tim. 41, E. 

2) \ gl Phado 82, A. Tim. 9i, D- Bep. X, 620. 

3) Pliädo 111, D. Rep* X, 621, B. . 

4) Gorg. 523, A. 527, A. Phädo a. a. Q: Tu /utv olv ravza Si'Ca- 
%v(fiaaQ\^ai o'vtois (X^tv, f«ff tyoj 8ibh)),v&a^ uv nQ^nei vovv lxovt$ 
av^Qi, ör* fisvtot 17 TttÄi^r* iarttf y toiuvc' atra tsqI Tai tpvxaS 
i^uÖjv mal raff oixi}o6iS^ iitil irtQ a&ivarov ya 1) f^XV 9«*»'«^«» 
ovaa ravva 'Aal Tcoinu» fioi So-au mal a^iov y.nSm'&voai oiousroj 

5) Pbädo a» a. O, Gorg. 526, P. ?27, B f. Rep. X, 618, B ff. 621, B. 



Die lPlatonische^Fh7siL ^67 

Pkito nicht blos im PbSdo^ sondern auch Im PhSflrtis nnd 
d^r Bepublilc zum Gegenstand einer ausfithrlichen philo-^ 
sophischen Begründung und Beweisführung gemacht hat. 
Diese Beweisfiihi^ung selbst aber gründet sich unmittelbar 
auf den Begriff der Seele, wie dieser durch den Zusam- 
menhang des Platonischen Systems bestimmt wird. Die Seele 
ist ihrem Begriffe nach dasjenige, zu dessen Wesen es 
gehdrt, zu leben, sie kann also in keinem Augenblick Ssils 
nichtlebend gedacht werden — in diesen ontologischen Be- 
weis für die Unsterblichkeit laufen nicht blos alle dl^e ein- 
zelnen Beweise des Phädo zusammen ^), sondern derselbe 
wird auch schon im Phüdrus (245, C ff.) vorgetragen, 
mit dem einzigen Unterschiede, dass die Seele hier noch 
als aqj(7i >iivrim<ag beschrieben wird, während der Phädo, 
umsichtiger und genauer, anerkennt,* dass ihr Leben nur 
vom Theilhaben am Begriff' des Lebens herstnmnie ; der 
gleiche Beweis ist aber auch in der Bemerkung der Re^ 

1) Die Beweise für die 'Unsterbllchlieif, welche der Phädo aufFührt, 
sind ihVem eigentlichen Gehalte nach nicht eine Mehrheit ver- 
schiedener Beweis^, sondern nur e i n Beweis, der in verschiedenen 
Stadien, im Fortschritt vom unmittelbaren und blos analogischen 
zum begrifflichen und vermittelten Wissen entwickelt wird. Dass 
die Seele ihrer Nat^ir nach unsterblich sei, dicss wird zuerst 
(S 63« E-^69, £3 uaniittelbar am Tbun und Bewusstsei» des 
Subjekts nachgewiesen, indem gezeigt wird, dass alles pbiloso- 
pliische Leben und Denken >on der Voraussetzung ausgehe, erst 
'durch ihre Befreiung vom Leibe oder durch den Tod komme 
die Seele zu ihrer 'Wahrheit^ dasselbe wird sodann zweitens 
indirekt aus der Art dargcthan, wie sich die Seele im Verhältniss 
zur Welt darstellt, und hier linden die verschiedenen Rcflexions» 
beweise ihre Stelle, die zwar, der Anlage des Ganzen entspre- 
chend, wieder einen Forlschritt von der unbestimmteren und 
äusserlicheren zur tieferen und bestimmteren Auffassung dar- 
, Stellen , aber doch alle mehr oder weniger unvollkommen und 
auf blosse Wahrseheirflichkeit gestützt sind : der Analogieschluss 
mis dem allgemeinen Naturgesetz, dass Entgegengesetztes aus 
Entgegengesetztem werde (S. 70, C — 72, E), der Erfahr ungs- 
beweisausder avo.tivjjais{S> 72, E — 77^ A), der metaphysische, 
hier aber erst indirekt, durch Vergleichung der Seele mit dem 



26S I>ie Platonische Physik, 

publik ^) enthalten, dass jedes Ding nur vermöge der ihm 
eigenthiimlichen Schlechtigkeit zu Grunde g[ehe, die Schlech- 
tigkeit der Seele aber, d. h. die moralische Schlechtigkeit, 
ihre Lebenskraft nicht schwache. Schon diese Beweis-, 

r 

föhrung zeigt auch den engen Zusammenhang, in dem die 
Lehre von der Unsterblichkeit mit der von der Präexistens 
steht — ist es unmöglich, die Seele als nicht lebend zu 
denken, so muss diess ebenso von der Vergangenheit gel- 
ten , wie von der Zukunft , ' ihr Dasein kann mit diesem 
Leben so wenig anfangen als aufhören. Au8dri]c(clich sagt 
daher der Phädrus 245, D, die Seele als Princip der Be- 
wegung sei ungeworden, und weniger bestimmt wiederholt 
dasselbe der Meno 86, A, und noch der Phädo, 106, D, ge- 
gen welche auch die Seelenbildung des Timäus wegen ihrer 
durchaus mythischen Haltung nichts beweisen kann. Wollte 
man es aber auch dahingestellt sein lassen, ob Plato auch 
in seiner späteren Zeit consequent genug gewesen ist, um 
die Seele für schlechthin anfangslos zu halten, so lässt 
sich doch nach seinen vielen und entschiedenen, grossen- 
theils ganz dogmatisch lautenden E^rklärungen gar nicht 
bezweifeln , dass es ihm wenigstens mit der Bestimmung 
ihrer Präexistenz vollkommen Ernst war. Stehen aber 
hiemit die beiden Grenzpunkte dieses Yorstellungskreises, 
die Präexistenz und die Unsterblichkeit,^ einmal fest, so 
lässt sich nicht blos dem dazwischen X<iegenden, der Lehre 
von der Wiedererinnerung, nicht, mehr ausweichen, sondern 

Leibe, gewonnene Beweis aus der Einfachheit der Seele (vS, 78, 
B — 80, E); erst auf diese Vorbereitungen folgt endlich drit- 
tens die Beweisführung, welche rein vom Begriff der Seele aus- 
geht, und tbeils negativ, im Gegensatz gegen die Vorstellung, 
als ob die Seele nur die Harmonie des Körpers sei (S. 92, E — 
95, A), theils positiv, aus der unauflöslichen Theilnahmö der 
Seele an der Idee des Lebens (S. 102, A — 107, A) entwickelt 
wird^ — Vgl. auch Schleiebmacher Flatons Werke II, 3, 13 f. 
Bjlvr Sokratcs und Christus (Tüb. Zeilschr. 1837, 3) 114 f» 
1) X, 608, D ff. vgl. Phädo 92, E ff. 



Die Platonische Physik. S69 

auch die Vorstellungen von der Seelenwandernng und der 
jienseitigen Vergeltung gewinnen mehr und mehr das An- 
sehen, ernstlich gemeint zu sein. Von der avafivTjms re- 
det Plato selbst in den oben angeführten Stellen mit so 
dogmatischer Bestimmtheit, und ihr Zusammenhang mit dem 
Ganzen des Systems ist -so augenscheinlich, dass wir sie 
unbedingt unter die didaktischen Bestandtheile desselben 
zählen tntissen. Weit weniger klar und entschieden lauten 
seine Aeusserungen in Betreff der jenseitigen Vergeltungs- 
zustände, und schon aus dem, was ich oben aus Phädo 
1 14, D u. A. beigebracht habe, geht hervor, dass diese 
Vorstellungen nicht den Werth dogmatischer Sätze für ihn 
hatten ; dass indessen wenigstens die allgemeine Annahme 
einer Vergeltung nach dem Tode ihm feststand, müssen 
wir nach eben diesen Aeusserungen voraussetzen, und die- 
selbe war ja auch mit seinem Unsterblichkeitsglauben un- 
mittelbar gegeben; nur die nähere Bestimmung über die 
Art und Weise dieser Vergeltung hielt er Allem nach für 
unmöglich, und glaubte sich hier theils mit bewusst my- 
thischer Darstellung, theils auch, ähnlich wie in der Physik 
des Timäus, mit der Idia täv elxoroDf fiv&tov begnügen zn 
müssen. Zu den letzteren ist ohne Zweifel auch die Vor- 
stellung der Seelenwanderung zu rechnen, die zwar durch 
die Idee der göttlichen Gerechtigkeit, welche es nicht erlaubt 
habe, die .an sich gleichen Seelen ohne ihre Schuld in 
ungleiche Lebenszustände zu versetzen (Tim. 41, E), und 
durch die Vorstellung von einem naturgemässen Herab- 
sinken der sinnlichen Seele bis in die Thierleiber (Phädo 
80, D) mit dem Ganzen des Systems zusammenhängt, die 
aber sonst so viel Phantastisches hat, und von Plato selbst 
(s. o.) mit so vielem Humor behandelt wird, dass wenig- 
stens das Einzelne derselben von ihm gewiss nicht ernst- 
lich vertreten worden \^'äre. Von eigetitlich dogmatischem 
Werth war ihm daran wohl nur die Vorstellung vom Ein- 



270 - I^ic Platonische Physik. 

gebeti der an sich körperlosen Seelen in menschliche 
Leiber, wobei wir den obenbeiaerkten Widerspruch zwi- 
schen dem Phädrtis und Timäus am Besten durch die An- 
nahme einer wirklichen Umbildung der Plutoniscben An- 
sicht lösen werden. Pie weitere Ausmalung dieser Vor- 
stellungen ist wohl grössteotheils freies Spiel der Phanta- 
sie, die sich dabei meist an vorhandene mythische Ueber- 
lieferungen anschloss, doch scheinen sicfh einzelne Zuge, 
mk namentlich die Vorstellung von den zehntausendjäh'« 
rigen grossen Weltperioden ^) und der tausendjährigen 
Dauer der jenseitigen Zwischenzustände, und die Unter- 
scheidung der lässUchen und der unheilbaren Vergehungen, 
durch ihre stehende Wiederholung als solche anzukündigen^ 
die für den Philosophen wenigstens eine annähernde Wahr- 
scheialichkeit gehabt haben ^), 

< Erst im Zusammenhang mit diesen Vorstellungen tritt 
auch die Platenische Lehre von den Theilen der Seele 
und ihrem Verhältniss zum Körper in ihr volles Licht. 
Da die Seele aus einem reineren Leben in das körperliche 
eingetreten ist, da sie überhaupt zuio Körper in keiner ur- 
sprünglichen und wesentlichen Beziehung steht, so kann 
auch die sinnliche Seite des Seelenlebens nicht mit zu 
ihrein eigentlichen Wesen gehören, Plato vergleicht sie 
daheir (Rep. X, 611, C ff.) in ihrem gegenwärtigen Zu- 
stande mit dem Meergott Glaukon, an den sich so viele 



i) Die Vi^rstdlüng wechselnder Weltzustltncle findet sich ausser den 
oben angegebenen Stellen in dem bekannten Mythus des PoÜtÜMU 
S. 269, C, ff.; die lOOOOjährige Dauer der Weltperioden ist wohl 
euch Rep. VII 546, B f. in dem ugid^/uoe rlhios des ^sio» ysvvt^Toy 
(iter Welt) und Tim. 25, D f. darin angedeutet, dass die älteste ge- 
scIiichtUche Erinnerung nicht über 90Q0 Jahre zuriichgeht 

2) Wenn daher Hbgkl Gesch. der Phil. II, 181. 184. 186 die Vor- 
stellungen von der Präexistenz, dem Abfall der Seelen uUd der 
Wiedereriiinerung als solche bezeichnet , die Plato selbst nicht 
mit zu seiner Philosophie rechne, so ist diess unrichtig. 



Die Platonische Physik. 27t 

Muscheln und Tange angesetat haben, dass er dadurch inr 
UnkenntlichkeU enUtelh ist, lässt (Tim. 42, A. 69, C) bei 
der Einpflanzung der Seele in den Körper Sinnlichkeit und 
Leidenschaft mit ihr verwachsen, und unterscheidet dem- 

' gemäss einen sterblichen und einen unsterblichen, einen 
vernünftigen und einen unvernünftigen Theil der Seele ^)* 
Auch von diesen aber ist nur der vdrnunftige Theil ein- 
artig, in dem vernunitlosen dagegen ist wieder ein edlerer 
und ein unedlerer Theil zu unterscheiden. Der edl«re 
derselben, oder wie ihn der Phädrus bexeichnet, das ed- 
lere Rpss der Seele, ist der Muth oder der affektvolle 
Wille, (6 üvftoi; — to '&vfAoei8es)9 welcher zwar für sich selbst 
ohne vernünftige Einsicht, aber doch seiner Natur nach zur 
Unterordnung unter die Vernunft gestiiirmt, ihr natürlicher 
Bundesgenosse, und mit etner Analogie der Vernunft, einem 
Instinkte für's Edle und Gute begabt ist ^), mag er auch 
durch schlechte Gewohnheit verdei4)t der Vernunft oft viel 
zu schaffen machen ^)* Der unedlere Theil der sterblichen 
Seele ist die Gesammtheit der sinnlichen Begierden und 
Leidenschaften , das von der sinnlichen Lust and Unlust 
beherrschte Seeleoleben , welches Plato gewöhnlich dem 
inidvfii^xiHovj aber auch das (piXoxQi^fiazop nennt, soferne der 
Besitz zunächst als Mittel für den sinnlichen Gennss be- 
gehrt wird ^). Der vernünftige Theil ist das Denken (xi 

, XQ]U5%iv,Qf)* Von diesen drei Theilen hat der edelste, das 



i) Tim. 69^ a 72, D. Polit^ 309, C Vgl. Abist. De an. IIF, 9. 
453, a, 26, M. Mor. I, 1. 1182, a, 23 flEl Weit unentwiclteller 
ist diese Lehre noch im Phädrus S. 246, wo der ^i^ioc und die 
iTTi&vfiia (s. hierüber oben S. 264, 2) mit zur unsterblichen 
Seele gerechnet, und nur der Leib als das Sterbliche am Men« 
sehen bezeichnet wird. 

2) Rep. IV, 439, E ff. Phädr. 246, B. 253, D ff, 

3) Rep. IV, 441, A. Tim. 69, D: &ru6v SvfnnQa/nv&rjfoy. 
4} Rep. IV, 436; A 439, D. IX, 580, D ff. Phfido 25$, F ff. Tim. 

£0 f\ 



69, O. 



272 Die Platonische Physilu 

Denken, im Kopf seinen Sitz, der Math in der Brnit, 
namentlich im Herzen, die Begierde im Unterleib ^). Die- 
selben verhalten sich ferner nicht blos als verschiedene Sei- 
ten, sondern zugleich als verschiedene Stufen des Le- 
bens, denn die begehrende Seele kommt auch den Pflanzen ^) 
zu, und der Muth auch den Thieren^); aber auch an die 
Menschen sind die drei Kräfte ungleich vertheilt, nicht 
blos an die Einzelnen, sondern auch an ganze Nationen: 
den Griechen eignet nach Plato vorzugsweise die Kraft 
der Vernunft, den nördlichen Barbaren die des Muthes, 
.den Phöniciern und Aegyptiern der Trieb nach Erwerb^}. 
Uebrigens gilt im -Allgferoeinen die Bestimmung, dass da, 
wo der höhere Theil ist, immer auch der niedere voraus« 
gesetzt werden muss, aber nicht umgekehrt ^). 

Dass nun diese drei Kräfte wirklich' verschiedene 
Theil e, nicht blos verschiedene Thätigkeitsformen der 
Seele seien, beweist Plato in der Republik (IV, 436, B ff«) 
aus der Erfahrung, dass nicht blos die Vernunft im Men- 
schen vielfach mit der Begierde im Streite liegt, sondern 
auch der ^v/jiog einerseits ohne vernünftige Einsicht blind 
wirkt, andererseits doch auch im Dienste der Vernunft die 
Begierde bekämpft; da nun dasselbe in derselben Be- 
ziehung nur dieselbe Wirkung haben könne, so müsse die- 
ser dreifachen Wirkung auch eine dreifache Ursache ent- 
sprechen. Der allgemeine Grund dieser Theorie liegt aber 
offenbar im Ganzen des Systems. Da die Idee hier der 
sinnlichen Erscheinung schroff gegenübersteht, so kann auch 
die Seele, als das der Idee zunächst Verwandte, die Sinn- 



1) Tim. 69, D ff. 

2) Tim. 77, B. 

3) Bep. IV, 441, B - Rep. IX, 588, C ff. kann hiefür nichts be- 
Tveisen. 

4) Rep. IV, 435, E. 

5) Rep IX, 582, Äff. 



Die Platonische Physik 273 

liebkeit nicht ursprünglich an sich haben, und daher die 
Unterscheidung des sterblichen und des unsterblichen Theils 
der Seele; hat sie dieselbe aber einmal, nie nur immer, 
an sich bekommen, so muss aus demselben Grunde eine 
Vermittlung zwischen beiden gesucht werden, und daher 
innerhalb der sterblichen Seele wieder di^ Trennung des 
edleren Theils. vom unedleren. Vermöge dieses allgemeinen 
Zusammenhangs sollte nun freilich die psychologische Tri- 
chotomie umfassender durchgeführt, und nicht blos auf das 
Begehrungsvermögen, wie diess in der obigen Darstellung 
geschieht, sondern auch auf das Vorstellen uäd Erkennen 
ausgedehnt werden. Und eine Andeutung der Art findet 
sich bei Plato, wenn er zum begehrlichen Theil der Seele, 
mit Ausschluss der Vernunfterkenntniss un^d der Vorstel« 
lung, die Empfindung rechnet ^). Eine vollständigere Dureh- 
fuhrnng dieser Parallele hat er jedoch nicht gegeben. Wollen 
wir diese Lücke in seinem Namen ergänzen, und vergleichen 
wir zu diesem Behufe mit .der eben besprochenen psycho- 
logischen Trichotqmie die sonst von ihm angegebene drei- 
gliedrige Stufenreihe des Eikennens, so müsste ebenso, 
wie def begehrenden Seele die Empfindung und der ver* 
nünftigen das Wissen zukommt, so auch dem d^vfiog die 
Vorstellung entsprechen. Auch lässt sich gegen diese 
Combination schwerlich einwenden ^), dass die Vorstellung 
nur durch Vernunftthäfigkeit zu Stande komme, denn aus« 
drücklich wird dieselbe von Plato der Vernunft entgegen- 
gesetzt ^), und die Tugend, welche sich blos auf die richtige 
Vorstellung gründet, als eine solche bezeichnet, die aviv vov^ 



1) Tim. 77^ B : tov tqitov y/i';r^ff tldovs . . . a» So^t^s fitvy Xoyiofioy 

re xal vot fiitsart to fir^Siv, cuWr/accuC St nSsiai xal dlyBivrji 

2) BBA.BDIS Gr. -röm. Phil. II, a, 401 • 

5) Tim. 51, D f. Rep. VII, 534, A. Phädr. 248, B. Vgl. das früher 
(S. 154.) Ausgeführte. 

Die Philosophie der Griechen. U. Theil. 18 



5t74 ^^c Platonlsebe Physik 

durch blosse Gewohnheit im Menschen ist ^), so dass also 
in der Vorstellang nur dasselbe Analogen der Vernunft 
ist, wie im •^vfiog* Diese Gleichartigkeit beider tritt eben 
in ihrem Verhältniss zum sittlichen Handeln vorzugsweise 
hervor. Denn wenn in der Republik die Hüter des Staats 
zuerst die volle "Ausbildung als miKOVQOi erhalten, und erst 
nachher (V, 471, B ff. VI, 503, B ff.) ein Theil von 
ihnen zu der wissenschaftlichen Bildung der Regierenden 
geführt wird, so stellt alles das, was zu jener ersteren 
Bildungsstufe gebort, die vollendete Entwicklung des „Ei- 
ferartigen" (d^vpiOBideg) dar, welches der Stand der Krieger 
im Staate repräsentirt. Ebendahin wird aber ausdrücklich 
auch die auf Vorstellung und Gewöhnung gegründete Tu- 
gend gerechnet ^). So nahe aber hiemit die angedeutete 
Ergänzung der Platonischen Lehre von den Theilen der 
Seele auch gelegt ist , so hat sie nun doch einmal Plato 
selbst, J50 viel wir wissen, nicht ausdrücklich vorgenom- 
liden, und so fragt es sich immer, ob wir ihm durch die- 
selbe nichts Fremdes unterschieben. 

Wie nun freilich mit dieser Zwei- oder Dreizahl von 
Theilen der Seele die Einheit des Selhstbewusstseins zu- 
sammenbestehen könne, ist eine Frage, die sich Plato ohne 
allen Zweifel gar nicht bestimmt aufgeworfen hat, und 
auch die wenigen Andeutungen für ihre Beantwortung, die 
er giebt, führen mcht weit; denn wenn der '&vfiog seiner 
Natur nach der Vernunft unterwürfig sein soll, so ist doch 
die Nothwendigkeit davon bei seiner ganz verschiedenen 
Herkunft schwer einzusehen, und wenn der Darstellung 
des Timäus (S. 71) zufolge auch der begehrliche Theil 



1) S. o. S. 155 f. 

J) S. o. S. 177. vgl. Rep. IV, 430, B, wo die eigentliümliche Tu- 
gend des ^vfiosSic im Staate» die TapferKleit, als die ävvafus xa^ 
awTtjQia did navTos Soirji o^d'^S Tf Kai vo/niuov Bnv(J>v ittQi 
HOil fi^ defiuirt wird. 



Die Platonische Physik. lYS 

♦ 

der Seele mittelst der Ahnung (fiavreta) und des Enthu- 
siasmus, deren Organ die Leber ist, Einwirkungen der 
Vernunft erfährt, so ist auch dieses nur eine, überdies» 
durchaus uniclar und phantastisch ausgeführte, Behauptung. 
Hier bleibt daher nur übrig, die Lücke des Systems ein- 
zugestehen. 

In demselben Fall sind wir auch bei einer weiteren 
Frage, welche der neuem Philosophie viel zu schaffen ge- 
macht hat, der Frage über die Freiheit des Willens. Dass 
Plato diese im Sinne der Wahlfreihcit voraussetzt, folgt 
unmittelbar aus dem Fehlen jeder gegentheiligefi Erklä- 
rung, das uns nöthigt, was Plato vielfach vom Freiwilligen 
und Unfreiwilligen in unseren Handlungen sagt, im ge- 
wöhnlichen Sinne zu nehmen ; hoch deutlicher aber erbellt 
es daraus, dass Plato selbst das äussere Schicksal dea 
Menschen, die Gestalt, unter der die Seele in*s irdisch« 
Leben eintritt, die Lebensweise, der sich der Einzelne 
widmet, und die Begegnise, die er erfährt, von einer freien 
Wahl im Präexistenzzustande abhängig macht ^). Könnte 
man aber hierin die Ansicht des sog. Prädeterminismus zu 
finden glauben , so widerspricht dem doch eine genauere 
Betrachtung der Platonischen Stellen, denn wa^ durch di6 
vorzeitliche Wahl bestimmt wird ist eben nur das äusi^ö^e 
Schicksal , die Tugend dagegen ist herrenlos, und kein Lebcfns- 
loos so schlecht, dass nicht eine freie Hin wetidung zur Wahrheit 
oder Abwendung von der Wahrheit darin möglich \Väre^). Dass 
daneben Plato doch auch wieder an dem Sokratischen Satze 
festhält. Niemand sei freiwillig böse ^), steht hiemit schwer- 



1) 8. o. S. 264. 

3) Rep. X, 617) E: »(ftt^ aSianotoVy ijv Ufnuv nal dttfidSotv nXioy 

avT^i 'dftaatoi 'i^u* aitia ilo/i^povi 4f'i69 dvairiot. SlOy B : ra^ 

XiifTatt^ intoyTti ^vv Pia iXofiivut, 9vvtovio9 'CdSpTii utirmi filot 

dyernijtoQy ov nanot. VgU Tim. 42» B f. 

3) Tim. 86, D: ax^S^* 9ij navta^ iitoa» ijBopuip da^aria mdl ovu9ot 

(Jff inovrwv Xty4Tak ttüv Mandlv qvh o^&tS^ 6vHiiinmu i^xoC 

18* . 



276 Die Platoniscbe Ethik. 

lieh im Widerspruch, denn dieser Salz besagt nur, dass 
Niemand das Böse mit dem Bewusstsein thne, dass es 
bös^e für ihn sei, dabei kann aber recht wohl bestehen, dass 
diese Unwissenheit über das wahrhaft Gute eine selbstver- 
schuldele ist, und in dem Hängen am Sinnlichen ihren 
Grund hat ^), und sagt Plato auch allerdings, dass in den 
meisten Fällen von moralischer Verwahrlosung eine krank- 
hafte Körperbeschaffenheit oder schlechte Erziehung die 
Hauptschuld trage, so will er doch auch in diesen Fällen, 
wie er deutlich zu verstehen giebt, die eigene Verschul- 
dung und die Möglichkeit der Tugend für diejenigen, welche 
in eine solche Lage gestellt sind , nicht schlechthin auf- 
heben. Die allgemeinere Frage aber nach der Denkbar- 
keit einer freien Selbstbestimmung und der Vereinbarkeit 
derselben mit der göttlichen Weltregierung oder dem Na- 
turzusammenhang hat er Allem nach noch gär nicht auf- 
geworfen. 

§. 22. 

Die Platonische Ethik. 

Den Zusammenhang der Ethik mit der Physik deutet 
Plato selbst im- Timäus (27, A) an, wenn er das Ver- 
hältniss dieses Gesprächs zur Republik dahin bestimmt, dass 
jener die Entstehung, diese die Bildung der Menschen 
darstelle. Was hierin ausgesprochen ist, dass die Ethik 
zunächst an den anthropologischen Schluss der Physik an- 

fiiv ydg fxojv ovd6}£f did Ss TTOVtjQoiv t^^v rivd rov aojfiaros xal 
dnaiSevtov TQ0(f7)v 6 naxoe yiyvstat naxos. 87» A: Ttgos St tov- 
TOiff, oTav ovrai vtatKui Ttayhtiuv 7toXt.Tt7ai näxal xal koyoi xata 
noXm Idi'q, mal Stjfioat(je, laxd-cSaiv, tri Si fia&jj/^ata fiijSafiji tov~ 
T(uv laTixd ix vioiv fdav&dr^rai, xavTj^ xaytol ndvzsS ol xaxoi öta 
Svo dxovotojTara yiyvcfie&a. ojv aittaviov /lev rote q>vtevovTaQ 
del Tujv (pvrevofitvvop fidXXov xa\ rote tgiipovTaS rom TQt(f>ofil~ 
vojv t TTQO&vfiyTtap ^^Vy , .. q>vy6iP fjLbv xaxlav f.TOvvavxiop ok 
thXv. Vgl. auch Rep. VI, 489, D ff. besonders 492, E. 
. i) YgU Phädo 81, B. 



Die Platonische Ethik. 277 

knüpfe., das bestätigt auch der Augenschein. Nicht blos 
die alTgemeine ethische Grundanschauung , sondern auch 
die Lehre Ton der Tugend und die Construction des Staats 
ist durchweg, durch die Theorie vom Wesen der Seele, 
ihren Theilen und ihrem Verhältoiss zum Körper bestimmt. 
Wie aber diese selbst auf den übrigen Theilen des Systems 
beruht, und der Mensch hier nur' ein Abbild des Univer- 
sums ist, so weist aus diesem Grunde auch die Eihik auf 
das gesammte System zurück, an dessen oberste Grund- 
lagen sie anknüpft, und dessen Construction sie im mora- 
lischen, wie im politischen Theil wiederholt. Die genauere 
Nachweisnng dieses Verhältnisses muss der folgenden Aus- 
führung vorbehalten werden, welche in die bereits ange- 
deuteten drei Untersuchungen: von der allgemeinen ethi« 
sehen Grundanschauung, oder vom höchsten Gute, von der 
Yerwirklichung des Guten im Einzelnen und von der Ver- 
wirklichung desselben im sittlichen Gemeinwesen zerfällt ^). 
Das oberste Princip der Ethik wird von Plato, wie 
von der ganzen alten Philosophie, nach dem Vorgang an- 
derer Sokratiker und des Sokrates selbst, in der Frage 
nach dem höchsten Gute zusammengefasst, das aber 
auch ihm, wie Anderen, mit der Glückseligkeit unmittelbar 
identisch ist ^). Worin nun aber diese oder das höchste 



1) Vgl. hierüber auch Ritter Gesch. d. Phil. II, 445. 

2) Vgl. Phileb. Anf. 0ih]ßos fii» zoivvv dyad'ov eii^al (pt^ai t6 
XJLt'Qtiv , , , xo §6 7T(/() ?juojv dfirf.iaßi]tJ]^a tan (atj raira d?.Xd 
t6 ifQOVUV . . . Tr]i yt Tjdotys d^usivoj xul Xiooj yiyvea&an ^vfina- 
awy oaa ttsq avx(»v 8 ward ^stakaßslv. dvvarols 8t fjtsvaoxt'iv 
w (f sXiU vjraz ov dndpTOj%> ehai. Ebd. S. 60, D. 62, D. 63, A. 66, E 
Gorg. 475, B. 477, C f. Abist. Eth. Nik. I, 2 Anf. dvo/natt fiav 
ovtf axs^ov vno tojp Tiktiarojv 6fj,o)>oyelcai (rt tu dya&ov"). tijv 
ydg evSatfioviav «al oi Ttollol xa? ov xagievriQ X^.yovatv, to d* 
iv ^rjv Hai TO fv TT^arrsiv ravtav vTrolaußavovai Tot tidaifjLOvslv, 
Dass Plato die Identificiriing des Guten und Angenehmen und 
die Begründung der Siltlichlteit auf Lust und äussere Vortheilc ' 
▼erwirfk (s. o, S. 159), beweifil nichts hiegegen, denn Glück- 






t79 t)ie Platonische Ethik. 

Gut «u suchen sei, darüber Hess sich aus den Voraus- 
sedungen des Platonischen Systems eine doppelte Bestim- 
niung ableiten. Sofern hier einerseits die Idee das allein 
wahrhaft Wirkliche, die Materie dagegen das Nichtsein der 
Idee, und auch die Seele ihrem wahren Wesen nach nur 
die vom Körper freie, für die Befrachtung der Idee be- 
stimmte geistige Substanz ist, so konnte auch die Sittlichkeit zu- 
nächst inehr negativ gefasst, und das höchste sittliche Ziel 
und Gut in der Abwendung vom sinnlichen Leben und 
der Zurückziehung auf die reine Contemplation gesucht 
werden; sofern andererseits die Idee doch die Ursache 
alles Guten in der Sionenwelt und das gestaltende Princip 
der letztern ist, konnte auch für die Darstellung der Idee 
im menschlichen Leben diese Seite mehr hervorgehoben, 
und ausser der Betrachtung der Idee, oder der Einsicht, 
auch die harmonische Einführung der Idee in's sinnliche 
Dasein und die daraus entspringende Befriedigung mit zu 
den Bestandlheilen des höchsten Guts gerechnet werden. 
Beide Darstellungsweisen finden sich bei Piato, wenii auch 
nicht so schroff auseinandergehalten, dass sie einander aus- 
schlössen: die eine in den Stellen, wo die höchste Le- 
bensaufgabe in der Flucht aus der Sinnlichkeit gesucht, 
die andeire da, wo auch das sinnlich Schöne als liebens- 
werth bezeichnet, und die reine sinnliche Lust nebst der 



selighclt ist nicht dasselbe, \vieLust oder Vortheil^ ebensoweDig, 
dass er Rep. IV, Anf. VII, 519, E erklärt, die Untersuchung 
über de^n Staat müsse ohne Rücksicht auf die Glückseligkeit der 
Einzelnen geführt werden, denn diess be/Jeht sich nur darauf, 
dass das Wohl des Ganzen dem der Einzelnen vorangehe, wo- 
gegen für den Staat (a, a. O. 420, R) gleichfalls die Glückselig- 
keit als höchstes Ziel gesetzt, ebenso nachher, S. 444, £, der 
Nutzen der Gerechtigkeit zum Grund /ler Entscheidung über 
ihren Werth gemacht, und am Schlüsse des Werks, wie Gorg. 
^26, D. Pha'do 114, C, die Ermahnung zur Tugend auf die Hoff- 
nung jenseitiger Seligkeit gegründet wird. 



Die Platonische Ethik. ^79 

auf Gestaltung der sinnlichen Welt gerichteten Tbätigkeit 
mit zum höchsten Gut gerechnet wird. Der ersteren Fas- 
sung begegnen wir schon in der Eikläruug des Theätet ^) : 
da das irdische Dasein unmöglich vom Bösen frei sein 
könne, müssen wir so schnell w*ie möglich von hier zur 
Gottheit flüchten, indem wir uns dieser durch Tugend und 
Einsicht ähnlich machen. Weiter ausgeführt ist dieser Ge- 
danke im Phädo ^), wenn hier die .Ablösung der Seele 
vom Körper als das Nölhigsle und Heilsamste empfohlen 
und eben hierin das eigenthümliche Thun des Philosophen 
gefunden wird. Ebendahin gehört ajuch die wiederholte 
Versicherung der Republik ^), dass der Philosoph als sol- 
cher nicht aus eigener Neigung, sondern nur der Nolh- 
wendigkeit folgend von der Höhe der theoretischen Be- 
trachtung zu Staatsgeschäften herabsteigen werde. Wie 
die Seelen von Anfang an, Wofern sie ihrer Bestimmung 
nicht qntreu geworden sind, nur durch die Nothwendigkeit 
vermocht Werden, in's irdische Leben einzugehen, so wird 
auch im jetzigen Zustande jede , die ihre wahre Aufgabe 

1) 176» A: ^11 ovr a:rokio&ai ra xaxd Svyaruy' vTtevavriov yaQ 
T$ Tw dynO'tji dtl tivai dvayxtj ' ovr' tv üsoiS avrd iSgvo&at, 7t]v 
8t d't'TjTyv (fvoiv xai tuvfi tov tottov TrsgtTtoku tf dvdyyiijs, Sio 
xal TrsiQua&ai X9^} iv&ivSs ixsTas (psvysiv ort, tdyiaza, (fvytj de 
ouoivjats ti7t -dtitj xnrd tu dtvarop, vuoiojoii dt Sixaiov tcal vaiov 
fterd (fjQottiaiOjS y6viij&a$. 

2) S. 64 ff. vgl. 64, E : Ovhovp ohm SohsX aoi ?} zov toiovtov (tov 
(f.i?.oaoq>ov) TTQay/uaztta ov nsgl ro auj^a eiyai, dkkd Aad"' Öaov 
dviatai diptararai atrov n^oi ßb xiqv ^p' %f]v ttVQdrp&ai • 67, A: 
*V f't av ^wfiev ovrojf, wi i'oty.er, tyyvrdroj too/utd'a tov stSivat, 
tdv ür& fid?.tCTti fitfSbv ofjiihuusv tt} awinaTii /LtTjSe xo^vojv(»f*6v, 
iß Tt firj ndaa avdyxrj^ fjitjSi dva7tifA,7Tlwuh\ya fiji rovrov (pvas^jf, 
dkld na&ctQevojusv an avrov , ivjs dv 6 d'sds avrvs dnoXvarj 
fjfidf, S, 83. 

5) I, 345, E ff.; 347, B f. VII, 519, C ff. vgl. Theät. 472, C ff, 
bes., 173, E. Dass in diesen Stellen durchgängig nur von den 
unvollkommenen, unsilHirlien Staaten die Rede sei, (Bbaisdis 
Gr.-röm. Phil. II, a, 516) ist nicht ganz richtig: Rep. VII, 519 
handelt vom Platonischen Staate« 



280 Die platonische Ethik. 

erkennt, sich möglichst wenig mit dem Leibe und Allem, 
was an ihn geknüpft ist, befassen. Bliebe nun Plato bei 
dieser Ansicht des Sittlichen stehen, so hätte sich ihm 
hieraas eine negative Moral ergeben müssen, die nicht 
allein dem Geiste des griechischen Alterthnms , sondern 
auch wesentlichen Elementen der Platonischen Philosophie 
selbst widersprochen hätte. Diess geschieht aber auch 
nicht, sondern er ergänzt dieselbe durch andere Darstel- 
lungen, in denen dem Sinnlichen und der Beschäftigung 
mit demselben eine positivere Bedeutung beigelegt wird. 
Eine Reibe solcher Darstellungen ist uns sehon früher 
(S. 167 tf.) in der Platonischen Lehre von der Liebe be« 
gegnet, denn soll auch der eigentliche Gegenstand dieser 
Liebe nur das an und für sich Begehrenswerthe oder die 
Idee, insbesondere die Idee des Schönen sein, so wird doch 
die sinnliche Erscheinung hier nicht blos, wie im Phädo, 
als dasjenige behandelt , was die Idee verhüllt, sondern 
zugleich auch als das, was sie offenbart. Neben dieser 
Lebre ist hier die Untersuchung des Philebns über das 
höchste Gut als derselben Richtung angehörig zu erwähnen. 
Wie dieser Dialog die Lustlehre widerlegt, musste schon 
früher angeführt werden; das Weitere ist nun aber, dass 
er auch bei der entgegengesetzten Ansich^, der cynisch- 
megarischen Behauptung, dass die Einsicht das Gute sei, 
nicht schlechthin stehen bleibt, sondern das höchste Gut 
als ein aus verschiedenen Bestandtheilen Zusammengesetztes 
beschreibt. Wiewohl nämlich die Einsicht und die Ver- 
nunft ungleich höher steht, als die Lust, sofern diese dem 
Gebiete des Unbegrenzten angehört ^) , jene dagegen dem 
höchsten Sein, der Alles bildenden und ordnenden Ursache 
(der Idee) am Nächsten verwandt ist ^), so wäre doch ein 



1) S o. S. 163. 

i) Phil. 38, A ff. 64, C ff. 



« 



^ 



Die Platonische Ethik. 281 

Leben ohne alle Empfindung der Lust oder Ünitist, in ab- 
soluter Apathie, auch nicht wiinsehenswerthr ^); ebenso kann 
aber innerhalb der Sphäre des Wissens die reine und ideale 
Rrkenntniss für sich, obwohl weit das Höchste, nicht ge- 
nügen, sondern es inuss zu dieser auch die richtige Vor- 
stellung hinzukommen, ohne die man sich auf der Erde 
nicht zurechtfinden kann, ferner die Kunst (der Philebus 
nennt speciell die Musik) als unentbehrlich zur Verschö- 
nerung des Lebens, alles und jedes Wissen endlich, da 
doch alles dieses irgendwie an der Wahrheit Theil hat ^). 
Weniger nnbedingt kann die Lust zum höchsten Gute ge- 
rechnet werden, hier -sind vielmehr die reinen und wahren 
(nicht auf einer optischen Täuschung des Bewusstseins be- 
ruhenden), ferner die nothwendigen, unschädlichen und lei- 
denschaftslosen, überhaupt die mit der Vernünftigkeit und 
Gesundheit des Geistes verträglichen Lustempfindungen von 
den trügerischen, unreinen und krankhaften zu unterschei- 
den; nur jene können einen Theil des Guten ausmachen, 
nicht diese ^). Alles zusammengenommen daher ergiebt sich 
das Resultat^), dass der eiste und werthvollste Bestand- 
theil des höchsten Guts das Theilhaben an der ewigen 
Natur des Maasses (an der Idee) ist ^) , der zweite die 



1) S. 21, D f. 60, £ f. 63, E ; übrigens ist zu beachten, wie Iturz 
dieser Punkt immer abgemacht wird — ohne Zweifel weil Plato 
nach seinen sonstigen Aeusserungen gegen die Lust in Verlegen- 
heit ist, auf wissenschaAlichem Wege eine Stelle und einen Werth 
für diese aus^umitleln. 

2) S. 62, B ff. 

3) S- 62, D ff. Tgl 36, C — 55, C. 

4) S. 64, C f. 66 f. 

5) So verstehe ich nämlich die Worte 66, A : w5 ^^dortj nrijfia ovte 
eari it^otrov^ ol't' av dtvrtgov^ dlla ngtoxov fiiv nji '^sqI fAirQOv 
nal To juirQiov nal HaiQtov Hall' 7füip&* orroaa XQtj Töiavra ryv di- 
Sov ftQrja&ai fpvaiv — übereinstimmend mit STA^iLfiium ProH. in 
Phil. 2. A. S. 74 f. RiTtER Gesch. d. Phil. II, 463. Wehhmasjt 
Plat de s, bono doctr. S. 90 f. — Andere (HiRKAifii Plat I, 



282 Die Platonische Ethik. 

Einbildufig dieser Idee in die Wirklichkeit, die GeetaUqng 
eines Harmonischen, Schönen und Vollendeten, der dritte 
Vernunfl und Einsicht, der vierte die einzelnen Wissen- 
Schäften und Künste und richtigen Vorstellungen, der fünfte 
und letzte endlich die reine und schmerzlose sinnliche Lust. 
Eine organische Ableitung dieser verschiedeneii Bestand- 
iheile aus ihrem inneren Einheitspunkt ist freilich zu vermissen. 
Mit diesem Mangel hängt zusammen, dass Plato auch 
nicht unmittelbar von den Bestimmungen über das höchste 
Gut zur Tugendlehre übergeht, indem etwa die Tu- 
gend als Bestandtheil des Guten oder Mittel zu seiher Ver- 
wirklichung mit in die Untersuchung über jenes herein- 



690 f. A. 618 u. 656 (md schon'frühcr im Mai-b. Winlerka- 
talog 1832/33, Tükstdelesbubg de Pliilebi coiisilio S. 16, wie es 
scheint auch Brahdis Gr -röm. Phil. If, «i, 490) bezichen die- 
selben auf das absolut Gute^ oder die Idee des Guten als solche. 
Wiewohl nun diese Beziehung fiir sich anführen könnte, dass 
Bep. VI, 505, ß f. die Beschreibung der Idee devS Guten mit der 
unverkennbar auf den Philebus zurückweisenden Bemerkung ein- 
geleitet wird , die Meisten halten die Lust für das Gute, die 
Besseren die Einsicht, so wird sie doch an unserer Stelle dadurch 
ausgeschlossen , dass sich der Philebus nicht blos überhaupt (s. 
seinen Anfang und S* 19, G) nur mit.derj^rage nach dem, was 
für den Menschen das Heste ist, mit dem äfjvatov di'&^utrtyüjv 
KrT^fiaTViv, beschädigt, sondern ebjen hierauf auch in den obige.n 
Worten zurückweist, wie denn auch S» 64, G nur von dem die 
Bede ist, was in der Mischung der Lebensgüter das Werth vollste 
sei. — Was sonst in der obigen Aufzählung auffallen könnte, 
dass der vov{ erst die dritte Stelle erhält, hat schon Sghleier- 
HACHER (Einl. zum Phil. PL WW. II, 3, 133 f.) richtig daraus 
erklärt, dass Plato zuerst die allgemeinen und formellen Momente 
des Guten voranstellt, und dann erst die einzelnen Güter beson- 
ders aufzählt. Im Uebrigen muss man sich hüten, auf solche 
Aufzählungen grossen Werth £u Legen, oder den Abstand zwi- 
schen ihren einzelnen Gledern schlechthin gleich zu setzen; 
dieselben sind bei Plato eine Manier , in der er sich allerlei 
Freiheit erlaubt, wie ich bei einer andern Gelegenheit scbon in m. 
PlatSlud. S. 228 bemerkt habe. Vgl. auch Phädr. 248,D'.Sopb. 
231, D ff. Bep, IX, 587, B (F. 



Die Platoniscbe Ethik 28S 

gezogen würde , sondern den Begriff der Tugend obqe 
weitere Ableitung aufnimmt. Unter der Tugend versteht 
Plato im Allgemeinen diejenige Thätigkeit, durch welche 
die Seele das ihr eigenlhümliche Werk richtig vollbringt, 
die Gesundheit und Tüchtigkeit der Seele, das harmonische, 
naturgemasse Verhältniss ihrer Elemente ^). Die Voraus* 
Setzung aller Tugend ist die natürliche Anlage zu derselben, 
welche nicht blos in der allgemeinen Natur des Menschen 
gegeben, sondern auch nach den Temperamenten und In- 
dividualitäten verschieden ist. Plato bemerkt in dieser 
Beziehung namentlich den Gegensatz der a^a^pqoovvri und 
avdQia, des feurigen und ruhigen Temperaments, als einen 
Unterschied in der Naturanlage 2^; ebenso spricht er aber 
auch von einef eigenthümlichen Anlage für die Philosophie ^), 
und in dem Mythus der Republik (III, 415) von der ver- 
schiedenen Mischung der Seelen in den drei Ständen des 
Staats liegt unverkennbar der Gedanke einer dreifachen 
Abstufung der natürlichep Anlage zur Tugend: auf der 
untersten Stiife ständen die, welche durch ihre Naturanlage 
auf die Tugend des niedrigsten Standes, die Besonnenheit, 
beschränkt sind , auf der zweiten die , welche auch die 
Anlage zur Tapferkeit haben, auf der höchsten diejenigen, 
denen die philosopliische Begabung zu Theil geworden 
ist. Wollten wir nun diese Stnfenreihe der sittlichen An- 
lage mit der oben entwickelten L^hre von ■ den Theilen 
der Seele und der sogleich darzustellenden von den Tn- 



1) Rep. I, 555, D. IV, 441, D. VIII, 554, E. Pbädo, 95, B. Gorg. 
504, B. 406, D. 

J) Polil. 506, A ff. vgl. Rep. III, 410, D. D'e Behauptung der Ge- 
setze XII, 065, £, dass die Tapferkeit auch Kindern und Thieren 
in wohne, gehört nicht hierher, denn dort ist nieht von der blossen 
Anlage zur Tapferkeit die Rede, dagegen ist dicss allerdings Rep. 
IV, 441 A vom &ru6t gesagt. 

5) Rep. V, 474, C VI, 487, A. 



2g4 I>i« Flatonische Ethik. 

genden combiniren, so müsste gesagt werden: die Anlage 
zur Tugend ist verschieden, je nachdem der begehrende 
Theil der Seele, oder der Muth , oder die Vernunft die 
Seite ist, in welcher sich der sittliche Trieb vorzugsweise 
offenbart. Auch würde dazu gut stimmen, dass ebenso, 
wie die verschiedenen Theile der Seele, so auch die Stufen 
der sittlichen Anlage in dem Verhältniss stehen , dass je 
die höhere die niederen mit in sich befasst — mit .der 
Anlage zur Philosophie wenigstens denkt sieh Plato nach 
Rep. VI, 487, A auch die zu allen andern Tugenden ge- 
geben, und ebenso die höheren Stände im Staat auch der 
Tugenden der niedrigem theilhaftig. Doch hat Plato selbst 
jene Parallele nirgends ausdrücklich gezogen, und die Dar- 
stellung des Politikus würde sich auch nicht in sie fügen, 
da hier die Tapferkeit und die Besonnenheit sich nicht 
tnbordinirt, sondern in relativem Gegensatze coordinirt sind« 
Wie es sich nun aber auch hiemit verhalten mag, 
jedenfalls muss zur sittlichen Anlage ihre kunstmässige 
Ausbildung hinzukommen. Mit der Frage nach der Art 
und Weise dieser Ausbildung beschäftigen sich schon die 
frühsten Platonischen Gespräche in der früher (S. 15 6) 
besprochenen Untersuchung über die Lehrbarkeit der Tu- 
gend, und deutlich genug ist in diesen angedeutet, dass 
sie lehrbar sei ^). Dieser Ansicht bleibt Plato auch später 
insofern getreu, als er die Entstehung der wahren Tugend 
nicht dem Zufall überlassen, sondern durch methodischen 
Unterricht bewirkt wissen will — nur von einem philo- 
sophisch geordneten und geleiteten Staatsleben erwartet 
er ja tlettung für die Menschheit; aber während es nach 
seinen früheren Aeusserungen wohl nicht ganz mit Unrecht 
scheinen konnte, als wolle er die Tugend überhat^t in 
Sokratischer Weise nur aus der theoretischen Einsicht und 



1) Vgl. besonders den Schluss des Meno. 



Die Platanische Ethik. 285 

dem theoretischen Unterricht entspringen lassen, so erkennt 
er jetzt an, dass dieselbe ursprünglich praktische Fertig- 
keit sei und durch eine aller klaren Einsicht vorangehende 
Gewöhnung entstehe — worüber das Nähere gleichfalls 
schon früher ^) vorgekommen ist. 

Diess weist nun auch auf eine veränderte Fassung 
des Begriffs der Tugend 'zurück. Sokrates hatte alles sitt- 
liche Handeln auPs Wissen zurückgeführt und aus diesem 
Grunde geläugnet, dass es mehrere von einander verschie- 
dene Tugenden gebe. Dass sich auch hierin Plato zu- 
nächst an ihn anschliesst, habe ich früher aus dem Mena 
und Prolagoras nachgewiesen. In der Republik jedoch 
wird diese Ansicht wesentlich roodificirt. Denn das zwar 
hält auch sie fest, dass alle besondern Tugenden nur die 
Verwirklichung de r^ Tugend sind, dass die Gerechtigkeit 
sie alle in sich befasst, und ebenso, dass das Wissen, oder 
die Weisheit, nicht ohne die übrigen gedacht werden kann, 
dass mithin in der vollendeten philosophischen Tugend 
alle Sittlichen Bestrebungen zur Einheit zusammengehen;' 
aber statt hiebei stehen zu bleiben, wie Sokrates und wohl 
auch Plato selbst in seiner früheren Zeit gethan hatte, 
wird jetzt zugestanden, dass diese Einheit der Tugend eine 
Mehrheit von Tugenden nicht ausschliesse , und dass auf 
unvollkommenem Stufen der sittlichen Bildung ein Theil 
von diesen auch ohne die übrigen sein könne, ohne dass 
er doch darum wirkliche Tugend zu sein aufhörte. Den 



1) S» 177 vgl. Rep, VII, 518, D: al fisv roivw aklai dgital Kee- 
Xovusvai ipi^XV^ xivdvvevovatv iyyvs r» ehai toIv tov aojfiaros* 
Tili OVT& yaQ ovx ivovaai iiqotsqov votsqov ifinoista&ai k'&sa£ rs 
ftal dax^oeoiV' 17 9i tov tpgov^aai Jiavroe fiaXXop &s&ot&'qov tivcS 
Tvyxdvsi, oU i'oixcvy ovaot^ o t^v fiiv Svvafiiv OvS^ttots dTTokkvoty^ 
vTto Si rijs 7S^&ay(oy^G (seil, ttqos t6 ov) xQXjQifiop ra xal ojtpi^ 
hfjkov xal axg^öTOv al vtal ßXaßBQov yiyvBTat. Desshalb, heisst 
es im Vorhergehenden, sei hier eine eigenthümliche methodische 
und wissenschaftliche Bildung notliwendig. 



« 



286 I>ie Platonische Ethik. 

Grand jener Mehrheit aber sacht Plafo — und eben dies« 
ist das Eigenthümliche and philosophisch Interessante seiner 
Theorie — nicht in der Verschiedenheit der Objekte, anf 
welche sich die sittliche Thätigkeit bezieht, sondern in der 
Verschiedenheit der in ihr wirkenden geistigen Kräfte, oder 
wie diess hier erscheint, der Theile der Seele, nnd er 
gewinnt auf diesem Wege eine Vierheit von iSrundtugenden, 
die bekannten vier Kardinaltugenden, die zwar schon in 
den sophistischen und Sokratischen Untersuchungen über 
die Tugend besonders hervortreten, doch erst durch Plalo, 
nnd auch durch ihn in seiner spätem Zeit ^}, definitiv fest- 
gestellt worden zu sein scheinen. Besteht nämlich die 
Tugend der Seele im richtigen Verhällniss ihrer Theile, 
d. h. darin, dass sowohl jeder einzelne derselben sein Ge- 
schäft wohl verrichtet, als auch alle zusammen im Einklang 
steheji, so muss ]) die Vernunft mit klarer Einsicht in 
das, was der Seele im Ganzen und jedem ihrer Theile 
heilsam ist, das Seelenleben beherrschen, und diess ist die 
Weisheit; es muss 2) der Muth die Aussprüche der Ver- 
nunft über das, was furchtbar und nicht furchtbar ist, gegen 
Lust und Schmerz bewahren, und diess ist die Tapferkeit, 
welche aus diesem Grunde nach Platonischer Lehre ur- 
spriinglich ein Verhalten des Mensoh^H gegen sich selbst, 
und erst secundär ein Verhalten gegen äussere Gefahr 
ist; es muss 3) der begehrende Theil , ebenso, wie der 
Muth, sich der Vernunft unterordnen, und diess ist die 
Besonnenheit, (um für das unübersetzbare aoog^goavpr^ doch 
ein Wort zu haben); es muss endlich 4) ebendadurch die 

I 

1) Der Protagoras 330, B ff. nennt als fünfte noch die Heiligkeit, 
der Gorgias 507 eben diese , ' wogegen er die Weisheit in der 
aoHpQoaviy SU befassen scheint, von der er beweist, dass sie alle 
Tugenden in sich schliesse. Vgl. auch XiN.Mem* IV, 6, wo die 
Frömmiglieit, Gerechtigkeit, Tapferkeit undWeisheit genannt wer- 
den; mit der letstern wird Mem. Ilf, 9, 4 die amtf^oovvtj identi- 
ficirt. 



Die Platonische Elliik. 187 

rechte Ordnung und Zusammenstiinmnng im Ganzen des 
Seelenlebens erhalten werden , und diess ist die Gerech- 
tigkeit ^). Eine weitere Ausführung dieser Theorie hat 
Plato nicht gegeben, und auch was sich von einzelnen 
dahin gehörigen Bemerkungen bei ihm findet, kann in Be- 
ziehung auf die untengenannten Schriften hier iibergangen 
werden. 

Dasselbe Yerhältniss der sittlichen ThStigkeiten, auf 
welchem* die Tugend des Einzelnen beruht, ist nun auch 
der Grund für die rechte Beschaffenheit des Staats, und 
so ist mit der Platonischen Ethik die Politik aufs Engste 
verflochten. Wir können den wesentlichen Inhalt der Pia« 
tonischen Politik, wie sie uns die Republik darstellt, (vom 
Staat der Gesetze kann erst später die Rede sein) ituf 
drei Hauptpunkte zurückführen: die Nothwendigkeit und 
die Bestnndtheite des Staats, die Verfassung desselben, 
und die Mittel zu ihrer Verwirklichung. 

Die Ableitung des Staats überhaupt und seiner ein-» 

» 

zelnen Bestandtheile erscheint bei Plato zunächst sehr will- 
kührlich und zufällig^). Das Wesen des Staats soll unter* 
sucht werden. Weil sich der Begriff der Gerechtigkeit leichter 
finden lasse, wo er sich im Grossen, als wo er sich im 
Kleinen darstelle. Ebenso wird diese bestimmte Form des 
Staatslebens zunächst nur mittelst einer sehr Snsserlichen 
Reflexioa gewonnen: der Staat soll der Republik (II, 369 ff.) 
zufolge daraus entstehen, dass die Einzelnen zur Befrie« 
digung ihrer sinnlichen Bedürfnisse nicht genügen, und sich 
desshatb zu einer Gesellschaft verbinden; wiewohl aber 
aus diesem Motiv, wie diess Plato wohl einsieht, statt der 
sittlichen Gemeinschaft nur ein rohes, dem Sinneogenus« 



1) S. Rep. IV, 441, G ff. und dazuBiTTBR a. a. O. S. 468 ff. Brait. 

DI8 S. 496 ff. ~ 

f) Rep. II, 368, D. 



288 . Die Platonische Ethik. 

gewidmetes Zasanunenleben hervorgehen Marde, so soll 
doch nur die Ueppigkeit den Stand der Krieger und der ^ 
Begierenden und den gesammten Siaatsorg^nisnms nothig 
machen. Das Gleiche, nur in mythischer Form,, sagt auch 
der Politikus, wenn er S. 269 ff. behauptet, im goldenen 
Zeitaller haben die Menschen^ unter der Obhut von Gottern 
in sinnlichem Ueberfluss lebend, noch keine Staaten, son- 
dern erst Heerden gebildet, und erst in Folge der Ver- 
schlimmerung der Welt seien Staaten und Gesetze nötfaig 
geworden. Wie wenig es ihm indessen mit dieser Darstel- 
lung Ernst ist, giebt Plato selbst deutlich genug zu verstehen^ 
wenn er den angeblich „gesunden^' Naturstaai Rep.II, 372) Ü 
eine vm^ nohg nennen lässt, und Polit. 272, B die Frage, 
ob der Zustand des goldenen Zeitalters besser gewesen 
fei, als der jetzige, dahin entscheidet : wenn die Früheren 
die äusseren Vorziige, die ihnen jenes gewährte, für Zwecke 
des Wissens verwendet haben, seien sie glückseliger ge- 
wesen, als wir, im andern Fall unglücklicher. Kann nun 
nach diesem die fragliche Darstellung nur als eine Weise 
der Einkleidung, oder als eine Satyre auf Theorien, die 
in jener Zeit kursirten, betrachtet werden, so hat auch 
unser Philosoph anderwärts angedeutet, worin ihm in Wahr- 
heit die Nothwendigkeit des Staates liegt. Wenn seiner 
Ansicht nach die bestgeartete Seele ohne, den nöthigen 
Unterricht fast rettungslos zu Grunde geht, diesen aber nur 
in einem wohl eingerichteten Staate finden kann, wenn 
auch der gereifte Philosoph nut in einem entsprechenden 
Staatsleben für sich selbst die höchste Stufe der Vollen- 
dung erreichen und Andern am ^Meisten nützen kann ^), 
so miiA^ auoh eben dieses der Zweck des Staates sein^ 
die vollendete Philosophie, d. h. nach Platonischer Ansicht 
überhaupt die vollendete Sittlichkeit und Bildung hervoir- 



1) Rep. VI, 492, A ff, 496, D ff, 






Die Platonltcke Ethik. 289 

zubringen, und so sagt auch Plalo ausdrücklich ^), das« 
die höchste Aufgabe des Staats darin bestehe, die Bürger 
zu guten Menschen zu machen* Darin also ist auch für 
ihn, wie für die griechische Anschauungsweise überhaupt, 
die NothweKdigkeit des Staatslebens begründet, das« er 
sich eine vollendete Sittlichkeit ausser dem Staate gar 
nicht zu denken weiss. Doch dürfen wir nicht übersehen, 
dass diese Nothwendigkeit auch nach den angeführten Er- 
klärungen für^ ihn in gewissem Sinne wieder eine blos 
äussere ist: während auf altgriechischem Standpunkt die 
Tugend als solche unmittelbar politische Thätigkeit 
ist, so würde der Philosoph, wie ihn sich Plato denkt, 
an und für sich selbst das Bedürfniss dieser Thätigkeit 
nicht empfinden, und nur gezwungen soll er an den Staats- 
geschäften theilnehmen ^) ; die, Nothwendigkeit des Staats 
ist nur die mittelbare,' dass ohne ihn die Entstehung 
der wahren Sittlichkeit unmöglich ist. In der weiteren 
Ausführung freilich wird auch diese noch enger ange* 
zogen, und an die Stelle der unvolikommenen wissen- 
schaftlichen Ableitung tritt die acht griechische Anschauung 
des Staats als der objektiven Verwirklichung der Cierech- 
tigkeit. Dass ebenso, wie der Staat überhaupt, auch die 
Bestimmung derN Stände im Staate ihren allgemeineren 
Grund hat, wird sich sogleich zeigen, wenn wir zur Ver- 
fassung des Staats übergehen. 

Soll der Staat die Darstellung der Sittlichkeit im 
Grossen sein, so muss dieselbe Mehrheit ursprünglicher 
Thätigkeiten , in deren geordnetem Zusammenwirken die. 
Sittlichkeit des Einzelnen besteht, auch in ihm stattfinden. 
Wie aber Plato diese Thätigkeiten in der einzelnen 
Seele auf ebenso viele besondere Theile der Seele zu* 



i) Gorg. 464, B. 515, B. Polit 309, G TgL Legg. IV, 707, C 

imd was Bbaitdis a. a. O. S. 317 sonst beibringt. 
3) S. e. S. 279, 3. 

Die PbUotopbie der Griechta, U. Thtil. \% . 



9 
« 



t90 Die Platonitche Elhilu 

rackgeführt hatte, «o «etzt fr auch im Staate für jede 
derselben einen eigenen Stand voraas. Er begründet 
diess snnfichst siemlich äosserlich mit der Bemerkung 
(Rep. II, 369, E), dass alle Geschäfte besser verrichtet 
werden, wenn Jeder immer nur Eines treibe; der tiefere 
Qmnd liegt aber nicht hierin, sondern im Platonischen Be- 
griff der Sittlichkeit (Gerechtigkeit ')) nnd weiterhin in 
der allgemeinen E^genthumlichkeit des Systems. Demselben 
Charakter plastischer Anschaalichkeit nnd Formvollendang, 
den wir in der Hypostasirung der abstrakten Begriffe zu 
Gegenständen einer idealen Anschauung, der mathemati* 
sehen Gesetze und Verhältnisse zur Weltseele, der psycho- 
logischen Thätigkeiten zu Theilen der Seele erkennen 
müssen, war es gemäss, auch die Grundthätigkeiten des 
Staats als besondere Theile desselben darzustellen. Nur 
durch dies'e Darstellung wird aber auch der Platonische 
Begriff der Sittlichkeit auf den Staat anwendbar, da diese 
dem Plato , zwar nicht wie den Pythagoräern in der ma- 
thematischen, wohl aber in einer psychologisch-physikali- 
schen Maassbestimmung besteht, darin, dass das sittliche 
Ganze in dem naturgemässen Yerhältniss seiner Theile er* 
halten wird. Aus diesen Gründen nimmt nun Plato für 
den Staat drei Stände an, von denen je einer einem von 
den Theilen der Seele entspricht: dem vernünftigen Theile 
der Stand der Regierenden, dem Muthe der Stand der 
Krieger, dem begehrenden Theile der Stand der Land- 
bauer und Gewerbtreibenden ^). In dem geordneten Ver- 



1) Rep. IV, 443, B: TtXsov aga ^tilv x6 ivinviov dTroTtrikeürat 

umrm &$6p xiva M «ipjti^y r§ fml tvinv tt¥u cigfff ^«»««oatyj^C 
iUvSvpsvofiev ifißeßtjxivat. 

3) Rep. H, 574, A. III, 412, B. 415> A. IV, 435, B. Det Slaat 
ist insofera, vne diess auch Rep. II, 368» E andeirtet, die Dar- 
stellung des Menschen im Grossen, andererseits aber, wie dieser 



Die PUtonitcbe Etkilu Ml 

hältoiss dieser Släode beaiebt die Verfasauog dei StMlt. 
Dieses Verbältniss aber ist durob ihren Begriff bestimm. 
Dem Grandsatz der GescblftsvertheUang gernfts» mos« je-^ 
der Stand eine ibm eigentbiimlicb nnd anssdbliessttch «n- 
gehörige Thätigkeit haben , nnd darf sieb keiner in die 
Gesehäfte der fibrfgen mischen; in der Anfreebterbaltnng 
dieses Gesetzes, in dem t« iavrov nQatxutt, bisstehl die 
Gerechtigkeit, nnd darum anch die Gluckseligkeit des 
Staats ^y Alles daher, was zum Geschäft der Begiemng 
gehört, muss ausschliesslich dem Stande der Regierendim 
zufallen; sie mQssen ebenso die nnbescbrUnkte Regierangs- 
gewalt haben, wie die Tollendete Bildnng und Einsiebt« 
Die Verfassung des Platonischen Staats ist insofern der 
unbedingteste Absolutismus^ aber nur der Absolutismus des 
Charakters und der Intelligenz — die Aristokratie, 
wie Plato selbst in der Republik seine ideale Verfassung 
bezeichnet ^), Welches die Süssere Form dieser Verfassung 
ist, die monarchische, oligarchiscbe oder domokratiscbe, 
wäre an sich gleiehgiiUig, da das Wesen derselben nur 
darin besteht, dass, durch wen immer, die wahre Staat«** 
kunst herrsche ^) ; da sich jedoch nicht voraossetzea läset, 
dass eine so schwere Kunst das Eigenthum Vieler sein 
w^de, so muss die Regierungsgewalt nur Einem oder Ei** 



selbst, Abbild des Universums im Kleinen. Die Vergleicbung 
lässt sich übrigens, was nicht zu verwundern, nicht streng durch* 
fähren; denn offenbar ist im Staate der Stand der Krieger den 
der Regierenden weit näher gerficlit, als in der Seele der &vfi6€^ 
der ihrem sterblichen Theil angehört, dem vove, und diess wür- 
de eher dem Vorbild des Unii'emims entsprechen, in dem auch 
die Wcltseele der Idei^ näher steht, als ier Materie, dagegen ist 
soB^ £e Seele de# Staats, die Persöslicbl»eit de^selbea, nicht 
vorsugsfveise durch die Krieger reprasentirt. 
i) Rep. II, 374, A. IV, 433, D. 435, K. 

2) Ebd. III, 412, C^414, B. 415, B f. V, 449, A. 473, C. VII, 
541, A. VIII, 543, A. ^44, E. 

3) Polit, 292» 



29Ü Die Platonische Ethik. 

»igen übertragen werden, am Besten jedocK» wenigstens 
in dem Staate, wo för die Bildung der Regierenden genü- 
gende Vorsorge getroffen ist^ Mehreren, die sich abwech- 
selnd der {philosophischen Betrachtung und den Staatsge- 
scbäften zu widmen haben ^). Ebenso gleichgühig ist es 
im Allgemeinen, ob der wahre Regent nach bestimmten 
Gesetzen regiert, und ob mit oder gegen den Willen der 
Unterthanen ^); doch ist Plato^ den ersteren Punkt be- 
treffend, der Ansicht, dass es verkehrt sei, den einsichts- 
vollen Staatsmann durch Gesetze zu beschränken, die als 
ein Allgemeines doch nie organisch in die besondersten 
Verhältnisse eingreifen können 3); und ebenso deutet er 
hinsichtlich des zweiten an, dass ein Staat, wie er ihn 
Wünscht, in der Wirklichkeit nie ohne Gewaltmaassregeln 
au Stande kommen könnte, dann aber sich auf die eigene 
Zustimmung der Bürger stutzen musste ^). Dasselbe aber, 
was von dem ersten Stande gilt, muss auch von den bei- 
den andern gelten. Sind daher die Krieger von allem 
Antheil an der Regierung ausgeschlossen, so haben sie an- 
dererseits auch weder das Recht noch die Pflicht, an der 
Thätigkeit des dritten Standes theilzunehmen : ohne andere 
als kriegerische Beschäftigung und ohne Privatbesitz müssen 
sie von den Gewerbtreibenden erhalten werden ; diese hin- 
wiederum, weder bei der Kriegführung, noch bei der 
Staatsverwaltung betheiligt, sollen sich ganz auf Landbau 



1 ) Polit. 293, A. 297, B. Rep. VlII, 540, A ff. III, 414, A — Polit 
302, £ gehört nicht hieher, 

2) Polit. 293| A ft 297, E ff. vgl. Bep. VI, 488 t Gorg. 517 ffl 

S) Polit. 294. Vgl. faierait die entsprechenden Aeusserungen des 
Phädrus über das Verhältniss der schriftlichen Darstellung sur 
mündlichen Bede, oben S. 142. 

4) Rep. Vil, 540, E. V, 473, D. Polit 293, D und andererseits 
Bep. V, 462, B f. IV, 422, E ff. Polit 308 ff. Tgl. Legg. VIII, 
829, A« IV, 715, B und Bbabdis a. a. O. S. 518. 



Die Platonische Etbiji. lt9S 

und Gewerbe beschränken ^). Dass iji difer Bewahrung 
dieser Einrichtung auch die eigenthümliohe Tugend des 
Staats, oder genauer die Gesanimtheit der für den Staat 
nothigen Tugenden bestehe, seine Weisheit in der rechten 
Einsicht der Regierenden, seine Tapferkeit im unerschütter- 
lichen Festhalten der Krieger an der richtigen Yorstellnng 
über das, was furchtbar ist, und was nicht, seine Beson- 

■ * 

nenheit in der Unterordnung der niedrigem Stände unter 
die höheren, seine Gerechtigkeit in dem Ganzen dieses 
Verhältnisses, zeigt die Republik IV, 427, B ff. 

In dieser Feststellung des Unterschieds der Stände 
liegt aber auch alles Wesentliche der Platonischen Staats- 
verfassung; eine weitere Ausführung derselben hält Plato nach 
der ausdrücklichen Erklärung der Republik (IV, 425, Cff.) 
für unnöthig, für etwas, das sich in einem Staate, dessen 
Grund gut gelegt ist, von selbst mache, in einem andern 
doch nichts nütze ; ja nach der oben angeführten Aeusse- 
rung des Politikus muss er sie sogar als unzweckmässig 
von der Hand weisen. — Auch was Plato ausführlich ge- 
nug entwickelt hat ^), seine Ansicht vom Werthe der üb- 
rigen Verfassungen ausser der besten, müssen wir hier 
ebenso, wie früher die Ausführung über die verschiedenen 
Stufen der Schlechtigkeit und im physikalischen Theile die 
Nosologie, übergehen, da Plato's eigene philosophische 
Theorie dadurch doch nur in untergeordneten Punkten ein 
weiteres Licht erhält, und nur das mag noch erwähnt wer- 
den, dass in dieser Beziehung zwischen dem Politikus und 
der Republik eine kleine Differenz stattfindet. Jener näm- 
lich zählt neben der vollkommenen Verfassung sechs un- 
vollkommene auf, die sich theils durch Zahl und Stand 
der Regierenden, theils dadurch unterscheiden, ob die 



1) Rep. II, 374, D. III, 316, C ff. 

2) Rep. VIII u. IX B. vgl. V, 449^ A. Polit 301- 302, E f* 



SM I>i« FUloniachd EtbSk. 

Herntehafl eine gesetsliche oder ^illkShrliobe ist, und 
ihrem Werth nach 80 auf einander folgen: Königthnin, 
Arletokratie, gesettliehe and ungesetzliche Demokratie, Oli- 
garchie, Tyrannis; die Republik dagegen nennt nur vier 
fehlerhafte YerfaMungen und stellt diese nach theilweise 
verKnderterSchätsung so, dass zuerst die Tiinokratie kommt, 
dann die Oligarchie, erst nach dieser die Demokratie, 
und suletsi, wie frSber, die Tyrannis*— eine Abweichung, 
die wir uns ohne Zweifel aus einer wirklichen Ver&ndernng 
in Plato'a Ansicht zu erklären haben. Was übrigens die 
Form der Darstellung in der Republik betrifft, so habe ich 
auch schon an einem anderen Orte ^) bemerkt, dass die 
Ableitung der verschiedenen Verfassungen aus einander 
ohne Zweifel nur die Abfolge hinsichtlich der Wahrheit 
und des Werthes ausdrücken, nicht aber über die Art, wie 
dieselben der geschichtlichen Erfahrung zufolge in einander 
übergehen, etwas aussagen soll« 

Fragen wir nun noch nach den Mitteln zur Ver- 
wirklichung {dieser Staatsverfassung, so unterscheidet Pläto 
deren zwei: das eine ist die Bildung und Erziehung der 
Staatsbürger, das andere die mit dieser im Zusammenhang 
stebeoden Staatseinrichtungen. Das ungleich wichtigere 
ist aber das erste, die Bildung der Staatsbürger, denn ohne 
diese, glaubt er, seien die besten Gesetze werthlos, mit 
ihr werden sie immer auch gefunden werden 2). Die Haupt- 
sache ist dabei natürlich, ' dass die Regierenden die rechte 
Einsieht besitzen, mit welcher unserem Philosophen immer 
auch die vollendete Sittlichkeit gegeben ist. Diess betrach- 
tet er als die erste und let8te£edingung alles wahren Staats- 
lebens. |,Wenn nicht die Philosophen zur Herrschaft in 
* den Staaten kommen ^ so lautet die berühmte Erklärung 



i) Fiat Stud. S. 206 f. 

3} S. o. 6« 295 und Rep. IV, 4^)3, E. 



Die Flatoniaclie EthiL WK 

Rep. V, 473, C f • — - oder die jetzt so gettiariiit^n Könige 
und Machthaber aufrichtig utid gründlich Philosophie trei- 
ben, wenn nicht die Macht im Staate und die Philosophie 
in Eines zusammenfällt, so ist kein Ende der Leiden für 
die Staaten zu hoffen, ich denke aber auch nicht für die 
Menschheit.^* Demgemäss ist denn auch fiir den Platoni- 
schen Staat die philosophische Bildung der künftigen Herr- 
seher von der grössten Bedeutung. Wie diese zu Stande 
kommt, musste schon früher erwähnt werden; hier ist daher 
nur noch beizufügen, dass Plato für diesen ganzen Bildungs- 
gang eine sehr lange Zeit vorschreibt: die Zöglinge sollen 
schon als Knaben mehr spielend, vom 20. Jahr an strenger 
wissenschaftlich in den mathematischen Fächern, vom 30. Jahr 
an in der Dialektik unterrichtet werden, dann 15 Jahre 
lang als Feldherren thätig sein und erst mit dem 50* Jahr 
in das Collegium der Staatslenker eintreten. •— Diese phi- 
losophische Bildung selbst jedoch setzt die musikalische 
und gymnastische Vorbildung voraus; eben dieselbe ist aber 
ausser den Regierenden auch den Kriegern unerlässlich, 
wenn diese die ihrem Stande nothwendige Tugend erlangen 
sollen. Ein zweiter Hauptpunkt ist daher die rechte Ein- 
richtung der Musik und Gymnastik, besonders aber der 
erstem, denn ihren^Einfluss schlägt Plato so hoch an, das« 
seiner Ansicht nach jede Veränderung der musikalischen 
Weisen eine entsprechende Veränderung in den Gesetzen 
des Staats nach sich zieht ^). Auf sie wird daher eine 
weise Regierung das strengste Augenmerk richten, um we- 
der in die Musik im engern Sinne einen unsittlichen und 
verweichlichenden Charakter sich einschleichen zu lassen, 
noch der Dichtkunst Formen zu gestatten, welche die Bür- 
ger der Einfachheit und Wahrheitsliebe entwöhnen konnten, 
wie diess nach Plato beim grösseren Tbeile der nacbah- 



1) Rep. IV, 414, C. 



• 



i 



« 



^M Die Platonitohe Etlillu 

menlieii PolSsie der Fall ist; bedonders \rird si« aber d#ti 
Inhalt der Dichtangen beaufsichtigen, und alles Unsittliche, 
wie namentlich alle unwürdigen Vorstellungen über i'ie 
Götter, verbieten ^). — Neben diesen swei Theilen der 
öffentlichen Ersiehung sollte man nun auch Untersuchungen 
über die Bildung des dritten Standes erwarten. Dieser 
erscheint jedoch Plato, von seinem aristokratischen Stand* 
pnnkt aus, so untergeordnet, dass er von seiner Erziehung 
auch nicht mit Einem Wort redet, und ihn gans sich selbst 
überlassen zu wollen scheint ^). 

Ebenso verhält es sich nun auch mit den Einrich- 
tungen, die Plato im Zusammenhang mit dieser Bildung 
der Staatsbürger nothig findet; auch sie sind nur für die 

, zwei höheren Stände bestimmt, vom dritten wird gar nicht 
gesprochen. Diese Einrichtungen aber werden nur darin 
bestehen können, dass der Einzelne in allen Momenten 
seines Lebens schlechthin zum Organ des Ganzen gemacht 
wird^ in dieser unbedingten Unterordnung der Einzelnen 
unter das Ganze liegt ja eben die höchste Tugend und 
der Bestand des Staates* Schon die Erzeugung der Bürger 
(d. h. der aktiven Bürger) muss daher unter die A.ufsicbt 
des Staats gestellt werden — eine Bestimmung, über die 
wir uns .um so weniger wundern können, wenn wir sehen, 

^ welchen Einfluss Plato der Erzeugu'ng auch auf den sitt- 
lichen und intellektuellen Charakter zugeschrieben hat; 
wozu noch kommt, dass nicht allein die Zahl der Geborten 
ios Staate dem Interesse des Ganzen gemäss geregelt, son* 



i) Rep. II, 376, E — III, 404, E. Einiges Weitere Ober diesen 
Abschnitt s» o. S. 177 f* 

3) Vgl. Rep» IV, 421, A: akkd xwv fitv akkotv iXarTotv Xoyoe * 
pevQofpd<poi ydg tpavXo& ysvotitvoi xal 9ia<f>d'agivTtQ nal ngof- 
noifjadfitrot ilvat fiij ovta noXtt ovStp Shpov * tpvXanet äi v6fi(uv 
tt Koi nolews fi'^ 0VT99 dkkd SoMOvvreS ogui irj ort Ttdoa» ag- 
9rjv noXiv aTroXlvaat, nai av tov sv slvai xal tvSaiiiovtlv fioroi 
TOP xaiQov ^xovatK 



Die Platonische Ethik. Wt 

dern aaoh die Zeit der Erzengnog von solchen bestimmt 
werden mu«8, welche der jede Periode beherrschenden 
kosmischen Einflösse kandig sind ^). Daher denn die 
Platonische Weibergemeinschaft nebst allen damit in Ver- 
bindung stehenden Anordnungen über die Zeit und Art 
der vom Staat erlaubten Geschlechtsverbindui^gen , über 
die falschen Loose, durch die sie gelenkt werden sollen, 
über Abtreibung und Aussetzung eines Theils der Kinder ') 
*u. s* w* Ebenso y wie die Erzeugung, muss ferner auch 
die Erziehung der Bürger .durchaus Sache des Staates sein; 
der Grundsatz der öffentlichen Erziehung wird hier mit 
einer Strenge durchgeführt, die für sich schon alles Fa- 
milienleben aufheben würde, wenn weder die Kinder ihre 
Eltern, noch die Eltern ihre Kinder kennen sollen, diese 
unmittelbar nach der Geburt öffentlichen Erziehungsanstalten 
übergeben, und ausschliesslich in diesen erzogen werden ^), 
und ebenso auch die Wahl des Standes nicht dem Ein* 
zelnen oder seinen Eltern, sondern nur den Regierenden 
zusteht ^). Damit endlich auch fiir's spätere Leben Keiner 
sich selbst und den Seinigen, sondern Alle .nur dem Staate 
gehören, so wird alles Privateigenthum und Hauswesen 
aufgehoben, die zwei höheren Stände werden gemeinsam, 
aus den Mitteln des dritten, vom Staat erhalten, und da 
bei dieser Lebensweise der häusliche Wirkungskreis der 
Frauen aufhört, so. haben auch sie an Krieg und Staats- 
geschäften und der darauf bezüglichen Erziehung theilzu- 



1) Man ygU ausser dem S. 283 Angeführten noch Rcp. V, 459, 
A f. 460, B. VIII, 546. 

3) Rep. V, 457, C ff. Mehr nur im Allgemeinen Terlangt der 
Politikus S. 310, dass der wahre Staatsmann darauf sehen solle, 
dass auch durch die Ehen, wie im Staatsleben überhaupt, die 
richtige Mischung ruhiger und feuriger Charaktere -(des a(»(p^ov 
u.nddvSgetov') zu Stande gebracht werde» 

3) Rep. V, 460, B f. 

4) 111, 413, C ff. 415, B f. 



396 I>'ie Platonitche Ethik. 

D^biüeD 0*^*^ Anderweitige Gesetie hftk Plato auch hier 
für DDodthig '), und nur dai ist zu erwähneni dasi er für 
seine Republik nicht bloa im Allgemeinen die griechischen 
Zustände voraussetzt, das Y erhftltniss derselben zu andern 
Staaten (IV, 422 f. 423» A) als ein Verhältniss einzelner 
St&dte zu einander beschreibt, tausend aktive Staatsbürger 
für eine genügende Anzahl hält, und überhaupt die Stadt 
und den Staat noch identificirt, sondern dass er seinen Staat 
auch ausdrücklich als einen hellenischen bezeichnet, in den 
Gesetzen über die Kriegführung auf diesen Charakter des- 
selben Rüjcksicht nimmt, und den Kampf mit Hellenen nicht 
als einen Krieg, sondern als einen Bürgerzwist betrachtet 
wissen will, in dem das Land des Gegners zu verheeren 
oder ihn zum Sklaven zu machen nicht erlaubt sei, wo- 
gegen diess im Kampfe mit den Barbaren, als den natür- 
lichen Feinden der Hellenen, gestattet sein solL Diese > 
Bestimmungen sind auch desshalb von Interesse, weil sie 
zeigen, dass Plato so wenig, als seine übrigen Zeitgenossen, 
an der Sklaverei als solcher Anstqss genommen hat. 

Dass nun Plato in diesem seinem Staate nicht ein 
blosses Ideal im modernen Sinne, d. h. ein in der Wirk- 
lichkeit unausführbares Phantasiebild schildern wolle, diess 
scheint seit Hegels vortrefiBicher Erörterung dieses Punkts ^) . 
immer allgemeiner anerkannt zu werden. Es spricht auch 
wirklich Alles gegen jene Vorstellung. Das ganze Princip 

1) III, 415, D ff. V, 449—457* 466 , £ ff Sehr charakteristisch 
für den Griechen ist hier namentlich die Art, wie die Tbeilnahme 
der Weiber an den gymnastischen Uebiingen besprechen wird. 
Wahrend uns an der Zumuthung, dass sich die Weiber öffent- 
lich nackt seigen sollen, zunächst die Verletzung des Schaamge- 
fuhls auffSUt, so fürchtet Plato (4539 A) nur, dass man diess 
lächerlich finden möchte, und antwortet darauf mit den 
schönen Worten (457, A): 'AJtodvriov itj raU rdir ipvXdxojv 

2) Polit. 293 ff. 297, E ff. Rep. IV, 425 ff. 

3) Gesch. d. Phil. II, 2*0 ff. 



Die Platonitthe Ethiji. 199 

deftPIatoniseheD Staats ist das der griechischen Sittlicbkek, 
dieser Staat selbst wird ausdräcklich für einen griechischen 
ericlfirt, und seine Gesetzgebung nimmt auf die griechischen 
Zustände Rücksicht; das ganze fünfte, sechste und siebente 
Buch der Republik hat nur den Zweck, die Mittel zur 
Verwirklichung des Platonischen Staats anzugeben; Plato 
sell)st versichert aufs Bestimmteste, dass er seinen Staat 
nicht blos für. möglich, sondern auch für schlechthin notb- 
wendig halte, dass er nur ihm den Namen eines Staats 
zugestehen könne, und nur von ihm Heil für die Mensch- 
heit erwarte ^), alle andern Staatsforraen dagegen für schlecht 
und verfehlt ansehe^); der ganze Charakter seiner. Philo- 
Sophie verbietet die Vorstellung, als ob ihm das durch die 
Idee Bestimmte ein Unwirkliches und Unausführbares 
b&tte sein können ^)« Die Aufgabe ^ann daher fiir uils 
nur die sein, zu erklären, wie Plato zu einer so eigene 
thümlfchen politischen Theorie gekommen ist. Hiefür kann 
man sich nun zunächst auf die sonst bekannten politischen 
Grundsätze des Philosophen und seiner Familie, auf seine 
aristokratische Denkweise und seine Vorliebe für dorische 

w 

Sitte und Verfassung berufen ^). Und die Spuren dersel- 
ben lassen sich auch in der Platenischen Republik nicht 
* verkennen« Die strenge Unterordnung der Einzelnen nnter 
das Ganze, ' das Dringen auf politische Einheit, die Sjrssitien 
und die einfache Lebensweise der Krieger, die Ausschliessung 
derselben von Landban und Gewerbe, die Theilnahrae der 
Weiber an den gymnastischen Uebungen, der kriegerische 
Charakter dieser Uebungen, die Strenge und Einüachheit 



^1) R€p. VI, 499, C f IV, 422, E. V, 473, C, Polit. 293, i). 300, 
E. 501, D. 

2) Rep. V, 449, A. VIII, 544, A. Polit 292, A. 501, E ff. 

3) Vgl über diese Punkte m. Plat. Stud. S. 19 E 

4) S. Hbbmabn Plat. I, 541 f. MoBGERSTSBor De Plat Bep« S. 505 fL 



* % 



3m I>>e PUtoniteke Elbilc. 

der Pc^Mi mid Maaik ^)f die Xendasie gegen die Dicbtelr, 
das Aasaetsen gehwächlicher Kinder, die Aasschlieesiing 
der Jungeren von Stetatsgesohäften , der aristokratische 
Charakter der ganzen Verfassung legen von dem Dorismns 
ihres Urhebers hinreichendes Zeugniss ab 2). Aber doch 
liisst sich gerade das Eigenthümlichste derselben hieraus 
nicht erklären« Um nicht von der Weiber* und Gtlterge«- 
meinschaft, von denen sich in den dorischen Staaten so 
wenig findet, als in den jonischen, und von Plato's schar- 
fem Tadel der spartanischen Verfassung (Rep. VIU, 547, 
D ff.) zu reden, so ist der eigentliche Grundstein der Pia* 
tonischen Republik, die philosophische Bildung der Regie* 
renden, dem dorischen Geiste durchaus fremd und entge- 
gengesetzt, und überhaupt zwischen der auf unreflektirte 
Sitte und strenge Gesetzlichkeit gegründeten, nur auf die 
kriegerische Grösse des Staats und männliche Kraft seiner 
Burger berechneten spartanischen Gesetzgebung, und dem 
aus der Idee heraus consiruirten , ganz im Dienste der 
Philosophie stehenden Platonischen Staat ein so tiefgrei- 
fender Unterschied, dass man gerade die wesentlichsten 
Bestimmnngen des letztern übergehen' muss, um in ihm 
nur eine verbesserte Auflage des lykurgischen zu sehen. 
Eher möchte man sich in dieser Beziehung an die politische ' 
Tendenz des pythagoreischen Bundes erinnert finden, wel- 
cher ja gleichfalls die Idee einer Reform des Staatslebens 
durch die Philosophie zu Grunde liegt, und ohne Zweifel 
ist auch diese nicht ohne Einfluss auf Plato geblieben. 
Zur Erklärung seiner politischen Theorie reicht aber auch 



1) Nur die pfarygische und dorische Tonart und von musikalUchen 
Instrumenten nur die Leyer und Cither sollen geduldet, die Flö- 
ten dagegen (deren Gebrauch zu Plato's Zeil in Athen häufig 
war) und ähnliche Instrumente ebenso, wie die jonische und 
Indische Tonart verbannt werden, Rep. III, 398, D ff. 

2) VgU auch Rep. VIII, 547, D. 



Die PlatOQiscbe Etbilt. . 301 

sie weit nicht an»; so viel wir wenigstens wissen haben 
die Pythagoreer mir die bestehenden aristokratischen Ver- 
Fassungen aufrecht zu erhalten und etwa in untergeordneten 
Punkten zu verbessern, nicht aber wesentlich neue Theorieen 
im Staate zu verwirklichen gesucht« Auch Hegels ^) 
treffende Bemerkungen über den Zusammenhang d'er Pia* 
tonischen Politik mit dem allgemeinen Princip der griechischen 
Sittlichkeit und dem damaligen Zustand Griechenlands ge- 
nügen nur theilweise. Es ist ganz richtig^ der Platonische 
Staat stellt uns das Moment des griechischen Geistes, wo« 
durch sich dieser vom modernen unterscheidet, die Unter- 
ordnung des Einzelnen unter das Ganze, die Beschränkung 
der individuellen Freiheit durch den Staat, überhaupt die 
Substantialität der griechischen Sittlichkeit in der höchsten 
Vollendung dar; es ist ebenso richtig, Plato musste sich 
zur einseitigen Hervorhebung dieses Moments durch die 
politischen Erfahrungen seines Vaterlands aus der nächsten 
Vergangenheit hingetrieben finden, denn gerade die ange- 
zugehe Willkiihr der Individuen war ^as Verderben Grie- 
chenlands und besonders Athens im peloponnesischen Kriege 
gewesen ^). Wir haben so hier die Erscheinung, dass 
der griechische Geist in demselben Augenblick, in dem er 
sich aus der Wirklichkeit in seine Idealität zurückzieht, 
doch zugleich diese Losreissung des Subjekts vom Staat 
als sein Verderben erkennt, und die gewaltsame Unterord- 
nung des erstem unter den letzteren fordert. Nur ist da- 
mit der Zusammenhang von Plato's Politik mit seinem ei- 
genthümlichen philosophischen Princip noch nicht er- 
klärt. Dieser aber liegt in der Transcendenz der Platonischen 
Ideen. Indem die Idee hier als fürsicfaseiende Wesenheil 
bestimmt ist, die der Erscheinung zu ihrer Verwirklichung 



1) Gesch. d. Phil II, 244 t 
. ^) Vgl. ausser maDchttn Addern R^p. VIII, 557, A ff. 562, B ff% 



30a . Die Platonitcbe Ethik 

nicht bedarf, ebenso aber die Erseheiniingiwek aU da« 
»einer Natur nach von der Idee Yerlaeaene, indem nur 
das Allgemeine das Wirkliehe sein soll, das EiiiBelne a(s 
solches das blosse Nichtsein des Allgemeinen, und so auch 
im Menschen die sinnliche Seite seiner Natqr, die natur* 
liehe Grundlage der Individualität, nur ein su seinem ur* 
sprSnglichen Wesen nicht gehöriges Anhängsel, so kann 
auch die Darstellung der Idee im menschlichen Leben nicht 
in der freien Entwicklung der Individualität, sondern nur 
in ihrer gewaltsamen Bestimmung durch das ihr äusserlieh 
gesetste Allgemeine gesucht werden* Die Platonische 
Staatseinrichtung ist daher die härteste Unterdrückung der 
Subjektivität; wie Plato in der Physik des WeliUldnera 
bedurfte, um die Materie gewaltsam der Idee mu unterwer* 
fen, so bedarf er in der Politik der absoluten Herrscher* 
macht, um den Egoismus der Individuen zu bändigen. Auf 
den ans der freien Bewegui^ der Einseinen sich erzeugen* 
den Gemeingeist kann sich diese Politik nicht verlassen, 
die Idee des Staats mnss als ein besonderer Stand existiren, 
in dem sie sich aber aus demselben Grunde der Einzelnen 
nur dadurcb bemächtigen kann, dass diese alles dessen, 
worin das individuelle Interesse Befriedigung findet, ent* 
kleidet werden ^). Es findet hier also ein entsprechender 
Zusammenhang des Praktischen mit dem Theoretischen 
statt, wie in der mittelalterlichen Kirche, die dem Plato» 
niscben Staat mit Recht verglichen worden ist ^). Wie 
die theoretisch vorausgesetzte Transcendenz des Göttlichen 
in dieaer auch die praktische Trennung des Reichs Gottes 
von der Wdt, die äusserlicha Beherrschung der Gemeinde 
durch die ihr jenseitige und unzugängliche, in einem ei« 
geaett Prieatarstande oiedernelegte Glaubonswahrheit, ebonso 



1) Vgl. Rep. V, 465, E ff. 

2) Von Bkvn das Chrisiliobe d. Fiat. Tüb. ZeilMhr. 1837, 3, Sd*. 



Die Platonische Ethik. SOS 

aber fiir diesen di« Lossagung von den wesentlichen indivi- 
duellen Zwecken in Priester- und Mönchsgelübden zur Folge 
hatte, so sind auch für die Platonische Staatslehre aus ähnlichen 
Voraussetzungen ähnliche Conseqnenzen hervorgegangen. 

Nur anhangsweise kann hier von der Platonischen 
Aesthetik gesprochen werden. Plato redet sehr oft vom 
Schonen y in seiner Lehre von der Liebe besonders spielt 
der Begriff der Schönheit eine bedeutende Rolle. E^benso 
lässt er sich oft genug auf die Kunst ein ; die Anforderungen 
der Republik an die Poesie und Musik und die Aeusserungen 
des Phädrus und Timäus über die ^avla mussten schon 
oben berührt werden. Nichtsdestoweniger bildet die Aesthe- 
tik keinen eigenen Theil seines Systems. In keinem seiner 
ächten Dialogen ^) hat Plato den Begriff des Schönen oder 
das Wesen der Kunst für sich zum Gegenstand seiner 
Forschung gemacht , und so wird man sich auch im Gan- 
zen seines Systems vergeblich nach einer Stelle umsehen, 
wo sich ästhetische Untersuchungen organisch in dasselbe 
einfügten. So bleibt auch schon der Grundbegriff der 
Aesthetik, der Begriff des Schönen, bei ihm sehr schwankend, 
und sieht man auch aus dem Gebrauche dieses Worts 
wohl, dass er damit die Idee vorzugsweise insofern be- 
zeichnen will, als sie in die Anschauung tritt ^), so redet 
er doch ebensosehr auch von der Schönheit der Wissen- 
schaften u. s. f., so dass ihm die Idee des Schönen immer 
wieder mit der des Guten und Wahren zusammenfliesst 3). 
Aehnlich verhält es sich auch mit seinen Aeusserungen über die 
Kunst. Nach der einen Seite wird dieKunstalsNachahmungdes 

1) Den grössern Htppias und den lo vermag ich trotz der Gunst, 
die ihnen neuerdings wieder zugewendet worden ist, nicht zu 

' diesen zu rechnen, auch sie übrigens würden die obige Behaup- 
tung nur unwesentlich modificiren , da weder der Hippias auf 
irgend ein positives Resultat hinarbeitet, noch «ler lo das Wesen 
der künstlerischen Begeisterung gründlicher untersucht. 

2) Phädr. 250, B. D. Symp. 210, B. 

3) Symp. 210, C ff. Bep. III, 402» D. Phileb. 64) C ff. 66» B- Ge- 



304 ^'^^ Platonische Ethik. 

Wirklicheo, tiad ebendamit als einTheil der Fertigkeit beseich« 
nel, Scheingebilde an die Stelle der Wahrheit zu setien ^), ihre 
Quelle ist theils unklareBegeisterong (fiavia)^)y theiU un wissen* 
schaftliche Empirie 5), ihre Wirkung, wenigstens in der Regel, 
moralisch nachtheilig % und, wie Plato vpm koMilschen und tra- 
gischen Genuss behauptet 5), auf die Erregung tadelnswerlher 
Affekte gegründet. Nach der andern Seite wird der sittlicb«^ 
Nutzen der Kunst, namentlich der Musik, anerkannt, und ihr« 
eigentliche Aufgabe in der Darlstellung des sittlich Schönen, 
oder genauer, in der Nachahmuiig edler Charaktere gefun- 
den % und ebenso wird in der bekannten Forderung 7), dass 
der wahre Dichter glerchsehr Tragiker und Komiker sein 
miisste,die Idee einer auf wissenschaftlicher Einsicht beruhen- 
den KunsttbMtigkeit angedeutet. Dafür wird nun aber diese 
von Plato gebilligte Kunst so ganz in den Dienst des Staats 
und der öffentlichen Erziehung gezogen ^), dass Ttir die eigen- 
thiimlich ästhetische Betrachtung derselben kein Raum ifiefar 
bleibt. Finden wir daher bei Plato auch einzelne dahin ein- 
schlagende Winke und Bemerkungen, hinsichtlich deren auf 
die bereits angeführten Schriften verwiesen werden mag, so lag 
doch eine Theorie der Kunst als solche nicht in seiner Absicht. 



nauercs übet* den Platonischen Begriff des Schönen s. b. £. Müllir 
Gesch. d. Theorie d. Kunst b. d. Alten F, 57—7}* Zum Folgen- 
den überhaupt vgL eben diesen u. Rugb Platonische Aesthetik. 

1) Phädr. 248, E, Soph. 219, B. ^33, Dff. 266, C Rratl 423, C f. 
Polit. 306, D. Rep. X, 595, C-608, R. Gess. IV, 719, C. X, 
889, C f. u. ö. 

2) Phädr. 245, A. Apol. 22, B. Meno 99, D. Gess. IV, 719, C. 
(lo 533, D ff.)- 

3) Phileb. 55, E. 62, C. vgl. Rep. X, 601, C. 605, C. 

4) S. o. S. 295 f. u. Rep. X, 595 ff» Gorg. 501, Dff. — etwas mil- 
der äussern sich die Gess. VII, 816, D ff. 798, E ff. ,u. ö. Tgl. 
MvLLBR a. a. O. S. 90. 102 f. 121. 

5) Phileb. 48 ff. Rep. X, 606, A ff. 

6) Rep. 111, 398, A f. 400, C ff. Gess. U, 654, B. 655, B. Vllf, 
838, C. u. ö. 

7) Symp. 223, D. Tgl. Gess. VII, 816, D. 
\S) S. o. S. 295 u. Gest. If» 652. 665. 



Das Verbaltniss d.PIat. Philosophie «.Reliigtoii. M& 

§. 23. 

Das VerhäUniss der Platonischen Philosophie zur Religioiu 

Erst jelzt| nachdem wir die Platonische Philosophie 
ihrem systematischen Zusammenhange nach vollständig ken- 
nen gelernt haben, kann auch von den theologischen nnd 
religiösen Elementen derselben gesprochen werden, da diese 
einestheils, eben als theologische, keinen integrirenden Be- 
standtheil des philosophischen Systems ausmachen, andern« 
theils sich mit diesem so vielfach berühren, dass sie kaum 
nn einem einselnen Punkte des Systems eingeftigt werden 
können. Wir können dabei das VerhäUniss desPlatonts* 
muszurVolksreligion und zum Monotheismus unterscheiden. 

Dass nun Plato die Vorstellungen des griechischen 
Polytheismus von einer Vielheit und sinnlichen Gestalt 
des Göttlichen ihrem eigenthiimlichen Sinne nach nicht zu 
theilen vermochte, erhellt aus den ersten Anfangsgründen 
seiner Philosophie so unmittelbar, dass wir kaum nöthig 
haben, uns zum Beweis dieses Satzes ausdrücklich noch 
auf die Freiheit, mit der er diese Vorstellungen in mythi- 
scher Darstellung benutzt und verwirrt ^), und auf die 
Polemik der Republik ^) gegen die anthropomorphistischen 
Vorstellungen der Dichter zu berufen — > denn dass auch 
die letztere unmittelbar die Volksreligion selbst triffit, 
liegt am Tage: was Plato die Darstellung der Dichter nennt, 
ist die griechische Mythologie überhaupt; „Homer undHe- 
siod haben den Hellenen ihre Götter gemacht.^ Das Merk- 
würdige ist nun aber, dass er die Vorstellungen des Volks- 
glaubens darum doch nicht schlechtweg verwirft, sondern 
einen Kern der Wahrheit aus ihnen zo gewinnen sucht 



Z. B. Symp. 190, B ff. Polit 271) G f. 272 f B» Phldr. fB2f 

C ff. 
2} II, $77 ff. in, 588, C ff. 590, B ff. vgl Theit. 151, B. 17^ 0. 

Pfaädr. 247> A* Tim. 29, E« 

DU PhUoiopliie aer Gritcheii. II. TbeiL 20 



D«f Verliiltnitt.d. Plat Philosopbi« t. Religi^ib 

Zwar htit er nicht viel auf die in seiner ^eit ge^vöhn* 
liehen physikalisch • allegorischen Mythendeutangen ^), theils 
weil er die Unsicherheit und Unfruchtbarkeit solcher Er« 
klärnngen erkennt, theils auch weil, nach seiner richtigen 
Bemerkung, das Volk und die Jugend die Mythen nicht 
aach ihrem Terborgepen Sinn, sondern nach ihrer unmittel- 
baren Bedeutung auffasst. Nichtsdestoweniger soll der 
GSttervorstellung überhaupt eine Wahrheit zu Grunde liegen« 
Diese findet Plafo theils im Allgemeinen im Glauben an 
^in Göttliches, wenn er selbst sich des Ausdrucks &eol 
vielfach für die Gottheit überhaupt bediene, theils aber, 
was die besondere Bestimmtheit jener Vorstellung, die Viel« 
heit von Götterp betrifft, darin, dass wirklich gewisse Mittel- 
wesen zwischen der absoluten Gottheit und dem Menschen 
angenommen werden müssen. Diese Mitt Awesen aber sind 
ihm die Gestirne. Nur diese sind es, welche der Ti- 
m&ns (39, E ff.) beschreibt, wo er von der Bildung des 
llimmlischen Geschlechts der Götter reden will, sie sind 
die gewordenen Götter, welche die edelsten Bestandtheile 
des Einen geschaffenen Gottes, der Welt, ausmachen, der 
himmlische Chor, dessen Zug durch den Himmel der Phäd- 
fus sohildert ^); „was aber die andern Götterwesen be- 
trifft, so übersteigt es unsere Kraft, von ihrer Bildung zn 
reden; wir müssen aber wohl, dem Gesetze folgend, denen, 
die früher darüber gesprochen haben, Glauben schenken, 

" yrenn sie auch ohne wahrscheinliche und zwingende Beweis- 
gründe sprechen mögen,' da sie ja Abkömmliiige der Götter 
waren, wie sie sagten, und ihre Vorfahren selbst am Besten 
gekannt haben werden." Das heist mit andern Worten: 
iti der Platonischen Philosophie können diese GötterVbr- \ 

- Stellungen keinen Platz finden, Plato hat aber Gründe, 



i) Plilldr. 819, C. f. lUp. ra, 578, p. 

3) 346, £ ff. Tgl. dasu Bocilh Pbüolaas S. 101 ff« 



Das VerhältnUs d. Plan Philosophie «•Religion* Mf 



^cfa niebl direkt gegen dieselben su erklärtem Nui 
Gestirne können es daher auch soia^ deren Mitwirkung bei 
der Bildung des Menschen der Philosoph seiner eiigentlicheif 
Meinung nath annimtnl, wenn er gleich dieselbe (Tibi« 41, 
A) auf alle geschaffenen Göltet ausdehnt« Diese Bedeo^ 
tung der Gestirne wird weniger Auffallendes für uns haben, 
wenn wir erwägen, dass Plato nicht nur die Welt über- 
haupt f&r beseelt hält, sondera ebenso aucb die einEelaeii 
Gestirne, an die gewohnliche Vorstellung der Alten an* 
schli^isend, für selige vernunftige Wesen, die in der Voll« 
koutmenheit ihrer Gestalt und Bewegung die GleichfSrItoig* 
keit, das Maass und die Harmonie der Idee nachahmen ^)» 
Im Zusammenhang damit sagt er auch, dass die Gestirn« 
den Menschen nicht blos Vorzeichen der Zukunft senden 
(Tim. 30, C f.), sondern auch wirklich Auf die mensch« 
liehen Schicksale Einflussf haben, wie denn namentlich dir 
Erzeugung durch den Lauf der Gestirne tbeilweise beherrscht 
se|in soll ^), und wir dürfen wohl annehmen, dasit es ihm 
auch mit dieser Aeusserung in der Hauptsache Ernst ist» 
Ja er macht der Volksreligion noch ein weiteles Zoge* 
ständniss. Dem hellenischen Charakter seines Staates goi» 
mäss soll in diesem auch der vaterländische GettMÜeneC 
eingefiihrt, und die Bestimmung Hüncher Punkte dem del« 
phischen Apollo überlassen werden 3). SoHiiEiBBMACHSm 
hat gewiss richtig gesehen, wenn er hierin die Ueb^teu- 
gung erkennt, dass auch die hellenische Mythologie Wahriiek 
enthalte, und dass ohne eine votksthümlieke Grui^ag# 
keine Staatsreligion möglich sei ^) ; wollte^ man jedoch wei« 



1) Tim. S, 40. 58, E ff. 

2) Bep. VIH, 546. D» geaauere Erklürang dieser berOhmten St^ 
gdiört nicht bieher; übrigena gestehe ich,gerD0, sie auch aifihl^ 
genügend -ge)>en su können. 

3) Bep. IV, 427, B f. V, 461, E. VIT, 540, C 

4) 1^1» sur Bep, S, 19 f. 

20 ♦ 



SOS Bas Verhältniss d.Plat Philosophie e.Religioii. 

ter daraas scfaliess^n, daiss auch Plato für sieh selbst der 
dötterTorstellong in dieser ihrer Uoinittelbarkeit theoretische 
Wahrheit beigelegt habe, so würde man schon nach dem 
Obenbemerkten gewiss fehlgreifen; ausdrücklich rechnet er 
ja die Mythen (Rep. 377, A) zu denLügen, mittelst deren 
die Staatsbürger erzogen werden müssen, der Werth dieser 
Mythen aber liegt ihm, wie wir bereits wissen, nicht in 
ihrer theoretischen Wahrheit, sondern in ihrer sittlichen 
Wirkung. 

Ungleich schwieriger ist die Untersuchung über das 
Verhältniss der Platonischen Philosophie zum religiüsen 
Monotheismus, und die Bedeutung, welche die Vorstellung 
der Einen Gottheit für sie hatr Zunächst liegt hier so viel 
am Tage, dass diese Bedeutung nur im Verhältniss jener 
Vorstellung zu dem philosophischen Princip des Platonischen 
Systems, den Ideen, gesucht werden kann. Für diese könnte 
sie nun in dreierlei Art nothwendig sein: die Gottheit 
könnte als die Ursache der Ideen selbst, oder als die Ur- 
sache ihrer Verwirklichung in der Erscheinungswelt, oder 
ah mit der Ideenwelt oder der höchsten Idee identisch 
postulirt werden — denn ein vierter Fall, dass die Gott-* 
heit das Produkt der Ideen wäre, ist durch den Begriff der 
Gottheit unmittelbar ausgeschlossen ; nur die Welt und ihre 
Theile werden auch von Plato als gewordene Götter he* 
zeichnet, denen der Tim. 34, A den ael mv dto$ entgegen- 
stellt. Von diesen drei möglichen Annahmen ist uns nun 
#ie erste, dass die Ideen Produkte der Gottheit seien, schon 
früher (S. 197 f.) in der Auffassung der Ideen als ewiger 
Gedanken Gottes vorgekommen. Konnten wir uns aber 
derselben in dieser Wendung nicht anschliessen, so muss 
aaoh im Allgemeinen gegen sie bemerkt werden, dass die 
Ideen, als ewige Wesenheiten^ auf die göttliche Ursäch- 
lichkeit nur insofern zurückgeführt werden Jtönnen, wiefern 
Gott der immanente Grund der Ideen, d. k. die höebste 



Pas V^riiältai»s cLPlatPhiloftophie«. Religion. S09 

Idee oder die Ideenwelt selbst ist, dass daher diese Anr 
sioht jedenfalls auf die, welche wir ak die dritte genannt 
haben, zurückgeführt werden müsste, wogegen die Vorstel- 
lung von einem persönlichen Wesen, das die Ideenwelt 
als eini von ihm Verschiedenes erst hervorgebracht hätte, 
mit der ewigen Natur der Ideen unvereinbar ist. Weh 
«lehr kann die Ansicht für sich anfuhren/ welche den Ideen 
Gott als das bewegende Princip cur Seite stellt, durch das 
die an sich unbewegten, als ruhende Urbilder dastehenden , 
Ideen in die Welt eingeführt worden seien ^). Soboft 
Aristoteles ^) hält der Ideenlehre die Frage entgegen, 
was denn das Wirkende sein solle, das die Dinge dien Idee» / 
»achbilde, und auch wir haben anerkannt, dass in den 
Ideen das bewegende Princip fehle, das sie zur Erscheinung 
forttreibt. Eben diese Lücke scheint nun der Begriff der 
Gottheit auszufüllen, wie ja der Timäus seines Weltbild« 
ners offenbar nur desswegen bedarf, weil er ohne ihn keine 
bewegende Ursache hätte. Auf dieselbe Annahme scheinen , 
alle die Stellen zu führen, in denen der i^ovgj oder noch 
bestimmter der göttliche Verstand als die Ursache der Welt 
und ihrer Einrichtung gen£(nnt ist ^). Nichtsdestoweniger 
ist auch diese Ansicht in der obigen Fassung nicht ganz 
richtig. Um nichts von der naheliegenden Einwendung zu 
sagen, dass wir so entweder zwei von einander unabhängige 
höchste Principien erhielten, oder doch wieder das eine 
derselben aus dem andern abgeleitet werden müsste, sei 
es nun die Ideen aus der Gottheit oder die Gottheit aus 
den Ideen, und dass sich in jedem dieser Fälle .wieder 
vielfache Schwierigkeiten ergeben würden , so schreibt 
Plato selbst eben das, worin nach dieser Ansicht die eigen- 



1) BRiLNDis a. a. O. S. 327 ff. 

2) Metapb. I, 9. 991, a, 22 u. 6. - 

3) Phädo 97, B ff. Pbüeb. 23, D. 28, D f. 30, C. Tim. 28, A. 
Soph. 265, C £ 



SlO Das VerhältniM d« PUt Philotopbie s. RelfgU«. 

4liSni)iche BMleatang der Gottheit liegen soli, nmi was er 
auch wohl selbst auf die Gottheit snrOckrührt, anderwärts 
wieder der Idee su« Im Sophisten S. 248, E ^) wird das 
sehleehthin Wirkliche überhaupt, d. h. die Ideen^ als ein 
Denkendes nnd Belebtes dai^estellt, der Parmenides S. 134, 
C Bchliesst ans der Voranssetzungi dnss die Ideen ffir sich 
«nd vom Sinnlichen getrennt existiren, die Götter konnlMi 
ftichts von nns, nnd wjr nichts von den Gottern wissen, 
4er Philebns S. 30 , C f. lässt die königliche Vernunft auch 
den Zeus erst durch die aiua^ unter der hier nur die Idee 
verstanden werden kann, mitgetheilt sein, und die Republik 
»ennt die Idee des Guten als dasjenige, was ebenso dem 
Erkennenden die Kraft, als dem Erkannten die Wirklichkeit 
verleihe ^). In diesen AVnsserungen nimmt die Idee , oder 



1) Di« Stelle selbst ist tchorn S. 200 abgedruckt, Genaueret darQber $, u. 

2) VI9 5889 D : Ibvro roivw ro t^v aktj&uay naQl%Qp xoT» yiyvüM^ 
nofAivoa not rtf ytyfWOKovn tt^v SvvafitP anoSMv ri^v toü dyct^ 

.&0V tSiap tpa&i tivaif ahlav ^ intavtififjQ ovaav mal yiXfj&daS 
nk Ytyvmouo(Airrj9 fUß Stnvosvj ovfM Se tmlätw a/npori^v ovxvtv^ 
yptioidk T§ uml ahj&iias, alXo »o» udlXtQV «r* tpvtißnf t}yovfAsyof ' 
avTO 6^&wg f]y^oii' 509« B: Kai roiS ytyvwünof*ivoif Toivvv 
fitj fiovov ro ytyvoiijutad'at fdvat vno tov dyad'ov nagtivai^ 
mild Hai ro 9hai r9 nal ri^t' oißla» vn insipov avroU ir^Htitmtj 
OVH otoittQ 0VT09 TOV dyad'oVf dkl' ^r» inittHp« r^s ovoiae 7T^9Q^ 
fitt'/f Kai iwdftH. Diese berfihmte Stelle ist neuerdings von 
yjLV Hbvsdb Init phil. plat II, 3, 88 if. und H^bmann (Jahns 
Jahrbb. 1. Supplementb. S. 626 ff' Vindiciae Disput de id. boni 
S. 15 ff*} unter Beistiromung Staixbauhs (Proll.inTiai.$.46ff09 
Tbbnoblbbbvb6S (de Philebi consil« S. 17 ffO) WbhBkabbs 
(Pkt de s. bono doctr. S. 70 ff.) und Möllbbs (Theodiceac 
Plat lineam. S. 7 f*) so erklärt worden, dass die Idee des Guten 
nur den Tom göttlichen Verstände angeschauten absoluten Zweck 
beseicbnen sollte, auf aen die ganse Welteinricbtung bezogen 
sei. Wie jedoch von diesem gesagt werden könnte, dass er die 
Ursache des Seins und &rkennens sei, dass er (Rep. VII, 517, 
G} für Alles die Ursache alles Schönen und Guten sei, in der 
sichtbaren Welt das Licht und die Sonne enseugei in der geisti- 
gen Urquell (nv^tos) der Wirklichkeit (denn diess^ die Wahr- 
heit des Seins, bedeutet hier dXtj&tta) und Vernunft sei — Aus- 



Da» VerbSltnias d. Plat. Pbilosopkie z. Religio A. ^1 

bestimmter die Idee des Gaten genau dieselbe Stelle ekt, 
wie sonst die Gottheit, und wird ebenso, wie <Ke8e, ak 
der Urgrnnd alles Seins und das hdchste Seiende i)esehr{ebeD, 
was nur dann etwas Anderes, als der vollkommene Widern 
Spruch ist. Wenn die Idee des Guten von der Gottheit Sbem 
baupt niclit versehieden, sondern eben nur sie selbst ist. 
AusdrüeUfch «agt ja aber diess der Philebus ^). Diess also 
Werden wir als Plato's eigentliehe Meinung ansehen dürfen, 
dass Gott mit der Idee des Guten identisch sei. Dass dann 
statt der letztern, wo es sich nicht um genauere Untenohek 
düng derselben von den übrigen Id^en handelt, aueh die 
Ideen überhaupt die Ursache des Seins genannt werden, 
diess kann so wenig befremden, als dass statt des Singular 
a^eo^ unsähligemale d'eol steht: die Ursache des Seins übe^- 
baupt sind die Ideen, die höchste Ursache aber ist die 
hdehste Idee, das absolut Gute oder die Gottheit. 

Ob sich nun Plato diese höchste Ursache als persön- 
liches Wesen gedacht habe, oder nicht, ist eine Frage, auf 



driicke, die doch offenbar den BegrilT der wirkenden Ursache 
enthalten, haben auch die Genannten nicht erklärt. Ich halte 
e» daher für noth wendig , mit Schibiebmachsr Einl. z. Phileb. 
S. 134, RLtTsk Gesch« d. Pbil. II, 311 ff., Brandis 6r«-rö«. 
Phil. II, a^ 281, Bonitz Disputatt. Piaton. duae S. 5 ff. u. A. 
die Idee des Guten als die an und für sich wirkliche absolute 
Idee, und ihre Ursächlichkeit nicht blos als die der En^MTSache, 
. sondern auch als die der wirkenden Ursache außiufassen. 

1) S. 22, C: *ßff ftkp Toivvv Tijy ys 0iXf^('fov ^iav ov Sil Stewotcff- 
S'a^ Tairov xal rdyud'ov, ixavojs etgijaOal fiot Soxet* — Oväi 
yag o aos vovi, tu ^ujxQaTsf^ I'qh rdya&ov, dlX' eisi Ttov ravta 
ifxltjuaefsa: — Tax «V, oi ^Xtjßiy ö yifioS' qv fJkivroi tov ys 
dkri^ivov üfia xal O'itov ol/nai votvy dlk* all(uS nuts l'xetv, DaS8 
sich die letzteren Worte nur auf die Gleichstellung des vovi mit 
der '^^ov^ beziehen (Hbbhakn Vind. S. 18) kann nicht gesagt 
werden ; diese Gleichstellung besteht ja nur in dem lyxktjfia^ dass 
auch der v9vi mcht das Gute sei^ in anderer Beziehung konnte 
der menschliehe so wenig als der gditliche vövi der ^ov^ 
gleichgestellt werden* 



81S Dat VerhaUnTsa i, Fiat Philoaopbie s. Reli^oa. 

jtte tUk kaum eise ganz bestiminte Antwort g^n Itet« 
Hfdtan wir uns ao die Consequens seines Systems, so dürfte 
er keinen persönlichen Gott an die Spitge deetelben .gestellt 
liaben ^). bt die Idee fiberliaupt das Allgemeine des Be- 
griflb, nnd nur diese» das wahrhaft Seiende, so kann andi 
die absohue Idee oder die Gottheit nur das absobil Allge> 
meine sein; ein persönlicher Gott könnte das^ was er ist» 
nur dureh Theilnahme an der Idee der Gottheit sein^ es 
kilme ihm mithin selbst erst ein abgeleitetes Sein au. A»> 
iereiselts musste. eben der oben angedeutete Mangel eines 
bewegenden Principe in den Ideen Plato die YorsteHung 
eines persönlichen Weltbildners und Weltregenten fest unent- 
behrlich machen. Demgemäss sehen wir ihn denn in my* 
thischer oder populärer Darstellung, wie ii|i Timfius und 
Phädo ^) unzähligemale von Gott oder den Göttern reden, 
und unter Voraussetzung dieser Vorstellung eine sehr reine 
Idee der Gottheit aussprechen '); macht aber schon das 
häufige dtol auch das ^eo^j mit dem es nicht selten gleichbe- 
deutend gebraucht ist, verdächtig, so ist noch auffallender, 
dass Plato da, wo er streng philosophisch redet, der per* 
sÖnlichen Gottheit neben der Idee nur eine sehr unsichere 
Stellung anweist So erklärt der Sophist^),, das schlechthin 
Seiende könne nicht ohne Bewegung, Seele und Einsicht, 
sondern nur als beseelt und vernunftig gedacht werden; 
diesa^emerkung steht aber hier im Zusammenhang einer 
ganz allgemeinen Untersuchung SbeHSein und Nichtsein, um 
die Vorstellung, dass nur die ruhenden Begriffe das wahrhaft 
Wirkliche seien, zu widerlegen, sie kann daher hier auch 
nur allgemein auf das iftofg oV, d. h* die Ideenwelt, besogen 



1) 11^ dieM adion Hssbabt Lebrb. s. EinL io der Pbil« 1813. 
S. 146 riobüg bemerkt. 

2) 69, B ff. 6S, €, ill, B. Tgl. Tbeat 176. AI 
5) Man sehe hieraber Baiarus •• a. 0. S. 3S9C 

4) S. o. s. aoo. 



&A»Verbälliit9^6 d. Plat Pfciloftopliie z. Religi<»B. tU 

werdeD ^). Das Gi#iclr& gilt von der t>beB erwälmlen Aeugse- 
raiig d^sParmeBides 134, Cff«, dass das Wissen an sieh 
lind die Herrsehaft an sieb nur bei der Gottheit sein ktfnne, 
dass man daiier die, ^nsicbseienden Dinge oder die Ideen 
vdn der diesseitigen Welt nieht lostrennen Icönne, ohne die 
BesKebung der Gottheit auf die Welt ubd umgekehrt aufsct«> 
heben. Wenn hier gleich die Vorstellung der G<^hek , 
2wiseheneingeschoben ist, so wird doch die Beziehung der E^ 
seheinnng auf die Idee mit der Beaiehnngder Welt auf die Gott« 
heit so unmittelbar identisch gesetzt^dass der philosophische Ge- 
halt dieser Stelle am Ende doch mit dem im Sophisten Gesagten^ 
dass die Idee zugleioh als lebendige nnd schöpferische Veiw 
imnft gedacht werden müsse, zusammenfällt. Nieht weiter 
f&hrt auch, was oben über die A1)lettang der Natur aus dem 
wvq beigebracht worden ist, denn so unmöglich es uns 
vielleicht scheinen mag, eine Vernunft anders, denn als Per- 
sönlichkeit zu denken^ so ist doch diese Unmöglichkeit ful- 
die Alten nicht in gleichem Maasse vorhanden; schwerlich 
wird man wenigstens den weltbildenden fovq des Anaxagoras, 
der allem Lebendigen inwohnt, oder die Weltseele Plato*») 
oder gar die intelligente Luft des Diogenes von Apollonia 
für Persönlichkeiten im Stengen Sinne des Worts halte* 
können ^). Wird endlich in der vielbenützten StelU des 



i) Denn dass Plato hier üur tx Jqrpotheii, gegen die Ekaten, irgo« 
mentire, und aeine Aeusserung nur besage : »da unter dem wahr- 
haft Seienden auch der Geist ist, so liann dasjenige, was alle« 
Sein in sich fassen soll, nicht ohne Vernunft nnd Bewegung 
aein,« Itoanen wir äxnMAHN (Vind..Disp. de id boni S. 32) 
nicht siigeb^n. To <9r. ov heisst nicht: der Inbegriff alles Seins, 
aondern: das absolut Wirkliche, und dass dieses hier nur im 
eleatiscben Sinne genommen werde ist mit nichts angedeutet ^ 
der Zusammenhang ist vielmehf der: da das scblech^ui Seiende 
überhaupt nieht ohne Vernunft gedacht werden, kmem, so müsste 
diese auch dem Eisen Sein der Eleaten beigelegt werden. 

2} Wie sehr man sieh überhaupt hüten moss, überall, wo Plato in 



I 
t 



• 4 



j|f4 DAsVerhältAis« cUPUt PhüoAop^bi« s. Eeligion. 

Pkileblis 3d, C erkh&H: die UrtRcbe von AJUm mötie 
W«i9beit and yeraiiiift.<ein, diese aber k&fmea Dkbt oIum 
Seele gedacht werden; in der Natur de»Zeas^ ann sei dereh 
die Kraft der Ursache eine königliofae Seele and eine k&nig»- 
liebe Vernonft, so bat doch aaoh diese Stelle, imZasam- 
menbang betrachtet, einen etwas anderen Sinny als man aa» 
nächst meinen könnte. Denn wenn hier die aixia von Zeus 
noch anterschieden , und als dasjenige beseichnet wird, wjm 
ihm die Vernanft verliehe, so kann Zeus nicht mit der hdcheten 
Ursache selbst oder der Gottheit im absoluten Sinn identiscfa 
sein* Was vielmehr hier die Seele des Zeus genannt wird, 
muss dassdbe seidi wie die vorher (S. 30, A f.) erwähnte 
S^e des All, wie denn auch in der Beschreibdng beider 
theilweise die gleichen Ausdrücke gebraucht sind. Aus 
alle dem folgt nun freilich gewiss nicht, dass Plato eine 
persönliche Gottheit als oberste Ursache mit ansdröcklicbem 
Bewusstsein verneint, und an ihre Stelle die unpersdafHehe 
Idee gesetzt hätte; warum ihm dies» aamögliob sein musste, 
hat schon unsere, obige Darstellong geieigt ; wohl aber er- 
glebt sich aus dem Bisherigen, dass er die Frage über das 
Yerhältniss der Gottheit zur Idee noch zu keiner klaren 
£ntsdieidang gebracht, und daram auch oboe aUen Zweifel 
noch nicht klar and bestimmt aufgeworfen hat, dass ihü 
die Idee und die Gottheit immer wieder zusammenfliessen^ 
dass er die Vorstellung des persönlichen ^Gottes hat 
nnd gebraucht, aber den Begriff desselben weder abgeg- 
leitet, noch durch sein philosophisches Princip möglich ge- 
macht, noch auch nur gesucht hat. 

Wollen wir nach diesem über den vielgerübmten reli- 



pepsönlicber Weise von derGottlieit tpricbt, auch an den streng 
pbüosophiscfaen Begriflf der Persönltcbi^k au halten, kann auch 
der Anfeng des Kritias «eigen, wenn hier Timäus den geworde- 
nen Gott, d. b. den x99ftoe^ anfleht, von dem, was er gesagt, das 
Gate iäm su bewahren, das Schleditc su Terbeasem«/ 



Da« VefkältaUd d. Plai. Pbilos^pkie t. Religion. SK 

giöseti Charakter der Platonischen Pbileaopbie nrthetkn, so 
wird derselbe anr ihetl weisä in ihrem eigentlich phiioso^ 
phtschen Prinf>ip gesteht werden können. Dieses Princip, 
theoretisch angesehen und in der Strenge seiner wissensehi^ 
liehen Coasequens ausgeführt, würde die religiöse Anschan* 
nngsweise von Grund ans, auflieben ; nur die Grenze seiner 
V pfaik>sophischen Consequenz ist es, auf der* es sich theils in 
populärer theils in mythischer und halb mythischer Dar- 
stellung mit der religiösen Vorstellung berührt. Dagegen 
hat der Piatonismus allerdings eine Seite, durch die er aneh 
als philosophisches System an die Religion anknüpft, die 
ethische. Wie es der Religion nicht um theoretisches Wis* 
sen als solches, sondern um das Theoretische nur in nnd 
mit seiner praktischen Anwendung au thun ist, so %ektm 
wir auch bei Plato das Wissen und das Handeln noch nicht 
so, wie bei Aristoteles und Andern getrennt, sondern beide 
in einander; das wahre Wissen ist ihm noch unmittelbar 
ein praktisch lebendiges, das rechte Handeln aufs philoso- 
phische Wissen begründet, und die Wurzel der Sittlichkeit 
und der Philosophie eine und dieselbe, die Begeisterung für's 
Schöne und Göttliche, der Eros. Diese ethische Grundstim- 
mung des Piatonismus ist vorzugsweise das Religiöse in 
ihm, die einzelnen Vorstellungen dagegen, in denen man 
seinen religiösen Charakter gesucht hat, sind grösserentheils 
blosses Aussenwerk oder inconsequentes Zurücksinken in 
die Sprache der Vorstellung. 

Fast ebenso nöthig, als die allgemeinere .Untersuchung 
über den religiösen Charakter der Platonischen Philosophie, 
möchte Manehem die Erörterung ihres Verhältnisses zum 
Christenthum scheinen. Es ist bekannt, wie viel hier- 
über in älterer ujid neuerer Zeit geschrieben worden ist ^). 



1) Neuere Haupttciiriften über dieaen Gegeostand sind: B^ub das 
Gbri»tliclie des FlatODismus oder Sokrates uad GlHnstiaft. Tüb. 



316 Di« spätere FoDoi der Platonisclitn Lehr«. ~ 

Der Werth solcher Untersacbangen soll nun im Allgemeineo 
nicht geliugnet werden, hier jedoch können wir uns nicht 
auf sie einlassen. Das Interesse^ dem sie dienen, ist nftm» 
lieh offenbar sunfichst nicht das gesohiohllich philosophische, 
sondern das theologische. Schon die Fragestellung, wie sie 
gewöhnlich gefasst wird, ist eine dnrchaus theologische. 
Man fragt nach dem Christlichen im Piatonismus, als ob das 
Christenthnm die Voraussetzung der Platonischen Philosophie 
wäre ^), und nicht vielmehr diese eine von den Voraus* 
setsungen und Qudlen von jenem. Die Sache streng ge* 
schicbtiich genommen dfirfte nur nach dem Platonischen 
Element im Christenthnm gefragt werden; Diese Frage ge- 
hört aber nicht mehr in die Geschichte der Philosophie, 
sondern in die der christlichen Dogmen. 

$.24. 

Die spatere Form der Platonischen Lehre. Die ältere Akademie. 

Unsere bisherige Entwicklung hielt sich an diejenigen 
Quellen, welche die ursprüngliche Gestalt des Platonischen 
Systems am Reinsten darstellen. Ist aber diese auch seine 
einzige Gestalt, oder hat es von seinem Urheber noch eine 
spätere Umarbeitung erfahren? Für die letztere Annahme * 
kann zweierlei benützt werden : die Berichte des Aristoteles 



Zcitschr. f. Theol. 1837) 3. AcHSSMAira das Christliche im PlatD 
' und in der platonischen Philosophie. Hamb. 1835. Eine tref- 
fende Kritik dieser Schrift giebt Baub a. a. O. in der Einleitung. 
1) Diess war auch wirklich 4)ie Vorstellung derer, welche die hohe 
Meinung vom Christlichen im Piatonismus suerst aufgebracht, 
haben, der alexandrinischen Kirchenvater. Wie die ebräiscfaea 
Propheten nicht aus dem Geist und der Geschichte ihrer Zeit, 
sondern aus der ihnen wunderbar mitgetheilten christlichen Ge- 
schiebte und Dogmatik geredet haben sollten, so sollte auch Plato 
aus der Quelle der christlichen Offenbarung, sei es nun der in- 
neres, dem Logos, oder der üosseren, dem Alten Testament ge- 
schöpft haben. 



Die »pätere Form der Platonischen Lefar^ SIT 

üfber die Platonische Lebre uqd diel Sehrift von den^Ges^tseo* 
Jene scheinen eine eigene Verbindung der Ideenlehre mit 
der Lehre von den Zahlen, und eine hiemit zasaminenbän- 
gende Theorie von den Elementen der Ideen, diese ein Zu- 
rücktreten der Ideenlehre gegen populär religiöse Vorstel- 
lungen und mathematische Formeln und eine der gewöhnlichen 
Denkweise näher stehende Ethik und Politik als Eigenthüm- 
lichkeiten der spätem Platonischen Philosophie zu beurkunden. 
Von der Aristotelischen Darstellung mussten wir nun schon 
früher sprechen, und wir haben gefunden, dass dieselbe 
keinen hinreichenden Grund abgiebt, uVn in den Platonische« 
Vorträgen, die ihr Urheber gehört hat, wesentlich andere 
Lehren, als in den Schriften, die wir noch besitzeUi voraus* 
zusetzen; auf die Schrift von den Gesetzen müssen wir hier 
in der Kürze eingehen ^}. , 

Was diese Schrift von den sonstigen anerkannt ächleii 
Werken Plato's unterscheidet, ist in philosophiscberBesiehting, 
abgesehen von untergebrdneten*Punkten und von demFor* 
mellen der künstlerischen Darstellung, dreierlei« 

Das Erste betrifft die F^assung und Ausführung der 
Lehre vom Staate. Der Staat, wie ihnPlato in der Republik 
schildert, ist die unbedingte Herrschaft der Idee im mensch^ 
liehen Gemeinleben, ein durch keine anderen Bedingungen, 
als die philosophische Nothwendigkeit der Sache bestimmter 
Organismus; der Staat der Gesetze ist ein Versuch, jenem 
vollkommensten, aber, wie es hier heisst, unausführbaren 
Ideal so nahe zu kommen, als diess die Rücksicht auf die 



i) Man Tgl. über dieselbe ausser m. Fiat. Studien, und den dort 
besprocbenen Schriften und Abbandlungen von BÖchh, Thibbsch, 
SocHER und DiLT|[KT auf der einen , Ast auf der andern Seite : 
Hbbmann Fiat I, 547—552.^ 704 ff. Bbabdis Qr. • röm. FhiL H, a, 
541 ff. RiTTBB in d. Gott, Gel. Anz. 1840, S. 171 ff. Stallbapk 
Jabrbb. f. Fhilologie und PädagogUc 12* Jhrg. XXXV, 1, ^7 ff. 
MiCHBLKr Jabrbb. f. wissenscb. Kritili 1839, Debr. S. 854 ff* 
Yöe^u in 8. Uebers. der Gesetze (Zür.^ 1842) 2. Tb, Vorr. 



SM Die spatere F^rü der PlatOBitcfaen Lebre. 

UMieiiliehe8ohwä(^e und dieVerhÜtiiiMe derWirkItchlreh 
gestattet ^). Dort ist daher die Verfassung des Staats die 
abftt^ote Herrschaft der Wissenden, die Aristokratie imPla«» 
toniseben Sinne; dem Zweck dieser Herrechaft dienen die 
bekannten eigenthiimliohen Einrichtungen, der strenge Unter* 
«cbied der Stände, die Weiber- und Gütergemeinschaft, die 
philoaophisehe Bildung der Regierenden ; auf die Einxelfaeiteti 
der Geeetagebong dagegen wird aus den früher angegebenen 
Gründen nicht weiter eingegangen: hier erhält der Staat 
eine der gewöhnlichen näher stehende, angeblich ausDe» 
Mekratieuad Monarchie, in der Wirklichkeit aus Demokratie 
und Oligarchie, mit Uebergewicht der letstern, zueammen« 
gesetxte ^ischv^rfassnng ^) ; das Eigenthilmlichste in den Tn- 
atitutionen der Bepublik wird aufgegeben, vom Ständeunter* 
schied bleibt nur die Verweisung der Gewerbe an die M eto«^ 
ken ^), von der Weiber* und Gütergemeinschaft die Vereinigung 
der Bürger im Syssitien tod die gesetzliche Ueb^rwachuog 
der Elbeii ^), von der öffentlichen Thätigkeit des weiblichen 
Geschlechts seine Theilnafame an den gymnastischen Uebun« 
gen und den gemeinsamen Mahlen ^), von der Wissenschaft- 
liehen Erziehung- der Begierenden die Forderung einer Be« 
hdrde, die neben der gewöhnlidien Tugend auch in der 
Ethik und der Naturwissenschaft nebst der Theologie unter- 
richtet sein soll ^), übrig; dafür lässt sich aber die rechtlicbe 
und poliaeiliche , wie die pditisehe Gesetzgebung auf die 
speeiellsten Verhältnisse und Fälle ein , wenn aueh nich^ 
ye^ade alles Einzelne schlechthin durch Gesetze bestimmt 
werden soll ^J. 

1) Gcs». V, 759. IX, 874, Eff. VIl, 807, B. 

2) III, 693, D f. 701, E. VI, 756, E. Vgl. das treffende ürtheil des 
Aristotblbs Pol lt. II, 6- J 266, a. 

5) VIII, 846, D. vgl. V, 741, E. 

4) VI, 771, D ff. 780, A f. VH, 806, E. 

5) V^II, 804, Dff. VI, 780, Cff. 

6) XII, 951, D. 960, £ ff. besonders 8. 966 f. s. auch unten. 
7> VI, 769^ D. VIII, 845, E. 846, C IX, 855, D. XU, 957, A. 



Die ftpätere Form der Plat^nisebe« Lehre. 8t9 

\ V 

I 

Hieinitf liü9gt dann eine zweite Difibmn«, die versehie-« 
deft« Fassung den Tugeiidlebre, ansanimenr Die vier Kar>» 
dinaltugenden , welche in dei> Republik abgeleitet werden^ 
sind auch deu Gesetzen nicht unbekannt ^), wenn sie gleich 
an die Stelle der awpia die (pgepfjaig setzeo — eine Ab-^ 
weicbungy die desshalb zu bemerken ist, weil der letztere 
Ausdruck weit bestimrater, als der erster e, die Beziehung 
der Einsicht dufs Praktische enthält ^). In der weiteren Aus* 
führung jedoch ist fast nur von der Tapferkeit und Besen* 
nenheit {(pmipQoavrfj) die Rede, indem im Gegensatz gegen 
die einseitig auf den Krieg und die Uebung der Tapforkek 
angelegte spartanische Verfassung verlangt wird, dass der 
wahre Staiat ebensosehr und noch mehr auf Erzeugung der 
Besonnenheit berechnet sein solle; dieser gegenüber tretet» 
die übrigen Tugenden sosehr zurück, dass die Besonnenheil 
auch geradezu als der Inbegriff aller Tugend, und die Zu* 
that,die den übrigen erst ihren Wertfa gebe, bezeichnet wird ^)^ 
Was namenilieh die Tapferkeit betrifft, so soll diese der 
kleinste und sohlechteste Tbeil der Tugend sein, eine U<Mr 
physische Eigenschaft, die auch Kindern und Thieren zu* 
kommet), während von der Besonnenheit als Natnranlage 
zwar dasselbe zugegeben^ dagegen ausdf ücklich Ton dieser 
blossen Anlage die Besonnenheit im h&heren und eigentlidhenf 
Sinn unterschieden wird ^). Weist nun schon dieses darauf 
bin , das« auch der Begriff der Tapferkeit hier anders be- 
stimmt ist, als in der Republik, dass dieselbe hier nieh«, 
wie dort, zunächst als ein Verhalten des Menschen zu sieb 



O h 631, a 65^ E. XH, 965, Cf. 

2) Diese tritt auch in den Gesetzen im Begriff der fpop^i^ic so sebr 
herror, dass sie (III, 689, Cf«) nieht blos dem, welober Ver- 
stand obne siuliehe Mässigung besitzet, ad)gesprocben, sondern 
auch dem gane Unwissenden, der diese übt, beigelegt wird, 

5) III, 696, Bff. IV, 710, A. 716, C. 
4) !• 630, £f. XII, 963, £. 

6) IV, 710, A. 



1 



SM ^'^^ spätere Form dler l^lAtoniscben Lebre. 

Mlbst, aeudero nur im i^w&bnlicban Siiui , idt Ta[tferkett 
gegen äassere Feinde gefasst ist| und glimmt hiemit aucb 
die Behandlung der Besonnenheit in der Sehrift von den Ge« 
setzen iiberein ^) , so zeigt sidi weiterhin auch, dass jene 
tiefere Fassung in dieser überhaupt ausgeschlossen war, weil 
die ganze ps^cliologische Grrundlegung der Ethik, wie wir sie 
nicht blos in der Republik, sondern auch im Timäns und 
Pbädms finden, hier fehlt, ja deutlich genug sogar ausdruck* 
lieh bekämpft wird ^). 

Ebensowenig, als diese psychologische, wird auch die' 
aligemeinere philosophische Begründung der Ethik in den 
Gesetzen berücksichtigt. Der ganze spekulative Theil des 
Platonischen Systems wird hier so vollständig ignorirt, dast 
sich von dem Anfang und Ende desselben, der Ideenlehre, 
auch nicht Eine sichere Spur findet ; denn allerdings wird 
ven den lV|itg]iedern der nächtlichen Versammlnog^ in wel- 
cher die Weisheil des &aats ttiedei*gelegl sein soll, ver- 
langt, dass sie die Einsicht in den Zweck des Staats be- 
sitzen, und zu diesem Bebufe fähig seien, die verschiedenen 
Arten der Tugend auf ihren gemeinsamen Begriff zurück* 
zufuhren ^) : diess betrifft indessen erst die logische Form 
des dialektischen Verfahrens, sein innerer Kern dagegen, 
die Lehre von der absoluten Wirklichkeit der Begriffe, isl; 
hier mit keinem Worte angedeutet, ja es wird dieser Lehre 
durch die Annähme einer doppelten Welueele, einer guteiif 
und einer bösen ^), nebst einigen verwandten Aeusserun« 



1) S. V, 733, E u. dasa im Plat. Stud. S. 35. 

2) f, 626, DfF., wogegen die Stellen IX, 863, Bf. lU, 689, A nicbU 
beweisen. 

. S) Xll, 965, G: ^^q olr angißtüvigm axiipif &ia t' av nB^i otov^ 
ovv 6t»/ovv ylyvo*TO fj to 7r(f6s ftiav l^im^ i» ruiv nokXdiv nal 
dvoftoiatv dwatop t/tw* ßUnnv; Vgl. das Folgende u. J, 630,£. 
4) X, 896, DE 898, C. 904, A f. Ueber die Versuche, diese Lehre 
aus den Gesetzen wegzubringen, vgl m. PlatStud. S.43* Diese 
Versuche konnten im Allgemeinen auf zweierlei Art gemacht 



Die spätere Form der Platonisehen Lehre. S21 

gen ^) in einer höchst aufTallend^n Weise widersprochen* 
Dafür tritt nun hier theils das populartheologische und reli- 
giöse, theils das mathematische Element in einer Bedeutung 
hervor, die sie sonst bei Plato nicht haben. Um nicht zu 
wiederholen, was ich schon früher über diesen Punkt gesagt 
habe ^), will ich hier nur bemerken, dass nicht allein das 
übrige Leben des Staats durchaus theils nach religiösen, theils 
nach mathematischen Gesichtspunkten geordnet ist, sondern 
auch für die Bildung derer, welche die Intelligenz desselben 



werden: entweder gab man zu, dass die Gesetze wirklich eine 
böse Seele neben der guten annehmen, aber man bezog diese 
böse Seele nicht auf die ganze Welt, sondern nur auf das Böse 
im Menschen, oder man erkannte zwar an, dass hier Ton einer 
bösen Weltseele gesprochen werde, läugnete aber dafür, dass 
der Verfasser der Gesetze auch wirklich eine solche behaupten 
wolle, und erklärte das, was er über sie sagt, für etwas, das 
nach seiner Absicht blos vorläufig und hypothetisch gesetzt wer- 
de, und sich in der weiteren Ausführung Ton selbst wieder auf- 
hebe. Wiewohl aber der erstem Annahme ausser TmEBSCH 
und DiLTHET auch Fries Gesch. d. Phil. I, 336, und Stailbaux 
a. a. O: S. 42, der zweiten, von Böcbh aufgebrachten, Ritteb 
a. a, O S. 177 beigetreten ist, so kann ich doch fortwährend 
keinen dieser Auswege für zulässig halten, so lange Stellen, wie 
die folgenden nicht beseitigt sind: X, &96, D f«: ^Pvxtjv ^ Siot- 
Hovaav 9cal ipöixovaar iv aTiagi ro7ff nävzj} kivov/ijUvoiC fMtiv ou 
ical XQV ovQavov drayxij ^loixstv (pdvai^ Tl fi^v^ Miav ^ nXtlovS ; 
nXsiovi' iyoj vtisq a(p({iv aTtoxQivovfiat' Jvolv fiiv yi Ttov ilatTOV 
fAtjSkv Tt&dfftsv, xijs TB svegyitidos »eal r^s rdvaartia 9vvafiivt}§ 
iS^gyaSea&ai. 898, C ; r^v ovqolvov n6Qiq>0Qdv «S dvdyntjt nSQid^ 
yeiv (paxiov iTn/isXovft^vf^v xai «oofiovaav ijroi ttjv d(ilar7jv "i^'vxtjv 
tj tijv ivavTiav, Der Verfasser selbst entscheidet sich nun aller, 
dings für das erste Glied dieses Dilemma (S* 897, Bf.); daraus 
folgt aber nicht, dass ihm darum die böse Weltseele nichts 
Wirkliches sei; sie ist allerdings, nur kann sie das Universum 

w«gen der Uebermacht der guten niclit beherrschen. Dast 

üese Lehre wirklich in den Gesetzen vorgetragen wird, (iahen 
* ^ auch HsBSAVN e. a. O. S. 552, Vööeli S» XIII, Michxlbt 
S« 862 anerkannt* 

1) I, 644, D, VII, 803, B* C 804, B. V, 728, E s. Plat Stud. 
S. 43 f* 

2) Plat. Slud^ S. 44 ff. 

Die Philosophie der Griechen. 11. Thetl. 21 



322. I>io spätere Form der.FlatoiiUeheii Lehre. 

repräsentiren sollen, neben der Forschung über das Wesen 
der Tugend nur mathematische Kenntnisse und Popular- 
philosophie im Dienste der Theologie verlaugt werden; 
denn zweierlei ist es den Gesetzen zufolge ^), was den 
Glauben an die Götter und ihre Verehrung begründet, 
nlie Ueberzeugungj dass die Seele früher und vorzügUcher 
ist, als der Leib, und dieKenntqiss der in der astronomi- 
schen Einrichtung des Weltgebäudes erkennbaren Ver- 
nunft. Nur diese Voraussetzungen sind es auch, aus denen 
im zehenten Buche S. 8S7, C — 899, D der Beweis für 
das Dasein der Götter geführt wird, an den sich sofort 
die schöne Vertheidigung des Vorsehungsglaubens, und 
die Widerlegung der Meinung, dass die Götter durch 
Geschenke zu beschwichtigen seien, anschliesst. Was 
dagegen die Republik so dringend verlangt hatte, dass 
die Regierenden in die tiefsten Gründe der Philosophie 
eingedrungen sein müssen, und keiner sich mit der Ver- 
waltung der menschlichen Angelegenheiten abgeben dürfe, 
ehe er in langjähriger dialektischer Beschäftigung mit der 
reinen Idee sein Auge an das Ewige gewöhnt habe, da- 
von findet sich hier nichts, ausdrücklich wird vielmehr 
die Forschung über den höchsten Gott mit der Astrono- 
mie identificirt ^). 

Dass nun wirklich in den angegebenen Beziehungen 
zwischen den Gesetzen und Plato's früheren Darstellungen 
ein Widerspruch stattfindet, der sich nicht blos aus dem 
besondern Zwecke jener Schrift, sondern nur aus einer 
Verschiedenheit des philosophischen Standpunkts erklären 
lässt, ist nicht zu läugnen. Um mit der Lehre vom Staat 



1) XII, 966, D^ 967, D. 

2) VII, 821 , A. Dasft hier die Forschung über das Wesen Gottes 
untersagt werden solle, ist ein MissTerständniss , das sich schon 
bei Cici;bo findet, Nat* De» I, 12, 30, dem viele Andere hierin 
gefolgt sind« Vgl» Ast z. d, St. Krischx Forschungen auf dem 
Gebiete der alten Philosophie I, 187 f. 



IXie spfitere Form der Flatonisehen Lehre. 323 

anzufangeD, so koniite sidl Plato freilich auch Tom Stande 
pankt der Republik aus zu einer mehr auf die praktische 
Anwendung ein|;ehenden Darstellung des Staatslebens 
veranlasst finden; er selbst deutet an, dass der Kritias 
eine solche enthalten sollte CTim. 27, B), und auch an 
und für sich müssten wir diess wahrscheinlich finden, da 
eine blosse Wiederholung dessen, was schon die Republik 
gesagt hatte, nicht in seiner Absicht liegen konnte. Auch 
das könnte man sich gefallen lassen , dass sich eine solche 
Darstellung, ähnlich wie die naturwissenschaftliche des 
Timäus, tiefer in s Detail der Gesetzgebung einliesse, als 
die Republik, besonders wenn sie, wie die der Gesetze '), 
durch Anknüpfung an das attische Recht zeigen wollte, 
wie in den Verhältnissen der unmittelbaren Gegenwart 
selbst die Keime des wahren Staats enthalten seien, und 
mit den Erklärungen des Politikus ,und der Republik über 
die Entbehrlichkeit einer geschriebenen Gesetzgebung 
(s. o. S. 292 f.) möchte man dieses Verfahren immer- 
hin durch die Bemerkung in Einklang bringen, dass es 
sich hier nicht sowohl um Vorschriften für den wahreu 
Staat , als um eine Tollständige Beschreibung dieses 
Staats für uns handle. Ganz anders yerhält es* sich aber 
mit den Gesetzen. Diese wollen nicht nur die nähere 
Ausführung und Anwendung der in der Republik aufge- 
stellten Grundsätze geben, sie erklären vielmehr ausdrüek- 
lieh, dass sie an die Stelle der hier geschilderten besten 
die nächst beste Staatsverfassung setzen wöHen^ und sie 
begründen diese Absicht damit, dass der Staat der Re- 



1} Die Nach Weisung dessen, was die Flatonisclien Gesetze aus der 
aUischen Gesetzgebung aufgenommen baben, 9o i^reit sich die- 
selbe jetzt noch geben lasst, a« in den zwei Programmen tob 
Hbbmaitn: De vestigm instkutorum veterum, impHmis jitticorum, 
per Platonifi t(e Legibus Höros indagandis und: Juris doaustid et 
fanaliaris apud Platonem in Legibus cum vet, Graeciaej inque pri- 
mis Athenarum instkuHs comparatia* Marb. 1836. 

21* 



324 I>ie spätere Form der Platonischen Lehre* 

publik nur für Götter oder flereen passen würde, unter 
Menschen dagegen ein unausführbares Ideal sei '). Dass 
Plato dieses nicht sagen, und nicht von dieser Ueberzen* 
gung aus schreiben konnte, wenn sich sein politischer 
Standpunkt nicht wesentlich verändert hatte, liegt am 
Tage. In der Republik zweifelt er nicht nur nicht an der 
Ausführbarkeit des dortigen Staatsideals, sondern er er- 
klärt seine Verwirklichung sogar fiir das einzige Mittel, 
die Menschheit von ihren Leiden zu erlösen: hier wird 
ebendasselbe als etwas behandelt, woran unter Menschen 
gar nicht zu denken sei; in der Republik erklärt er alle 
anderen Staatseinrichtungen ausser den dort geschilderten 
für verfehlt, und sagt wiederholt, dass der Philosoph nie 
in einem andern Staate an den öffentlichen Angelegen- 
heiten theilnehmen werde: hier will er neben dem voll- 
kommensten Staate noch einen zweiten und dritten zur 
Auswahl hinstellen, die sich dann natürlich nicht melir 
specifisch, sondern nur noch graduell unterscheiden kön- 
nen; in der Republik, und so auch schon im Politikus, 
versichert er, dass der wahre Herrscher keiner Gesetze 
bedürfe, und durch dieselben nur gehemmt werde: hiw 
(IX, 875) umgekehrt, dass nur äusserst Wenige die rich- 
tige politische Einsicht, und keiner die sittliche Stärke 
besitze, um den Versuchungen der unbeschränkten Herr- 
schermacht zu widerstehen; — und diess Alles sagt er weder 
hier noch dort bedingungsweise, wie vielmehr der Staat 
der Republik auch schon für die nächste Gegenwart und 
ihre Verhältnisse bestimmt ist, so wird in den Gesetzen 
seine Unausführbarkeit nicht blos fir eine bestimmte Zeit, 
sondern für die menschliche Natur überhaupt behauptet^). 
' Nur eine Folge dieses verschiedenen Standpunkts ist 



1) V, 739. IX, 874, E ff. VII, 807, B wozu m.PUtStud. S.16 ff. 

SU TgU 

2} Die Belege 8. in der yor* Anin* u» S. 298 f» 



Die spätere Form der Platonischen Lehre. 325 

das Meiste von dem, wodareli sich der Staat derCtesetze 
V0J1 dem der Republik nnterscheidet; Anderes kann als 
minder wesentlich hier übergang^en werden ; die bedeu- 
tende Differenz hinsichtlich der Bildung der Regierenden 
wird später noch zur Sprache kommen. Hier mag daher 
nur noch auf die abweichende Schätzung der verschie- 
denen Verfassungen in beiden Schriften aufmerksam ge- 
macht werden, welche darin liegt, dass die Republik die 
Demokratie und Tyrannis als die zwei schlechtesten 
Staatsformen bezeichnet, wogegen die Gesetze die Ty- 
rannis vom Königthum gar bicht bestimmt unterscheiden^), 
und eben aus dem mit ihr zusammenfallenden Königthum 
und der Demokratie ihre Verfassung zusammensetzen 
wollen ^). War freilich die philosophische Construction 
des Staats einmal aufgegeben, so konnten auch die be- 
stehenden Staatsformen nicht mehr nach dem philosophi- 
schen Maasstab, sondern nur noch nach äusserlicheren 
Rücksichten, wie diess in den Gesetzen geschieht, beur- 
theilt werden , und ebenso musste für den eigenen Staat 
ein eklektii^ches Mittelmaass die Stelle der apriorischen 
Norm vertreten. Insofern erscheint daher auch diese Ab- 
weichung consequent; nur um so deutlicher zeigt sich 
aber auch hier, wie tief der veränderte Standpunkt des' 
Ganzen in alles Einzelne eingreift. 

Noch folgenreicher ist der Umstand, dass in den Ge- 



i) S. m. Plat. Stud. S. 38* 

2) III, 693, D I, 701, E. VI, 756, E. Wenn Vögeli a. a. O. 
S« IX die Ton mir behauptejte Zusammensetzung der Verfassung 
der Gesetze aus der Demokratie und der Tyrannis nach der 
Schilderung von Persien und Athen unbegreiflich findet, so be- 
kenne ich, diess nicht zu verstehen^ gerade dadurch, dass sie 
die persische Verfassung als Muster des Königthums hinstellen, 
zeigen die Gesetze, dass sie unter der ßaaiXsla nichts Anderes 
verstehen, als die Bepublik unter der Tjrannis« Dass übrigens 
auch schon Abist, Folit. 11 , 6» 1266 , a die Sache so auffasst, 
habe ich schon früher bemerkt 



326 Die spätere Form der F lato ni «eben Lehre. 

setzen zugleich mit der philosophischen Bildung der Re* 
gierenden auch die ganze spekulative Grundlage der Pla- 
tonischen Staatslehre verlassen wird, dass der Idee aach 
nicht Einmal mit Bestimmtheit Erwähnung geschieht, 
dafür aber eine aus populär theologischem Vemunftglau- 
ben, griechischer Volksreligion und pythagoreischer Zahlen- 
mystik zusammengesetzte Religiosität die Basis des ge* 
sammten Staatsgebäudes bilden soll. Wir müssen zwar 
zugeben, dass auch hieraus nicht unbedingt auf ein förm- 
liches Aufgeben der Ideenlehre vonseiten des Verfassers 
geschlossen werden darf; man könnte sich diese Erschei- 
nung immerhin so erklären, dass Plato zeigen wollte, 
wie sich auch ohne alle philosophischen Voraussetzungen 
ein dem philosophischen wenigstens ähnlicher, und alle 
bisher bestehenden weit übertreffender Staat herstellen 
Hesse, und aus diesem Grunde auch sich selbst auf einen 
der allgemeinen Bildung seiner Zeitgenossen näher lie- 
genden, und ohne die wissenschaftliche Erziehung des 
philosophischen Staats von einer grösseren Anzahl der 
Staatsbürger erreichbaren Standpunkt stellte. Doch lässt 
sich andererseits, auch bei dieser Auffassung der Sache, 
eine tiefgehende Veränderung seiner Denkweise nicht 
verkennen. Denn mag er auch den unphilosopbischen 
Standpunkt der Gesetze nicht unmittelbar als den seinigen 
Tcrtreten wollen, so ist doch gewiss, dass er seinen 
früheren Glauben an die Allmacht und die absolute Noth- 
wendigkeit des philosophischen Wissens verloren, und der 
religiösen Vorstellung gegen früher eine grössere Be- 
deutung eingeräumt haben musste, wenn ihm eine solche 
Darstellung, wie die der Gesetze, überhaupt möglich sein 
sollte. Man erinnere sich nur an die berühmte Erklärung 
der Republik über die Nothwendigkeit, dass die Philo- 
sophen herrschen, an die Entschiedenheit, mit welcher 
der Politikus so gut, als die Republik, alle andern Ver- 
fassungen, ausser der Platonischen Aristokratie, als^sehlecht 



,I>le ipalere Form der Platonischen Lebre. 327 

und verfehlt zurückweist, an die durch alle Platonischen 
Schriften von Anfang an sich hindurchziehende Polemik 
gegen die unpbilosophische Tugend und Staatsknnst >), 
und andererseits an die Freiheit, mit welcher Plato sonst 
die Volksreligion beliapdelt ^), und die untergeordnete 
Stellung, die er der Mathematik anweist % man vei^gleiche 
damit, die (Erstellung der Gesetze, welche die Forderung 
einer philosophischen Grundlegung für den Staat so gut 
wie ganz aufgeben, die religiösen Vorstellungen mit pe- 
dantischer Feierlichkeit behandeln, und auch die einzige 
theoretische Wissenschaft, die sie verlangen, die Mathe- 
matik, acht pythagoreisch in den Dienst der Religion 
ziehen, und man wird sich die weite Differenz zwischen 

. dem philosophischen Standpunkt der Republik und dem 
der Gesetze nicht verbergen können. Die freudige Selbst- 
gewissheit und Freiheit des JPhilosophen ist hier einer 
trübseligen und schwuuglosen Aengstlichkeit gewichen, 
die an der praktischen Kraft des wissenschaftlichen Dm- 
kens Yßzweifelnd, sich von diesem auf den religiösen 
Glauben zurückzieht. Eine höchst bedenkliche Abweichung 
von der älteren Platonischen Lehre ist endlich, was hier 
über die böse Weltseele gesagt wird; denn jene findiBt 
die meti^^hysische Ursache des Bösen immer nur in der 

* Materie, und lägst sie auch der Weltseele das ^dv^gov^ 
als ein dem materiellen verwandtes Element beigemischt 
sejn, so steht dieses doch in ihr unter der Herrschaf t des 
idealen Elements, und kann nicht in die materielle Un- 
bestimmtheit und die Schlechtigkeit ausarten; während 
die Gesetze (X, 896, £ f.) auch Irrthum und Schlechtig- 
keit von der durch's All verbreiteten Seele bewirkt sein 
lassen^ weiss sie der Timäus S. 37 uur.als das Princip 



1) S. ©♦ S* 155 ff. 

3) S. o. S. 305 uad Fiat $tud, S. 44 f. 
S) 8* o. S» 178 f. 



S28 - DU spatere Form der Flatoniftcben Lehre. 

des wahren Wissens und der richtigen Vorstellung zu 
betrachten. 

Aehnlich verhält es sich nun auch mit der Ethik der 
Gesetze, t Dass von den vier Kardinaltugenden der Pla- 
tonischen Sittenlehre hier die Tapferlieit und Besonnen- 
heit überwiegend hervorgehoben werden, kann allerdings 
nicht schlechthin als unplatonisch bezeichnet werden ; es 
sind diess dieselben Tugenden, fiir welche auch die Re- 
publik die Masse der Bürger allein heranbilden will; -nur 
für die Regierenden kommt dazu auch noch die Weisheit. 
Hatten daher die Gesetze einmal auf den philosophischen 
Staat verzichtet, so war es natürlich, dass ihnen nur jene 
zwei Tugenden übrig blieben, und für die Regierenden 
höchstens das Analogon der in der Republik geforderten 
Weisheit verlangt werden konnte, das im zwölften Buch 
dieser Schrift geschildert» ist. Aber theils kommt auch 
hierin nur das Abweichende ihres ganzen Standpunkts 
von dem der früheren Schriften weiter zum Vorschein, 
theils lässt sich die Art, wie der Begriff der Tapferkeit 
in den Gesetzen gefasst, wie diese Tugend der Besonnen- 
heit gegenüber hintangesetzt, wie die ganze psychologische 
Grundlage der Platonischen Tugendlehre nrcht allein )gno- 
rirt, sondern auch geradezu bestritten wird, aus dem an- 
gegebenen Grunde noch nicht rechtfertigen ^) ; diese Züge 
setzen vielmehr voraus, dass der Verfasser von den be- 
treffenden früheren Bestimmungen wirklich abgekommen 
war. Die Art vollends, wie den Gesetzen zufolge durch 
das Mittel der Trunkenheit^) Mässigung hervorgebracht 

1} Denn dass die Gesetze »nicht für philosophische Leser geschrie- 
ben« waren (Vögeli S. XIII)^ beweist nicht, dass Flato darin 
seinen philosophischen Ueberseugungen widersprechen, son- 
dern höchstens, dass er einen Theil Ton diesen verschwei- 
gen lionnte*' ^ 
> 3) Nicht blos der Trinkgelage, wie Stallbaum S. 41 behauptet; 
6« Gess* I, 637, D: Xiyco S" ovm oXvov ni^i noaevts ro naganav 
tj fj^tjy fti&fjQ Si uvviji ni^t. 638, C. 64Ö, D. 645, D. 646, B. 



Die spätere Form der Platonischen Lehre. S39 

werden soll, und wie sich der Verfasser mit diesem selt- 
samen Funde breit macht, muss wohlJedem, der von der 
Republik herkommt, und sich der geistigeren Mittel erinnert, 
durch welche sie zur Besonnenheit anleiten will '), den 
Eindruck* machen, dass Plato damals, als er die Republik 
verfasste, dieses nicht geschrieben haben wurde. 

Ob er es nun freilich nicht später geschrieben hat, 
und ob er nicht trotz der angegebenen Abweichungen 
von seiner früheren Lehre doch fortwährend nir den Ver- 
fasser der Gesetze zu halten ist, diess ist eine Frage, 
deren erneuerte Untersuchung uns viel tiefer in littera- 
risch kritische Einzelheiten führen würde, als uns hier^ 
gestattet ist. Doch will ich das Bekenntniss nicht zurück- 
haltcfn, dftss mir die Unächtheit der Gesetze nicht mehr 
ebenso fest steht, wie früher. Muss ich gleich auch 
von dem, was ich über die formellen Mängel dieser Schrift 
gesagt habe, das Meiste fortwährend für richtig halten, 
und ebenso In den zahlreichen Anklängen an frühere 
Platonische Schriften zu einem grossen Theile wirkliche 
Reminiscenzen erblicken, so hat doch theils das Zeugniss 
des Aristoteles grössere Bedeutung für mich gewonnen, 
als früher, theils muss ich zugeben, 4ass die Schrift 
von den Gesetzen, trotz aller ihrer Mängel, doch für die 
Männer der altern Akademie, so weit wir diese sonst 
kennen, immer^noch zu bedeutend, und namentlich die 
genaue Kenntniss und Berücksichtigung der attischen 
Gesetzgebung das Werk eines sehr gereiften Geistes zu 
sein scheint, theils getraue ich mir auch nicht mehr fest- 
zusetzen, wie weit Plato in seinem hohen Alter der 
wahre Geist seiner Philosophie und die künstlerische 
Virtuosität in der Darstellung verloren gehen konnte« 
Auch di^ neuere Zeit hat hierüber allerdings merkwür- 
dige Beispiele aufzuweisen ; man hat in dieser Beziehung 



1) Vgl, Eep. III, 410, B ff. u. A. 



SSO Die spittereForm derPlatonischen Lehr«. 

niebt mit Unrecht an v den zweiten Tlieil des Faust und 
das Verbältniss der jetzigen Scbelling'scben Philosophie 
zur früheren erinnert. Auch die doppelte Gestaltung des 
Ficbte'scben Systems Hesse sich zur Vergleicbung bei- 
bringen. Vollständig passt nun freilich lieine von diesen 
Parallelen: bei Göthe können wir den Uebergang vom 
Dichter des Götz und des Faust zum ,,alten Henrn^ durch 
eine Reibe von Mittelgliedern stetig verfolgen, Fichte 
und Scheliing haben ihre Systeme überhaupt nie zu voll- 
ständiger wissenschaftlicher Entwicklung gebracht, und 
der Letztere namentlich sich v6n Anfang an in den ver— 
jichiedenartigsten Uarstellungsformen herumgeworfen ; bei 
Piato dagegen fehlen uns die Uebergänge von der Re- 
publik zu den Gesetzen (denn auch der Timäus, der sich 
überdiess in manchen Parthieen sehr eng an das Werk 
des Philolaus anzuschliessen scheint, und dem der gut- 
geschriebene Kritias folgt, kann hiefür nicht genügen), 
während doch zugleich diesem letztern Werke eine solche 
Reife seines philosophischen und schriftstellerischen Cha- 
rakters vorhergeht, dass wir einen plötzlichen Umspmng 
in demselben kaum erwarten können. Insofern scheint 
die Nachricht, dass die Gesetze erst nach Piatos Tode 
von einem seiner Schüler herausgegeben worden seien, 
einen erwünschten Ausweg darzubieten, um wenigstens 
einen Tfaeil von dem, was uns in dies^ Schrift als nn- 
platonisch auffallt, von Plato's Schultern wegzunehmen 0* 
Hat Plato selbst nur einen unvollendeten Entwurf der 
Gesetze hinterlassen, in dem zwar einzelne Abschnitte 
schon vollständiger ausgeführt, von anderen dagegen erst 
nachlässiger gearbeitete Bruchstücke und vereinzelter 
stehende Andeutungen vorbanden waren, und sind diese 
Bruchstücke erjit von einem seiner Schüler verbunden, 



1} Vgl. hierüber die guten Bemerliungen von Michelbt a. a. O. 
3« 867| der zuerst diese Hypothese weker verfolgt bat* 



Die s^pätere Form der Flatonit^hen Lehre. SSI 

ergäozt^ tlieilweise wobi auch stylisirt wordeD, so lies»e 
sich einerseits reeht wohl erklären , wie das so entstan- 
dene Ganze, von Anfang an als ein Platonisches Werk 
behandelt werden konnte, andererseits wären wir zu der 
Vermuthung berechtigt, dass Manches, was wir Plato 
nichts gut zutrauen können, von dem Bearbeiter herrühre, 
ja es wäre nicht undenkbar, dass dieser auch das Ganze 
ans einem Gesichtspunkt behandelt hätte, durch den es 
in einen schrofferen Gegensatz gegen die früheren Pla- 
tonischen Werke gestellt wurde, als diess in Plato's ur- 
sprunglicher Absicht gelegen war. Man könnte z. B. un- 
ter dieser Voraussetzung annehmen, dass Plato zwar nach 
dem Musterstaat der Republik in den Gesetzen auch noch 
die Mittel angeben wollte, durch die ein Staat selbst unter 
den gewöhnlichen Verhältnissen jenem Ideal näher ge- 
bracht werden könnte, die Aeusserungen dagegen, welche 
dieses als schlechthin unausführbar bezeichnen, dem Ueber- 
arbeiter angehören; dass ebenso nur dieser es sei» wel- 
cher vielleicht aus etwas von Plato nur hypothetisch Ge- 
sagtem die dogmatischen Sätze über eine doppelte Welt- 
seele gemacht habe u. s. w. Eine uicht unbedeutende 
Veränderung in der Denkweise des Philosophen müssten 
wir aber auch dann zugeben, denn der Plan des Gan^n^ 
der Entwurf einer Stliats Verfassung, welche siatt der 
Phil^ophie und der philosophischen Tugend nur auf die 
gewöhnliche RechtschafFenheit, die Religion und die der 
Religion dienstbare mathematische WissenscJiaft gegrün- 
det sein soll, mwm doch auch in diesem Fall ihm selbst 
angehören. Im Einzelnen lässt sich dann aber frelli<|i 
nicht niehr mit nSicherhett ausmachen , was von dem ur- 
sprünglichen Verfasser, und was von dem spätem Bear- 
beiter herrührt. 

Wie es sich aber hiemit verhalten, und wie manchen 
Bedenken diese Frage Raum geben mag, so viel steht 
jedenfalls sicher, dass die Gesetze den Anfang eiuer Um- 



3S2 Bie ältere Akademie. 

• 

g^estaltung des Platonischen Systems enthalten, welche 
sofort von der altern Akademie weiter gefDhrt und voll- 
endet worden ist. Die dialektische Flüssigkeit und geist- 
reiche Idealität Plato's gieng in dieser mehr und mehr 
in einen traditionellen Dogmatismus über, der zwar die 
äussere Form des Systems ausdrücklicher feststellte^), 
aber arm an wirklich philosophischem Gehalt den Mangel 
desselben theils durch empirische Sammlung und Anwen- 
dung, theils durch Anschliessung an die populär religiöse 
Vorstellung und die halb mathematische halb theologische 
Mystik der Pythagoreer zu ersetzen suchte, und erst in 
der folgenden Periode demSkepticismus der mittlem und 
neuern Akademie Platz machte. 

Die nächste Erscheinung dieses Dogmatismus ist die 
Umgestaltung der ideenlehre in eine Zahlenlehre, von 
der uns besonders Aristoteles im 13. u. 14 Buche der 
Metaphysik und seine Ausleger Kunde geben« Schon das 
verdient alle Beachtung, dass die Schüler Plato*s jenen 
Angelpunkt seines Systems durchaus nur in der mathe« 
matischen Form behandelt zu haben scheinen, in die er 
ihn in den Vorträgen seiner späteren Jahre gefasst hatte ; 
nur dieser erwähnt wenigstens Aristoteles, so oft er 
Eigenthümliches von der Lehre der Platoniker über die 
Ideen anführt. Der Einsicht in den philosophischen 6e< 
halt der Ideenlehre ist diese Form nicht günstig, um so 
mehr musste sich aber eine Denkweise von ihr ange- 
sprochen finden, die überhaupt mehr mit festen dogmati- 
schen Voraussetzungen zu rechnen, als mit dem ächten 
Plato 2) diese Voraussetzungen in den Begriff aufzuheben 
geeignet war ^). Wir sehen aus diesem Grunde die äl- 

1} Nach SxxTut adv. Math. VIT, 16 "war Xenokrates der Erste, wel- 
cher die Eintheilung der Philosophie in die Logili, Physik imd 
Ethik ausdrucklich aufteilte. 

t) S. o. S. 178 f. 

S) Ein auffallendes Beispiel dieser dialektischen Unbehülflichkeit 
giebt das Fragment des Xenokrates bei Sxxtus ad?* Math. XI^l. 



Die ältere Akademie. 333 

tern Akademiker sich in vielfachen Spekulationen über 
das Verhältniss der Ideen zu den Zaiilen, die Entstellung 
der Zahlen aus den Urgriinden, den richtigen Ausdruck 
und die nähere Bestimmung; für diese abmühen O9 ohne 
dass es ihnen doch irgend gelungen wäre, über die Sätze 
ihres Lehrers mit andern als solchen Annahmen hinaus- 
zukommen, durch welche der Platonische Standpunkt nach 
der einen oder der andern Seite hin verlassen wird. — 
Was zunächst das Verhältniss der Ideen zu den Zahlen 
betrifft, so erfahren wir aus Aristoteles ^), dass es hier« 
über unter den Piatonikern seiner Zeit drei Ansichten 
gab: die ursprünglich Platonische, welche die Idealzahlen 
von den mathematis(3hen unterschied, diejenige, welche 
nur die mathematische Zahl annahm, diese aber ebenso, 
wie Plato die Ideen, von den sinnlichen Dingen getrennt 
existiren Hess, und die, welche umgekehrt die mathema- 
tische Zahl mit der idealen in der Art identificirte, dass 
jene durch diese aufgehoben wurde ^)» Einige nahmen 



13 Welchen Werth die älteren Akademiker der Mathematik beileg- 
ten, kann ausser dem gleich Anzufahrenden und dem oben 
(S* 243, 2) Angeführten auch die Schrift des Speusipp über die 
pythagoreischen Zahlen zeigen, Ton der wir uns aus den Anga- 
ben der Theologumena Arithm. S. 61 ffo eine ziemlich deut- 
liche Vorstellung machen können« Nach einer Abhandlung über 
die ebenen und körperlichen Figuren , jhre Verhältnisse und die 
Ableitung der fünf Elemente aus denselben folgte hier eine die 
Hälfte der Schrift einnehmende Erörterung über die Zehnzahl 
Ton der a. a. O. ein ausHihrliches alle Vorzüge und Eigenschaf- 
ten dieser Zahl sorgfaltig hervorhebendes Fragment mitgetheilt 
wird* Und doch wissen wir aus andern Nachrichten , z« B« 
Theophbast Metaph« c. 3, dass es Speusipp andern seiner Mit- 
schüler, wie dem Hestiäus, und vor Allem dem Xenokrates, in 
der Zthlenspekulation lange nicht gleich that. 

2) MeUph. Xlil, 6. 1080, b, 11 ff. c« 9. 1086, a, 2 ff. c. 8. 1083, 
41, 27 ff. vgl. XIV, 3. 1090, b, 31 f. und über die Ansicht, wel- 
che nur die mathematische Zahl annimmt: XIII, 1. 1076, a, 34. 
c. 2. 1076, b, 11. XlV, 2. 1090, a, 4 fr. c. 3. 1090, a, 25. Vil, 
2. 1028, b, 24. 

5) Was Bbabdis de perd. Arist. libr. S. 45 ff« und TnvDMtwsBVM 



334 * Die ältere Akademie* * 

aueh aa, nar die Ideea existireo getrenut für sich, die 
matiieiBatiscIien Bestimmiingeii dagegen, obwohl sie ein 
Mittleres zwischen den Ideen nnd den sinnlichen Dingen 
sein sollten, nur in diesen 0* ^^^ diesen Annahmen 
wird nun die zweite von den Coromcntatoren auf Xeno- 
icrates zurückgeführt, zu dessen sonstigem pythagoraisi- 
rendem Wesen sie auch vollkommen passt ^); ob wir bei 
der dritten anSpeusipp zu denken haben, lässtsich nicht 
sicher ausmachen; nur so viel sieht man aus Allem, dass 
schon die ersten Nachfolger Plato's sieh in die mathema- 
tische Fassung der Ideenlehre verwickelten und über dem 
Versuche, das, was seiner Natur nach nur Symbol der 
Idee sein konnte, für iht*e dogmatische Erklärung zu be- 
nutzen, auf entgegengesetzte Auswege geriethen, deren 
aber jeder, wie diess Aristotelks wiederholt nachweist, 
mit eigenthümlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat — 
Aehnliche Differenzen finden sich auch hinsichtlich der 
Elemente, aus denen die Zahlen abgeleitet wurden. Plata 



Fiat de id. el num. doctr. S« 7Sf* als vierte Meinung anfuhren, 
dass Einige die mathematische Zahl gans aufgehoben, und nur 
die ideale übriggelassen haben, ist ohne Zweiiel von der von 
uns zuletzt angeführten Bestimmung nicht wesentlich verschieden, 
denn in der Hauptstelle Metaph. XUI , 9 werden diese heiden 
Ansichten nicht mehr unterschieden 5 der Metapb, Xllf, 6» 1080«' 
b, 21 angedeutete Unterschied beider seheint daher nur darin 
zu bestehen, dass die Einen sagten, es gebe nur die ideale Zahl, 
die Andern noch ausdrücklich beifugten , auch die mathematische 
falle mit dieser zusammen. 

1) Melaph. III, 2. 99S, a, 7. 

2} Staia^s b. BHA.NDU a. a. O. , der sieh für seme Angdse auf 
Alexa^stdeb vonAphrodisias beruft; Psbudo- Albxa.isdbb(Michabl 
V. Ephesus ) Schol. in Arist. ed. Br. S« 818, b, 3 womit sich 
andere Angaben (bei Bbaudi^ a. a. O.) freilich nur theil weise 
durch die Annahme eines ungenauen Ausdrucks vereinigen lassen. 
Die Annahme Ravaissons (Sur la Metaphysique d'Aristote 1, 
178. 338)9 dass diese Ansicht nicht dem Xenohratcs, sondern 
dem Speusipp angehöre, lässt ihre nähere Begründung noch 
erwarten,* kann aber schwerlich yiel für sich anfuhrt* 



Die Ültere Akademie. 3S5 

hatte das Eins und die Vielheit, oder auch das Eins und 
difts Unendliche (Grosse und Kleine) als die Principien 
genannt, aus denen Alles, auch die Idee, zusammeng^esetzt 
sei, und das zweite dieser Principien in seiner Anwen- 
dung auf die Ableitung der Zahlen auch als die unbe- 
stimmte Zweiheit bezeichnet ^). Dieselbe Lehre wurde 
von seinen Schülern weiter verfolgt, ohne dass sie sich 
doch iiber die Natur jener Elemente durchaus gleichmässig 
äusserten. Statt des Grossen und Kleinen setzten Einige 
die Vielheit; Andere das Ungleiche, das dann wHter bald 
als das Grosse und Kleine, bald als das Viel und Wenig, 
bald als das Mehr und Minder bezeichnet wurde, eine 
dritte Ansicht nur überhaupt das Andere oder die unbe« 
stimmte Zweiheit ^) — an sich freilich unerhebliche Differen- 
zen, die aber doch als ein Beweis der Verlegenheit, in 
der sich die älteren Akademiker hier befanden, und der 
Mühe, die sie sich mit diesen Untersuchungen gaben, von 
Interesse sind. < Hinsichtlich des andern Elements, des 
Eins, wichSpeusipp nicht unbedeutend von seinem Lehrer 
ab, wenn er dieses nicht, wie Plato, mit dem Guten für 
identisch, sondern nur für einen von den Bestandtheilen 
des Guten gelten lassen wollte, aus Furcht, das dem Eins 
Entgegenstehende sonst für das Böse erklären zu müssen ^), 
und hieran knüpfte sich ihm eine Reihe weiterer Bestim- 
mungen, die eine tiefgehende Umbildung der Platonischen 
Lehre enthalten. Indem er nämlich die Beobachtung, 
dass sich Alles ans der Unvollkpmmenheit zur Vollkom- 
menheit entwickle, auch auf das Universum übertrug, 
und demnach behauptete, dass das Beste nicht am Anfang 



1) S. o. S. 237 ff. u. m. Pkt. Stud. S. 216 ff. 

2) Abist. Metaph. JCIV, 1. 1087, b. 1088, a. 15 c» 2. 1088, b, 28» 
XIV, 5. 1092, a, 35. Vgl. m. Plat. Stud. S. 220. 

3) Abist. Metaph. XIV, 4. 1091, b, 13 ff. 32. vgU XII, 10. 1075, 
a, 36. XU, 7* 1072, b, 30. £th. Nik. I, 4. 1096, b, 5 und zm 
der erstem Stelle m. Plat. Stud. S. 277 und Kbischi Forschungen 

' U.S.W. I, 254 ff. 



336 Die ältere Aliademie* 

sei, andererseits aber das Eius als einen der Urgriinde 
festliielt, so ergab sich ihm hieraus die Behanptung, dass 
das gute und vollendete Sein aus dem unvollkomme- 
nen hervorgehe, dass daher der erste Urgrund, das Eins, 
nicKt allein nicht das Gute, sondern strenggenommen nicht 
einmal ein Seiendes genannt werden könne ^). Jene Ent- 
wicklung nun scheint Speusipp als einen reinen Natur- 
process beschrieben zu haben, und daher der Vorwurf^), 
dass er an die Stelle der Gottheit eine Naturkräft, d. h. 
die Weltseele setze, die er allerdings etwas materialistisch, 
als räumlich durch's Universum sich ausbreitend gefasst 
haben muss^). Um so mehr mochte er sich aber dadurch 
aufgefordert finden, die Gottheit, als die absolute Vernunft, 
sowohl von dem unvollkommenen Urgründe, dem Eins, 
als von dem gewordenen Vollkommenen, dem Guten, zu 
unterscheiden ^). -* Fragen wir endlich nach der Ent- 

1) Metaph. XII, 7. 1072, b, 50: oaot Si v7TolafißQLVov.ot,v ^ wan^Q oi 
IIv&ayoQtioi Mml ^Ttsva&nTros ^ to HaXXiarw k«1 agtatov fiTJ iv 
d^XjJ 6tvat, did ro nal t(uv (pvTtiv xai tcvy ^(owy raff dgxds 
al'r&a fitv slvaif vt* 3b ftalov xal Tilnov Iv toU in Toirmv^ .ovn 
oQ&(os oi'opTai, XIV, 5, Anf, ovtt 6g&(os $*' tTtolafißdrsi ov^ 
tV TiC TragtiKa^st rcec rov okov dgxds rtj tmv ^wojv xal (pvriovy 
oTi' iS dogiartav dxehuv Si dil td rsletoTtga , dio mU ml xoiv 
ngojTOiv ovTOiS t'xav (ptjaiVy wazs p,7jBt ov r* slvvn to *$v avzo^ 

3) Cic. Nat. J)e. I, 13: Speiisippus vim juandam äicens, qua omma 
re^antur, eamque animalem, evellere ex animis conatur cogTiitionem 
Deorunu Im Uebrigen darf man die Unzuverlasstgkeit dieser, 
aus epikureisdier Quelle geflossenen Darstellung nicht übersehen* 

3) Stob. Ekl. I, S. 862 J iv ISit^ rov ndvwtj ,dkaQTarov ^ndtomnoi 
(sc. tvTid"i]<n Tt}v ovatav rys yf^xv^)» Theophbast Metaph^ 9. 
322, 12: JSTtsvOimtoi tmdviov t* t6 rlaiov noist %6 nsgl f^v 
rov f^iüov x(»Qo^y' td d'Sxga koU ixaTdgatd'sv, welche ohne Zw«!'* 
fei verdorbene Worte von BrrTK« II, 530 und Hbisceb Fw- 
schungen auf dem Gebiete der alten Philosophie I, 258 tvobl 
richtig in dem obigen Sinn gefasst werden* Speusipp scheint 
die YOn ihm eigentlich genommene Platonische Darstellung (Tim. 36, 
£) mit der pythagoreischen Lehre n>m Genlralfeuer combinirt 
£u haben. 

4) Stob. Ekt* I, 58: ^Jtev9*W7to9 top yovv ovrs tu ivl ovt§ t^ 
dya&(S TOP avrov^ I^tocpv^ di» 



Die allere Akademie. 337 

stehuog der Zahlen aus den Urg;ründeD uod der Dinge 
aus den Zahlen, so scheinen auch hierüber verschiedene 
Ansichten geherrscht zu haben. Speusipp muss sich die- 
selbe, nach dem eben Bemerkten, als eine zeitliche Ent- 
wicklung gedacht haben, wogegen Xenokrates gegen diese 
Vorstellung protestirte 0- ^on Speusipp wird ferner be- 
richtet^), dass er sich mit den von Plato angenommenen 
drei Klassen von Wesen (die Ideen, das Mathematische 
und das Sinnliche) nicht begnügt, sondern auch die ver- 
schiedenen Unterarten, wie die Zahlen, die Grössen, die 
Seele als ursprünglich verschiedene Klassen betrachtet, 
«nd für jede derselben besondere Principien vorausgesetzt 
liabe^), und Xenokrates, welcher die eigenthümliclie Be» 
deutung der Ideen durch ihre Identificirung mit der ma- 
thematischen Zahl aufgegeben hatte, setzte an die Stelle 
jener Unterscheidung die des aia&ijvov, vontov und dolaa- 
TOP, unter welchem Letzteren er aber den Himmel ver- 
stand^*). Ob Speusipp seine Annahme mit der Zahlenlehre 
in n«ch genauere Verbindung brachte, und in den zehn 
ersten Zahlen die Princfpien für die verschiedenen Klassen 
des Seienden suchte ^), lässt sich nicht ausmachen, so 
hoch auch die Bedeutung und Vollkommenheit der Zehu- 
zahl von ihm gepriesen wird^); dass aber Andere diesoa 
Weg einschlugen, sehen 1;? ir aus der Angabe des Aristo- 



i) Abist. De coel, I, 10. 279, b, 32. Mctepb. XIV, 4, Anf. und 

die Commentatorcn zu beiden Stellen S. 488, b f. 827, b f* b. Bbabbis. 

?) Abist. Metaplv VII, 2- 1028, b, 21 ^ vgl. XII, 10, 1075, b, 37. 

3) Auf denselben könnte man auch die Angabe bei Abist. Metapb. 
XIU , 9. 1085 , a, 7 ff. bezieben , dass ein Theil der Flatoniker 
die verschiedenen Arten matbematiscber Grössen aas den ver- 
schiedenen Arten des Grossen und Kleinen abgeleitet habe; 
doch rührt diese Ableitung vielleicht schon von Plato selbst her ; 
s. Metaph. I, 9. 992, a, 10 ff. und d^su AlbxAitdep Schol, 
S. 581, a. %.' 

4) Sbxtus adv. Math. VII, 147- 

5) Rittbb Gesch. d. Phil. II, 551. 

6) In dem oben erwähnten Fragment Theol. Arithm. S. 62 ff* ^ 
Die Philosophie der Griechen. U. Theil. 22 



\ 



33g Di« ältere Akademie, 

tfiLBS^):' einige Platoniker gehen in der Ableitung der 
Zahlen nur bis tut Dekas, als der Yollkommenen Zahl, 
fort, und führen auch die verschiedenen Kategorieen, wie 
das Leere, das mathematische Verhältniss, das Ungerade 
n. s. f. auf die Zahlen innerhalb der Dekas zurück, indem 
sie dieselben theils den UrgriindeB (dem Eins und der 
Bubestimmten Zweiheit), theils den aus dieseu entstan- 
denen Zahlen zueigiien. Als ein solches, das auf die 
Urgrände zurückgeführt mrurde, nennt Aristoteles nament- 
lich die Gegensätze der Ruhe und Bewegung, des Guten 
und Bösen ^). Wie jedoch die einzelnen Zahlen und aus 
den Zahlen die übrigen Dinge abzuleiten seien, scheinen 
sich die Platoniker theils gar nicht, theils widersprecheoü 
beantwortet zu haben; wir sehen wenigstens aua Ari- 
stoteles, dass sie zwar die Entstehung der Zahlen mit 
mystischen Formeln zu erklären suchten^), dagegen In 
dieser Erklärung nicht weiter fortglengen, und die Zahlen 
bald als unbegrenzt, bald als begrenzt durch die Dekas 
beschrieben^), ebenso auch hinsichtlich der geometrisehen 
Grössen verschiedene Wege einschlugen, indem die Einen 
diese aus den Arten des Grossen und Kleinen entstehen 
Hessen, aus dem Langen und Kurzen die Linien, aus dem 
Breiten und Schmalen die Flachen, aus dem Tiefen und 
Flachen die Körper, Andere dagegen aus dem Punkte, als 
dem der Einheit Entsprechenden, und einer Art Materie, 
die der Vielheit entsprechen, obwohl nicht die Vielbelt 
selbst sein sollte ^)\ mit der ersten Ableitungsweise stand 

1) Metapb. XI IJ, 8. 1084, a, 12. 31 ff« Tgl. Tukoprb. Metaph. c. 3. 

' 2) Eben diese letztere Angabe macbt es wahrscheinlich, tlass wir 

hier nicht zunächst an Speusipp, der das Gute und Böse top 

dem Eins ond der Vielheit bestimmt unterschied , sondern wohl 

eher an Xenokratcs xu denken haben. 

• 5) Mclaph. XIII, 7, 1082, a, 13. 

4) Metaph. XII, 8. 1073» a, 18. XIII, 8. 11084, a, 12. XIII, 9. 1085, 
b, 23. XIV, 4 Anf. Phys. III, 8- 206, b. 30. 

5) S. o. S. 337, 3 — eine ähnliche Differenz erwähnt Metaph. VU, 
11. 1036, b, 13. 



Die ältere Akademie SS9' 

vielleicht dieBeliauptuDg;^) in Verbindung, dass die Zwei- 
heit dth Zaiil und als solche die formelle Ursache der 
Linie sei, die Dretzahl die der Fläche, die Vierzahl die 
des Körpers. Kam aber diese Theorie schon mit der Ab- 
leitung des Mathematischen in's Gedränge, so konnte sie 
natürlich noch weniger das konkrete Dasein aus ihren 
Principien erklären, und sie scheint hier nach allem, was 
wir aus Aristoteles abnehmen können, ganz bei den un- 
bestimmten und willkuhrlichen Analogieen stehen geblie- 
ben zu sein, von denen uns dieser einige Beispiele auf- 
bewahrt hat ^), und denen namentlich Xenokrates ergeben 
gewesen zu sein scheint; Theophrast wenigstens sagt 
diess Ton ihm^), und diese Aussage wird durch die An- 
gaben bestätigt, dass Xenokrates das Göttliche demgleich« 
seitigen, das Sterbliche dem ungleichseitigen, das Dämo- 
nische dem gleichschenkligen Dreieck Verglichen ^), und 
dass er die Seele als eine sich selbst bewegende Zahl 
defiuirt habe ^}. Nur um so auffallender ist aber freilich 
neben dieser Vorliebe Tür mathematische Formeln eine 
sowenig mathematische Behauptung, wie die Xenokratische 
Annahme der untheilbaren Linien ^)» 



Metaph. XiV, 3. 1090, b, 20 vgl. VII, 11. 1036, b, 12. Be ait 
I, 2. 404, b, 18 ff. Sybiah lu Metaph. XIII, 9 bei Bbakdis de 
perd. Arist. libr. S. 42 f. 

2) Metapb.XIII, 8. 1084, a, 32. I, 9. 991, b, 10 vgl. XIV, 5. 1092, 
b, 10. 

3) Metaph. c. 3 S. 313 ed. Bb. ; die Meisten geben m der Ableitung 
der Zahlen nicht weit, ausser Xenokrates; ovros yaQ anavra 
TT(tDi TTSgiTi^tjai, na^l iov xoafiovj Ofiolojs ala^rjta ual voritd nal 
ltui&ijßar*»a , nal hi $^ ra ^«1«. Aebnlicb, wird bettierlit^ 
mache es auch sein Mitsdiüler Hestiä'us, weniger gelte diest ron 
Speusipp. 

4) Plutabch def. or. c. 13> 

5) Abist, de an. I, 2. 404, b, 27. Anal. post. II, 4. 91, a, 37* Cie. 
Tusc. Qa. I, 10, 20. Flut. an. proer. 1, 5. vgl. c. 2. 

6) M. s. über diese Ritteb Gesch. d. Phil. S. 536. 541. Uebrigens 
ist zu bemerlien, dass auch Herahlides eine, nur nocb gröbere, 
Atomenlehre vortrug. S. Rbiscik, Forschungen I, 332 f« 

22* 



249: ^^^ ältere Äkademi«. 

Mit 4iefl6m Dogmatlsmim hängt nun auch der religiöse 
Charakter dieses späteren Platonismus zusammen. Piatos 
freies Verhältniss zu den religiösen Vorstellungen war 
hier natürlich nicht möglich, dieselbe Verehrung der 
Auktorität vielmehr, welche die Akademiker bei einer 
dogmatischen Wiederholung sefnelr Lehre festhielt, musste 
sie auch zum Volksglauben zurückführen. Ein besonderer 
Anknüpfungspunkt für diesen lag aber in dem mathema- 
tischen Ciiarakter ihres Philosophirens. Hatte schon 
Plato die mythische Darstellung nicht entbehren können, 
um den Mangel an einem bewegenden Princip in den 
Ideen auf diesem Wege zu ergänzen, so mu«ste sie seinen 
Nachfolgern, welchen, von Piatos dialektischer Beweg- 
lichkeit wenig zu Theil geworden war, mehr und mehr 
zum Bedürfniss werden, und diese mochten sich einer 
solchen Darstellungsform um so lekhter bedienen, je 
näher ihre eigene symbolische Ausdrucksweise der my^ 
thischen stand, und je ausgedehnteren Gebrauch ihre Vor- 
gänger, die Pythagoreer, von dieser gemacht hatten. 
Speusipp nun, der überhaupt mehr ein logisch verständiger 
Kopf gewesen zu sein scheint, gieng in dieser Richtung 
noch nicht weiter, um so mehr aber der pythagoraisirende 
Xenokrates, wenn dieser seine Urgründe, die Monas und 
Dyas, mit den Pythagoreern ^uch als den männlichen 
u|id weiblichen Gott beschrieb, jener das Ungerade, die 
Vernunft und dfe Lenkung des Fixsternhimmels, dieser, 
die er auch die Weltseele nannte, die Beherrschung des 
Planetenhimmels zutheilend, wenn er im Zusammenhang 
damit, in einem übngens dunkeln Ausdruck, von. einem 
höchsten und einem tiefsten Zeus redete, die Gestirne 
als olympische Götter verehrte, neben diesen aber auch 
noch gute und böse Dämonen annahm, die durch Opfer 



1) S. über diese Plüt. an. proer. 2,2^. BiT^ca Geseb. d. Phil. I, 
*34 flf. 



/ , 



-Die altere Äl(ademi0. 341 

und Feste theils geehrt tfieils bescimicbtigt werden 
itiussen 0* Auch in der Lehre von der Seele seheint er 
der pythagoreischen Mythologie, deren Eihfluss schon 
bei seinem Lehrer stark genug hervortritt , eine bedeu« 
tende Stelle eingeräumt zu haben; wahrscheinlich liegt 
dem Ausspruch, dass die Seele der gute und hose Dämon 
eines Jeden sei^), die Vorstellung von der dämonischen 
Natur der Seelen zu Grunde ^), an die sich dann phan- 
tastische Spekulationen über den Präexistenzzustand und 
den Eintritt ins irdische Leben anschliesseh mochten, 
dergleichen von seinem Mitschüler, Heraklides aus Pon- 
tus, erwähnt werden*). , 

Wie wenig fibrfgens Xenokrates mit dieser Geistes« 
richtung allein stand, diess zeigt ausser anderen, in dem 
Obigen enthaltenen Spuren, namentlich auch die pseudo-^ 
platonische Epinomis. Diese Schrift stammt zwar schwer- 
lich schon aus der ersten Generation akademischer Phi- 
losophen ; Aristoteles wenigstens scheint sie nicht gekannt 
zu haben ^), und auch sonst enthält sie Manches, was auf 
eine etwas spätere Zeit hindeutet; doch dürfen wir sie 
trotz ihrer Gehaltlosigkeit und ihrer schlechten und schwer- 
fälligen Darstellung wohl immer noch einem Mitglied der 
altern Akademie zuschreiben, und als ein Denkmal des 
in dieser herrschenden Geistes betrachten. Da ist- es 
nun merkwürdig, wie weit sie sich vom ursprünglichen 
Piatonismus entfernt. Abgesehen von dem formellen Man- 



1) Die Belege s. bei Hitteb Gesch. d. Phil. II, 537 ^. Hbische For- 
schungen I^ 311 ff. vgl. (Bbasdis) Reo. von van Wynpcrsse de 
Xenocrate (wekhe Schrift mir leider nicht zu Gebote steht} in 
d. Heidelb. Jahrbb. 1824 Nr. 30 S. 479. 

3) Abist. Top. II, 6. 112, a, u.' Stob. Serm. 104, 24. 

3) Vgl Bbischb a. a. O. S. 321. 

4) Jamblich b. Stob'. Ekl. II, S. 904. 

5) Er erwähnt sie nirgends und äussert sich Folit. II, 6. 1265, b, 
18 in einer Weise, die eine Belianntschaft mit ihr positiv aus- 
zuschliessen seheint* 



342 P^^ ältere Akademiia. 

gel, 4ass sie atle dialektische Entwicklung; vermissen 
Iftsst, g^eht auch im Einzelnen ihres Inhalts der Charakter 
des Platonischen Philosojihlreus g^rosseiitbeils verloren. 
Als die höchste Wissenschaft, deren Besitz zum weisen 
Manne und zum guten Birger und Regenten mache, wird 
hier (976, C ff.) die Wissenschaft der Zahl gepriesen, 
die der Gott Uranos den Menschen verliehen habe, und 
^ demgemäss in der Schrift selbst hauptsächlich von der 
Bewegung und Stellung der Himmelskörper gesprochen; 
von der Wissenschaft dagegen, welcher nach {Platonischer 
Ansicht auch die Mathematik als blosse Vorstufe 'dient, 
der Dialektik, scheint, der Verfasser der Epinomis gar 
nichts zu wissen. Mit der Mathematik wird femer in 
ahnlicher Weise, wie in den Gesetzen, die Religion in 
Verbindung gebracht (S. 980 , C iF.) ? die aber hier zun 
gewöhnlichen Volksaberglauben herabsinkt, wenn die 
Epinomis (9S4, D tF.) sogar ziemlich ausführlich von ^Dä- 
monen und Halbgöttern handelt. Das Ganze ist überhaupt 
nichts Anderes, als eine Empfehlung der Mathematik in 
ihrer Verbindung mit der Theologie, und eine Gelegen- 
heit für den Verfasser, seine astronomischen Kenntnisse 
anszukramen; von Piatos philosophischen Ideen kommt 
darin kaum etwas zum Vorschein. 

Nur eine andere Folge des gleichen philosophischen 
Mangels war es, wenn die ältere Akademie in einen Em- 
pirismus gerieth, der Plato fremd gewesen war. Von dem 
Idealismus ihres Meisters zu der pythagoreischen Zahlen- 
Symbolik zuriickgesunken, setzte sie theils die religiöse 
Vorstellung an die Stelle des Gedankens, theils musste 
sie dem Einzelnen der Beobachtung eine Bedeutung ein- 
räumen, die ihm Plato^s auf die Idee gerichteter Geist 
nicht zuerkannt hatte. Jene Consequenz nun war vor- 
zngsweise bei Xenokrates hervorgetreten , dieser begeg- 
nen wir in Speusipps encyklopädischer Gelehrsamkeit *)» 

i) DioG, L. IV, 2. 5. Tgl. Btttbb II, 425 f. 



I 



»Die Sltefe Akadenie* 34S 

in seiner B^hanptung^, dasa die richtig^e Begrtflbbeirttoiiiun^ 
niclit blos die Kenntniss des Geg^enstands, sondern auch 
aUes dessen, von dem er sich nnterselieidet, voraussetze Of 
nnd in dem höheren Werthe, den er in Verg^leich mit 
Plato der sinnliehen Wahrnehmung beilegte, \9\e diesa 
sein Ausdruck: wissenschaftliche Watirnelimnng (inisttf- 
fiowjci? ai4T^rf<t*g) bezeichnet ^). Mit diesem Empirismiu) 
hieng dann auch die i^nnetunende Abwendung von speku- 
lativer Forschung und Bescliränkung auf die praktische 
Philosophie, und innerhalb der letztern die Scheu vor 
aller Uebertreibnng, die Richtung auf das Ausfuhrbare 
und Natnrgemasse zusammen ^ die an der Ethik der al- 
tem Akademie gerühmt wird^. Sehen anSpeusipps und 
Xenokrates Bestimmungen über die Glückseligkeit ^) lässt 



1) Themist. in Anal, post Jf, 13 f* 13 u. JSjiivaiTfTtoQ 8s ov naköje 
' k^ysi <pdaxojv dvayxaiov eivai^ xov OQi^Ofisvov yidvret eid^vat' 

iti f*if yaQt (pfjoiy YIVM0H61V raff Sta(fiOQds avvov -jrdaas alQ ti»p 
iAlatv i&6yfivox$»' dSvvarov da ^div<u rdi SicLg>o^di rdi Tt^s 
tttaarov , fti^ siBorai avxo enaarov. Dasselbe sagt, obne den 
Speusipp zu nennen, schon Abist, a. a. O. 97« a, 6 • dass aber 
dieser genveint sei, bestätigt auch Philopohus und ein Ungenann* 
ter bei Baabpis Sckol. 2^8 v a « der Letstere mit Berufung ai|f 
Eiidemus. 

2) Sextüs adv. Math. VII, i45. 

3) Z. B. von Cicero Acad. qu. II, 44. 

4) Glex. Alex. Strom. II, 306, A Stlb. SSirsvamno^ . • trjv gvSaa^ 
jAOviav (ptjalv e^iv 6iva& nXsiav iv roii natd ^v<f*v i'xovCH/* ij 
i'Siv ayad'üty. . . . ^evQXQdvtjs ra Kahn^Bovioi r^v svdaifiovlav 
dnodidwai ntijaiiß tiJ9 oiKtias d^sr^s Mal r^c vnrjQSTtHtji avrff 
dvvafiteoiS' eha ojS fiiv i» at yivexai. tpaivtrai Xiyeiv ttjv ^fv^yv 
(OS ä* v<p' dtv Tai d^sras ' ojS S* < J wv , cJc /uegdSv , raff nakds 
Tcgd^eu nal xcre anovSaias e^sis rs xai dia&iaui »a\ y-tvrjosii xal 
ax^oeiS* cwff tovtcov oim dvsv td aüj/iaviKa xal rd enros. Mit 
dieser Tendenz, die gesammte Natur des Menschen als berechtigt 
anzuerkennen , hängt wohl auch zusammen , dass Spensipp und 
Xenokrates nach Oitmpiodoh (angef. v. Gotsm im Journal des 
Savants 1835, 145) Krische a. a. O. S. 257) auch den unrer- 
nunftigen Theil der Seele unsterblich sein lassen, während es 
nach Plato nur die Vernunft ist* 



H4 DI" alters Akadenir«. 

•ich diese Elgenthamllcbkelt - uachweiMD ; das netarge* 
misse Leben ist scbim hier der Wahlspruch, za dl«en 
aber werden neben den geistiiren Gütern, die sefnHanpt- 
bestaadthei) sein seilen, auch die änsseren gereebaet; 
- ansdrÜGkllcher erklärte Polemo das nataram leqai fu^ das 
höchste Gnt ■), und wenn er zn diesem ausser der Tagend 
nichts Weiteres forderte ^), so wollte er damit doch 
keineswegs eine stoische Apathie lehren; Cicbro wenig- 
stens (a. a. O.) läast ihn abi das Höchste verlangen: 
kone$te rdvere , Jrnentem rebut iis, ijnas primas homini na- 
ivra conciliei nnd sein Mitschüler Krantor, der bewunderte 
akademische Moralphilosoph, erklärte sich ansdrSckJlieh 
gegen die stoische Schmerzlosigkeit >). Je welter sich 
aber die Akademie der Zelt nach ron ihrem Urheber ent- 
fernte, nm so mehr beschränkte sie steh auf eine popu- 
läre Ethik: hatte schon Xenokrates die praktische Ver- 
nünftigkeit von der theqretischen unterschieden *), und 
so das Ethische, das Plato dem philosophischen Wissen 
absolut untergeordnet hatte, ihm beigeordnet, so wird es 
TOD Polemo demselben übergeordnet, nenn er erklärt, 
man müsse sich durch Handeln üben, nicht durch dialek- 
tische Theorie*), und so gehSrt ilenn auch Alles, was 
uns die dürftigen Nachrichten der Alten über die Nach- 



Cic. Acad. Qu. Ij, 4}, 131. De Fin. IV, 6. 14. 
I^ Clbx> a. t. O. noU/uav fulvnat r^ liiatfimiav airäf/tutaw 
iJvat ßovi.Qfiivat äyttOtüv Tiäniur, ^ Tiäy TilitiiiTiiiy kbI /nyleTiuy' 

) ' epyfitttmv'v xal rm» mit, t^ äftr^r 

9) ( IS. Ac Qu. II, 14, 13«. FtBt. Com. ad 

I 
f) ■ , 370, B: (diiwitpar^c) tfjV ypivtitur 

(1 vnafxiir är&fomlr^v. 



Die allere Al&tdemie. 



345 



folg^er des Xenokrates fiberliefert* haben, fast aas nahmelod 
jener populären Moralphilosophie an, von der erst in der 
folgenden Periode Arcesllans v?ieder zu spekulativen Fra- 
gen zuriicklenkte* Nu|r der exoteriscbe Theil von Plato's 
Philosophie vererbte sieh mit den» Garten in der Akade- 
mie; der Erbe seines philosophischen Geistes war Ari- 
stoteles* 



Anhang zum zweiten Abschnitt. 

Weitere Untersuchungen über, den Zweck und die Composition des 

Platonischen Parmenides. 

Die im zweiten Theil des Parmenides gefllhrte Untersuchung über 
das Eins, von deren Erklärung die des ganzen Gesprächs abhängig ist, 
könnte, an und fiir sich genommen, aus einem dreifachen Gesichtspunkt 
aufgefasst werden: wasPlato in ihr beabsichtigt, ist entweder nur eine 
Belehrung über die philosophische Methode, oder eine direkte Dar- 
stellung gewisser Begriffe und Grundsätze, oder eine indirekte Vorbe- 
reitung und Beweisführung fUr solche. Die erstere Ansicht, schon 
bei den Neuplatonikem ', den alexandrinisehen sowohl als den italieni- 
schen aus dem 15. Jahrhundert, da und dort vorkommend (s. Stall 
BAVX Piatonis Parmenides S. 237 f. '242)) ist in neuerer 2^it durch 
ScHLEiBBXACHEB (Platon's Werke I, 2, 86if0 und Ast (PI. Leben und 
Schriften S. 239 ff.) ausgeführt, und vielfach gutgeheissen worden. (Kan 
Tgl. ausser den von Stalt.bavh S. 250 Genannten : Götz Piatons Par- 
menides, Augsb. 1826. s. bes. Vorr. S. IV ff. Kühn De Dialectica Pia- 
tonis Berl. 1843 S. 20. Fniss Gesch. d. Phil. I, 365, der noch über 
Schleiermacher hinausgehend den ganzen Dialog nur fär ein dialekti- 
sches Spiel und eine jugendliche Vorarbeit angesehen Svissen wül.) Die 
zweite ist durch Pbohlvs und die meisten Neuplatoniker , durch 
Mabsilivs Ficihtts , in neuerer Zeit durch GotiTi (ra. s. über diese . 
Stallbavm S« 239-245)» Tibdbnanb (Dial. Plat. Arg. 339 ff*)« ScHMinr 
(Piatons Parmenides Berl. 1821; vgl. meine Plat. Studien S. 164. 
Stallbaüm S. 250 f.) , Suckow (Diss. de Plat. Parm. Bresl. 1823 — ' 
ein ausfuhrlicher Auszug daraus bei Stallbaum S. 251 ff.), Wibck 
(De Plat philosophia part. I. Merseb. 1830 s. Stallbaüm S. 260 f), 
BicHTBB (De Ideis Plat S. 13. 42 ff.), Stallbavm (a. a. O.), Hbtdeb 
(Vergleichung d. Arist. upd Hegerschen Dialektik 1, a, 106 ff*) und 
Hbobl (Gesch. d. PhU. 1. A. II, 243 — in der 2. A. S. 208 hat der 
Herausgeber mit Rücksicht auf meine Bemerkungen in den Plat Stud. 
S. 165 f* eme nicht ganz unbedeutende Veränderung vorgenommen) 
unter den verschiedensten Modifikationen entwickelt worden. Die dritte 
habe ich in meinen »Platonischen Studien« S. 164 ff. zu begründen ver- 
sucht, nachdem sie schon firüher von TBH^BMA1IK (Syst der Plat. Phih 
II; 324 U 345) in der Annahme, dass der Parmenides eine Widerlegung 



Weitere Unter^^^bungea über des FarnvenMefi. 347 

der deatiBcltea Lehre du^cb %kh selbst sein solle, freilieb einseitig, 
vorgetragen worden war; mit meinen Resultaten haben sich auch 
Hbbmann (Gesuch, und SysU d. Plat I, 505 SL 665) und Bbasdis (Gr.- 
röm. Phil, ll, a, 234 ff.) in der Hauptsache einverstanden erldärt In- 
dem ich die Frage liier noch einmal aufnehme^ muss ich die Bekannt- 
schaft mit meiner frühem Untersuchung voraussetzen. 

Die erste der ebenerwähnten Auflßassungsweiseu kann theils das 
Fehlen jedes materiellen Resultats im Parmenides, theils Plato's eigene 
Erklärung (Parm. 136, A ff.) für sich anfuhren, dass es ihm mit der 
Erörterung über das Eins nur um die dialektische Uebiing (die yvfivaifia) 
und die Darstellung des richtigen dialektischen Verfahrens zu thun sei, 
und dass eben dieses Verfahren nicht blos beim Eins, sondern ebenso 
bei den Begriffen der Aehnlichkeit und Unähnlichkeit, der Bewegung 
und der Ruhe, des Entstehens und Vergehens, des Seins und Nicht- 
seins u. s.,w. Jb Anwendung gebracht werden müsste. Könnte jedoch 
der erste von diesen Gründen eben nur so lange etwas beweisen, als 
die Aufzeigung eines materiellen Resultats der dialektischen Untersuchung 
nicht gelimgeu- ist, so erledigt sich auch der zweite (auf den namentlich 
KüHv a, a. O. S. 24 viel zu grosses Gewicht legt}, sobald wir die 
Platonische Weise beachten, die Tendenz seiner Gespräche zu verstecken, 
und solches, das ihirch dieselbe wesentlich gefordert ist, oft nur als 
zufalliges Betwerk erscheinen zu lassen, man müsste denn behaupten 
wollen, dass nuch im Phädrus die Untersuchung über das Wesen der 
Liebe nur als ein Beispiel für die Darstellung der wahren Bedekunst 
SU betrachten sei, für das ebensogut irgend ein anderes hätte gewählt 
werden können, dass es dem Plato auch mit Erklärungen, wie die am 
Schlüsse des Protagoras (361, A), des Theätet (210, C vgl. S. 150, G), 
des Meno Ernst sei, dass aiich im Gastmahl die Rede des Alcibiades 
über Sokrates mit den Liebesreden in keinem Innern Zusammenhang 
stehe, und diese selbst nur ein Tafelscherz seien u. s. f. Ist nun hie- 
mit diese Ansicht nicht zu beweisen, so entscheidet ptksitiv gegen sie, 
wie ich auch früher schön bemerkt habe, dass sie uns weder den Zu- 
sammenhang zwischen dem ersten und zweiten Theil aufzeigt, noch der 
Vorstellung, die wir uns von der Platonischen Dialektik machen müssen, 
entspricht Der ersteren von diesen Einwendungen zu begegnen, hat 
auch der neuste Vertbeidiger dieser Auffassung keinen Versuch gemacht; 
aber auch die zweite müssen wir ebenso gegen seine, wie gegen die 
früheren Darstellungen wiederholen. Soll der Parmenides die dialek- 
tische Methode darstellen, so müsste er das vob PlatQ f!tr richtig er- 
'kannte Verfahren der Begriffsentwicklung entweder positiv darlegen, 
oder er müsste es dnroh Widerlegung eines en^egengesetaten Yerfah- 



346 'Weitere Untersuchungen Über«len Farmenij^l. 

rens indirekt l>egr&nden, oder er niHsste irgend ein iinenÜ>ebrliclM« 
Hälfsmtttel für dasselbe an die Hand geben. Das Erste ist dieMemnng 
ScBLEiBBMACHSHS, AsTS und der Meisten, die diesen gefolgt sind; aber 
die vollendete Dialektik kann uns der Parmenides, wenn er kein ma- 
terielles Resultat gewähren soll, nicht darstellen, da diese eben nur 
durch iure Richtung auf positive Erkenntniss der Idee, durch Zusam- 
menfassung der entgegengesetzten Restimmungen cur Einheit des Re- 
griffs, von der Eristik sich unterscheidet. Vgl Phüeb. 16, D f. Rep. 
VIT, 559, R f. V, 454, A*f. Giebt man daher jene ResulUtlosigkeit 
der Parmenideischen Untersuchung zu, so roüsste dieselbe vielmehr 
eher als ein Muster der falschen Methode angesehen werden, wie Götz 
will, wenn er sagt, Plato beabsichtige im Parmenides die IQichtigkeit 
aller Regriffsphilosophie, als solcher, nachzuweisen, um der intuitiven 
Erkenntniss der Idee Platz zu machen* Aber freilich heisst das der 
eigenen Erklärung des Philosophen, der uns das von Parmenides an- 
gewandte Verfahren als Muster und unentbehrliches Element alles 
jSchten Philosophirens vorhält (Parm, 135, G ff.)? Hohn sprechen, und 
ihm statt der ihm eigenthümlichen begrifflich dialektischen Methode 
die ihm fremde intellektuelle Anschauung unterschieben. Wir müssen 
daher jedenfalls jbu der Annahme zurückkehren , dass wir hier ein von 
Plato gebilligtes Muster vor uns haben. Kann nun dieses doch nicht 
ein Muster der vollendeten Dialektik sein sollen, so bliebe nur übrig, 
dass hier ein besonderes, für sich genommen noch ungenügendes Mo- 
ment der wahren Dialektik dargelegt werden sollte, und eben dieses 
könnte auch Plato selbst zu bestätigen scheinen, wenn er die hypothe- 
tische und antmomische Regriffsentwicklung des Parmenides ausdrücklich 
als blosse Vorübung für die wahre Philosophie bezeichnet (Parm. 135^ 
D — 136, £)• Insofern war es ein glücklicher Gedanke von Kvhit, 
die Schleiermacher*sche Ansicht dahin zu modificiren, dass im zweiten 
Theil des Parmenides nicht die vollendete, zur Gewhmung eines- posi- 
tiven Resultats anzuwendende Methode der Forschung, sondern nur 
die dieser nothwendig vorangehende Erwägung der mit gewissen An- 
nahmen und Regriffen verbundenen Schwierigkeiten dargestellt werden 
solle, so dass wir also hier ein Reispiel des von Arutotsles, in Ab- 
weichung vom Platonkchen Sprachgebrauch, als Dialektik bezeichneten 
and häufig angewendeten Verfahrens hätten , vermöge dessen die positive 
philosophische Restimmung durch vorgängige Erörterung der äiro^iai 
angebahnt wir4* Auch bei dieser Fassung jedoch scheint mir nicht 
allein der Zusammenhang zwischen dem ersten und zweiten TheQ des 
Gesprächs zerrissen, sondern auch die Eigenthümlichkeit der Platoiii- 
ichen Dialektik verkannt zu werden* Hinsichtlich des Astern kam 



Weitere Untersacboiigen übei' den Parmeoiilet. 349; 

icb nur wiecbrholen, was Iah schon in meinen Pkt Styd.'S. 160 be- 
merkt habe, dass die ausführliche Entwicklung der mit der Ideenlehre 
verbundenen Schwierigkeiten« im ersten Theil des Parmenides störend 
und zwecklos wäre , vvenn . f)ir die Lösung dieser Schwierigkeiten im 
\ eriaufe nichts gethan würde, und ich gestehe^ dass mir dieses Beden- 
ken immer noch so stark erscheint, dass ich ihm nur durch die Annahme 
von Ast <P1. L. u. Sehr. S. 244)) welche seitdem Bittbb (Gölt gel* 
Anss. 1840, 19. St. S. 1S5 f.) weiter ausgeführt hat, das Gespräch sei 
unvollendet, auszuweichen wüsste — ane gefährliche Annahme freilich, 
da sich kaum denken lässt, dass Flato ein Werk^ in dem gerade der 
Schlüssel sum Verständniss des Ganzen und der künstlerische Einheits- 
punkt noch fehlte, in dieser unvollendeten Gestalt publicirt, oder wenn 
er diess aus irgend welchem Grunde that, es nicht nachher ei^'n^t 
haben sollte. Was das Andere betrißt,' so muss ich auch hier auf die 
oben angeführten Platonischen Stellen verweisen* Olfiw yd(f ot ov lektj^i" 
taif sagt dieRcp. Vif, 539, B, ort oi fjutijaxtauoiy orttv to tt^wtov Xo~ 
ywp ysvütvrati ojs TratSiu avrais tcarax^vTat atl eis dptil^yiay X^~ 
fiBroe . . . xatQOVTti wane^ ^axvkaHia tot tknsiv rt nal aitm^rrup. r<ff ' 
Ao)^ Tovs nltiüiov dkiy und in noch genauerer Anwendbarkeit auf de» 
vorliegenden Fall der Philebus 15, D f. . • 4>a(iiv nov xavtov tv nt/X 
TTokXd ino Xoyujv ytyro/itva ntQt^r^ixtiv ndvvij Ka&' enaoTOP ru'ßp ksyo^ 
fiiviuv dtl Mal itdla^ xal vvv • • « • o $t irffonov avTOv ykvoßfiwo^ 
eudoTOtt röÜ» vlotv ^ tjad'iiS uji rtva oo(piaS svgfjuwt ^ijütev^fay^ ^9* 
i^dovfjc iv^iVi^ te »ai ndpra xtvtZ loyov ao/Mvos, tots (Akv inl ^ct^- 
rcp« •»vxXdiv nal avfupvpwy sii er, rore Si ndk&v dvHUttotv hoX Siufi9^ 
^^aif, tit dnoQidv aitov fitv n^unov xal fidkiara xaraßdXXwv^ dtvtt(^ 
^ dtl Toy txoftavov u s. w. Nach dieser Erklärung schemt es nicht, 
dass Plato eine Darstellung gebilligt, oder gar selbst geschrieben haben 
würde, welche eben nur die Darlegung der dno^iui, das wechselswebe 
Hervorkehren bald der Einheit bald der Vielheit, zum Inhalt gehabt 
hätte, ohne die Lösung dieser Gegensätze direkt oder indirekt 4Uizu- ^ 
bahnen. Ebensowenig wird man unter den Platonischen Gesprächen 
eine Analogie hiefür finden können, überall vielmehr lassen diese, mag 
ihr Resultat auch anscheinend noch so negativ sem, doch eine positive 
Ansicht im Hintergrund durchblicken; wie ist es dann denkbar, dass 
ein Dialog, welcher in sebem Anfiing die Ideenlehre sehon mit aller 
Bestimitetheit vorträgt, im weitem Verlaufe sich mit der Empfehlung 
eines dialektischen Verfahrens begnügen sollte, das tmlübig, ein positi* 
▼es Resultat zu gewähren , höchstens bei den ersten elementarischai 
Unterrachungen über Begriff und Methode des Wissens vorkomme 
liönnte? 



3Jf0 Weitere üntersiicbungeii über ^en Parmenide«. 

' Sind tvir nnii bi«fnit genöthigt, ttnt mch «111611» maleriellen Hatul- 
tat der Parmenideitehen Unterguchung unixusebeo, \o fragt es sich wei- 
ter, ob dieses direU oder indirekt in ihr enthalten »t Die bisher ge- 
wohnliche Meinung war, dass es direkt ausgesprochen sein müsse. 
Dieser Annahme steht jedoch atisser dem Verhältniss des »weiten Tbeils 
»um ersten, das unter \ oraussetzung derselben wenigstens bis jetKt 
noch nicht erklärt ist, als unübersteigliches Rinderniss der Widerspruch 
entgegen, in ^den die dialektische Erörterung des Parmenidcs im Gän- 
sen und Einselnen ausläuft. »Das Eins mag sein oder nicht sein, so 
muss sowohl es selbst, als, das Andere [das Nichteins] im Verhältniss 
eu sich selbst und su einander Alles in jeder Beziehung gleichermassea 
sein und nicht sein, scheinen und nicht scheinen« •** in diesem Ergeb- 
nlss IWsst Plato selbst zum Schlüsse die Resultate seines zweiten Tbeils 
bündig zusammen. Wie lässt sich nun denken, dass diese rein wtder- 
sprechenden Bestimmungen das Ziel unsers Gesprächs bilden sollten? 
Es solle hier, meint Hegel, die dialektische Natur der Ideen darge- 
stellt werden, die Einheit entgegengesetzter Bestimmungen zu sein» Al- 
lein diese Einsicht — wie ich auch in meiner früheren Abhandlung be- 
merkt hahe — wird eben hier nicht positiv ausgesprochen, sondern die 
Darstellung bleibt i>eim ]Ndt»eneinander sich aufhebender Bestimmungen, 
beim Widerspruch als solchem, stellen^ ebenso geht die Untersnchung 
im Ganzen nicht blos von der Voraussetzung aus, dass das Eins sei, 
sondern auch von der, dass es nicht sei, kann daher auch nicht blos 
die wirkliche Natur des Eins oder der Idee überhaupt entwickeln wol- 
len; auch das Verhältniss zum ersten Theil endlich lässt sich von hier 
aas nicht verstdien. In noch höherem Maasse häufen sich die Schwie- 
rigkeiten dieser Auffassung, sobald wir sie in*s Einzelne durchführen. 
HsoBL selbst hat diess nicht gethan, und die, welche es , versucht ha- 
ben, sind nicht von seinem Standpunkt ausgegangen. Doch treffen sie 
mit ihm darin zusammen, dass auch sie im zweiten Theil unsers Ge- 
sprächs die direkte Entwicklung philosophischer Ideen suchen. In d^' 
n&heren Bestimmung dieser Ideen jedoch und der Art, wie sie gewon- 
nen werden, gehen die Ansichten weit auseinander. Um hier nur die. 
neuesten und bedeutendsten Bearbeiter des Parmenides zu nennen, so, 
^aabt ^trcHow, der zweite Theil dieses Gesprächs habe zwar zunächst 
den Zweck der dialektischen Uebung und Hhiweisung auf die Wider- > 
Sprüche, in die eich ein unbesonnenes Denken i^erwickle (S. 20ffi-)) cu^ 
gleich wolle aber Plato hier auch seine Ansicht vom Wesen der idea^. 
len Welt und ihrem Verhältnisa zur Erscheinungswelt ausetnandersetzan«.' 
Zu diesem Behufe zeige er im ersten Abschnitt der dialektisebra Ent- 
wicklung zuerst CS. 137— 142, B), dass die ideale Welt absolute» alle. 






Weitere Untersuthungen über den Parmenide«. S§] 

6e^eitthelt, BSumlicllkek, ZeitUcHkelt li. 8. f. «m»dilieMeitde Ehsbat ttoif 
sodann {S. 143* B — 155, £), dass theh diese Einheit und ebenee 
Tede von den in ihr enthaltenen Monaden, eine unendliche Vielheit in 
sich «cfaliesse; drittens (S. 155, E — 157, B), diss Einheit undGo- 
tbeiltheit, Sein und Nichtsein in der Erscheinungsi/velt ?erluiiipit seien, 
auch hier jedoch eben in dieser Verknüpfung die Natur der Idee ^ Bube 
and Bewegung zugleich^ «u sein, sich ^manifestire ^ viertens (S. 157, 
B — 159, B), dass das Andere, d. h. die andern Ideen, an der Einheit 
Theil haben, und zwar in doppelter Beziehung, sofern sie alle susam« 
men und sofern jede fHr sich Ein Ganzes bildet 5 fünftens (S. 159, 
B -^ 160, B), dass die Vielheit dieser Ideen sich in die Einheit der Idee 
wieder aufbebe; hierauf im zweiten Abschnitt m Betreff der Erschei- 
nuägswelt: 1) dass auch dem Nichtseienden gewissermassen ein Sein, 
zukomme (S. 160, B — 163, B); 2) dass das Nichtseiende, yveaa es 
schlechthin nichts wäre, auch nicht entstehen, vergehen imd vorgesl^lt 
werden könnte (1639 B — 164, B); 3) wie aus der Getheiltheit der 
Ers^beioungSwelt die Beschaffenheit des Sinnlichen folge (164, B — 
165, E); 4) in anderer Wendung wieder dasselbe, wie unter Nr. 3) 
(165, E — 166, G). Vgl. a. a. O. S. 25 ff. So durchdacht aber diese» 
ursprünglich, wie S. sagt, von Stjcffebs herrührende Erklärung aueh 
iat, so wenig bt sie doch frei von Schwierigkeiten« Ber erste Abschnitt 
im z^veiten Thell des Parmenides, S. 137 — 160, B, soll eine Bescfarei- 
bimg der idealen Welt enthalten; aber von S. 157^ B an ist ja vom 
»Anderen«, d. h. vom B^chteins, die Bede. Sucbow deutet dieses, wie 
Hrgfx, von den andern Ideen; aber wenn das Eins nach S. 27 die 
gessonrnte Idealwelt in der Art bezeichnen soll, »ut praeter hone Menada 
mkÜ ommno sk, nam omnifi ipsa eontinef» , wie können dann unter dem 
Nichtseins {takla tov ivif) die Ideen, d. h. die Theile eben jener Ideaf- 
welt> welche das Eins ist, verstanden werden V Man darf aber auch nur 
Parm. 136, A. 159? B £ vergleichen, am zu sehen, dass mit den äkX$i 
vielmehr ^as von der Einheit verlassene Viele gemeint ist. Im zweiten 
Abschnitt sodann, von S. 160, B an, soll von der Eracheinungswelt die 
Rede sein; aber wie kann das, was S< 160, B ^ 164, B vom Eins 
gesagt wird, auf diese bezogen werden? Denn dass hiebet die Nicht- 
realitäl des Eins vorausgesetzt wird, verändert nicht auch den Begriff 
dessdben zum Gi^entheil setner« Was endlicb Svohow ganz übersehen 
bat: es werden dem Eins sowohl, als demNichteins hier nicht bloa^veiv 
flchiedene, sondern sehlechthin widersprechende Bestimmungen beigelegt^ 
und dieser Widerspruch wird in keiner höheren Einheit aufgehoben; 6» 
wird iw B. schlechthin und ohne Beschränkung gesetzt^ das ei9emaV das»' 
das Eins ohne Theile, OiBstalt, Zeit u. s. f. sci^ das aaderonali dast ihm; 



SM Weitere Unters uchunge» ^h^v den Parmeaidei« 

alles dieses EÜiomine^ ebtnso aber werden dem Ems sowohl als dem 
Nkhteins Prädikate betgelegt, die ihnen in Plato's Sinn gar nicht wiiii- 
lieb sukommen, dem Eins 2» B. (Parm. 144 f.) Zahl, Gestalt, Vor und 
Nach, dem Nicht -eins (ebd. S. 159, D), das« es nicht Vieles, dass e» 
weder ähnlich noch unähnlich sei u. s. f., und diese Prädikate, sofern 
sie sich auf die Idealwelt beziehen sollen, ßir blos bildliche Ausdrücke 
zu erklären (Svchow>S. 29 f.)« i&t die grösste WHlkühr, .da sie gans 
durch das gleiche dialektische Verfahren gewonnen werden, wie die, 
welche eigentlich gemeint sein sollen. — Mit Sugkow triill nun Wi«civ, 
den ich aber nur nach dem Auszug bei Sta.i.i:aiuv ^beurtheilen kann^ 
dwrin zusammen^ dass er gleichfalls das allgemeine Problem über das 
Verbältniss der Idee zur Erscheinung im Parmen direkt beantwortet 
glaubt. Plato sol) hier die Einheit und den Unterschied der , Identität 
und Differenz sowohl In der absoluten als der rela^ven Idee (?) nach- 
weisen wollen. Wie jedoch dieses kn Parmenides geleistet sein soU^ 
davon bekenne ich, weder durch Stallbiuhs Bericht, noch durch den 
langen Abschnitt, den er aus Wiscrs Sehrift mittheiit, einen irgend kla- 
ren Begriff bekommen zu haben, muss mich daher hier^ auf die Ermne- 
rang an meine frühere allgemeine Bemerkung bescltränkcn , dass eine 
direkte Belehrung über das Verbältniss der Einheit und Vi^eit in ei- 
ner Darstellung, wie die vorliegende, überhaupt nicht gesucht werden 
kann, da diese Darstellimg die Vereinbarkeit beider Bestimmungen nicht 
unmittelbar nachweist, sondern nur ab wechshings weise bald die eine 
bald die andere hervorkehrt, um sie schliesslieh nicht in ihrer Einheit, 
sondern im absoluten Widerspruch eusammensuAMsen. 

Auf eigenthümliche Weise aucht SritusAUM dieser Schwbdgkeit 
zu begegnen. Dass der Parmenides eine direkte Belehrung über die 
Principien der Philosophie enthalte, stehtauch ihm fest; dass eine solche 
nicht widersprechende Bestimmungen in Mch sehliessen könne, giebt er 
zu; um nun doch beides zu veremigen, nimmt er an, dass' sieh die ent- 
gegengesetzten Aussagen der Platonischen Darstellung gar nicht auf die^ 
selben, sondern auf verschiedene Gegenstände beziehen. Wenn daher 
zuerst (Parm. 137, G — 142, A) dem Ems Vielheit, Theüe, Buhe, 
Bewegung u. s. f.-, überhaupt alle bestimmten Ei^scbaften abgespro* 
eben werden, so soll imter dem Eins hier das Unendliche (aW^a») ala 
die Materie der Ideen (die materia prima) verstanden werden (ß,72^)^ 
wenn demselben sofort (Parm. 142, B — 155, E) alle möglichen Ei- 
genschaften bcngelegt werden, so soll sich diess nicht mehr auf ;enes 
•nste^ absolute Ems, sondern auf das Unufk finUum, das durch den Zu? 
tritt des begrenzenden Princips bestimmte äwngov bezbhen (S. 96 ff.)> 
auf eben dieses soU die Auseinandersetzung Farmen. 155» Eff^ §/ekeA\ 



Weittre UnUriucliuii^eii über ien Parmenidei. i^i 

(S. 185 ff.) 5 ÜhnKcb soll das v Andere« (tSXka) In doppeltem Sinn ge^ 
nommen werden: Parm. 157, B — 159, B soll der Ausdruck die durch 
die begrenzte Einheit geformte körperliche Materie bezeichnen (S. 190 ff.), 
Parm. 159, B — 160 B dagegen das der 'unendlichen Einheit gegen« 
überstehende, von aller Einheit verlassene Körperliche (S. 199 f.); ebenso 
im zweiten Abschnitt der dialektischen Entwicklung, der vom Nichtseia 
des Eins ausgeht, soll unter dem nichtseienden Eins zuerst (P^rm. 160, 
B — - 163, B. 164, B ff.) die relativ nicht seiende, d. h. negativ, nach 
ihrem Unterschiede von andern bestimmte Idee verstanden werden 
(S. 207 ff.), nachher Parm. 163, B — 164, B.. 165, E f.) das absolut 
nichtseiende, d. h. bestimmungslose Eins (S. 220), und' unter dem An« 
dem erst (Parm, 164, B — 165, E) die ns exemplum idearum negando 
determinataram imkantes, idcopte diversae (S. 225), hernach (Parm. 165, 
E — 166, C} das Körperliche überhaupt, wie es unter Voraussetzung 
des absoluten Nichtseins der Idee zu denken wäre. Mit Hülfe dieser 
Voraussetzungen gewinnt nun Stallbaum dasBesultat, dass sich der In- 
halt des zweiten Tbeils des Parmenides auf^dte folgenden Sätze (S. 267« 
^02 f. 235)'reducire: der Urgrund der Ideen ist eine unendliche, über 
die menschliche Vernunft und Fassungskraft erhabene Wesenheit (essen* • 
tia). Diese ist für sich selbst schlechthin unbestimmt, und ebenso un- 
fähig das ausser ihr Liegende zu bestimmen, fasslieh und erkennbar zu 
machen (Parm. 137, C — 142, B). Diese unendliche Substanz muss 
aber nothwendig begrenzt werden und bestimmte Eigenschalten erhalten. 
Dadurch entstehen die Ideen, denen die verschiedenartigsten Bestimmun«*^ 
gen schon darum zukommen, weil sie einestheils für sich subsistiren, 
anderntheils zu einander und zu den Aussendingen im Verhältniss ste* 
hea (142, B — 155, E). Ebenso, wie das Endliche und Unendliche^ 
verbinden sich auch die entgegengesetzten Eigenscbaflen de» Endlichen 
selbst (155,* E — 157, B). Durch sein Verhältniss zu den Ideen wird 
auch die Beschaffenheit des Körperlichen bestimmt: sofern die }(örper'> 
liebe Materie durch das begrenzte PHncip der Idee bestimmt ist .ist sie 
das vollständige Abbild der Idee^ und enthält alle Eigenschaften und 
Fbrmen (157, B — 159, B); sofern sie aber vom Eins getrennt, und 
nicht durch das begrenzende Princip mit ihm Terknüpf^ ist, ist sie 
schlechthin formlos (159, B — 160, A). Diess gilt, wenn das Eins ge- 
setzt wird. Wird dasselbe aufgehoben, und zwar a) nur relativ, so ist 
das Eins alles Mögliche und hat alle Bestimmungen (160, D — 163, B>) 
nnd ebenso erscheint das Körperliehe als alles Mögliche (164, C — 
165, D); wird es dagegen b) absolut aufgehoben, so ist das Eins- ei- 
genschaftslos und un^kennbar <163, C — 164, B) und ebensowenig 
Di« Piiibsopliie der Griechen. U. Thetl. 23 ^ 



39i WeiUrf Uoteritichuiigeii über^dtn Ptrmettidet. 

kann auch du Andere (daa Köq>erliche) in einer bestimmten Beschaf* 
fenheit sein oder erkannt werden. 

Eine ahnliche Erklärung des Parmenides hatte schon früher Kics- 
Tsa, auf Grund der ihm von Stai.lba.i7x mitgetheilten Ideen, versucfit* 
Das Eins sowohl, als das Sein, will auch er in doppelter Bedeutung 
gefasst wissen : jenes theils als das indi? idueMe Eins oder die ^inKelheit» 
theils als das wahre Eins, die Idee, dieses theils als das wahre Sem des 
ovTüi6 oV, theils als das scheinbare des f*i^ oV: Farm. 137, B -r 142, D 
soll nur die spuria utikcu, d. h. die formlose Materie, als das Bestim- 
mungslose beschrieben werden, 142, B — 157) B die geformte Materie, 
oder das Universum, als dasjenige, dem alle Bestimmungen sukommenf 
157t B — 159 A das Ton dem wahrhaft Einen, oder der Idee, Ver. 
schiedene, die Materie theils als unendliche, theils als geformte; 159« B 
— 160, B die- Ton der Idee gänzlich verlassene Vielheit; 160, B — 
163, B (das nichtseiende Eins) die Natur des sinnlich Einzelnen, das als 
ein von anderem Einzelnen Verschiedenes ein Nichtseiendes genannt wer- 
den kann; 163, B — 164, B das absolute Nichts; 164, G — 165, D 
(xikla Tov ivoi) die Körperwelt, sofern sie von der wahren Einheit, 
der Idee, gänzlich verlassen gedacht wird; 165, £ -*> 166, G dieselbe. 

STAtLBAVM scheint von der Evidenz seiner Ansicht sehr fest über- 
zeugt zu sein, da er es weder in semer Scbrifl, noch bei der Anzeige 
meiner »Platonischen Studien« (Jahns Jahrbb. 1842* 55.B. 1. H. S. 56f.) 
der Mühe werth gefunden hat, entgegenstehende mit Gründen zu wider- 
legen, sondern sich mit einem einfachen vNichtverstanden« begnügt, auch 
durch die bisherigen Erklärungen des Parmenides. in der Ueberzeugung 
bestärkt: eos philosophos, qui certo alioui systimati addicU sunt et quasi 
consecrati, non esse idoneos veterum phÜosophorum inteiyretes, sed potius 
pessimos eorum corruptores (Parm. S. 328). Mir meinestheils hat umge- 
kehrt sein Buch zur Befestigung der entgegengesetzten Ueberzeugung 
gedient, dass mit blosser Sprachgelehrsamkeit, sammt einiger inotüia 
sobi-iae pftilosophiae* für die Erklärung der alten Philosophen nicht aus- 
zukommen t&t, indem diese ganze Darstellung auf einer ganzKchen Ver- 
kennung der dialektischen Methode und der Grundbegriffe des Platoni- 
schen Systems beruht Um den anscheinenden W^idersprüchen der Pla- 
tonischen Darstellung auszuweichen, werden die entgegengesetzten Aus« 
tagen derselben über das Eins und das Nichteins auf verschiedene Ge- 
genstände bezogen, das euiemal auf das Eins als unbegrenztes, die Ma- 
terie, das anderemal auf das begrenzte und geformte Eins, die Idee, 
ebenso^ das Nichteins betreflfend, bald auf die von der Einheit schlecht- 
hin verlassene, bald auf die von ihr bestimmte Körperwelt Damit wird 
aber nicht allein der Inhalt der tiefsinnigen dialektischen Entwicklung 



I 



Wtiter« Ufitersuchuttgfn über den Ptrmtfticleft» 355- 

bis Kur TrivialiUit benuitepgebracht ^ denn das verstebl ticb vom selbst 
dass rerschiedca und entgegengesetzt bestimmten Subjekten auch Ter- 
sobiedene und entgegengesetzte Prädikate sukommen ^- sondern 1es wer- 
^den auch die allgemein gültigen Regeln der Interpretation, wie Plato'a 
ausdruckliche Erklärungen ignorirt. Jenes, denn wo sollen wir das 
Recht hernehmen, einen und denselben unveränderten Ausdruck im Laufe 
einer und derselben Entwicklung in ganz verschiedener Bedeutung zu 
nehmen, unter dem Eins z* B. bald das von der Bestimmtheit verlas- 
sene Unendliche, bald die Idee als bestimmte und begrenzte zu verste- 
hen? Dieses, denn ausdrücklich sagt Plato Parra. 129, D. 135) D f., 
dass es sich hier darum handle ^ zu untersuchen, inwiefern einem und 
demselben Begriff entgegengesetzte Bestimmungen zukommen können; 
nach der ST^LLBAvm'schen Erklärung aber kämen diese nicht denselben, 
sondern entgegengesetzten Begriffen zu. — Was femer die nähere Be- 
stimmung dieser Begriffe betrifft, so soll das Eins des Parmeoides zu- 
nächst das Unendliche oder die Materie bezeichnen, nach Richtbb die 
körperliche Materie, nach Stallbauh die von Aristoteles erwähnte Ma- 
terie, welche in den Ideen ist, das Grosse und Kleine, wie es Aristote- 
les nennt, oder die Svd^ dygioros, (Man vgl. über diese Lehre meine 
Plat. 8tud. S. 316 ff. 248 ff) Wie konnte aber doch ein im Platoni- 
schen Sprachgebrauch so bewanderter Gelehrter, der Herausgeber de» 
Philebus, sich dieses bereden? AaisTOtiLss Met. I, 6< 987) b, 30* u. d. 
(s. m. Plat. Stiid. S. 214) unterscheidet aufs Bestimmteste das Eins von 
der Materie: »als Materie, sagt er^ ist das Grosse und Kleine Frincip 
(der Ideen sowohl, als der übrigen Dingo), als Wesen (A. h. Form) 
das Eins« — Stallsaüx S. 82 schliesst aus eben dieser Stelle, dass 
das Eins mit der Materie identisch sei. Plato selbst (Phileb. 16, C 
vgl. 25, Off. erklärtr Alles bestehe aas dem Eins und dem Vielen, der 
Grenze und der Unbegrenztheit, aber auch er muss sich als Zeugen da- 
fSr anrufen lassen (Stallbaux S. 80), dass das Eins nichts Anderes 
sei, ids das Unbegrenzte. Noch weiter geht in dieser Beziehung Rich- 
tbb (S. 43 f.), wenn er das Eins selbst mit der Materie des TimSus, 
d. h. (Tim. 49> E 52, Gff.) der aller Einheit entbehrenden Masse ver- 
wechselt. Stallbaum vermeidet dieses dadurch, dass er die körperliche 
Materie von der idealen unterscheidet» bringt aber dafür eben hiemit 
einen Unterschied herein, der eich weder aus Platonischen noch Aristo- 
telischen Zeugnissen erweisen lässt^ denn wenn Plato allerdings das 
Viel«! welches auch in den Ideen ist, von der Grundlage des Körperli- 
chen zu unterscheiden scheint (s. meine Plat. Stud. S. 252 f. und oben 
S. 236)> so beschreibt er doch jenes nicht als die Materie der Ideen, 
mxkä wenn Aristoteles des Unendlichen, oder des Grossen und Kleinen 

23* 



3Sff Weitere Unteriucbungen über den Pamtenides« 

ais Materie der Idefoi erwähnt, so weUs er dafür nichts von einem 
Unterschied dieser Materie von der ](öq)erlichen ; Tgl. e. B. Phjs«. Itl, 
4. 303 , a I 9 ; ro fiivroi annqov Mal iv toli atg&ijToiS Hat iv imeivaiS 
J[ra7c iSiati] clvai,. Met 1, 6. 987, a, 18: *7r«l ^ al'ria xa tiSrj rat^ 
aXXotS Toixflvuiv atoi%tia navTCitv t^iyOtj tojv ovtoiv stvat oroixsla' »ff 
fASv ovv vktjv TO fjt^ya nal ro fimQov elva& d()X<*S u. s. w« -^ Hiezu 
kommt noch, dass es Stillbattx selbst mit all' den angefahrten Vor- 
aussetzungen nicht gelingen will, das Einzelne der Platonischen Dar- 
Stellung KU erklären, wie diess namentlich bei dem zweiten Abschnitt 
der Parmenidei'schen Ausführung , der Antithese der ersten Antinomie, 
(Parm. 143 ff«) zum Vorschem kommt« Das Eins, von dem hier ge- 
sprochen wird , soll die Idee sein. Nun wird aber von eben diesem 
lElins S. 145, A ff. gezeigt, dass es Anfang, Mitte und Ende, überhaupt 
eine Gestalt habe, ebenso S. 148 ff., dass es sich selbst und Anderes 
berühre, S. 151, E ff., dass es nicht blos überhaupt in der Zeit, son- 
dern auch jünger und älter als es selbst sei u. s, f. Auf die Idee 
als solche passen diese Prädikate offenbar nicht ^ daher will sie Stall« 
BAU« (S. 132. 153 ff. 158 ff.) thcils nur symbolisch, theils nur vom 
Terbältnis» der Idee zur Erscheinung verstehen. Dass jedoch das Er- 
sterc nicht zulässig* ist, habe ich schon oben gegen Suchow gezeigt, 
und ebensowenig ist es auch das Zweite: mag auch die Erscheinung 
sich selbst ungleich u« s. f. sein, so kann diess doch nicht von der 
Idee,- auch nicht sofern diese im Verhältniss zur Erscheinung steht, ge- 
sagt werden, da diese vielmehr nur das im 'VVechsel der Erscheinung 
sich selbst gleich Bleibende ist. 

Mit Stallbaum theilt auch Hetdeb die Annahme, dass Plato im 
Parm«^ vohnc es ausdrücklich zu bemerken, den Begriff des seienden, 
wie des nichtseienden Eins (und ebenso den des Andern) in verschie- 
denem Sinne den Scblussreihen zu Grunde lege«. Das seiende Eins 
nämlich werde zuerst im Sinne eines weder mit der Vielheit noch mit irgend 
einem andern Prädikat verknüpfbaren Begriffs genommen^ dann im 
ßinne eines mit dem entgegengesetzten Begriff der Vielheit, sowie mit 
den andern Hauptprädikaten des Seins in Gemeinschaft tretenden Be- 
griffs, das nichtseiende Eins zuerst als von allem andern Seienden ver- 
schieden, daher am Begriff der Verschiedenheit theilhabend, hierauf 
als am Sein in keiner Beziehung tlieilhabend ^ ebenso das Andere das 
einemal als .an der Ideenwelt theilhabend^ das anderemal in vplliger 
Sonderung von der Ideenwelt^ und was nun von hier aus dargethan^ 
Yvird^ sei diess ^ »dass das Eins bei völliger Sonderung desselben von 
4en übrigen Begriffen und dem ihm zunächst entgegengesetzten der 
Vielheit mit dem schlechthin nicht Seienden und Denkbaren identisch 



.Weitere Untersuchungen über den Palrmenidef. 357 

werde 9 und ebenso auch das nichtseiende Eins«. Was übei* diese An- 
sicht, die Hetdeb nicht weiter ausgeführt hat,> zu sagen war^, ist in 
dem gegen SrAiLSiiuM Bemerkten enthalten: diese Voraussetzung eines 
Terschiedenen Sinns, in dem ein und derselbe Begriff den verschiedenen 
Schlussreihen zu Grunde gelegt werden soll, ist weder an sich selbst 
berechtigt, noch mit Plato*s eigenen Erklärungen zu vereinigen^ ich 
will daher nur noch bemerken, dass diese Auffassung selbst im Grunde 
die Annahme, dass der Parm. eine direkte Entwicklung über den 
Begriff des Eins und des Seins sein wolle, aufgiebt, ja sogar zu der 
völlig entgegengesetzten Ansicht hinüberschwankt, denn nach S. 108 f. 
will Piato im Parm. nicht blos die ächte Dialektik, sondern zugleich 
auch den megariscb • sophistischen Missbrauch derselben darstellen. 
Gerade aber jene Hauptfrage, ob der zweite Theil des- Parm. eine dog- 
matische oder eine apagogiscbe Darstellung sein solle ^ scheint sich H. 
nicht recht klar gemacht zu haben. 

Bestätigt sich hiemit auch an den einzelnen Erklärungsversuchen, 
was wir aus den oben angegebenen Gründen schon im Allgemeuien 
annehmen mussten, dass eine direkte Entwicklung philosophischer Re- 
sultate im Parmenides nicht zu suchen ist, kann aber ebensowenig eine 
blos formelle Darstellung des dialektischen Verfahrens Zweck dieses 
Gesprächs sein> so bleibt nur übrig, dass es gewisse Resultate auf in- 
^ direktem Wege andeute und vorbereite. Nur hierauf fuhrt ja aber 
auch die ganze Form dieser Untersuchung, ihr Anfang mit widersprechen- 
den Voraussetzungen, ihr Ende' in widersprechenden Ergebnissen, ihre 
Vermittlung durch eine Reihe von Sätzen, die Plato unmöglich in ei« 
genem Namen vortragen konnte, wie der ganze Abschnitt S. 145 ff« 
Eine Entwicklung, welche ebenso vom Nichtsein, wie vom Sein ihres 
Gegenstands ausgeht, und aus der einen Voraussetzung dieselben Er- 
gebnisse gewinnt , wie aus der andern , welche in ihrem Verlaufe eine 
Menge der sonstigen Lehre ihres Urhebers^ widersprechende Behaupt- 
ungen zum Vorschein bringt , welche schliesslich zu lauter .sich ge- 
genseitig aufhebenden Bestimmungen hinführt — eine solche Entwick- 
lung kann unmöglich einen andern Zweck haben ^ als den, eben durch 
diese widersprechenden und fälschen Resultate die Voraussetzungen 
aufzuheben 5 dieses selbst aber wird, wofern wir es nicht mit einem 
ausschliesslich kritischen oder skeptischen Philosophen zu thun haben, 
als indirekte Vorbereitung eines ppsitiven Resultats betrachtet werden 
müssen. Eine specielle Bestätigung dieser Ansicht giebt uns aber auch 
Plato selbst durch die Stelle des Sophisten S. 244« B. Die eleatische 
Lehre vom Einen Sein wird hier durch die Bemerkung widerlegt : wenn man 
auch nur das Eins setze, müsse man dieses doch als ein Seiendes setzen, 



SIB Wtil^r« UattrftttchBAgea tb«r dta Parstnid««. 



eriMhe BHtiiia beroU doe ZwAtk. G«omi Jimlbe sagt mb 
Farm, i^t, B k EotwicldoBg der Voritwtfti— g c» W «ir<v. Ebenso 
mMerMtt tkk aucli die Amliiliniag det Sopbittea 944, D ff. Aber 
GmuikA uad GetfacüUwit det Eioea SeiM PaniL 14S, D. 145« A. bt 
«• Bi» ^UMitk j datt PUto ans Einer und derMiben Yor am aetUBig 
Eine vmA dietdbe Folgenag siehe, das fineiil vmt dnreh diese Fol- 
genmg die VoramseUiuig su widerlefeo, das an d e r e oial , an sie dnrcb 
dies^be dirdtf so entwiekela? 

Welcbct nun das Ziel dieser Erortenung sei, wird sieb analer 
Bescfaalienbeit der Voraossetxdngen, welebe — , und der Art, wie sie 
widerl^ werden, entscheiden lassen. Die VcHraossetsnngen sind non 
hier snersl das Sein y dann das Nichtsein des Eins. Unter der einen 
sowohl als derandem Ton diesen Voraiissetsnngen ergidit sich^ dass 
dienso dem Eins wie dem Nichleins alle möglichen Besdmmongen 
gleichsäbr beigelegt und abgesprochen werden müssen. Was ist non 
hier nnter dem Eins su t erstehen ? Sehen whr aaf den Znsammmhsng 
des Gesprächs, so kann damit sunachsl nur das eleatische Eins gemeint 
sein, denn als solches, als die eigene viro^etts des Parmenidea, wird 
es S. 137 9 B aufs Bestimmfeste beaeichnet Das Eaw Sein hatte nun 
den Eleaten zugleich för das alleinige, das Eins und das Smende hatten 
ihnen för Wechselbegriffe gegolten; hier dagegen ^wird geieigt, dass 
ebenso die Begriffs des Eins und des Seins ^ als die des Eins und des 
Nichtoeins in ihren Gonseqoenaen sieh geg ense it ig ausschliesscn: selM 
ich das Eins als seiend, so kann ich die Einheit nicht streng fcsthal« 
ten^ ohne ihm mit allen übrigen Bestimmnngen anch das Sein absprechen^ 
das Sein nicht, ohne ihm alle sich selbst und dem strengen Begriff 
der Einheit widersprechenden Eigenschaften beilegen su müssen (Farm* 
137, C — 155, E}; ebenso, das Nichteins oder das Viele betrefiRendt 
das Sein des Vielen nicht, ohne ihm die Bestimmungen aususchreiben, 
seinen Gegensata sur Einheit nicht, ohne sie von ihm su entfernen 
(8. 157, B — 160, B); set^e ich umgdiehrC das Eins als niehtseiend, 
so muss ich ihm emerscits, um es als Eins denken an können, auch 
Prädikate, mithin ein Sein, augesteben, andererseits, «m es als nieht- 
seiend su denken, alle Prädikate entaiehen (160, B «r- 164, B); dess- 
gleichen dem Nichteins, sofern es gedacht werden soll, wenigstens eine 
Seheineiiatetta, in der Vorstottung, lassen, sofern es aber ohne die 
Einheit gedacht werden soll, auch diese läugnen (164, B -^ 166, C>. 
Kann man nun bei diesem negativen nnd sich selbst aufliebenden Re- 
Stthal uuml^lich stehen bleiben, so mnss in den Prämissen ein Fehler 
stecken, nnd eben dieser es sem, um dessen AuMeckyng es dem Phi- 
losophen an thnn ist. In den Sätaen über das Michteeia des Eins kann 



Weiler« Gutereachungeii über den Permenidei. Stf 

fiim dieser nicht gesucbt werden, d«nn dasa das Eine Sein nicht ge- 
leugnet werden könne, ohne sich in Widersprüche tu verwickeln, dies* 
ist^ wenn irgend etwas, Plato's eigene Ansicht. Er kann mithin nor 
ft dem liegen, was üb» das Sein des Eins gesagt ist. Sehen wir nun, 
wie aus dem Satze: »das Eins ist« die widersprechenden Ergebnisse 
abgeleitet, oder was dasselbe, wie die Begriffe des Eins und des Seins 
mit einander in Widerspruch gebracht werden, so liegt dieser emfach 
darin, dass aus dem Begriffe des Eins alle und jede Vielheit streng 
ausgeschlosse«, in den Begriff des Seins dagegen der Unterschied vom . 
Eins^ die Vi^beit, ja selbst die Bäumlichkeit (vgl. a 151 , A; mXkd 
fif}v nai 9lvai n9» ^§2 ro ys ov del) und Zeitlicbkeit (151 , £ : to di 
glvat mklo ti ioTtv ^ ^i&si&s ovoiat utTti xQOPov rat; 9ra(>oyrM;) mit 
aufgenommen wird; aus diesem Grund widersprach entwickeln sich alle 
weiteren Antinomieen im Ganzen genommen mit Nothwendigkeit , mag 
auch die Ableitung derselben bei Plato im Einzelnen da und dert etwas 
Sophistisches haben. Eben die Widerlegung jener Bestimmung muss 
daher — wofern wir nicht auf den wisseaschafilichen Zusammenhang 
des Gesprächs vereichten wollen — den, ursprünglichen Zweck der 
im zweiten Theil des Parmenides gefulirten Untersuchung ausmachen; 
d. h. mdem Plato hier zeigt, dass vrir zwar (S. 160, B ff.) die Idee 
des Einen Seins nicht entbehren können , dass aber diesejdee nicht durch- 
zuführen ist, so lange das Eins abstrakt, als eine die Vielheit schlecht- 
hin aussfUiessende Eij^ieit, und das Sem im gewöhnlichen Sinne, als 
•da» jede Art der Vidbeit in sich enthaltende Sein, als gleichbedeutend 
mit dem Dasein ge^Mst wird, so muss er die Absicht haben, durch 
diese Erörterung auf einen solchen Begriff des Eks «ad des Seins bin« 
euwetsen, bei welchem aus jeneihi die Vielheit nicht ausgeschlossen, 
dieses «cht in der Bedeutung des sinnlicben und getbeiHen Seins ver- 
standen wird. Mit andern Worten: wenn die Eleaten gesagt halten* 
nur das Eine Sein ist, alles Andere ist nicht, so zeigt Plato, dass wir 
allerdings die Wirklichkeit jenes Einen Seins annehmen müssen, dass 
wir diess aber nicht können, so lange wir nicht die Einheit als eme 
die Vielheit in sich tragende, und das Sein dieser- Einheit als ein vom 
sinnlichen -Basein spectfisch verschiedenes fassen. Wie nun Plato selbst 
dteser Forderung jenCsprechen an hönnsn gkmbt, liegt am Tage: die 
Idee ist ihn^ die Einheit , wdehe zugleich die Vielheit in sich schHesst, 
ihr kommt aber e ben d e ss wegen ein wesentlich anderes Sein zu, tds den 
stnnlif heo' Pingen , in denen sich die Einheit in die unbegrentte Vksl- 
beit verliert, stall die letztere wohlgeordnet in sich z« begreifen und 
'«• umschliesscn. Diess also muss der Zweck sein, denPlalo im nwei- 
ten Theil i» Parmen^ea ferfolgl; die ekatisdM Lehre Tom Einen 



Weitare Ufitereaehangeii über den 

Sein diurcb dialditisefae Entwiclilttiig ilnner Conseqaeneen epegoiiscli vor 
Ideenlebre ühersufllbreii. Debei darf iiien jedoch nicbt autter Acbt 
lassen 9 dass diess in Plato's Sinne nicht eine reine Widerlegung und 
Jiufhebungt sondern wesentlich nur eine Erweiterung und Fortbildung 
der eleatiscben Lehre sein soll, denn auch ihm gilt als das wahrhaft 
Seiende nicht das getheilte Sein, sondern nur die allen Gegensatz und 
alle Veränderung in sich ausschliessende Einheit der Ideen, welche er 
dessbalb auch als fiovahe, und die eineeine Idee als das eV bezeichnet 
(Phileb. 15, B. Rep. V, 479, A. Symp. 311, A f . — Weiteres hierüber 
in m. Plat. Stud. S« 167). Der Unterschied der Platonischen Ideen 
Tom eleatiscben Eins ist nur, dass dieses die Vielheit schlechthin 
ausschliesst, jene die von der Einheit gebun(?ene und ihr unterworfene 
Vielheit in sich haben, und darum auch selbst eine Vielheit bilden 
(s, Soph. 244, B IT.); dageeen haben sie mit diesem .die allgemeine 
Vorausseteung gemein, dass nicht das getheilte und gegeasäteliche, son- 
dern nur das Eine gegensatzlose Sein das schlechthin Wiriiliche sein 
liönne» Insofern kann daher die Fortbildung der eleatiscben Lehre Tom 
Einen ebensogut auch als eine nähere Bestimmung der Ideenlehre selbst 
betrachtet, und eben diese , wie ich diess früher (Plat. Stud* S. 180) 
gethan habe, als der Zweck des sweiten TheiU des Parmenides bezeich- 
net werden« 

Wie sich nun hieraus auch der Zusammenhang des ertlea und 
zweiten Theils begreift, habe ich schon in meiner früheren Abhandlung 
S. 180 f* auseinandergesetzt, und will das dort Gesagte hier nicht wie- 
derholen. Auch begründet es keinen wesentlichen Unterschied, ob man 
•annimmt, dass der Parmenides so, -wie wir ihn haben, tollendet sei, 
oder dass noch ebe weitere Ausführung dieses Gespräcfaa in Plato*s 
Absicht gelegen habe, denn auch im letztem Fall bitte diese nur 
darin bestehm können, dass die Resultate, wekhe wir jetzt auf indi- 
rektem Wege aus dem Dialog ableiten müssen, auch ausdrücklich aus- 
gesprochen worden wären; das Wahrscheinlichste ist mir jedoch, aus 
dem oben angegebenen Grunde, dass tou dem ursprünglichen Plane 
der Schrift entweder nichts oder nur Unbedeutendee unausgeführt ge- 
blieben ist 

Ueber die Stellung des Parmemdes in der Reihe der Platonischen 
Schriften habe ich meiner frühem Abhandlung, deren Resultat aut^ 
in dieser Beziehung ziemlich allgemein angenommen worden ist, ausser 
dem, was ich oben (S. 186) über sein Verhältniss zum Sophisten 

m 

noch weiter angedeutet habe, nichts beizufügen, und auch bmsiehtUch 
RiTTBBS abweichender Ansicht (Gott Anz. 1840, 19 St. S. 184) Mm 
ich auf S. 186 ff. der Plat^ Stud. ?epf eisen; nur wenn mir Sxall^lvm 



weitere Untersuchungen über^en Permenides. Ml 

wlederbolt (Jahns Jahrbb. 35 BcU 1* H. S. B7. Fiat« PolHieos is4i 
S. 50) d«i Widersinn aufbürdet, dass ich den Parmenides früher setae, 
ala den Politikus, während ich ihn doch sugleich für das dritte Glied 
in der Trilogie des Sophisten und Politikus halte, so muss ich mein 
Bedauern darüber aussprechen, dass er meine Schrift nicht aufmerk- 
samer gelesen hat. S. 194 derselben stAt mit dürren Worten: vdurch 
alles dieses^ wird nun dem Pannenides seine Stelle zwischen dem So- 
phisten und dem mit diesem zusammenhängenden Politikus einer — und 
dem Gastmahl und Pbädon andererseits angewiesen«, und diess ist nicht 
etwa nur eine bettaufig hingeworfene Bemerkung, sondern das Resultat 
einer durch mehrere Seiten sich fortziehenden Untersuchung ; H. Stall- 
BA.ÜU aber berichtet: »der Vf. behauptet, dass das Gespräch zwischen 
dem Theätet und Sophisten einerseits, und dem Politikus, Sj^mposium 
und Phädon andererseits seine Stelle angewiesen bekommen müsse«, 
und bdehrt mich ausführlich über das Verfehlte dieser Stellung ! 



Dritter AbM^iiK«. 

Aristoteles und die I>erip«tetik^. 



$. 25. 



Allgemeine Einleitung. Die formalen VorausieUungen des Aristotelischen 

Systems. 

Es giebt wenige grosse Philosophen, über welche 
die Urtheile der Nachwelt so weit auseinandergegangen 
wären, und so oft gewechselt hätten, wie aber Aristote- 
les. Noch ehe der gehässige Streit der Akademiker und 
Peripatetiker in der neüplatonischen Vereinigung Plato-. 
nischer und Aristotelischer Philosophie erloschen war, 
hatte bereits in der neuentstandenen christlichen Wissen- 
Schaft derselbe Gegensatz Wurzel geschlagen, und die 
christlichen Platouiker wussten dem Stifter der pefipa* 
tetiQMsben Schule um so mehr Schlimmes nachzusagen, 
je unläugbarer es war, dass sich verschiedene Hiresieen 
an seine Philosophie anlehnten. Mit dem Aufbliihen der 
scholastischen Philosophie änderte sich die Scene: Ari- 
stoteles wurde jetzt der philosopAus schlechtweg, und seine 
Auktorität die einzige, welche sich selbst der der Kirche 
entgegenzustellen wagen konnte. Auch unter den Män- 
nern, welche die scholastische Bildung c^^rch die Erinne- 
rung an das klassische Alterthum stiirzten, befanden sich 
jBbensoviele Aristoteliker als Platbniker. Um so tiefer 
war die Geringschätzung, mit welcher die nächst folgenden 
Jahrhunderte bald auf die vermeintlich barbarische Me- 
taphysik bald auf den Empirismus des Stagiriten herab- 



Die form. VoraustetEungen d.cAri8totel« Systems. 

sahen ; und kein Wunder, wenn sie ihn nicht verstanden, 
hat sich doch bis in die neueste Zeit herein, und auch 
bei solchen, denen wir ein jtieferes Verständniss der 
griechischen Philosophie im üebrigen nicht absprechen 
möchten, die Vorstellung^ erhalten, als ob Aristoteles nur 
ein unphilosophischer, vo» der Idealitit des Platonischen 
Standpunlits gänzlich verlassener Empiriker '), oder auch 
ein unselbständiger Nachtreter Plato's gewesen wäre, 
der die originellen Meen seines Lehrers nur zu Schema« 
tisiren und höchstens formell zu ergänzen gewiisst habe^). 
Im Ganzen jedoch ist diese Ansicht bereits im Verschwin- 
den begriffen, nachdem nicht blos Hegel den spekulativen 
Gehalt und die Gedankentiefe des Ihm am Nächsten ver* 
wandten unter den griechischen l>enkem nach Verdienst 
gewürdigt, sondern auch, die gelehrte Forscbuiig den 
Aristotelischen Scliriften und ihrem Inhalt grössere Auf* 
m^rksamkeit zuzuwenden angefangen hat, und so werden 
auch wir die Vertheidigung des Aristoteles unserer wei« 
teren Entwicklung selbst überlassen und ungesäumt zur 
Darstellung seines Systems schreiten dürfen. 

Wie sieh dieses zum Platoniseben verhält, habe ich 
im Allgemeinen schon früher angegeben* Der Mittelpunkt 
der Platonischen Philosophie, der Satz, dass der objektive 
Gedanke das absolut Wirkliche, und alles Andere nur 
in dem Maasse wirklich sei^ in dem es am Gedanken 
theilnimmt, bleibt auch hier stehen; aber während Plato 
die Wirklichkeit der wesenhafien Gedanken nur dadurch 
retten zu können geglaubt hatte, dass er sie als fürsich- 
seiende Ai^reiieinheiten aus der Erscheinung hinaus in 
eine besondere Ideen weit verlegte, so erkennt sein Nach- 
folger, dass die Idee als das Wesen der Erscheinung 



1) $cE^»mx4ciiBA Gescb* <L Fbil^ 140« liS« 120k 12&. 

2) Braitiss Gesch. d. Phil. a. Kant (, 179 ff. 307 f. Mao vgl was 
ich gegen ihn und Schleibbmachier in den Jahrbb. d. Gegenwart 

4843, S. 78 f. 95J^ bemerkt habe. 



Sf4 I^i^ formalen Voraussetsangen 

dteser immanent sein mässe, und will den Begriff an« 
diesem Grunde niclit als abstrakte, sondern als konkrete, 
im Einzelnen der firscheinnng sicli verwirkliehende All- 
gemeinheit gefasst wissen. Hieraus ergiebt sich denn 
sanächst die Forderung, diese Ausbreitung des Gedankens 
in die Erscheinung auch in ihrer ganzen Vollständigkeit 
zu erkennen ; während es Plato in letzter Beziehung um 
die Anschauung der Idee als solcher zu thun war, die 
et ebenso auf pädeutischem, als auf systematischem Wege 
zu erzeugen gesucht hatte, so ist hier die Hauptsache 
die Darstellung der Ide& im konkreten Dasein. Das pä- 
deutische Element tritt daher jetzt gänzlich zurück und 
an seine Stelle tritt das rein theoretische Interesse, dem 
Gedanken in alle Verzweigungen seiner objektiven Er- 
scheinung zu folgen. Indem aber doch auch hier das 
nat&rliehe Dasein dem Denken als eine auf antikem Stand- 
punkt unüberwindliche Schranke gegeniibersteht, so kann 
sieh diese -Richtung auf Individualisirung des Gedankens 
nicht rein dialektisch vollziehen, und es tritt so zugleich 
mit der durchgefuhrteren logischen Ausbildung und Aus- 
breitung des Systems auch das vermehrte Bedurfniss 
einer empirischen Grundlage ein ; die Erfahrung, für Plato 
nur der unselbstständige Anknüpfungspunkt der Idee, 
wird hier zu ihrer unentbehrlichen Ergänzung, und darum 
auch möglichste Vollständigkeit derselben nothweudig — 
der formal logische und empiristische Charakter, durch 
den sich das Aristotelische Philosophiren auf den ersten 
Wick vom Platonischen unterscheidet. Die Verflechtung 
des Gedankens mit den mythischen Gebilden der Phan- 
tasie, die dramatische Lebendigkeit des Dialogs muss 
der Trockenheit einer streng logischen Untersuchung und 
empirischen Sammlung, zugleich aber auch die Unbe- 
stimmtheit und Dunkelheit, welche jener halb poetischen 
Darstellung noch anklebt, der besonnenen Reife und Klar- 
heit des gebildeten Verstandes Plats machen« Wie aber 



des Aristol«lisGlien STsUms. MS 

diese Eigpnthuinlichkeit selbst nicht in einer Verflacbengp, 
sondern in einer tieferen Fassung; des speknlativen Prin- 
eips ihren Grund hat$ so wird sie anch wieder für das 
speliulative Interesse benutzt: Aristoteles beginnt in der 
Regel mit ^breiten logischen Erörterungen über die ver- 
schiedenen Bedeutungen gewisser Ausdrucke, mit Sarnm« 
luug von Thatsachen oder Kritik fremder Ansichten, was 
er aber aus diesen zufälligen Anfängen entwickelt, sind 
die spekulativsten Gedanken; dieses Ausgehen vom Em- 
pirischen ist ihm nur desshalb Bediirfniss, weil die Me- 
thode der immanent dialektischen Construction bei ihm, 
wie im ganzen Alterthum, noch wenig ausgebildet ist. 
Und denselben Charakter trägt diese Philosophie auch In 
ihren Resultaten. Einestheils ist die Forderung vorhan« 
den, Begriff und Erscheinung in ihrer Einheit zu erken* 
neu, und Aristoteles entspricht dieser Forderung, indem 
er statt des von Plato behaupteten negativen Verhält- 
nisses der Sinnenwelt zur Idee eine positive Beziehung 
beider verlangt, das Sinnliche als den Stoff, die Idee als 
die Form, jenes als das unentwickelte oder potentielle, 
dieses als das entwickelte oder aktuelle Sein bestimmt, 
und den Stoff ebenso wthwendlg zur Form hinstrebeii, 
als diese im Stoffe sich darstellen lässt. Anderntheils 
kann doch der Gegensatz beider, aus den mehrbesproohe-» 
neu Gründen, nicht völlig überwunden werden, und so 
kommt es, dass. nicht blos am Anfange des Systems die 
Zweiheit jener Principien ohne Ableitung, als ein schlecht- 
hin Gegebenes, auftritt, sondern ebenso auch in der Folge 
betd'e nie völlig in einander aufgehen, die reine Form, 
oder dei^ Geist, im Menschen von. aussen her in die Welt 
eintritt, und der absolute Geist unbewegt und nur sich 
selbst denkend ausser der Welt bleibt. Die Aristotelische 
Philosophie kann insofern als die Vollendung des von 
Sokrates gestifteten und von Plato ausgeführten objek- 
tiven Idealismus bezeichnet werden, weil sie der tiefste 



Die formalen Voraussetsungen 

ist, dte Idee als das absolut Wirkliche in der 
EracheiBUBg; naclizvweisen ; zugleicli ist sie aber aucli 
das Ende dieses Idealismus, indem sich in ihr die Un- 
mögiichlieit herausstellt, rom antiken Standpunkt ans 
über den Dualismus des Geistes und der Natur hinaus« 
sukooranen, nachdem einmal der specifische Unterschied 
beider in's Beiivusstsein g^etreten war. 

Die weitere Entwicklung und Begründung dieser Be- 
merkuagen wird sich am Besten an die eigenen Erklärun- 
gen des Philosophen über Begriff, M^hode und syste- 
matische Darstellung der Philosophie anknQpfen lassen. 

Der Aristotelische Begriff der Philosophie setzt 
den Platonischen theils voraus, theils tritt er mit ihm 
in Gegensatz. — Dass er Plato's Bestimmungen iiber die- 
sen Gegenstand voraussetze, deutet Aristoteles schon 
durch das Fehlen aller der propädeutischen Untersnchnn- 
gen an, die Plato in so bedeutender Ausdehnung gef&hrt 
hat, um den philosophischen Standpunkt in seinem Unter- 
schied von dem populären und sophistischen zu begriin- 
den. Der Begriff des Wissens erscheint bei ihm als 
eine keines langen Beweises bedürftige Voraussetzung, 
ohne Zweifel nur desswegen, weil ihm sein Lehrer hie- 
fAr genügend vorgearbeitet hatte. Und wirklich treffen 
auch die Aeusserungen beider über diesen Punkt grossen- 
tlieils zusammen. Wie dem Plato, so hat auch dem Ari- 
stoteles die Philosophie nur das Seiende als solches % 
d. h» das allgemeine Wesen desselben ^) zum Gegenstand ; 
die Philosophie ist ein Wissen um die Ursachen und 



1) Metapb. IV, 2. 1004i b, 15. a, 2. c. 3. 1005, b, 10. Anal. post. 
II, 19. 100. a, 9. 

t) Metapli. I, 2. 983, a, 19. Vif, 1. 1028, a, S6: ilSirat rot ol^ 
6fA9^a ßKüoror fiuXtaraj oxav r* iari yvtfffiep. Xill, 10. 108i, 
b, 33$ 17 Iniar^fitj twv tta&oXov. Ill, 6, ScbL : tta&oXov ai 
i7riOT^fta$ ndvTotp. UI, 4. 999, b, 1. 26. IV, 5. 1005, «, S$. 
Anal. pott. II, 19. 100, «t 6. I, 24. 85, b, IS. 



d«» ArU totalis eben Syttemi« ~ 3#T. 

Grüade deir.Pinge 0» ii^d zwar näher, um Ot bochstett 
und allgeaieiosteD Griiade, andjn letzter Bedefaung um 
Ja» schlechthin Voranssetzungslose^), wessbalb Aristoteles 
auchi mit Riicksicht auf diesen Einheitspunkt alles Wissens^ 
dem Philosophen ein Wissen um Alles zuschreibt 0* 
Wie ferner Plato das Wissen^ als die Erkenntniss des 
Ewigen und Nothwendigen , von der Vorstellung oder 
Meinung, deren Gebiet das Zurallige ist, unterschieden 
hatte, so auch Aristoteles: das Wissen entstellt ihm, wie 
Plato, aus der Verwunderung, aus dem Irrewerden der 
gewöhnlichen Vorstellung an sich selbst^), und Gegen* 
stand desselben ist auch ihm nur das Allgemeine und 
Notliwendige, das Zufallige kann nicht gewusst, sondern 
nur gemeint werden; wir meinen, wenn wir glauben, dass 
etwas auch anders sein könnte, wir wissen, wenn wir 
die Unmöglichkeit des Andersseins einsehen; beides ist 
daher so wenig einerlei, dass es vielnuehr, nach Aristo- 
teles, geradezu unmöglich ist, dasselbe zugleich zu wissen 
und zu meinen % Aehnllch unterscheidet sich das Wis- 
sen von der blossen Erfahrung dadurch, dass uns diese 
nur über das Oass eines Gegenstands unterrichtet, jenes 
auch über das Warum ^) — ein Merkmal, das gleichfalls 
schon in der Platonischen Unterscheidung des Wissens 



1) Anal, post I, 2 Anf.c. 14. 79, a, 23. 11, 11, Anf.,Etb. Nie« VI, 
7. 1141, a, 17. Melaph. I, l,SchU c. 2. 982, b, 2 fF. VI, 1, Anf. 

2) Pbys* I, 1 Anf. II, 3, Anf. MeUpb. I, 1. 981, a, 28. c 2. 982, 
b, 7. c. 3. Anf. 111, 2. 996, b, 8. IV, 3. 1005, b, 5. 11 ff. 

3) Metaph« I, 2. 982, a, 21. IV, 2. 1004, a, 35. 

4) Metapb, I, 2- 982, b, 12: Sid yaQ t6 d'avftdSiiv ol av&Qtonot 
mal vvv xal ro n^fJüxov ij^iavTo tp^Xoootptlv u. s. U rgU Plato 
Theät. 155, D. , 

5} Anal. post. I, 33 Tgl ebd. c. 6. ScbL c»8, Anf* c^30ir« Metapb« 
VII, 15. VI, 2. 1026, b, 2 ff. Ebendabin gebort die Widerle- 
gung des Satzes , dass für Jeden wabr sei , was ibm als wabr 
erscbeint, die Metapb. IV, 5» 6 abnlicb, ^ie im Platoniscbea 
Tbeäleti ausgefübrt wird. 

6) Anal, post II, ^. 100, a, 3. Metapb. I, i, 981» i, Sf. 



3d$ DU formiUn V^riassttstingeii 

reit der rlthtif|[en Vorstelliuig eniiialtea ist. Auch darfn 
endlich beg;egnet sich Aristoteles mit seinem Lehrer, 
dass er ebenso, wie dieser, die Wissenschaft für das 
Hdchste und Beste und für den wesentlichsten Bestand- 
theil der wahren Glückseligkeit erklärt *). 

So nahe sich aber hierin der Aristotelische Begriff 
der Philosophie dem Platonischen verwandt zeigt, so 
wenig sind doch beide identisch. Dem Plato ist die Phi- 
losophie ihrem Umfange nach der Inbegriff aller geisti- 
gen und sittlichen Vollkommenheit, sie umfasst daher 
ebenso das Praktische, wie das Theoretische, um so 
sdi&rfer wird sie dagegen ihrem Wesen nach von jeder 
andern Geistesthätigkeit unterschieden; Aristoteles hat 
sie einestheils gegen das praktische Leben genauer ab- 
gegrenzt, anderntheils mit den Erfahrnngs Wissenschaften 
in ein näheres Verhältnlss gesetzt. Die Philosophie Ist 
nach seiner Ansicht ausschliesslich Sache des theoretischen 



I) M« 8« Metapb« I, 2. 983) b« 24 : ^l.ov ovvt ff»9 St ovStj^iav ar- 

TJ^v (tjJv fikooofiav) ^yrovftev XQiioiV itlgavy all' wansff aV- 

^(f(mto9 tfüLfii* iltv^sftoe 6 atvov evexa xai fi9j akXov ojVy ovrvi 

uai tLtorrj fiovtj iX^-^iga ovoa rvtv iniOT>f/LK»v ftovrj yd^ avti^ 

•i;ri7( (tvmtty iottv • Sto mul Stuaiws oV ov» av&^rriptj vofAli^no 

aitffQ t} Kroate . . • oAJl* ovts t6 &tior tf,&ovi^6v IvBixizai eifatt 

, ^ ovTt tiji TOiüLvxtji alkrjv xeV vofil^tiv xifuutTtgav* rj yaQ 

&BioraTrj koX xtfiiwtaT^ .... ayet^^xatoregütt fik» ovv naüat rat;- 

Tfjti afuivQiv y 0vSif/tim, XII, 7. 4072» b, 24: v ^«»P«« to 

fjSiCTOP ftal a(ftoTOK Elb. ^. X , 7 wo aasgeführt wird , dass 

die Theorie der weseDÜicbste Bestandtheil der Tollendeten Gliicli- 

Seligkeit sei 5 s. B. 1177, b, 30: £i (^ &iiov 6 vovc ^rgde rov 

ar^^ttmor, tcai 6 nard xovtov ßio9 ^§toe ttqos xov «Iw&qw'7t$vov 

ßiov* OV X9V ^^ »otvd tovs net^ivovvras dv^(^ntva tpgopsiv 

av&gwnov opxa ovSi ^vtjvd tov d^vrjtovj dkV i<p ooav hSix^xa* 

d&avaxiXetP nal fcdvra notuv irQOi to ^yv xaxd to n^aximo» 

tMV iv tt^r«» • • . x6 olntiov iKapTi^ rtj ^voe$ x^ttaxov nal ^dt^rov 

ioTtr entdwxtjjf' Hai xtf dvd^QiuniJf S^ 6 natd xov vovv ßioQy ititiQ 

tovxo ftdkiQva att&^Ttos* obvoQ äga nal »vSaifioviataros. c* 8« 

11789 b> 28 : <V '^^^^ ^V ^«ar«^«# 47 ^sw^ia, »al 17 9vda$fiovia. 

VgU c. 9. 1179, a, 22. Eth« Eud. VII, 15 Schi. Mebreret 



V 



des Aristotelischen Systems. 3t9; 

Vermögens; von ihr uoterschei^et er sehr bestinfnii die 
praktische Thätigkeit, die ihren Zweck nieht ebebso, ^ie 
die theoretische, in sich selbst, sondern in dem yofi ihr 
Hervorzubringenden hat, und nicht rein dem Denken, 
sondern auch der Meinung und dem vernunftlosen Theil der 
Seele, dem Affekt, angehört, und ebenso auch das känst- 
lerische Schaffen (die nolfjaig')^ das gleichfalls auf ein 
ausser ihm Liegendes gerichtet ist >)• Dafür verki^üpft 
nun aber Aristoteles die Philosophie enger mit der Er« 
fahrung. Plato hatte alle Betrachtung des Werdenden 
und Unbestimmten aus dem Gebiete des Wissens in dM 
der Vorstellung verwiesefi, und auch -den Uebergang von. 
dieser zu jenem nur in der negativen Weise gemacht, 
dass die Widersprüche der Vorstellung von ihr weg nnd 
zur reinen Betrachtung der Idee hintreiben sollten; Ari- 
stoteles, wie wir sogleich sehen werden, giebt der Er- 
fahrung ein positiveres Verhältniss zum Denkep, indem 
er dieses aus jener auf affirmativem Wege, durch Zu- 
sammenfassen des Einzelnen, in der Erfahrung Gegebenen, 
zur Einheit, hervorgehen lässt. Plato hatte ferner ge- 
ringes Interesse, von der Betrachtung des Begriffis zum 
Einzelnen der Erscheinung herabzusteigen; der eigent- 
liehe Gegenstand des philosophischen Wissens sind ihm nur 
die reinen Begriffe. Aristoteles giebt zwar gleichfalls 
zu^ dass es die Wissenschaft mit dem allgemeinen We- 
sen der Dinge zu thun habe, aber er bleibt nicht hiebe! 
stehen, sondern betrachtet als ihre eigentliche Aufgabe 
eben die Ableitung des Einzelnen aus dem Allgemeinen 
(die dnidnlig s. u.): die Wissenschaft soll mit dem All- 
gemeinen und Unbestimmten anfangen, aber zum Bestimm- 



1) M* 8. ausser dem eben Angeführten: Etfa. ü^c* Vt, 2* «• 5* 
1140, a, 28, b, 25» X, 8. 1178, b, 20. Eud. I, 5, g. E. Metapb, 
II, 1. 993, b, 20» vgl vi, 1. 1025, b, 18 ff. XI, 7. De an* III, 
10* 433, a, 14. De coeL III, 7* 306, a, 16. 

Die Philosophie d^ Griechen. II. Theil. « 24 



9n) Die formal«» Vorauiieteaagtn 

ten fortgeton >) , und ste mH in diesem Gange nichts, 
sniich nicht das sdieinbar Vnbedeatendste, geringschätzen, 
denn auch in diese« liegen unerschöpfliche Schatze des 
Erkenneus ^). Aus diesem Grunde macht er nun aber 
auch an das ipvissenschaftlicbe Denken gelbst weniger 
strenge Anforderungen, als sein Vorgänger, wenn er dem 
Wissen und dem wissenschaftlichen Beweis nicht Mos 
das Nothwendige, sondern auch das Gewöhnliehe <ro cJ^ 
ifü tS nolv) zvm Inhalt giebt % es für ungebildet erklärt, 
für alle Arten der Untersuchung die gleiche wissenschaft- 
liche Strenge zu verlangen ^) , und bei Fragen , wo ihm 
Bwingende Beweisgründe fehlen, sieh mit dem Wabr- 
soheinlichsten begnügt, die bestimmtere Entscheidung 
dagegen auf fernere Betrachtung ausgesetzt sein lässt^). 
fioch darf man nicht fiberseben, dass es nicht die eigent- 
lich philoso|)hlscben Fragen, die Untersuchungen iiber 



, r 



1) Metapb. XIII, 10. 1087 9 a, 10 : to Sa r^v imoz^ftTjv slyai uta- 
96Xbv Tcaanv ^ . ♦ ^x^i fihv ftdXiOT dnogiav ru/v Xsxd'ivtwv ^ ov 
ftijp ulk' lorft fiiv fui dXifd'is ro ktyofABVQV^ ^av* S' cJc övm dXtf^ 

fiiv Svvdfici ro 9e ive^yeiff* 1^ fisv ouv SvvafiiS oßC vXtj rov 
Mad'oXov ovaa nal ao^iotos tov xa^oXov nal dogi'arov iarlvy ^ 
f i¥l^Btm (a^ta/j>4v7j nttl »j^iofiivov roSe r» &v6a rovSi r^vo^, 

S) De part. an. 1 , 5* 645 9 a , S : Xb^op vbqI tiji ^(o'mtj^ <pvaK»e 
9in%iV9 fit^ir TTff^aXmovTas §16 SvpofUP fn^r^ dri^oTe^ov fii^Tt 
Tifjuwve^op* tial yaQ iv toU ftt} X£;^ee^«a/i^»'orff avTwv ttqos tijv 
ai'a^rjGiv ttard t^v ^soj^iai» ofioat 17 drjfitov^yr^Qaaa ffvois dfAtj-^ 
xdpovt ^dopds nmqixei to7s dvPeifjUpoiS rdf ahUie ytw^^eip nal 
^ou tpiXooofpoiß . « . Sto ätZ fiTj Svexf9»ivf^^ naiBixMii v^p ns^l. 
Tüip dTi^coTiQWP ^ojojp iniaKiipip* ip nda* yaQ t4u9 (fvaiii^li 
ipsari Ti &avfiaar6v u, s. w. 

3) Anal, post I, 50. il, 12, Schi. Metapb. VI, %. 1027, a, 20. XI, 
8. 1064, b, 32 ff. 

4) Elb. Nie. I, 1. 1094, b , 23. II, 2. 1104, a, 1. VII, 1, Schi. IX, 
2. 1165, a, 1?. MeUpb. II, 3. XIII, 3. 1078, a, 9 — PoHt VII, 
7, Scbl. gehört nicht bieher. 

53 De coel. U, 5. 2^^ b, 28. c. 12 An£ De geo. an. III, 10. 760, 
b, 27. 



des Ailitotelitcli*!! S^itemt. 3TX' 

die allgemeinateii Gründe lind, bei denea alch Arfaitoteles 
In dieser laxeren Weise Msspricl^t, sondern innur BMr 
speciellere ethische oder naturwiaseoflchartUche BestiM- 
mungen, für die ancfa Plato von der Strenge d&a dialelc- 
tischen Verfahrens nachgelassen, ond die tdia r<Sp ttmret* 
pv&mv an die Stelle der nissenschaftifchen Beweise ^- 
setzt hatte; was den Aristoteles von jenem anterscfaeidet 
ist nur dieses, dass er auch diesen angewandten Tbeil 
der Wissenschaft mit znr Philosophie rechnet, und darnm 
in dieser, die ngvity] <piXo<jo<p!m, die es allein mit den ober> 
sten Gründen zu thun hat, nur als einen Tbeil des Sy- 
stems betrachtet, wogegen diese bei Plato, seiner eigent- 
lichen Meinung nach, das ganze System, alles Uebrige 
aber nnr Sache der gelstreichen Unterhaltnog oder noth- 
gedrungene Anbeqnemnng des Philosophen an das prak- 
tische BednrfniBs sein soll *). Ebensowenig möchte ich 
unsern Philosophen darüber tadeln, dass er durch die 
Unterscheidung dert theoretischen Tbätigkeit von der 
praktischen die Einheit der geistigen Bestrehuagen ver- 
nachlässigt habe^), denn diese Unterscheidung hat un- 
streitig ihr gutes Recht, jene Einheit aber ist bei Ari- 
stoteles dadurch hinreicheudgewalirt, dsss er die Theorie 
es wahrhaft menschlichen LebenSj 
.eit dagegen gleichfalls als nnent- 
ir sofern man ihm vorwerfen könnte, 
', der Theorie auf sich selbst, die 
Ausscheidung alles praktischen Triebs und Bedürfnisse« 
aus ihrem Begriffe, wie sie namentlich In der Aristote^ 
liacben Schildernng des göttlichen Lebens (s. u.) znna 
Vorschein kommt, der Zurückziehnng des Welsen ana 
dem praktischen Leben in der nacharistotelischen Philo- 



i) ßep. VI, 511, B (. VII, 519, C ff. Thefit 179, E. Tim. 39, B £ 

u. A. S. o. S. 180 i, 
3) BtitBB III, 50 ff- 



SBl% Die formalen VorausBeUungen 

Sophie Yorg^eärbeitet habe, so ist za bemerken^ dassAri-, 
stoteles auch hierin nur der von Plato vorgezeichneten 
Richtang gefolgt ist: auch der Platonische Philosoph 
virürde ja,sich selbst überlassen, ausschliesslich der Theorie 
leben, und nimmt nur gezwungen am Staatsleben ÄntheiK 
Am Wenigsten möchte es aber zu billigen sein, wenn 
Aristoteles darüber angegriffen wird, dass er sich in sei- 
ner Ansteht von der Aufgabe der Philosophie nicht nach 
einem der menschlichen Art unerreichbaren Ide^l, son- 
dern nach dem in der Wirklichkeit Ausführbaren gerichtet 
habe O9 und zwar von derselben Seite her, auf der man 
es an Plato löblich findet, dass er sein Ideal des Wissens 
von der menschlichen Wissenschaft zu unterscheiden ge« 
W'Usst habe ^). Wäre jene Ansicht über das Verhältniss 
des Ideals zur Wirklichkeit an sich selbst und im Sinne 
des Aristoteles gegründet, so würde daraus nur folgen, 
dass er,^ wie der Philosoph soll, nicht abstrakten Idealen, 
solidem dem wirklichen Wesen der Sache nachgegangen 
sei. Dless ist aber nicht einmal der Fall; wie vielmehr 
die Idee in Wahrheit zwar über die Erscheinung über- 
greift, und in keiner einzelnen Erscheinung schlechthin 
aufgeht, darum aber doch kein unwirkliches Ideal ist, 
so hat auch Aristoteles wohl anerkannt, dass das Ziel 
der Weisheit hoch gesteckt, und nicht für Jede«, ja auch 
{ür die Besten immer nur unvollkommen zu erreichen 
sei 3), wie wenig er aber darum geneigt ist, es für schlecht« 
hin unerreichbar zu halten, und seine Anforderungen ah 
die JRhilosopbie nach der Schwäche der Menschen zu be« 
jttessen, und wie vollständig er gerade hier mit Plato 



* . 



1) BiTTEB a. a. O. u. S. 56 f* 

2) Der«, II, 222 ff. 8. o. S. 184. 

:5) M«tapb. 1,2. 9^2, b,, 28. XII, 7* 1075, b, 24. Eth. Jfic. VI, 7. 
1141, b, 2 ff. 3^, 7. 1177, b, 50. c» 8. 1178, b, 25) vgl. ebd. 
Vil, 1/ . 



des irristotelischen Systems« ^ 373 

ubereinstitnmt, muss schon das bisher Angeführte gezeigt 
haben *). 

Das Mittel, um diesen Begriff der Philosophie zu 
verwirklichen, ist dem Aristoteles die logische Me- 
thode. In der Darstellung derselben können wir zwei 
Punkte unterscheiden: die Untersuchung über die allge- 
meinen Elemente des logischen Denkens (die Syllogistik), 
und die fiber das wissenschaftliche Beweisverfahren im 
Grossen (dfe Methodik) — Untersuchungen, die auch 
Aristoteles selbst trennt, indem er der ersten ausaer der 
Abhandlung fiber die Kategorieen und dem zweifelhaften 
Schriftchen ntgl iQfAtivdag die sog. frühere Analytik, der 
zweiten die spätere Analytik widmet ^) (die Topik und 
die Widerlegung der Sophisten sind als Beigaben zu bei- 
dem zu betrachten). An diese beiden Untersuchungen 
wird sich dann noch eine allgemeinere Erörterung über 
die Ansicht des Philosophen von der Entstehung und den 
Principien des Wissens anschliessen mijssen. 

Die allgemeinen Elemente des logischen Dc^nkens 
sind der Begriff, das Urtheil und der Schluss. Aristo- 
teles hat dieselben jedoch nicht in dieser vollständigen 
Zusammenstellung behandelt^ sein eigentliches Interesse 
geht vielmehr nur auf die Lehre von den Schlüssen, als 
den Elementen des Beweises; neben diesen erwähnt er 
der Begriffsbestimmungen und Urtheile nur beiläufig und 
einleitungsweise -— denn die Schrift von den Kategorieen 
gehört fast mehr zur Metaphysik, als zur formalen Logik 3), 
und ebenso wird in dem Buche nfgl iQfitjvetag, wie es 
sich auch mit seinem Ursprung verhalten mag % die Lehre- 



1) S. o. S. 367 f. vgl. m. S, 181 if. 

2) Vgl. auch Anal. pr. I, 4» Anf. 

3) Vgl* auch GuücposcH über die Logik und logischen Schriften 
des Aristoteles (Lpz. 1839) S. 50 ff. 

4) Dem Verwerfungsurtheil des Andronikus von Rhodus über diese 
Sehrift ist neuerdings Gvmposch a. a^-O. S* 89 ff* beigetreten; 



374 I^^^ formale a Voraustelsungen 

von Drtbeil keinesweg;! erscb&pft. Es ist dieses far sei- 
neo ganzen Standpunkt bezeichnend. Die Anfalle der 
Logik, oder wie er sie nennt, der Analytik, ist seiner 
Ansiebt nacb nicbt blos fiberbanpt die rein formale, die 
wissenscbaftlicbe Methode aufzufinden, sondern noch spe- 
eieller die Aufsuchung der Gesetze und Formen des Be- 
weises, zum Behuf ihrer wisi^enschaftÜchen Anwendung '); 
auch Begriff und Drtbeil berücksichtigt er nur als Theile 
des Seblnsses. Sokrates hatte die Methode der Begriffs« 
bildung entdeckt, Plato die der Eintb^lung hinzugefügt, 
Aristoteles hat die Theorie des Beweises erfunden, und 
diese ist ihm nun sosehr die Hauptsache, dass ihm die 
gesammte Analytik in ihr aufgebt. 

Was nach diesem über die Aristotelische Lehre vom 
Begriff und Urtheil anzuführen wäre ist nur wenig. Das 
Wesen des Begriffs wird im Allgemeinen dahin bestimmt, 
dass er dasjenige s6i, in welches sich durch Wegnalme 
der Copula dct Satz auflöst ^); es wird auf den Unter- 
schied des Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen ^, so- 
wie der konträren und kontradiktorischen Entgegense- 
tzung ^) in den Begriffen hingewiesen, es wird endlich in 
4^ Tafel der zehen Katcgorieen ein Versuch gemacht, 
die verschiedenen Arten der Begriffe auf ihre allgemein- 
sten Formen zurückzuführen ^). Auch dieser Versuch 



Brandis, der in 8. Abhandlung «über die Reihenfolge der Bü- 
cher des^ristotel. Organons« (Abhancll. der Beri. Akad. vom 
X 1833* Historisch-pbiL Klasse S 265) ihre Aecbtheit vertbei- 
digt, will sie als unvollendeten Entwurf betrachtet wissen. 

1) MeUpb. IV, 3. 1005, b, 2- Anal. pr. F, Anf. I^ 32» Anf. Top. 
h Anf* 

2) Anal. pr. I, 1/24, b, 16* 

3) AnaK pr. I, 27. 43, a, 25. Bat. 5. 2^, b, 17. 

4) Metapfa. X, 4. 10^5, b, 1. Hat 10. vgl. De interpr. c 6. 

$3 Hat, 4: TdSv xard (At^BtfjUav üvfinXoK'^v ksyofAivwv exaaroy ijto$ 



des' Aristotelischen Systtmi. 3T$ 

aber, den Äristoteles^ älleio weiter Verfolget hat', bat in 
logischer Beziehung keine grosse ßedeutong: die Ka- 
tegorleen sind empirisch zusammengetragen, ohne dass 
sie aus dem Wesen ^ des Begriffs abgeieitet wurden O? 
und nur iu metaphysischißr Hinsicht sind Unterau- 
ehungen, wie die über den Begriff der Substanz, von tie- 
ferem Interesse. Etwas ausführlicher behandeln die Ari- 
stotelischen Schriften die Formen der Urtheile, weil diese 
Lehre mit der vom Schlüsse unmittelbarer zusammenhäno:t. 
Die Unterschiede der allgemeinen, partikulären und unbe- 
stimmten (ix&o(MOTo^) , der bejahenden und verneinenden, 
der negativen und limitativen, der assertorischen, apodik- 
tischen und problematischen Urtheile, sowie die Lehre 
von dvr Entgegensetzung und der Conversion der Urtheile 
bat schon Aristoteles besprochen ^). Doch bat er auch 



nsiQ&at, ij 6yj*v 17 notstv tj ndo%6$v. Vgl. Top. I^ 9, Anf.^ un- 
YollstKndiger ist die Aüfieäliluiig Metaph* V, 7* 1017, a, ?4# 

1) Tbendslbnburg (De Arist. categorüs Berl. 1833. Elemeota Lo- 
gices Aristotelicae S. 54 ^0 glaubt, dass den Philosophen bei 
der Abfassung seiner Kategoricentafel die Unterschiede der gram- 
matischen Redetheiie geleitet haben: die vier ersten Kategorieen 
entsprechen dem Nomen, und zwar die erste dem Substantiv, die 
zweite den Adjektiven der Zahl, die dritte denen ^ welche eine 
Qualität ^ die vierte denen, welche eiti Verhaltniss ausdrflckekiy 
die fünfte und sechste den Adverbien des Orts und der Zeit, db 
vier übrigen den Zeitwörtern^ in der Art, dass der siebenten- db 
Form des intransitiven Verbums, der achten die des griechischen 
Pcrfektums, der neunten und zehenten die des Aktivs und Pas- 
sivs zu Grunde liege. Was mich abhält ^ dieser Ansicht beizu- 
treten, ist ausser den von Ritter (Gesch. der Phil. III, 80) ent- 
wickelten Gründen auch der Umstand, diass Aristotelest wie ehen 
TfiEBDELENBUBo zcigt (EL Log. Ar. S. 50) ^^* Adjektiv mit zum 
gfifia gerechnet zu haben scheint. Auch unter Voraussetzung 
derselben bliebe aber die Aufi&ählung der Kategorieen immer 
noch ebenso empirisch, als die gewöhnliche Unterscheidung der 
Redetheiie. 

2) Anal. pr. I, 1 — 3. c 46* vgL De interpr. c. 5ff.f wo besoodert 
die Lehre von der Entgegensetzung der Urtheile ausfiilurlich be- 
handelt ist 



376 Die formalen V'oraussetsungen 

faierfiber; falte ihm die Sclirift ntfil iffttjtulag wirklicli nicht 
angehört^ gleichfalls nnr gelegenheitliche Unteraochungen 
angestellt, und weder hier noch sonst die logische Form 
des Ortfaeils als solche von seiner Darstellung im Satze 
unterschieden. — Um so adsfnhrlicber hat anser Philo- 
soph die Lehre vom Schlosse bearbeitet. Auch von die- 
ser behandelt er aberlange nicht alle die Theile, welche 
die gegenwärtige Logik anfsählt, gleich vollständig. Ari- 
stoteles handelt nämlich blos vom kategorischen Schlüsse, 
und scheint an gar keinen anderen zu denken: der kate- 
gorische Schluss der ersten Figur ist ihm zufolge die 
Grundform aller Schlüsse '), und' die Bedeutung des Schlus- 
ses überhaupt liegt darin, das Herabsteigen vom allge- 
meineren Begriff zum besonderen darzustellen ^>v wie 
diess eben der kategorische Schluss, besonders in der 
Aristotelischen. Fassung desselben % thut. . Die verschie- 
denen Formen des kategorischen Schlusses hat nun Ari- 
stoteles in den Beschreibung der drei Schlussfiguren und 
ihrer Unterarten erschöpfend zusammengestellt ^), und 
durch die drei Klassen der assertorischen, apodiktischen 
nnd problematischen Sdilusse hindurch Jbis in's Einzelste 
verfolgt; er hat ferner, mit Beziehung auf diese Formen, 
über die Auffindung und Analyse der Schlüsse, fiber ihre 
Inversion, über die. Deductio ad absurdum^ über die Feh- 
ler im Schliessen und einiges Verwandte ausführliche Er- 
örterungen gegeben, und auch den Ausdruck der Schlüsse 



1) Anal. pr. I, 23. 41, a, 2 ff. 

2) Ein Tollkommener Schluss entsteht na«h Anal. pr. I, 4. 25^ b^ 
52, wenn sich drei Begriffe so eu einander verhalten, dass der 
letzte im mittlem, und dieser im ersten enthalten ist 

$) Aristoteles schliesst nicht: B ist A, O ist B, also u. s. w. son- 
dern : A vnaQxsi navrl r<u B, B navvi tv^ F, es ist hier also rein 
der Fortgang yom Allgemeinen zum Besondem. 

4) Die sog, vierte Schlussfigur nämlich unterscheidet sick ron den 
drei andern gar nicht durch die Form der logischen Operation, 
sondern einzig durch die äussere Stellung der Sätze. . 



des Aristotelischen Systems. * ^77 

nod Sie unvollkomoienen Formen, des Schlusses, vtie Bei- 
spiel, Instairz, EothymeiD, nebst dem später ausfuhrliGher 
erörterten Unterschied von Schluss und Imluktion wenig- 
stens kürzer besprochen ; des hypothetischen und disjonk- 
tiven Schlusses dagegen geschieht kaum in unbestimmten 
Andeutungen Erwähnung ^}. Statt eines weiteren Einge- 
hens auf die Einzelnheiten der Aristotelischen Syllogistik 
stehe unten eine gedrängte Uebersicht über den Inhalt 
der ersten Analytik ^). So viel wird auch aus dem Bis* 



1 ) Zur Lehre vom hypothetbchen Scfakisse Kömite man die Bemer- 
huogen Aoal. pr. I, 23. 44. über die ovXXoyMfftoi »f viro&iosiue 
rechnen; Aristoteles versteht jedoch unter der inodsiti nicht 
den hypothetischen Satz, sondern (vgL auch AnaL post. I, 2. 72, 
a^ 18. c. 10. 76, b, 2S) nur die unbewiesene Voraussetzung des 
Seins einer Sache, in welcher logischen Form diese ausgedrückt 
werden mag; im Ucbrigen bemerkt er, dass das Sc hl uss verfah- 
ren hier dasselbe sei, wie bei den kategorischen Schlüssen. Erst 
die Schüler des Aristoteles (Theophrast, Eudemus u. A.} und 
die Stoiker haben die Lehre vom hypothetischen Scbluss weilar 
ausgebildet, (s. Joh. PHitopoirus zu Anal. pr. I, 23* Schol. in 
Arist 169, b, 25. Ritter, Gesch. d. Phil.^IfJ, 96.) man müsste 
denn mit Guxposch a. a. O. S. 122 annehmen, dieser Theil der 
Aristotelischen Schrift sei verloren gegangen. Auf den disjunk- 
tiven Schluss bezieht sich die Polemik des Aristoteles (Anal. pr. 
I, 31. vergl. Anal. post. IT, 5.) gegen die Platonische Methode, 
eine Definition durch fortgesetzte EintheÜung aufzusuchen. Er 
wirft diesem Verfahren vor, dass dabei gerade das, was eigent- 
lich zu beweisen wäre, die Subsumtion des Art- oder Einzelbe- 
griffs unter den einen der durch die Eintheilun|; gefundenen Gat- 
tungsbegriffe, unbewiesenes Postulat bleibe, dass es daher eigent- 
lich kein syliogistisches Verfahren sei; nur um so deutlicher 
sieht man aber auch, wie weit er davon entfernt war, im dis- 
junktiven Scbluss eine besondere Form des Schlusses zu finden. 

2) Diese Schrift kann in 6 Abschnitte getheilt werden: 1) Allge- 
meine Untersuchungen über den Begriff und die Bestand- 
t heile des Schlusses I, 1 — 3. — 2) Von den Schlussfigu- 
ren a) im Schluss aus assertorischen (c. 4 — 1), b) im Schluss 
aus apodiktischen (c. 8—12), c) im Schluss aus problematischen 
Prämissen (c. 13 -22), d) im Allgemeinen c. 23—26* (die Grund- 
form füi* alle Schlüsse ist der kategorische Schluss der ersten 
Figpr, c. 23* Anf. «^ Jeder Schluss hat drei Begriffe und drei 



S78 1)^0 formffl6D Voraassetsuagen 

herig^eo erhellen, dass dieser ganze Thell der Logik (üt 
Aristoteles noch nicht die Bedeutung einer selbstandigett 
wissenscliaftlicben Untersuchung hat 3 sondern bei ihm 
durchaus dem Zwecke dient, eine Sicherheit im wissen- 
scbaftliehen Beweisverfahren zu gewinnen, dass es ihm 
also weit' weniger um die sog. reine, als um die ange- 
wandte Logik oder die Methodik zu thun ist, welche 
er ausser Anderem besonders* in der sog. späteren Ana- 
lytik' entwickelt hat. 

Die Aufgabe der Wisslenschaft ist der Arlfiftoteiischen 
Bestimmung zqfolge die Erkenntniss der Ursachen und 
Grunde der Dinge 0« D^^ Ahleitung eines Gegenstands 
aus seinen nothwendigen Ursachen aber ist der Beweis ^3, 
die Wissenschaft im elgentlicheq Sinne daher das Wis- 
sen durch Beweise '). Mit den Regeln der Beweisfiih** 
rung hat sich daher die Methodik zunächst zu beschäfti- 
gen. Das Einzelne dieser Regeln gehört nicht hieher; 
was die Auffassung der wissenschaftlichen Methode im 
Ganzen betrifft, so ist zunächst diess zu beachten, dass 



SaUe» nicht mehr und nicht weniger c *250* ^ 3) Von der 
Auffindung der Schlüsse c. 27—31. ^ 4} Von der Analyse, 
oder der Zurückfulhrung der Schlüsse auf die regelmassigen 
Schlussfiguren c. 32 — 46. — 5) Vom Verhältniss der verschie- 
denen Schlussforraen in Besiehung auf den Umfang des Erschlos- 
senen (II, 1), vom Schluss aus falschen Prämissen (c. 2—4), vom 
Gifkelschluss (c. 6 — 7),' von der Inversion der Schlüsse (c. 8 
— 10) > von der Deduciio ad absurdum (e. 1 1 - 14), vom Schluss 
aus entgegengesetzten Sätsen (c. 15), von Fehlem im Schliessen, 
(c. 16 — 21), von Schlüssen, in denen Wechselbegriffe vorkom- 
men (c. 22). — 6) Von der Induktion (c. 23), d^m Beispiel 
(c. ,24), der dnayuiy^ (c. 25), der Instanz (c. 26), dem Enthy- 
mem, oder dem Wahrscheinlichkeitsbevveis c. 27. 

1) S. o. S. 367, 1. 

2) An. post I, 4, Anf. «| dpaynaicDv aQU QvlXoy&ofiQf ioxw 9} ctVo- 

3) A. a* O. *JEnü 3* iSvvarev äXlone ^X6^v ov iotlv iinattfpir} dn- 
Xmiy dvayMoiov dv urj ro titiartjxov x6 navd t^v ditoStiXTiu^v 
muftijfttjp» Vgl. c. 2 Anf. c. 6 Anf. 



des Aristotelischen S;}fSteDis« 379 

Aristoteles, in strengem Festhalten am Begriff der Wis* 
sensehaft, als einen Beweis im'eigentllcheft Sinne («tio- 
de^t^g) nur denjenigen gelten lässt, welcher aus lauter 
nothwendigen Prämissen mittelst nothwendiger Folgerun- 
gen gefuhrt wird, ein Wissen des Zufalligen dagegen^ 

. ausdrücklich läugnet, und ebenso das Wissen von der 
Wahrnehmung und Meinung bestimmt unterscheidet O9 
so dass. er also auch hierin mit der Platonischen Forde- 
rung des rein begrifflichen Wissens vollkommen überein- 
stimmt. Diesem Begriff des Wissens gemäss erklärt er 
auch den allgemeinen Beweia für vorzüglicher, als den 
partikulären, den, welcher die Einsicht in das Warum 
gewährt, für besser als den, welcher blos das Dass dar- 
thut, den direkten für besser als den apagogischen, den 
positiven fSr besser, als den negativen^). Zugleich aber 
bestrebt, die Bestimmtheit des Wissens zu erhalten, ver- 
wahrt er sich gegen ein abstrakt allgemeines Verfahren, 
das überall dieselben Principien anwenden will, mit dMtt 
in seine ganze Philosophie so tief eingreifenden Grund- u 
satz, das Besondere lasse sich nur aus seinen eige»- 
tbiimlichen Gründen beweisen^). Soll aber ein me- 
thodischer Fortgang vom Allgemeinen zum, Besonderen 
möglich sein, so muss es einen Punkt geben, 'an dem die 
Reihe der Vermittlungen aufhört, und daher der hohe 
Werth, den Aristoteles auf die Bestimmung^ '^g^9 ^^^^ 
die Vermittlung zwischen den beiden Enden nicht in's 
Unbegrenzte fortgehen könne, indem sonst kein Wissen 

. möglich wäre^. Die Gesammtbeit dieser Vermittlungen 
aufzuzeigen nnd so das Besondere systematisch aus dem 



1 ) Ad. post. I, 6. c* 30 f. S. o. S. 367* Doch vgl. auch 8. 370. 

2) A. a. O. c. 24—27. c 14*' 79, a, 22. 

S) G. 7« 32* €• 9, Anf. f (paviQOP 8ti, enaatop dnodttinn ovn IW 

all* fj ex TOiV knaoTOv d^xotv» S. u« 
4) C. 19 — 23. 



I 

« 



3S0 Die formalen Voraass^teungen 

Ällgemeiden abzuleiten, ist eben die Aufgabe des Bewei- 
ses 0? in welchem desslialb nacli Aristoteles auch die 
£intheilung enthalten ist ^). 

Hier scheint sich nun aber ^n Widerspruch heraus- 
zustellen. Alles Beweisen ist ein Schlieasen aus gewis- 
sen Voraussetzungen. Sollte sich daher Alles beweisen 
lassen, so müsste für jedes Wissen auf ein höheres, als 
seine Voraussetzung, zurückgegangen werden, ebenso 
aber für dieses und so fort in's^ Unendliche; d. h. ein 
ifvirkliches Wissen konnte nie zu Stande kommen. Die- 
ser von ihm soharf beachteten Schwierigkeit begegnet 
Aristoteles zunächst durch die Unterscheidung des ver- 
mittelten und des unmittelbaren Wissens. Das Wissen 
durch Beweis Ist ein vermitteltes, dieses selbst aber setzt 
ein unmittelbares Wissen voraus; weder die obersten Prin- 
cipien noch die empirischen Thatsachen lassen sich be-^ 
weisen oder definiren, sondern beide sind unmittelbar ge- 
wiss icifieaa) ^), wesshalb anch Aristoteles zwischen der 
imatiifirj im engern Sinn und dem vovg unterscheidet: 
^r voßg ist das unmittelbare Erkennen der höchsten Prin- 
eipien, die imar^fit] das abgeleitete Erkennen dessen, 



1) Vgl. Top. II, 2. 109,^ b, 14: oxottsip Ss nax siSt] nai fifj iv toU 
dnsigots* oSt^ ydg [aoXXov Kal< iv iXarroaiv ^ attdyjts. Sei de 
QKonstP xal aQXia^ai dno tutv TTQOtvütv ton rtov drofiojv — und 
^azu das oben S. 173 aus Plato Angeführte. 

2) An. pr. I, 31, Anf. : on S* t) 3td tmv yev(uv SiaiQsa&t /ntxgov r» 
/lOQiov ioTi riJQ eiQijfitvfjS fit&dSovt ^aSiov Idstv* ear^ ydg ij 
diai^aaiS oiov daO'fv^s cMoyiof^os u. s* w. Vgl. Anv post. FI, 6. 

3) Anal post. J, 2. 3. c. 19—23. c. 32. 88, b, 17. c 9. 76, a, 16: 
(pavsQov 0€i ovx eoTi rds ittdarov IdiaQ dgxdi dTtoSei^ai. Me- 
taph. IV, 4. 1006, a, 6: «ar» ydg djcat^svala to fi^ yi,yv0i(ntstVy 

. rivüHf Sei ^ijTSiv dnodei^^v nal rivojy ov Set* oXüH fiev ydg dirdv- 

Twv dSvvarov dnoSet^iV sivat* eis aitsiQOv yaQ av ßaSiioiy wars 

fitjS^ ovxoiS elvat d'JT6Ssi^tv, IVletaph. VIII,. 3. 1043, b, 28: ot>- 

■ oias iOTt fjLtv iji ivSiysrat sivat ögov nal Xoyov^ ofov^riji Ovv^ 

^izovt tuv TS aiQ^fjT]^ idv re vot^ti^ i,* i^ ojv d^ avvrj ttqojtojv 



ovx l'anv* 



t 

I 



des Avistotelisehen Systems. 3St 

9 

was aus diesen folgt 0* ^u^ ^^ Gebiete dieses abgelei- 
teten Erliennens ist Irrthum möglich , denn nur hier ist 
eine Verbindung mehrerer Elemente, aller Irrthum aber 
beruht auf unrichtiger Verbindung der Vorstellungen; das 
unmittelbar Erkennbare kann man nur wissen oder nicht 
wissen, aber nie falsch wissen 2). 

Scheint nun aber nicht hiemit das Wissen von den 
Prinoipien selbst^ und ebendamit auch alles abgeleitete 
Wissen in der Luft zu hängen? denn offenbar müssen 
doch die Principien noch fester stehen, als das, was dar- 
aus erschlossen wird ^); die Pilncipien. aber sollen sich 
nicht beweisen lassen. Nein, antwortet Aristotel^; giebt 
es auch für die höchsten Principien keine Ableitung durch 
Beweis^ so sind sie darum doch nicht ohne Begründung: 
die Stelle des Beweises vertritt hier die Induktion. 
Es sind nämlich überhaupt zwei Richtungen des wissen- 
schaftlichen Denkens zu unterscheiden: die, welche zu 
den Principien hinführt, und die, welche von den Princi- 
pien zum Einzelnen herabführt ^), der Fortgang von dem 



1) An. post II. 19} Scbl.: iitsl S* ovdev dlfj&^arsQOV ivBi^^vat el^ 
vai bntazt^fArjQi 7/ vovp .... vovi av sl'fj iniaxrj^rii ^QX^* Eth. 

•Nie. VI, 6: Tfji OLQXV^ ^oi» iniOTfjvov ovt aV (mavijfirj «^ ovre 
rixvfj ovTs (pQOPf^ais . . . IsiTtsrui vovv slva^ Tfov dQx<**v, Ebd. 
c. 3. 7* c. 12. 1143, b, 5; (der vovi sei die aXa^rjaii rdlv na&6^ 
Xov), Genaueres über den psydiologiscben Charakter dieses un- 
mittelbaren Erkennens s. §. 27. 

2) De an. lil, 6, Anf. 17 fiiv ovv rwv <iS$atQirwp ifotjais sp roiJroic, 
negi a ovx i'or* to tpsv^os* iv oU dh ual to tptvSoi xal t6 dXrj^ 
d'ii-, avv&saii ns ^Stj vofjfAaTotv foQ ev ovtodv. Ebd. Schi* Eine 
aiisfuhrlicbere Erörterung des obigen Satzes giebt Metaph.IX, 10. 
Dasselbe sagt Aristoteles auch von der sinnlichen Wahmebmung, 
sofern diese rein für sich genommen, und kein Urtbeü mit ein- 
gemiscfat wird^ I>c an. IIJ, 3. 428, b, 18, Ilt, 6, Schi., imd von 

^ aUem unmittelbaren Wissen Überhaupt Cat. c. 4» Schi. 

3) Anal. post. I, 2, Sthl.: Tov Se fiiXXovta e^stv r^v iniariffAtjv 
tfjv Bv aTtoSelSsojf j dstTaC dg^^S fidlXop ypojgl^eiv nal fidXXov 
uvraU TTiarsvitv ^ rta SstKVvfiivfif. C. 3. Anf, u. 6. 

4) Eth. Nie. I) 2. 1095, a, 30: «5 ydq utoiX tlldtotv ^Ttoqst tovto 



384 Die fo-rmalen Voraussetzungen 

ist daher eine vollständige Renntniss alles Einzelnen 
notbig. 

£ben hier liegt aber der Keim einer neuen Sefawiä- 
rigkeit. Eine schlechthin vollständige Kenntniss alles 
Einzelnen ist bei der Unendlichkeit desselben unmöglich. 
So lange aber diese unvollständig ist, scheint auch das, 
was daraus abgeleitet wird, unsicher bleibeti zu müssen« 
Um diesem Bedenken zu entgehen, muss eine Abkürzung 
des epagogischen Beweisverfahrens angebracht werden, 
und diese findet Aristoteles in dem, was er die dialekti* 
sehe Methode im engeren Sinn nennt, in^ der Folgerung 
aus dem Wahrscheinlichen und allgemein Anerkannten, 
dem avl\oyi<^(Aog il hdolmv^ mitt dessen Theorie sich die 
Logik beschäftigt. Die ersten Principien jeder Wissen« 
Schaft lassen sich nicht weiter ans anderen ableiten ; hier 
müssen wir daher auf das, was der allgemeinen Meinung 
in Betreif jedes einzelnen Gebiets feststeht, zurückge- 
hen, um aus diesem die Principien zu bestimmen ^), denn 
was Alle oder doch die Verständigen glauben, dem lässt 



den Formen des apodiktisdien Schlusses s. b. Hetdeb, Verglei- 
chung d. Aristot. und Hegel'sclien Dialektih I, a, 221 if. 
1) Top. I, 1: *H fJkh TtQO&BOti r^i n^ayfiareiaii f^i&oiop sv(}^v, 
«9* lys ivvtjaofiid'a avlkoyi^saO'ai tisqI narroe tov vrgore&^VTOS 
TTQoßltjfiaros iS ivdoSotv . . . SialsKTixos Si ovlköyta/jtos 6 iS «V- 
do^otv avlloyt^a/j^svoi , . • tvdo^a de. na SaeovvTct naatv tj to7q 
nkslaroii r, roTs eo^eU, nat tovtois f naatv 7} ro7ff jtXelarots 
rj tote fiaki^ara yvwQifio&i Mal ivdo^oii. C '2: *ar* $t^ it^oi tQia 
[xqtjatfAOS 17 7T^ayfiareia\t itQoi yvfcpaolavy n^s ra^ ivrev^HS, 
TTQoe Tai xoera (pikoff^iplav intotri^ai . . . tr^oi dt rat nard q^i- 
koaoq)iav imatrjiMti^ ortr dvvafisvoi, Ttgoe dfitpoTega SiajtOQ^aai 
gaop iv ittdarots HaToywfie&ai rdkrj^ii re koI t6 yitndot, irt 
Si ngoi T« ngcüra tvSv itcQl iniorrjfifiv dgx^^- ^* /***', 
ydg Toüv oiksIwv rtur xard ttjv Ttgors^etaav iitKnrjfirjv aQxfap 
ddvvoLTOV slnslv ri nsgl uvtoUp, iitHStj ngxatat> at dgxat dndv- 
Tüiv slal , ^*a d^ td)V itsgl evtaavm ivSo^coP dvdyKrj nsgl avToüp 
SiBk{^8iv. tovTO S* V8tov rj fidkioTa oiHsiov t^s dtanksutnn^i iativ* 
i^sraariKy ydg ovaa 7t;g6s räQ dtltaaotv tjcov fie&odofv dgxdi qBov 
^X^t. 






des Aristotelischen Systemf. 385. 

9iGli nach der Ansicht des Aristoteles nicht wohl wider- 
sprechen ^). Diese Bestimmung aber wird nur dann auC 
wissenschaftliche Sicherheit Ansprach machen können, 
lyenn sie nicht blos die eine oder die andere von den ge* 
wöhnlidien Vorstellungen herausgreift, sondern sich als 
das Gesammtresultat aus einer allseitigen Erwägung der- 
selben darstellt. Daher denn jener eigenthiimlich Aristote- 
lische Gebrauch der dnogla, der darin besteht, dass vor. 
der systematischen Entwicklung jedes Gegenstands erst 
die verschiedenen Seiten, von denen er sich fassen lässt, 
anfgezählt, durch Gegeneinanderhalten derselben Schwie- 
rigkeiten erzeugt, und aus der Lösung dieser Schwierig- 
ketten die Grundlagen der wissenschaftlichen Darstellung« 
gewonnen werden. Diese dialektischen Erörterungen sind 
die Vorbereitungen und Fundamente der dogmatischem 
Entwicklung, indem sie die Resultate der Induktion un- 
ter gewisse allgemeine Gesichtspunkte zusammenfassen, 
und diese durch einander näher bestimmen, und zur Ein- 
heit eines Gesammtergebnisses verknüpfen ^). 

Diess also sind die beiden Wege des wissenschaftli- 



1) Elb. Nili. VF, 12. 1143, b, 11: war« Set n()osixsiP xwv ifinsi^ojv 
xal itQBoßvxiQwv f] (pQOvifiiuv vaii uvanoSeinrots (pdaeai 'mal $6^ 
Ja*tf ovx rjTTov roSv dnodei^eunv, X, II. 1172, b, 35: oi S^ ivi- 
ardfisvoi ojt ovh dya&ov ov navx* ifpUxM , yuiy ovSiv Xiyoiatv * o 
yd^ Ttdai Soms7j tolt sTvat q>a^sv. Aus demselben Anlass be- 
ruft sich die genannte Schrift^ VII, 14. 1153» b, 27 auf den Vers 

- (ffifitj S' ov rC ys ndfinav dnoklvrai , rjv riva kaol 
Trolkol . . 

Vgl au^h Polit. If, 5. 1264, a, 1. Damit hängt auch die Vor- 
liebe des Aristoteles für sprichwörtliche Redensarten und Gno- 
men zusammen, wie er denn nach Diog. L. V, 26* in einem ei- 
genen Buche eine Sprich wörtersammlung angelegt hat. 

2) S. S. 384) 1. und Metaph. III, 1, Anf. : ian Ss roU avTTOQ^aai 
ßovXofiivoiiiTQOvQyov t6 d^anoQijaa* xuIms* 17 yd(j vars^ov svito-^ 

' ^ia XvQii TMP TTQOTSQOV dnoQov/iivwv iarly kvttv ^ ovtt i'ativ 
dyvoovvras vor Ssofiov u. s. w. Vergl. Fbys. IV, 10, Anf. De 
coel. I, 1, Anf. An. post. II, 3 > Anf. u. A. 
Die PbUosophie der Grieclien. 11. Theil 25 



SS6^ 1^10 formalao Voraasseteungen 

eben Erkentiens, die Aristoteles vorzeiclmet^ der Beweis 
und die Induktion; nur durch die Verbindung beider lässt 
sich ein sicheres Wissen um das Wesen der Dinge ge- 
winnen; oder/ wie diess hier ausgedrückt ist, nur durch 
diese Verbindung ist eine Definition möglich >)• Die De- 
finition nämlich hat nach Äristotelisclier Ansicht die Auf- 
gabe, das Wesen ihi^s Gegenstands (das r/ iatt oder ge- 
nauer das r/ ^k fhai desselben) anzugeben ^). Dieses 
aber, wofern die Definition mehr, als eine blosse Wor^- 
erklärung sein soll, ist nur dadurch möglich, dass die Ur- 
sachen des fragliclien Gegenstands aufgezeigt werden ^), 
das Ableiten eines Dings aus seinen Ursachen aber ist 
zunächst Sache der wissenschaftlichen Beweisführung 0« 
Diese allein reicht indessen nicht aus, denn theils wird 
bei jeder solchen Ableitung das Einzelne, das unter die 
Definition subsumirt werden soll, sclion vorausgesetzt, 
theils lässt sich auch iiberhaupt nicht Alles aus einem 
Andern ableiten ^3; ist daher auch bei dem Meisten die 
Ableitung durch Beweis zur Erkenntniss des Wesens 
nothwendig, so gewährt doch sie allein diese Erkenntniss 
noch nicht ^); es muss vielmehr zum Beweis und derEin- 



1) Ueber die Lehre des Aristoteles von der Definition s. An. post. 
II9 3 — 18. Top. VI. VII. vgl. Rassow Arist, de notionis defim- 
tione doctrina (Berl. 1843). Hetdbr a. a. O. S. 247—293. Ari- 
stoteles sellMt rechnet An. post 11, 19) Anf. die Theorie der De- 
finition mit Rur Lehre Tom Beweis» wie er überhaupt der für 
sein Verfahren so wichtigen Induktion immer nur nel>eubci er- 
wähnt; der Sache nach ist sie aber so, wie oben» zu stellen. 

2) An. post. II, 3. 90, b, 3. u ö. Top. VI, 1. 139, a, 32. c. 3. VH, 
3. 149, a, 15. 

3) Anal. post. IT, 2: ro vi luv siSivat ravro igt xal Std ti iuv. 
c. 8, Anf. Top. VI, 4. 

4) An. post. IL 10, Top.- VI, 4. 

5) An. post H, 5-7. c. 9; vgl. Metaph. IX, 6. 1048, a, 35: 6y- 
Xov ^ iitl tqIp Mad-' eKaata xfi inayoy^ o ßovlofis&a XiytiVy %al 
ov 9st TtavTos OQOV ^tjTtivy dlXd ttal To dvdXoyop otfVOQfJv, 

6) An. post. Ilf 8. 93) b, 16: QvkXoyio^os fAtp rov W iartv ov yi^ 



des Aristotelischen Systems. S6T 

tfaeiltttig; (diese beiden erklärt ja aber Aristoteleis f&r we^ 
sentlicli identisch) noch die Induktion hinzukommen, in-' 
dem durch beide zusammen theils aufsteigend die gemein- 
^amen, theils herabsteigend die specifischen Merkmale der 
Dinge gesucht werden ^). 

Diese methodologischen Erörterungen werden nun zur 
Bestätigung dessen dienen, was ich früher ii^er das Ver* 
hältniss der Erfahrung zur Spekulation bei Aristoteles 
bemerkt habe. Die eigentliche Aufgabe der Philosophie 
ist auch ihm nur die Erkenntniss des Wesens und der 
Gründe derDinge, aber diese selbst setzt die Erfahrungs« ^ 
erkenntniss, zwar nicht als die Norm ihrer Wahrheit, 
wohl aber als die unentbehrliche Bedingung ihrer Wirk^ 
lichkeit voraus. Die höchsten Principien sind unmit- 
telbar gewiss, und bewähren sich der Vernunft ohne Be- 
weis, schlechthin durch sich selbst, aber für uns ist es 
nicht möglich, uns anders, als von der Erfahrung aus und 
durch Induktion zu dieser Vernunfterkenntniss zu erheben. 

Hiemit stimmt denn auch ganz überein, was Aristo-» 
telea ül>er die Entstehung des Wissens im Allgemeinen 
ausführt. Es wiederholt sich hier dieselbe Schwierigkeit, 
wie bei der Frage über den Beweis. Sofern ein Wissen 
möglich sein soH, scheint es, müssen wir die allgemeinen 
Principien alles Wissens schon In uns haben ; dieses hinwie- 
derum scheint unmöglich zu sein, da so ein Wissen vor dem 
Wissen angenommen werden müsste '^). Dieser Schwie- 
rigkeit hatte Plato durch seine Lehre von der Wieder- 
erinuerung zu entgehen gesucht. Aristoteles weiss sic^i 
mit dieser Vorstellung nicht zu befreunden, ausser den 
Gründen, mit denen er (s. u.) die Lehre von der Präexi- 



Vttat ovd^ anoSit^iCf Sijkop fiivroi $ia ovkXaytafiov ttal 9t a^ro- 
^«'ffwff. Vgl. Top. VII, 3. 

1) S. d. vor. Aiim. und c. 13, 96, b, 15* 97$ by ?• c 9. 

2) An. post II, 19. 99, b» 2^ 

25* 



38S 1^1® formalen Veraussetzungeii 

stenz bestreitet, scbmi darum nicht, weil es ihn als ein 
Widerspruch erscheint, dass wir die Ideen in uns haben 
sollen, ohne uns dpch derselben bewusst zu sein 0* Dlo 
wahre Lösung; der angeregten Bedenlilichkeit liegt viel- 
mehr seiner Ansicht nach in der Unterscheidung des ak- 
tuellen und potentiellen Wissens: der Anlage nach muss 
das Denken die allgemeinen Begriffe von Hause aus in 
sich haben, sofern es die Fähigkeit hat, sie aus sich zu 
bilden, aber nicht der Wirklichkeit nach, bestimmt und 
entwickelt, ein Verhältniss, das Aristoteles mittelst der 
bekannten, so vielfach missverstandenen Vergleichung der 
Seele mit einer unbeschriebenen Tafel erörtert, die ja 
gleichfalls zwar der Möglichkeit, nicht aber der Wirk- 
lichkeit nach ein Buch ist 0« 

Die Art aber, wie sich diese Anlage zum wirklichen 
Wissen entwickelt, ist diese: das Erste ist immer die 
sinnliche Wahrnehmung iaU&tjatg). Ohne sie ist kein 
Denken möglich 3); wem ein Sinnesorgan fehlt, dem fehlt 
nothwendig auch das entsprechende Wissen, denn die 
allgemeinen Grundsätze jeder Wissenschaft lassen sich 
nur durch Induktion finden, die Induktion aber muss von 
der Wahrnehmung ausgehen *). Die Wahrnehmung nun 
hat zunächst das Einzelne zum Inhalt ') ; sofern jedoch 



1) A. a. O. Z. 26. Metaph. J, 9. 992, b, SS. 

2) De an. III, 4.429, a, 22 ff, b, 5, 30 ff. II, 5. 417, a, 21, b, 19. 
vgl. Hegel, Gesch. der Phil. II, 542 f. Trendelxmburg z. Arist. 
De an. S. 485 f. 

5) De an. III, 8. 4S2, a» 4: intl 3i ovSi irg£yfi$i ovSdy taT& na^m 
Tüi fMyid'tjy oie Soxety rd aiad^rd »sx^Qt'Ofiivovj. iv rote §idfo* 
Toti aiQ^TjTOii ra voijTa iari . . . nal Sid tovro o^re fi^ aio&a- 
yo/ifvos fi7^&iv ov&iv oV fid&o$ ovSc fiTto»* orav r« ^ew(>/7» 
drdyntj äfia tpdvraofid t» ^eotQiHv. De sensu c. 6. 445, b, 16: 
ovdk voet 6 rovs rd eKToi fitj fitx aio&^atojs ovva. 

4) An. post II, 18. De sensu c. 1, g. £. 

5} An. post II, 18: nZv xa&' enaarov tj aio&fjotQ, Dasselbe oft 
wiederholt, z.B. An. post. I, 2. 72, a, 4. c. 51, Anf. Phys. I,S. 
Schi. De an. III, 5. 417» b» 22. 27« S. auch 8. 382. 



des Arlstoteliftchen Systems. 339 

im Einzelneu immer auch dfts Aligemeine entlialten ist, 
wenn aueli noeli nielU für sieli abgelöst, so richtet sich 
die Walirnebmung implicite aucli auf dieses''); oder ge- 
nauer: was die Sinne walirneiimen ist nicht die Ein- 
zelsubstanz als solche (das Dieses, rodi tp)^ sondern im- 
mer nur gewisse Eigenschaften derselben, diese aber ver- 
balten sich zur Einzelsubstanz selbst bereits wie das All- 
gemeine, sie sind nicht ein voös, sondern ein riovdi; wie- 
w^'obl sie daher in der Wahrnehmung nie unter der Form 
der Allgemeinheit, sondern immer nur an einem Diesen, 
in einer individuellen Bestimmtheit angeschaut werden, 
so sind sie doch an sich ein Allgemeines, und es kann 
sich aus ihrer Wahrnehmung der Gedanke des Allgemei- 
nen entwickeln^). Diess geschieht aber so : schon in der 
sinnlichen Wahrnehmung selbst werden die einzelnen sinn- 
lichen Eigenschaften, also die relativ allgemeinen Bestfni- 
mungen, welche der Einzelsubstanz anhaften, unterschie- 
den ^) ; aus der Wahrnehmung sofort erzeugt sich inittelst 
des Gedächtnisses ein allgemeines Bild, indem dasjenige 
festgehalten wird, was sicheln vielen Wahrnehmungen 



1) De an. lU, 8» s. S. 388, 3. 

2) An. post. I, 31, Auf*: Ovdi 8i ato&iiaews eariv Iniorao^ai, tl 
yd^ tial lariv tj tuad'ijahi rov TOtovds nal fi^ jovSi rtvoe 
(nur das Tode aber ist Einzelsubstanz : ooStv oTjfiaivt^ rdSr xotv^ 
HartjyoQov^huiv xoSe r* dXXd rotovSe Metapb. VII, 13. 1039f 
a, 1. — Weiteres s. u. §. 26.) > «^^* aia&dvsad'ai yä dvitynaTop 
voSs Ti Mtu nov fial vvv, %6 de xa&clov nal inl ndatv dSvvarov 
aia&dpea&ai. ov yoLQ roSs Ovis vvv» 11, 19. 100, a, 17: ala&d^ 
vtrai fitv t6 »ad'* exaoroVf ij ^ ai'aOyaiS rov xa&okov isiVf 
olov dv&Qtunov, all' ov KaXXia dv&QutTtov, De, an. III, 6* Den 
Sinn dieser Stellen, und ihre Einstimmung mit der sonstigen 
Lehre des Aristoteles, deren Herstellung auch Hbtbkb (Vergl. 
der Aristotel. und HegeVschen Dialektik I, a, 166 f.) zu viel zu 
schaffen macht, wird das im Text Gesagte darthun. 

S ) De an. HI, 2. 426, b, 8 ff. Daher wird die aia&fjoi9 An. post. 
II, 19. 99, b, 35. vgl. De an. III, 9, Anf. eine Svt*afM9 ovfttpvros 
N^irAxi; geaannt« 



390 Die formalen Voraussetsungen 

gleichmässig iwfederholt ; durch fortgesetzte Wiederho- 
lung dieses Processes gelangt man am Ende zu den all- 
gemeinsten Gründen, deren wissenschaftliche Erkenntniss 
aus eben diesem Grunde nur durch die methodische Nach- 
bildung desselben Verfahrens, durch die Induktion mög- 
lich ist O* Wahrend also Plato dadurch zur Idee hin- 
fiihren will, dass er den Blick von der Erscheinungswelt 
abkehrt, und höchstens den Reflex der Idee, nicht diese 
selbst, in der Erscheinung angeschaut werden lässt, so 
besteht nach Aristotelischer Ansicht die Erhebung zum 
Wissen vielmehr darin, dass zum Allgemeinen der Er- 
scheinung als solcher vorgedrungen wird, oder sofern 
beide die Forderung der Abstraktion vom unmittelbar Ge- 
gebenen und die Reflexion auf das ihm zu Grunde liegende 
Allgemeine verlangen, so ist doch das Verhältnjss beider 
Elemente hier und dort ein verschiedenes: bei dem Einen 
ist die Abstraktion vom Gegebenen das Erste, und nur 
unter Voraussetzung dieser Abstraktion hält er ein Er- 
kennen des allgemeinen Wesens für mAglich, bei dem 
Andern ist die Richtung auf das gemeinsame Wesen des 
empirisch Gegebenen das Erste, und nur eine nothwen- 
dige Folge davon ist, dass vom sinnlich Einzelnen abstra- 
hirt wird. Aus diesem Grunde nimmt auch Aristoteles 
die Wahrheit der sinnlichen Wahrnehmung gegen Plato 
und Andere In Schutz, indem er zeigt, dass weder die 
Widerspruche und Täuschungen derselben die Möglich- 
keit einer richtigen Wahrnehmung, noch ihre Relativität 
das Dasein eines substantiellen Substrats aufliebe, dass 
überhaupt die Zweifel an der sinnlichen Wahrnehmung 
nur von mangelnder Vorsicht in ihrer Benutzung herrüh- 
ren *). 

Denken wir uns nun diese Erhebung vom Einzelnen 



i) An. post II, 19. ygh Metaph. I, l. 980, b, 18. 

3) Metaph. IV, 5» 6. 1010, bf. De an. Uk h 438, b. 



' de« Aristotelischen Systems. 391 

zum Allgemeinen vollendet, welches ist das höchste Priii- 
cip, bei dem wir anlangen? Das Princip alles Wissens 
und der Grundsatz, von dem alle anderen abhängen, ist 
nach der Ansicht des Aristoteles der Satz des Wider- 
spruchs >), mit dem er auch den Satz des ausgeschlosse« 
neu Dritten als seine unmittelbare Folge verbindet ^). An 
diesem Grundsatz kann Niemand im Ernste zweifeln, wenn 
es auch Manche sagen mögen ; gerade desshalb aber, weil 
er der schlechthin höchste Grundsatz ist, lässt er sich 
auch nicht beweisen, d. h. aus einem höheren ableiten; 
dagegen ist es allerdings möglich, ihn gegen Einwendun- 
gen jeder Art zu vertheidigen, indem diesen nachgewie- 
sen wird, theils dass sie auf Missverständnissen beruhen, 
tbells dass auch sie jenen Grundsatz voraussetzen und 
mit demselben sich selbst aufheben. 

Aus diesem formalen Grundsatz lässt sich jedoch der 
bestimmte Inhalt der besonderen Wissenschaften unnM|^- 
lich ableiten; für diese sieht sich daher Aristoteles ge- 
nöthlgt noch weitere eigenth&mliche Principien aufzusu- 
ehen. Jeder Beweis setzt ihm zufolge zweierlei voraus: 
einen allgemeinen Grundsatz aus dem, und einen bestimm- 
ten Gegenstand, von dem etwas bewiesen wird 3). Die 
allgemeinen Grundsätze nun sind für alle Wissenschaften 
dieselben; der bestimmte Gegenstand dagegen, mit dem 
sie sich beschäftigt, ist jeder eigenthiimlich; ebendamit 
aber auch alle die Voraussetzungen, welche sich auf die- 



1) Metaph. UI, 1. 995, b, 4 ff. IV, 3. 1005, b, H ff. c. 4. 5. 6. 

2) A. a. O. c. 7« 

3) Ao. post. I, 7, Aof.: tqIo. yag iari tu dp taU dnoSetSioiv ^ «V 
fiiv %6 aTrodsmvvfUVOP f ro üvfAnigaafAa ... tv 6k rd «{«(J^aro* 
dS$OßfiaTa y ioTlv «J ojv (sc, dnoSeUwrat). tqItop t6 yivoQ ro 
vnomifiivov u. 8. w. c. 10« 76» b, 21 : ty (pvati tffla tavtd i^h 
7r9Ql o TB ^sixvwjt xal a deUvvoi Kai c£ iv, Metapb. lUf 3. 997t 
a, 8: dvdytiyj yd^ Ix rfttcvv älvtu «al ntgl ri $mI rtputp t^v 
dniSti^^, 



392 D>6 formalen Vorausseteungen 

sen bestimmten Gegfeiistand als solchen beziehen; dfesie 
aus höheren ableiten wollen, hiesse nach der Meinung 
unseres Philosophen alle unterschiede der besonderen 
Gebiete aufheben, und den von Ihm so oft gerügten Feh- 
ler der fjtiTciß»(T$g tig äXKo yivog begehen ^). Es ist diess 
eine der folgenreichsten Bestimmungen für das Aristo- 
telische System, und der letzte Grund seines vielbesproche- 
nen Empirismus. Dass es das Wissen nur mit dem All- 
gemeinen zu thun habe, giebt auch Aristoteles zu, aber 
damit Im Fortgang vom Einzelnen zum Allgemeinen seine 
Bestimmtheit nicht verloren gehe, setzt er dem allgemei- 
nen als dem formellen Princip die besonderen, materiellen 
Principlen znr Seite, deren jedes f&r sich durch Induktion 
gefunden werden muss. Die Forderung, auch diese aus 
jenem abzuleiten, deren vollendete Losung freilich nur 
in der vollendeten Philosophie möglich wäre, erscheint 
ihm durchaus unberechtigt. Es Ist so hier derselbe Dualis- 
mus von Form und Stoff, der sich durch das ganze System 
hindurchzieht. 

Diesen Grundsätzen gemäss können wir ieiuch keine 
rein systematische Ableitung der Theile und der Glie- 
•derung der Philosophie^) erwarten, und wirklich 
macht auch Aristoteles gar keinen Versuch der Art; 
die Mehrheit der philosophischen Wissenschaften erscheint 
hier als eine nicht weiter bewiesene Voraussetzung. Eben- 



1} An. post. I^ 9* 76) b, 13: üatt ual in tovtwv fave^ov or* 
. otV ^OTtv dnodet^ai tnaarov dnldHt > dlk* 17 ex t(op inaarov dff" 
XÖjv, . El Si (favBQov rovro, (pavt^ov xal ort ovn lart ras ixdü" 
Tov t3ia6 aQxds dnodetScii' (aovtai yd^ iMeZvai dndvTotv dQ%a\y 
nal tTnarijfiT] 17 ineivotv xvffia Trdyrwr ... 17 ^ dnoSsi^iS ovn 
itpaQfioTtei in aXXo yivoi. C. 10 : *'ä» ^ ojv yQ^vtai iv raif 
dTToSetnrtnaU iTttari^fiatS rd fiiv l'^«« indüxijs imat'^firi'S rd Si 
Motvd u. 8. w. G 32; bes. am Schluss: ai ydg «Vl«^ StzzaU 
it ^v T» nal ns^l o • ai fth ovv *{ wv no^val » «» 9i nsqH o 
tSia$i oiov d^i<yfi6c, fiiye^os. Vgl. De gen. an. II, 8. 748, b, 7. 

2) VgU hierüber Riwb Gescb. d» Phil. 111, 57- 78« 



des Aristotelischen Systeilis. *\S9S 

sowenig^ Ist sich aber der Philosoplt in der Aufzählntig 
derselben überall g^eicligeblleben. Eine der häufigsten 
Unterschelduivgen ist bei ilini die der theoretischen, der 
praktischen und der poetischen Wissenschaft *), von denen 
er sonst auch nnr die zwei ersten besonders hervorhebt^). 
Die theoretische Wissenschaft ist die, welche das Wissen 
als solches, die praktische die, vvelche das Handeln, die 
poetische die, welche die technische oder künstlerische 
Produktion (denn diese beiden werden von Aristoteles 
nech zusaminengefasst) zum Zweck hat. Innerhalb der 
theoretischen Wissenschaft ferner wird die Theologie 
oder die erste Philosophie (nach späterer Bezeichnung dflie 
Metaphysik), die Mathematik und die Physik unterschied 
ilen'), innerhalb der praktischen zunächst die praktische 
Fundamental Wissenschaft von den untergeordneten und 
Hülfswisseottchaften ^). Jene ist die Ethik im weiteren 
Sinn, die aber Aristoteles lieber Politik genannt wissen 
will ^), zu diesen wird die Oekonomik, die Feldherrnkunst, 
und die Rhetorik gerechnet^); die Politik soll theils vom 
sittlichen Handeln des Einzelnen theils von dem des 
Staats handln 7). — Dnrch diese Aenssernngen hat mah 



1) Melapb, VI, 1. 1025, b, 18 ff. c 2. 1026, b, 5. (Xf, 7) Top. 
VIII, 1. 153, a, 10. Eth Nik. I, 1. 1094, a, 6. X, 8. 1178, b, 
20; vgl. De coel» III, 7. 306, a, 16. 

2) Metapb. JI, 1. 993, b, 20. Etb/Eud. I, 1. 1214, a, 8 vgl. part. 
an. 1, 1. 639, b, 19, 640, a, 1. de an. Ilf, 10. 435, a, 14. 

3) Metapb. VI, 1. 1026, a 18. XI, 7) über den Begriff der ttqwttj 
tf>t,Xoao(pla 0. auch Phys. I, 9* 192, a, 34. 11 , 2 Schi. De mot. 
an. c. 6. 700, b, 9. u. A« 

4) Eth. Nili. I, 1. 1094, a, 18 ff. 

5) Eth. Nik. I, 1 a. a. O. u. 1095, a, 2. I, 2, Anf. u. Schi. M. 
Mor. 1, 1 Anf« Rhet. I, 2. 1356 9 a, 26 — unter dem Namen 
der Ethik cittrt Aristoteles immer nur seine ethischen Schriften 
im engem Sinn Metapb. 1, l. 981* b, 25. Polit ttl, 9. 1280, a, 
18 c. 12. 1282, b, 20. VJI, 13. 1332, a,* 8. 

6} Eth. Nik. I, 1. Rhet I, 2. 
7) Eth. Nik. I, !♦ 1094, b, 7. 



•394 ^1® formalen VorautteUungdii 

sich nun berechtigt geglaubt, dem Aristoteles die Eian 
thellujig der Philosophie in die theoretische, praktische 
und poetische zuzuschi'eiben, von i?velcheu drei Theilen 
sodann der erste wieder in die Theologie, Mathematlli 
und Physik, der zweite in die Ethik, Oekonomik und Po- 
litik, der dritte in die Poetik, Rhetorik und Dialektik 
zerfallen sollte 0* Hiebet bleibt aber fürs Erste die Ana- 
lytik, oder die formale Logik, die doch für Aristoteles 
so wichtig ist, ganz unberücksichtigt'^). Weiter wird 
auoii die Rhetorik, die Aristoteles mit der grösten Be- 
atiauntheit den praktischen Disejplinen beizählt (s. o.), 
Wüd die Dialektik (Topik), welche er ebenso entschieden 
als Hülfswissenschaft der theoretischen Philosophie he- 
zeichnet % mit Unrecht zur Poetik gezogen. Die Oeko?- 
nomik ferner bildet bei Aristoteles keine eigene Wissen- 
schaft neben der Ethik und Politik, sondern nnr einen 
Theil der letztern, denn wie es sieh auch mit den zwei 
Büchern der Oekonomik verhalten mag, jedenfalls zeigt 
die Besprechung dieses Gegenstands im ersten Buch der 
Politik, dass er die Lehre vom Hauawesen mit zur Lehre 
vom Staat rechnete *). Auch die Mathematik endlich 
kann wenigstens in dem System, das Aristoteles In sei- 
nen Schriften ausgeführt hat, kaum als besonderer Theil 
neben der Physik und Metaphysik in Betracht kommen, 
selbst wenn man der Angabe^), dass er ein fice^i^arijioV^ 



1) Rayaisson Essai sur la Metapbysiqu^ d' Ariatote (Par. 1837) 
I, 250 ff. 

2) Rayaisson (S. 252. 264} sucht diess damit zu rechtfertigen« 
dass die Analytik keine besondere Wissenschaft, soadem die 
Form aller Wissenschaft sei, diess ist aber unrichtig; die Ana- 
lytik ist das Wissen von dieser Form, nicht sie selbst. Mar- 
BAca meint gar, (Gesch. d* Phil. I, 247) «es könne keinem Zwei- 
fel unterliegen , dass die Mathematik , welche einen Theil der 
Philosophie ausmacht, die jetKt sog* Logik sei«. 

3) Top. I, 1, Anf. c 2. " , 

4) S. auch unten %. 28, Anf. 
5> DiOG. L, V, 24. 26. 



des Aristotelischen Systems. 305 

ein ^ar^vo/i$HOP und ein OTirtxoV geschrieben habe, ghiu- 
ben, und die Mechanik fiii* acht annehmen will, denn auch 
in diesem Fall würden diese Untersuchungen den bedeu- 
tenden naturwissenschaftlichen und metaphysischen gegen- 
über doch immer nur eine sehr untergeordnete Stelle ein- 
nehmen O9 tin^l so scheint auch Aristoteles selbst neben der 
Metaphysik nur die Physik als deurf^a q)iko(soq)la zu be- 
zeichnen 2). 

Können wir nun die bisher besprochene Eintheiiung 
des Systems bei Aristoteles nicht wohl durchführen, so 
liegt es nahe, sich an andere, der üblichen Trichotomle 
näher stehende Aeusserungeu zu halten. Alle Sätze und 
Aufgaben, sagt Aristoteles 3), seien theils ethische, thelb 
physische, theils logische. Nun nennt er sonst diejenigen 
Beweisführungen und Untersuchungen logische, in denen 
ein Gegenstand nach allgemeinen Gesiehtspunkten und 



1) Weiliger gegründet erscheinen mir andere Bedeniten , die RrrrvB 
Gesch. d. Phil. 1:1, 73 f. hinsicht)ich der Stellung der Mathema- 
tik bei Aristoteles vorbringt. Er glaubt nämlich in seinen Aeus- 
serungen über dieselbe den Widerspruch zu finden, dass der 
Mathematik ein sinnliches Substrat bald abgesprochen, bald zu- 
geschrieben, und ihr Gegenstand bald als getrennt, bald als nicht 
getrennt vom Sinnlichen bezeichnet werde. Der Ausdruck des 
Philosophen mag nun wohl auch nicht immer genau sein ; in- 
dessen lässt sieb jener yermeintlicbe Widerspruch theils durch 
die Unterscheidung der reinen mathematischen Wissensebaften 
von den angewandten und der Physik naher verwandten, theils 
durch die Bemerkung beseitigen, dass Aristoteles nirgends sagt, 
der Gegenstand der Mathematik sei ein ;|ra/piaroi/ , sondern nur^ 
er werde als solches, d. h. abgesehen von seiner sinnlichen Be- 
schaffenheit, betrachtet; Metaph. XII, 8. 1073, b, 3 ohnedem, 
welche Stelle nach R. den sonstigen Aeusserungen des Philo- 
sophen über die Mathematik besonders widersprechen soll, wird 
die Astronomie nicht »die eigentlichste Philosophie«, sondern 
die o/x««oran7, d. h. die für die eben vorliegende Untersuchung 
wichtigste unter den mathematischen Wissenschaften genannt. 

2) Metaph, VII, 11. 1037, a, 24.: (Tnl rqonov zivu xijs (pvaiHTJg 
noU SsvTdgat ipikoaoq)las i'Qyov ig mgi raff aiad'tjTas ov9iai &eoj^ia, 

3) Top, I, 14. 105, b, 19 vgl. Anal, post I, 33 Schi. 



3M I>ie fornu Vorausseteungen d. AristoCeL Systemt, 

Grundsätzen, ohne näheres Eingehen auf seine besondere 
Eigenthumlichiieit behandelt wird, und bezeichnet mit die- 
sem Namen fiberhaupt alle allgemeinen Erörterungen, 
wie die ober die Ideenlehre^ iiber den allgemeinen Begriff 
des Unendlichen, über die Frage, ob Entgegengesetztes 
Gegenstand einer und derselben Wissenschaft sein könne '). 
Unter den logischen Untersuchungen hätten wir demnach 
alle diejenigen zu verstehen, welche steh auf das allge- 
meine Wesen der Dinge beziehen. Dahin könnten nun 
aber wieder zwei Wissenschaften gerechnet werden, die 
Analytik (Logik) und die Metaphysik. Aristoteles je- 
doch unterscheidet diese bestimmt so, dass er die Ana- 
lytik als Sache einer wissenschaftliehen Vorbildung be- 
zeichnet, die man zur ersten Philosophie schon mitbringen 
müsse ^). Diese beiden werden wir daher jedenfalls aus- 
einanderhalten müssen, so dass wir also vier Theile der 
Philosophie erhielten: die Analytik, die erste Philosophie 
oder die Metaphysik, die Physik und die Ethik oder Po- 
litik. Da sich nun der Inhalt der Aristotelischen Schrif- 
ten in diese Eintheilung am Leichtesten einfügt, so folgen 
wir ihr hier, so wenig wir auch behaupten können, dass 
Aristoteles selbst sein System so getheilt habe, indem 
wir mit der Analytik zugleich die formalen Untersuchungen 
über das Wesen und die Methode der Philosophie ver- 
binden, der Ethik auch die Rhetorik beifügen, und anhangs- 



1) Top. a. a. O. De gen. an. Jf, 8. 747, b, 28. Phys. VIII, 8. 264, 
b, 7. Ebd. 111, 5. 204, a, 34. b, 4 Tgl. m. Metapb. XI, 10. 
1066, b, 21. Metapb. VII, 4. 1029, b, 13. XIV, 1. 1087, b, 20. 
Eth. Eud. I, 8. 1217, b, 16; vgl. Ritter a.a.O. S. 65. Rassow 
Arist. de not. def, doctr. S. 19 f. 

2) Metapb. IV, 3. 1005, b, 2. Sonst stellt Aristoteles auch die 
logische und die analytische Rebandlung eines Gegenstands ein* 
ander in der Art gegenüber, dass er unter jener die abstraktere« 
unter dieser die konkretere, von der speciellen Natur eines be- 
stimmten Gegenstands ausgebende Betrachtungsweise versteht; 
Anal, post I, 21. 82, b, 55; c. 22. 84, a, 7; c. 24. 86, a, 22; 
c 32. 88, a, 19. 30. 



Die Aristotelische Metaphysili« 397 

Yfehe das Verhaltniss der Aristotellsclien Philosophie zur 
Kunst and zur Religion noch besonders besprechen. Von 
d^B formalen Voraussetzungen des Systems war nun bis^ 
her die Rede; von der Metaphysik ist zunächst zu spreclien, 

§. 26. 

Die Aristotelische Metaphysik. 

Die Aufgabe der ersten Philosophie^ oder vrle wir 
sie nennen, der Metaphysili, besteht in der Untersuchung 
über die allgemeinen Griinde alles Seins. Ais das wahr- 
haft Seiende hatte nun Plato ausschliesslich die Idee be- 
trachtet, und eben auf die Unterscheidung der Idee von 
der Erscheinung gieng sein philosophisches Grundinteresse. 
Demgemäss beschäftigt sich auch in seinem System der 
Theil, welcher der Metaphysik entspricht, die Dialektik, 
nur mit der Ideenlehre; die Lehre von der Materie ge- 
hört hier zu der Untersuchung über dasjenige, dem kein 
wahres Sein zukommt, die Erscheinung als solche, zur 
Physik. Dem Aristoteles umgekehrt 4st die Einführung 
der Idee in die Erscheinnngswelt die Hauptsache, und 
er giebt aus diesem Grunde beiden Seiten auch schon 
v#n Anfang an eine Beziehung auf einander, in der sie 
als Glieder eines Gegensatzes erscheinen, deren jedes auf 
das andere hinweist. Hier iällt daher die Frage nach 
der Grundlage des sinnlichen Daseins mit in die Wissen- 
schaft von den Gründen des Seins, und diese selbst hat 
es von Anfang an statt des Einen Platonischen Princlps 
mit einer Zwelhelt steh gegenseitig voraussetzender Prin- 
cipien zu thun. Die Untersuchung über diese Principien 
und ihr Verhaltniss zu einander macht den Inhalt der 
Metaphysik ans. Im Besondern entwickelt sich dieser 
au drei Grundbestimmungen, die zwar Aristoteles selbst 



1) Metaph. V, 2. 982, b, 7 vgl die obenS. 393, 5 angefüfarten Stelleii, 



39S Di« Aristöteliftcbe Metaphysik. 

nicht genau in dieser Ordnung gestellt hat, die wir aber 
nichtsdestoweniger, dem innern Zusammenhang der Ge- 
danken folgend, so zu stellen berechtigt sind. Die Auf« 
gäbe ist, das Verhältniss der Erscheinung zur Idee fest-^ 
zustellen. Dieses hatte Plato dahin bestimmt, dass die 
Idee das Allgemeine, die Erscheinung das Einzelne, und 
nur jene das schlechthin und ursprünglich Wirkliche sein 
sollte. An diese Bestimmung muss auch Aristoteles an- 
kniipfen. Das Erste ist daher die Untersuchung über das 
Einzelne und das Allgemeine. Indem nun aber Aristote- 
les beide nicht ebenso, w\e Piato, auseinanderhält, sondern 
in gegenseitige wesentliche Beziehung setzt, so bestimmt 
sich die Idee näher als die Form der Erscheinung, diese 
als der Stoff, in welcher sich die Idee darstellt, und so 
ist der zweite Hauptpunkt das Verhältniss von Form und 
Materie. Die Form aber ist wesentlich Form der Materie 
und die Materie nicht ohne ihre Form^ jenes Verhältniss 
also das Bestimmtwerden der Materie durch die Form, 
d. b. nach Aristoteles, die Bewegung. Alle Bewegung 
aber setzt einen ersten Grund der Bewegung voraus, und 
so ist die Bewegung und das erste Bewegende das- dritte 
Begriffspaar, mit dem es die Metaphysik zu thun hat, 
durch dessen Entwicklung sie aber auch an ihrer Grenze 
angekommen ist und in die Physik übergeht. Wir ver- 
suchen im Folgenden, den wesentlichen Inhalt der Ari- 
stotelischen Metaphysik an diesen drei Grundbestimmun- 
gen darzustellen. 

1. Das Einzelne und das Allgemeine. Plato 
zuerst hatte es bestimmt ausgespi^ochen , dass »ur das 
allgemeine Wesen der Dinge Gegenstand des Wissens 
sein könne. Hierin stimmt nun Aristoteles mit Ihm über- 
ein. Auch ihm sind die aligemeinsten Gründe und Prin- 
cipien das ursprünglich Gewisseste und Erkennbarste ')> 



I) S. o. S. 38a, A* 



Die Aristo telische Metaphysili. S99 

auch er erkennt an, dass das sinnliche Sein nieirts Wesen- 
haCtes, dass in ihm viel Unbestimmtheit und Widersprach 
sei'); auch er erklärt: es müsse ein Allgemeines geben, 
wenn es überhaupt ein Wissen geben solle ^)/ von den 
sinnlichen Dingen gebe es keine Definition und keinen 
Beweis, überhaupt kein Wissen, denn dieses habe nur 
das Unvergängliche und Nothwendige zum Inhalt ^). Hatte 
nun aber Piato hieraus geschlossen, dass auch nur das 
Allgemeine als solches ein Wirkliches sein könne, und 
dieses im Gegensatz gegen die Mannigfaltigkeit der Er- 
scheinung als für sich seiende Substanz gefasst, so weiss 
sich Aristoteles diese Bestimmung nicht mehr anzueignen 
— und eben dieses ist eigentlich der Punkt, an dem 
sein Princip über das Platonische hinausgeht. Die Vor- 
aussetzung, dass das Allgemeine ein Fürsichseiendes, die 
Idee von der Erscheinung trennbar sei, entbehrt nach 
der Ansieht des Aristoteles nicht allein aller wissenschaft- 
lichen Begründung, sondern verwickelt sich auch an sich 
selbst in die unauflöslichsten Schwierigkeiten und Wider- 
sprüche, und macht die Erscheinungswelt, statt sie zu 
erklären, vielmehr unmöglich. Die Annahme von Ideen 
ist nicht begründet, denn — um die Einwendungen des 
Aristoteles gegen die einzelnen Platonischen Beweise 
für jene Annahme zu übergehen ^} — der Inhalt der Ideen 
ist doch ganz derselbe, wie der der diesseitigen Dinge, 
im Begriff des Menschen - au - sich sind dieselben Merk- 
male enthalten , wie im Begriff des Menschen überhaupt, 
er unterscheidet sich von diesem nur durch das Wort 
Ansich ^). Die Ideen erscheinen daher unserem Philo- 



1) Metaph. JV, 5. 1010, a, 1. 

2) Anal, post I, tl Anf. Metaph, III, 6, Schi. c. 4, Anf. ebd. 999, 
b, 26 : t6 em'aTaa^at nwQ lorat, tl ftij ti i'azai tv hnl itawottv. 

3) Metaph. VlI, 15. 1039, b, 27. S. auch oben S. 367. 

4) Man vgl. hierüber Metaph. f, 9. 990, b, 8 ff. XlII, 4. 1079, a. 

5) Metaph. III, 2* 997, b, 5: nokXaxfi ^ ix^vrotv BvanoXiavy ov-r 



4#0^ pie Aristotelische Metaphysik« 

sopb€B als eliie ganz über (1 aasige Verdopplang der Dinge 
\ü der Welt, und zur Erklärung von diesen Ideen voraus- 
zusetzen, koi»nit ihm nicht weniger verkehrt vor, als 
>v^Qn Jemand, der die kleinere Zahl nicht zählen kann, 
es mit der grösseren versuchen^ wollte >). — Aber auch 
abgesehen von diesem Mangel an Begründung ist die 
Ideenlehre schon an sich selbst unhaltbar^ denn die Sub- 
stanz — und in diesem Satze ist wieder der ganze Unter- 
schied des Aristotelischen und Platonischen Standpwikts 
zusammengefasst — kann nicht von dem getrennt sein, 
dessen Substanz sie ist^J; will mau diess aber dennoch 
annehmen, so geräth man von einer Schwierigkeit in die 
andere. Denn während es der Natur der Sache nach nur 
von dem Substantiellen Ideeu geben könnte, so müssten 
doch solche, wenn das allgemeine Wesen einmal überhaupt 
vom Einzelnen getrennt existiren soll, auch für blosse 
VerbältnissbegrifFe angenommen werden ^), ja die Ideen, 
welche doch die Substanz der Dinge sein sollen, sind 
überhaupt tu Wahrheit nur ein Accidentelles, denn nur 
ein solches kann an einem Andern sein ^); ebenso m&ssten 



^p6t ijTtov ocTOTTOP To fpdvat^ fiip tivai r^vai (pvaetc neiga raff 
fV reu ov^artff TmvraS dt tds avrdc (pdva$ toiS aiQ&ijiTOiS Jtki^r 
cTi rd fi-iv aiSia td $i tf^aQva' avto ydg avi^Qwnov faaiv 
ilvai nal 'ittttov Mal vyisiavy aXXo S* oiSev, nagaTtX^aiov noiovv^ 
' tii to7q ^sovc fistf slvat tpdaxovoiv dvO'QdaTtotidsts St' ovt6 ydg 
in^piH of^&iy alXo i-r^iot^ , f} dv&^wjr9v€ dvdtove, ovd^ ovtok td 
tXdtj dW y dh^fiTd diSia. Aehnh'cb Metapb. VU , 16. 1040, 
b, 32: noiovaiv ow [rds idias'] raff avrds toj tidu ro<ff (p&a^- 
ro7ff, aVTodv&QOJTiov ual avTo'CitTCov , ftQoavi^ivtsi rolff ala^7]T0iS 
ro ^^f*a TO avto. Vgl. Eth. Nik. I, 4. 1096, a, 34. £ud. I, 8. 
1218, a, 10. 

1) Metapb. I, 9, Anf. XIII, 4, 1078, b, 32. 

2) Metaph. ), 9 991, b, 1: So^mv aV ddvvarov eJvai %(oq\s tijv 
ovaiav ttal ov ^ ovaia. Vgl. VII, 6. 1031, a, 31. c. 14. 1039, 
b, 15. 

5) A. a. O. 990, b, 22- XIII, 4. 1079, a, 1<). 

4) Melaph. VII, 6. 1031, b, 15. 



Diiei Ai^istotelische M€rtapby8ik. 401 

die allfemeHien Merkmale, die 2usainuiieii 4ek Kegriff bit 
dea, gleielifalls besondere Substanzen, und so eine Idee 
aus mehreren Ideen, eine Substanz aus mehreren, ja auch 
aus entgegengesetzten realen Substanzen zusammengesetzt 
sein"^). Sollen ferner die Ideen das Wesen der Dinge enthal* 
ten, und doch zugleich uukörperliehe, für sich existirende 
Substanzen sein, so ist diess ein Widersprucir, denn theils 
redet Plato, nach der Darstellung des Aristoteles, auch 
von einer Materie der Ideen, was sich damit nicht ver* 
einigen lässt, dass sie ausser dem Räume sein sollen ^), 
theils gehört bei allen Naturgegenständen die Materie 
und das Werden mit zu ihrem Wesen und Begriff, dieser 
kann daher nicht getrennt von denselben für sich sein ^); 
auch die ethischen Begriffe jedoch lassen sieh nicht 
schlechthin von ihren Gegenständen trennen: es kann 
keine für sich bestehende Idee des Guten geben, denn 
der Begriff des Guten kommt in allen möglichen Kater 
gorieen vor, und bestimmt sich je nach den verschiedenen 
Fällen verschieden, wie sicli daher verschiedene Wissesr 
scftafiten mit dem Guten beschättigen, so giebt es auch 
verschiedene Güter, und unter diesen selbst findet eiile 
Stufenfolge statt, die an und für sich schon ein für sich 
existirendes Gemeinsames ausschliesst ^). Dazu kommt, 
dass die Annahme von Ideen consequenter Welse auf 
einen unendlichen Progress führt; denn soll überall eine 
Idee angenommen werden, wo Mehrere in einer gemein- 
samen Bestimmung zusammentreffen, so würde auch zu 
der Idee und der Erscheinung das diesen gemeinsame 



1) Mctaph. VII, 13. 1039, a, 3. c. 14. vgl. I, 9* 9Ö1, a, 219. - 

2) Phys.IV, 1. 209, b, 35. vgl. indessen, was ich oben S. 237 ff# 
- bemerkt hahel : ' ■ ' . • 

3) Pliys» II, 2, 193, b,* 35 ff. ^ 

4) Eth. Nik. I, 4» Eud. I, 8. ^ 
Die Philosophie der Griechen. II. Theil. 26 



i 

t 



4it Die Aristotelische Metaphysik. 

Wesen als heBonitre, dritte Substanz hinzukMameti ')• 
Werden vollends die Ideen als Zahlen bestimmt, und von 
ihnen die mathenuitischen Dinge als ein Mittleres zwischen 
den Ideen und dem Sinnlichen unterschieden, so nehmen 
die Schwierigkeiten in beiden Beziehungen kein £nde ^). 
— Wäre die Ideenlehre indessen auch begründeter und 
haltbarer, als sie Ist, so könnte sie doch, nach der An* 
siobt des Aristoteles, der Aufgabe der Philosophie, die 
Gründe der Erscheinungen aufzuzeigen, in keiner Weise 
genügen, denn da die Ideen nicht in den Dingen sein 
sollen, so können sie auch nicht das Wesen von diesen 
bilden, mithin weder zu ihrem Sein noch zum Wissen 
um sie etwas beitragen ^) ; das bewegende Princip vollends, 
ohne das doch kein Werden der Erscheinung denkbar ist, 
fehlt ihnen gänzlich *)« 

Diese Einwendungen gegen die Ideenlehre sind nun 
allerdings von sehr ungleichem Werthe, und nicht ganz 
wenige derselben beruhen, wenigstens in der Fassung, 
in welcher sie Aristoteles vorträgt, auf einem unverkenii- 
Imren Missvierständniss dessen, was Plato mit jener Lehre 
tigentiteh Wollte ^). Sein Widerspruch im Ganzen je- 
doch ist iiicht blos an sich berechtigt, sondern auch im 
innersten Verhältniss des Aristotelischen Systems zum 



1) Metaph. 1, 9. 990, b, 17. 991, a, 2, VII, 13. 1059, a, 2. vgl. 
VII, 6. 1031, b, 28. Aristoteles drüdit diese Einwendmg hier 
auch so aus, dass er sagt, die Ideeolebre fUhre auf den r^Voff 
av&^funoi. Vgl. m. Plat Stud. S. 257. 

2} Man Tgl. gegen die Idealzahlen Metaph. I, 9. 991 > b, 9 ff. XIII, 
6 ff. auch £th. Eud. 1, 8. 1218« a, 24; gegen die Mitteldinge 
Metaph. II, 3. 997» b, 12 ff. XI» 1. 1059> b, 4. 

5) Metaph. I, 9, 991. a, 12. (XIII» 5» Anf.) VII, 6. 1031, a, 29 ff. 
T^l. Anal. post. I, 22. 83> a, 32. 

4) Metaph. I, 9. 991» a, 8. 19 ff b, 3 ff. (XIII, 5) 992» a, 24 ff. 
VII, 8. 1033, b, 26. XII, 6. 1071, b, 14. c. 10. 1075, b, 27 ff. 
Tgl. Eth. Eud. I, 8. 1217, b, 23. 

5) S. m. Plat. Stud. S. 257 ff. ' 



Die ArittoCeliscbe Metapbystlt« 4(tt 

Piätofiisdien begvÜHdet. Wir liabeu frnhftr: jfesehen, wie 
wenig es PUto gelingt ^ einen üebergang veu der Idee 
zur Erseheinung zu finden, und wie au diesem Paukte 
die anjBTallendste Scliwäclie seines Systems liegt. £beQ 
dieser Mangel ist es nun aueli, den die Polemik des 
Aristoteles vorzugsweise angreift. Die Ideen als ffirsich? 
seiende Substanzen könnten weder den Grund der Er» 
scheinungswelt abgeben, noch auch neben dieser nur 
Raum finden — diese Bedenken enthalten auch bei Ari- 
stoteles den eigentlichsten Grund seines Widerspruchs 
gegen die Ideen, wie er denn namentlich das Fehlen der 
wirkenden Ursache in den Ideen als die grösste von den 
Schwiisrigkeiteu der Ideenlehre bezeichnet '). 

Ist aber das allgemeine Wesen nichts vom Einzelnen 
Geschiedenes, wie haben wir uns dann das Sein dessel- 
ben zu denken? die Antwort liegt schon in dem Bisherigen: 
das Wesen Ist nur in dem, dessen Wesen es ist, <las 
Allgemeine nur im Einzelnen; an die Stelle des tv nagd 
Tcc nokKcc tritt das fp xavd noUwv ^). Das ursprünglichste 



i) M. 8) die obpn angeführten Stellen» besonders Metaph. 1, 9* 
991» 9r 8: TtavTiov Si giaXtara ifutTto^f/aitev av r«ff, xinorsavfA" 
ßaXkirak ra tidtj To7e didiot9 rotv alo&ijrwP ^ TOtQ ytfvofiivo^t 
mal tp&ßiQOfiiroii ' ovts ydg HiV^OBcae ovta fiiTaßokijs oväsfiiaS 
iorlv al'rta avroTs . . • Z. 20: t6 Si Xiysiv TtaQa^aiyfiaxa avva 
Bivot $(al fUTi%uv avrwv rakla nevoXoyitv iorl Hcd fMratpogds 
Xtysiv noit/Tinde' il yd^ ioti t6 tgya^ofiavov Ttgos tde I6ia9 
aTtoßkinov} 992) a» 24: oktot de ^Tjrovafj^ rijQ <pi,koao<pias mgl 
rwv tpavsQdiv jo al'tiov T9vro f/^lv sidttafiev (ov^iv ydg kiyof/^Bv 
TTtgl riji aiwia^ ö^ep ^ »qxV ^V^ fisraßokijs)^ tr^v ^ ovalav olofie-» 
vo$ kiyttv «vrcvv Mgas fte» ovaias sivaitpaf^tvt onöts i* ixeZvai 
TOvTOfP ovoUny itd uBifiji X^yüfcsv. 

2) Metapb. I, 9 (s. o, 8.400,^3* Anal. post. I9 11) AnJT. tl'Sfj ftiv 
ov» etrat ij -iv ri naqd vd itekkd ovn dvdytrji tl dnoSn^s iarat' 
slyxtt fiipTOi lEP nard itokkelhf dkf^^^ tiit^p dpdymj. De an. Ulf 
8. 452> d) 3 : inei dt ovdi it^dypba o^u&ip iürt nagd rd lAsyi^fj^ 
vU SoneTf rd aia&tjxd xsx(OQiafiipoVi iv rotC el'dstft roti aia&tjroU 
td votjvd ioTtf woraus Aristoteles sofort die Erscheinung her« 

26* 



404 Die Aritftoteliicfae Metaphysik, 

Sein n&nilicb ist das der Substanz *)» ^i^ Subi^s abief 
ist inuner ein Dieses, ein bestimmtes Subjekt ^y^ und die 
Substanz im eigentlichsten Sinne ein Einzelwesen: die 
it^mTfj ovirla ist das Individuum, die dtv^f^ ovaim der 
OattungsbegrilSr, welcher das gemeinsame Wesen mehrerer 
Individuen ausdi^icltt, die übrigen aligemeinen Begriffe 
sind blosse Attribute oder Accidentlen der Sufostaiiz % 



leitet) dass auch die Seele die BegnfFe nicht ohne Denlifoildet* 
besitzt» und dass die Erfahrung die Bedingung alles Wissens ist 

1) Metaph. VII, 1. 1028» a, 50: ro ^(>aJrwc oV nal ov tl oV dXi' 
ov dnXüjS y ovola av d'ij. C. 7. 1030» a, 22: io xi tariv a.T- 
Awc Tfl ovaia vira^xst, 

2) Kat 5. 3, a, 7. b, 10: Koivov aatd ndaiji ovaias ro fiy tv vno^ 
Hsi/iiv^i slrat» , . Häoa otüia SokbZ roSe ti arjfAaivuv» Metaph* 
in> 6* Schi. ovSiv tojv noivotv Tode zt arjiiaivtiy aAAa rotor^«, 
^ ^ ovaia toSe t*. VlI» 5. 1030» a, 5: rd toSs t* toIq ovotatf 
vndf)Xti fjLOVOi'. 

3) Hat. c. 5 (vgl. Anal. pr. I, 27. 43, a, 25): Ovota Bi eoriv if 
uvQiwvavm re xoi nQutvwS »tal /ndhara ktyofA,ivtj^ t} /ii^te Ma&' 
vnoxtifiivov ttvos X^ysrai fitjr iv vnoxtifiivoj nvi lattv , oiov o 
ritf dvd'gtuTTOS xal 'imtoiy StvrtQai di ovoiai liyovTai, iv ois ei'oe^ 
aip ai ^(fOjTOiS ovolai Xeyofisvai vnaQX^^'^^ • • • ^^ ^ otXla iravta 
fjto$ Ka&' vnonHfAtvoiv Xtyirai t(uv ngfujotv ovatoiv tj iv vttohu^ 
fiivai€ avraU loxiv- . . . /ijj ovooiv olv twv nQo'iTOiv oiauuv ddv- 
vatov TiSv akloiv ti elvai* . . An. post* II, 13« 96 9 l^» 11. Me- 
taph. VII9 13. 1038 9 b, 10: n^ohtj ovaia idtoc ixdoTCj) ij ovx 
vnaf^XU dlXi^ty ro Si Ma&olov HOivov. Ebd. Z. 54: tn ts St) 
tovTODV '&i(uQovai (paveQOV ort ovd'-iv Ttluv xa&oXov vitaQX^^"^^*"^ 
ovaia iazl^ tcal oti ov&i» atjfAaivet Totv xoipjj «aTt/yo^vfiivujv 
roSe r«, dkXd T0$6vSe» c. 16» li)40> b, 23: noivor fitjdhv ovaia* 
ovdsvl yaQ vndgx^^ V ovaia dkX' -ij avTtJ rs xal t^ ö'xovti av^ 
T^p ov iarlp ovaia^ Ebd. Schi, rcut^ xa&ikov Isyoifiivcitv ovd'iv 
owfitu XII9 5) Anf. intl S* iarl rd fikv ;^af(>tQrr«e , ra d' 01; x^" 
Qtardf ovaiai intiva* xal d*d t^vxo ndvvwv a2ri« ravroe. Die- 
selbe Ansicht drückt sich in der Unterscheidung ^b xa& avTo 

' und ovfJkßeß^xoQ aus, die bei Arbtoteies unsähli^male vctt^kommt. 
Das Ka&' avTOy d» h» das ursprüngliche Sein, ist i)ur das der 

'■■ Substanz im angegebenen Sinn, alles übrige ein abgeleitetes, 
ein üvfißsßT^xos. Vgl« AnaL post. I, 4. 73, b^ $: Aristoteles 
nenne xad;* avro dasjenige, o fit) xa-&* vnousifiivov liysrai dXXov 

■ j4f^off f 4>iov TO' fiadii^ov WQQP T» ov fiaSi^ov iatl xal vUvxoV, ?} 



Die Aristoteliäehe^ Metapfa'ysilu 40ft 

Wessliftlb rfenn atiob geimdezn gfesagt Kird '), tn der Die«* 
fitiition drücken die specifiscben ünterseblede jedes Be»- 
g^rHFs sein Wesen und »eine Form aus, das Allg^emeSiiie 
der Gattung; dagegen entsprecbe der Materie , sofern es 
erst die unbestimmte Möglicbkeit dieses BegrilSs enttiält, 
lioeh nicht ihn selbst. Diese Bestimmu^ng Ist für das 
Aristotelische System von der höchsten Wichtigkeit; 
auf ihr beruht nicht allein die unterscheidende Eigen«- 
thiimlichkeit seiner Methode^ sondern auch, in letzter 
Beziehung, alles Weitere, was den wesentlichen Unter* 
schied zwischen ihm und dem Platonischen ausmacht. 
-Darüber, dass nur das substantielle Sein Gegenstand der 
Wissenschaft sein könne, und dass dieses nicht In der 
sinnlichen Erscheinung, sondern in dem allein durcb's 
Denken zu erfassenden Wesen der Dinge liege, sind 
befite einverstanden; aber während dem Plato ursprung- 
lich nurdasallgemeine Wesen f&r ein substaatlelles gilt, 
das Einsegne dagegen nur in dem Maasse, als es an dem 
Altgfemeinen Theil hat, betrachtet Aristoteles umgekehrt 
das Einzelwesen (tvenn auch nicht das sinnlieh Ein*- 
zelne) als das Substantielle, das Allgemeine dagegee 
^ni* insofern, al& es das Wesen des Binselnen ausdruckte 
Es ist so hier ein ähnlicher Gegensatz, wie in der neuem 
Philosophie zwischen Spinoza und Leibnitz. 

Eben diese Bestimmuno: ist nun aber nicht ohne 
Schwierigkeit. Soll ursprünglich nur das Einzelwesen 



d* ovoia, xal oaa rode r*, ovx tvs{)6v t» ovta iatlv onsQ 
iativ* ra ^tv S^ fiy ««^* vnonttfiivot) [seil. Xtyofiiva] naO"* avrd 
Xiyati Tai di Ma&* vnoxaifiivov avfißtßtjMora» VoD einer andern 
Bedeutung des ovfißeßtjnoi wird tiefer unten gesprochen wer- 
den. — Uebcr den Arist. Begriff der Substanz s. aucb Wait/4 
Arist Organum I, 281 ff* 

i) Metapb. VII, 12. VIII, 2. lOiS, a, 19. Pbys. II, 9» Schi. u. A. 
S. Ritter a. a. O. S. 142. Hetdbr Hrit» Darstellung und Ver- 
gleichuDg der Arist und HegeFschen Dialektik I« 9» 147- 



406 Die A.iriiloteli6cliQ MetapbyilK 

«io Sabstatiitielles sein, so scheint sich tauch das Wlssctt) 
4a dieses eben auf das Substantielle gelichtet ist ^), nur 
auf Einseines bezieben ku können. Oiess läugnet jedoch 
Aristoteles auFs BestiniBteste, wenn erder Wissenschaft 
die Aufgabe stellt, die höchsten und allgeaieiRsten Oriinde 
EU erforschen 9 und das Allgemeine an sich gewisser 
und bekannter nennt, als das Einzelne ^)« Auch lässt 
sich diesem Widerspruch nicht, mit Biese 3), durch die 
Unterscheidung der natürlichen und der geistigen Weit 
entgehen, so dass im Gebiete des natürlichen Seins das 
Einzelne, im Gebiete des Geistigen das Allgemeine da« 
Erste wäre, denn Aristoteles selbst macht diesen Unter- 
schied 80 wenig, dass Ihm vielmehr gerade desshalb der 
reine Geist oder die Gottheit zugleich Einzelsubjekt ist) 
well er auch im Geistigen nur das EiuMlne ds Substanz 
Im strengen Sinn anerkennt, wie denn auch seine oben* 
angeführten Bestlnimungen über den Begriff der Substanz 
durchaus allgemein lauten; und sagt er allerdings^ das 
sliog sei das Wesen und die erste Substanz ^), so versteht 
er doch unter dem ilSog hier nicht den allgemeinen Be- 
griff, sondern die individuelle Form des bestiaunte« Seiiui % 
die er im Unterschiede von der Materie als das Wesen 



1) S. o. S.S66, 1 uud Metaph. VII, 4. 1030» b, 4. c 6, Auf. c. 11 
1037^ 9) 24^ wo wiederholt versichert wird, nur die ovaia sei 
das "Wesen (ri *jv thai) der Dinge, und nur auf sie beziehe 
sich die Definition. 

2) S. o. S. 366, 3. 382. 

3) Die Philosophie des Aristoteles I, 56 f. 

4} Metapb. VII, 7« 1032» b, 1 : ildos Si Xtyon t6 tI ^p shai Uaatt^ 
xal xijif TTQwrijv ovaimv ,., kiyui S* ovaiap avBv vki^i to xi yv 

5) Ebd. V, 8, Schi, avftßalvu 8ij uata bvo rgonovi ttjv ovolav 
X^yso&tit% TO •&* v7roKsifi€Pov ta%rATov o fif/HiTi X(/tT* älkov A/y6- 
f-««, «ex» o «V xoSt r* ov »«i xotgiQTOv fj* xoiQvx9V Bk enaQXov 



Die Arifftotelifeche MeUpkytfil^ 491 

ilosaelbm 'betriücfalet 0* ^Imü andern Auswege ieheinl 
Aristoteles selbst, welchflfi* A\e ^htnhmaexkie Schwierig- 
keit iD ihre« vollen Gewicht erkannt bat^j, in der ehe« 
<S. S70) angerührten Aetisserung ans Metaph. XIII, 10 
anzudeuten, wenn er hier sagt, die Wissenschaft aU 
Vernögen betrachtet sei nnbestioinit und gehe auf das 
Allgenieine, in der Wirklichkeit dagegen, d. h. als be- 
stimoites, konkretes Wissen, gehe sie immer aif etwas 
Bestimmtes. Auch diese Bemerkung reicht aber noch 
nicht aus. Denn mag auch die Wiasensebaft zum Ein- 
selnen hinfiihren, so mnss sie doch von deii allgeoieineM 
Prinölpien anfangen, und die Gewissheit des Einselnen 
von der des Allgemeinen abhängig machen, sofern dagOr 
gen nur da» Einzelne ein Substantielles sein soll, nrasste 
es anch für das Wissen grössere Wahrheit und Gewiss- 
heit haben, als das Allgemeine, das ein blos Accidentelles 
w&re ^). Nur in Einem Fall Hesse sich diesem Bedenken 



i) Vgl. cbd.'Vn, 6. 1032, a, S: tTtl toIp tt^wtwv xal nad^ avvd 
XtyoftivoMf TO ixdojift elva* xal euaatov xo avrc ital «V ior«, und 
dazu die Torhergebeude Erörterung. Ebd. c. 12 und das oben 
S. 404v 3 Angeführte. 

3) Metapb. III, 4 9 Anf. *'£ar& ^ ixofitvjj rs tovratv diTOffia utal 
Ttaoalv xalsnojrdrt^ nal drayttttioraTf^ d'SojQ^oat, negl ^9 6 Xoyoe^ 
ifiiarrjttB vvv iha ydg fiij «ar»- r« naqd td »»d'^naaräf vd 9i 
ua&ixaara dneiqa^ twp 6* dneiQwv nwi iv^l^^tai Xaßeiv iiuvt^^ 
fÄijv } C. 6} Schi, el uev ow xa&okov at dgxa), tavta avfißaU'e$ 
(nämlich, wie es vorher beisst: ovx loovrai ovaiai' ov&iv ydg 
Twy MOirdiv rode ri ofifiaiv£t, dkkd roiovdt , ij ^ ovaia rode r«) 
H Si fiTJ xa&olovy dkl* toS xdnad'lnaara, ovn eoovrai iitiarTjTai* 
»ad-okov ydg al iTTtaryfiai TtdvTiuv. Vgl. Metaph. XI » 2. 1060» 
b, 19. XIII, 10. 

33 Aus diesem Grunde genügt mir auch die Lösung von Rassow 
nicht ganz, welcher in s. Dissert Aristot de notionis definitione 
doctrina S. 57, mit Berufung auf Metaph. VII, 10. 1035, b, 28 
(wo übrigens zu den Worten «»? xa^okov^ die im Gegensatz 
zu dem Folgenden na^' tnaoTov stehen, einfach ein elTittv zu 
tuppliren ist} c. 4. 1029, b, 19 den Widerspruch durch die 
Bemerkung zu beben sucht, das« in der Definition und iU>erhaupt 



"tos 0ie Aristotelische MvtapIlytJIt. 

^itgehent weim es ein PHiieip gihe, wekbes bAb Btasel» 
lies firagletck 4a8 schledithin Allgeineino vtäre^ de«ii ehi 
«olehes könnte zng^lefob als ein SHbsiantielles Grimd der 
'Wirklichkeit, und als ein Allg^mteiiieid Gnind der Wahr- 
heit sein. Eben dieses PrHicip findet sieh nun btt Ari« 
stoteles Im Schlussstein seines ganzen SystenMt, in der 
-Lehre vom reinen Denken oder der Gottheit. Diese ist 
uls denkendes Wesen Subjekt, als der Zweck nnd die 
absolute Form der Welt zngleich das scUlecItthin Allge- 
meine, in allem. Endlichen dagegen stellt sich das Allge«- 
»eine nur in einer Vielheit von Einzelwesen dar'). Von 
iiler aus könnte man die oben angeregte Schwierigkeit 
so zu lösen versuchen, dass man sagte, in Gott als dem 
iiöcbsten Princip falle die absolute Gewissheit ür das 
Denken mit der absoluten Wirklichkeit des Seins zusammen, 
Im abgeleiteten Sein falle die grössera Wirklichkeit auf 
Seite des Einzelnen, die grössere Erkennbarkeit auf die 
Seite des Allgemeinen. Auch so jedoch wäre der Wi- 
derspruch nur in Betreff des göttlichen Seins entfernt, 
fiur alles übrige bliebe er stehen, und so wird doch am 
Ende nichts Anderes übrig bleiben, als hier mit Ritter^) 
eine Lücke der Aristotelischen Darstellung anzuerkenpen. 
Indem sich nun das allgemeine Wesen im Einzelnen 
besondert, und ihm immanent ist, so ist es die Form des- 
selben, das aber, worin diese Form zur Darstellung kommt, 
ist die Materie^), und wie Einzel.nheit und Allgemeinheit, 



in der Wlssenscbafl das Einzelne nicht als Einzelnes , sondern 
nach der allgemeinen Seite seines Wesens betrachtet werde. 

1) Metapli. Xn, 10* 1074» a, 33: Öaa aQi&fiiZ noXXa vlrjv l'xn' 

*cie' t6 9e tI f^v ftvai ovh i'x^i vXtjv to n(iüi^ov* tvxaUxua yag, 

2) Gesch. d. Pbil. III, 130. TgL Hsydsa a. a. O. S. 181 IT. 

5) Eine genauere Bestimmung über das Verhaltniss der Begriffe : 
Form und Materie zu den Begriffen des Einzelnen und Allge- 
meinm ISsst sich schwer geben. Es wiederholt sieb hier der 



Die Aristotelische lUetap&ysilc. 4#fr 

irb stehen aach Form und Matei*fe in weseiitlkrlier Be^ 
ibieliong;. 

' 2. Form nnd Materie. Aristoteles unterscheidet 
In Allem viererlei Drsaefaen oder Gründe der Dinge: die 
Materfe, die Form oder der Begriff, die bewegende ür* 
Sache, und die Endursache oder der Zweclc >). Diese 



Torlmr iietnerliUcli gemachte Widerspruch, dass einerseits das 
Einzelne das SubstantieliC) andererseits das Allgemeine das höhere 
Princip und das seiner Natur nach Frühere sein soll. Einestheils 
wird die Form als das Wesen oder die Substanz der Dins<^ 
bvtebdebeii 9 und in dieser filnsicbt würde sie als indifiduelle 
Forni auf die Seite des Einzelnen zu stellen sein (ra- s. obea 
S. 406, 4* 407) !• Weiteres sogleich); andemtheils ist doch die 
Form oder das Wesen zugleich auch der Begriff, dieser aber 
ist das Allgemeine (s. o. S.408, 1. 366, 2 vgl. m. A. 1.). Ebenso die 
Materie soll zwar als das blos potentielle Sein^ auch das Unbestimmte, 
mithin das Allgemeine sein, das erst durch die ^orm ein Bestimmtes 
und ebendamit ein Vieles wird,' (Metaph, VII, 15. 1039» a, 7 : jy ivrs- 
Xix^ia xf»9'te^» Ebd. I, 6* 988, a, 1 : nicht die Materie, sondern 
die Form, sei Grund der Vielheit — s. auch oben S. 465, 1) es 
soll aus diesem Grunde in der Definition der Gattungsbegriff 
der Materie? das specifiscbe Merlimal der Form entsprechen 
(Metaph. VII, 12« I6389 ^9 ^9: ffate^ov $r} 7/ televTata StarpoQoi 
ijf ov9€a rav TT^dy/naroQ tazai Mal 6 o^aftoe s. Q. S«465^ 1); zu- 
gleich aber wird doch: mit aller Bestimmtheit erklärt, die sinn- 
liche Empfindung beziehe sich immer aufs Einzelne, was nofh- 
wendig zu dei^ Annahme fuhrt» dass der Grund des sinnlichen 
Daseins, oder die Materie^ auch Grund der Individualität sei, 
es wird eben dieser Satz fast mit ausdrücklichen Worten aus- 
gesprochen (s.o. S.408, 1)) es wird endlich auch im Mensehen, 
wie wir unten finden werden, die von der Materie trennbare 
Seite seines Wesens nicht für das Individuelle, sondern für das 
Allgemeine in ihm erklärt. Ueber den Grund dieses Wider- 
spruchs wird im 30» §. gesprochen werden 5 hier können wir 
auch auf die guten Bemerkungen von Hbtder a. a. O. S« 205 ff« 
verweisen. 

1) Phys. II, 3. Metaph. V, 2. I, 3, Anf. \ IH, 4. 4044, a, 32. gen. 
an. I, 1, Anf. u. ö. Die materielle Ursache nennt Aristo- 
teles die vltj oder das ahiov i^| ob, die formelle das eiSoc, 
oder die f^Qtf^ » oder das ri vv &Ivai (d. h. das Wesen, efgent- 
lich: das, was sich dem Denken als das Sein etdes Gegenstands 
gezeigt bat — r m« s. über ^esen Ausdrack ';^Biii>^BttBURG im 



41f Pie j^ristoteUiclie Metaphysik* 

vier üpsoehen redutiren «ich jedoch bei näherer Beti^ch? 
tung auf die zwei ersten, denn der Begriff jedes Dings 
ist auch zugleich der Zwedt, dem es zustrebt, ebenso 
aber auch die bewegende Ursache, sei es nun, dais^ er 
dem Dinge iu^manent als seine Seele fs in Bewegung 
setzt, oder dass ihm seine Bewegung von aussen kommt; 
denn auch in diesem Falle ist es der Begriff desselben, 
der sie hervorbringt, sowohl In den Werken der Natur 
als in denen der Kunst: nur ein Mensch kann einen Men- 
schen erzeugen, nur der Begriff der Gesundheit kann 
den Arzt bestimmen, auf Hervorbringung der Gesundheit 
hinzuarbeiten 0- Ebenso werden wir in der obersten Ur- 



Rhein. Mus. 1828. H, 4, 457 fT. ?gl. Heydkb a. a.O. S. 351 ff.) 
auch den Begriff des Wesens {koyos tov ti ^v §iva&f L tij9 
ovüiaQ)^ oder schlechtweg die ovaia oder das ri ioTiy die be- 
'wegende das mirtov v(f o'v^ das ».lrVOVi••^ die a^x'} ^^^ mvyaiwi 
oder riji j^tTafioXf^Sy oder auch das o&w ig o^x^t ^'/^ »tvf}at(uey 
die Endursache das ov tfota oder das rtXos. Zum Folgenden 
vgl. man die gute Entwichlung von Bittib a. a. O. S* 166 ff. 

1} Pbys. H, 7* 1989 a, 34: igz'^^* ^^ ^^ ^^<^ ^^^ '^^ ^^ 9r«AP.ax»ff* 

atS n^tTov rcfT tidii ravro Tovrotc av&Q(oiros ya^ är&^oitnof 
ytvv4. Vgl. Phys. I, 7. 190, b, 17 ff. Metaph. XII, 5. 1071, 
a» 18: nuvxiuv 9tj VQtotai aQxal ro ifegysiif ir^noy, z6 el'Sttj 
ual äXko o 8vvafisi, Anderwärts wird bald die eine bald die 
andere von diesen drei Ursachen auf die dritte surnckgefuhrt. 
So heisst es gen. an. 1« 1 9 Anf. vnoHttvrmi ya^ ahia^ Wrra^ef, 
t6 re ov €V6Ma ds riXos^ mal 6 Xoyos rijS oJala9' zavta ftiv ovv 
wQ €v ri axfSov vnoXaßtiv Btty t^irov St mml tdragrop 37 vXij 
xal Öüev 17 »gxv ^^^ xivt^oetos. Aehnlich d>d. II9 6* 74^9 a, 28. 
De part. an. F9 1. 641 9 a, 25: r^s tfvooojs dixotc XtyofAivtj^ nal 
ovatjQ T^e fth (oc vXi^s rt^s S' cJ? ooataS' xttl i'artv avrtj xal wi 
IS utivovaa nn\ oU t6 rtXos, De gen. et corr. II, 9* 335, b9 5: 
cjS fiiv vXrj TovT iOTiv aiTiov roiS ysvfjrolSy ais Si to ov evtHsv 
7j (10^ fj Kai To ßtSog' To^TQ ^ darh' 6 Xoyos 6 Ttjv ixaoTov 
ovataSy und vorher: sloiv oiv [ai d^z^* r^e .yeyiaeoßt^ xal top 
d^&d'fiop l'oa$ Mal tw yivu al avzal a'intg tp roU d'iBioit rs xal 
TT^TOiQ' y juev yoLf} ianp (os vXfjt y ^* we fto^tpi^' ^t Bi xal 
T^v T^T^p (T* n^tvwiifxsiv ', Metaph. XII, 3^ Anf. ndp yaQ 
(UxaßdXX^i xX nal vno xtpos aal <<'(? T$\v(p* ov /liy, tov- n^oixov 



Pie Arisiptelis^fae MetapbysU; 411 

Bache, in Gott, die Form, den Zweek und den Grund der 
Bevregaug; schlechthin vereinigt finden; aber auch für 
die NaturerlLläruug unterscheidet Aristoteles nnr die Ewei 
Arten von Ursachen, die nothwendigen und die Endur- 
sachen ^), d. h. die Wirkung der Materie und die der 
Form oder des Begriffs ^). Nur dieser Unterschied ist 
es daher, welchen wir als fundamental zu betrachten 
haben, die Unterscheidung der formalen, wirkenden und 
Endursache dagegen ist eine blos relative, und sind auch 



y&iovvTos' Sij ij vXt^* c/V Si^ t6 eWos. Dagegen Metaph. 
VJI, 7» Anf. iravTa' ra ytyvofisva vno ti rtvoi yiyvera* nal in 
Titos Mai r/. Ueber das vtp' ov heisst es nun später: nal vf,' 
ov, ^ Hara to alSos kiyoff,ivtj <pvoiS ^ ofiottdtjs (seil, roi yiyvO" 
fitVd^)' avtfj ^ iv aV,<ff' ap&QatTtos yd^ av&^umov y$pmt und 
weiter S. 1032, b, 11: war« avft^ßaivu r^onov rtvd iS vyitlas 
T^v vyi$$av yiv$Q&ai> , nai ti^p oiDtiav e£ olniai » rf ff avtv vkt^Q 
xr^v i'xovaap vXtjp* ^ ydg lar^itoj ton nai t) oiuodofiiM^ to elios 
T-^9 vyuias ical t^c oiuiai* Xiyot ^ ovolap arsv vXrjS to ti i}P 
ttpat. (Vgl. part. an. J, 1. 640, a, 31: ^ ii tix^tj loyos ^ov 
h'ffyov it avBv tijs vhji iorlv,") Ebd. XII, 4, Schi, intl Si to 
ntpovv fv fitp tote q>voiHoZs dp&^ojitois (?- ist nicht vieUeicbt 
dp&^(u7t«{f zu lesen?) ar'd^umos, iv Si toTs djro diavoiae to 
tISos y to ivavtiovy t^oTtov rtpd t^ia airia av iiij^ o»9l Si tit~ 
ra()a* vyieta yd^ nws ^ iat^tu^ <» ttal omiae siSos ^ otHoSofiiuy, 
xai av&^ojnoQ av^Qoritop yevv.^. 

1) Näheres hierüber im folgenden Paragraphen 5 hier mag vorläufig 
nur auf die Stelle de part an. I, 1 verwiesen werden» Vgl. 

. S. 642, a, 1: slalv aga 3v* ahiai avtat^ to &' ol 'ivena nal 
TO iS drdyntjs. Derselbe Gegensatz wird nachher^ Z. 17 in den 
Worten bezeichnet: dQ%i) .ydg 17 <pvaa fiakXov r^c vki^t, wozu 
S. 641» a, 25 zu vgl^^ wo es heisst: r^ff ^voaats di%ift^ kiyo- 
uivtfQ nal ovotji t^s ftip w^ vXrjQ tiJ9 d' oU ovoiaS\ nal iotiv 
a'vty nal vis ^ ntvovoa nal tot to tdlos, 

2) Denn yvenjfi gen. an. V, 1. 778^ b, 34 die bewegende Ursache 
mit zum nothwendig Wirlienden gerechnet wird, so bemerkt 
RiTTEi a. a. O. S. 175 mit Recht, unter Berufung auf Phys. IJ, 
9 200 9 a, 30, dass hier die bewegende Ursache nicht an sich, 
sondern nur in ihrer Verbindung mit der Materie, gemeint sei. 
Vgl. auch a. a. O. 2i. 14: «V ydg tji vkjj to dpaynatov^ to d* 
ov lip$na iv tif koy^ 



41ft DieArittoCclitebe Metapliysiki 

Im fitiHEBltieii nicht immer alle drei Yerein!g;t ^), so sind 
»ie docli an sicli, ihrem metaphysischen Wesen nach, Eins, 
huT in der sinnlichen Erscheinung; fallen ste auseinander ^>. 
Näher besteht nun der Unterschied und das Wesen 
4er beiden genannten Priiicipien darin, dass die Form da^ 
Wirkliche itvfQyiltx op) Ist, die Materie das IM 5g; liehe 
CdvpiifiH iJi') '). Unter dem Wlrlclldien versteht aber AH- 
itoteles überhaupt das Sein als entwiclielte Totalität, das 
Wesen, sefern es seine Bestimmnn^n zum Dasein hei^ 
ausgearbeitet hat., unter dem Möglichen das Wesen als 
blosse Anlage, das unentwiclcelte Ansich, das ein bestimm- 
tes Sein zwar werden kann, aber nicht werden muss: 
die ausgearbeitete Bildsäule z. B* ist der Wirklichkeit 
nach Bildsäule, der rohe Stoff erst der Möglichkeit nach^). 



1 ) Daher das ^rolXanii in der eben angeftilirten Stelle aus Phys. If, 7* 
J) Vgl. Metapb. IX, 8. 1049, b, 17: xii} St tgovift ttqotbqov to t<ji 
t\Su TO ai'To tvBgyovv ngoTtgov fd. h, allem Potentiellen muss 
ein gleichartiges Aktuelles Torangehen), dgt&ft^ d* ov — denn, 
vrie diess erläutert wird, der Same ist zwar früher, als die Pflanze, 
die daraus wird, aber dieser Same selbst Itommt von einer an- 
dern Pflanze, es ist also doch nur die Pflanze, welche die Pflanze 
hervorbringt — das wirkende Princip und die Form fallen an 
sich zusammen, wenn auch in ihrer Existenz auseinander. 

3) Metaph. IX, 8. 1050, a, 15: jy vltj tarl Stvdf*s$, on eX&oi av 
»ts ro ftios ' örav Si y irfQyifn »/, rors fp rtu elSa iüriv» Ebd. 
b^ 2% 27: ^jare fpavs^ov vTt ij ovaia ttal ro etSos ivipystd iariv 
.... 17 ovaia [twp fp&etgrwp^ vlrj itttl SvvafuQ ovoa^OvK tvigysia. 
VII, 7% 1032, a, 20: «waiT« Se td yiyvofitva iy tpvasi ij rix^JJ 
e'xei vXijv dfvaTOV ydg x«i tlvai via) /ntj sTvai ^xaorov.avrdivf 
Tarn 3* iarlw **• ixdaT^t vXrj. VIII, 1. 1042, a, 27: ^Irjv di Xi- 
yto ij firi ToSs r» ovaa ivsgyet'a Srvdfisi toxi rode t». Vllf, 2: 
ij cJff ijXtj boia . . avTt^ S* iatXv aj Svi'dfiet — ij iv^gyeia nal ' o 
koyoe — rov etSov9 ttal r^s tpsgytiac — <pmwsQfiv Bij ix rv»v «/*- 
QTffiiVüiVj rii jj ato&rjttj ot'gia iatl nal nw9* 4 z'*^'' 7^9 ^^^ *'^^» 
ff S' oj9 /^oQtpij ör$ iv^oyeta, XII, 5. s. o. S. 410^ !• De an. II, 
i. Auf. 

4) Metaph. IX,- 6: t^Tt ö* y irdgyBiu ro vTid^xtiv r« n^yfia, fitj 
ovrttK vtOTTtQ ?Jyo/ii§v Svfdftu. k(yoHsP Si SvrdfiH Btov i» ro» 
^vX(^ 'E{ffJi>rjv nal iv rji ök?^ Tfjv tjfMasmi^y Ör* tifu*gs9et7^ «i', 



Die Aristotelische Metäpli jsil. 4tS 

OiesQ tteftiimniungeii koontAi unfi allerdings einem und 
deoiselbeo Gegenstand in der Art zukeaimen, dass er ia 
einer Beziehung als ein Wirkliebes , in einer a»deru als 
ein bloslMögliebes zu bezeichnen ist '); ja wir werden spä* 
ter finden, dass sieb Alles, ausser Gott, dem absokit Wirkli- 
jcben, und der ersten Materie, dem blos Möglichen, nach 
diesen beiden Beziehungen betrachten lässt; hier. jedoch^ 
wo es sich nur um die reine Bestimmung der Principien 
als solcher handelt, kommt diess nicht weiter in Betracht. 
Wenn nun in dieser Beziehung die Form als das Wirk- 
liche, die Materie als das blos Mögliche definirt wird, so 
heisst diess: es ist ein und dasselbe Sein, welches in 
der Form oder dem Begriff als konkrete Totalität, in der 
Materie als blosse Anlage gesetzt ist; es ist in beiden 
derselbe Inhalt, aber die Weise seines Daseins ist ver- 
schieden ^)» Aristoteles nennt desshalb auch das eine 
der beiden Principien, die Form, geradezu das Wesen 
oder die Substanz, weil in ihr der Begriff des Gegenstands 
vollständig verwirklicht ist ^). und wenn er anderwärts 



xal imac^fiova nal tvv fifj d^suiQovftUy av Sivatos f/ &£'jj(jrjaai' 
t6 d* ivBQybiq, ... «Je x6 oinodofiovv ngos zo oixoSofiixoPf ttal t6 
iygt/yoQoC nQoi. x6 ita&sv^v, xal t6 oqojp ttqoS t6 fivov fitv oipiv 
ba l'x^i'y xal to anoxiXQtpuivov tx Tijs üXi^s ngoi xt)v oItjv xal ro 
aTTiiQyaafiivov ngos xo dvlQyaaxov, c. 8« 1050^ a, 21: to yaQ 
tgyov xiloi, ^ de ivd^ysta x6 tQyov. dio xal Xbvo/na ivtgytia A^- 
ytxai xaxa x6 tQyov^ xal avvrsi'vsi n(j6i xi}v ivxsXiy^tiav» Vgl. 
Phys. I, 7. 19J, b, 7. III, 1, 201, a, 29 

1) S. Ritter a. a. O. III, 145 f. und die von ihm angeführten Stel- 
len Ph)8. VIII, 4. 255, a, 50 ff. De an. II, 5. 417, a, 21 ff. c. 1. 
414, a, 10. 22. gen. au. Il, 1. 735, a, 9. vgl. auch Metaph. 1X> 
8. 1050, b, 16. Xll, 5. 1071, a, 6. 

2^ S. o. und Metaph. VJU, 6, Schi, tau S\ wam^ eigt^rai, xal 17 
iaj^drTj l'A?; xal ?} fAOQrf't) xavxo xal [ro ^i»'?J Swa/neix to Si 
iv6()yiic^ ... ro dvvafisi xal x6 ivegyaiq, ev tiojS ioxiv, 

3) S. o. S. 406, A. 4 ff. und MeUpb, VU, 11. 1037^ a, ^9: 17 
aoi'a y<f(f i9Ti TO W^o^ ro ivov. De part* an. I, 1. 640, b, 28: 
ij yd(i xaxd xrjv /to^tpi^v tpvots nvQKaxii^a tiji vXtx^e,.<pv99iuS» Ari* 



414 Die AritfotelUobe Metaphysik 

Eogiebt, dass die Substanz an« Form und Materi« zusam* 
mengesetxt sei, und dass bei einer gewissen Klasse des 
Seienden die Materie mit zum Wesen geliöre'O? so gilt 
diess doeli nur von den sinnlichen Dingen ^J, an sieh da* 
gegen und ihrem reinen BegrijBfe nach fällt die Substanz 
mit der Form zusammen ^), wie denn auch aus diesem 
Grunde die absolut wirkliche Substanz die reine Form ist. 
Aristoteles macht nun von diesen Kategorieen eine 
sehr ausgedehnte Anwendung auf alle Theile der Philo- 



stoteles gebraucht desshalb sehr häufig die Ausdrücke tldoSy to 
ri ^v ehttty boia und ähnliche als gleichbedeutend. Weitere Be- 
lege bei BiTTEB S. 139* 

1) Phys. IJ, 1. 194> a« 12: tTtel ^ t} tfvgn 9i%mii to tt ttSos ttml 
y vktfy WS üLP il ttsqI a^iiorrjxos anonolfiev ri iOTH'y ilraß ^sfuQtj^ 
riov, war Ist avtv vkrji rd toiavra Urs nara tijv vXtjv* Metaph. 
VJII, 1. 1043} a, 25: «* 9* aia&p^ral äatai naaai vlr^v ' l'%ovaiv» 
toTA d* U9ia TO vnoHttfisvoi'f akkois fiiv ij vltf , . äXhifQ ^ 6 Xo-*- 
yos mal ilj (lo^tjy 6 Tops r» ov t^ Xoyq» %fu(fiQT6v itnv, tqitov 
de TO fH TSTOJVy jj ytriots ftovov nai ffd'oga iart Kai ;|(fiu()<aTov 
«rVActfC* t(uv yaQ Nord tov koyov t/omv at fih' al ^ «. Ebend. 
c. 2. Schi. 

2) S. A. 5. Metaph. VII, 10. 1035, a: bI Sv iotI to f^iv vktj t6 d* 
sISoe TO y in TartoPy koI aoia ij tc vXtj aal t6 eldoe nal to in 
tatoiv, l'oTi fitv oU %al y vky filQOS Tivos liytTait eoTi ^ oSe v, 
aXl* iS ojv 6 Ta et'dovs Xoyos^ olov xtji fitv noiXoryTos (ein ste- 
hendes Beispiel für dieses Verhältniss) an Ioti fii^os y od^S, . . 
Tfjs di aifioTTjTos f*i^oc' Mal Ta fitv avvoXov dvS^idvroQ (i^qoS o 
XaXnoSy Ta S oU ei'Sovs Xsyofiivov ardgid^TOC a .... oaa ftlv av 

. avveiXtjfifiiva t6 tldos xal r^ vltj iotIv, olov to a/jiov tj d xa-X'^ 
naß MvxXoe^ Tavta fiiv tp^elQivai . . ooa Si fit} ovvelXijTtTat t^ 
vXfji aXX' avsv vXySf ojv oi Xoyoi ta il'Sovs fidrov^ TavTa ^ » 
fp^dgeTat, G. 15, An(. VIII, 4* 1044} b, nach einer Aufzählung 
-der viererlei Ursachen: ijttgl fiiv av raff ^vands ovalai nal ytv-^ 
vtjTds dvdynfj atw fisriivai . . snl di T(uv tpvoixwv fiiv didlwv 
Si iatwv äXXos Xoyos. iaüßS ydg i'^ia an Ijjfü v?.tjVj tj a TOtttvTyp 
• • . a^ oou Sf} tpvoet fikv firjj aoitf Biy att iati^ tarott vXy, iXf 
8. 1050, b, 6 ff. 
8) Vgl. Metaph. VII, 3. 1029, 6t, 5: </ to $Id09 rtji vXf^s ngortgov 
Mal fiaXXov oVf mal ra iS dfKpotv ngoregov ^Wcit ^d top avro^ 
X^yov, 



Die Aristotelische Metaphysik. 415 

Sophie. So giebt er z. B. in der Lehre von der Begriffs* 
bildnng dem allgemeinen Gattungsbegriff die Bedentnng 
der Materie, den speclfisehen Merkmalen die der Form, 
und erklärt eben hieraus die Möglichkeit; dass aus bei- 
den zusammen Ein Begriff werde, weil sich nämlich in 
den speclfisehen Merkmtfien nur das verwirkliche, was 
in der Gattung an sich gesetzt sei *); im Weltgebäude 
sollen sich die obern Sphären zu den unteren'), in der 
Thierwelt das Männliche zum Weiblichen 3), in der Seele 
die thätige Vernunft zur leidenden ^) als ihre Form ver* 
halten, und ganz im Allgemeinen sagt er, Alles, ausser 
der Form als solcher, habe eine Materie, und unterschei- 
det desshalb die sinnliche und die unsinnliche Materie ^). 
Diess ist indessen nur ein sekundärer Gebrauch jener 
Kategorieen, in dem dieselben aus diesem Grunde nur re- 
lative Geltung haben; als Materie wird überhaupt alles 
das bezeichnet, was sich zu einem Andern analog verhält, 
wie die Materie zur Form, mag es nun an sich selbst ein 
Materielles sein oder nicht ^). Dieser abgeleitete Ge- 
brauch selbst aber weist auf den urspriinglicben, wonach 



l),Melapb. VJI, 12. Vni, 6. u. ö. S. o. S. 405> 1. 

2) De coel IV, 3. 4. 510, b, 14. 312, a, 12. 

3) De gen. an. I, 2, Anf. II, 4. 738» b, 20. u. ö. vgl. Metaph. I, 6. 
. 988, a, 5. 

4) De an. III, 5. 

5) Metaph. VII, 11. 1037, a, 11: «ttl navtot yaQ vXtj rk iartv o 
fit) iati xl ijf itvat nal tISos avro xad"* avto dkkd toSe r» ... 
^art ydg vkrj y fiiv aia&jjTy y Si votjty. Vorher, c. 10. 1036, 
a, 9, tvird die vktj vo^ttj von den unkörperlichen Formen des 
Körperlichen, wie Figur u. dgl., erklärt (i) iv to7s aiad'tjTo^i vn^ 
dpxovan fty fl aio&tjrd, otov td fta^yfiaruid) , Metaph. VIII, 6. 
1045, a> 35. jedoch erhält dieser Ausdruck die allgemeinere lo- 
gische Bedeutung, von der obeji die Rede war. 

6) -Metaph. IX» 6. 1048f b, d: Itynat Si ivtgytitf & ndvta ofioloü^ 
«XA y ro avaXoyov^ ws tuto ev Tt^t^^ y ttqoS Tt/r0y to o tv t^f-- 
B$ y ftQoi toSb' rd fih ydff ins uivyost Tr^oi SwütfUPj td 3* (»9 
Hola ngos Tiva vXyt\ 



416 I>ic AristcHeliicbe Mptapbystk« 

Fwtm uod Materie die allgemeinen Priucipieu des uiurinn- 
licfaeu und des sinnlichen Seins bezeichnen, dadurch zu« 
rück, dass in .der Regel das, was sich zu einem Aadern 
als Materie verhält, auch dem Körperlichen näher stebt| 
wie z. B. die leidende Vernunft. Wie nun in jener ur- 
sprünglichen Bedeutung der Begriff der Form näher zu 
bestimmen ist, hat Aristoteles nicht weiter ausgeführt, 
und nur so viel geht aus Allem, wie auch aus dem bis- 
her Augeführten hervor, dass ihm die Form überhaupt 
das Wesen der Dinge bezeichnet^ wie slcii uns dieses 
darstellt, wenn wir von seiner Erscheinung in diesem be- 
stimmten Ding abstrahiren, also ihr« ideales Weseu oder 
ihren Begriff 0> den Aristoteles ebenso, wie Plato, als 
schlechthin ungewordeu betrachtet, da das Werden iha 
theils voraussetzt, theils überhaupt nur dem Materiellen 
zukommt ^). Sehr ausführlich erörtert er dagegen den 
Begriff der Materie, und auch wir müssen hierauf noch 
genauer eingehen, da hier einer der Grundsteine des Ari- 
stotelischen Systems liegt 

Der Punkt, von wo aus Aristoteles seine eigenthum- 
liche Ansicht von der Materie gewinnt, ist die alte Frage 
nach der Möglichkeit des Werdens. Wie lässt sich über- 
haupt ein Werden denken? Aus dem Seienden scheint 



1) Man vergl. ausser den oben, S. 408 f. angeführten Stellen: Me- 
taph. \ II, 4> 1029} b, 19: iv «o a^a fi^ eviarai loyt^i aJro, 
X/yovT& avTOy äroff 6 Xoyot ra t* ijv atvat, Inaony, Das x6 xl 
1/v tivair wird daher auch geradezu durch iaia xara top Xoyov 

* definirt De an, I, 2. 412, b, 10. VergL Phys. I, 7. 190, a, 16: 
10 yd^ tiSti XiyoD aal X6y<j^ Tavvov, 

2) Metaph. VII, 8. lOSSy b, 16: <pav8^6v Btj tn tiuv tii^tjpUvtoV', or* 
x6 ftiy eis eldot ij iaiet Xsyoflspov a ytyptTai , «ly di gvvo^oi ij 
naxd xavTijp XeyefitPtj yiyweraif tutl or* iv navtl xtf yevofUriff 
vXfj h'vsQti. c. 9. 1034, b, 7. c. 15, Anf. V|IIi 3. i^hh'^^' 
VIII, 5» Anf. X1I% 3> Anf. a yiyvtxai ovci ij »Xrj axs xo i!8oSf 
Xiyo». ii xd ioxaxa, nav ydg fMxaßdXXu xi kaX vno x$r»S nat tts 
r* »• 8. w. c. 6. 1071, b, 20. . 



Die Aristotelische Metaphysik. 417 

nicfhto werden zu kdunen, denn dieses ist schon, aus dem 
Nicbtseieiiden nicht, denn aus nichts wird nichts. Die-« 
ser Schwierigkeit lässt sich nach Aristoteles nur dadurch 
ausweichen, dass wir sagen, Alles was wird, werde aus 
dem beziehungsweise Nichtseienden, das aber aus diesem 
Grunde ebenso auch in gewissem Sinn ein Seiendes ist, 
d. h. aus dem an sich oder der Möglichkeit nach Seien- 
den, denn sofern dieses die Möglichkeit des Seins ent- 
hält, ii^t es nicht nichts, sofern es aber erst der Mög- 
lichkeit, nicht der Wirklichkeit nach ist, ist es auch 
noch nicht das, was erst daraus werden soll: wenn z. B. 
der Ungebildete ein Gebildeter wird, so wird er dieses 
allerdings aus einem Nichtgebiideten, zugleich aber aus 
einem Bildungsfähigen; nicht das Ungebildete als solches 
wird ein Gebildetes, sondern der ungebildete Mensch, 
das Subjekt, welches die Anlage zur Bildung hat, aber 
in der Wirklichkeit noch nicht gebildet ist. Wie daher 
jedes bestimmte Werden ein Uebergang der blossen Mög- 
lichkeit in die Wirklichkeit ist, so lässt sich auch das 
Werden überhaupt nur auf dieselbe Weise erklären. Es 
muss mitbin für alles Werden ein Substrat vorausgesetzt 
werden, dessen Wesen eben darin besteht, die absolute 
Möglichkeit zu sein, welche noch in keiner Beziehung 
zur Wirklichkeit geworden ist 0? und dieses Substrat 



1) Dieser Zusammenhang ist Phys. I, 6— 10. ausführlich entwickelt. 
Um nicht den ganzen Abschnitt abzuschreiben , will ich die fol- 
genden Stellen herausheben. G. 7: (pnfih ydg yiveo&ai iS akXov 
allo nai tj irigov eregov ij r« aitkoi Xlyovrac ij avyHsifitva (je- 
BeSy wenn ieh sage: der Mensch wird gebildet^ oder der Unge- 
bildete wird gebildet, dieses, wenn ich sage: der ungebildete 
Menseb wird ein gebildeter Mensch), rwif (is yivofidvußv we rd 
anka Üyoftsp ylt'eod'ai, ro ftiv vnofiivov kiyofisv ylvea^a^y ro 
^ »X vTtOftivov 6 fity yaQ äv&gatTros vitofilvn fiovaittoe yivofiB^ 
. ^yoc äv&^TTOs Mal IWi, t6 Ss fi^ fiovaiHov tial ro aifiovaov Ute 

dnuvtmv tmv yiyvof^ivojv r«ro kari laßtty idp tt,9 iTtißldtpjji 
Die Philosophie der Griechen. U. TheiL 27 



4]$ Die Ariitotelische Metapbysilc« 

muss als die Yorkumtizung alles Werdens scbkebtliiii 
nngeworden sein ^). Diese Grandlage altes Daseins ist 
die Materie ^). Aus dieser Ableitung mnss sidi nun das 

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«•»——'•' " ' * ' 

wansQ llyofAiv^ ori Bti ri dsl vnonalo^at ra yiyp/nt'OVy nai taro 
tl xal d^t^&fKJ) ioT^v evy oAA* iidci ye ^x iv ... « yaQ ravtQV 
zu dp&QWno^ xal zo dfiBOot e7vai>» aal ro fitv vrroutvii^ t6 9* ax 
vnofs^rst ' tJ fjiiv fit) dvnxeifisv^p vttoiaIvh (o y«(> «»^(Kw^^ff 
vnofiivtt) t6 fiovo$x6v Si nal rp dfioioQV ^x ^^Of/tivu ..•. (üars 
d^Xov tx T(uy si^tjfiiViuVt ori z6 ytvopusvov ÜTtav dtl gvv&txov 
ioTiy xal l'att fiiv ri yivofiivov ^ e'oTi di ti> 6 taro yivtva^y xal 
tSto (fiTTov rj yotQ to vTtoxsifiivov t] ro dtTineifisroy. ktyiu Se 
tivTtxBia^ffi fiEV TO mf4QV90Vt vnoxdtm^tti di toy ap&Qui7j$¥ U« &• f* 
(f>av6QQv tfv .,, ort ylyvezfli irav- ix re. r^ vTTOxe^ftipov ,M$il t^Q 
fiOQ(piJ9 .. tavt de ro vTToxetfisvoy aQ^&fjim fitv «V, tidst di ivOt 
nämlicb 1) der Stoff als solcher und 2) die Negation der Form 
(die at^gtfoie) als Eigenschaft Qavfißsßtjxos) des Stoffes. Eben 
diesQ Unterstheidung, fahrt nun c 8. fort, löse auch die Bedeü- 
Itcn der früheren Philosophen gege^i die Möglichkeit des \yer- 
dens. Diese nämlich haben das Werden ganz gcläugnet: vre 
yd^ TU ov yivtoOon (jBtva^ yoQ t^^ff) ^x ts jui^ ^vtoi adip dv ya» 
vi4t&ai »,» i^usii Si xal avroi tpauiv yiyy^d'ai fi€M 0S4V wJtXdis 
^x /it} ovTOSy öfivj€ juivToi yiyvto&ai ix fit} ovto9^ oiov «ara avft^ 
ßtßrjxoQ* tx yaQ rrji atSQrjOsojt^ Ö iavi xad"* auro fiTj oV, ax ivv- 
rra();j.o>'roff ylyveral n (d. b. ein Ding wird das, was es nicht 
an sich liat» aus derNegation, welche an und Air sich «in Hiebt* 
seiendes ist, der Mensch x. B. wird das, was er picht ist, ge? 
bildet, aus eineni Ungebildeten) ... elf fitv S^ tq6ho9 ^rof» 
akkos o üri ivd^'x^Tcct ravrd Xiyeiv xavd ttjv Supafiiv xal t?}v 
iv/fy*tay. De gea. et corr. I, 3. 517> b, 15: r^oitop fiiv t$p» 
ix fitj ovTot dnkws yipszait tgonop dt dkXop «f vvros dsi- ro 
yag Svvafisi op iprsksxsia Se fitj op dpdyxij TCQOvndgyeiP Xeyd^ 
fAsvop dfjKporiQiui. Dasselbe Melaph. Xil, 2. IV, 5. 1009, a» 30. 
Phyö. IV, 9. 217, a, 21. 

1 ) Metaph. XU,. 5, Anf : 00 yiyverai otb ly vktj ors r« tldmSy kiyot 
Se rd ioxarat. itdp ydq fieraßdkket rl Kai vno t$v»S nah eis r«. 
Pbys. I, 9. 192, a, 28: dtp^agrop xal dydvpfjiTov dpdyxif avryp 
eipai. eXze yd^ iyiyvtto^ vTToxe&a&ai fi Sb7 n-f ivr<Mr, f« *8 « ivv- 
nd^x^vroi . . . etre (f^eigetat , «ic z5to dtfdiera* l'axarov. 

2) Phys. a. a. O. Z. 31 : ktym ydg vktjv ro ngditop viroxeifitvov 
ixdaroj , iS » yiverai rt iptma^xo^^^^ f^V xard ovfißsßf^x6e» eire 
(p&eiQiTai, ei€ t5to dtpi^trai h'axarop. De gen. et corr, 1, 4) Schi. 
6ar» ok vXtj fidkiara fiiv xal xv()iwS ro vnoneifievop yeviaeun xal 
(p&oQas SexTixoPf TQonov Si riva xal ro tuTs äkXatf ftstaßoXai^ 



Die Aristotelische Metaphysilc 419 

W«flen der Materie ergeben. Da alles wirkliche Sein 
ein beatlmiiites und alles Werden ejn Werden ansEntge* 
gengeseCzte« ist, so rauss die allgemeine Grundlage des 
Werdens, die Materie als solche , oder wie sie Äristote* 
les nennt, die erste Materie, das schlechthin Bestimraungs* 
lose sein 0* Ein solches aber ist das Unbegrenzte oder 
Unendliche, in dem Sinne, in welchem Plato und Aristo* 
teles diesen Ausdruck gfebrauohen, d. h. das qualitativ 
Unbegrenzte, noch durch keine innere Bestimmtheit zu 
irgend einer Festigkeit des Seins Gekommene. Oiess ist 
mithin das Erste, was von der Materie zu sagen ist, dass 
sie das Bestlmmungslose oder Unendliche sei ^). Alles 
Bestimmungslose aber ist unerkennbar, da alle Erkennt- 
niss und Vorstellung eine bestimmte ist; daher sagt denn 
auch Aristoteles, die Materie als solche lasse sich weder 
wahrnehmen, noch erkennen, nur in ihrer Verbindung mit 
der Form, in der konkreten Erscheinung, werde sie wahiv 
genommen, und ihrem allgemeinen Wesen nach nur durch 



1) Metapb. VIJ, 3. 1029» a> 20: A/yu; If vltfv 37 Ha&' avtijv (itjti 
tX fi^TS noaov fititt aXko fi^&iv kfytxai oh ojgtQvai ro ov, c. Xi,, 
1037» a> 27 1 fierd fitv yaQ rtjs t'Ajyff.ax l'ariv [Aoyoff], dogiarov 
ydq» IX, 7» 1049> 3> 24: «* ^^ ^* ton yrgätTov, o fit^xin xaz* 
akkov kiytrat tyitivivov (ßQ und so beschaffen)) roro irgoittj vkrj, 
Vni, 1. (S.o. S.412, 3.) Phys. I, 7. 19i, a, 7: n ^ vnoxHfiipy 
tpvot^S imoTTjT^ Kar' dvakoyia». ojC yaQ ngoi dvBgidvva xakuoi ij 

' iTQo^ nkirtfv ^vkßv tj nQci tojv äkkwv ri rötp ixoVTOtp fiOQtf'^v 17 
vkrj mal to afiogtpov ^%h ttqIv kaßely t^» fioQ(p^v ütoü avtfj ttqoS 
fHolav l'xBi aal tu toSa r» xa» 70 ov, 

2) Weiteres über das Unendliche und die Unendlichkeit der Mate* 
rie wird im folgenden $. vorkommen. Hier mag vorläufig auf 
Phys. III, 6. 207, a, 21. verwiesen werden: h'an ydg ro äneiQov 
rijc TS fisyi&ovs tekuöTf^ro^ vkij ttal to iv»a/iH bkov ivzBkixtlt^ 
^ a •.. okov dk nal 7r$7regaaftivov & na^* avro dlkd nar äkko * 
icai V Treff iixt$ dkkd 7rtQ*ixsTai^ y »nsiQOV, iio xal dyvojotov fj 
aneiQOif' etdat ydg h» ^x^i'ij vkij ». , ,. atonov 9i »ai ddvvatov ro 
ayvtMitov xal doQiotov negi^x**^ *^^ ogi^ttv» Vgl. Metapb. IV^ 
4. 1007) h, 28: ro ydg hwdfisi ev «al f*i^ ivTfkixeitf ro dogt^ 
Qrov iaru 

27* 



42t Die Arittoteliscbe Meta)>h7aik. 

einen Analogieschluss gedacht ^). AuiS demitelben Gvmidt 
kaiui aber die Materie aucli nicht rein für sieh existlren, 
sondern alle Materie ist eine bestiaunte uttd geformte; 
die reine Materie wäre als das schlechthin BestiaiRiungA- 
lose auch das schlechthin Unwirkliche ^). Aus diesen 
megativen Bestimmusgen geht aber unmittelbar die be*> 
reits erwähnte positive hervor: ist die Materie als solche 
das schlechthin Bestimmungslose 3 so ist sie ebendamit 
die gleichmässige Möglichkeit aller Bestimmungen, also 
überhaupt die Möglichkeit alles konkreten Seins, das öv^ 
pelfiu ov schlechtweg ^). Sofern sie nun dieses ist, so 
ist in ihr kein Bestimmungsgrund dessen, was aus ihr 
wird, sie ist gleichgültig gegen* alle Formen des Seins 
und gegen Sein und Nichtsein überhaupt, sie ist das Prin* 
eip des Zufalls. Andererseits aber ist sie doch auch 
die Voraussetzung alles Werdens, die Verwirklichung der 
Form Ist an die Materie gebunden, und kann nicht wei- 
ter gehen, ^s die in der Materie liegende Anlage, und 
insofern ist diese ebensosehr der Grund der Naturnot h- 
wendigkeit. Diese Bestimmungen be^lürfen indessen 
etwas genauerer Erläuterung. 

Unter dem Zufalligen (ovfAßfßrj^og im engern Sinn — 
To ino Thxtig) versteht Aristoteles, welcher diesen Begriff 



4> Pby8.IlI, 6. J, 7. (S.419, 2.417,1.) Metaph. VII, 10. 1036, a, 8: 
37 ^ vXi] ayvcuoToe Ka&' uvti^v, VgL biezu die Platonische LehrCy 
oben S. 221 fT. und Aristoteles selbst De coeLIIIy 8. 306, b, 17i 
aeiSis ital äfiOQ(pov Set ro vitoxsifMvov tivtu' fialiarm ycLo av 
öTiii dvvano ^v^fii^sa^aiy mad'dTtSQ iv Ttf Ti/ial(jf yiyQaTrvaty to 

i) De gen. et corr..II, 1. 339» b, 24: ^(i8iQ dt tpafiiv fiiv etval 
T*va vXijv Twv awftarwv xm» aiOA^f^TojVt eiXkd ravTtjv i j^qiotijv^ 
dXX' dfl fier ivanT^waeun, Ebd. I» 5» 320» b| 16 ff» 

9) S. o. S. 412r3 undMetaph.XlIy 5. 1071» a^ 10: 8v»dfAei> 9b tj vlfj, 
• varo yaQ tan to Swdfisvov yiyvead'at' oifAtpif». De gen. et conr. 
II, 9» 335, a, 32: «wff /»«v hf vXti zots yavijTo%i i^vlv airiov to 
dvvaxov sivai xal fit) elvat» 



Die Aristotelische MötapliydiL 421 

:^erst genauer untersucht hat ')? im AIIgemeiDeo alles 
das, was eluem Subjekt gleiehsehr zukommen und nicht 
zukommen kann, was nicht in seinem Wesen enthalten 
und durch die Nothwendigkeit seines Wesens gesetzt 
ist ^), was daher weder noth wendig, noch in der Regel 
stattfindet ^). Dass ein solches angenommen werden miisse^ 
und nicht Alles mit Nothwendigkeit geschehe, beweist 



1) Wie er selbst sagt Phys. II, 4. 

2) An. post. I, 4. 73, a, 34. b, 10: Aristoteles nenne ita&* airaty 
üua vita^xst' rs ev t<^ tI iariv . . tteU oaots rwv ivimaQXQvrutv 
avTOiS avta iv rv»! Aoy^ ivvTtaQX^voi ry tI iari Sfjkavri , . . oW 
de ftriSsrlQwi yndgx^h avju^ßtßijKOTaj ferner t6 f*iv Si avro vTrdg- 
yov SAaavat vta&* avvoy to 9t fiij Si avro avjußeßT^HCQ. Top. I,' 5. 
102, 1^ 4: 2ofiß^ßtin69 6i iartv ►• o ivSixsra^ vnaQxstv qr^v 
hl mal tf^ avTvt %a\ fii) v7tdQ%6i>v vgl. Anal. pr. J, 13, Anf. Xiyva 
^ ivd^x^o&ai Y.al ivSsxofievovj ö fiij ovros dvayxaiovf rsd'ivroi S* 
vndQ%6tv, aSiP iovai Sid x^v dSvrarov, Metaph. IX, 3. 1047» 
a, 24. Von dieser Bedeutung des av^ßs^tjuoQ ist nun die früher 
(S. 404y 3) erörterte allgemeinere Bedeutung desselben Ausdrucks 
zu unterscheiden, wornach er alles accidentelle Sein überhaupt 
bezeichnet. Aristoteles selbst bemerkt diess ausser An^ post. I, 4. 
auefa Metaph. V, 34)^ Schi., wo er nach der sogleich anzufüh- 
renden Bestimmung beifügt: Xtysrai Ss nal a'AAeuc ovfjtßsßrjmoi, 
otov ^oa vni^xsi indartü xa&' avvp fit) iv xij aai^ orvtty oiov 
Toj TQ^yoiVfff TO Svo o^ds ex6*t^» Das avfißsßtfteos im letzteren 
Sinne nenni er auch, mit einer eigenthümlichen Zusammensetzung, 
das avfAßaßtiMos xa&' avro: An. post. I, 22. 83, b, 19: avfißs- 
ßrjHora yd^ tan ndvva [oaa fxij ti 4<jt*], oeA^a xd filv 7(a&' 
avTOy td bt xa&^ svegov XQonov, Vgl. ebd. I, 6. 75, a, 18. I, 7. 
75, b, 1. Aus dieser verschiedenen Bedeutung des avfißeßijtto^ 
erklärt es sich nun, wie Aristoteles an verschiedenen Orten Ent- 
gegengesetztes darüber aussagen kann, das eineroal z. B., es 
könne nicht Gegenstand der Wissenschaft sein, das anderemal, 
es sei diess. Vgl. An. post. I, 6. 75, a, 18: tmv S^ av/i^eßt^no-' 
Twv itfj Mtt&* avzd 8% eaviv iniajTjfiij dnodeinrixi^, Fibd. I, 7.i 
T^tTOV yfvos TO vjtoxBifisvoVy » Tce Ttd&tj Hul T« H«^ avTa avfi- 
ßsßrjnoTa BrjkoX tj dnoBu^i. Man sehe über diese ganze Unter- 
scheidung TfiENDSLESTBUBG z. AHst. de anima S. 188 ff. 

3) Metaph. V, 30, Anf. ^vfißeßtjüoe ■ Xtysra* o vitdgxH filp Tivt> 
xal dXtjd'ts einstv « fiivroi «V *J dvdyxrj^ »r* eitl t6 nolv. Die- 
selbe De6nition VI« 2. 1026f b^ 51. (Hh 8«) Phys. IT, 5> Anf. 



422 I>>e Aristotelische Metapkysili. 

er zunächst aus der allgemeitien Erfahrung; 0) und losbe* 
sondere der Thatsache der Willensfreiheit 2); genauer 
jedoch weist er den okjektIven.Grund des Zufälligen da- 
rin nach, dass Alles, was nicht absolute Wirklichkeit Ist, 
die Möglichkeit des Seins und Nichtseins In sich hat, 
oder was dasselbe ist, dass die Materie, als das Dnbe- 
atlmmte, entgegengesetzte Bestimmungen möglich macht ^)» 
Von dieser Beschaffenheit des Endlichen rührt es her, 
dass innerhalb desselben Vieles geschieht, was in der 
Zweckthätigkeit der Natur oder des freien Willens nicht 
enthalten ist; denn diese ist immer auf einen bestimm- 
ten Erfolg gerichtet, nebenher aber bringt sie auch sol- 
ches hervor, das sich nicht vorher bestimmen lässt, und 
diess ist das Zufällige ^), das Aristoteles aus diesem 



1) Pbys. a. a. O. 

2) Ausdrücklich geschieht diess nur De Interpret, c. 9, wo aus dem 
Begriff dos Zufllligen eine sehr richtige Regel fiber die Entge- 
gensetzung in Modalsätsen hergeleitet wird) doch vgl. Etb. Nile. 
III > 3. 

S) De interpr. c. 9* 19» 8,9: es müsse einen Zufall geben on oXwe 
lar«v ip TOtQ fti^ atl ivegyaai ro SvvavoP tlya^ naX,fi9J ofioiwi^ 
wogegen in dem Ewigen Möglichkeit und Wirkliohkeit susam- 
menfollen: iv9i%ta&m,t yd^ y/ etpat bSiv Sia<pt^& iv toXs d\'3io&£ 
(Phys. III» 4. 203) b, 30). Melaph. VI» 2. 1027» «» 13: oiare 
fj vXrj h'ava$ alriaii i^ ivSex^fiivti nagd ro wgeTr^rovolv aXlatSi rS 
üvfAßsßtjHcxoi, De coel. J, 12. 283» a» 31: ^v dno re avro^ 
fitlrov tiv atp&a^TOp aV dyivtjxov otov r elrai, wofiir dann im 
Folgenden steht: $} vXfj ahia th elvai nal ^y* Metaph. VII» 7« 
(oben S.'412, 3} Pby8.ir»5 197» a, 8: doytara f*ep Sv rd airta 
drdyxti elvat, dtp* ihp yivo^vo vo dno rvxrj^» 

4) Metaph. V» 30. 1025» a» 24. De gen. an. IV, 10, Sehl. ßshvün 
fiiv SP 17 <pvat9 TOis VBTwp dQt^fuui aQt&fitZp rds y$¥iaM utal 
ras nXtvtdiy an dttQtßoZ Si Sid re rijp riji vXtjQ doQioTiav u. s. f. 
Phys. ir» 5. 196> a, 24: wotisq mal ow iari x6 (aIp «o^' «i'to xo 
de Kard avfißißvjnoft arw xal airiop ipSix^rui iipai . . ro fjtep Iv 
xet^' avTo all top (oQioftivopy ro 9k natd avfißeßiptoQ doQtOTOv . . 
xa&antQ üp iXix^fj^ ovap iv TOt£ erimd rs yiypoftf'potc töto yi- 
vtfTut, TOTS Xtyixat diro xavtofidxov nal drto xvxtjS — welche 
beide Ausdrücke sich nach c 6* so unterscheiden, dass avxofjM- 



Die Aristoteliische Metapfaysilc. 42S 

Grudde fär etwas erklärt, das den Nfchtsefendän nahe 
stehe ^). Das» übrigens ein solches nicht Gegehstand 
der Wissenschaft sein kann ^), muss sich aus allein deäi 
ergpeben, was sch^n früher über den Begriff des Wisaens 
bemerkt worden ist. 

Wie aber nach dieser Seite der Zufall, so hat uacb 
einer andern die Naturnoth wendigkeit in der Materie ih- 
ren Grund, und beides ist insofern dasselbe, wiefern auch 
das Zufällige In der Natur dadurch entstehen soll, dass 
im endlichen Sein wegen seiner Verwicklung mit der Ma* 
terie in der Verwirklichung eines Zwecks Erfolge her- 
vorgebracht werden, die nicht durch diesen Zweck ge* 
fordert sind. (Nur im menschlichen Handeln giebt es 
auch itecb einen andern Grund des Zufälligen, die Wil«- 
lensfreiheit. ) Unter der Naturnothweudigkeit versteheti 
wir hier das, was Aristoteles^ wo er von den Gründen 
des natürlichen Seins redet, im Unterschied von der Zweck- 
ursache als die dpäyytn bezeichnet, die von ihm so ge- 
nannte hypothetische Nothwendigkeit, d. h. die der un- 
entbehrlichen negativen Bedingung, der conditio sine qua 
non^^. Diese nun hat ihren Grund in der Materie, denn 



Tov das Ungefähr überhaupt, tvyjtj das Eingreifen des Zufalls in 
die menschlichen Handlungen bezeichnet. 
1) Melaph. VI, 2. 1026, b, 21: (paiverai. yaQ ro av^ßsßijuoi lyyvs 

T» tu fJftj ÜVV09, 

3) An. post. I, 30. Zh Anf. Metaph. VI, 2. 1026> b, 2 ff. 1027» a, 19. 
(XI, 8) vgl. S. 421, 2. 

3) De part. an. I, 1. 642, a, 1: eialv aga dv aiTia& avratt ro 
^* tr svsua nal ro t{ dvdydfjS' noXXd ydg ylv6Ta& oti dvdyy.i],' 
i9(09 9* av T*5 dnogtjaM noia» Xtyovaiv dvdyKrjv ol XiyovreQ ij 
dvdyxtjQ' x(uy fitv ydg Bvo TQonoav bSivifiov oiov rs vTtagxs^v^ 
Ttxif diütgiafi^vwv ip ToW xard <piloao(pi'av (die Nothwendigkeit 
des Begriffs und die Nothwendiglieit des Zwangs; s. Phys. VIII, 
4. 254» b, 13 An post. II, 11. 94» b, 57. Metaph. V, 5. 1015, 
a» 26 ff. XI, 8. 1064, b, 35). tart ^ tv ye to7s ayovat yiveoiv y 
TQivtj, XlyofASv ydg xrjv tgo<f>tjv dvayaaiov vi nar odivBQOV tutojv 
volv T^oTTOtiPf dXk* OTI »X *'•' *"* ^^^^ TavTtf£ sivtti. Vtizo y h\v 



4M I>{a Aristotelische Metapliysttc. 

«ben diese ist das Mittel, oline das die Form und der 
Zweck in den endlielien Dingen nieht verwirkliclit wer* 
den kann '); das Endliche ist dem Gesetz der Notliwen- 
dig^keit unterworfen, sofern sicli in ilm die Form nur in 
diesen bestimmten Stoffen und unter den durcli sie be- 
dingten Modifikationen darstellen kann. 

Wie sich nun dieser Begriff der Materie zum Plato- 
nischen verhält, hat Aristoteles selbst schon sehr klar 
ausgesprochen. Während dem Plato die Mateiie als sol- 
che nur das Nichtseiende, die Negation der Idee ist, so 
ist sie ihm zwar in Einer Beziehung auch das Nichtsein 
der Form, genauer jedoch nur ihr Nochnichtsein, sie ist 
an sich dasselbe, was jene in entwickelter Wirklichkeit 
ist, und nur abgeleiteterweise ist sie das Negative gegen 
die Form, das Unwirkliche und Böse, sofern die blosse 
Möglichkeit der Wirklichkeit entgegengesetzt ist ^). 



woTts^ i^ vno&heois. Genaueres über diese Art der Nothw^r 
digkeit und ihr Verhaltniss zur Zweckthati^keit in der Natur im 
nächsten §. Hier mag vorläufig auf Phys. IT, 9. An. post. If, 
11. 94, b, 27 part. an. I, 1. 639, b, 25. Mctaph. V, 5. verwie- 
sen werden. 

1} M. s. ausser d. vor. Anm, und Metaph. V, 5» Anf. besonders Phys. II, 
9. 200j a, 5: aXk* bfiojs oh avtv fitv tötojv ytyovcVf » uivvo^ 
S$d ravra nX^if oic dt* vXt^v .. 6fioiix)9 Se xal iv to7s aXlots 
naatVf iv iaois ro 'ivsKa t« iarivf «x äyev fitv riZv avayxaiav 
ixojfroiv T^v (pvaiVi » fjtlvroi ye did ravra dXX' ^ ok vl*j» ... 
ij vno&lasfui Brj ro dvayxaioy^ dkl* a^ ojs rikot ' iv ydg riy vkrj 
ro dvayxaiov, ro d' » tvBKu iv tw koyt/f. Vergl. part. an. Iff, 2. 
623, b, 20. 

2) Phys. I, 9, nach den früher angeführten Untersuchungen über 
die Materie: 'Hfjtuipoi ftev sv nal 'iregoi rtvit elaiv avr^s^ dkk* 
&X tnavm, nqonov ftiy yuQ ofiokoySaiv dirkats ylvso^at in fi^ 
oyros .. sha (palverai avtotty sincQ iarlv dfft&fim fiia, xal dv- 
vdfjtH fiia fiopov tivat. taro di S&atpiget nketoroy, i^ueU fiip yd^ 
vkijv Hai QtiQtjatv iTSQov tpafi6V elifai, Hai rarotv to ftir in ov 
Btm& nard avfAß^ßTjno9 ^ rijtf vkt^Vf riji» Sc ori^rfot» xaQ-' avti^v. 
Mal r^v fiiv iyyve Hai öaiav wwc, r-^v vkrjv^ (vgl. oben S. 414, 1) 
rtjv dh ar/^t^tv eSoftiuS . . . »; fjiiv ydQ vitofiivovea oovatria rj] 
fio^tpÜ vdtv y$voftivwv wnV, wane^ f^n^V^' V ^ «•^« f*^'^^ '^i^ 



Die ArUtotelische Metaphysik. 425 

ist aber dieses das Verhältniss von Form und' Mate- 
rie^ so stehen ebendamit beide In wesentlicher Beziehung, 
es ist der BegrHf des Möglichen, ein Wirkliches zu wer* 
den, und der Begriff des Wirklichen, die Wirklichkeit 
des Möglicheil zu sein, oder wie diess Aristoteles aus- 
driickt: die Materie hat ein natiirliches Verlangen nacli 
der Form, und die Form ist die Entelechie der Materie. 
— Die Materie ist an steh selbst der Ergänzung durch 
die Form bedürftig, sie bewegt sich daher der Formbe- 
stimmnng entgegen, entwickelt sich zur Wirklichkeit >) 
-> diess ist allerdings eine unklare Vorstellung, denn die 
Materie als das schlechthin Bestimmungslose und in kei- 
ner Hinsicht Wirkliche könnte auch nicht den Trieb zur 
Entwicklung, der doch gleichfalls eine bestimmte Quali- 
tät ist, in sich tragen; indessen ist diese Vorstellung 
durch die Lehre des Aristoteles, dass die Foi'm als sol- 
che durchaus unbewegt sei, und weiter durch den gan- 
zen Dualismus seiner beiden Principien entschieden ge- 
fordert, wesshalb sie uns auch später in dem, was er über 
das Verhältniss Gottes zur Welt und der menschlichen 
Vernunft zum leidenden Theil der Seele und zum Körper 
sagt, wiederholt vorkommen wii*d. Doch darf man sicli 
die Sache nicht so vorstellen, als ob er der Materie ehi 
bewusstes Streben nach der Form oder Empfindung bet- 
legte; mit dem Ausdruck „Begehren^^ wil) er vielmehr 



ivavT&wasojs (die attQrjaii) Trokkanis av (pavtaa&elrj tw nQOi ro 
naxonotov avrtjs aTcvi^ovri tj}v 9&dvo&av eS' elvai roTtaQanav, 
1 ) Phys. f, 9> nach den eben angefahrten Worten : ovroi yd^ rtvos 
&8iov ttal dya&S xal ifperSf ro fiiv ivavviov avrt^ (pafitv elvai, 
t6 di o nltpvKSV t<pi80&a$ nal ogiytad'at avra xatd r^f tawo 
(pvaiv ToU de avfißaivci ro ivavxiov 6(tiyeo&ai rrji iavTutp&oQai. 
Kairos 8Te avTO iattS olov ta itpitad'ai ro alBoQ dtd ro ftr/ slvai 
ivdaiiy 8TS ro ivavriov gf&agrtxd yd^ dkXrjkojv rd ivavtla, dkkd 
' r^r* 6ovt%* 17 vXt^t ^ioTtsp äv el d'tjXv a^^avoe xal alaxQoy xake, 
nXriv 8 xad"* avfo alax(fov dkkd xard avftßsßyxoe, aSi &9jkvf 
dkkd mtrd Qv^fiefltfxo^» 



426 X>ie Aristotelische Metapbysilf. 

nur überhaupt das nicht näher begtfmnite Wesen des in 
der Materie schaffenden Triebs bezeichnen. Diesen selbst 
aber hat die Materie nicht als solche, sondern nur ver<- 
möge ihrer Beziehung^ auf die Form, diese ist dah?r das, 
was als thatiges Princip den Stoff bewegt, und zur Wirk- 
liohlieit bringt, die Entelechie der' Materie. Dass die 
Form dieses sei, diess ist im Allgemeinen schon io d^ 
früher beigebrachten Stellen ausgesprochen, welche die 
formelle und die bewegende Ursache fiir eine und dieselbe 
erklären; Im Besondern werden wir dem Beweis dafär in 
der Lehre unsers Philosophen von der Bewegung und 
vomyerhältniss Gottes zur Welt sogleich begegnen. Wats 
den Begriff der Entelechie betrifft, so gebraucht Aristo- 
teles diesen Ausdruck allerdings sehr oft gleicbbedeo- 
tend mit Energie, und bezeichnet an Einer Stelle sogar 
den absoliiteti Geist als Entelechie^), doch btdeutet ibai 
dieser Name die Form vorzugsweise insofern, als sie das 
die Materie bewegende und zur Wirklichkeit führende 
Priaeip ist, die Form als Zweckthätigkeit; die Seele z. B. 
ist die Entelechie des Körpers als der Grund sein«* Le- 
bensthätigkeit ^), und eben in der Lehre von der Seele 
bedient sich Aristoteles dieses Ausdrucks am Häufigsten 
weil er es hier mit der auf die Materie bezogenen Form 
zu thun hat, wogegen er den reinen Geist in der Reg«l 
Energie nennt. 

Die Entelechie der Materie als solcher aber ist die 
Bewegung 3), und so f&hrt das Verhältniss der Form und 



1) Metaph. XII, 8* 1074. a» 35: ro Si tI ^v tlva$ sß ix^t vlffv xo 
iTfWTOv. ivxsXi%%uL ya^. 

3) Vgl. De an. 11» 2« Scbl. ixdoTQv yd^ ?} tprelixua ip r^ dvyd^ 
fitt vnuQxovxt nm\ r/7 oineiif vkij m'ipvxsv iyy$r$9&et&, c. 4* 415«* 
b, 14: xS Svvdiu6$ ovxos Xoyoe ij kvx§Xt'xim* Ueber die oben- 
berührte Defmitioii der Seele s. u., über den Begriff der Ente- 
lechie: Tmbvdbleubvbo SU De an. IT» 4. S. 296 ff. BiitSB) Phil, 
d. Ar. I, 479 iL Ritter, Gesch. d. PhiL HI, 210, 2. 

3) Phys. III, 1. 201, a, 10. b, 4: 17 tv öwaf/^i orx0t ivxtXix^tan 



. Die Aristotoliscfae Metaphysik, 4917 

Materie zu der Untersudiung aber die Beweg^iing^ und 
ihre Oriiiide. 

3. Die Bewegung; und das erste Bewegende. 
Was Aristoteles mit der eben angefiilirten Definition «»«• 
drucken will, hat er selbst erläntert. Die Bewegung ist 
die Entelechie des der Möglichkeit nach Seienden, d. b» 
sie ist diejenige Tliätigkeit, wodurch das vorher nur als 
Anlage Gesetzte Dasein erhält, das ßestlinmtwerden der 
Materie durch die Form, der Uebergang von der Möglich^ 
keit in die Wirklichkeit; die Bewegung des Bauens z. B« 
besteht darin, dass das Material, aus dem ein Haus wer«- 
den kann, wirklich zu einem Hause verarbeitet wird. Sie 
ist aber die Entelechie des Möglichen, nur als eines 
solchen, d. h. nach der Beziehung, in welcher es ein 
bl^s Potentielles ist; die Bewegung des Erzes z. B., ans 
dem eine Bildsaule gegossen wird, betrifft dieses nieht, 
sofern es Erz ist, denn insofern bleibt es unverändert, 
insofern war es aber auch schon vorher der Wirklichkeit 
nadi, sondern nur sofern es die Möglichkeit, zur Bild- 
säule gestaltet zu werden, in sich enthält *)• Diese Un^ 
terscheldung findet übrigens, wie nat&tlich, nur da ihre 
Anwendung, wo es sich um eine bestimmte Bewegung 
handelt, denn diese bat immer ein solches, das schon ir- 
gendwie wirklich ist, zum Substrat; fassen wir dagegen 
den Begriff der Bewegung allgemein, so ist sie überhaupt 
das Wirklichwerdeu des Möglichen, die Vollendung der 
Materie durch die Formbestimmung, denn die Materie als 



vfQov vT$ xivrjaie iartP, VIIT, 1, 251, a, 9: tpafikv dt) r^v nivrj^ 
üiv tivat ivreXi'xsiav tu nivrjT^ /) Mivrixcv, Dasselbe Metaph. 
Xlf 9. 1065) b, 16* S3* (nur dass in der erstereu Tom diesen 
Stellen statt hrtL ivlgyna steht) y wie denn überhaupt dieses 
Buch der Metaphysilc neben dem sechsten Buche derselben Schrift 
vorzugsweise an Stellea der Physilt erinnert. 
1) Phya. III, 1. Metaph. Xf, 9. 



Die Aristotelische Metaphysik. 

solche ist ja blosse Mdgliehkelt, dte noch in keiver tt^ 
Ziehung zur Wirklichkeit gelangt ist. Unter diesen Be- 
griff fällt nun aber alle und jede Veränderung, alles. Wer- 
den and Vergeben; nur auf die absolute EststehuRg uad 
Vernichtung wurde er nicht zutreffen, da bei dieser auch 
die Materie hervorgebracht oder aufgehoben würde, eine 
solche nimmt aber Aristoteles auch gar nicht an ^). Wenn 
er daher auch das Werden und Vergehe» für keine Be- 
wegung gelten lassen will, und aus diesem Grunde sagt, 
dass swar jede Bewegung eine Veräedernng sei, aber 
nicht jede Veränderung eine Bewegung^), so ist. doch 
auch dieses nur ein relatirer Unterschied, der sich im 
aligc^meinen Begriff der Bevveguag aufhebt ; wesshalb auch 
Aristoteles selbst anderwärts ^ x/i^j^ff«^ und fierußoXi^ gleich- 
bedeutend gebraucht. Dm Nähere über die verschiedenes 
Arten der Bewegung gebort der Physik an. 

Alle Bewegung also ist ein Mittleres zwischen po- 
tentiellem und aktuellem Sein, eine M^glidikeit, die zur 
Wirkliehkeit hinstrebt, und eine Wirkliehkeit^ die noch 
Ml die Möglichkeit gebunden ist , eine unvollendete 
Wirklichkeit. Von der blossen Potentlalität unterschei- 
det sie sich dadurch, dass sie Hntelechle ist, von der 
reinen Energie als solcher dadurch^ dass in d^r Energie 
die auf einen Zweck gerichtete Thätigkeit zugleich ein 
Erreichthaben des Zwecks ist, das Denken z. B. in 
Snchen zugleich geistiger Besitz des Gedachten, wogegen 
die Bewegung im Erreichen ^s Ziels erlischt, und darum 
nur ein unvollendetes Streben ist ^). Auch jede bestimmte 



1) S« o« u« Metapb. XU, 3, Anf. ov yiyverai ovre ^ vl^ ovrs ro 
ttSoSt Xfyio ii rd taxara, 

2) Phys. V, 1. 225, a, 20. 34 u. ö. s. u. - 

3) Z. B. Phys. III , 1. 261 , a, 9 ff. c. 2, Anf. IV, 10, Schi. VIII, 
7. 261, a, 9. u. ö. 

4) Phys. III, 2. 201, b, 27 : tov Ifi Sonstv dogtorop slvai rrjv niyij- 
otp airtov oTi ovt$ eis dvpofuv twp 9Vt<m^ 0¥t$ tls ivi^yttav 



Die Ariatoteliscbe Metaphysik. 4M 

tiewtgung daher ist Udbt(i*|;«ii^ von einem Zuslatid ib 
einen entgegettn^esetzten^ von de«, was ein Ding zu sein 
aufhört, in das,, was es erat werden soll ; wo kein Gegen- 
satz ist, da ist auch keine Veränderung ^). Aus diesem 
Grunde setzt nun alle Bewegung zweierlei voraus, ein 
Bewegendes und ein Bewegtes, ein aktuelles und ein po* 
tentielies Sein. Das blos Potentielle kann keine Bewe* 
gung erzeugen, denn ihm fehlt die £nergie, das Aktuelle 
als solches ebensowenig, denn in ihm ist nichts Unvoll^ 
endetes und Unentwickeltes; die Bewegung ist nur au 
begrejien als die Wirkung des Aktuellen, oder der Form, 
auf das Potentielle oder die Materie ^), und auch In dem, 



tan ^itvui aiTTjv airlwS' ovve yag to dvvarov nooov sivai xi- 
vstrai if dvdyxf^s ovts t6 ivt^yeia, iroa^v^ ^ t$ nipfjoiS ivi^ysia 
piiv r»c iivmi dotttty utskiif ii* alv*ov S* ot$ drtkis t& Swo^ot^ 
ov iavlv ri iv:'gyeta, (Dasselbe Metapb«« XI, 9. 1066, a, 17,) 
Metapb. IX, 6, 1048, b, 17: tV«? Si twp ngä^iviv atv iarl ni^aQ 
ovSsfila rikoi dXXd rviv itsgl to tHos, oiov rov taypalvetv rj ia- 
Xvaaiay aurd de orav iQxvalvrj ovTtoi iariv tv tuvtjasty /lij vnaQ^ 
^ovia (UV Si'sxa t/ itivtjatC., ovk l'art tavva TTQaSiS ij ov reXslet ys * 
ov ydq tÜ.os^ dXX* CHeivrj iwJidQX^^ ^^ riXos nal rj yrgd^ig , . • 
ot yaQ afia' ßadi^tt xai ßsßdStnsVt ovS' ^xodofiit utal ojnodofirj^ 
mev u. 8. w. bthQans di xal oQa a/ia to avxo xai votT xal ve- 
vofjUBV T1J» fikv ovv ToiavTi]V ivi^yttav Xiywy ivtaivtjv Ss xivijaiv. 
De an. II, 5. 417, a, 16: ttal ydg iartv ^ HtvTjats ivfgysid r*ff 
drtXi^g fiivTou III, 7. 431, a, 6. v ^«P nlvrjais rov dteXovS 
iviqyna yv. 

1) Phys. V, 1. 224, b , 26 ff. 225, a, 10. Metapb. Vllf, 1. 1042, 
a, 32. XII, 2. 1069, a, i^i slt tvavTiojotiS av shv tccc xa&i^' 
naoTOV at fisraßoXal' dvdyxfj dtj fittaßdXXeiv ryv vXf^v Suvafiivfjv 
afjLtpO)* intl Se diTTov to oV, fitraßdXXst ndv Ix tov dwdfjtst 
ovTos 6iS to iv6Qyii(f ov. 

2) Pbys. III, 2 (S.428, 4). VUIy 5. 257, b,. 8. Metapb. IX, 8 bes. 
1050, b^ 8 ff. XII, 3, Anf. s. o. S» 410» 1 i Pbys. VII, 1 : anav 
TO Htvovfiivov dvdynij vno Ttvoe Kivsta^ait was sofort daraus 
bevriesea vrircl, dass auch bei dem scbdnbar sich selbst Bewe- 
genden die bewegjte Materie nicbt z^leicb das Bewegeade sein 
könne , denn wenn ein Tbeil derselben rube , so rube aucb das 
Ganze, Rube und Bewegung, de» sich selbst Bewegenden aber 



f >■ 



4M Die ArisUtelisch« Metaphysik 

was sich ftelbst bewegt, muss ^keli inHner dasBew^^inte 
ein Anderes sein ala das Bewegte, wie in dea lebenden 
Weaen die Seele ein Anderes ist als der Leib^ der von 
ihr bewegt wird, und in der Seele selbet, wie wir unten 
noch finden werden, der tbätige Tbeil ein anderer, ala 
der leidende ^). Wie daher dem frfiher Angeführten zu^ 
folge ohne die Materie oder das potentielle Sein kein 
Werden mögliob wäre, und ein absolutes Werden oder 
\ergeben undenkbar ist, so ist auch kein, Werden ebne 
ein Wirkliches möglich, das ihm als bewegende Ursache 
vorausgeht, und auch wo das Einselne sich aus der blossen 
Poieniialiiat zur Aktualität entwickelt, jene mithin in 
ihm früber ist, als diese, muss ihm doch ein anderes ak* 
tuell existirendes Einzelnes vorangehen: das organische 
Individuum entsteht aus dem Samen, aber der Same wird 
von einem andern Individuum producirt — das Ei ist nicht 
früher , als die Henne ^). Ebenso aber umgekehrt : wo 



könne nicbt von einem Anderen abhängig sein. «Der wahre 
Grund jener Bestimmung ist indessen der oben und Pbys. IlT, 
2 angegebene., De gen. et corr. II, 9: weder die Form für 
sich, noch die Materie für sieb erkläre das Werden 3 rijs fitv 
yag vk\s to ndaxatv toxi xal ro xtyeiOxtau, t6 dt noutv mal tu- 
V6iv ixi{faQ SwdfifcuS. ' • 

i) S. vor. Anm. u- Pbys. VIII, 4. 255, a> 16^: dvdyiuj ^ijiQfjo&ai 
TO xtvovp iv ixaaTff) ttqos t6 nivovfisvovy oiov inl twv d^fvxfop 
oQOi^ev ^ otav kiv^ rt ratv ifjtxpvxiu» avvd' dkXd avfißaivsi %al 
ravta vtto tivos del xtv6iad'a&' yivoiTO 3* av tpavsQOV SiaiQOva» 
ras airiad besonders abör Pbys. Vi! I, 5. 257» b, 2: ddvparoy 
di^ TO avro avro ntpovv ndvrp Hivelv avro avio' tp^QoiTo ydg 
dv üXov ual q)i(}0& ryv avt^v q^oqdvj tv ov xal drofiov roT sidsi^ 
u. S. w. irt ÖLii^QioTai or» xtvelrai to xtvrjtov • rotto ^ iaxl 9v^ 
vdfiH xtPOVfACVOV , ovx ivtakBxdtt ' ro ^ Jfvpdrfisi tie tvxsXtxsiap 
ßttdiXtf ^axi ^ t)^xhni€tts ivxtX(x*^ta xttnjrov dxiX^^' xi de mvovv 
ij9^ ipsgyeiff. ioxlp* 

2) Pbys. II, 7. VIII, 9. tes, a, 22. Mctaph. VII, 7. XII, 3. (S. o. 

8.412, 2. IX, 8. I(]l49i b,24: (S. auch oben, S. 410,1.} du ix xov 

BvvdfAei ^vvot ylyi^xai x6 iv^^yniq. m^ i^ttö in^ysia o'i'tos , oiop 

' ar^fiOTiüi ii dvd'^wTtov, f*m>(nx6s vno ftovotxovy del xivovvxos 



Dte Aristotelische Metapliysik. i|tl 

eilt aktuelles Sein mit einem potentiellen zosanmentrifff, 
und keine äussere Hemmung dazwisclieutritt^ da entsteht 
immer die flinen entsprecliende Bewegung ^). Das, worin die- 
se ist, ist das Bewegte, das von welchem sie bewirkt wird, 
das Bewegende, so dass sie also eine gemeinsame Tliä- 
tigkeit beider ist, die aber von Ihnen In entgegengesetzter 
Richtung ausgeht ')• Die Wirkung des Bewegenden auf 
das Bewegte aber denkt sich Aristoteles durch eine 
ßerüihrung beider bedingt ^), und diese Bestimmung 
erscheint ihmsonotfawendig, dass er auch von dem schlecht- 
hin Immateriellen behauptet^ es wirke durch Berührung: 
selbst das Denken sinll das Gedachte durch Berührung 
desselben in sich aufnehmen^), — das Gedachte verhält 
sich aber zum Denkenden , wie die Form zur Materie ^ 



mos TtQiuTov 1050, b, 5: (pavtQov ovi nQottQov ty ovai'<ji iv^Q- 
yeta Svvd/itojf ttal wottsq tinofisv^ tov X(f^^ov dtl ngolafißavei 
iviffyua iriija ttqo ir^^av ewS t^S tov del ntvovvros tt^ojvoj^, 
XII, 5, 1071, b, 2a ff. c. 6. 1072, ßj 9x irQor&^ey tpt^ysw Bwd^ 
fitws • . et ^6 (AtlXit yivtaa Kai (p^OQoi elvai , »X^ SsZ ttvai asl 
ivsQyovp akhui nal äkXoje, De gen. an II, i. 734,. b, 21: öoa 
<pva{t ytverai rj tixvij vn ive^ysitf. ovto's yivBvai ix tov dcvdfisi 
TOtovTov. Phys. in, 2, Schi. slSoe St dtl ol'otrai r« to xtvovPf 
\i o iarai d^x^ '^^ atnov rtjs'mPi^osoih orttv ittvjjy otop 6 <V- 
Tslixsta av&QWJTOS 'Jtotst hm tov dvvdfiet optoS dv^^utnov av- 
9^(nTtov. Melaph. VII, 9, Schi. IX» 9, Sohl XII, 7. 1072, b, 
30 ff. De an. II, 4, Anf. IH, 7, Anf. 

1) Phys. VIII, 4. 255, b, 3 ff. 

2) Phys. III, 5. 

3) Phys. III, 2, Schi, i} nlvfja^9 ivtsXix^ta tov mvfjvov p ntvijTov 
ot*ßifimiv4i 9i toCto &fie$ rov mpfjtixov , ^o&* äfta nal Ttdox^*' 

VII, 1. 242, b, 24. VII, 2, Anf. To di ir^mTov tttvovv , . . iotlv 
äfs« r<jj» M^rov/iinft* afia Si Xiyoj, Sior» ov&i» avreHr ftataiv 
iertt^* Tovto yd f. noivo» iirl narT